Lieber Mengelberg,Ich behaupte: der militante Gegner der modernen Inszenierung hat Angst. Er hat Angst vor dem Neuen, vor dem Unbekannten. Alles muß im eingefahrenen Rahmen bleiben. Um diese Forderung zu rechtfertigen wird ein Arsenal von Scheinargumenten angeführt. Dumpfe, nationalistische Parolen kommen hinzu. Das ist Argumentieren wie bei der Bild-Zeitung. Es geht um eine Ur-Angst. Fremdes ("Verfremdung") - Nein Danke.
Allein, um die Oper geht es nicht.
M.
Rideamus
Gurnemanz]Daher kann ich diesen Satz nicht ganz nachvollziehen, denn in einem Forum in dem der Betreiber sich in dieser Weise ideologisch nach aussen exponiert, würde ich mich persönlcih als aktives Mitglied blamiert fühlen, es sei denn, ich schreibe offen dagegen an . Wer das weiterhin durchhält, hat meinen Respekt!Mich wundert allerdings, dass Du aufgrund dieser Thematik T. verlassen hast. Und dann hier sofort wieder diese Diskussion aufgreifst.
Ein Forum zu wechseln nur weil einem die Antworten nicht passen.... na ja.
Das stimmt sicher alles, aber es kommt auch noch etwas anderes dazu, das ich gut verstehen und nachempfinden kann: eine nostalgische Sehnsucht nach heiler schöner und bekannter Welt.Man will verwöhnt werden ohne nachdenken zu müssen oder anderweitig gefordert zu werden und bemäntelt seine Angst vor intellektueller Beanspruchung mit einer völlig verfehlten Berufung auf den vermeintlichen - dabei aber gründlich missverstandenen - Geist der Autoren.

), und die konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also habe ich da zum ersten Mal eine Oper angeschaut.
Ich weiß leider nicht mehr, wer inszeniert hat, aber ein anachronistischer Blick auf unseren tollen Kalender verrrät, dass Michael Boder die Bochumer Symphoniker dirigiert hat. Die Inszenierung lief dieses Jahr auf der Ruhrtriennale.
Ich weiß nicht, wie wichtig die Zeit, in der Moses und Aron spielt, für diese Oper ist, aber irgendwie kann ich mich nicht an Moses in Kleidung des 21. Jahrhunderts gewöhnen, wenn er in der Wüste vom einzigen, allwissenden, allmächtigen, unsichtbaren Gott "singt"... Wie gesagt, den Rest fand ich genial, und das war nun wirklich keine konservative Aufführung. In der Szene, wo Moses und Aron von weit, weit her zurück zum Volk kommen und das Volk sie schon von weitem sieht, sind Moses und Aron gar nicht auf der Bühne, sondern werden als ein Film (und zwar wirklich in der Wüste!) auf eine Leinwand projiziert, bis sie dann beim Volk ankommen.
Philipp
Fand ich eigentlich eine richtig geniale Idee, aber die restlichen anderthalb Stunden der Oper habe ich mir dann doch irgendwie gewünscht, sie trügen archaische Fellmäntel... Bin ich jetzt Regietheater-Opponent? :
) Aber auch bei Opern, die irgendwie gesellschaftskritisch sind, wie bspw. der Wozzeck, entsetzten mich die Bilder so oder so, möchte ich meinen. Ich weiß nicht, ich glaube, mir geht es einfach irgendwie um einen bestimmten "Flair", den meine ich auch die Musik zu Moses und Aron hergibt... wenn ich mich nicht täusche, wird da sehr viel mit Oboe, Englischhorn und Fagott gearbeitet, und auch dieser Klang hat für mich irgendwie einen "archaischen" Charakter. Mal bewusst polemisch gefragt, wenn man die Handlung der Oper ver-anachronisieren darf (oder wie nennt man das?^^), warum dann nicht auch die Musik? Bspw. Kontra- durch E-Bässe, Klavier durch Keyboard, Geigen durch E-Gitarren ersetzen und Schlagzeugbegleitung darunterlegen. Schließlich ist die Partitur wie oben beschrieben ja nicht objektiv deutbar, und ein Werk (also doch auch dessen Musik) die Summe aller seiner Interpretationen.
Zitat
Ich weiß nicht, ich glaube, mir geht es einfach irgendwie um einen bestimmten "Flair", den meine ich auch die Musik zu Moses und Aron hergibt...
Lieber Ekkehard,Ich reihe mich gern bei denen ein, die dieser Diskussion - in dieser Abstraktheit - nurmehr wenig abgewinnen können. Meines Erachtens ist es ergiebiger, sich konkret über bestimmte Inszenierungen auszutauschen.
Um auf Regietheater als Thema zurück zu kommen: Ich kann in diesem Zusammenhang nur das Buch "Vom Wunderwerk der Oper" von Jens Malte Fischer empfehlen, dass ich mit Gewinn gelesen habe.
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Fischer erläutert sehr anschaulich den Begriff der Werkidee, den er von dem der Werktreue abgrenzt. Ich fand das alles sehr gut nachvollziehbar.
