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Samstag, 12. Dezember 2009, 15:25

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Die Kritik am Regietheater

Liebe Freunde,

nach langen Debatten mit Gegnern des Regietheaters möchte ich versuchen, deren typische Argumentation kurz zusammenzufassen und zu analysieren.

Immer wieder wird am Anfang und Ende einer jeden Debatte stur der folgende Punkt wiederholt:


  • "Nur konservative Regisseure zeigen das Werk, wie es ist." und darüber hinaus
  • "Nur konservative Regisseure zeigen das Werk so, wie es der Komponist wollte."

Dies sind keine Argumente sondern, wie sich unten zeigen wird, lediglich dogmatische Behauptungen. Wie kommen diese Behauptungen zustande? Woher glauben die Befürworter konservativen Theaters, daß das Werk so gezeigt werde, wie es "vom Komponisten" gedacht sei? Die Antwort kommt in der Regel prompt:


  • "Es steht doch alles ganz genau im Libretto." oder auch
  • "Es steht doch alles ganz genau in der Partitur."

Das was logisch klingt, setzt allerdings eine Reihe von Prämissen voraus, die man folgendermaßen in eine Form bringen könnte und die weiter hinterfragt werden sollten:


  1. P1: Der Komponist/Librettist legt in der Partitur/im Libretto genau fest, wie das Werk aufgeführt werden soll.
  2. P2: Der Komponist/Librettist will, daß das Werk immer nur so aufgeführt wird.
  3. P3: Nur konservative Inszenierungen folgen den Anweisungen von Komponist/Librettist.
  4. K: Nur konservative Inszenierungen zeigen das Werk, wie es vom Komponisten/Librettisten gedacht und gewollt ist.

Zu P1: Dieser Punkt ist äußerst fragwürdig, und zwar aus folgenden Gründen:


  • Nicht jedes Libretto enthält Bühnenanweisungen. Noch weniger Partituren enthalten Bühnenanweisungen. Bühnenanweisungen im Libretto sind in den meisten Fällen sehr kurz gefaßt und reichen für eine Inszenierung nicht aus. Sofern Handlungsort und Handlungszeit in Libretto oder Partitur angegeben sind, bieten diese einen gewissen Rahmen.
  • Literarische Texte sind in jeder Leseart eine Interpretation. Niemand kann objektiv sagen, wie etwas gemeint sein soll. Noch weniger geht das in einer Partitur, die sich bei dem unzureichenden Notationssystem noch viel größerer Unklarheiten schuldig macht als ein literarischer Text. Zu sagen, man könne einen literarischen Text bzw. eine Partitur objektiv lesen, ist Unsinn.
  • Das Werk ist nicht die Partitur oder das Libretto, und niemand kann das Werk so aufführen, "wie es ist". Das Werk ist höchstens die Summe aller Aufführungen.

Zu P2: Wenn man so etwas sagt, muß man belegen, wo der Komponist/Librettist über eine genau beschriebene Musteraufführung gesagt/geschrieben hat: "So und nicht anders, und zwar bei jeder Aufführung für alle Zeiten."

Zu P3: Dieser Punkt ist äußerst fragwürdig, und zwar aus folgenden Gründen:


  • Ein Pauschalurteil wird gefällt. Es ist zweifelhaft, ob derjenige, der urteilt, alle traditionellen und modernen Inszenierungen kennt und in der Lage ist, so zu urteilen.
  • Der behauptete Zusammenhang zwischen der vermeintlichen Werktreue und konservativer Regie stellt nicht nur eine eigentlich unzulässige Verallgemeinerung dar sondern auch eine Behauptung, die keine Grundlage hat (was unten am Beispiel Franco Zeffirelli belegt werden wird).
  • Wenn von "Richtigkeit" traditioneller Inszenierungen und "Verfremdung des Werkes" durch das Regietheater gesprochen wird (P3 impliziert dies), dann fußt diese Behauptung auf dem Irrtum aus P1.

Zur Konklusion: Der Schluß scheint logisch, aber alle Prämisse sind entweder sehr fragwürdig oder falsch. Das Argument funktioniert nicht.

Es ist also folgendes anzumerken:


  • Da jedes Werk interpretiert werden muß und es nicht identisch mit der Partitur sondern mit der Summe der Aufführungen ist, ist es sinnlos davon zu reden, daß jemand das Werk "so zeigt, wie es ist".
  • Solange kein Nachweis geliefert werden kann, daß ein Autor eine bestimmte Aufführungspraxis auf unbestimmte Zeit befiehlt, kann man sich nicht auf den Willen des Autors berufen, der eine Aufführung angeblich "so und nicht anders" inszeniert haben will.
  • Libretto und Partitur sind zu interpretieren, eine objektive Leseart gibt es nicht. Wer das Gegenteil behauptet, begibt sich in eine Position, die durch Argumente schwer zu verteidigen sein dürfte.
  • Nur wer die meisten modernen Inszenierungen kennt, darf sich ein Urteil erlauben.

Zu dem objektiv feststellbaren Rahmen in einem dramatischen Text (Personal, Hendlungszeit und -Ort) gibt es folgendes zu sagen:


  • Handlungszeit und -Ort sind in keinster Weise identisch mit dem Drama sondern lediglich Rahmenbedingungen.
  • Ein Argument, das folgendermaßen aussieht (und immer wieder fällt) greift daher ins Leere:


  1. P1: Eine Oper hat eine festgelegte Handlungszeit und einen festgelegten Handlungsort.
  2. P2: Viele moderne Inszenierungen verlegen Handlungszeit- und Ort nach Belieben.
  3. K: Viele moderne Inszenierungen verfälschen das Drama (und zeigen das Werk nicht so, wie es ist).


  • Weshalb eine Gleichung von Rahmenbedingungen und Drama aufgestellt wird, ist nicht ersichtlich. Sinn macht so etwas nur dann, wenn die Handlung ein historisches Drama ist, das auf die Zeit Bezug nimmt, in der es spielt und wenn dieser Bezug wesentlich für die Entwicklung des Dramas ist. So ist es beispielsweise für ein Drama wie den Don Giovanni oder Carmen gleichgültig, in welcher Zeit und wo es spielt. Daher funktioniert Peter Sellars' Version ebenso wie die von Losey oder die "U-Carmen". Auch für ein Libretto wie Tosca oder Butterfly ist der zeitlich-historische Rahmen im Grunde irrelevant.

Den Befürwortern des konservativen Theaters werfe ich folgendes vor:


  • Im Lichte der oben angeführten Argumentation bin ich der Überzeugung, daß es den Befürwortern des konservativen Theaters nicht in erster Linie um dramatische Aspekte geht. Ebensowenig kann die Abneigung gegen moderne Inszenierungen etwas mit dem Wunsch nach Werktreue zu tun haben, da Werktreue und Regietheater nicht im Widerspruch stehen müssen (wie oben gezeigt).
  • Es geht den Befürwortern des konservativen Theaters hauptsächlich um die Einhaltung des Rahmens. Dies zeigt beispielsweise das Schaffen des Vorzeige-Konservativen Franco Zeffirelli. Die Belege zu den folgenden Zitaten sind als Bonus-Metrial auf zwei DVDs enthalten: 1. Tosca aus der Metropolitan Opera mit Hildegard Behrens und 2. Aida aus Busseto. Beide Inszenierungen halten die Rahmenbedingungen ein, wie immer bei Zeffirelli, mit opulenter Ausstattung. Der Inhalt ist allerdings vollkommen modifiziert. Tosca ermordet, so Zeffirelli, Scarpia, weil sie ihn mehr liebt als Cavaradossi und durch den Mord die Versuchung abstellen will. Radames sei ein Moslem, der, weil er Moslem sei, Aida fanatisch liebt. Gleichzeitig sei er ein Zyniker, der an die Macht will - deshalb geht Radames bei Zeffirelli direkt nach "Celeste Aida" zu Amneris und küßt sie lange auf den Mund (das macht er auch im 4. Akt, kurz nach dem Duett, wo es ebenso wenig Sinn macht). Amneris "habe dem ganzen Hof ihre Brüste gezeigt", weil sie nach Einfluß giere. Das könnte man ad nauseam weiterführen. Der Rahmen stimmt, der Inhalt ist vollkommen sinnentleert. Und das konservative Publikum ist begeistert.
  • Viele konservative Inszenierungen (Zeffirelli, Schenk) füllen gerade diese inhaltliche Leere durch Pomp aus. Das Visuelle ist wichtiger als der Inhalt.
  • Wenn es nur um das Visuelle geht, nicht aber um Werktreue (die Zeffirelli nach kompletter Ummodelung der Libretti wirklich nicht für sich beanspruchen kann und die die meisten Anhänger des konservativen Theaters ohnehin nicht definieren können), scheint es also um etwas anderes zu gehen.

In jüngster Zeit ist bei den Angriffen auf das Regietheater eine bemerkenswerte Komponente dazugekommen: ein als militantes und nationalistisches zu bezeichnendes Vokabular:


  • Immer wieder ist nicht nur von "Verzerrung" sondern vor allem von "Verfremdung" die Rede.
  • Die in Ungnade gefallen Regisseure werden kriminalisiert. Zeffirelli hat von einigen Jahren den Anfang gemacht, als er von "Kriminellen aus dem Norden" sprach, die die italienische Kultur vergewaltigten. Jetzt werden Regisseure auch mit der "Mafia" verglichen.
  • Der Terminus "Regietheatermafia" unterstellt die Verschwörung einer Gruppe.
  • Es wird unterstellt, daß diese Gruppe aus Regisseuren, Dramaturgen und Intellektuellen die Medien kontrollierten und versuchten, die Bevölkerung durch Propaganda zugunsten des Regietheaters "weichzuwaschen".
  • Die antisemitischen und deutsch-nationalen Äußerungen Christian Thielemanns werden hochgejubelt, und man hofft auf ein Wiedererstarken derjenigen, die "sich wieder was trauen". (Belege zu diese Äußerungen findet u.a. Ihr in einem bekannten Klassikforum).

