da schließt sich bei mir die Frage an, wie es der in seinen sonstigen Äußerungen aggressive Antisemit Wagner schafft, in seinen Opern so vielschichtig zu sein. Liegt das nur an seinem überlegenen künstlerischen Gespür?...aber ich bin der Überzeugung, daß seine eminente Begabung die antisemitische Hetze verhindert hat
würde uns das Leben etwas einfacher machenEs wäre kein Schaden für das Werk R. Wagners gewesen, wenn er den Antisemitismus, weil dümmlich etc. weggelassen hätte...
Zitat von »Edwin«
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Aber ich kann sie selbst nicht einnehmen, denn ich gebe zu, auf Wagner nicht verzichten zu wollen, auf Benn auch nicht, und wenn ich, wie gestern, infiziert von unserer Diskussion, meinen Pound durchblättere, dann will ich auf ihn halt auch nicht verzichten. Und Arnolt Bronnen erst, der unbedingt Nationalsozialist sein wollte, obwohl er von der NSDAP nicht gemocht wurde...
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Lieber Edwin,
vielleicht nur reine Semantik: Ich kann auf R. Wagner, G. Benn etc. sehr gut verzichten, aber nicht auf die Werke (jedenfalls die R. Wagners).
Deine Beschreibungen von Mime und Beckmesser besitzen eine Art Verklärung..., welche Du mit dem letzten Satz des Absatzes wieder einschränkst. Es ist halt verzwickt bzw. so wie es Algabal beschreibt.
Es wird bei individuellen Einordnungen verbleiben, wobei es keine allgemeine Richtschnur geben kann. Selbst ein konsequenter Rigorismus (falls es diesen überhaupt gibt, was ich bezweifel) ist dementsprechend. Das Dilemma muss die Einzelfallentscheidung (Künstler [Persönlichkeit und/oder Künstler (Gesamtwerk) und/oder Einzelwerk] und dieses jeder Einzelne privat-persönlich entscheiden.
Es wäre kein Schaden für das Werk R. Wagners gewesen, wenn er den Antisemitismus - weil dümmlich, überflüssig (ohne ästhetische Notwendigkeit) und ohne äußeren Zwang etc. - weggelassen hätte. Ich sehe/höre schon die Gegenreden...![]()
Zitat
Eine provokative Frage: Wenn R. Wagner (u. a.) seine moralinen Vorstellungen nicht vom Werk trennen konnte/wollte (Gesamtkunstwerk), warum sollten wir die Verknüpfung dann kappen? Bzw. müssen wir darüber hinaus ebenso Musik von der Dichtkunst scheiden?
da schließt sich bei mir die Frage an, wie es der in seinen sonstigen Äußerungen aggressive Antisemit Wagner schafft, in seinen Opern so vielschichtig zu sein. Liegt das nur an seinem überlegenen künstlerischen Gespür?
Oder konnte er sich bei der Darstellung der Judenfiguren zurückhalten, weil er damit rechnete, dass die Anspielungen ohnehin verstanden werden?
Zumindest bei der härteren Bayreuth-Fraktion kann man sich da sicher sein. Auch Mahler hat m.W. Mime als Judenkarikatur verstanden - welche Konsequenzen er daraus gezogen hat, weiß ich hingegen nicht.
Was mich momentan interessiert, ist vielmehr die Frage ob und inwieweit die abendländische Musik (etwa ab dem 17. Jahrhundert) den Antisemitismus als Schatten (bis in die Gegenwart) mit sich trägt
eine weitere (sicherlich nicht die einzige Erklärung) für Wagners Antisemitismus könnte u. U. auch die sein, dass Wagner mit dieser Ideologie versuchte sich dass ihm nicht transparente gesellschaftliche Getriebe zu erklären. Auf der anderen Seite aber wird im Rheingold nicht das raffende Kapital (dass bis heutzutage - und das sogar verstärkt - von vielen Ideologen + Demagogen mit einer jüdischen Weltverschwörung gleichgesetzt wird) gegen das schaffende Kapital (also das "gute" Kapital) ausgespielt. Alberich gehört ebenso der Produktions- und nicht ausschließlich der Zirkulationssphäre an. Da ist Rheingold - nach bisheriger Einschätzung - sogar hellsichtiger als manche Politiker bzw. Wirschaftstheoretiker der Gegenwart...
