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121

Mittwoch, 30. Dezember 2009, 13:10

Lieber Peter,

ohne jetzt näher auf den von Amfortas verlinkten Artikel eingehen zu wollen (manches darin finde ich geradezu erschreckend, wie etwa die Einordnung der Oper als "Museum"), würde ich zu den von Dir aufgeführten, sehr zutreffenden Gründen für schlechte Opernproduktionen hüben wie drüben doch noch gerne zwei hinzufügen:

1) Die Angst vor neuem "Personal"

Ich finde es auffällig, daß immer wieder dieselben "üblichen Verdächtigen" randürfen. Wenn man sich frisches Blut in die Regie holt, so handelt es sich häufig um fachfremde Leute von außerhalb, von denen man sich Inspirationen für den Opernbetrieb erhofft. Das mag hier und da funktionieren, geht aber auch oft genug in die Hose, vor allem, wenn der notenunkundige Regisseur per Reclam-Heft versucht, der Oper zu folgen (ist eine authentische Geschiche aus erster Hand, Details spare ich mir hier lieber...). Es gibt doch hinreichend ausgebildete Jung-Regisseure, Abendspielleiter, Assistenten etc. mit Opern-Erfahrung. Warum läßt man die nicht mal lieber etwas machen, als auf den PR-Effekt zu bauen, wenn Verona Pooth die "Götterdämmerung" inszeniert? (Fiktives Beispiel mit eingebauter Übertreibung)

2) Die Ungeduld des Publikums

Die Met-Episode zeigt es doch auch wieder: auch das Publikum muß dem Neuen eine Chance geben. Welchen Sinn macht es, die alte Inszenierung wieder herbeizubuhen, wenn man sich mit der neuen noch kaum anfreunden konnte? In einem nicht näher zu bezeichnenden Forum österreichischer Herkunft wurde schon bedauert, daß die 30 Jahre alte Ponnelle-Inszenierung des "Rigoletto" in Düsseldorf in Rente geschickt wird, bevor man auch nur eine Sekunde der Neuproduktion gesehen hat. So wird Oper naturgemäß zur Mottenkiste...

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

Zwielicht

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122

Mittwoch, 30. Dezember 2009, 17:59

Das Schlimme ist, dass die Vielzahl der Produktionen, der Zeitdruck und nicht zuletzt (fehlende) Finanzen so viel an Schrott produzieren, dass in beiden Fällen das wirklich Wertvolle verschwindet oder - je nach vorgefasster Meinung - zu Unrecht unter den Müll subsumiert wird. Globalisierungen sind im Reich der Kunst immer schlechte Ratgeber ...


Verstehe ich nicht. Welche "wirklich wertvollen" Produktionen verschwinden denn konkret? Und wo wird "Schrott" produziert? In welchem konkreten Fall haben finanzielle Kalamitäten eine Neuproduktion ruiniert? Und was hat das mit "Globalisierungen" zu tun?

Davon unabhängig gebe ich gern zu Protokoll, dass die Ergüsse des Herrn Sinkowicz in der "Presse" regelmäßig zu den traurigsten Erscheinungen im deutschsprachigen Musikjournalismus zählen.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

123

Freitag, 15. Januar 2010, 13:15

Ich hätte noch ein kleines aktuelles Bonmot eines erklärten Regietheater-Gegners zu bieten, der uns ein paar Dinge zum Opernpublikum erklärt:

Zitat

Wir stelen uns nicht auf die Seite des Prbs, dondern uf die dies zahlenden Obernpublikums. Der Prebsd geht ja bekanntlich nicht in die Oper - zumindest NOCH nicht - und nicht in relevantem Maße,
Moderne Wiener Lyrik... :D

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

124

Freitag, 15. Januar 2010, 13:45

Ich hätte noch ein kleines aktuelles Bonmot eines erklärten Regietheater-Gegners zu bieten, der uns ein paar Dinge zum Opernpublikum erklärt:

Zitat

Wir stelen uns nicht auf die Seite des Prbs, dondern uf die dies zahlenden Obernpublikums. Der Prebsd geht ja bekanntlich nicht in die Oper - zumindest NOCH nicht - und nicht in relevantem Maße,
Moderne Wiener Lyrik... :D

LG :wink:


Na schlecht,

Deutsch für Außerirdische, sogenannte Aliens! :o: :o: :o:

Liebe Grüße Peter aus Wien. :wink: :wink:

125

Freitag, 15. Januar 2010, 14:58

Lieber Symbol, ich dachte erst, das sei sächsisch.... :hide: .
Aber mich würde doch mal interessieren, wer bekanntlich (noch) nicht in die Oper geht: die Plebs, der Pöbel, die Pubertierenden?
Und müssen die Prbs in Wien etwa nichts fur eine Opernkarte bezahlen? Da sollte man doch mal über ein Umzug nachdenken! :yes:

F.Q.
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

Keith M. C.

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126

Freitag, 15. Januar 2010, 14:59

Ich hätte noch ein kleines aktuelles Bonmot eines erklärten Regietheater-Gegners zu bieten, der uns ein paar Dinge zum Opernpublikum erklärt:

Zitat

Wir stelen uns nicht auf die Seite des Prbs, dondern uf die dies zahlenden Obernpublikums. Der Prebsd geht ja bekanntlich nicht in die Oper - zumindest NOCH nicht - und nicht in relevantem Maße,
Moderne Wiener Lyrik... :D

LG :wink:


Hallo,

diese progressive Art und Weise des "Kulturtreibens", Werte mit den Tasten zu demolieren, muss traditionell mit Feuer und Schwert ausgetrieben werden. ;+)

Bis dann.

127

Freitag, 15. Januar 2010, 15:25

Lieber Symbol, ich dachte erst, das sei sächsisch.... :hide: .
Aber mich würde doch mal interessieren, wer bekanntlich (noch) nicht in die Oper geht: die Plebs, der Pöbel, die Pubertierenden?
Und müssen die Prbs in Wien etwa nichts fur eine Opernkarte bezahlen? Da sollte man doch mal über ein Umzug nachdenken! :yes:

F.Q.

Liebe FairyQueen,

aus dem Kontext der am entsprechenden Ort geführten Diskussion ließ sich glücklicherweise ableiten, daß die mit "P" beginnenden Buchstaben-Cluster den "Plebs" bezeichnen sollen. :D

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

128

Freitag, 15. Januar 2010, 16:06

Bin ich halt der Advocatus Diaboli oder Dei - je nachdem

Die meisten von Euch wissen ja ohnedies dank eines Prbs-Forums, das mir persönlich gestolen bleiben kann, dass mein Herz eher auf Seiten des Regietheaters schlägt. Daher spiel' ich jetzt einmal den Advocatus Diaboli oder Dei, je nachdem, und versuche eine Apologie der konservativen Inszenierung.