Zusammenfassend ist zu sagen, daß viele Gegner des Regietheaters in erster Linie durch einen eklatanten Mangel an Argumenten auffallen. Was viele von ihnen zum Thema Theater und Regie zu sagen haben, entbehrt oft jeder Grundlage und scheint wenig durchdacht. Vollkommen unglaubwürdig ist ihr ständiges Berufen auf Werktreue, da sie nicht zu wissen scheinen, was ein Werk überhaupt ist und Regisseure wie Zeffirelli mit dem Attribut "werktreu" belegen. Es scheint vielen in erster Linie um visuelle Aspekte zu gehen: Das Opernerlebnis soll nichts in einer Weltsicht stören, die so eng und so klein und so unsicher ist, daß auf jede Neuheit, auf jede Überraschung wild gefeuert wird. Ich behaupte: der militante Gegner der modernen Inszenierung hat Angst. Er hat Angst vor dem Neuen, vor dem Unbekannten. Alles muß im eingefahrenen Rahmen bleiben. Um diese Forderung zu rechtfertigen wird ein Arsenal von Scheinargumenten angeführt. Dumpfe, nationalistische Parolen kommen hinzu. Das ist Argumentieren wie bei der Bild-Zeitung. Es geht um eine Ur-Angst. Fremdes ("Verfremdung") - Nein Danke.

Allein, um die Oper geht es nicht.

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

2

Samstag, 12. Dezember 2009, 16:30

Lieber Mengelberg,


Grundsätzlich empfinde ich diese Regietheaterdiskussion langsam sehr nervig und auch über Gebühr thematisiert.
Ich halte überdies beide dogmatischen Haltungen für hochgradig bescheuert.
Die Möglichkeiten eine Oper zu machen sind unbegrenzt und ich bin ziemlich froh, dass es genügend Künstler gibt, die aufgrund dieser ganzen Thesen warum wieso weshalb warum einfach nur noch lachen.

Wie schon bei T. geschrieben: "Wer Kritiker ernst nimmt ist selbst Schuld, sie können selbst nix, wissen aber genaus was zu tun ist."

In erster Linie bleibt eines das Entscheidende, da ist es völlig egal in welcher Art und Weise eine Oper auf die Bühne gebracht wird:
es muss mit viel Hingabe und Phantasie gemacht sein, da können beide Ansätzen das Publikum begeistern.


Mich wundert allerdings, dass Du aufgrund dieser Thematik T. verlassen hast. Und dann hier sofort wieder diese Diskussion aufgreifst.
Ein Forum zu wechseln nur weil einem die Antworten nicht passen.... na ja.


Ich beteilige mich an diesen Diskussionen bei T. nur noch in einer Art, mit Spott und Sarkasmus. Denn das ist die einzige Art wie man diesem Thema überhaupt begegnen kann.

Ich bin froh, dass ich so weltoffen und neugierig bin, das ich mich auf jede Inszenierung einlassen kann ... aber manche meinen eben man müsste daraus eine fundamentale Glaubensfrage machen.

Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ wer das behauptet hat wirkliche keine Ahnung von Kunst.

3

Samstag, 12. Dezember 2009, 16:32

Ich behaupte: der militante Gegner der modernen Inszenierung hat Angst. Er hat Angst vor dem Neuen, vor dem Unbekannten. Alles muß im eingefahrenen Rahmen bleiben. Um diese Forderung zu rechtfertigen wird ein Arsenal von Scheinargumenten angeführt. Dumpfe, nationalistische Parolen kommen hinzu. Das ist Argumentieren wie bei der Bild-Zeitung. Es geht um eine Ur-Angst. Fremdes ("Verfremdung") - Nein Danke.

Allein, um die Oper geht es nicht.

M.
Lieber Mengelberg,

Deiner Argumentation kann ich mich uneingeschränkt anschließen, und die in dem anderen Forum wieder vom Obermeister angestoßene Diskussion, die Dich anscheinend endgültig vertrieben hat, belegt, wie recht Du hast. Sie belegt auch, dass Du mit Kanonen nach Spatzen schießt, denn in der Tat sind die von Dir zitierten Argumente der konservativen Fraktion gar keine, sondern allenfalls eine angestrengte Rechtfertigung von banalem Konsumismus. Man will verwöhnt werden ohne nachdenken zu müssen oder anderweitig gefordert zu werden und bemäntelt seine Angst vor intellektueller Beanspruchung mit einer völlig verfehlten Berufung auf den vermeintlichen - dabei aber gründlich missverstandenen - Geist der Autoren.

Dass man mit solch unkritischem Hecheln nach Affirmation die oft viel progressiveren Autoren und Komponisten, die man zu verteidigen behauptet, nachgerade beleidigt, will niemand wissen. Wagner, dessen Inszenierung des Original-RING heute von jeder Bühne gelacht würde, war zu seiner Zeit sehr progressiv. Ist das kein Element, das zur "Werktreue" gehört? Die konservative Fraktion verwechselt die Rekreation des Geistes eines Werkes, die es anzustreben gilt, mit der Restauration ihrer "historischen" Erscheinung. Das ist ähnlich beschränkt, wie wenn man Mumien zu den eigentlichen Pharaonen erklärt.

Trotzdem bin ich dafür, diesen Grundsatzstreit nicht erneut auszutragen. Das Problem ist nämlich, dass der Schlachtenlärm dieses völlig überflüssigen, weil gegenstandslosen Streits die Relevanz der Auseinandersetzungen um den Einzelfall überlagert. Die Kennzeichnung einer Inszenierung als sogenanntes Regietheater oder staubige genügt schon, um die viel wichtigere Frage nach der Qualität des Einzelfalles zu verdrängen. Es ist nämlich auch nicht zu leugnen, dass viele Inszenierungen die Freiheit der Aktualisierung reklamieren, damit aber nur die Freiheit des Regisseurs meinen, seine nicht zwangsläufig werkbezogenen Fantasmen zu bebildern. Wer das aber zu sagen wagt, sitzt ebenfalls gleich zwischen allen Stühlen.

Vielleicht sollte man einfach den Begriff Regietheater verbieten. Im Grunde ist er ohnehin ein Pleonasmus.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

Zwielicht

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4

Samstag, 12. Dezember 2009, 16:49

Vgl. zum Begriff "Regietheater" auch diesen (geschlossenen) Thread:

"Regietheater" - Was ist das eigentlich?


Und als seine Fortsetzung diesen Thread:

Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?


Ich bin sehr dafür, nicht à la Tamino 37 Threads über dieses Thema aufzumachen - einer sollte reichen (und dann möglichst im richtigen Unterforum "Aufführungspraxis"). [Eben verschoben. :wink: Gurnemanz]


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

5

Samstag, 12. Dezember 2009, 17:19

Als ich vor ein paar Tagen gesehen habe, dass Alfred das Regiemafia-Fass schon wieder neu erfunden und aufgemacht hat (in der Hoffnung, nun endlich bestätigt zu bekommen, dass die Mehrheit seines Forums gegen Regietheater ist) verging mir endgültig die Lust, als Mitleser noch regemäßig bei T-Rex reinzuschauen. Andererseits treibt mich nun die Neugier, was passieren wird, denn dass einige Moderatoren dies unerträglich finden dürften, ist klar.

In diesem Sinne: willkommen bei uns, lieber Mengelberg. (ansonsten bin ich von diesem Thema derart ermüdet, dass ich mich dazu inhaltlich nicht äussern kann)

p.s.: Achtung, AS wird dich in kurzer Zeit ungefragt rausschmeissen. Rette dir also schnell noch alle pns, kontaktadressen und was du noch so brauchst.
"Habe mir soeben die Siebente von Beethoven mit Kleiber auf ZdF-Kultur angesehen. Sowohl klanglich als auch dartellerisch (Kleiber am Pult) grandios. Er bewegt sich in dieser Aufnahme mehr als Bernstein und auch schneller und schwitzt auch mehr."

6

Samstag, 12. Dezember 2009, 18:42

Lieber Mengelberg, Dein Beitrag hat mich animiert nach Monaten nochmal in das alte forum zu schauen und besagter Thread schlägt wirklich dem Fass den Boden aus. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen lesen würde, würde ich nicht glauben, dass es sowas immer noch gibt.
Mich wundert allerdings, dass Du aufgrund dieser Thematik T. verlassen hast. Und dann hier sofort wieder diese Diskussion aufgreifst.
Ein Forum zu wechseln nur weil einem die Antworten nicht passen.... na ja.
Daher kann ich diesen Satz nicht ganz nachvollziehen, denn in einem Forum in dem der Betreiber sich in dieser Weise ideologisch nach aussen exponiert, würde ich mich persönlcih als aktives Mitglied blamiert fühlen, es sei denn, ich schreibe offen dagegen an . Wer das weiterhin durchhält, hat meinen Respekt!
Und wen solche Parolen in aller Öffentlichkeit nciht jucken oder wer sogar derselben Ansicht ist- tantpis oder tant mieux- je nach Standpunkt! Applaus gab es ja nun auch genug im besagten Thread.

