Am 25.12.2009 verstarb der österreichische Opernsänger Walter Raffeiner im Alter von nur 62 Jahren.
Raffeiner war einer der vielleicht untypischsten Sänger seiner Generation – man hätte ihn sich problemlos in einem Schauspielensemble, z. B. bei Frank Castorf, vorstellen können, eher zumindest, denn als Heldentenor an einer Staatsoper.
1971 schloss Walter Raffeiner sein Musikstudium in Wien als Lied- und Oratoriensänger ab. Mitte der 70er Jahre kam er, nach Zwischenstationen u. a. am Stadttheater Hagen, als lyrischer Bariton ans Staatstheater in Darmstadt.
Hier vollzog Raffeiner langsam den Wechsel ins Tenorfach. Schon der Schuhu in der Uraufführung der Oper „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ von Udo Zimmermann (nach dem Schauspiel „Die wundersame Schustersfrau“ von Federico Garcia-Lorca) war von der Stimmlage her nicht mehr klar zuzuordnen, ebenso, wie der Melot, den Raffeiner damals als Gast an der Frankfurter Oper in Wagners „Tristan“ in einer Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff sang.
Nach dem Belsazar in der gleichnamigen Oper von Händel (Regie: Herbert Wernicke – die gleiche Rolle interpretierte Raffeiner auch in einer Produktion der Staatsoper in Hamburg, Regie dort: Harry Kupfer) war der Pedro am Staatstheater Darmstadt eine weitere, grosse Tenorpartie im „Tiefland“ von Eugene d´Albert, eine Rolle die ein hochgelagerter Bariton gut interpretieren kann und Raffeiner machte das bravourös.
Es folgten, Walter Raffeiner war zwischenzeitlich Ensemblemitglied der Oper in Frankfurt geworden, der Max („Freischütz“ von Weber) und der Florestan („Fidelio“ von Beethoven), aber auch Partien wie der Guidobald in den „Gezeichneten“ von Franz Schreker oder die kleine Rolle des Boten in der „Aida“ (Regie bei beiden Produktionen: Hans Neuenfels).
Ein absoluter Höhepunkt seiner Karriere dürfte die Interpretation der Titelpartie in Wagners „Parsifal“ in der Regie von Ruth Berghaus in Frankfurt gewesen sein. Raffeiners Stimme befand sich in ausgezeichnetem Zustand und darstellerisch war Raffeiner phänomenal. Wer das Schlussbild einmal gesehen hat, dürfte es nie wieder vergessen haben: in einem viel zu grossen Mantel steht Raffeiner mit einer goldenen Papierkrone und einem riesigen Speer auf der Bühne. Sein Blick ist ängstlich, die Schultern sind hochgezogen, verletzlich sieht das aus – und doch auch leicht trotzig.
Walter Raffeiner hat sich nie geschont, was bald Spuren auf seiner Stimme hinterliess. Sein Siegmund („Walküre“ von Wagner, Regie: Ruth Berghaus) war im ersten Akt gesanglich problematisch, im zweiten, besonders bei der „Todverkündigung“, konnte Raffeiner dann aber noch erstaunlich punkten.
Sein Gesangsstil kann als mitunter rüde bezeichnet werden. Immer war ihm der Ausdruck wichtiger, als das „Schönsingen“.
Das fällt besonders beim Liedsänger Walter Raffeiner auf. Seine Interpretationen von Schubert-Liedern oder der „Winterreise“ des gleichen Komponisten sind weit weg von dem, was man von den bekannten Namen im Bereich „Lied“ gewohnt ist.
Seine „Winterreise“ ist ein Portrait innerer Zerissenheit, voll Verzweiflung und durchsetzt von quälenden Ausbrüchen, verstörend, eigenwillig aber enorm direkt. Raffeiner konnte so packen, wenn man sich auf seine Interpretation einlassen konnte, dass er gefragt wurde, ob er bereit sei, seine „Winterreise“ vor jungen Leuten in einer Halle zu singen, in der normalerweise Rockmusik gespielt wurde, vor einem Publikum, das Musik von Schubert normalerweise nicht hören wird.
Nach seinem Engagement in Frankfurt arbeitete Raffeiner freischaffend: als Schauspieler (in Fernsehspielen genauso, wie in Filmen), als Brecht-Interpret oder als Darsteller in Operetten (u. a. unter der Regie von Christoph Marthaler).
Walter Raffeiner war ein Künstler, der in keine Schublade passte, der oft unbequem, aber auf der anderen Seite sehr herzlich sein konnte. Einer von denen, von denen es viel zu wenig gibt.