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Severina

Opernjunkie außer DIenst

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81

Freitag, 18. Dezember 2009, 12:08

Ähnlich wie Schönberg sich hier über Regisseure äußert, hat Mahler sich über Dirigenten geäußert und damit seine sehr exakten Partitur-Anweisungen begründet. Man sollte nicht vergessen, daß die Opernregie zu Schönbergs Zeiten noch nicht so weit entwickelt war wie heute - das Zitat stammt aus der Zeit vor Felsenstein und Wieland Wagner.

Es ist im Übrigen schon interessant: Wenn ein Klemperer Beethovens Tempo-Vorschriften eindeutig mißachtet, schreien die einschlägigen Verdächtigen nichts von "Verfremdung", steckt man aber Wotan in einen herkömmlichen Anzug, wird der Untergang des Abendlandes vermutet.

LG :wink:
Lieber Symbol,
dass bei musikalischen "Verfremdungen" nicht so laut geschrien wird, liegt vielleicht auch schlicht und einfach daran, dass sie vielen Leuten gar nicht bewusst sind. Ich z.B. kann keine Partitur lesen und habe also keine Ahnung, welche Tempo-Vorschriften ein Beethoven gemacht hat. Mir gefällt also ein Dirigat oder eben nicht, eine wissenschaftliche Begründung kann ich Dir dafür nicht liefern, weil ich eben gar nicht weiß, was in der Partitur steht und ob es da Abweichungen gibt. Ein Libretto hingegen kann jeder lesen, da stechen Diskrepanzen zwischen dem, was im Text steht, und dem, was sich auf der Bühne abspielt, sofort ins Auge und führt je nach dem persönlichen Standpunkt zu Beifall oder lautstarker Empörung.
Und was die "Werktreue" betrifft: Ich erinnere mich noch gut an das empörte Aufheulen, als Riccardo Muti in den 80erjahren Franco Bonisolli als Duca die eingelegten Spitzentöne untersagte, eben weil Verdi die nicht komponiert hatte. Das Publikum war erzürnt und Bonisolli, dem ja immer mehr an vordergründigen Effekten als an einer ernsthaften Interpretation gelegen war, legte sich ebenfalls quer. Kaum war der Maestro aus dem Haus, schmetterte jeder wieder fröhlich in altbewährter Manier drauf los - Partitur hin, Partitur her.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

82

Freitag, 18. Dezember 2009, 12:47

Zitat

Es ist im Übrigen schon interessant: Wenn ein Klemperer Beethovens Tempo-Vorschriften eindeutig mißachtet, schreien die einschlägigen Verdächtigen nichts von "Verfremdung", steckt man aber Wotan in einen herkömmlichen Anzug, wird der Untergang des Abendlandes vermutet.


Umgekehrt wird allerdings auch ein Schuh draus :D : Meine "einschlägigen Verdächtigen" halten es grundsätzlich für eine unzumutbare Fehlleistung, wenn eine Telemann-Suite auf modernem Instrumentarium gespielt wird, aber ein Parsifal als Cheftrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ist in ihren Augen ein wunderbar progressiver Regieeinfall.

Viele Grüße

Bernd

Lieber Bernd,

das, was Du schreibst, mag im Prinzip richtig sein, aber eben halt auch nur im Prinzip. Die Frage ist nämlich, ob der von Dir angeführte HIP-Fan den "modernen" Telemann ablehnt, weil dieser nicht "authentisch" sei, oder aber, weil er/sie findet, daß die HIP-Interpretation einfach besser klingt. Im ersteren Fall hätten wir in der Tat einen Widerspruch, im letzteren nicht, weil es bei der einen diskutierten ästhetischen Präferenz überhaupt nicht um "Werktreue" geht, sondern um subjektive Vorliebe für einen bestimmten Klang oder eine bestimmte Spielweise.

Aus Deiner Idee könnte man vielleicht sogar was machen: die Gralsritter als Sport-Team und Amfortas (nicht Parsifal) als schwächelnder Spielführer, dem die Fleischeslust nicht gut bekam. Daß das bei Sportlern manchmal nachteilig ist, sieht man ja gerade an Tiger Woods. :D Könnte man das Konzept nicht mal an einen Regisseur schicken? Ich würde mich auch persönlich dafür verwenden, Dich im Programmheft als Co-Dramaturgen aufzuführen. :D

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

Keith M. C.

Beethoven-Fan

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83

Freitag, 18. Dezember 2009, 13:08

Zitat von »Severina«


...
Und was die "Werktreue" betrifft: Ich erinnere mich noch gut an das empörte Aufheulen, als Riccardo Muti in den 80erjahren Franco Bonisolli als Duca die eingelegten Spitzentöne untersagte, eben weil Verdi die nicht komponiert hatte. Das Publikum war erzürnt und Bonisolli, dem ja immer mehr an vordergründigen Effekten als an einer ernsthaften Interpretation gelegen war, legte sich ebenfalls quer. Kaum war der Maestro aus dem Haus, schmetterte jeder wieder fröhlich in altbewährter Manier drauf los - Partitur hin, Partitur her.
lg Severina :wink:


Hallo Serverina,

weil G. Verdi dieses anders sah und niederschrieb, in diesem Fall vermittelt durch R. Muti. Man glänzt nicht allein durch Spitzentöne. ;+)

Der Komponist lässt in seinen Werken sehr wenig improvisatorischen oder ändernden Spielraum für die Sänger. G. Verdi war hier sehr streng:
1. Mit Fortschreiten seiner Werken
2. (Kleinere) Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

G. Verdi ist halt nicht Belcanto sondern Romantik; auch wenn sich die Gesangskultur in Italien nur allmählich und verzögert änderte...ob zum Guten oder Schlechten bleibt dahingestellt. ;+)

Allgemein: Zur "Werktreue":
In diesem Begriff steckt das Wort 'Treue'. Dieser ist hier ebenso indifferent wie der Paragraph 242 des BGB (ähnlich gibt es diesen in Österreich): Man kann damit alles oder nichts machen...M. E. hat die "HIP-Bewegung" dem Begriff "Werktreue" viele neue und vorher nicht gekannte Aspekte vermitteln können...."Was geschrieben steht (oder insb. nicht)..." [siehe bes. Belcanto-Oper...und damit der Oper des Barock in Italien bzw. der 'italienischen Schule'!] ;+)

Absolute Werktreue im ureigenen Sinn [?] (nach der damaligen Uraufführung unter Einstudierung, Aufsicht und Bewilligung etc. des betreffenden Komponisten): Wenn dieses erstrebenswert wäre oder ist, müsste eine (in diesem Fall) 'Oper' für alle Zeiten ímmer gleich aufgeführt werden, wenn dieses bzgl. der Sängerdisposition ginge und des Kontiniums Raum und Zeit und weiterer nicht bekannter Effekte möglich wäre...
- Und dann?
- Ein philosophischer und künstlerischer Irrweg, weil Fiktion?