Zitat
Bei Wagner, der in meinem musikalischen Kosmos doch sehr im Zentrum steht, plagen mich ähnliche Befindlichkeiten wie Edwin und die Frage des Vorläufertums für einen "gewissen" tut sich durchaus auf, weil Überlieferungen Wagners wie "das Judentum in der Musik" vorliegen, die in manchen Passagen Gedanken äußern, das zu tun, was Hitler getan hat.(Ich kann es gerade nicht heraussuchen, aber reiche es ggf. nach). Das piefelige Mitteilungsbedürfnis dieses Mannes war wohl in der Tat die
kleinstgeistige Kehrseite des musikalischen Titanen, der sich kraft völliger Selbstfehleinschätzung zum politischen Essayisten berufen fühlte, obwohl die Talente eindeutig im Musikalischen liegen und Textdichterisches bzw. auch Weltverständnis sich offenbar lediglich im Zusammenhang mit dem Komponieren so ausdrücken konnten, dass die Fähigkeit einer höher entwickelten Sicht der Dinge erkennbar wurde.
zumindestens ist diese Aussage schon ein Stück Klärung (es deckt sich sogar mit meinen Eindruck, dass Antisemitismus und Nationalismus miteinander in gewisser Weise verschwistert sind) . Ich dachte aber natürlich auch an die Frage, ob z.B. in Bachs Matthäus- und Johannes-Passion Passion so etwas wie antisemitische Codes transportiert werden (weniger dabei, ob Bach selbst antisemitsche Haltung eingenommen hat) ...
Zitat
Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: die im 17. und 18. Jahrhundert dominierenden musikalischen Gattungen waren für den Transport von antisemitischen Inhalten nicht unbedingt geeignet. Der extreme Nationalismus dessen wesentliches Kennzeichen der Rassismus ist, ist primär eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Zumindest gilt das für Europa.
Ich dachte aber natürlich auch an die Frage, ob z.B. in Bachs Matthäus- und Johannes-Passion Passion so etwas wie antisemitische Codes transportiert werden (weniger dabei, ob Bach selbst antisemitsche Haltung eingenommen hat)
Zitat von »Gerd Rienäcker«
Der Antijudaismus ist bei Bach nicht ausgeschlossen, er gehört zur traurigen Tradition. Aber er macht ihn nicht zu einem moralischen Verbrecher, auch wenn Bach, wie Dagmar Axthelm-Hoffmann nachweist, ein Buch bei sich gehabt hat, in dem von der Niederbrennung der Synagogen die Rede ist.
Zitat von »Gerd Rienäcker«
In der Johannes-Passion gibt es diese merkwürdige Fuge, die mir immer Spaß gemacht hat, solange ich darüber nicht nachdachte: »Wir haben ein Gesetz«. Die Fuge wird so korrekt gemacht, dass sie in der Mitte auseinanderbricht. Gemeint ist offenkundig die Thora, die ein falsches Gesetzeswerk ist. Die Thora soll diffamiert werden.
Oder konnte er sich bei der Darstellung der Judenfiguren zurückhalten, weil er damit rechnete, dass die Anspielungen ohnehin verstanden werden?
Zumindest bei der härteren Bayreuth-Fraktion kann man sich da sicher sein. Auch Mahler hat m.W. Mime als Judenkarikatur verstanden - welche Konsequenzen er daraus gezogen hat, weiß ich hingegen nicht.
Ich dachte aber natürlich auch an die Frage, ob z.B. in Bachs Matthäus- und Johannes-Passion Passion so etwas wie antisemitische Codes transportiert werden (weniger dabei, ob Bach selbst antisemitsche Haltung eingenommen hat) ...