Man will verwöhnt werden ohne nachdenken zu müssen oder anderweitig gefordert zu werden und bemäntelt seine Angst vor intellektueller Beanspruchung mit einer völlig verfehlten Berufung auf den vermeintlichen - dabei aber gründlich missverstandenen - Geist der Autoren.
Das stimmt sicher alles, aber es kommt auch noch etwas anderes dazu, das ich gut verstehen und nachempfinden kann: eine nostalgische Sehnsucht nach heiler schöner und bekannter Welt.
Etwas Gemütvolles, Gemütlcihes und Altmodisches im postiven Sinne, das ncihts mit Militanz, Ignoranz oder sonstigen Negativa zu tun hat. So wie das Gefühl, an Weihnachten muss es einfach immer denselben Christbaumschmuck und dieselben Lieder geben. Eine Art Christkind-Opernenklave, in der man den Alltag vergessen und ins Kinderland zurückgehen kann. Denke gerade an das Brahlms -Lied "O wüsst ich doch den Weg zurück"
Mein Theaterbegriff ist das zwar nciht, aber ich kann das nachfûhlen, weil es immer wieder Momente gibt, wo ich diese(legitime!) Weltflucht und diese Traumwelt Oper auch in einem solchen Sinne geniessen kann.

Die militante Variante ist sich dieser legitimen Sehnsüchte aber leider nciht bewusst und da kommt dann die Angst ins Spiel. So wie oben von Rideamus beschrieben: Angst vor Neuem, Angst vor überforderung oder oft genug auch wirkliche Überforderung, weil einfach nciht kapiert wird, wo die Hintergründe einer Inszenirung liegen und man zu bequem oder unfähig ist, sich damit auseinanderzusetzen.
Wo irrationale Angst ist, wird es leider immer gefährlich, denn das paranoide und zwanghafte Verhalten ist dann nciht allzu weit.

Ich habe durchaus tiefes Verständnis und Sympathie für die "Gegner" des Regietheaters wenn sie sich so tolerant, zivilisiert und reflektiert äussern wie etwa unser Waldi , oder Kristin oder Opernpeter.

Aber Militanz und blinder Fanatismus zwingen leider zur entsprechenden Gegenwehr.

Im übrigen bin ich schon immer dann eine Gegnerin des Regietheaters gewesen, insofern auf die Sänger keine Rücksicht mehr genommen wird.
Ich sehe aber inzwischen aber genug hervorragende Regisseure, die eines mit dem anderen verbinden können und glaube weiter an eine zuküftige Synthese aus Sänger/Dirigenten/Regietheater.

F.Q.
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

7

Samstag, 12. Dezember 2009, 19:33

Ich reihe mich gern bei denen ein, die dieser Diskussion - in dieser Abstraktheit - nurmehr wenig abgewinnen können. Meines Erachtens ist es ergiebiger, sich konkret über bestimmte Inszenierungen auszutauschen.

Dass nun eine weitere Auflage dieser Endlos-Debatte bei Tamino hier quasi fortgesetzt wird - nun ja. Über den Nutzen dieses Transports bin ich mir ein wenig im Unklaren.

Ein Lamento über den Ton, der bei Tamino angeschlagen wird, empfinde ich überdies als erstaunlich. Es wird doch niemanden überraschen können, dass Afred seine Steckenpferde weiter reitet. Dass er sich zu Formulierungen wie "ausradieren" in puncto Regietheater versteigt, spricht letztlich für sich.

Um auf Regietheater als Thema zurück zu kommen: Ich kann in diesem Zusammenhang nur das Buch "Vom Wunderwerk der Oper" von Jens Malte Fischer empfehlen, dass ich mit Gewinn gelesen habe.



Fischer erläutert sehr anschaulich den Begriff der Werkidee, den er von dem der Werktreue abgrenzt. Ich fand das alles sehr gut nachvollziehbar.
Ekkehard
_________

Oft genügt es, wenn andere gescheit sind (Hans Magnus Enzensberger)

Melione

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8

Samstag, 12. Dezember 2009, 20:35

Ich bin ja eigentlich überhaupt kein Opernfreund (da kein Freund von Operngesang), habe aber auch noch keine je gesehen (ob live oder auf DVD). Ausnahmen sind "Mathis der Maler" (habe eine dreifach-LP davon), natürlich "Wozzeck" und "Moses und Aron". Letztere lief vor kurzem im Fernsehen (propagiert von Amfortas :klatsch:­), und die konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also habe ich da zum ersten Mal eine Oper angeschaut. :) Ich weiß leider nicht mehr, wer inszeniert hat, aber ein anachronistischer Blick auf unseren tollen Kalender verrrät, dass Michael Boder die Bochumer Symphoniker dirigiert hat. Die Inszenierung lief dieses Jahr auf der Ruhrtriennale.

An sich eine wirklich, wirklich tolle Inszenierung für meinen Geschmack - bis auf die Kleidung... Moses, Aron, die Priester, das Volk Israel, alle trugen ausnahmslos, ähm, ich sag mal, Businesskleidung, also wie man in einer Top-Anwaltskanzlei rumlaufen würde. Oder in die Oper gehen - ich glaube, der eigentliche Witz dabei war der, dass am Anfang Moses und das Volk Israel alle im Publikum sitzen, was das Publikum aber nicht weiß. Erst nach und nach stehen sie alle auf (singen aber zuerst im Sitzen!), verlassen das Publikum und gehen auf die Bühne. Fand ich eigentlich eine richtig geniale Idee, aber die restlichen anderthalb Stunden der Oper habe ich mir dann doch irgendwie gewünscht, sie trügen archaische Fellmäntel... Bin ich jetzt Regietheater-Opponent? :( Ich weiß nicht, wie wichtig die Zeit, in der Moses und Aron spielt, für diese Oper ist, aber irgendwie kann ich mich nicht an Moses in Kleidung des 21. Jahrhunderts gewöhnen, wenn er in der Wüste vom einzigen, allwissenden, allmächtigen, unsichtbaren Gott "singt"... Wie gesagt, den Rest fand ich genial, und das war nun wirklich keine konservative Aufführung. In der Szene, wo Moses und Aron von weit, weit her zurück zum Volk kommen und das Volk sie schon von weitem sieht, sind Moses und Aron gar nicht auf der Bühne, sondern werden als ein Film (und zwar wirklich in der Wüste!) auf eine Leinwand projiziert, bis sie dann beim Volk ankommen.

:wink: Philipp
Kompositorische Versuche:
E-Musik
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Literarische Versuche:
Halbfertige Kurzgeschichte
Erstes Kapitel eines Romans

Kommentare wären super! :)

9

Samstag, 12. Dezember 2009, 20:59


Fand ich eigentlich eine richtig geniale Idee, aber die restlichen anderthalb Stunden der Oper habe ich mir dann doch irgendwie gewünscht, sie trügen archaische Fellmäntel... Bin ich jetzt Regietheater-Opponent? :


Lieber Philipp,

ohne für oder gegen das "Regietheater" zu sprechen: Was macht den Unterschied aus? In der archaischen Ambiente sind die Menschen und ihr Handeln in einer angenehmen Ferne als abgearbeitet in der entsprechenden Schublade abgelegt. Verortest Du aber die Handlung in der Gegenwart und mit einer entsprechenden Zuordung im historische-gesellschaftlichen Feld, bist Du in Deiner Gegenwart davon betroffen.Das Risiko eines Regisseurs ist, dass er nicht jeden damit treffen kann, die Freiheit, dass er nicht jeden treffen will. Aber er vermittelt, dass das Geschehen nicht aufgehört, dass es in uns heute weiter wirkt.

Das muss man können, selbstverständlich, und nur die wirklich guten Regisseure schaffen das...

Liebe Grüße Peter
.
Wir stehen im Greisenalter der Welt, darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.

(Fredegar, Chronik IV, Prolog; um 650)

Melione

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10

Samstag, 12. Dezember 2009, 21:12

Na ja, die Handlung hat mich jetzt nicht mehr unangenehm tangiert dadurch, dass die Handlung ins 21. Jahrhundert versetzt wurde (was übrigens außer durch die Kleidung eigentlich nicht der Fall war...). Ich glaube nicht, dass ich mich weniger "betroffen" fühle, wenn sie in archaischer Kleidung herumlaufen würden. Bei Moses und Aron sowieso nicht, weil ich mir als nicht-religiöser, zumal nicht-jüdischer Mensch keine Gedanken darüber mache, auf welche Art und Weise ich Gott jetzt anbeten soll oder nicht... (Oder habe ich die Oper fundamental missverstanden? :hide:) Aber auch bei Opern, die irgendwie gesellschaftskritisch sind, wie bspw. der Wozzeck, entsetzten mich die Bilder so oder so, möchte ich meinen. Ich weiß nicht, ich glaube, mir geht es einfach irgendwie um einen bestimmten "Flair", den meine ich auch die Musik zu Moses und Aron hergibt... wenn ich mich nicht täusche, wird da sehr viel mit Oboe, Englischhorn und Fagott gearbeitet, und auch dieser Klang hat für mich irgendwie einen "archaischen" Charakter. Mal bewusst polemisch gefragt, wenn man die Handlung der Oper ver-anachronisieren darf (oder wie nennt man das?^­^), warum dann nicht auch die Musik? Bspw. Kontra- durch E-Bässe, Klavier durch Keyboard, Geigen durch E-Gitarren ersetzen und Schlagzeugbegleitung darunterlegen. Schließlich ist die Partitur wie oben beschrieben ja nicht objektiv deutbar, und ein Werk (also doch auch dessen Musik) die Summe aller seiner Interpretationen.