Bis dann.

Severina

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84

Freitag, 18. Dezember 2009, 13:34

Zitat von »Severina«


...
Und was die "Werktreue" betrifft: Ich erinnere mich noch gut an das empörte Aufheulen, als Riccardo Muti in den 80erjahren Franco Bonisolli als Duca die eingelegten Spitzentöne untersagte, eben weil Verdi die nicht komponiert hatte. Das Publikum war erzürnt und Bonisolli, dem ja immer mehr an vordergründigen Effekten als an einer ernsthaften Interpretation gelegen war, legte sich ebenfalls quer. Kaum war der Maestro aus dem Haus, schmetterte jeder wieder fröhlich in altbewährter Manier drauf los - Partitur hin, Partitur her.
lg Severina :wink:


Hallo Serverina,

weil G. Verdi dieses anders sah und niederschrieb, in diesem Fall vermittelt durch R. Muti. Man glänzt nicht allein durch Spitzentöne. ;+)

Der Komponist lies in seinen Werken sehr wenig improvisatorischen oder ändernden Spielraum für die Sänger. G. Verdi war hier sehr streng:
1. Mit Fortschreiten der Werken
2. (Kleinere) Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

G. Verdi ist halt nicht Belcanto sondern Romantik; auch wenn sich die Gesangskultur in Italien nur allmählich und verzögert änderte...ob zum Guten oder Schlechten bleibt dahingestellt. ;+)



Bis dann.
Lieber Keith,
da rennst Du bei mir offene Türen ein, reine "Stimmritzenakrobatik", wie sie ein Bonisolli bis zum Exzess betrieben hat, stößt mich eher ab als dass sie mir imponiert. Für diese Helden der "Wer-kann's-lauter-und-höher"-Philosophie konnte ich mich nie erwärmen, deshalb auch mein Problem mit so manchen historischen Stimmen.....
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

Ingrid

drittrangiger BSO-Hocker

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85

Freitag, 18. Dezember 2009, 15:00

Lieber Mengelberg, der Gipfel der Paradoxie ist dann noch ,wenn die Oper , die angeblich total werkgetreu aufgeführt wird, nicht mal in der Sprache auf die Bühne kommt, zu der sie komponiert wurde.
Die Verquickung von militanten Forderungen nach "Werktreue" mit gleichzeitigem lautem Rufen nach Aufführungen in Landessprache hat mir die Schizophrenie solcher Gedankengänge in aller Deutlichkeit erschlossen.
F.Q.


Liebe Fairy,

wurde darüber in diesem Thread diskutiert oder "drüben"? Irgendwie habe ich da die Originalaussage über Werktreue und Landessprache wohl überlesen.

Liebe Grüße
Ingrid

86

Freitag, 18. Dezember 2009, 15:28

Liebe Ingrid, nein, das war jahrelang in Tamino ein Thema.
Hier sind die Begrüsser der Oper in Landessprache (ich drücke es mal angescihts der freundlichen Mehrheit dieses Spezies so positiv aus ;+) ) wesentlich konsequenter und nachvollziehbarer in ihrem Denken und lehnen nicht in einem Atemzug oder gar militant das Regietheater als Werkvergewaltigung ab. Fast im Gegenteil.

F.Q.
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

87

Freitag, 18. Dezember 2009, 17:16

Zitat

das, was Du schreibst, mag im Prinzip richtig sein, aber eben halt auch nur im Prinzip. Die Frage ist nämlich, ob der von Dir angeführte HIP-Fan den "modernen" Telemann ablehnt, weil dieser nicht "authentisch" sei, oder aber, weil er/sie findet, daß die HIP-Interpretation einfach besser klingt. Im ersteren Fall hätten wir in der Tat einen Widerspruch, im letzteren nicht, weil es bei der einen diskutierten ästhetischen Präferenz überhaupt nicht um "Werktreue" geht, sondern um subjektive Vorliebe für einen bestimmten Klang oder eine bestimmte Spielweise.


Wahrscheinlich auf mich gemünzt.

Authentisch gibt’s nicht, das ist Blödsinn, wer so HIP begreift hat gar nichts kapiert - hier geht es nicht um die Reproduktion eines Klangs, sondern um eine annähernde Interpretation.
Für mich hat das ganz klar etwas damit zu tun, das mir der Klang besser gefällt, aber es ist nicht nur der Klang der Instrumente, da gehört ja auch noch eine ganz eigene Spielweise und Verzierungs- und Improvisationskunst dazu.
Ich sehe die historische informierte Aufführungspraxis als eine Strömung der Neuen Musik, die eben nur historische Noten verwendet.

Rene Jacobs hat einmal (in seinem belgischen Akzent) gesagt: "Ich kann nur authentisch mich selber machen" - ich denka damit ist alles gesagt.

Zu der leidigen Grundsatzdiskussion im Bereich Regiearbeit.

Werktreue ist genauso wie Reproduktion, purer Blödsinn.

Aber ich liebe HIP Inszenierungen, eben weil es Interpretationen der Uraufführungsumstände sind, wie man sich eben z.B. eine Barockoper vorstellt.
Aber ist das Werktreue ? Ich mag das Wort nicht.
Es ist einfach spannend, weil man soviel machen kann, was auch unserer heutigen Ästhetik erst einmal widerspricht.
Aber letztlich sind alle Inszenierungen unserer Tage auch durch unsere Ästhetik geprägt - von daher ist jeder Versuch eine "authentische Oper" zu machen völliger Quatsch - und das wird auch jeder HIP Musiker und Regisseur sagen.

Heute habe ich via youtube die ersten bewegten Zefirelli Bilder gesehen – und da musste ich bei T. noch mal drauf hauen. :pfeif:

So einen Müll zu fordern, so eine Verballhornung der Oper jenseits allen guten Geschmacks, hat mich Heute dermaßen schockiert, dass ich es immer noch nicht fassen kann, das ein solcher Kram auf der Bühne zu sehen war.
Ich kannte bisher nur Photos von diversen Inszenierungen – in bewegten Bildern ist das geradezu unerträglich.

Ich kenn mich nicht aus, hat der das wirklich ernst gemeint, oder ist das alles Persiflage ??? :stern:


Also DAS hat garantiert gar nichts mit Werktreue zu tun, das hat nicht mal was mit Kunst zu tun.