Jedes Kunstwerk wird von einem Menschen geschaffen, der sich dabei etwas denkt, also etwas zeigen will, etwas anstrebt. So auch das Theaterstück oder die Oper. Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt, diese aber in idealisierter germanischer Vorzeit anhand eines umgestalteten Mythos ansiedelt, so erhält diese Kritik dadurch eine überzeitliche Bedeutung. Diese überzeitliche Bedeutung wird verkleinert, wenn sie an speziellen Personen oder Ereignissen festgemacht wird. Stellt ein Regisseur Wotan beispielsweise Siegfried als Verkörperung eines NS-Recken dar, ist diese Gestalt eindeutig verortet. Damit verliert der Zuschauer die Möglichkeit, in der eigenen Vorstellung Siegfried auch als bolschewistischen Turner oder als Sportleridol unserer Tage zu sehen, wodurch dem Mythos die Überzeitlichkeit genommen wird.

Durch die Verlegung der Handlung in andere Zeiten als die vom Autor intendierten entstehen außerdem Stilbrüche, die lächerlich wirken können: Wenn Hagens Mannen mit Maschinengewehren herumlaufen, Hagen (im Anzug) Siegfried aber mit einem Speer tötet, ist die Grenze zur Lächerlichkeit in einem Ausmaß überschritten, das sowohl dem Werk als auch der - durchaus gut gemeinten und auch richtig gedachten - Interpretation schadet. Hier ist die Frage zu stellen, ob nicht der Regisseur Mittel und Wege finden muß, seine Interpretation deutlich zu machen auf eine Weise, die keinen optischen Bruch bedeutet. Die Brutalität des Geschehens läßt sich schließlich auch in einem Ambiente vor Augen führen, das der Zuschauer als mythische Zeit erkennt.

Die Aufgabe des Regisseurs entspricht jener eines Kommentators: Der Regisseur kann das Geschehen erzählen oder interpretierend erzählen, er kann aber nicht vom Geschehen abweichende Behauptungen aufstellen. Ein Kommentator, der bei einem Fußballspiel der 7:0 führenden Mannschaft bestätigt, sie würde unter jeder Kritik spielen, sei weit unterlegen und habe keine Chancen auf den Sieg, würde der Lächerlichkeit anheimfallen. Wieso geht es nicht auch einem Regisseur so, der durch seine Arbeit behauptet, Siegfried wäre ein Nazi-Kämpe oder Otello ein Box-Champion?
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

129

Freitag, 15. Januar 2010, 17:24

Zitat

Jedes Kunstwerk wird von einem Menschen geschaffen, der sich dabei etwas denkt, also etwas zeigen will, etwas anstrebt. So auch das Theaterstück oder die Oper. Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt, diese aber in idealisierter germanischer Vorzeit anhand eines umgestalteten Mythos ansiedelt, so erhält diese Kritik dadurch eine überzeitliche Bedeutung. Diese überzeitliche Bedeutung wird verkleinert, wenn sie an speziellen Personen oder Ereignissen festgemacht wird. Stellt ein Regisseur Wotan beispielsweise Siegfried als Verkörperung eines NS-Recken dar, ist diese Gestalt eindeutig verortet. Damit verliert der Zuschauer die Möglichkeit, in der eigenen Vorstellung Siegfried auch als bolschewistischen Turner oder als Sportleridol unserer Tage zu sehen, wodurch dem Mythos die Überzeitlichkeit genommen wird.

Um den Gedanken weiterzuführen: Der Regisseur ersetzt hier nur eine Konkretisierung des Stoffes (nämlich die "konventionelle") durch eine andere. Wenn man nun seine Inszenierung mit derselben Brille sieht, mit der er die "konventionelle" Inszenierung betrachtet, man also die gleichen Kriterien zur Beurteilung anwendet, dann muß er sich damit auch der gleichen Kritik stellen, die er selbst übt… Dann wäre aber auch die vorgeblich neue, in Wirklichkeit aber nur neu kostümierte (sic!) Sicht der Dinge nicht nur überflüssig, sondern auch genauso anfechtbar, wie die ursprüngliche.

Zitat

Hier ist die Frage zu stellen, ob nicht der Regisseur Mittel und Wege finden muß, seine Interpretation deutlich zu machen auf eine Weise, die keinen optischen Bruch bedeutet.

zu ergänzen: nicht nur optische Brüche, sondern Anachronismen und Brüche aller Art, es sei denn, sie werden bewußt als Ausdrucksmittel verwendet.
Das ist doch genau der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Inszenierung: Die Fähigkeit, Brüche zu vermeiden. Mein Lieblingsbeispiel (weil ich es für sehr gelungen halte): Peter Sellars Theodora. Die spielt in einer komplett anderen Zeit an völlig anderem Ort, ist aber trotzdem bis zum Ende schlüssig, bis hin zur Hinrichtung der beiden Protagonisten. Oder Axel Köhlers fröhlich bunter Admeto in Halle, eine der witzigsten und hinreißendsten Inszenierungen, die ich je gesehen habe. Da darf auch Antigone mit einem roten R4 auf die Bühne fahren und es paßt…

Und noch ein Gedanke:

Man kann alles beweisen, wenn man alles wegläßt, was dagegen spricht. Kennt jemand den Film wahnsinnig verliebt (À la folie … pas du tout!) von Laetitia Colombani ( kam am 12. Januar auf 3sat)? Zu welchen Schlüssen kommt der Zuschauer, wenn er nur die erste Hälfte des Filmes gesehen hat? Daraus wäre dann aber abzuleiten, daß der Regisseur die Vorlage SO verwendet, wie sie ist, und weder Szenen/Nummern wegläßt, noch gar den Text ändert, weil die entsprechenden Inhalte nicht in die Inszenierung passen. Das Stück solcherart prokrustesmäßig zu behandeln wäre keine Kunst…
viele Grüße

Bustopher


_____________________________________

AEIOU: A echta Intellektuella oaweit ungern

130

Freitag, 15. Januar 2010, 17:31

Besser als Edwin kann man's nicht sagen - allerdings: Wenn ein Regisseur es schafft, z.B. die Überzeitlichkeit auch auf anderem Weg so zu suggerieren, daß kein Widerspruch zur Musik und zur Grundidee entsteht, dann darf er. Und natürlich darf er auch - bei entsprechender künstlerischer Qualität - ein Werk so ändern, das es gleichsam zu einem neuen wird. Allerdings ist es dann zu fordern und ehrlich, wenn es nicht mehr als Wagner oder was sonst verkauft wird, sondern als eigenständige Schöpfung sui generis.


LG
Waldi
______________________

Homo sum, ergo inscius.

131

Freitag, 15. Januar 2010, 17:59

RE: Bin ich halt der Advocatus Diaboli oder Dei - je nachdem

Die meisten von Euch wissen ja ohnedies dank eines Prbs-Forums, das mir persönlich gestolen bleiben kann, dass mein Herz eher auf Seiten des Regietheaters schlägt. Daher spiel' ich jetzt einmal den Advocatus Diaboli oder Dei, je nachdem, und versuche eine Apologie der konservativen Inszenierung.