:wink:
Philipp
Kompositorische Versuche:
E-Musik
U-Musik
Literarische Versuche:
Halbfertige Kurzgeschichte
Erstes Kapitel eines Romans

Kommentare wären super! :)

11

Samstag, 12. Dezember 2009, 21:27

Lieber Philipp,

ob Dich ein Konzept überzeugt oder nicht, liegt mE an der Qualität der Produktion, nicht an einer Einzelfrage, etwa wie man eine Oper aktualisiert. Jede Aufführung ist ja eine Aktualisierung, musikalisch, szenisch, interpretorisch. Auch die Archaik ist ja nicht authentisch, sondern eine Nachschöpfung. Betroffenheit ist mir bei einem Kunstwerk ohnedies zu wenig, da ist die Begegnung mit dem Kunstwerk schon wieder auf einem Blitzableiter gelandet. Für mich ist ein entscheidendes Kriterium, dass ein Kunstwerk nicht ein sezierbares Dokument ist, sondern eine vielschichtige Begegnung mit den Künstlern, die dieses Kunstwerk erschaffen und zur Aufführung gebracht haben. Und da ist jeder Schematismus, ob nun "Archaik" oder "Vergegenwärtigung", fehl am Plaz.

Liebe Grüße Peter
.
Wir stehen im Greisenalter der Welt, darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.

(Fredegar, Chronik IV, Prolog; um 650)

12

Samstag, 12. Dezember 2009, 22:22

Zitat

Ich weiß nicht, ich glaube, mir geht es einfach irgendwie um einen bestimmten "Flair", den meine ich auch die Musik zu Moses und Aron hergibt...


Philipp, genau im Verlust dieses "Flairs" liegt oft das Problem von Inszenierungen, die den Ort und die Zeit der *Handlung* vollkommen negieren. Bei einigen bedeutenden Opernkomponisten spielt das Atmosphärische eine große Rolle. Als Beispiel nenne ich mal Richard Wagner, der viel Mühe und Erfindungskraft darauf vewandt hat, jede seiner Opern musikalisch in eine neue, spezifische Farbe zu tauchen.Thomas Mann hat das sehr gut erkannt und noch besser formuliert: "Es ist diese charaktersisierende Allmacht, die Werke von solcher seelischer Heterogenität nebeneinander zu stellen vermag....sie sondert jedes der Werke vom anderen, entwickelt jedes aus einem Grundlaut, der es von allen anderen unterscheidet, so daß innerhalb eines Gesamtwerks, das doch selbst ein persönlicher Kosmos ist, jedes Einzelwerk wiederum eine solche geschlossene und sternenhafte Einheit bildet...im ganzen ist aber jedes Werk auf eine Art stilistisch gegen die übrigen abgesetzt, die das Geheimnis des STILES als Kern der Kunst und fast als die Kunst selbst sichtbar und fühlbar macht: es ist das Geheimnis der Vermählung des Persönlichen mit dem Sachlichen."

Die Musik beschwört also eine spezifische innere wie äußere Atmosphäre herauf, im Lohengrin eine mittelalterlich-christlich legendenhafte, in den Meistersingern eine spätmittelalterlich-diesseitige, durchaus auch machmal derbe, im Tristan eine keltisch-fahle etc....und wenn jetzt die Inszenierung dem Auge am laufenden Meter Dinge bietet, die einer ganz anderen Zeit und Atmosphäre entstammen (Buissinesanzüge z.b. gehören eindeutig dazu), entsteht eine große Diskrepanz zu dem, was die Ohren vernehmen. Musik und Szene beißen sich dann mehr oder minder, meistens aber enorm. Das, was man sieht, paßt vorne und hinten nicht zu dem, was man hört.
Es gibt Opernfreunde, die eine derartige Zerstörung der Einheit und damit der unmittelbaren Wirkung eines Kunstwerks schätzen und befürworten, und andere, die das Stück zunächst einmal möglichst ungebrochen erleben wollen. Ich gehöre zu letzteren, wobei ich für ein unmittelbares Opernerlebnis nicht unbedingt viel Pomp, Pappmaché oder Kostüme, wie sie zur Entstehungszeit des Werkes üblich waren, benötige (ich liebe stilisierende, sparsame, eher nur andeutende Opernregie).
Das, was ich benötige, ist allerdings die Absenz grober Störfaktoren. Um ein etwas über deine Buissinesanzüge hinausgehendes Beispiel zu geben: Wenn ich mir Lohengrin anschaue, will ich auf der Bühne keinen Trupp von Fußballfans sehen, die Schilder mit der Aufschrift "Zu Gast bei Freunden" hochhalten. Solche Bilder machen den *Sinn" der Musik. die hinter ihnen gespielt wird, für meine Begriffe nachhaltig kaputt. Ich verstehe ehrlich gesagt auch gar nicht, weshalb man darüber noch groß diskutieren muß - die Fußball-WM hat nun mal einfach nichts mit dem Schwanenritter zu tun.

Viele Grüße

Bernd

Severina

Opernjunkie außer DIenst

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13

Samstag, 12. Dezember 2009, 22:30

Ich reihe mich gern bei denen ein, die dieser Diskussion - in dieser Abstraktheit - nurmehr wenig abgewinnen können. Meines Erachtens ist es ergiebiger, sich konkret über bestimmte Inszenierungen auszutauschen.

Um auf Regietheater als Thema zurück zu kommen: Ich kann in diesem Zusammenhang nur das Buch "Vom Wunderwerk der Oper" von Jens Malte Fischer empfehlen, dass ich mit Gewinn gelesen habe.



Fischer erläutert sehr anschaulich den Begriff der Werkidee, den er von dem der Werktreue abgrenzt. Ich fand das alles sehr gut nachvollziehbar.
Lieber Ekkehard,
das würde ich ja gerne, leider kann ich in Wien immer nur monologisieren, weil ich meist die Einzige bin, die in der Vorstellung war. Ich beneide Euch immer in Deutschland, wenn Ihr Euch bei bestimmten Vorstellungen trefft und Euch dann hinterher oder im Forum darüber austauschen könnt. Ich kann zwar natürlich mit meinen realen Freunden diskutieren, hier im Forum muss ich leider mit mir selber diskutieren :cry: :cry: :cry:

lg Severina :wink:

PS: danke für den Buchtipp, ist schon notiert!
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

14

Sonntag, 13. Dezember 2009, 00:41

Also, ich kann jetzt leider zu so später Stunde nicht mehr in der nötigen Klarheit beantworten, habe auch gerade die Walküre aus Valencia hinter mir und gehöre eigentlich in die Falle. Aber ein paar Sätze will ich gerne noch loswerden.

@Duc de Berry: Ich habe das Thema hier nicht angeschnitten, weil mir hier die Antworten besser passen. Ich habe mich auch nicht bei T. abgemeldet, weil mir da die Antworten nicht gepaßt haben. Ich glaube, daß ich dabei bin, langsam zu verstehen, was hinter diesem Haß auf das Regietheater steckt. Nämlich eigentlich nichts, was mit Oper zu tun hat. Und das wollte und konnte ich nur mit dieser langen Argumentation darlegen.

@Rideamus: Vielleicht hast Du recht, und vielleicht ist die Sache die Aufregung nicht wert. Es geht mir auch nicht darum, Öl ins Feuer zu gießen. Aber ich persönlich muß mich ziemlich oft mit Menschen auseinandersetzen, die diese intellektuell eigentlich völlig indiskutablen Positionen mit Überzeugung vertreten. Es war mir eigentlich immer ein Rätsel, wie man sich ein Theater wünschen kann, was immer gleich ist und wie man gleichzeitig behaupten kann, daß genau das vom Komponisten so gewollt sei. Ich glaube aber, daß mir dieses Phänomen gerade in diesen Tagen etwas klarer geworden ist. Daher das Posting.

@FQ:

Zitat

Im übrigen bin ich schon immer dann eine Gegnerin des Regietheaters gewesen, insofern auf die Sänger keine Rücksicht mehr genommen wird.
Ich sehe aber inzwischen aber genug hervorragende Regisseure, die eines mit dem anderen verbinden können und glaube weiter an eine zuküftige Synthese aus Sänger/Dirigenten/Regietheater.

Keine Ahnung, ob Du Wagner magst, aber schau doch mal den Kopenhagener Ring an. Der ist große Klasse!

:wink:

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

15

Montag, 14. Dezember 2009, 12:47

Zeffirelli vs. Bondy und Levine: Der Rambo holzt weiter, natürlich mit den altbekannten "Argumenten":



Zitat


Mr. Zeffirelli has not seen the Bondy production, but he said the audience was right to boo. “It comforts and encourages me, giving me confirmation that what I fight for, I still fight for after 80 years in the theater, is still the right thing,” he said.

The Met and Mr. Bondy, he said, have let down their fans. “They don’t go there to see something revolutionary,” Mr. Zeffirelli said. “They want to hear the music. They want to dream the dreams that have become the cultural patrimony for generations.”

The blame must also lie with James Levine, the house’s music director and the conductor of the opening night performance, he said. “The conductors are those that should be watching that the authors are being respected,” he said. Mr. Levine “must know, unless he’s gone completely gaga,” that Mr. Bondy’s production was a “crime.”

“It’s not what the author wanted. It’s against the music, and the music is in his hands,” he said of Mr. Levine.