Zefirelli ist ein Bob Ross der Bühne mit faschistoider „Ästhetik“

Ich habe wirklich schon eine Menge Mist gesehen, aber das hat echt dem Fass die Krone ins Gesicht geschlagen – unfassbar.
Das schlimme daran war, das eben auch die Musik von Verdi auf einmal unerträglich wurde.
Wenn es das ist was die Konservativen fordern, dann bin ich aber vehement fürs Regietheater ! :thumbsup:

Im Normalfall lasse ich jedem sein Vergnügen, aber in dem Fall kann ich mich nicht mehr zurück halten. :shake:
Um so ein Zeugs werde ich jedenfalls einen Bogen machen.

Mina

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88

Freitag, 18. Dezember 2009, 17:43

Ich versuche es mal kurz und knapp zu machen: ich kann diese ewigen Grabenkämpfe Regietheater vs. Werktreue nicht mehr hören. Eine Geschichte kann gut oder schlecht erzählt werden, eine Inszenierung durchdacht oder zusammengeschustert sein, egal ob im historischen Kostüm oder auf einer komplett leeren Bühne und im Trainingsanzug. Ich finde das Beispiel einer Tosca im historischen Kostüm, bei der der Beweggrund für den Mord in eine völlig andere Richtung gelenkt wird sehr treffend. Ich lebe in der Provinz, wir haben hier ein Theater ohne eigenes Ensemble (aber zum Glück mit Orchester. Noch.) und müssen nehmen, was wir kriegen können. Ahnt ihr wohl, wieviele langweilige Toscas, Traviatas, Bohèmes etc. ich schon erlebt habe? Aber alle in schönen historischen Kostümen, ich frage mich, ob da wirklich die Flamme weitergegeben oder nicht doch die Asche bewahrt wird.
Mich ärgert nicht automatisch eine leere Bühnen, so wie mich nicht automatisch ein malerisches Ambiente erfreut wenn das, was in diesem Ambiente erzählt wird nicht stimmig ist.
Was soll überhaupt der Begriff „Regietheater“ als Synonym für „Inszenierung in modernem Ambiente“? Sollte nicht jede Inszenierung „Regietheater“ (also klug durchdacht) sein, egal ob sie z.B. eine Butterfly in einem Bilderbuch-Japan oder auf einer spartanisch leeren Bühne spielt? Es gibt gute und weniger gute Regieeinfälle. SS-Uniformen bei „Tosca“ z.B. werden langsam langweilig und sind kein Regietheater sondern ein Gähner, aber auch schlechte oder langweilige Regieeinfälle sind m.E. verzeihlich. Unverzeihlich ist für mich, wenn gegen die Musik inszeniert wird. Wenn ein Sänger einen anderen Charakter darstellen muß, als die Musik vorgibt.
Geärgert hat mich z.B. Achim Freyers „Eugen Onegin“ in Berlin. Ich weiß nicht, wer die Vorstellung gesehen hat, ich war da (und musikalisch hat sie mir gut gefallen). Gestört hat mich nicht, daß es keine schönen romantischen Bilder vom zaristischen Russland gab, gestört hat mich auch nicht daß grelle, überzeichnete Make-Up der Sänger und Tänzer auf der Bühne. Gestört hat mich, daß die Künstler nicht miteinander in Kontakt treten durften. Lenski singt „Olga ich liebe dich“ und starrt die ganze Zeit ins Publikum weil Herr Freyer daß so will. Tatjana ringt eine ganze Nacht mit ihrem Stolz, schreibt einen Brief, verwirft ihn, schreibt ihn neu...und macht permanent die gleichen bescheuerten, abgehackten Bewegungen weil Herr Freyer daß so will, Lensky regt sich über Onegins Flirt mit Olga auf, dabei hat er gar keinen Grund dazu: Onegin hat Olga ja nicht mal angesehen, weil Herr Freyer daß so wollte, etc. etc.etc. DAS nervt, nicht das grelle Make-Up.
Ich weiß nicht so genau, was mit Werktreue gemeint ist, sicher kein sklavisches Festhalten an bestimmten Kostümen, Kulissen oder Operngesten. Aber ich denke, der Geist eines Werkes sollte bewahrt werden. Ich habe im Sommer im Fernsehen „Lucrezia Borgia“ mit Edita Gruberova gesehen, mir hat nicht alles an der Inszenierung gefallen, aber Gennaros Sterbeszene fand ich sehr bewegend. Mal abgesehen davon daß Pavol Breslik m.E. wunderbar gesungen hat, fand ich den Einfall großartig, den Sterbenden auf einen Stuhl zu setzen und seinen Tod dadurch zu symbolisieren, daß er sich schließlich auf dem Stuhl umdreht und sich nicht wieder umschaut, egal was auf der Bühne noch passiert. Für mich war daß ein sehr eindrucksvolles Bild für die Unbarmherzigkeit und Endgültigkeit des Todes. Ich bin mir sicher, bei Donizetti steht nix von Stühlen, dennoch war es für mich das was ich „Werktreu“ nennen würde.
Man muß an alle Dinge mit dem nötigen Leck-mich-am-Arsch-Gefühl rangehen...

Melione

Neuer Wiener Schüler

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89

Freitag, 18. Dezember 2009, 19:07

Mal für absolute Opern-nicht-Kenner, gibt es eigentlich auch Regisseure, die schon Inszenierungen beider Arten gemacht haben? Gibt es bei denen Tendenzen?

:wink: Philipp
Kompositorische Versuche:
E-Musik
U-Musik
Literarische Versuche:
Halbfertige Kurzgeschichte
Erstes Kapitel eines Romans

Kommentare wären super! :)

90

Samstag, 19. Dezember 2009, 00:09

Zitat

Wahrscheinlich auf mich gemünzt


Nein, nicht speziell auf dich. In meinem Bekannten- und Freudes(!)kreis gibt es da einige Kandidaten....

Zitat

Authentisch gibt’s nicht, das ist Blödsinn, wer so HIP begreift hat gar nichts kapiert - hier geht es nicht um die Reproduktion eines Klangs, sondern um eine annähernde Interpretation.


Klar - und im Hinblick aufs Theater geht es mir nicht um eine "authentische" Inszenierung (nicht um die Reproduktion von 1860er Bärenfellen), sondern um eine "annähernde"! :D

Ein Allegro ist ein Allegro und trotz eines gewissen Spielraums kein Largo - und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.