Was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde, wäre allerdings die Frage, ob sich bei bach so etwas wie antijudaismus in der Musik findet, oder ob sich das auf die Texte beschränkt (für die Bach, im Gegensatz zu Wagner, ja nicht unmittelbar verantwortlich zu machen ist).
Cäsar hat ja schon auf den Hinweis zwischen einem religiös motivierten Antisemitismus und einem rassisch motivierten/begründeten Antisemitismus hingewiesen. Ich denke, diese Unterscheidung ist in der historischen Perspektive ganz wesentlich und führt uns auch zum Kern von Bachs, wenn man ihn denn so nennen möchte, Antijudaismus. Dieser religiöse Antisemitismus war im gesamten Mittelalter und in der frühen neuzeit sehr präsent und ein religiöser Mensch wie Bach war davon ganz zwangsläufig umgeben. Es ist also, würde ich vermuten so lange keine gegenteiligen Quellen auftauchen, keine persönliche Anschauung von Bach, sondern Bestandteil der christlichen Tradition, die sein tägliches Arbeitsumfeld und Arbeitsmaterial darstellte.
Ich halte diese Differenzierung für reichlich schönfärberisch. Auch dieser "religiöse"Antisemitismus hat zu Progromen mit Vertreibung und Massenmorden geführt und zwar nicht nur vereinzelt. Seit dem Mittelalter. Immer wieder mal. Da führt ein gerader Weg zum nationalsozialistischen Antisemitismus und der Shoa. Ob eine Ideologie "religiös" oder "politsch" (wo ist da der Unterschied?) begründet wird, ist doch völlig unerheblich von den Folgen her gesehen.
Ich halte diese Differenzierung für reichlich schönfärberisch.
Auch dieser "religiöse"Antisemitismus hat zu Progromen mit Vertreibung und Massenmorden geführt und zwar nicht nur vereinzelt.
Da führt ein gerader Weg zum nationalsozialistischen Antisemitismus und der Shoa.
Zitat
So schwer die Einsich auch sein mag: Das ist ein untrennbarer Bestandteil der gesamten westlichen Kultur inkl. Päpste und Luther, da ist keiner frei davon.
Ich halte diese Differenzierung für reichlich schönfärberisch.
Die ist in der Antisemitismus-Forschung aber völlig üblich
die ich leider auch nicht kompetent beantworten kann. Du hast ja schon einiges dazu geschrieben, aber Cherubinos Preisfrage ist wohl:
Zitat von »Cehrubino«
Kurz gefragt: Wie und woran erkenne ich die Judenkarikatur bei Wagner?
Wagner und kein Ende: Cherubino hat mir weiter oben eine Frage gestellt:
Zitat von »Cehrubino«
Kurz gefragt: Wie und woran erkenne ich die Judenkarikatur bei Wagner?
die ich leider auch nicht kompetent beantworten kann. Du hast ja schon einiges dazu geschrieben, aber Cherubinos Preisfrage ist wohl:
kann man die Karikaturen im Werk selbst erkennen, ohne den anderen Schund von Wagner zu kennen?
Jetzt mal abgesehen von Wagner (wo ja weder von Mime, noch von Beckmesser gesagt wird, sie wären Juden), was ist mit der berühmten Judenkarikatur von Mussorgsky "Samuel Goldenberg und Schmuyle" aus den "Bilder..."?
Antisemitisch? Unmoralisch?
Mussorgskij hat keine Karikaturen geschrieben. Einen Menschen lächerlich zu machen, lag ihm fern. Sein Stück stellt einen reichen Juden und einen armen Juden dar - daß Mussorgskijs Sympathien dem armen Juden gehören, dessen flehentliches Bitten herzzerreißend klingt, hängt damit zusammen, daß Mussorgskijs Liebe stets den Schwachen gehört hat.
Daß Mussorgski hier mit Stereotypen arbeitet, leuchtet mir ein. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß diesem Verfahren nicht unbedingt eine abfällige, Juden herabsetzende Tendenz unterstellt werden muß: Erst dies wäre antisemitisch.[...] in Mussorgskys musikalischer Schilderung des armen Juden kommt (in instrumentaler, nicht vokaler Ausprägung) ein sehr typisches antisemitisches Stereotyp zum Tragen: das den Juden zugesprochene extrem schnelle Sprechen in hoher Lage mit sich überschlagender Stimme [...]