Mehr zu lesen gibt es hier:

http://artsbeat.blogs.nytimes.com/2009/0…%20wakin&st=cse

http://www.nytimes.com/2009/09/23/arts/m…%20wakin&st=cse

:shake:

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

16

Montag, 14. Dezember 2009, 13:31

Werktreue

Was mich wirklich amüsiert bis aufregt, ist, was manche selbsternannten Regietheater-Gegner für "originalgetreue Oper" halten. Gerne wird da mal Wieland Wagner ins Feld geführt. Also hat Wieland Wagner nicht die Original-Bühnenbilder seines Großvaters in die Mottenkiste gestopft und bahnbrechende Lichteffekte erdacht (die natürlich alle detailliert in Wagners Partituren aufgeführt waren...). Er wurde auch nie verklagt mit dem Ziel, die "originalgetreue" Aufführung der Werke seines Großvaters zu erwirken. Und im übrigen hat man natürlich später nie versucht, Patrice Chereau bis zum Abbruch zu buhen. In dem Überflieger-Forum mit T wurde gerade die Valencia-Walküre als endlich mal wieder werktreue Inszenierung gelobt. Ist schon klar, in der Partitur wimmelt es schließlich auch von exakten Anweisungen Richard Wagners zum Einsatz der Videotechnik.

Ich habe kein Problem damit, wenn Opernliebhaber mit der Ästhetik bestimmter Opernproduktionen nichts anfangen können. Das ist ihr gutes Recht. Aber daß man sich schlicht weigert zu begreifen, wie problematisch der Begriff der "Werktreue" bei einer Kunstform ist, die auch und gerade von dem Immer-Wieder-Neu-Entstehen der Werke lebt, das finde ich schon dürftig.

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

17

Montag, 14. Dezember 2009, 13:35

Zeffirelli

Lieber Mengelberg,

ein kleiner Nachtrag noch zu Zeffirelli: Wenn man eine Oper wie die "Traviata" in einer derartigen Plüsch- und Stuck-Orgie ersaufen läßt wie dieser werte Herr, sollte man mit der Beurteilung der Arbeit von Kollegen vielleicht etwas zurückhaltender sein. Und ohne jetzt die Produktion zu kennen: Bondy ist doch nicht gerade Bieito, oder?...

LG :wink:
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Severina

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18

Montag, 14. Dezember 2009, 13:46

Zeffirelli vs. Bondy und Levine: Der Rambo holzt weiter, natürlich mit den altbekannten "Argumenten":



Zitat


Mr. Zeffirelli has not seen the Bondy production, but he said the audience was right to boo. “It comforts and encourages me, giving me confirmation that what I fight for, I still fight for after 80 years in the theater, is still the right thing,” he said.

The Met and Mr. Bondy, he said, have let down their fans. “They don’t go there to see something revolutionary,” Mr. Zeffirelli said. “They want to hear the music. They want to dream the dreams that have become the cultural patrimony for generations.”

The blame must also lie with James Levine, the house’s music director and the conductor of the opening night performance, he said. “The conductors are those that should be watching that the authors are being respected,” he said. Mr. Levine “must know, unless he’s gone completely gaga,” that Mr. Bondy’s production was a “crime.”

“It’s not what the author wanted. It’s against the music, and the music is in his hands,” he said of Mr. Levine.

Mehr zu lesen gibt es hier:

http://artsbeat.blogs.nytimes.com/2009/0…%20wakin&st=cse

http://www.nytimes.com/2009/09/23/arts/m…%20wakin&st=cse

:shake:

M.
Mir scheint, dass da ein anderer "completely gaga" ist, zu diesen Absonderungen kann man wirklich nur mehr den Kopf schütteln. Nun kenne ich diese MET-Inszenierung natürlich auch nicht, aber just Luc Bondy ins Lager der Regie-Berserker zu stellen, ist wohl mehr als absurd. Ich habe noch nie eine Arbeit von ihm gesehen, in der er nicht äußerst respektvoll mit dem Werk (sei es Oper, sei es Sprechtheater) umgegangen wäre und eine ungemein ästhetische Bühnensprache gefunden hätte. (Ich denke z.B. an seinen großartigen "Lear" an der Burg vor zwei Jahren) Wenn man also an der MET schon eine Bondy-Inszenierung als "shocking" empfindet, wüsste ich gerne, wie man dort auf Bieito reagiert. Den würde man vermutlich teeren und federn.....
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

19

Montag, 14. Dezember 2009, 15:24

Dass er sich zu Formulierungen wie "ausradieren" in puncto Regietheater versteigt, spricht letztlich für sich.

Das ging mir dann zu weit und ich habe Ciao zum Grande Inquisitore gesagt. :cry:



:wink:

Gerd

20

Montag, 14. Dezember 2009, 17:12

Ich habe kein Problem damit, wenn Opernliebhaber mit der Ästhetik bestimmter Opernproduktionen nichts anfangen können. Das ist ihr gutes Recht. Aber daß man sich schlicht weigert zu begreifen, wie problematisch der Begriff der "Werktreue" bei einer Kunstform ist, die auch und gerade von dem Immer-Wieder-Neu-Entstehen der Werke lebt, das finde ich schon dürftig.


Das trifft den Punkt! Ich führe dann immer gerne den Don Carlo(s) an. Was nimmt man denn da als Anknüpfungspunkt? Die Lebensdaten Carlos'? Die Zeit der Schillerschen Dichtung? Oder die Zeit, in der Verdi die Oper geschaffen hat? Und wer hat sich wohl welche Gedanken darüber gemacht? Ausgetauscht haben sich der Dichter und der Komponist sicher nicht........

LG
Rosenkavalier

PS: Übrigens taucht in der "drüben" so hochgelobten werksgetreuen Inszenierung des Simon Boccanegra in Berlin am Ende der Chor in Kleidung auf, die einige hundert Jahre nach der Zeit des Dogen anzusiedeln ist.....Aber dafür muss man natürlich genau hinschaun und nicht nur die Zeitungskritiken lesen......
Ich glaube, dass es in jedem Sänger einen einzigen, reinen und kleinen Ton gibt, welcher der wahre Ton der Stimme ist, und was immer man tut und wie man auch seine Stimme auf diesen Ton aufbaut, man muss zu ihm zurückkehren können, sonst ist es aus. (Agnes Baltsa)

21

Montag, 14. Dezember 2009, 17:41

Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Aufregung nicht.

Es gibt meiner Ansicht nach allenfalls gute und schlechte Inszenierungen (und ein paar dazwischen), und ob die nun das Etikett "Regietheater" oder "konventionell" angepappt haben oder nicht, ist ober-irrelevant. Ob eine Inszenierung "progressiv" oder "herkömmlich" daherkommt, sagt ja nun wirklich absolut nichts darüber aus, ob das Konzept stimmig und schlüssig, und ob die Umsetzung gelungen und überzeugend ist. Eine Einteilung "Regietheater gut, konventionell schlecht" ist genauso hirnrissig, wie "Regietheater schlecht, konventionell gut" Das kann man einfach so nicht sagen. Ob eine Inszenierung gut oder schlecht ist geht nur über Einzelfallbetrachtung. M.E. ist auch der Gegensatz "Regietheater" vs. "konventionell" ein konstruierter und eigentlich nicht existent, denn auch das "Regietheater" lebt über weite Strecken von Konventionen. Die sehen dort nur anders aus.

Im Übrigen ist mein Eindruck, daß diese Diskussion pro und contra Regietheater (was immer man darunter verstehen will, die nebenbei so überflüssig und sinnlos ist wie ein Kropf) nur deswegen existiert, weil von beiden Seiten mit unzulässigen Verallgemeinerungen argumentiert wird. (by the way: Auch das so sorgfältig elaborierte Eröffnungsposting hält in dieser Hinsicht einer Analyse nicht in allen Punkten stand…) Pauschale Ablehnung des "Regietheaters" zeugt ohne Zweifel von einer gewissen ideologischen Verbohrtheit. Die Gegner desselben in Bausch und Bogen intellektuellen Unvermögens und Unbeweglichkeit zu zeihen auch. Der Umstand, daß es für beide (sic!) Positionen Beispiele gibt, die eben jene Position zu rechtfertigen scheinen, belegt eher, daß beide Extrempositionen in ihrer Ausschließlichkeit falsch sind.

Anderes Thema, aufgehängt an "Business-Kleidung": Die Verortung bzw. hier die "Verzeitung" der Handlung. Das war eigentlich noch nie wirklich ein Thema, seit es Theater gibt, und hat mit "Regietheater absolut nichts zu tun. Auch im Barock wurden schon in der Oper antike oder mittelalterliche Stoffe im Barockkostüm in Barockkulisse aufgeführt. (Das daß im 19. Jh. im Zeitalter des Historismus anders war ist naheliegend und aus der Kunstauffassung dieser Zeit erklärbar) Tatsächlich ist ja bei vielen Dramen (ob mit oder ohne Musik) der dramatische Konflikt völlig unabhängig von der Zeit, in der er spielt. Daher ist es auch für die Aussage absolut ohne Belang, ob in moderner Kleidung, archaisierend, im möglichst korrektem Ambiente oder sonstwie gespielt wird. Aus diesem Grunde: Ist das wirklich ein Thema? Ein Thema beim Publikum? (Nach meinem Dafürhalten eher nicht)

Allerdings, da der dramatische Konflikt unabhängig vom Ambiente ist: Das gilt in beide Richtungen. Es ist also nicht wirklich notwendig, jedes Stück in der Jetztzeit anzusiedeln. Wenn man's trotzdem macht: so what! Ärgerlich wird's nur, wenn man dem Publikum die Transferleistung erkennbar nicht zutraut, frei nach dem Motto: Ihr seid zu doof, um den aktuellen Bezug zu erkennen. Deswegen zeigen wir euch, WIE aktuell das Ganze ist. Verärgerung darüber ist nachvollziehbar. Das Selbstverständnis eines Regisseurs sollte ein anderes sein, als Hilfsschullehrer sein zu wollen. Das ist ein anderer Beruf mit anderen Zielsetzungen und anderer Klientel....
viele Grüße

Bustopher


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Severina

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22

Montag, 14. Dezember 2009, 18:11

Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Aufregung nicht.


