In unserem fragwürdigen Strang über Musik, die ihren Ruhm angeblich nicht verdient hat, las ich soeben die Debatte über Neue Musik.
http://www.capriccio-kulturforum.de/musi…verdient-haben/
Ich lehne es ab, mich dort auf allgemeine Art und Weise zu positionieren. Erwähnen möchte ich aber, dass die Diskussion um Lachenmann bei mir nicht ohne Nachwirkung geblieben ist.
Zitat von »Edwin«
Man kann natürlich auch wesentlich preiswerter auf diesen Link klicken "http://www.youtube.com/watch?v=uH3t8h9TsFs" und sich die fetzige Stelle so ab 4'30" reinziehen. Ich wünsche reichliches Vergnügen.
Dieser Aufforderung bin ich nachgekommen und muss sagen, dass ich ein fantastisches Stück kennengelernt habe. Ich ahnte schon nach 2 oder 3 Minuten, dass ich hier etwas zu hören bekomme, was für mich von Bedeutung sein könnte. Daher habe ich die Aufnahme gestoppt, nochmal von vorn gehört und ein sehr rasch verfasstes Hörprotokoll mitgeschrieben. Das will ich hier gern wiedergeben (die Zeitangaben sind aufgrund der Simultanmitschrift sehr ungenau... ich bitte um Verzeihung).
Der Übersichtlichkeit halber betrachte ich das Werk in zwei großen Bögen:
Bogen 1
0:00
Das Stück beginnt mit Klängen an der Grenze zur Stille. Erst langsam gewinnt es mit kurzen geräuschhaften Klängen und einzelnen Staccatotönen an Präsenz.
3:00
Neben der solistischen Klarinette sind hier nun erste konkrete Orchesterinstrumente zu identifizieren. Die zarte Klanglichkeit des Beginns beginnt sich sehr graduell und allmählich zu verdichten.
4:00
Einzelne perkussive Elemente und leise Figuraturen der Klarinette treten hinzu.
4:50
Durch Klangverfremdungen der Orchesterinstrumente entstehen Klänge, die an ein Rauschen erinnern.
6:10
In der Klarinette setzen stärker verfremdete Klangrepetitionen ein, die einen regelmäßigen Puls ergeben. Diese Repetitionen werden im Orchester aufgegriffen. Durch Neuinstrumentation des Repetitionsvorganges, dynamische Schweller und leichte Temposchwankungen entsteht streckenweise ein Eindruck, der an Minimalmusic (oder einen Phaser-artigen Verfremdungseffekt) erinnert.
7:10
Während das Orchester noch immer mit der Repetitionsstruktur beschäftigt ist, scheint die Klarinette ihm einen Schritt voraus zu sein und erzeugt nun glissandoartige Quietschgeräusche.
9:10
Nun folgt nicht - wie man vielleicht erwartet hätte - die Antwort des Orchesters auf diese neue Klanglichkeit der Klarinette, sondern eine Rückkehr der Klarinette zur Repetitionsstruktur.
9:45
Hier erzeugt die Klarinette nun lautere, längere, gepresste Klänge. Das Orchester antwortet mit Ausbrüchen, teilweise wird aber noch immer mit den Repetitionen weitergemacht.
10:35
Die Klänge werden vereinzelt und lösen sich allmählich auf. Die Klarinettensounds sind stark verfremdet, im Orchester erklingen - ähnlich wie bei 4:50 - Klänge, die an ein Rauschen erinnern.
11:50
Die Musik kehrt fast zur Stille zurück, die Klarinette erzeugt leise Liegeklänge.
13:00
Selbst diese Liegeklänge verstummen. Das Anfangsstadium ist wieder erreicht. Lange herrscht fast komplette Stille.
Bogen 2
14:30
Mit vorsichtigen Klarinettentrillern setzt die Klanglichkeit wieder ein.
15:20
Das Orchester antwortet auf diese Triller mit kurzer Schwellern, vom Tonband erklingen einzelne - hier noch kaum zu identifizierende - Durakkorde aus einer bestehenden Orchesteraufnahme.
16:00
Die Antworten des Orchesters verdichten sich. Das gilt im Folgenden auch für das Orchesterstück. Es lässt sich nun als Mozart-Klarinettenkonzert identifizieren. Das klassische Werk wirkt im sonstigen atonalen, geräuschhaften Klangraum befremdlich und ungewohnt.
16:15
Gepresste Klarinettenklänge und Perkussives lassen das klassische Stück verstummen.
16:45
In der Klarinette erklingen einzelne trötartige Töne, das Orchester produziert Geräusche, die ein wenig an Aufwischen erinnern, es folgen weitere perkussive Klänge, Flatterzungen der Klarinette, battuto-Klänge der Streicher, gehauchte Sounds der Klarinette, metallisches Geklimper wie von Stabreihen. Die Passage lässt sich kontinuierlich als Dialog zwischen Klarinette und Orchester verstehen und ist die präsenteste Passage des Werkes. Einige Klänge sind gewöhnungsbedürftig (wie zum Beispiel ein geräuschhaftes hin-und-her-und-hin-und-her... im Orchester oder ein befremdlich ins Instrument lachender Klarinettist).
