Gibt es hier jemanden, der bewusst keinen Gesualdo hört, weil dieser Mann nach den Maßstäben unserer Zeit als Schwerverbrecher gelten muss?
Diese Kluft, diese historische Distanz haben wir in der Beschäftigung mit Gegenständen der Vergangenheit zu überbrücken,
Wolltest du jetzt zum Ausdruck bringen, seine Mitmenschen eigenhändig um die Ecke zu bringen, sei vergleichsweise halb so wild?
Zitat
Was willst du mit deiner Frage an mich persönlich bezwecken?
Genau darin liegt der Trugschluss, zumindest was unseren Umgang mit der Thematik angehen sollte. Es geht eben nicht um die nachträgliche Bestrafung von Leuten, die nichts mehr ändern und kaum mehr bereuen können, wahrscheinlich sogar schon länger tot sind. Das heißt aber auch nicht, dass ich die Erinnerung an die dokumentierten Taten eines Mitläufers oder gar Akteurs nicht legitim, ja ebenso notwendig finde wie unsere Gedenktafel für deren Opfer.Da Bestrafungen nach so langer Zeit nicht mehr die erforderliche Wirkung haben, sofern sie überhaupt noch möglich sind, entferne ich mich aus diesem Faden................
Rideamus
Zitat
Was willst du mit deiner Frage an mich persönlich bezwecken?
Mich erstaunt halt, wenn wie in deinem Fall bestimmte ethische Probleme wie antisemitische Äußerungen (Wagner) extrem wichtig genommen werden, während andere Kapitalverbrechen (Gesualdo) bei der Rezeption eines Künstlers und seiner Werke offenbar nicht den geringsten Einfluss besitzen. Mir scheint das nicht ganz konsequent, und ich frage mich, warum sich das so verhält.
Persönlich finde ich Gesualdos Musik übrigens ebenfalls großartig, und ich höre seine Kompositionen, wenn ich sie höre, ebenso wie die Wagners erst einmal, ohne stier auf den Schatten der Missetaten ihrer Urheber zu schauen.
Dein Ansatz ist interessant, es fehlt jedoch eine Komponente: Zusätzlich zum historischen Abstand muß der geografische bedacht werden.
Zitat
Da wir aber heute und in Zentraleuropa leben, bleibt uns nur unsere Sicht mit der Gegenwart und dem heutigen Rechtsverständnis als Bezugspunkt.
Zitat
Wir können also gar nicht aus der Perspektive deszu Betrachtenden argumentieren, da wir andernfalls das historische Umfeld 1:1 rekonstruieren müßten.
Zitat
Ein Beispiel: Für Wagners Antisemitismus mag unter Umständen ausschlaggebend gewesen sein, welche Worte Meyerbeer gebrauchte, als er Wagner das Geld lieh. Diese Worte können dermaßen verletzend gewesen sein, daß sie Wagner bis zu seinem Lebensende prägten und er Meyerbeers persönliches Verhalten ihm gegenüber auf "den Juden" übertrug (diese Hypothese stammt nicht von mir, sondern von Marcel Prawy).
Zitat
Sollten wir uns nicht vielmehr bewußt machen, daß wir aus besserem Wissen heraus betrachten und eventuell auch urteilen? Schließlich basiert die gesamte Geschichtsschreibung (ebenso wie die Rechssprechung) auf einer betrachtungsweise aus besserem Wissen heraus.
Zitat von »Algabal«
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Diese Kluft, diese historische Distanz haben wir in der Beschäftigung mit Gegenständen der Vergangenheit zu überbrücken, wenn wir zu ihnen gelangen wollen. Eine solche Überbrückung kann auf unterschiedliche Art und Weise Geschehen. Wir können – und das geschieht ziemlich häufig – diese historische Distanz moralisch auffüllen, das heißt die Kluft zwischen uns und den historischen Gegenständen mit unseren moralischen Standards, unserem Wissen zuschütten und gewissermaßen auf der Schmierfläche unserer Überzeugungen in die Vergangenheit surfen und die historischen Gegenstände mit dem richtigen Bewusstsein – nämlich unserem – konfrontieren, sie an diesem richtigen Bewusstsein messen, um dann über sie zu richten. Die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen.
So, jetzt sollte bitte niemand auf die Idee kommen, ich wollte in irgendeiner Weise einer Apologie von Verbrechen der Vergangenheit oder der Gegenwart das Wort reden. Im Gegenteil: Ich würde für eine Historisierung, für eine historisch-informierte Re- und De-Konstruktion von (leider) gesellschaftlich anschlussfähigen, gewaltlegitimierenden Wissenssystemen wie dem Antisemitismus (denn mit nichts anderem als einem Wissenssystem haben wir es zu tun, wenn wir uns mit dem Antisemitismus beschäftigen), in denen historische Akteure sich bewegen (denn nichts anderes sind auch »Künstler«), plädieren. Auf diesem Weg ist es möglich, historische Akteure jenseits vorschneller biographistischer Reduktionismen in ihrem Handeln zu verstehen (was keineswegs gleichbedeutend ist damit, Verständnis für sie aufzubringen oder sie gar aus ihren schuldhaften Verstrickungen in die Geschichte zu entbinden) – und zudem auch ein Bewusstsein zu gewinnen für die Fragilität unserer eigenen moralischen Standards und Wertesysteme.