Jedes Kunstwerk wird von einem Menschen geschaffen, der sich dabei etwas denkt, also etwas zeigen will, etwas anstrebt. So auch das Theaterstück oder die Oper. Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt, diese aber in idealisierter germanischer Vorzeit anhand eines umgestalteten Mythos ansiedelt, so erhält diese Kritik dadurch eine überzeitliche Bedeutung. Diese überzeitliche Bedeutung wird verkleinert, wenn sie an speziellen Personen oder Ereignissen festgemacht wird. Stellt ein Regisseur Wotan beispielsweise Siegfried als Verkörperung eines NS-Recken dar, ist diese Gestalt eindeutig verortet. Damit verliert der Zuschauer die Möglichkeit, in der eigenen Vorstellung Siegfried auch als bolschewistischen Turner oder als Sportleridol unserer Tage zu sehen, wodurch dem Mythos die Überzeitlichkeit genommen wird.

Durch die Verlegung der Handlung in andere Zeiten als die vom Autor intendierten entstehen außerdem Stilbrüche, die lächerlich wirken können: Wenn Hagens Mannen mit Maschinengewehren herumlaufen, Hagen (im Anzug) Siegfried aber mit einem Speer tötet, ist die Grenze zur Lächerlichkeit in einem Ausmaß überschritten, das sowohl dem Werk als auch der - durchaus gut gemeinten und auch richtig gedachten - Interpretation schadet. Hier ist die Frage zu stellen, ob nicht der Regisseur Mittel und Wege finden muß, seine Interpretation deutlich zu machen auf eine Weise, die keinen optischen Bruch bedeutet. Die Brutalität des Geschehens läßt sich schließlich auch in einem Ambiente vor Augen führen, das der Zuschauer als mythische Zeit erkennt.

Die Aufgabe des Regisseurs entspricht jener eines Kommentators: Der Regisseur kann das Geschehen erzählen oder interpretierend erzählen, er kann aber nicht vom Geschehen abweichende Behauptungen aufstellen. Ein Kommentator, der bei einem Fußballspiel der 7:0 führenden Mannschaft bestätigt, sie würde unter jeder Kritik spielen, sei weit unterlegen und habe keine Chancen auf den Sieg, würde der Lächerlichkeit anheimfallen. Wieso geht es nicht auch einem Regisseur so, der durch seine Arbeit behauptet, Siegfried wäre ein Nazi-Kämpe oder Otello ein Box-Champion?
:wink:

Lieber Edwin,

wie war das noch? Im Prinzip ja, aber... :D

Nein, im Ernst: Du sprichst eine Gefahr an, die bei interpretierender Regie natürlich potentiell bestehen mag, nämlich, daß der Regisseur seine Gedanken und Deutungen des Stücks so explizit darlegt, daß es auf den Rezipienten einengend wirkt. Buchstabiert ein Regisseur hingegen das Libretto runter (auch gerne "Auskostümieren" genannt), so kann natürlich jeder denken, was er will, im Zweifelsfall auch gar nichts. Nun kann man sich fragen, was am Einengen so böse ist: ich meine, daß eine belehrend wirkende Haltung ("macht Euch doch darüber mal gefälligst Gedanken") eher dazu geeignet ist, bei mir als Zuschauer Abwehrreflexe hervorzurufen, als wenn ich Ideen und Assoziationen des Regisseurs als Anregungen oder Denkanstöße präsentiert bekomme.

Dies bedeutet aber im Umkehrschluß, daß die Diskussion nicht über Regietheater an sich gehen kann/sollte, sondern über gutes und schlechtes (Regie-)theater. Du hast exemplarisch an einem bestimmten Werk verdeutlicht, was nicht funktionieren kann oder wird (wobei man auch hierüber sicherlich diskutieren kann, es ging ja um die Darstellung einzelner Charaktere, und wenn man das Gesamtkonzept Deiner virtuellen Inszenierung nicht kennt, ist eine Prognose über deren Schlüssigkeit per se sehr schwer). Aber: gilt das ebenso für andere Opern, d. h. was beim "Ring" nicht geht, könnte doch vielleicht bei einem "Don Giovanni" funktionieren? Kann das Problem vielleicht darin liegen, daß die Inszenierung einfach nicht gut gemacht wäre (was wäre denn, wenn der Siegfried im Laufe des Stücks in verschiedenen Kostümen auftritt, die jeweils Idolisierung assoziieren sollen)?

Und hierin liegt für mich das Hauptproblem nicht so sehr in Deiner Kritik am Regietheater, aber doch in der vielerorts zu vernehmenden "Kritik" an eben jenem (die in vielen Fällen eher polemischer Häme gleichkommt): es wird generalisiert und mit groben Klötzen gearbeitet, wo wahrscheinlich dann doch immer die individuelle künstlerische Idee betrachtet werden müßte.

Kleine Ergänzung: Es wird ja z. T. schon gebuht und geschimpft, wenn ein in konkreter Zeit am konkreten Ort spielendes Stück in abstaktem Ambiente dargeboten wird. Nach Deinen Ausführungen würde das doch aber eigentlich einen Gewinn darstellen, denn so wird die Fantasie der Zuschauer endlich befreit und zur freien Assoziation angeregt.

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

132

Freitag, 15. Januar 2010, 17:59

Zitat

Und natürlich darf er auch - bei entsprechender künstlerischer Qualität - ein Werk so ändern, das es gleichsam zu einem neuen wird.

daß es gleichsam zu einem neuen wird - da will ich nicht widersprechen. Die Einschränkung hast Du aber selbst geschrieben: bei entsprechender künstlerischer Qualität. Genau scheiden sich dann halt oft die Geister... Und es ist leider triviale Lebenserfahrung, daß es in der Welt mehr Banalitäten und Epigonentum gibt, als große Kunstwerke... :stumm:

Zitat

Allerdings ist es dann zu fordern und ehrlich, wenn es nicht mehr als Wagner oder was sonst verkauft wird, sondern als eigenständige Schöpfung sui generis.

Eben! Händels Messiah in der Bearbeitung von Mozart wird ja auch genau so plakatiert: Messias von G.F. Händel in der Bearbeitung von W.A. Mozart...
Es gibt dann allerdings auch die andere Seite: die Bearbeitung als eigene Kreation ausgeben. Im Programmheft der Uraufführung der Dreigroschenoper stand noch: "übersetzt von Elisabeth Hauptmann [Anm.: die auch große Teile des Stückes tatsächlich berabeitet hat!] in der Bearbeitung von Bert Brecht". John Gay wurde als Autor genannt. So stand's auch noch in der Erstausgabe. In späteren Ausgaben (z.B. bei suhrkamp) ist nicht nur die Elisabeth Haupmann unter den Tisch gefallen, sondern auch noch der John Gay und das Wort "Bearbeitung". Da steht jetzt nur noch lapidar "Bert Brecht, Dreigroschenoper"...
(OK: OT...)
viele Grüße

Bustopher


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AEIOU: A echta Intellektuella oaweit ungern

133

Samstag, 16. Januar 2010, 00:31

Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt,


Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes?

Gruß,

Normann

134

Samstag, 16. Januar 2010, 01:06

You ask Mr. Shaw.
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

135

Samstag, 16. Januar 2010, 04:02

Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes?