20:00
Die Klanglichkeit geht zurück. Flächige Rauschsounds treten hinzu. Das Orchester pausiert immer länger. Im Wesentlichen hört man einzelne Klarinettenklänge (z. B. Glissandi) und Perkussives.
22:45
Die Pausen in der Musik nehmen zu. Hin und wieder werden sie von fragilen Klarinettenklängen oder geräuschhaften Orchesterschwellern unterbrochen.
24:30
Auskomponiertes Decrescendo. Das Stück verklingt im Nichts.
Ein paar Dinge seien angemerkt: Es ist dem Stück nicht angemessen, einzelne Passagen herauszugreifen, um eine wie auch immer geartete befremdliche Verzerrungsmanie Lachenmanns zu belegen. Diese Geräusche gewinnen im Gesamtzusammenhang des Stückes an Plausibilität.
Das Stück ist alles, aber sicherlich kein "Krach". Die Klänge sind bis auf wenige Ausnahmen zart und zerbrechlich.
Die Steigerung und das anschließende Nachgeben der Spannung in Form der zwei Bögen ist formal gesehen regelrecht traditionell.
Die Rhythmik ist nicht bis zur Unkenntlichkeit fragmentisiert und auch nicht simpel. Sie ist wechselhaft. Der erste Teil besteht über weite Strecken aus einem einfachen pulsartigen Metrum, im zweiten Teil ist der Rhythmus freier gestaltet.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass hier im Forum verallgemeinernde Aussagen getroffen werden, die vielleicht (!) irgendwie (!) im Blick auf ein Gesamtwerk (!) halbwegs zutreffen mögen, beim konkreten Hören eines Einzelstückes aber weitgehend irrelevant sind. Zumindest, wenn man sich auf ein Einzelstück bezieht - oder man es als Exempel heranzieht - sollte man es aber vielleicht dann doch einmal mit offenen Ohren gehört haben.
Ich finde das Werk sehr gelungen und seine zarte Klangfärbung hat mich angerührt. Ich fand es auch überraschend, wie seltsam eine Aufnahme einer traditionellen Musik (Mozarts Klarinettenkonzert) klingt, wenn man sie in eine Lachenmann-Umgebung stellt. Bisher gehen wir doch immer vom Gegenteil aus: "Im Vergleich zur Klassik ist dies und jenes missklingendes Eulengepinkel, etc." Hier wird einmal andersherum verfahren: "Im Vergleich zu Lachenmann ist Mozarts Klarinettenkonzert ... nunja, nicht gerade missklingendes Eulengepinkel, aber doch auf ähnliche Weise irritierend."
Tolles, wertvolles Stück, wie ich das sehe. Zum Abschluss noch ein kleiner Rezeptionsbericht, den ich im Netz gefunden habe:
Zitat von »Max Nyffeler interviewt Eduard Brunner«
Accanto stellt eine radikale Neulekture von Mozarts Klarinettenkonzert dar, und manchmal wird das Original ja auch von Tonband kurz eingeblendet. Wie ist das beim Publikum angekommen?
Bei der Uraufführung 1976 in Saarbrücken mit Hans Zender gab es eine ungeheure Aufregung, schon bei den Proben. Das Orchester war entrüstet, es gab Weinkrämpfe und eine Dame bekam einen Nervenzusammenbruch. Wir beide – Helmut vor allem – wurden aufs Übelste beschimpft, und Zender hatte einen schweren Stand. Auch spätere Aufführungen gingen immer knapp am Skandal vorbei. Während der Aufführungen war es zwar totenstill, aber nachher ging jedesmal der Radau los. In Warschau gab es einen ungeheuren Tumult, und ich erinnere mich, wie Penderecki aufsprang und lauthals Buh schrie. Ein andermal passiert es, dass zwei gepflegte Herren, die direkt vor mir standen, wegen des Stücks sich gegenseitig beschimpften, bis der eine dem andern eine herunterhaute. Darauf bin ich sehr stolz. Ich finde, Accanto ist bis heute das revolutionärste Stück von Helmut.
Wie lange zog sich diese Skandalspur von Accanto dahin?
Metz 1981 war die Wende. Da wurde die Aufführung plötzlich zum Riesenerfolg. Es war wie nach einem Tschaikowsky-Konzert, die Leute riefen Bravo. Und ein paar Tage später, bei der Wiederholung des Konzerts in Paris, wurde Helmut, le grand inconnu, dort als der neue Meister inthronisiert. Seither ist das Stück ein Erfolg, und ich glaube, dass hier auch seine internationale Anerkennung einsetzte.
Herzliche Grüße,
Tharon.