Die Stilbrüche, die in der modernen Opernregie gang und gäbe sind, finden im Vergleich zu jeder einigermaßen ernstzunehmenden Musikinterpretation auf einer viel elementareren Ebene statt. Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen. Und mich wundert ein wenig, daß diejenigen, die auf der einen Seite eine teilweise über "historische Aufführungspraxis" versuchte, musikalisch möglichst dichte Annäherung an das Werk und seinen "Geist" propagieren, gleichzeitig auf der anderen Seite sznenische Anakoluthe in krassesten Versionen völlig schmerzfrei hinnehmen und verteidigen.

Viele Grüße

Bernd

91

Samstag, 19. Dezember 2009, 00:13

Zitat

Also DAS hat garantiert gar nichts mit Werktreue zu tun, das hat nicht mal was mit Kunst zu tun.

Zefirelli ist ein Bob Ross der Bühne mit faschistoider „Ästhetik

Na mein Lieber,

Du mußt mal hören, wenn Zeffirelli über seine eigenen Inszenierungen spricht und erklärt, warum er was wie macht. Das ist jenseits von Gut und Böse - das mußt Du sehen, sonst wirst Du es nicht glauben.

Ich habe erlebt, daß sogar hartnäckige Zeffirelli-Bewunderer vom Glauben abgefallen sind, als sie dieses Kauderwelsch gehört haben... Nur diejenigen jenseits des Bollwerkes halten immer noch treu die Stellung und versichern, daß Zeffirellis Endsieg kurz bevorsteht.

Ketzerische Grüße :D

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

Severina

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92

Samstag, 19. Dezember 2009, 01:04







Ein Allegro ist ein Allegro und trotz eines gewissen Spielraums kein Largo - und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.

Die Stilbrüche, die in der modernen Opernregie gang und gäbe sind, finden im Vergleich zu jeder einigermaßen ernstzunehmenden Musikinterpretation auf einer viel elementareren Ebene statt. Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen. Und mich wundert ein wenig, daß diejenigen, die auf der einen Seite eine teilweise über "historische Aufführungspraxis" versuchte, musikalisch möglichst dichte Annäherung an das Werk und seinen "Geist" propagieren, gleichzeitig auf der anderen Seite sznenische Anakoluthe in krassesten Versionen völlig schmerzfrei hinnehmen und verteidigen.

Viele Grüße

Bernd
Lieber Bernd,
wie Wotan wallte, wusste weiland nicht einmal Wagner ;+) - aber ganz bestimmt nicht mit Flügelhelm und Bärenfell. Für einen Mythos gibt es bekanntlich keine archäologische Quellenlage, also spricht absolut nichts dagegen, mir Wotan im Nadelstreif vorzustellen. Ganz bestimmt schmerzt mich das weniger als ein pseudogermanisches Kostümfest. Ich kann Dir auch erklären, warum: Meine bis vor kurzem heftige Abneigung gegen Wagners Ring resultierte u.a. auch aus dem Umstand, dass ich mit dieser ganzen Götter- und Halbgöttergesellschaft überhaupt nichts anfangen konnte. Ich konnte mich in dieses in meinen Augen absurde Konstrukt nicht hineinversetzen, das Schicksal von Siegfried und seinem Anhang berührte mich einfach nicht. Erst als ich die ersten Inszenierungen sah, in denen plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne standen, in normaler Kleidung und mit normalen Gesten, fand ich einen Zugang zu dieser mir bis dahin fremden Welt, und mit Sven- Eric Bechtolfs psychologisch ungemein fein gesponnenem Wotan, der überhaupt nichts Göttliches an sich hat, kann ich erstmals wirklich mitleiden. (In traditionellen Inszenierungen hingegen war er für mich nie mehr als eine ziemliche Witzfigur :hide: ) Es mag schon sein, dass ich einfach zu doof bin, das Allgemeingültige des Ring-Mythos auch in einem germanischen Disneyland zu erkennen, aber so ist es halt, und mein Ausweg aus diesem Dilemma sind eben moderne Inszenierungen.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

93

Samstag, 19. Dezember 2009, 02:59

Zitat

Wahrscheinlich auf mich gemünzt


Nein, nicht speziell auf dich. In meinem Bekannten- und Freudes(!)kreis gibt es da einige Kandidaten....

Zitat

Authentisch gibt’s nicht, das ist Blödsinn, wer so HIP begreift hat gar nichts kapiert - hier geht es nicht um die Reproduktion eines Klangs, sondern um eine annähernde Interpretation.


Klar - und im Hinblick aufs Theater geht es mir nicht um eine "authentische" Inszenierung (nicht um die Reproduktion von 1860er Bärenfellen), sondern um eine "annähernde"! :D

Ein Allegro ist ein Allegro und trotz eines gewissen Spielraums kein Largo - und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.

Die Stilbrüche, die in der modernen Opernregie gang und gäbe sind, finden im Vergleich zu jeder einigermaßen ernstzunehmenden Musikinterpretation auf einer viel elementareren Ebene statt. Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen. Und mich wundert ein wenig, daß diejenigen, die auf der einen Seite eine teilweise über "historische Aufführungspraxis" versuchte, musikalisch möglichst dichte Annäherung an das Werk und seinen "Geist" propagieren, gleichzeitig auf der anderen Seite sznenische Anakoluthe in krassesten Versionen völlig schmerzfrei hinnehmen und verteidigen.

Viele Grüße

Bernd

Lieber Bernd,

leider gehst Du über den entscheidenden Punkt hinweg, nämlich daß viele HIP-isten gar nicht an einer Annäherung an das Werk interessiert sind, sondern finden, daß historische Instrumente und Spielweisen helfen, überkommene Interpretationsweisen zu überwinden, also einen sehr modernen Aspekt in diesem künstlerischen Ansatz sehen. Eine "moderne" Inszenierung ist dem relativ nah, denn auch hier geht es häufig darum, verschleiernde Interpretationen zugunsten einer Annäherung an den eigentlichen Kern des Werkes zu überwinden. Anders gesagt: wenn HIP nicht aus Gründen der Authentizität propagiert wird, kann man es auch nicht gegen einen "unauthentischen" Inszenierungsstil ausspielen.

Betreffend Dein Beispiel zur Typisierung des Wotans: Kennst Du das Wagner-Brevier von George Bernard Shaw? Eigentlich ist eine Verortung des "Gottes" im Wagnerschen Sinne in die besitzende Oberschicht doch ein sehr werkgetreuer Einfall und eben halt gerade nicht Ausdruck der Neurosen des Regisseurs - oder?

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

94

Samstag, 19. Dezember 2009, 08:01

Wagner mochte doch soweit ich weiß keine Flügelhelme und illustrative Bühnenbilder sowieso nicht.