Anderes Thema, aufgehängt an "Business-Kleidung": Die Verortung bzw. hier die "Verzeitung" der Handlung. Das war eigentlich noch nie wirklich ein Thema, seit es Theater gibt, und hat mit "Regietheater absolut nichts zu tun. Auch im Barock wurden schon in der Oper antike oder mittelalterliche Stoffe im Barockkostüm in Barockkulisse aufgeführt. (Das daß im 19. Jh. im Zeitalter des Historismus anders war ist naheliegend und aus der Kunstauffassung dieser Zeit erklärbar) Tatsächlich ist ja bei vielen Dramen (ob mit oder ohne Musik) der dramatische Konflikt völlig unabhängig von der Zeit, in der er spielt. Daher ist es auch für die Aussage absolut ohne Belang, ob in moderner Kleidung, archaisierend, im möglichst korrektem Ambiente oder sonstwie gespielt wird. Aus diesem Grunde: Ist das wirklich ein Thema? Ein Thema beim Publikum? (Nach meinem Dafürhalten eher nicht)

Lieber Bustopher,
doch, gerade das ist ein Thema für alle Gegner des so genannten "Regietheaters", ich würde sogar sagen, das Hauptthema!! Lies Dir doch einmal die wütenden Aufschreie durch, wenn ein Regisseur sich nicht an die "richtige Zeit" hält (Was immer darunter zu verstehen ist...) Auch bei unserem "Macbeth" in Wien war das Hauptgesprächsthema in der Pause der graue Anzug des Titelhelden ("So schaut doch kein König aus!") und der Seidenschlafrock der Lady und viel weniger die unübliche, aber sehr interessante Charakterisierung der beiden.
Wobei die "richtige Zeit" gar nicht richtig sein muss, so lange sie für das Publikum so ausschaut, als ob sie es wäre. Ein Carlos im Rüschenhemd wird als "richtig" empfunden, auch wenn der Schnitt für das 16. Jhdt. völlig falsch ist, einer im Jeanshemd sorgt garantiert für Empörung, weil das eine "Verfälschung der historischen Wahrheit" ist.

Mir sind die Inszenierungen am liebsten, die weder zeitlich noch räumlich konkret fixierbar sind, weil sie das Allgemeingültige eines Werkes am besten vermitteln können und ungehindert Assoziationen zulassen, ohne dass man von vornherein in eine bestimmte Denkrichtung gelenkt wird.
Aber wie Du richtig sagst: Wenn ein Regisseur sein Handwerk versteht, wird er in jedem Stil eine überzeugende Inszenierung vorlegen können, Mist gibt es da wie dort!
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

23

Montag, 14. Dezember 2009, 19:07

Lieber Mengelbert,

dann nehme ich alles zurück. :prost:


Ich werde jedenfalls weiter bei Tamino gegen diese Scheuklappensicht antreten - ich hab jedenfalls Spaß dabei, weil ich das nicht so ernst nehme.
Aber den Kram kann man nicht unkommentiert da stehen lassen, schon aus Prinzip nicht :pfeif:
Und wenn ich deswegen irgendwann fliege - tel Aviv - so ist das Leben. :D

Im Moment bin ja DER EINZIGE der bisher da "unseriös" reagiert hat.... ich lach mich weg. :mlol:

24

Montag, 14. Dezember 2009, 20:35

Lieber Bustopher

Vielen Dank für deinen Beitrag!

Ich finde, du bringst es auf den Punkt.
Mehr gibt´s dazu wirklich nicht zu sagen.

LG
Juli

:wink:
"Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
(Loriot)

25

Dienstag, 15. Dezember 2009, 09:36

Bei dieser Metadiskussion über die Kritik an der modernen Opernregie (um das unselige Wort "Regietheater" zu vermeiden) möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob denn jemand eine Erklärung für die Vehemenz dieser Kritik hat?

Die von Mengelberg zitierten Anmerkungen zur MET-Tosca und selbst alles, was man bei Tamino lesen kann, sind ja nur die Spitze des Eisbergs und relativ harmlos, gemessen an dem, was in den Weiten des Internets sonst noch so zu finden ist. Wer gute Nerven hat, kann bei Google nach "eurotrash opera" suchen und sich durch die Antworten klicken - der Hass, der einem aus so manchem amerikanischem Blog entgegen schlägt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das geht weit über eine ästhetische Debatte hinaus, die ja durchaus legitim wäre, und ist die verbale Entsprechung des Buh-Geschreis in manchen Häusern, das oft genug mehr als bloße Missfallensbekundung und in seiner hasserfüllten Aggressivität wirklich erschreckend ist. Wie kommt es, dass ausgerechnet zu diesem Thema keine sinnvolle Diskussion möglich zu sein scheint, weil die "Gegner" sich innerhalb weniger Minuten mit hochroten Gesichtern anschreien? So, als würde von einer Operninszenierung der Fortbestand des Abendlandes und die Zukunft der Menschheit abhängen. Darauf habe ich noch keine befriedigende Antwort gefunden.

Positives findet sich im amerikanischen Internet übrigens auch, wie dieser Artikel mit dem Untertitel "How one critic learned to stop worrying and love Regietheater." :sev:

Michel
Kunst ist vom Geist beherrschte Magie. Kunst als erfahrene Möglichkeit von Freiheit. Plötzlich spüren Sie beim Hören etwas fast naturhaft - wie ein Blitz: Und Sie hören als ein Veränderter, sind auf ganz neue Weise dabei. (Helmut Lachenmann)

26

Dienstag, 15. Dezember 2009, 10:01

Bei dieser Metadiskussion über die Kritik an der modernen Opernregie (um das unselige Wort "Regietheater" zu vermeiden) möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob denn jemand eine Erklärung für die Vehemenz dieser Kritik hat?

Die von Mengelberg zitierten Anmerkungen zur MET-Tosca und selbst alles, was man bei Tamino lesen kann, sind ja nur die Spitze des Eisbergs und relativ harmlos, gemessen an dem, was in den Weiten des Internets sonst noch so zu finden ist. Wer gute Nerven hat, kann bei Google nach "eurotrash opera" suchen und sich durch die Antworten klicken - der Hass, der einem aus so manchem amerikanischem Blog entgegen schlägt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das geht weit über eine ästhetische Debatte hinaus, die ja durchaus legitim wäre, und ist die verbale Entsprechung des Buh-Geschreis in manchen Häusern, das oft genug mehr als bloße Missfallensbekundung und in seiner hasserfüllten Aggressivität wirklich erschreckend ist. Wie kommt es, dass ausgerechnet zu diesem Thema keine sinnvolle Diskussion möglich zu sein scheint, weil die "Gegner" sich innerhalb weniger Minuten mit hochroten Gesichtern anschreien? So, als würde von einer Operninszenierung der Fortbestand des Abendlandes und die Zukunft der Menschheit abhängen. Darauf habe ich noch keine befriedigende Antwort gefunden.

Positives findet sich im amerikanischen Internet übrigens auch, wie dieser Artikel mit dem Untertitel "How one critic learned to stop worrying and love Regietheater." :sev:

Michel

Lieber Michel,

meine persönliche Antwort auf diese sicher bedenkenswerte Frage: Oper ist der Fußball des sogenannten "Bildungsbürgertums" (oder zumindest derer, die sich dafür halten). Der Arbeiter grölt die gegnerische Mannschaft vom Feld, der Generaldirektor den Opernregisseur. ;+)

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

27

Dienstag, 15. Dezember 2009, 10:02

Bei dieser Metadiskussion über die Kritik an der modernen Opernregie (um das unselige Wort "Regietheater" zu vermeiden) möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob denn jemand eine Erklärung für die Vehemenz dieser Kritik hat?
(...)
Der Hass, der einem aus so manchem amerikanischem Blog entgegen schlägt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das geht weit über eine ästhetische Debatte hinaus, die ja durchaus legitim wäre, und ist die verbale Entsprechung des Buh-Geschreis in manchen Häusern, das oft genug mehr als bloße Missfallensbekundung und in seiner hasserfüllten Aggressivität wirklich erschreckend ist. Wie kommt es, dass ausgerechnet zu diesem Thema keine sinnvolle Diskussion möglich zu sein scheint, weil die "Gegner" sich innerhalb weniger Minuten mit hochroten Gesichtern anschreien? So, als würde von einer Operninszenierung der Fortbestand des Abendlandes und die Zukunft der Menschheit abhängen. Darauf habe ich noch keine befriedigende Antwort gefunden.


Genau da setzt ja meine Theorie an. Ich glaube, daß das alles mit Oper wirklich nichts mehr zu tun hat.

:wink:

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

28

Dienstag, 15. Dezember 2009, 10:29

Lieber Michel,

vielen Dank für den Hinweis auf den hervorragenden englischen Artikel. Er gibt auch mindestens eine Antwort auf Deine Frage nach der Heftigkeit der Reaktionen. Mir schent wirklich viel dran zu sein an der Hypothese, dass das Publikum von Inszenierungen enttäuscht ist wie das Filmpublikum von einer Verfilmung eines Lieblingsbuches - die übrigens viel zu teuer ist, als dass sich die meisten Regisseure gravierende Eingriffe über das vom Medium Verlangte hinaus leisten dürfen. Da gibt es auffällige Parallelen zu dem gesponsorten Theater etwa der MET einerseits und dem subventionierten bei uns andererseits, das sich fraglos größere Freiheiten erlauben kann.