Zitat
Religiös motivierter Antisemitismus
Sein Temperament ist nicht das eines Spötters, im Gegenteil: Er verurteilt Spott (siehe die Szenen mit dem Gottesnarren im "Boris").
Hängt sich ein Antisemit das Bild eines Juden auf?
Passt das zu Mussorgskij?
Daß Mussorgski hier mit Stereotypen arbeitet, leuchtet mir ein. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß diesem Verfahren nicht unbedingt eine abfällige, Juden herabsetzende Tendenz unterstellt werden muß: Erst dies wäre antisemitisch.
Kann es sein, daß da aus der Kenntnis des Wagner'schen Motiv-Typus etwas auf Moussorgskij übertragen wurde, was eigentlich nicht zu ihm dazugehört?
Anscheinend gibt es ja, wenn man Wehrmeyer glaubt, von Mussorgsky antisemitische Äußerungen.
Mussorgskij weniger gegen Juden richtet als gegen Polen (es geht ja um polnische Juden), und daß er gegen Polen etwas hatte, wissen wir.

Ahhaaa, also er ist kein Antisemit, sondern ein "Antipol"...
Und das darf man ja auch als Künstler.... oder wie?
Wer, lieber Tamás, spricht hier von Karikaturen? In der mir zugänglichen Literatur werden die beiden als Charaktere angesprochen. Sie sind beide mE nicht herabsetzend eingebracht.
Daß Mussorgski hier mit Stereotypen arbeitet, leuchtet mir ein. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß diesem Verfahren nicht unbedingt eine abfällige, Juden herabsetzende Tendenz unterstellt werden muß: Erst dies wäre antisemitisch.[...] in Mussorgskys musikalischer Schilderung des armen Juden kommt (in instrumentaler, nicht vokaler Ausprägung) ein sehr typisches antisemitisches Stereotyp zum Tragen: das den Juden zugesprochene extrem schnelle Sprechen in hoher Lage mit sich überschlagender Stimme [...]
Daß Mussorgski hier mit Stereotypen arbeitet, leuchtet mir ein. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß diesem Verfahren nicht unbedingt eine abfällige, Juden herabsetzende Tendenz unterstellt werden muß: Erst dies wäre antisemitisch.
Mussorgskij weniger gegen Juden richtet als gegen Polen (es geht ja um polnische Juden), und daß er gegen Polen etwas hatte, wissen wir.
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Ahhaaa, also er ist kein Antisemit, sondern ein "Antipol"...
Und das darf man ja auch als Künstler.... oder wie?
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Daß Mussorgski hier mit Stereotypen arbeitet, leuchtet mir ein. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß diesem Verfahren nicht unbedingt eine abfällige, Juden herabsetzende Tendenz unterstellt werden muß: Erst dies wäre antisemitisch.[...] in Mussorgskys musikalischer Schilderung des armen Juden kommt (in instrumentaler, nicht vokaler Ausprägung) ein sehr typisches antisemitisches Stereotyp zum Tragen: das den Juden zugesprochene extrem schnelle Sprechen in hoher Lage mit sich überschlagender Stimme [...]
Nein, antisemitisch ist die Verwendung solcher Stereotypen schon dann, wenn sie in Kommunikationszusammenhängen pejorativ konnotiert sind - oder so begriffen werden können. Das »Stereotyp« transportiert unabhängig von der Intention dessen, der es verwendet, seine Konnotationen. Wie ich schon ganz weit oben schrieb: der Antisemtismus ist ein Wissenssystem, oder wenn man so will: eine Struktur, die sich den Akteuren nur bedingt fügt. Die Verwendung antisemitsich konnotierter Stereotype ist und bleibt auch wenn es der »Autor« gar nicht antisemitisch »meint« - antisemtisch, solange sie nicht explizit gebrochen/unterlaufen/dekonstruiert wird.
Adieu,
Algabal
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