Doch, das halte ich für sehr gut belegt, z.B. von Udo Bermbach. Ich sehe im Ring vor allem auch eine sehr radikale Herrschaftskritik wie z.B. auch Hans Mayer, Ekkehard Krippendorf.

Wagners Denken ist Teil des Links-Hegelianismus - einschließlich des Antisemitismus -, + Proudhon, Bakunin und dazu ziemlich quer Schopenhauer.

:wink: Matthias

Amfortas09

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136

Samstag, 16. Januar 2010, 07:43

Zitat

Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt......
Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes? ...
z.B. (aus Rheingold)

WOTAN

Zu was doch frommt dir der Hort,
da freudlos Nibelheim,
und nichts für Schätze hier feil?


ALBERICH

Schätze zu schaffen und Schätze zu bergen,
nützt mir Nibelheims Nacht.
Doch mit dem Hort, in der Höhle gehäuft,
denk' ich dann Wunder zu wirken:
die ganze Welt gewinn' ich mit ihm mir zu eigen!


WOTAN

Wie beginnst du, Gütiger, das?

ALBERICH

Die in linder Lüfte Weh'n da oben ihr lebt,
lacht und liebt: mit goldner Faust
euch Göttliche fang' ich mir alle!
Wie ich der Liebe abgesagt,
alles, was lebt, soll ihr entsagen!
Mit Golde gekirrt,
nach Gold nur sollt ihr noch gieren!


:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

Armin Diedrich

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137

Samstag, 16. Januar 2010, 08:52

Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt,


Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes?

Gruß,

Normann
Cosima schreibt beispielsweise im Tagebuch mal, daß Wagner bei einem Besuch des Londoner Hafens meinte: "Das ist Alberichs Reich"

138

Samstag, 16. Januar 2010, 23:22

Selbst wenn er es nicht expressis verbis gesagt hat: Wegen der Macht auf die Liebe (wobei sowohl Eros als auch Agape gemeint sind) verzichten, ist eine eindeutig kapitalismuskritische Botschaft.
Deshalb hat meiner Meinung nach Chéreaus "Ring" auch funktioniert: Er zeigt, was in dem Werk steckt, thematisiert die Brüche und macht einfach packendes Theater.

Probleme habe ich, wenn Inhalt und Gezeigtes ideell auseinanderklaffen. Für mich ist der Wiener "Moses und Aron" in der Regie von Reto Nickler dafür ein Paradebeispiel: Er suggeriert Juden, die aus Nazi-Deutschland ausreisen. Für mich eine katastrophale Idee, denn
- erstens besteht die Tragödie der Juden im Nazi-Reich für mich primär in den Gaskammern
- zweitens zeichnet Schönberg die Juden im ersten Akt als nicht geeint, im zweiten Akt bringen sie aktiv Menschenopfer. In der nazi-Zeit waren allerdings die Juden nicht die Opfernden, sondern die Geopferten, bzw. richtiger: die Ermordeten.
Obwohl die Regie im ersten Moment schlüssig wirkt, ist sie für mich auf einen zweiten Blick fatal. Sie unterläuft die Idee des Werks.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

139

Montag, 18. Januar 2010, 12:56

Ich kenne die von Edwin erwähnte Aufführung von "Moses und Aron" zwar nicht, könnte mir aber aus der Schilderung durchaus vorstellen, daß der Regieansatz problematisch sein könnte. Dies sagt aber doch sehr viel mehr über die Möglichkeiten, das konkrete Werk "Moses und Aron" zu inszenieren aus, als über das Regietheater an sich, oder?

Wenn Inhalt des Werks und Ideen des Regisseurs zu weit auseinandergehen, wird dies sicherlich (fast) immer problematisch sein. Es sei denn, die Ideen des Regisseurs sind so gut, daß zwischen ihnen und dem Inhalt des Werks eine produktive Reibung entsteht, die letztlich dann doch wieder dem Werk zugute kommt. In der Konsequenz wäre dies aber kein Plädoyer gegen das Regietheater, sondern ein Eintreten für gut gemachtes Theater auf hohem Niveau, in dem die Regisseure die Wirkung und Schlüssigkeit ihrer Konzepte ständig kritisch prüfen.

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

140

Montag, 18. Januar 2010, 13:28

Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt,


Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes?

Gruß,

Normann



lassen wir doch Wagner selbst antworten:

Zitat


Sieh hin, dort strömen Schaaren heraus aus den Fabriken; sie haben geschafft und erzeugt die herrlichsten Stoffe, - sie selbst und ihre Kinder sind nackt, sie frieren und hungern, denn nicht ihnen gehört die Frucht ihrer Arbeit, dem Reichen und Mächtigen gehört sie, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt. Sieh, dort ziehen sie heran, von den Dörfern und Gehöften; sie haben die Erde bebaut, und zum freundlichen Garten umgeschaffen, und Fülle der Früchte, genügend für Alle, die da leben, lohnte ihr Mühen, - doch sind sie arm und nackt und hungern, denn nicht ihnen und den Andern, die da bedürftig sind, gehört der Segen der Erde, allein dem Reichen und Mächtigen gehört er, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt. Sie Alle, die Hunderttausende, die Millionen, sid lagern auf den Höhen und blicken hinaus in die Ferne, wo die wachsende Wolke das Nahen der befreiende Revolution verkündet, und sie Alle, denen Nichts zu bedauern bleibt, denen man selbst die Söhne raubt, um sie zu tapfern Kerkermeistern ihrer Väter zu erziehen, deren Töchter mit Schande beladen die Straßen der Städte durchwandeln, ein Opfer der niedrigen Lüste des Reichen und Mächtigen, sie Alle mit den bleichen, gramdurchfurchten Gesichtern, den von Hunger und Frost verzehrten Gliedern, sie Alle, die nie die Freude kannten, sie lagern dort auf den Höhen, und bebend vor wonnevoller Erwartung schauen sie mit angestrengtem Blicke der nahenden Erscheinung entgegen, und lauschen in lautloser Entzückung dem Brausen des anschwellenden Sturmes, der ihrem Ohre entgegenträgt den Gruß der Revolution

Dresdener Volksblätter vom 8.April 1849

Aber es ist wohl nicht NUR Kapitalismuskritik, was er im Ring betreibt, es ist Herrschaftskritik im allgemeinen, denn der obige Passus ist nur ein kleiner Abschnitt aus seinem Artikel, da geht es auch noch um andere Dinge, die man unschwer im Ring wiederfinden kann. Und daß er an der Revolution 1848/49 aktiv teilgenommen hat, ist - glaube ich - ebenso bekannt wie der Umstand , daß er am 9. Mai zusammen mit Bakunin aus Dresden fliehen musste (nachdem er die letzte Nummer der Volksblätter für Röckel besorgt hatte)
viele Grüße

Bustopher


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141

Donnerstag, 21. Januar 2010, 03:41

Zunächst einmal: Was für ein schöner Strang! Vernünftige Menschen in vernünftiger Diskussion! Und das bei diesem Thema! Äußern möchte ich mich zu den Beiträgen von Edwin und der Erwiderung von...