:wink:

M.
"To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick

Amfortas09

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95

Samstag, 19. Dezember 2009, 08:07

Zitat

und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.
Lieber Bernd,

Wagners Ring ist nicht zuletzt auch (nicht ausschließlich !) Wagners Zeit in musilkalische Sprache, in Bilder und Gedanken gefasst. Wagners Ring - und da stimme ich Symbols Bezug zu Shaw vorbehaltlos zu - ist auch (nicht ausschließlich !) eine Auseinandersetzung über die - der Tendenz nach - ziellose Selbstverwertung des Kapitals, welche alles diesem Zwang zur Verwertung, dieser Totale unterwirft. Zitat :

WOTAN
Zu was doch frommt dir der Hort,
da freudlos Nibelheim,
und nichts für Schätze hier feil?

ALBERICH

Schätze zu schaffen und Schätze zu bergen,
nützt mir Nibelheims Nacht.
Doch mit dem Hort, in der Höhle gehäuft,
denk' ich dann Wunder zu wirken:
die ganze Welt gewinn' ich mit ihm mir zu eigen!

WOTAN

Wie beginnst du, Gütiger, das?

ALBERICH

Die in linder Lüfte Weh'n da oben ihr lebt,
lacht und liebt: mit goldner Faust
euch Göttliche fang' ich mir alle!
Wie ich der Liebe abgesagt,
alles, was lebt, soll ihr entsagen!
Mit Golde gekirrt,
nach Gold nur sollt ihr noch gieren!
Auf wonnigen Höhn,
in seligem Weben wiegt ihr euch;
den Schwarzalben
verachtet ihr ewigen Schwelger!


(In den Worten Alberichs ist zugleich sehr trefflich das Ressentiments des Bürgers ausgedrückt, der aus Zeitmangel die Früchte seiner Arbeit nicht genießen kann, gegen den faulen "Tagedieb")

Wo ist in diiesem Zusammenhang irgendein Bezug zu einer mythologischen Vorzeit zu finden, die in Wagners Ring sowieso nur zu bloßen Phantasmagorie geraten kann ?

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

96

Samstag, 19. Dezember 2009, 09:10

Hallo Bernd,

In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen.
(...)
Für den Charakter einer Oper und damit auch ihrer MUSIK entscheidende Faktoren wie die Zeit und der Ort der Handlung werden in vielen Inszenierungen völlig ignoriert bzw. bewußt abgeändert. Die zwangsläufige Folge ist eine fundamentale Diskrepanz zwischen Musik und Szene; eines paßt vorne und hinten nicht zum anderen.
dass die Wagnersche Musik untrennbar mit dem Dresscode aus mythologischer Vorzeit verbunden sei, bedürfte noch einer musikalischen Begründung.

Gespannt,

Christian

97

Samstag, 19. Dezember 2009, 09:23

Hallo Christian,

klingt das Walhall-Motiv für dich nach grauem Smoking? Oder das Schwert-Motiv nach Trainingsanzug?

Auf die anderen Beiträge würde ich gerne noch mehr oder minder eingehend antworten, aber leider fehlt mir heute den ganzen Tag über die Zeit dazu :stern: . Frühestens morgen abend....

Adventlich gestresste Grüße

Bernd

98

Samstag, 19. Dezember 2009, 09:45

Hallo Bernd,
klingt das Walhall-Motiv für dich nach grauem Smoking? Oder das Schwert-Motiv nach Trainingsanzug?
in die Falle tappe ich nicht: Nicht ich war es, der behauptet hat, dass es eine Verbindung von Musik und Kleidung gibt. Deshalb nur das: Ich kenne eigentlich gar keine Musik, die nach Kleidung klingt.

Viele Grüße,

Christian

99

Samstag, 19. Dezember 2009, 10:11

Hallo Christian,

Musik, die explizit nach Kleidung klingt, kenne ich auch nicht. Jedoch kenne ich (gerade bei Wagner) Musik, deren Funktion es - unter anderem - ist, eine bestimmte Atmosphäre zu evozieren. Kleidung und Atmosphäre hängen aber im Szenischen recht eng miteinander zusammen.

Mir ist das Atmosphärische in Wagners Opern sehr wichtig, weil ich glaube, daß darin etwas viel Tieferes ausgedrückt wird als banale Sozialkritik.

Nochmal, um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich sehne mich nicht nach Bärenfellen und Flügelhelmen. Starke Abstraktionen genügen mir vollkommen, solange ich keine Klamotten zu sehen bekomme, die die vom Komponisten intendierte Atmosphäre nachhaltig kaputt machen.

Viele Grüße

Bernd

100

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:05

Ach Leute...
Deutschland weiß längst mehr als Ihr.


"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

101

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:08


[...] und Wotan ist Wotan und nicht Josef Ackermann. In mythologischer Vorzeit pflegte man nicht in Nadelstreifenanzügen herumzulaufen. [...]

Ackermann passt eher zu Fafner, der mit seinem "Ich lieg und besitz" die "Kreditklemme" verursacht! :thumbdown:

:wink:

Gerd

Amfortas09

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102

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:16

Zitat

Ackermann passt eher zu Fafner, der mit seinem "Ich lieg und besitz" die "Kreditklemme" verursacht!
ist sehr naheliegend, aber das Bankenwesen als solches ist doch eher der Zirkulationssphäre in der Kapitalverwertung zuzuordnen... also dann wenn die "Kreditklemme" wieder aufgehoben ist :thumbsup: ....
:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

103

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:28



[...], aber das Bankenwesen als solches ist doch eher der Zirkulationssphäre in der Kapitalverwertung zuzuordnen... also dann wenn die "Kreditklemme" wieder aufgehoben ist :thumbsup: ....


Bei den niedrigen Leitzinsen sollten die Herren so langsam mal mit der "Zirkulation" beginnen! X(

:wink:

Gerd

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104

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:32

... und die von der Zentralbank vorgeschrieben Mindestreserven dürften ja auch nicht so ins Gewicht fallen... wir werden aber jetzt etwas OT..

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

105

Samstag, 19. Dezember 2009, 11:51

Das, was man gemeinhin "Regietheater" nennt, befürworte ich voll und ganz...

Was mich aber immer wieder an Inszenierungen stört, welche von Regietheatergegnern als "modern" bezeichnet werden, ist das erzwungen originelle mancher Einfälle... sie zeugen von dem Wunsch des Regisseurs nach einem originellen Einfall... aber kaum von Originalität...