Zitat
Im übrigen bin ich schon immer dann eine Gegnerin des Regietheaters gewesen, insofern auf die Sänger keine Rücksicht mehr genommen wird.
Ich sehe aber inzwischen aber genug hervorragende Regisseure, die eines mit dem anderen verbinden können und glaube weiter an eine zuküftige Synthese aus Sänger/Dirigenten/Regietheater.
Zitat
Mr. Zeffirelli has not seen the Bondy production, but he said the audience was right to boo. “It comforts and encourages me, giving me confirmation that what I fight for, I still fight for after 80 years in the theater, is still the right thing,” he said.
The Met and Mr. Bondy, he said, have let down their fans. “They don’t go there to see something revolutionary,” Mr. Zeffirelli said. “They want to hear the music. They want to dream the dreams that have become the cultural patrimony for generations.”
The blame must also lie with James Levine, the house’s music director and the conductor of the opening night performance, he said. “The conductors are those that should be watching that the authors are being respected,” he said. Mr. Levine “must know, unless he’s gone completely gaga,” that Mr. Bondy’s production was a “crime.”
“It’s not what the author wanted. It’s against the music, and the music is in his hands,” he said of Mr. Levine.
Mir scheint, dass da ein anderer "completely gaga" ist, zu diesen Absonderungen kann man wirklich nur mehr den Kopf schütteln. Nun kenne ich diese MET-Inszenierung natürlich auch nicht, aber just Luc Bondy ins Lager der Regie-Berserker zu stellen, ist wohl mehr als absurd. Ich habe noch nie eine Arbeit von ihm gesehen, in der er nicht äußerst respektvoll mit dem Werk (sei es Oper, sei es Sprechtheater) umgegangen wäre und eine ungemein ästhetische Bühnensprache gefunden hätte. (Ich denke z.B. an seinen großartigen "Lear" an der Burg vor zwei Jahren) Wenn man also an der MET schon eine Bondy-Inszenierung als "shocking" empfindet, wüsste ich gerne, wie man dort auf Bieito reagiert. Den würde man vermutlich teeren und federn.....Zeffirelli vs. Bondy und Levine: Der Rambo holzt weiter, natürlich mit den altbekannten "Argumenten":
Zitat
Mr. Zeffirelli has not seen the Bondy production, but he said the audience was right to boo. “It comforts and encourages me, giving me confirmation that what I fight for, I still fight for after 80 years in the theater, is still the right thing,” he said.
The Met and Mr. Bondy, he said, have let down their fans. “They don’t go there to see something revolutionary,” Mr. Zeffirelli said. “They want to hear the music. They want to dream the dreams that have become the cultural patrimony for generations.”
The blame must also lie with James Levine, the house’s music director and the conductor of the opening night performance, he said. “The conductors are those that should be watching that the authors are being respected,” he said. Mr. Levine “must know, unless he’s gone completely gaga,” that Mr. Bondy’s production was a “crime.”
“It’s not what the author wanted. It’s against the music, and the music is in his hands,” he said of Mr. Levine.
Mehr zu lesen gibt es hier:
http://artsbeat.blogs.nytimes.com/2009/0…%20wakin&st=cse
http://www.nytimes.com/2009/09/23/arts/m…%20wakin&st=cse
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M.
Ich habe kein Problem damit, wenn Opernliebhaber mit der Ästhetik bestimmter Opernproduktionen nichts anfangen können. Das ist ihr gutes Recht. Aber daß man sich schlicht weigert zu begreifen, wie problematisch der Begriff der "Werktreue" bei einer Kunstform ist, die auch und gerade von dem Immer-Wieder-Neu-Entstehen der Werke lebt, das finde ich schon dürftig.
Lieber Bustopher,Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Aufregung nicht.
Anderes Thema, aufgehängt an "Business-Kleidung": Die Verortung bzw. hier die "Verzeitung" der Handlung. Das war eigentlich noch nie wirklich ein Thema, seit es Theater gibt, und hat mit "Regietheater absolut nichts zu tun. Auch im Barock wurden schon in der Oper antike oder mittelalterliche Stoffe im Barockkostüm in Barockkulisse aufgeführt. (Das daß im 19. Jh. im Zeitalter des Historismus anders war ist naheliegend und aus der Kunstauffassung dieser Zeit erklärbar) Tatsächlich ist ja bei vielen Dramen (ob mit oder ohne Musik) der dramatische Konflikt völlig unabhängig von der Zeit, in der er spielt. Daher ist es auch für die Aussage absolut ohne Belang, ob in moderner Kleidung, archaisierend, im möglichst korrektem Ambiente oder sonstwie gespielt wird. Aus diesem Grunde: Ist das wirklich ein Thema? Ein Thema beim Publikum? (Nach meinem Dafürhalten eher nicht)
Bei dieser Metadiskussion über die Kritik an der modernen Opernregie (um das unselige Wort "Regietheater" zu vermeiden) möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob denn jemand eine Erklärung für die Vehemenz dieser Kritik hat?