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Algabal
Zitat
Wobei ich bedauerlicherweise die Gefahr einer Zerreißprobe für Capriccio sehe.
Könnten wir nicht einmal unterscheiden zwischen (unsympathischer) Privatmeinung und Manifestation im Werk?
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Meiner Meinung nach sollte uns primär interessieren, ob und wie sich eine rassistische Einstellung im Werk manifestiert,
Zitat von »Edwin«
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Wobei ich bedauerlicherweise die Gefahr einer Zerreißprobe für Capriccio sehe.
Lieber Keith,
glaubst Du wirklich? Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, daß von irgendjemandem der demokratische Grundkonsens in Frage gestellt wird. Abweichende Meinungen muß man auch dann zulassen, wenn man sich mit ihnen nicht identifizieren und eventuell nicht einmal auseinandersetzen mag. Der primäre Fehler ist meiner Meinung nach die mangelnde Diskussionsbereitschaft, nicht die Schärfe der Diskussion, die einen eventuellen punktuellen Ordungsruf erzwingt.
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Die Formel negativ gezeichnete Figur mit »jüdischen Attributen« = Manifestation von Antisemitismus geht zwar vielleicht auf, erfasst aber nicht im Ansatz die Komplexität des Problems.
Heißt: Muss/soll/darf man solche Themen ausklammern?
Zitat
Und zwar, weil Weismann eine zu unwichtige Gestalt ist und nach 1945 wegen der Kombination aus NS-Verstrickung und Musikanämie......
Sind wir uns einig, daß zwischen Komponisten antisemitischer Werke wie Richard Wagner, Vincent d'Indy, Werner Egk und Weismann mit seinern nicht antisemitischen, wohl aber der NS-Ideologie entsprechenden Werken (ich rede von Werken!) ein gewisser Unterschied besteht?
Große Freude wäre bei Wagner etwas übertrieben (die träte auf, bei möglichen Erweckungs- oder Entdeckungserlebnissen durch Musik von z.B. Mahler, Schönberg, Nono ) Aber zugegebenen, ich kann der Parsifal- Musik einen gewissen Rang nicht versagen...
Zitat
Ich habe im Zuge dessen sogar- zu Amfortas grosser Freude - dreimal den Parsifal über mich ergehen lassen.
Ich bin mir nicht sicher, ob es in der Parsifalmusik nicht doch antisemitische Spuren zu finden sind. Die Musik identifiziert sich jedenfalls mit den Tod Kundrys.
Zitat
Wenn man z.B. den Parsifal heranzieht: die Musik an sich ist wahrscheinlich so wenig antisemitisch wie philosemitisch, aber man kann durchaus (und das wurde auch getan) in der Kundry-Figur oder der Gesamtaussage des Werkes antisemitische Komponenten ausmachen. Weil das Werk eben einen Text hat, aber was ist mit Musik ohne Text? Kann die antisemitisch sein?
Ja, auf diese Art der "Schizophrenie" läuft es bei mir vermutlich hinaus, wenn ich mir z.B. Musik von so üblen Charakteren wie z.B. Pfitzner oder Wagner reinziehe.
Zitat
-man kann vor den Äusserungen/Taten des Schöpfers Widerwillen/Ekel empfnden , das Werk aber trotzdem geniessen
Ist »antisemitisch« weniger schlimm als »nicht antisemitisch, wohl aber der NS-Ideologie« entsprechend?
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Welchen Aspekten der »NS-Ideologie« entspricht ein jeweiliges Werk, wenn es nicht antisemitisch ist
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Die Völkischen? Die Bündischen? Rosenberg? Gregor Strasser? Goebbels? Den Hitler von »MK«? Den Himmler der Posener Rede? Das Grundsatzprogramm der NSDAP aus dem Jahr 1920, das unverändert bis ins Jahr 1945 »Gültigkeit« hatte? Die Restbestände des sozialrevolutionären Nationalsozialismus der SA?
Zitat
Wird ein Werk ideologisch kontaminiert, wenn es (aus welchen Gründen auch immer) im Kontext von Maßnahmen der (sicherlich ideologisch informierten) NS-Kulturpolitik und Propaganda verwendet wird oder nur dann, wenn es dezidiert für die Verwendung im Kontext von Maßnahmen der NS-Kulturpolitik und Propaganda geschaffen wurde?
Natürlich stellt sich dann die entschiedene Frage- siehe Rideamus-, wie wir persönlich mit den Werken antisemitischer Künstler umgehen. Darauf kann es nur sehr persönliche Antworten geben und die sehen individuell sehr verschieden aus, wie wir z.B. auch im Weismann Thread gesehen haben.