Zitat

Symbol: Du sprichst eine Gefahr an, die bei interpretierender Regie natürlich potentiell bestehen mag, nämlich, daß der Regisseur seine Gedanken und Deutungen des Stücks so explizit darlegt, daß es auf den Rezipienten einengend wirkt. Buchstabiert ein Regisseur hingegen das Libretto runter (auch gerne "Auskostümieren" genannt), so kann natürlich jeder denken, was er will, im Zweifelsfall auch gar nichts. Nun kann man sich fragen, was am Einengen so böse ist: ich meine, daß eine belehrend wirkende Haltung ("macht Euch doch darüber mal gefälligst Gedanken") eher dazu geeignet ist, bei mir als Zuschauer Abwehrreflexe hervorzurufen, als wenn ich Ideen und Assoziationen des Regisseurs als Anregungen oder Denkanstöße präsentiert bekomme.
Theoretisch kann ich nachvollziehen, was Symbol hier meint: Wenn mir durch eine Inszenierung eine Deutungsmöglichkeit allzu deftig aufs Auge gedrückt wird und ich mich in meiner Deutungsfreiheit eingeschränkt fühle, könnte ich mir auch vorstellen, abwehrend zu reagieren. Aber ist das denn so? Das muss wohl jeder selbst entscheiden.

Wenn ich in die Oper gehe, ist mir jedenfalls noch nie der Gedanke gekommen: "Schade, das habe ich immer ganz anders aufgefasst!" Stattdessen denke ich häufig: "Schade, was hätte man als Regisseur aus diesem Stoff machen können!"

Wenn ich in die Oper gehe und eine Inszenierungsidee sehe, die mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen ist, dann ist das doch erstmal toll: Hier erweitert ein Regisseur meinen Horizont! Und wenn sich bei näherer Prüfung ergibt, dass die Inszenierungsidee dem Stoff doch nicht so ganz angemessen ist, dann kann man immer noch relativieren.

Ich ganz persönlich finde es seltsam in eine Oper zu gehen mit dem Anspruch, dass alle Interpretationsansätze offen bleiben müssen (die "nicht-einschränkende" Regiearbeit). Eine der spannenden Fragen beim Opernbesuch ist für mich jedesmal: Was macht der Regisseur daraus? Schafft er es, einen Bezug zeischen Oper und meinem Leben herzustellen?

Es gibt auch Momente, in denen ich Spaß daran habe, aus einer Oper selbständig Bezüge zu meinem Erfahrungshorizont herzustellen. Das ist aber eine recht anspruchsvolle Tätigkeit, die ich eigentlich im Wesentlichen dann erlebe, wenn ich mir eine Aufnahme mit Partitur zuhause anhöre. Wenn ich in die Oper gehe, muss ich doch jedenfalls irgendwie den Vermittler "Regisseur" akzeptieren. Je intelligenter und origineller dieser Mensch ist, desto besser... findet zumindest

Tharon.

142

Donnerstag, 21. Januar 2010, 09:05

Zitat

Eine der spannenden Fragen beim Opernbesuch ist für mich jedesmal: Was macht der Regisseur daraus? Schafft er es, einen Bezug zwischen Oper und meinem Leben herzustellen?


Tharon, die Erwartungen an einen Opernbesuch können sich offenbar grundlegend unterscheiden. Wenn ich in die Oper gehe, möchte ich ein Kunstwerk möglichst eindringlich, möglichst in seiner ganzen Schlagkraft erleben. Und das beinhaltet für mich, daß es in sich sich stimmig aufgeführt wird, d.h. Musik und Bühne müssen in welcher Form auch immer zusammenpassen. Wenn das nicht der Fall ist, wenn es immer wieder zu krassen Stilbrüchen kommt, ist es für mich mit der Eindringlichkeit vorbei.

Der Bezug zwischen dem Kunstwerk und meinem Leben ergibt sich in einer in sich stimmigen Aufführung automatisch, in einer permanent stilbrüchigen ergibt er sich nicht, da dort die Wirkung des Werkes auf mein Inneres zu einem mehr oder minder großen Teil verloren geht.

Viele Grüße

Bernd

Amfortas09

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143

Donnerstag, 21. Januar 2010, 11:55

Zitat

Wenn ich in die Oper gehe, möchte ich ein Kunstwerk möglichst eindringlich, möglichst in seiner ganzen Schlagkraft erleben. Und das beinhaltet für mich, daß es in sich sich stimmig aufgeführt wird, d.h. Musik und Bühne müssen in welcher Form auch immer zusammenpassen. Wenn das nicht der Fall ist, wenn es immer wieder zu krassen Stilbrüchen kommt, ist es für mich mit der Eindringlichkeit vorbei... Der Bezug zwischen dem Kunstwerk und meinem Leben ergibt sich in einer in sich stimmigen Aufführung automatisch, in einer permanent stilbrüchigen ergibt er sich nicht, da dort die Wirkung des Werkes auf mein Inneres zu einem mehr oder minder großen Teil verloren geht.
Der Gedanke sollte noch aufgefächert werden... eindringlich und in seiner Schlagkraft, ja unbedingt ! Mit der Stimmigkeit ist es aber nicht ganz so einfach, weil auch in den bedeutenden Kunstwerken Stilbrüchiges, Krudes, Unstimmiges sich findet. Das sollte von der Regie nicht überkleistert werden, sondern deutlich gemacht werden... auch die gelungenen Arbeiten der sog. modernen Regie erschöpfen sich nicht in permanenten Stilbrüchen (die, wie Du sie beschreibst, sich dann verpuffen und uninteressant werden => Index schlechter Regie), sondern versuchen z.B. verborgene Fasetten des Werkes zur Erscheinung zu bringen, Fragen an das Werk zu stellen usw. .. der Bezug zwischen Kunst und Leben ist in der Regel nicht linear... und das Bedeutende an Kunstwerken mag sich zuletzt auch darin zeigen, dass es eben keinen unmittelbaren Bezug zum Leben hat bzw. sogar zur "Gegenwelt" der eigenen Erfahrungen, Vorstellungen, Gedanken werden vermag....