Bezeichnenderweise sind es eher die (vermeintlichen) Opernkenner - und Premierenabonennten, deren Reaktionen wir meist beschrieben oder gar übertragen bekommen, verstehen sich in der Regel als solche -, die sich gerne aufregen und weniger diejenigen, für die Oper an sich (oder ein bestimmtes Werk) eher Neuland sind.

Die Vehemenz der Reaktion hat also sehr viel mit enttäuschter Liebe zu tun. Aus anderen Bereichen des Lebens wissen wir, dass Liebe sehr obsessiv sein und das Objekt der Zuneigung leicht erdrücken kann, weil merkwürdigerweise immer ein gewisser Besitzanspruch mit hinein spielt. Entsprechend lesen sich viele Klagen so, als habe ein Regisseur "meine" Oper kaputt inszeniert und damit einen Besitz geschädigt. Woher dieser Besitzanspruch rührt, ist mir schleierhaft, aber er ist sehr ausgeprägt. Dabei gehe ich mal davon aus, dass jeder proportional die gleichen Steuern zahlt, mit denen eine Inszenierung finanziert wird.

Liebhaber(eien) sind schon etwas Seltsames.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

29

Dienstag, 15. Dezember 2009, 10:31

Wie ich schon oben gesagt habe, hat das in dieser militanten Form m.E. vor allen Dingen mit mehr oder weniger unbewussten Ängsten, schlimmstenfalls bis hin zum Paranoia zu tun.
Da es heute wenig "stubenreine" Ventile dafür gibt- Hexen, Juden, Kommunisten, Faschisten, Ketzer, liederliche Weiber etc etc sind political incorrect oder out, muss ein anderes Objekt her.
Das ergänzt sich hervorragend mit Symbols statement vom Fussballl des Bildungsbürgertums!
Im Hass auf das "Regietheater" kann man sehr leicht alle möglcihen Urängste unterbringen und nach Herzenslust tarnen.
von Verschwörung der Linken war ja bereits hinreichend die Rede und auf der anderen Seite ist man serh schnell mit der Nazi-Keule bei der Hand.
Nein, mit Oper hat das oft wahrlich wenig zu tun, das sehe ich auch so.

F.Q.
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

30

Dienstag, 15. Dezember 2009, 10:53

Immer wieder höre ich von Leuten von schlechtem Gewissen zerdehnte Sätze wie: "Ich muss mal wieder ins Theater..." Als handele es sich um eine Pflichtübung wie den jährlichen Zahnartbesuch... und wenn man sich schon ins Theater schleppt, dann will man sein schlechtes Gewissen auch mit Hochkultur geschmeichelt sehen. Was für viele bedeutet: sie wollen sich gepflegt langweilen. Allzu einfach bekommt man sein schlechtes Gewissen nicht los. Wenn in einer Shakespeare-Inszenierung die nicht ins Deutsche übertragbaren doppeldeutigen Schwert/Phallus-Wortspiele szenisch dargestellt werden --- dann ist das Schweinkram und keine Hochkultur. Schließlich steht im (ins deutsche übertragenen) Text eindeutig, dass es sich um ein Schwert handelt, und nicht um ein Phallussymbol... Ich nehme an, dass solche Leute einen nicht unerheblichen Teil des Theater/Opern-Publikums ausmachen. Dass diese mit dem sogenannten "Regietheater" nichts anfangen können, verwundert mich kaum...

(Bin ich wieder zu elitär :hide: ?)

Falstaff

31

Dienstag, 15. Dezember 2009, 11:22

Lieber Michel,

vielen Dank für den Hinweis auf den hervorragenden englischen Artikel. Er gibt auch mindestens eine Antwort auf Deine Frage nach der Heftigkeit der Reaktionen. Mir schent wirklich viel dran zu sein an der Hypothese, dass das Publikum von Inszenierungen enttäuscht ist wie das Filmpublikum von einer Verfilmung eines Lieblingsbuches - die übrigens viel zu teuer ist, als dass sich die meisten Regisseure gravierende Eingriffe über das vom Medium Verlangte hinaus leisten dürfen. Da gibt es auffällige Parallelen zu dem gesponsorten Theater etwa der MET einerseits und dem subventionierten bei uns andererseits, das sich fraglos größere Freiheiten erlauben kann.

Bezeichnenderweise sind es eher die (vermeintlichen) Opernkenner - und Premierenabonennten, deren Reaktionen wir meist beschrieben oder gar übertragen bekommen, verstehen sich in der Regel als solche -, die sich gerne aufregen und weniger diejenigen, für die Oper an sich (oder ein bestimmtes Werk) eher Neuland sind.

Die Vehemenz der Reaktion hat also sehr viel mit enttäuschter Liebe zu tun. Aus anderen Bereichen des Lebens wissen wir, dass Liebe sehr obsessiv und das Objekt der Zuneigung leicht erdrücken kann, weil merkwürdigerweise immer ein gewisser Besitzanspruch mit hinein spielt. Entsprechend lesen sich viele Klagen so, als habe ein Regisseur "meine" Oper kaputt inszeniert und damit einen Besitz geschädigt. Woher dieser Besitzanspruch rührt, ist mir schleierhaft, aber er ist sehr ausgeprägt. Dabei gehe ich mal davon aus, dass jeder proportional die gleichen Steuern zahlt, mit denen eine Inszenierung finanziert wird.

Liebhaber(eien) sind schon etwas Seltsames.

:wink: Rideamus

Lieber Rideamus,

das sind sehr, sehr kluge Worte! Vielleicht eine kleine Anekdote hierzu: ich war dieses Jahr in der Aufführung einer sehr selten gespielten Oper, sehr schön inszeniert von einem jungen Regisseur mit äußerst (!) moderat eingesetzten Stilmitteln des Regietheaters. Das saturierte Generaldirektoren-Premierenpublikum hat den armen Mann fast von der Bühne gebuht. Freunde von uns waren mit, die zum ersten Mal in ihrem Leben in der Oper waren und ansonsten ausschließlich Popmusik hören - und die waren begeistert! Die wurden von der Oper gepackt, eben weil diese nicht eine olle Plüschorgie war, sondern etwas, was sie mit moderner Ästhetik berührt hat. Kombiniert mit Deinen Gedanken heißt das: die Liebe des Publikums galt nicht etwa einer bestimmten alten Inszenierung dieser Oper oder gar dem Werk selbst (das kaum einer kennen dürfte), vielmehr galt sie einem (alten) Idealbild von Oper als Traumwelt und Weltflucht des gehobenen Bürgertums. Und da wagt es so ein junger Kerl, ihnen das wegzunehmen und einer anderen Klientel potentiell zugänglich zu machen!

So weit, so gut, aber was mir nicht klar ist, ist, wieso man nicht einfach einsehen kann, daß die Welt sich ändert und man kein Naturrecht darauf hat, eine Oper im Stil der 50er oder 60er Jahre geboten zu bekommen. Aber wie Du schon geschrieben hast: Liebe kann auch leicht obsessiv und besitzergreifend werden!

LG :wink:
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Keith M. C.

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32

Dienstag, 15. Dezember 2009, 12:10

Inszenierung einer Oper

Hallo,

mein persönlicher Standpunkt ist:

1. Was ist der Kern der Auseinandersetzung bzw. auf welcher Ebene findet diese statt:

a) Eine bestimmte Inszenierung einer bestimmten Oper ggf. an einem bestimmten Abend?
b) Die Inszenierung einer Oper grundsätzlich?
c) Die Kunst grundsätzlich i. S.: Was ist Kunst, was ist erlaubt etc.?
d) Die Formen von Ästhetik schlechthin?
e) Eine politische Dimension?
f) Eine gesellschaftspolitische Dimension bzw. eine Wertediskussion?

Man kann und darf über alle verschiedenen Ebenen Meinungen austauschen, jedoch sollte man kenntlich machen auf welcher Ebene man eigentlich diskutiert.

2. Für meinen Teil kommt in einem 'Klassikforum' nur noch Punkt 1a) in Betracht. Ggf. - aber nur bei rein musikwissenschaftlicher Betrachtung - Punkt 1b).

3. Wenn (in dem von Mengelberg angesprochenen Fall) ein Forenbetreiber seinen persönlichen Geschmack und seine persönlichen Ansichten bzgl. Politik, Gesellschaft und Ethik bzw. Ästhetik zum Maßstab erheben will, einen Feldzug versucht (ich gebrauche diesen militaristischen Begriff, da dieser es selbst - jedoch in unverantwortlicher Art und Weise - betreibt), eine Phalanx der Beipflichtenden erwünscht und dabei seine Machtbefugnisse ausspielt…überfällt mich ein Grauen. Man kann immer anderer Meinung sein und diese vertreten..., aber wenn man den Unwillen des Forums-Verantwortlichen und seine eigenwilligen, eigenmächtigen Schlussfolgerungen (Forumsausschluss usw.) fürchten muss, ist das in einem Forum über eine 'Form der Kunst' nicht statthaft, statuiert intellektuelles Unvermögen und erhebt die eigene Borniertheit zuerst zum Maßstab, dann zur Kunstform! (...Don Quijote hat dagegen mein Mitgefühl. :D )
[rein persönliche Stellungnahme]. *

4. Lieber Mengelberg: Deine Ausführungen (in Beitrag 1) zeugen von Wissen und Voraussicht, welche ich zumindest zu 95 % teile, und ich gescheite Analysen und Begründungen der jeweiligen Standpunkte schätze. Leider sind wir hier einer Meinung, aber ich hoffe wir werden uns anderer Stelle sachlich streiten können. ;+)

5. In Capriccio sollten alle willkommen sein: Mitglieder, welche "konservative" (und/) oder "progressive" Inszenierungen mögen.