Die von Mengelberg zitierten Anmerkungen zur MET-Tosca und selbst alles, was man bei Tamino lesen kann, sind ja nur die Spitze des Eisbergs und relativ harmlos, gemessen an dem, was in den Weiten des Internets sonst noch so zu finden ist. Wer gute Nerven hat, kann bei Google nach "eurotrash opera" suchen und sich durch die Antworten klicken - der Hass, der einem aus so manchem amerikanischem Blog entgegen schlägt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das geht weit über eine ästhetische Debatte hinaus, die ja durchaus legitim wäre, und ist die verbale Entsprechung des Buh-Geschreis in manchen Häusern, das oft genug mehr als bloße Missfallensbekundung und in seiner hasserfüllten Aggressivität wirklich erschreckend ist. Wie kommt es, dass ausgerechnet zu diesem Thema keine sinnvolle Diskussion möglich zu sein scheint, weil die "Gegner" sich innerhalb weniger Minuten mit hochroten Gesichtern anschreien? So, als würde von einer Operninszenierung der Fortbestand des Abendlandes und die Zukunft der Menschheit abhängen. Darauf habe ich noch keine befriedigende Antwort gefunden.
Positives findet sich im amerikanischen Internet übrigens auch, wie dieser Artikel mit dem Untertitel "How one critic learned to stop worrying and love Regietheater."![]()
Michel
Bei dieser Metadiskussion über die Kritik an der modernen Opernregie (um das unselige Wort "Regietheater" zu vermeiden) möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob denn jemand eine Erklärung für die Vehemenz dieser Kritik hat?
(...)
Der Hass, der einem aus so manchem amerikanischem Blog entgegen schlägt, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Das geht weit über eine ästhetische Debatte hinaus, die ja durchaus legitim wäre, und ist die verbale Entsprechung des Buh-Geschreis in manchen Häusern, das oft genug mehr als bloße Missfallensbekundung und in seiner hasserfüllten Aggressivität wirklich erschreckend ist. Wie kommt es, dass ausgerechnet zu diesem Thema keine sinnvolle Diskussion möglich zu sein scheint, weil die "Gegner" sich innerhalb weniger Minuten mit hochroten Gesichtern anschreien? So, als würde von einer Operninszenierung der Fortbestand des Abendlandes und die Zukunft der Menschheit abhängen. Darauf habe ich noch keine befriedigende Antwort gefunden.
Rideamus
?)Lieber Michel,
vielen Dank für den Hinweis auf den hervorragenden englischen Artikel. Er gibt auch mindestens eine Antwort auf Deine Frage nach der Heftigkeit der Reaktionen. Mir schent wirklich viel dran zu sein an der Hypothese, dass das Publikum von Inszenierungen enttäuscht ist wie das Filmpublikum von einer Verfilmung eines Lieblingsbuches - die übrigens viel zu teuer ist, als dass sich die meisten Regisseure gravierende Eingriffe über das vom Medium Verlangte hinaus leisten dürfen. Da gibt es auffällige Parallelen zu dem gesponsorten Theater etwa der MET einerseits und dem subventionierten bei uns andererseits, das sich fraglos größere Freiheiten erlauben kann.
Bezeichnenderweise sind es eher die (vermeintlichen) Opernkenner - und Premierenabonennten, deren Reaktionen wir meist beschrieben oder gar übertragen bekommen, verstehen sich in der Regel als solche -, die sich gerne aufregen und weniger diejenigen, für die Oper an sich (oder ein bestimmtes Werk) eher Neuland sind.
Die Vehemenz der Reaktion hat also sehr viel mit enttäuschter Liebe zu tun. Aus anderen Bereichen des Lebens wissen wir, dass Liebe sehr obsessiv und das Objekt der Zuneigung leicht erdrücken kann, weil merkwürdigerweise immer ein gewisser Besitzanspruch mit hinein spielt. Entsprechend lesen sich viele Klagen so, als habe ein Regisseur "meine" Oper kaputt inszeniert und damit einen Besitz geschädigt. Woher dieser Besitzanspruch rührt, ist mir schleierhaft, aber er ist sehr ausgeprägt. Dabei gehe ich mal davon aus, dass jeder proportional die gleichen Steuern zahlt, mit denen eine Inszenierung finanziert wird.
Liebhaber(eien) sind schon etwas Seltsames.
Rideamus
)
Was ihr mir bei all euren in gewisser Hinsicht durchaus zutreffenden Theorien von der "enttäuschten Liebe" zu vergessen scheint, ist die Tatsache, daß *verfremdende* Inseznierungen (ich spreche jetzt mal mit Absicht nicht von DEM *Regietehater") im deutschsprachigen Raum in der erdrückenden Mehrheit sind.
To me, Eurotrash is Zeffirelli
Jede Aufführung bedeutet eine Abweichung vom Text, unausweichlich, wurde ja bereits ausgeführt. Wir sollten das mal festhalten; das wäre mal ein Punkt, um tatsächlich dogmatisch zu werden.Ist hiermit bereits jegliche Abweichung vom Text der Partitur/des Librettos gemeint?

Die Wagner-Oper mit dem Anzünden von Opernhäusern war doch "Hoffmanns Erzählungen"!Oder das Nicht-Anzünden des Opernhauses am Ende der Götterdämmerung.
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