Am Beispiel Aida: Der Regisseur fragt sich, wie man Sklavinnen heutzutage "zeitgemäß" darstellen kann. Das Ergebniss: Aida und ihr Chor treten als Putzkolonne auf... *gähn*... das ist allzu naheliegend, allzu offensichtlich... und wirkt wie das Ergebnis des Brainstormings der Theater-AG einer 20. Klasse... (So in diesem Frühjahr am Staatstheater Nürnberg gesehen, in einer Inszenierung, die mich von den Putzfrauen abgesehen durchaus überzeugt hat.)

Falstaff

106

Samstag, 19. Dezember 2009, 12:52

Hallo Christian,

klingt das Walhall-Motiv für dich nach grauem Smoking? Oder das Schwert-Motiv nach Trainingsanzug?


Lieber Bernd,

Mal ganz ehrlich: Klingt das Schwert-Motiv nach mythologischer Vorzeit?? Für Dich und mich klingt es so, weil wir es ausschließlich in diesem Zusammenhang kennengelernt haben, das nennt man Prägung.
Oder möchtest Du mir erzählen, dass Chabriers Musik zu seiner weniger bekannten Oper "Gwendoline", die im England des 8. Jhd. spielt, nach England des 8. Jhd. klingt?? Es ist eine romantische Tonsprache mit präimpressionistischer, subtiler Orchesterbehandlung, die sich in ihrer Musik der Errungenschaften IHRER Zeit bedient und somit entweder nach nichts anderem als nach 19. Jhd klingt, oder nach gar keiner Zeit, wenn man davon ausgeht, dass Musik zeitüberbrückend allgemeingültig ist bzw. sein kann. Die Musik, die im England des 8. Jhd. WIRKLICH erklang, weicht sicherlich mehr von der Tonsprache Chabriers ab, als diese von der heutigen Zeit abweicht.

:wink:
Wulf
Sicher dat.

107

Samstag, 19. Dezember 2009, 13:16

An dieser Stelle muss doch jemand dieses berühmte Verdi-Zitat über "Don Carlo" bemühen, das zu bekannt ist, als dass sich die Mühe lohnt, es herauszusuchen. Als Frage verkürzt: In welcher Zeit spielt "Don Carlo"? Klingt Posa nach dem spanisch-habsburgischen Zeitalter oder nach Aufklärung? Meiner Meinung nach klingt er in erster Linie nach... Verdi!!!

Falstaff

Cherubino

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108

Samstag, 19. Dezember 2009, 14:39

leider gehst Du über den entscheidenden Punkt hinweg, nämlich daß viele HIP-isten gar nicht an einer Annäherung an das Werk interessiert sind, sondern finden, daß historische Instrumente und Spielweisen helfen, überkommene Interpretationsweisen zu überwinden, also einen sehr modernen Aspekt in diesem künstlerischen Ansatz sehen. Eine "moderne" Inszenierung ist dem relativ nah, denn auch hier geht es häufig darum, verschleiernde Interpretationen zugunsten einer Annäherung an den eigentlichen Kern des Werkes zu überwinden. Anders gesagt: wenn HIP nicht aus Gründen der Authentizität propagiert wird, kann man es auch nicht gegen einen "unauthentischen" Inszenierungsstil ausspielen.


Auf den Kern gebracht hieße das doch, es muss nicht besser, sein, es muss nicht sinnvoll sein, es muss nicht einmal gut sein, Hauptsache es ist anders! Das kann aber doch kein ernsthafter Maßstab sein, um eine Interpretation zu beurteilen, weder ein Orchester noch ein Regisseur ist deswegen gut, weil er möglichst viel anders macht als seine Vorgänger! Laut deiner Aussage geht es nicht um "Authentizität", ja nicht einmal um eine "Annäherung" an das Werk, sondern schlicht darum, modern zu sein, anders zu sein als die Anderen. Wie ernst kann man denn eine Kunst nehmen, die sich auf so eine Begründung stützt (die meisten modernen Regiesseure tun das, um diesem Einwand gleich zuvorzukommen, zum Glück nicht!)? Was habe ich als Hörer und Zuschauer denn davon, wenn "überkommene Interpretationsweisen" überwunden wurden, die neuen aber viel banaler und einfallsloser sind? Was habe ich davon, wenn eine Interpretation überwunden wird, ich die Überwindung aber nicht verstehe oder nicht nachvollziehen kann? Kurz: Ist es für dich wirklich ein Qualitätsmerkmal, wenn "überkommene Interpretationen" überwunden wurden?

:wink:
Lars
Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

Amfortas09

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109

Samstag, 19. Dezember 2009, 14:46

Zitat

Mir ist das Atmosphärische in Wagners Opern sehr wichtig, weil ich glaube, daß darin etwas viel Tieferes ausgedrückt wird als banale Sozialkritik.
die Ringwiedergaben mit "modernen"Inszenierungen, die ich mir live bzw. über DVD reingezogen habe, hatten durchaus sehr viel "Atmosphärisches"; z.B. im November Rheingold in Hannover. Die Götter z.Tl. in Badeklamotten (vermutlich würde es Dir , lieber Bernd bei der Vorstellung grauslich werden). Passte alles ganz vorzüglich und erschöpfte sich nicht in "banaler Sozialkritik" (was das auch immer sein mag), sondern zahlreiche Momente verwiesen auf weitere Zusammenhänge, die sich der Hörer/Besucher aber selbst zu ergründen hat (also niemals erhobener Zeigefinger) ...

:wink:
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110

Samstag, 19. Dezember 2009, 16:49

Sehr viel Atmosphäre gibt es auch im "Kölner-Ring" (Robert Carsen), den man im Juni 2010 zweimal sehen kann. :juhu:

:wink:

Gerd

Severina

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111

Samstag, 19. Dezember 2009, 17:17

Sehr viel Atmosphäre gibt es auch im "Kölner-Ring" (Robert Carsen), den man im Juni 2010 zweimal sehen kann. :juhu:

:wink:

Gerd
Den würde ich gerne sehen, denn von Carsen hat mir bisher fast alles ausgezeichnet gefallen, und ich kenne einiges von ihm.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

Amfortas09

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112

Samstag, 19. Dezember 2009, 18:22

in Hannover hieß der Regisseur Barry Kosky. ich kannte den Namen gar nicht, aber das Resultat ist überzeugend. Wenn die Walküre ebenso sorgfältig ausgearbeitet wird, dann wird es ein großer "Ring".