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

144

Donnerstag, 21. Januar 2010, 12:00

Aus ganz aktueller Erfahrung breche ich eine Lanze für das PERSONEN-Regie-Theater. Ich habe vorgestern an der Opéra de Lille einen Eugene Onegine erlebt, der mich tief beeindruckte und gar nciht mehr loslassen will.
. Der Regisseur heisst Jean-Yves Ruf und inszeniert auch viel am Sprechtheater, was sich hier als segensreich erwies.
Es gab fast kein Bühnenbild und nur wenige Requisiten, die Kostüme waren mehr oder weniger zeitlos, aber, wie so oft in Frankreich von grosser ästhetischer Schönheit. Die ganze Inszeneirung richtete sch auf die Personen und deren Interaktion. Das Stûck konnte in jeder Zeit und überall spielen, es geht hier also nciht um die so oft geforderte Werktreue im Hinblick auf das Ambiente der Oper.
Gerade diese Zeitlosigkeit war es aber, die die Geschichte so mitreissend und packend machte und grossen Raum für Identifikation liess(siehe Arundos Forderung, "betroffen" zu werden)
Die Konstellationen der Paare, Lenski/Olga , Tatjana/Onegin, Gremin/Tatjana wurde glasklar herausgearbeitet, indem die Personen jeden notwendigen Raum hatten zu interagieren. Es gab keine ablenkenden Ideologien, die den Zuschauer im Vorhinein festlegen konnten.
Abgesehen davon, dass ich die literaische Vorlage von Puschkin sowieso geial finde, war das ein Psychodrama, spannend von der ersten bis zur letzten Minute mit gebanntem Publkum, sehr vielen jugendlichen Zuhörern und restlos ausverkauftem Haus bis zu den Galerien und Stehplätzen,wo man kaum noch was sieht. Etlcihe Leute waren schon zum zweitemal da und nahmen dafür dann Stehplätze in Kauf.
Solche Sternstunden leben von Sing-Schauspileern, die ihre Rollen glaubwürdig ans Publikum bringen und denen sowohl Orchester als auch Regie die notwendige Freiheit lassen,sich zu entfalten.
Das Orchester bei Tchaikovski ist nciht eben schwach besetzt und wir hatten mit dem Lenski einen eher leichten Tenor, der seine grosse Arie Kuda kuda teilweise liegend oder kniend gesungen hat. Tatjana lag bei einem Teil der Briefszene auf dem Schreibtisch, was die ekstatischen Gefühle unterstrichen hat und hat da ja wahrlch ein Riesenteil zu singen. :faint:
Im Schlussduett Onegin/Tatjana wurde serh leidenschaftlich gespielt und die Sänger befanden sich nicht immer in vorteilhaften Sing-Postionen- alles kein Problem- das Orchester unter Pascal Verrot war immer rücksichtsvoll, wenn es sein musste, konnte aber auch voll aufdrehen, wenn Leiden-Schaft pur angesagt war oder eine richtig grosse Stimme wie der Gremin des Wojtek Smilek sang (himmlisch, seine Arie und seine Interaktion mit Tatjana!)überhaupt war das eine Sternstunden des Schöngesang im grossen lyrischen Fach und so frei von"kreischenden Schweinshaxen", dass es wie Weihnachten und Ostern für meine Ohren war.

Hier hat sich für mich das realisiert, was ich mir von der Oper derZukunft wünsche: eine Synthese aus Sänger- Musik- und Drama-Theater, das unabhängig von Handlungsort- und Zeit den Zuhörer aufgrund der werkimmanenten Dramatik und/oder Musik packen kann und dabei weder vergewaltig noch langweilt.
Was interessiert mcih denn, ob das Kostüm udn die Requisite aus der Puschkin-Zeit stammt oder nciht ? Mich interessiert vielmehr, was zwischen Onegin und Lenski oder Onegin und Tatjana passiert und wie Tchaikovski das muskalisch gedeutet hat.

F.Q?
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

145

Donnerstag, 21. Januar 2010, 12:58

Zitat



Wenn beispielsweise Richard Wagner im "Ring" eine Kritik an Kapitalismus und Spießbürgertum übt,

Ist es belegt, dass Wagner selbst den "RIng" so meinte oder ist das bloß eine gängige Interpretation des Werkes?

Gruß,

Normann
Für mich völlig belanglos. Da ich keine weltanschaulichen Interpretationen und schon gar keine 'aktuellen' politischen Bezüge erwarte, begnüge ich mit der Tonkonserve. Thomas Mann schlug mal (in den 20ern?) vor, Wagner nur noch auf sehr entschlackten Bühnen - wenn ich ihn richtig verstehe: fast nur noch konzertant - zu bringen.

Zitat

Der Bezug zwischen dem Kunstwerk und meinem Leben ergibt sich in einer in sich stimmigen Aufführung automatisch, in einer permanent stilbrüchigen ergibt er sich nicht, da dort die Wirkung des Werkes auf mein Inneres zu einem mehr oder minder großen Teil verloren geht.
Ja.

Amfortas09

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146

Donnerstag, 21. Januar 2010, 13:33

Zitat

Für mich völlig belanglos. Da ich keine weltanschaulichen Interpretationen und schon gar keine 'aktuellen' politischen Bezüge erwarte, begnüge ich mit der Tonkonserve.
Kapitalismuskritik im Ring ist weder eine weltanschauliche Interpretation, noch besitzt sie ausgeprägte "Aktualität", da das ein - nicht einzige - wichtiger Bestandteil des Rings ist, der im 19. Jahrhundert komponiert wurde.

Zitat

Wagner nur noch auf sehr entschlackten Bühnen - wenn ich ihn richtig verstehe: fast nur noch konzertant - zu bringen.
Dem Wörtchen "nur" würde ich nicht folgen, aber konzertante Wiedergaben haben den Vorteil, der Konzentration auf die Musik des Rings.

Zitat

Der Bezug zwischen dem Kunstwerk und meinem Leben ergibt sich in einer in sich stimmigen Aufführung automatisch, in einer permanent stilbrüchigen ergibt er sich nicht, da dort die Wirkung des Werkes auf mein Inneres zu einem mehr oder minder großen Teil verloren geht.
Ja.
Warum muss es immer einen Bezug zum eigenen Leben bzw. Inneren haben ? Wotan:

Stets Gewohntes nur magst du verstehn:
doch was noch nie sich traf,
danach trachtet mein Sinn.
..
..Zum Ekel find ich ewig nur mich
in allem, was ich erwirke!
Das andre, das ich ersehne,
das andre erseh ich nie:

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

147

Donnerstag, 21. Januar 2010, 13:41

Zitat

arundo donax:
Tharon, die Erwartungen an einen Opernbesuch können sich offenbar grundlegend unterscheiden. Wenn ich in die Oper gehe, möchte ich ein Kunstwerk möglichst eindringlich, möglichst in seiner ganzen Schlagkraft erleben. Und das beinhaltet für mich, daß es in sich sich stimmig aufgeführt wird, d.h. Musik und Bühne müssen in welcher Form auch immer zusammenpassen. Wenn das nicht der Fall ist, wenn es immer wieder zu krassen Stilbrüchen kommt, ist es für mich mit der Eindringlichkeit vorbei.

Der Bezug zwischen dem Kunstwerk und meinem Leben ergibt sich in einer in sich stimmigen Aufführung automatisch, in einer permanent stilbrüchigen ergibt er sich nicht, da dort die Wirkung des Werkes auf mein Inneres zu einem mehr oder minder großen Teil verloren geht.
Stilbruch und Stimmigkeit, beide Wörter tauchen gleich zweimal auf, darum geht es wohl. Der Begriff "Stilbruch" beinhaltet in meinen Augen eine negative Komponente. Ich verwende daher lieber "Stilpluralismus". "Stimmigkeit" wiederum scheint mir recht subjektiv zu sein, ein Zeichen dafür, dass am ersten Satz etwas dran ist: die Erwartungen sind wohl unterschiedlich.