-man kann bewusst und grundsätzlich eine strikte Trennung zwischen Werk und Schöpfer vornehmen,
- man kann versuchen, den Schöpfer "reinzuwaschen" oder zumindest seine Einbindung in den Antisemitismus so weit es geht, herunterzuspielen oder zu leugnen
- man kann versuchen, seine Verstrickungen menschlich zu verstehen und um Mitgefühl werben
-man kann vor den Äusserungen/Taten des Schöpfers Widerwillen/Ekel empfnden , das Werk aber trotzdem geniessen
-man kann Schöpfer und Werk nicht trennen und das Werk um der Äusserungen /Taten seines Schöpfers willen nicht ertragen bzw nicht zur Kenntnis nehmen
Die einzelnen Möglichkeiten und ihre Mischvarianten sind dann noch auszudifferenzieren.
Zitat
Oder einem Weismann-Anhänger nachzusagen, er würde die geistige Beseitigung jüdischer Musik gutheißen. Man kann Mensch und Werk bis zu einem gewissen Grad trennen, und dieser Grad ist individuell ausgesprochen verschieden. Hierauf darf sich m. E. jeder Kunstliebhaber zurecht berufen. Insofern verstehe ich auch die persönlichen Empfindlichkeiten in derartigen Diskussionen nicht.
Hallo Symbol,
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Oder einem Weismann-Anhänger nachzusagen, er würde die geistige Beseitigung jüdischer Musik gutheißen. Man kann Mensch und Werk bis zu einem gewissen Grad trennen, und dieser Grad ist individuell ausgesprochen verschieden. Hierauf darf sich m. E. jeder Kunstliebhaber zurecht berufen. Insofern verstehe ich auch die persönlichen Empfindlichkeiten in derartigen Diskussionen nicht.
Mir stößt es halt sauer auf, wenn man einen Komponisten, über den sehr wenig bekannt ist, weil er ausgesprochen introvertiert war - ich weiß jedenfalls im Falle Weismann nichts von irgendwelchen antisemitischen Äußerungen; man kennt eben überhaupt kaum Äußerungen von ihm - in Bauch und Bogen als "braun" verdammt. Es geht mir nicht darum, seine Verfehlungen unter den Teppich zu kehren, aber insgesamt müßte man die Problematik etwas differenzierter betrachten. Und noch weniger angängig finde ich es, wenn jemand, der nur eine Handvoll von gut 150 Werken kennt, die Musik dieses fraglos nicht erstrangingen Komponisten mit starker Abfälligkeit stilistisch über einen Kamm schert.
Da rebelliert dann mein "eingebauter" Gerechtigkeitssinn. Und zwar ziemlich heftig.
Viele Grüße
Bernd
(oder: das Werk ist immer noch doll, aber der Kunstgenuss stellt sich nicht mehr im gleichen Maße ein)
Zitat
Das Werk fand ich erst doll, aber nun meine ich, dass man es nicht hören sollte (jedenfalls nicht des bloßen Kunstgenusses wegen)
Zitat
3) wir erfahren, dass es aus Goebbels' Nachlass stammt, und dass die negativen Figuren Karikaturen von Juden sind
Eher fündig werden wir wohl bei mehr oder weniger unterschwelliger rassistischer Propaganda, etwa in der Person des als Juden karikierten Guldensack in Egks "Zaubergeige" und in den Trollen in dessen "Peer Gynt", aber auch in der Gestalt des Kunsthändlers Rosenzweig in "Tobias Wunderlich"
Wenn aber ein antisemitisch eingestellter Künstler ein genialer Künstler, eine eminente Erscheinung der Kunstgeschichte ist, so bin zumindest ich eher geneigt, über seine dunkle persönliche Seite hinwegsehen zu können und ihm im Genuß seiner Kunst seinen Antisemitismus quasi nachzusehen.
Und ich auch, denn ich lese mit großem Genuss (und mit Gewinn) Céline ...
Lieber Algabal, very charming, indeed,Opposition ist ausschließlich Fairy, die ist wenigstens konsequent - und bringt sich so um den Genuss manch exzellenter Werke...![]()
aber mach Dir keine Sorgen um meinen Kunstgenuss: ich habe in meinem kurzen Leben nicht einmal annâhernd die notwendige Zeit, all die excellenten Werke der Nicht-Nazi-Verstrickten zu geniessen.
Zitat von »Edwin«
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Aber ich kann sie selbst nicht einnehmen, denn ich gebe zu, auf Wagner nicht verzichten zu wollen, auf Benn auch nicht, und wenn ich, wie gestern, infiziert von unserer Diskussion, meinen Pound durchblättere, dann will ich auf ihn halt auch nicht verzichten. Und Arnolt Bronnen erst, der unbedingt Nationalsozialist sein wollte, obwohl er von der NSDAP nicht gemocht wurde...
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