Bis dann.

* Der Anlass war wohl ein Interview/Vortrag eines Mannes, der die Unterbeschäftigung und Zermürbtheit seines Vaters zu rechtfertigen wünschte [rein persönliche Meinung, die direkt mit Capriccio nichts zu schaffen hat].

33

Dienstag, 15. Dezember 2009, 13:40

Metadiskussionen

Vielen Dank, lieber Michel, für den Aspekt, den du mit der - wohl mehrheitlichen, trotz des Gegenartikels - amerkianischen Sicht der Dinge hier ins Spiel gebracht hast. Das wäre in der Tat ein paar Gedanken wert, die m. E. auch mit dem ziemlich gründlichen Wandel der Befindlichkeit dieser Nation zu tun hat. War Amerika einst Vorreiter auf innovativen Gebieten der Entwicklung des Menschenbildes mit bahnbrechenden neuen Erkenntnissen in Psychologie und den Sozialwissenschaften z. B. überhaupt, so herrscht nun heutzutage ein ziemlich eingerostet - ultrakonservativer Zeitgeist vor, an dem auch die Wahlentscheidung für den jetzigen Präsidenten nichts geändert hat.

Wenn ich mir vorstelle, was dort wegen der geplanten Einführung gesetzlicher Krankenkassen veranstaltet wird, lange ich mir eigentlich nur noch ans Hirn!

Irgendwie passt das Gebaren zur Oper, auch wenn diese, wie überall eher eine Stellvertreter- und auch "gehobene" Ventilfunktion für einige ausübt, da m. E. wunderbar hinein, auch wenn ich das nun sehr verkürzt in den Raum stelle.

Um derlei Hass zu diesem Thema zu lesen, braucht man allerdings, wie uns ja bekannt ist, nicht bis Amerika gehen, sondern es reicht, nach nebenan zu schauen. Leider, traurig, unsäglich. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, denn m. E. sollte dies hier nicht einen allzu großen Raum einnehmen.

Ich kann mich nach wie vor nicht als 100 - prozentiger Anhänger einer dieser Inszenierungsrichtungen bezeichnen, und eine Ideologie darüber lehne ich strikt ab. Letztlich kommt man, wenn man das Regiethema streift, immer auf konkrete Einzelinszenierungen, die man hoffentlich mit vielen guten Gründen als gelungen oder missglückt betrachten kann.

Solche Diskussionen finde ich persönlich die spannenderen, hüben wie drüben und ich bin, ehrlich gesagt froh, dass eine Capriccio - Diskussion zu diesem Themenkomplex so aussieht, wie es gelebt wird (z. B. Valencia - Ring).



:wink:
Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also selbst denken wollen (Karl Marx)

34

Dienstag, 15. Dezember 2009, 16:25

Was ihr mir bei all euren in gewisser Hinsicht durchaus zutreffenden Theorien von der "enttäuschten Liebe" zu vergessen scheint, ist die Tatsache, daß *verfremdende* Inseznierungen (ich spreche jetzt mal mit Absicht nicht von DEM *Regietehater") im deutschsprachigen Raum in der erdrückenden Mehrheit sind.

Wenn ich eine Oper ohne für meine Begriffe entstellende Zutaten sehen will, muß ich normalerweise sehr weit reisen, was mir weder meine Zeit noch meine finanziellen Mittel wirklich erlauben. In meiner Heimatstadt, in der es seit Beginn meines Operninteresses gegen Ende der 70ger Jahre bis ca. 1995 genug Aufführungen gab, die ich als äußerst eindrucksvoll empfunden habe, stoße ich nur noch auf Produktionen mit Unmengen von Zutaten, bei denen bis vor ca.20 Jahren - also in hundert oder hundertzwanzig oder hundertfünfzig Jahren Aufführungsgeschichte der betreffenden Opern - kein Regisseur je auf die Idee gekommen wäre, daß sie etwas mit dem Stück zu tun haben könnten.

Mir ist es nur noch in sehr seltenen Glücksfällen überhaupt möglich, Opern so zu erleben, wie ich sie erlebt habe und gerne erleben möchte (aus welchen Gründen auch immer). Wenn sich ein verfremdender und ein konservativer Regiestil an "meinem" Opernhaus (und an den Theatern in den benachbarten Großstädten) einigermaßen die Waage halten würden, wäre die PERMANENTE Entäuschung, die daraus resultierende Verbitterung und manchmal auch Wut - daß die schon mal in mir hochkommen kann, gebe ich offen zu - nicht vorhanden. Solange es genug Alternativen gibt, können Regisseure, die sich für besonders progressiv halten, meinetwegen gerne auch mal meine Lieblingsopern durch ihren Wolf drehen. Diese Alternativen finden sich jedoch für mich kaum noch. Ich kann halt normalerweise nicht mal eben für eines der wenigen freien Wochenenden nach Berlin düsen - der Weg nach Düsseldorf, Köln oder Essen ist gerade weit genug. Aber da bekomme ich in der Regel den gleichen für mich ungenießbaren Wust vorgesetzt wie hier in Aachen..

Viele Grüße

Bernd

35

Dienstag, 15. Dezember 2009, 16:56

Liebe Ulrica

Auch aus den USA gibt es Stimmen, denen die Reaktion des MET-Publikums sehr peinlich war. Ein sehr böser Artikel ist in diesem Blog zu finden. Na gut, die amerikanische Autorin lebt im europäischen Exil und hat sich vermutlich hier infiziert :D

Wer mutig ist, kann ja anderswo das folgende Zitat von Graham Vick als Signatur verwenden "To me, Eurotrash is Zeffirelli" :beatnik:

Michel
Kunst ist vom Geist beherrschte Magie. Kunst als erfahrene Möglichkeit von Freiheit. Plötzlich spüren Sie beim Hören etwas fast naturhaft - wie ein Blitz: Und Sie hören als ein Veränderter, sind auf ganz neue Weise dabei. (Helmut Lachenmann)

Severina

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36

Dienstag, 15. Dezember 2009, 16:58

Was die WSO betrift, so dominieren hier leider die schlechten Inszenierungen, egal, welcher Stilrichtung sich der Regisseur verpflichtet fühlt. Wenn ich die Inszenierungen aufzählen sollte, die mich in den letzten Jahren ohne Einschränkungen begeistert haben, so komme ich mit zwei Fingern aus: "Fille du Regiment" (Schon wieder 2 Jahre her!) und unlängst die "Lady Macbeth..." Die meisten rangieren unter "Es könnte schlimmer sein..." Gäbe es nicht das Theater an der Wien, würde ich langsam verzweifeln.
Wenn dann unter der neuen Direktion, wie zu befürchten steht, das sängerische Niveau sinkt, muss ich mir wohl wirklich ein anderes Hobby suchen, denn Konserven sind für mich nur Zusatznahrung, satt und glücklich machen sie mich alleine nicht.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

gioachino

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37

Dienstag, 15. Dezember 2009, 17:42

Solange eine Regisseurin/ein Regisseur verdeutlichen kann, dass die Musik sie/ihn nicht stört, sondern beflügelt, was leider nicht immer der Fall zu sein scheint, können die Herrschaften machen, was sie wollen ! Und wenn sie Noten lesen können - umso schöner.....



Ciao. Gioachino :klatsch:
miniminiDIFIDI

38

Dienstag, 15. Dezember 2009, 20:15

Was ihr mir bei all euren in gewisser Hinsicht durchaus zutreffenden Theorien von der "enttäuschten Liebe" zu vergessen scheint, ist die Tatsache, daß *verfremdende* Inseznierungen (ich spreche jetzt mal mit Absicht nicht von DEM *Regietehater") im deutschsprachigen Raum in der erdrückenden Mehrheit sind.



Deine Meinung respektiere ich natürlich. Eines aber möchte ich genauer wissen: Wenn Du bestimmte Dinge als verfremdet bezeichnest, vor welchem Maßstab geschieht das? Woran erkenne ich, daß etwas nicht verfremdet ist und wo und warum fängt Verfremdung an?


To me, Eurotrash is Zeffirelli


Klasse! Ich habe mir den Spruch schon gestohlen! :D

:wink:

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

39

Dienstag, 15. Dezember 2009, 20:51

Ich würde Bernds (arudo donax) festgestellte vermeintliche Angebotskrise bezügl. "nicht-verfremdender" Inszenierungen gerne bereitwillig diskutieren, würde dafür aber ebenso um eine etwas präzisere Erläuterung von "Verfremdung" bitten. Ist hiermit bereits jegliche Abweichung vom Text der Partitur/des Librettos gemeint? Dann wäre ja z. B. auch die Verwendung eines abstrakten Bühnenbildes in den meisten Fällen bereits Verfremdung. Oder das Nicht-Anzünden des Opernhauses am Ende der Götterdämmerung. :D

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

Quasimodo

Sonneur des cloches

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Beiträge: 806

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40

Dienstag, 15. Dezember 2009, 20:57

Ist hiermit bereits jegliche Abweichung vom Text der Partitur/des Librettos gemeint?
Jede Aufführung bedeutet eine Abweichung vom Text, unausweichlich, wurde ja bereits ausgeführt. Wir sollten das mal festhalten; das wäre mal ein Punkt, um tatsächlich dogmatisch zu werden. ;+)

Oder das Nicht-Anzünden des Opernhauses am Ende der Götterdämmerung.
Die Wagner-Oper mit dem Anzünden von Opernhäusern war doch "Hoffmanns Erzählungen"! :pfeif:
Bernd

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