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

113

Sonntag, 20. Dezember 2009, 16:57

Sehr viel Atmosphäre gibt es auch im "Kölner-Ring" (Robert Carsen), den man im Juni 2010 zweimal sehen kann. :juhu:

:wink:

Gerd
Den würde ich gerne sehen, denn von Carsen hat mir bisher fast alles ausgezeichnet gefallen, und ich kenne einiges von ihm.
lg Severina :wink:

Liebe Severina, da kann ich Dir nur zustimmen. Neben seinem Ring (dreimal) habe ich in Köln von ihm noch:Falstaff, Macbetto und Katja Kabanowa gesehen und war stets begeistert. So sollte "Regietheater" (dazu muss man ihn wohl zählen) sein! Er übertreibt nicht und lenkt die Aufmerksamkeit immer auf das Wesentliche der Handlung, wie ich meine.

:wink:

Gerd

Severina

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114

Sonntag, 20. Dezember 2009, 17:37

Sehr viel Atmosphäre gibt es auch im "Kölner-Ring" (Robert Carsen), den man im Juni 2010 zweimal sehen kann. :juhu:

:wink:

Gerd
Den würde ich gerne sehen, denn von Carsen hat mir bisher fast alles ausgezeichnet gefallen, und ich kenne einiges von ihm.
lg Severina :wink:

Liebe Severina, da kann ich Dir nur zustimmen. Neben seinem Ring (dreimal) habe ich in Köln von ihm noch:Falstaff, Macbetto und Katja Kabanowa gesehen und war stets begeistert. So sollte "Regietheater" (dazu muss man ihn wohl zählen) sein! Er übertreibt nicht und lenkt die Aufmerksamkeit immer auf das Wesentliche der Handlung, wie ich meine.

:wink:

Gerd
Lieber Gerd,
exakt so sehe ich das auch, ich nenne Carens Stil immer "MM" - moderat modern. Meine liebsten Inszenierungen von ihm sind "Lucia di Lammermoor", "Semele" (umwerfend witzig, was er da aus Händel herausholt) und "Tosca". Leider gibt es offensichtlich nicht allzu viel auf DVD von ihm, denn er hat doch viel in Paris gemacht, das mich brennend interessieren würde.
Aber wir werden langsam etwas OT :D
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

115

Montag, 21. Dezember 2009, 12:41

leider gehst Du über den entscheidenden Punkt hinweg, nämlich daß viele HIP-isten gar nicht an einer Annäherung an das Werk interessiert sind, sondern finden, daß historische Instrumente und Spielweisen helfen, überkommene Interpretationsweisen zu überwinden, also einen sehr modernen Aspekt in diesem künstlerischen Ansatz sehen. Eine "moderne" Inszenierung ist dem relativ nah, denn auch hier geht es häufig darum, verschleiernde Interpretationen zugunsten einer Annäherung an den eigentlichen Kern des Werkes zu überwinden. Anders gesagt: wenn HIP nicht aus Gründen der Authentizität propagiert wird, kann man es auch nicht gegen einen "unauthentischen" Inszenierungsstil ausspielen.


Auf den Kern gebracht hieße das doch, es muss nicht besser, sein, es muss nicht sinnvoll sein, es muss nicht einmal gut sein, Hauptsache es ist anders! Das kann aber doch kein ernsthafter Maßstab sein, um eine Interpretation zu beurteilen, weder ein Orchester noch ein Regisseur ist deswegen gut, weil er möglichst viel anders macht als seine Vorgänger! Laut deiner Aussage geht es nicht um "Authentizität", ja nicht einmal um eine "Annäherung" an das Werk, sondern schlicht darum, modern zu sein, anders zu sein als die Anderen. Wie ernst kann man denn eine Kunst nehmen, die sich auf so eine Begründung stützt (die meisten modernen Regiesseure tun das, um diesem Einwand gleich zuvorzukommen, zum Glück nicht!)? Was habe ich als Hörer und Zuschauer denn davon, wenn "überkommene Interpretationsweisen" überwunden wurden, die neuen aber viel banaler und einfallsloser sind? Was habe ich davon, wenn eine Interpretation überwunden wird, ich die Überwindung aber nicht verstehe oder nicht nachvollziehen kann? Kurz: Ist es für dich wirklich ein Qualitätsmerkmal, wenn "überkommene Interpretationen" überwunden wurden?

:wink:
Lars

Lieber Lars,

sorry, aber hast Du einen anderen Beitrag gelesen als meinen? ;+) :D Zunächst habe ich eigentlich von keiner Präferenz geschrieben, sondern lediglich von der (m. E. (Un-))Vergleichbarkeit zweier Positionen (Nicht-HIP-Musik mit herkömmlicher Inszenierung vs. HIP-Musik mit "moderner" Inszenierung). Und dann schrub ich: "[...] geht es häufig darum, verschleiernde Interpretationen zugunsten einer Annäherung an den eigentlichen Kern des Werkes zu überwinden." Es kann also gerade nicht darum gehen, irgendwas zusammenzuschrauben, Hauptsache, es ist neu. Maßstab eines vernünftigen Regisseurs (wie auch eines vernünftigen Dirigenten) sollte m. E. immer sein, inwiefern die getroffenen Maßnahmen dem Werk und seinem Gehalt dienen. Der Irrtum der eher konservativ aufgestellten Opernliebhaber liegt jedoch für mich gerade darin, daß eben gerade dieser Respekt vor dem Werk am Besten dadurch ausgedrückt wird, daß man das Libretto Wort für Wort abbuchstabiert und auskostümiert. Brünnhilde mit Brustpanzer und Flügelhelm mag ja 1876 super-sexy gewesen sein (und ist damit wohl auch irgendwie "authentisch"), heute wird man damit eher Lacher ernten.

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

116

Dienstag, 22. Dezember 2009, 01:13

Zitat

Brünnhilde mit Brustpanzer und Flügelhelm mag ja 1876 super-sexy gewesen sein (und ist damit wohl auch irgendwie "authentisch"), heute wird man damit eher Lacher ernten


Lieber Symbol,

als "eher konservativ aufgestellter Opernliebhaber" kenne ich persönlich niemanden, der Brünnhilde besonders gerne mit Brustpanzer und Flügelhelm sehen will.

Und gegen"abbuchstabierende Inszenierungen" habe ich fast genauso viel wie gegen *akademische*, den Notentext schematisch herunterlesende Interpretationen der Musik, die der jeweiligen Oper zugrunde liegt.