Für mich jedenfalls bedeutet ein Kunstwerk, das sich mehrerer Stile bedient, nicht unbedingt, dass es unstimmig ist. Spätestens seit meiner Beschäftigung mit der Postmoderne stelle ich häufiger fest, dass sich gerade durch einen Stilpluralismus Inhalte und Stimmungen vermitteln lassen, die puristisch schwerer zu bekommen sind. Eine mächtige Farbige mit dicker Goldkette und im Dress einer modernen Popdiva als Klytämnestra in Strauss´ Elektra hat mich zum Beispiel auch etwas irritiert (gesehen in Frankfurt). Aber im Nachhinein fand ich, dass dieses Outfit zusammen mit der (tollen!) schwülstigen Musik von Strauss eine Gesamtatmosphäre ergab, die meinem aktuellen Lebensumfeld viel näher ist, als eine historisierende Inszenierung. Ich empfinde mich jedenfalls als Bewohner einer brüchigen Umwelt.

Tharon.

148

Donnerstag, 21. Januar 2010, 13:49

Für mich völlig belanglos. Da ich keine weltanschaulichen Interpretationen und schon gar keine 'aktuellen' politischen Bezüge erwarte, begnüge ich mit der Tonkonserve. Thomas Mann schlug mal (in den 20ern?) vor, Wagner nur noch auf sehr entschlackten Bühnen - wenn ich ihn richtig verstehe: fast nur noch konzertant - zu bringen.

Das wäre dann wohl Regietheater reinsten Wassers. :D

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

149

Donnerstag, 21. Januar 2010, 14:31

Zitat

Eine mächtige Farbige mit dicker Goldkette und im Dress einer modernen Popdiva als Klytämnestra in Strauss´ Elektra hat mich zum Beispiel auch etwas irritiert (gesehen in Frankfurt). Aber im Nachhinein fand ich, dass dieses Outfit zusammen mit der (tollen!) schwülstigen Musik von Strauss eine Gesamtatmosphäre ergab, die meinem aktuellen Lebensumfeld viel näher ist, als eine historisierende Inszenierung. Ich empfinde mich jedenfalls als Bewohner einer brüchigen Umwelt.


Glaube ich gerne. Das diente einem Rezipienteneindruck, der irgendwie gut zur Musik passt - kann ich mir richtig vorstellen (so wie Norman einst im Tannhäuser). Aber:

Zitat

Kapitalismuskritik im Ring ist weder eine weltanschauliche Interpretation, noch besitzt sie ausgeprägte "Aktualität", da das ein - nicht einzige - wichtiger Bestandteil des Rings ist, der im 19. Jahrhundert komponiert wurde.

Das mag zu bestimmten Botschaften passen, die der bismarckianisch gewendete 48er Wagner auch im Sinn hatte - so, wie aus seinem Revolutionsfestspielhauskonzept, dem gemäß das Festspielgebäude nach seiner ersten Nutzung abgefackelt werden sollte, das edelschicke Bayreuth wurde. Doch diese Botschaften tragen einfach nix zum Wert des Rings bei. Wagner hätte seine Botschaften (die nun wirklich nicht sehr interessant, tiefsinnig oder originell sind) auch bloß in Aufsätze zu packen brauchen und die Musikwerke damit verschonen können. Dann läge die Qualität ganz offenkundig nur noch darin, worin sie tatsächlich steckt: in der Musik und der Art, wie sie dramaturgisch - für Ausdruckszwecke - eingesetzt wird.

150

Donnerstag, 21. Januar 2010, 14:41

Erkenntnisgewinn

Ich erwarte von einem Opernbesuch, dass ich leicht verändert aus dem Opernhaus hinausgehe als ich hineingegangen bin. Erkenntnisgewinn nennt man das wohl. Und das ist doch die Aufgabe der Kunst. Dass sie auch unterhaltend sein darf, warum nicht. Nur eben nicht ausschließlich, das ist mir zu wenig. Wie Regisseur, Bühnen-, Kostümbildner aber auch Orchester, Dirigent und Sänger das schaffen, ist mir fast egal: es muss gut und stimmig sein.

Ich mag mich täuschen, aber mir scheint es, als ginge es vielen Gegnern des so genannten Regietheaters mehr um Unterhaltung auf hohem Niveau.

Darüber hinaus bin ich auch von Aufführungen, die mich nicht überzeugen, in den seltensten Fällen enttäuscht. Auch "schlechte" Inszenierungen regen mich zum Nachdenken an. Bisher konnte ich noch fast jedem Opernbesuch etwas Positives abgewinnen. Geärgert habe ich mich noch nie. Und ich bin alles andere als ein Schönfärber.

Immer noch
Froh
"Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein

Amfortas09

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151

Donnerstag, 21. Januar 2010, 14:53

Zitat

Dann läge die Qualität ganz offenkundig nur noch darin, worin sie tatsächlich steckt: in der Musik und der Art, wie sie dramaturgisch - für Ausdruckszwecke - eingesetzt wird.
eben, und da wäre ein möglicher - nicht der - Ansatzpunkt für eine sinnvolle musikalische Wiedergabe und Regie des Ringes. Damit ist aber nicht gesagt, dass sich der Ring sich in Kapitalismuskritik erschöpft. Das wäre auch eine zu schmale Basis für eine Ringwiedergabe.

Zitat

und die Musikwerke damit verschonen können.
Warum sollen ausgerechnet Musikwerk davon "verschont" bleiben und wo liegt der "Wert" des Ringes ?

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

152

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:02

Zitat

Ich mag mich täuschen, aber mir scheint es, als ginge es vielen Gegnern des so genannten Regietheaters mehr um Unterhaltung auf hohem Niveau.


Für andere Gegner des sogenannten Regietheaters kann ich nicht sprechen, für mich selber aber wohl: Du täuschst dich. Bei der Begegnung mit einem für mich wichtigen Kunstwerk geht es mir immer um weit mehr als um bloße Unterhaltung.

Zitat

Ich erwarte von einem Opernbesuch, dass ich leicht verändert aus dem Opernhaus hinausgehe als ich hineingegangen bin. Erkenntnisgewinn nennt man das wohl.


Die Frage ist, auf welche Ebene sich dieser "Erkenntnisgewinn" beziehen soll. Für mich soll er nicht zuvorderst oder gar ausschließlich im Rationalen stattfinden; ansonsten würde ich nicht in die Oper gehen, sondern lieber eine philosophische/politische/historische/gesellschaftskritische Abhandlung lesen....

Viele Grüße

Bernd

153

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:02

Zitat

Erkenntnisgewinn nennt man das wohl. Und das ist doch die Aufgabe der Kunst. Dass sie auch unterhaltend sein darf, warum nicht
Wenn ich Erkenntnisse haben will, lese ich Texte. Kunst ist mir dafür zu schade. Deren Wirkungen sind anderer Art als der Art, mich von etwas zu überzeugen. Und ein gutes Werk leistet in der Tat auch mehr als, mich zu unterhalten. Wer unterhalten werden will, langweilt sich wahrscheinlich - das kenne ich nicht. Zum Beispiel in Straussens "Alpensymphonie" gewinnt man gewisse Eindrücke von einer Alpenlandschaft und Tätigkeiten in dieser Landschaft (hochkraxeln u. dgl.), ohne dass da irgendwelche Botschaften/Erkenntnisse vermittelt werden (sollen). Um mich von einem Regisseur über seine Ansichten - die wohl kaum spannender sein dürften als irgendwelche von Wissenschaftlern oder Philosophen geäußerten Meinungen - aufklären zu lassen, würde ich nicht in eine Aufführung gehen.

