In der FAZ ein
Artikel über Radioangebote im Netz (Klassik) und wie die möglicherweise unsere Hörgewohnheiten verändern.
Gruß, Carola
Interessanter Artikel. Das klingt schon alles sehr kulturpessimistisch. Auf den ersten Blick scheint es ja auch plausibel: Wenn man immer nur über das informiert wird bzw. angeboten bekommt, was man ohnehin bevorzugt, dann wird die Auswahl (und die "Konsumbreite") langfristig immer schmäler. Da kommt nichts Neues dazu. Kennen wir alle von den Kindern: Wenn Mama immer nur das auf den Tisch bringt, was die Kleinen anstandslos essen, dann endet das nicht selten in pasta con niente (oder allenfalls mit Ketchup) und Chips… Oder ganz klassisch-sprichwörtlich: Was der Bauer nicht kennt…
Leider folgt der Artikel einem beliebten, aber wenig zielführenden Strickmuster: Ein Gegenwartsbefund wird in die Zukunft extrapoliert. Das so etwas zu falschen Prognosen führen kann, ist nicht neu: London ist entgegen aller einschlägigen Vorhersagen aus dem 19. Jh. nicht bereits schon vor Jahrzehnten im Pferdemist erstickt… Zudem scheint es der Autorin entgangen zu sein, daß ein großer Prozentsatz der Klassik-Internetradios - und um das geht es ihr ja wohl - aus veritablen "Normalsendern", wie z.B. BR Klassik oder NDR Kultur besteht, bei denen die Kritik der Personalisierung ohnehin nicht greift. Wie das bei HipHop, R&B, SoftPop o.ä. ist, weiß ich nicht, aber das ist ja auch nicht Gegenstand des Artikels. Damit zu argumentieren, daß etwa 2/3 der Kanäle nur online verfügbar sind, ist mit Blick auf das doch vergleichsweise schmale Klassikangebot (auf radio.de sind es 141) schon fast unseriös, da das hier eher nicht zutrifft. Aber auch ohne diese generellen Schwächen der Methode: Läßt der Befund als solcher das daraus abgeleitete Resumé überhaupt zu?
Also: Wir stellen eine Aufteilung des Internetradios oder des Angebotes in Amazon (hier nur als pars pro toto!) in Genres fest. Und wir stellen (aber eben nur z.T.!) zusätzlich eine Personalisierung fest, die zu Mikro-Genres der persönlichen Präferenzen führt. Das können wir zunächst so als Faktum stehen lassen. Ein solches System tendiert zwangsläufig zur Einschränkung des Angebotes. So gut, so schlecht, insofern hätte Julia Spinola recht. Aber das ist nur die eine Seite, die des Angebotes. Die Nachfrage ist hier erst einmal außen vor. Wo ist der empirische Befund, der belegt, daß die Konsumenten auch immer und ausschließlich (oder wenigstens häufig und mehrheitlich) den Vorschlägen von Amazon et al. folgen bzw. immer nur Mikro-Genre auf (personalisierten) Internetkänalen anhören? Dieser Befund wäre nämlich eine notwendige Voraussetzung für das, was Spinola aus der Segmentierung der Genres und der Personalisierung der Angebote schließt. Ohne das ist ihr düsteres Orakel nur eine von vielen möglichen Zukunftsoptionen.
Und: Ist denn das alles so neu? Wenn jemand ein ganz traditionelles Opern- oder Konzertabo hat, was bekam er dann auch früher schon, bevor es das Internet gab? Ganz traditionell per Post? Ein personalisiertes Angebot: Informationen über Opern- und Konzertveranstaltungen! Vielleicht nicht in dieser Trennschärfe, wie das die moderne IT erlaubt, aber im Prinzip? Informationen über "Rock im Park" bekam er da sicherlich auch nicht. Und nicht zuletzt: was ist denn mit der mittlerweile allgegenwärtigen und ubiquitären Verfügbarkeit von CDs und MP3s? Noch mehr Personalisierung geht doch gar nicht! Da spielt ausschließlich das, was sich der Betreffende selbst ausgesucht und zusammengestellt hat. Ja, durchaus: je nach "mood"! Und er benötigt dabei noch nicht einmal "love"- und "ban"-buttons!
Haben wir nicht auch im traditionellen Radio seit über vier Jahrzehnten zielgruppenorientierte Spartenprogramme? Man kann nun darüber spekulieren, ob das bei einer möglichst breiten Musiksozialisation von Kindern und Jugendlichen wirklich hilfreich ist, und ob das dazu führt, daß Musik, die im engeren sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen nicht gehört wird, diese a priori nicht mehr erreicht. In den 60ern wurde von den Rundfunkanstalten noch Programm "für alle" gemacht, da kam man zwangsläufig mit allen möglichen Musikrichtungen in Kontakt! Aber das wäre nur ein Seiteneffekt. Was sucht jemand, der im Autoradio BR Klassik laufen hat? Die intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit dem gerade gesendeten Werk oder vielleicht doch nur Dudelradio, um sich die Zeit zu verkürzen? Es gibt doch verschiedene Motivationen, Musik zu hören, und die müssen nicht zu jedem Zeitpunkt die gleichen sein. Um das Bild zu wechseln: Der Erfolg von FastFoodketten bedeutet ja nicht auch automatisch das Ende der guten Küche.
Apropos Dudelradio: Die Tendenz, das Immergleiche im Dreistunden-Rhythmus zu senden und dabei die gerade aktuellen Charttitel bis zum Überdruß zu wiederholen bis sie nerven, ist ja keine Erfindung des Webradios, das ist jenseits der öffentlich-rechtlichen Klassik- und Kultursender schon lange gepflegte Praxis auch im "richtigen" Rundfunk, leider auch in vielen Programmen der ARD. Das ist schlechte Qualität, ohne Zweifel. Die Frage dabei ist, wieso sich die Hörer das bieten lassen. Diese Programmgepflogenheiten damit zu begründen, daß es die Hörer so wollen, springt möglicherweise zu kurz. Es könnte ja auch sein, und einiges spricht dafür, daß die meisten Hörer, die sich daran stören bereits abgesprungen sind, und wenn sie noch radiohören, dann in irgendwelchen Nischenprogrammen, vielleicht sogar im Internet und sich im übrigen per mp3 mittlerweile selbst versorgen. Übrig geblieben sind nur die, die das nicht stört. Wem die BILD-Zeitung zu flach ist, der liest keine BILD-Zeitung, warum sollte das bei anderen Medien anders sein?
Und noch etwas hat Spinola in ihrem Kassandraruf übersehen: Mit dem Netz existiert selbstverständlich auch eine Plattform, um sich über das Gehörte auszutauschen, und zwar weit über den jeweiligen Bekanntenkreis hinaus. Dieses Forum hier ist ein Beispiel dafür. Kultur endet nicht, sie ändert sich. Das, was seit Jahrtausenden als steter "Kulturverfall" wahrgenommen wird, ist nichts anderes, als diese Veränderung. Neu ist allenfalls die Geschwindigkeit dieser Veränderung, was uns vor gewisse Anpassungsprobleme stellt.