Nur scheint mir zwischen dem "Abbuchstabieren" und den heutzutage in Deutschland üblichen Regiekruditäten eine kilometertiefe Kluft zu liegen. Der Vergleich zum Kochen liegt nahe - in vielen Opernbetrieben wird beständig mit Zutaten gearbeitet, die zum zugrunde liegenden Fleisch hinten und vorne nicht passen. Außerdem ist die dauernde Überwürzung eines der Hauptprobleme: Vor lauter Chili kann man die eigentliche Substanz nicht mehr schmecken. Eine solche Küche befriedigt bestenfalls Grobsensoriker - und dementsprechend bedienen unsere Opernregisseure eine Klientel, die immer wieder auf starke und neue Reize an der Oberfläche angewiesen ist.... :stumm:

Von einer gelungenen Inszenierung erwarte ich subtile Nuancen. Aber stattdessen wird mir in den meisten Fällen eins mit dem Holzhammer übergebraten.

Viele Grüße

Bernd

Amfortas09

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117

Dienstag, 22. Dezember 2009, 08:20

Zitat

Der Vergleich zum Kochen liegt nahe - in vielen Opernbetrieben wird beständig mit Zutaten gearbeitet, die zum zugrunde liegenden Fleisch hinten und vorne nicht passen. Außerdem ist die dauernde Überwürzung eines der Hauptprobleme: Vor lauter Chili kann man die eigentliche Substanz nicht mehr schmecken. Eine solche Küche befriedigt bestenfalls Grobsensoriker - und dementsprechend bedienen unsere Opernregisseure eine Klientel, die immer wieder auf starke und neue Reize an der Oberfläche angewiesen ist....
ist mir noch etwas zu verallgemeinernd, aber nicht ganz abwegig:

Überwürzung ist sicherlich bei einigen Regiearbeiten - auch bei den einigermaßen gelungenen - ein Problem: z.B. Soldaten in Stuttgart (DVD); oder bei den weniger gelungenen Resultaten z.B. Tristan in Mailand (TV-Mitschnitt); oder bei den mißlungen Arbeiten z.B. Fidelio in Hannover. Der unselige ZDF-TV-Mitschnitt der Boheme zeigte die gleichen Symptome..

Aber wie ist es bei Moses und Aron während der Ruhrtrienale ? Der Arte-TV-Mitschnitt ließ keinerlei Chili-Überwürzung erkennen. Decker hatte mir das Werk durch und durch sinnvoll erarbeitet (auch das Orchester unter Boder ist den Wiedergaben unter Mehta (München und Gatti überlegen). Kein überflüssigen Mätzchen, teilweise konnte sogar der Eindruck einer sehr großen Zurückhaltung gewonnen werden. Decker setzte auf die musikalische Message. Ähnlich positiven Eindruck hatte von ich der Rheingoldregie in Hannover ...

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

118

Dienstag, 22. Dezember 2009, 08:28


Nur scheint mir zwischen dem "Abbuchstabieren" und den heutzutage in Deutschland üblichen Regiekruditäten eine kilometertiefe Kluft zu liegen. Der Vergleich zum Kochen liegt nahe - in vielen Opernbetrieben wird beständig mit Zutaten gearbeitet, die zum zugrunde liegenden Fleisch hinten und vorne nicht passen. Außerdem ist die dauernde Überwürzung eines der Hauptprobleme: Vor lauter Chili kann man die eigentliche Substanz nicht mehr schmecken. Eine solche Küche befriedigt bestenfalls Grobsensoriker - und dementsprechend bedienen unsere Opernregisseure eine Klientel, die immer wieder auf starke und neue Reize an der Oberfläche angewiesen ist.... :stumm:

Von einer gelungenen Inszenierung erwarte ich subtile Nuancen. Aber stattdessen wird mir in den meisten Fällen eins mit dem Holzhammer übergebraten.


Das ist so ein Beitrag, der mich wenig glücklich macht. Ich meine, dass wir da schon weiter waren. Eine pauschale Abwatschung der einen oder anderen Richtung bringt nur einen unnützen, weil nichts sagenden Streit. Das Entscheidende ist mE immer, ob eine Inszenierung gelingt oder nicht. Und das kann man nur an einem konkreten Fall diskutieren und letzten Endes beurteilen. In diesem Sinne geht Amfortas09 den richtigen Weg. Danke dafür.

Liebe Grüße Peter
.
Wir stehen im Greisenalter der Welt, darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.

(Fredegar, Chronik IV, Prolog; um 650)

Amfortas09

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119

Mittwoch, 30. Dezember 2009, 12:08

In der NYC-Met haben Publikumsproteste erreicht, dass neben der ungeliebten neuen Levine-Bondy-Tosca; auch die alte Zeffirelli-Inszenierung im Repertoire bleibt.

http://diepresse.com/home/kultur/klassik/529949/index.do

(leider unterstellt der Artikel, dass in den USA ausschließlich der Kitsch herrscht)

:wink:
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120

Mittwoch, 30. Dezember 2009, 12:37


(leider unterstellt der Artikel, dass in den USA ausschließlich der Kitsch herrscht)


Ich lese anderes in dem Artikel, .lieber Amfortas09

Zitat

Während Europa beinah flächendeckend mit Opernproduktionen versorgt ist, die verfälschende, in der Regel meist nur die handwerkliche Hilflosigkeit der Regisseure tarnende Machwerke darstellen, regiert jenseits des Ozeans ein retrospektiver Geist, der wiederum vor keinem noch so überladenen Kitsch zurückscheut. Hier wie dort bleibt der Geschmack auf der Strecke, sind ästhetisch hochwertige, mit Takt und Feingefühl gegenüber den Ansprüchen des Kunstwerks wie jenen des modernen Publikums erarbeitete Musiktheaterproduktionen die Ausnahmen.


Das ist doch etwas anderes als "ausschließlich". Es gibt eben auch sauren Kitsch, insoweit sind das nur zwei Seiten einer Medaille. (BTW: Auf der Suche nach dem Stichwort "Saurer Kitsch" fand ich allein fünf benannte Väter des Begriffs, und unbenannte bis zu "mein alter Deutschlehrer". Da die Belege aus den letzten 10-15 Jahren stammen, wird wohl Hans Egon Holthusen, von dem ich den Begriff aus den Sechzigern kenne, der tatsächliche Vater sein.)

Das Schlimme ist, dass die Vielzahl der Produktionen, der Zeitdruck und nicht zuletzt (fehlende) Finanzen so viel an Schrott produzieren, dass in beiden Fällen das wirklich Wertvolle verschwindet oder - je nach vorgefasster Meinung - zu Unrecht unter den Müll subsumiert wird. Globalisierungen sind im Reich der Kunst immer schlechte Ratgeber ...

Liebe Grüße Peter
.
Wir stehen im Greisenalter der Welt, darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.

(Fredegar, Chronik IV, Prolog; um 650)

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