Cherubino

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154

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:02

Ich erwarte von einem Opernbesuch, dass ich leicht verändert aus dem Opernhaus hinausgehe als ich hineingegangen bin. Erkenntnisgewinn nennt man das wohl. Und das ist doch die Aufgabe der Kunst.

Erkenntnisgewinn ist ja schön und gut, aber dafür gehe ich doch nicht in die Oper! Erkenntnisgewinn ist das oberste Ziel der Wissenschaft, aber die Oper ist mein Freizeitvergnügen, da geht es mir ganz um mich. Wenn ich also Erkenntnisse gewinnen will, dann nur Erkenntnisse über mich selbst. Alles andere ist ein angenehmer Nebeneffekt, aber beileibe kein Grund, in die Oper zu gehen! Da könnte ich ja auch nur die Partitur lesen. In die Oper gehe ich als Freizeitunterhaltung!
Ich mag mich täuschen, aber mir scheint es, als ginge es vielen Gegnern des so genannten Regietheaters mehr um Unterhaltung auf hohem Niveau.

Ja, genau darum geht es mir in erster Linie - aber als Gegner des Regietheaters würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Ich habe auch kein schlechtes Gewissen dabei, dass die Oper für mich Freizeitunterhaltung ist, dazu ist sie schließlich da!
Dass sie auch unterhaltend sein darf, warum nicht. Nur eben nicht ausschließlich, das ist mir zu wenig. Wie Regisseur, Bühnen-, Kostümbildner aber auch Orchester, Dirigent und Sänger das schaffen, ist mir fast egal: es muss gut und stimmig sein.

Da stimme ich mit dir völlig überein! Allerdings darf Oper nicht nur unterhaltsam sein, sie muss, wenn sie sich nicht völlig verraten und überflüssig machen will. Wie die Beteiligten es schaffen, mich zu unterhalten und mir das Stück zu vermitteln, dass ich gerade sehe, das ist mir auch egal - so lange es Sinn hat, gut gemacht ist und stimmig ist!
Darüber hinaus bin ich auch von Aufführungen, die mich nicht überzeugen, in den seltensten Fällen enttäuscht.

Wenn ihenen das aber nicht gelingt, wenn die Inszenierung das Stück nicht ernst nimmt, nicht stimmig ist, keinen Sinn hat, nicht gut gemacht ist - dann ärgere ich mich schon. Ich liebe die Oper viel zu sehr, als dass ich nicht enttäuscht sein könnte, wenn eine Inszenierung völlig am Stück vorbei geht.
Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

Amfortas09

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155

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:24

Zitat

Wenn ich Erkenntnisse haben will, lese ich Texte. Kunst ist mir dafür zu schade. Deren Wirkungen sind anderer Art als der Art, mich von etwas zu überzeugen. Und ein gutes Werk leistet in der Tat auch mehr als, mich zu unterhalten. Wer unterhalten werden will, langweilt sich wahrscheinlich - das kenne ich nicht. Zum Beispiel in Straussens "Alpensymphonie" gewinnt man gewisse Eindrücke von einer Alpenlandschaft und Tätigkeiten in dieser Landschaft (hochkraxeln u. dgl.), ohne dass da irgendwelche Botschaften/Erkenntnisse vermittelt werden (sollen). Um mich von einem Regisseur über seine Ansichten - die wohl kaum spannender sein dürften als irgendwelche von Wissenschaftlern oder Philosophen geäußerten Meinungen - aufklären zu lassen, würde ich nicht in eine Aufführung gehen.
Warum soll Kunst nicht zu neuen Erfahrungen oder auch neuen Erkenntnisse führen ? Erkenntniss sind ja nicht nur in der rein rationalen Sphäre angesiedelt. Ferner bewegen sich Kunstwerke auch niemals ganz außerhalb der rationalen Sphäre. Aber ästhetische Erfahrung bzw. Erkenntnisse aus dem ästhetischen Bereich haben vielleicht das Potential sich nicht im begrenzten System der Rationalität zu erschöpfen zu müssen. Eine gute Regie wird auch nicht versuchen immer schlauer zu sein als das Werk sein zu wollen; obwohl mich das zuweilen gar nicht stört :D .

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

156

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:25

Also, muss wohl nicht gesagt werden: ich sehe hier jetzt ein fettes Ausmaß an Übereinstimmung. Unterhaltung, im weiteren Sinne verstanden - nicht in dem Sinne, in dem man in einer Zirkusvorstellung Unterhaltung sucht -, ja, um sowas geht es wohl; jedenfalls nicht um die aktuelle Meinung/Erkenntnis von Regisseur Müller.



Zitat

Erkenntniss sind ja nicht nur in der rein rationalen Sphäre angesiedelt.

Doch (vgl. Schlick: Erkenntnislehre) :D

157

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:31

Natürlich landet det Janze wieda bei der Frage, worin ästhetisches Erleben bestehen kann (spezifischerweise, verdammt noch mal!). Mir jeht et nur jetz darum, dass ich jedenfalls nicht in eine Aufführung gehe, um zu erfahren, dass Krieg böse st (Man denke an Kippenbergers "Krieg böse" :D ), dass die Finanzkrise .......... :shake:

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158

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:32

Zitat

Doch (vgl. Schlick: Erkenntnislehre)
dann nenne mir doch einen Begriff der ohne das Moment der Anschauung auskommt (höchsten der Begriff Tod oder der Begriff "Gott", aber beides ist vermutlich nicht Gegenstand möglicher Erfahrung :D ). Und selbst Zahlen beziehen sich auf etwas Zählbares, was diese nicht selbst sind...

Zitat

Natürlich landet det Janze wieda bei der Frage, worin ästhetisches Erleben bestehen kann (spezifischerweise, verdammt noch mal!). Mir jeht et nur jetz darum, dass ich jedenfalls nicht in eine Aufführung gehe, um zu erfahren, dass Krieg böse st (Man denke an Kippenbergers "Krieg böse" :D ), dass die Finanzkrise .......... :shake:
finde ich auch, das heißt aber doch lange nicht, diese Dinge völlig auszublenden ...

:wink:
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159

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:36

Zitat

Moment
? Was'n das? Dass man, um Erkenntnisse zu gewinnen, allerlei braucht, etwa 'empirisches Material', ist klar. Aber ne Erkenntnisse habe ich erst mit 'nem wahren Satz.

160

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:38

Zitat

das heißt aber doch lange nicht, diese Dinge völlig auszublenden ...
Ach doch, ist mir lieber. Ist sonst so wie, ein gutes Essen ein bisschen zu versalzen, weil es nicht zu gut schmecken soll.

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