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Amfortas09

Mißtöner

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161

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:38

und wie soll der "wahre" Satz ohne "empirisches Material" auskommen ? Er ist doch zwangsläufig darauf bezogen.

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

162

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:40

Aber ne Erkenntnisse habe ich erst mit 'nem wahren Satz.


Ist der zitierte Satz ein wahrer Satz?

Falstaff

163

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:43

Na, wie ich sagte, braucht man Mittel (etwa anschauliche), um ne erkenntnis zu verstehen, so, wie man überhaupt ne Art innerer Bilder braucht, um manche Wortbedeutungen kennen zu können. Aber bei ner musik. Aufführung geht es mir nicht um die Erkenntnis, wohl aber um so allerlei Anschuliches und Sinnliches.

164

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:44

Zitat

Ist der zitierte Satz ein wahrer Satz?
na klaro

165

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:51

Auf jeden Fall geht es mir nicht um eine Belehrung durch den Regisseur und dessen Weltanschauung. Mir geht es um das Stück. Und ein großes Kunstwerk hat doch mehrere Deutungsebenen, die den nachschaffenden Künstler dazu auffordern, diese freizulegen.


Ich gehe mit Arundo einher, dass „Erkenntnisgewinn“ dabei durchaus nicht nur im „Rationalen“ stattfinden muss, sondern sich auf einer anderen Ebene abspielen kann. Kunnukun verstehe ich so, dass er Erkenntnisse nur im wissenschaftlich-rationalen sucht. Dem gegenüber steht ja aber auch so etwas wie die Bildung des Herzens, emotionale Intelligenz, quasi das Arbeiten an sich selbst als sozialem Wesen in einer Welt, in der sich das Wissen alle paar Jahre verdoppelt.

Vielleicht wäre der Begriff "emotionaler Erkenntnisgewinn" näher dran an dem was ich meine.
"Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein

166

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:52

Lieber kunnukun,

was verstehst Du in bester wittgensteinscher Art unter einer "Erkenntnis"?

Falstaff

167

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:55

Zitat

die Bildung des Herzens, emotionale Intelligenz, quasi das Arbeiten an sich selbst als sozialem Wesen
Nee, also ich lasse mich auch nicht vom Künstler oder gar von nem dahergelaufenen Regisseur erziehen oder in meiner Empathie fördern. Gut, kann er ja versuchen. Aber dann hat er wieder gar nicht versucht, was ich von ihm erwarte und was - glaube ich - auch andere ........ nun gut, also Kunst,Theater, ... als Bildungsanstalten i. w. S. ; alte Idee, wenns das trifft, lebe ich mit anderen Begriffen (und bleibe bei meinen Tonkonserven)

168

Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:57

Zitat

in bester wittgensteinscher Art unter einer "Erkenntnis"?
Sorry, wahrscheinlich kenne ich das Spiel, das W. da spielt, nicht. (Ich mag ohnehin nicht das Ausspielen der Sprachspiele - ordinary language - gegenüber der satzsemantischen Präzisierung - formal philosophy.)

169

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:01

Sorry, wahrscheinlich kenne ich das Spiel, das W. da spielt, nicht. (Ich mag ohnehin nicht das Ausspielen der Sprachspiele - ordinary language - gegenüber der satzsemantischen Präzisierung - formal philosophy.)


Zwischen uns gibt es wohl ein Missverständnis. Ich kenne keine Spiele, die Wittgenstein spielt, wollte selber keines spielen und vor Allem keine gegeneinander ausspielen. Ich präzisiere meine Frage durch das Fortlassen vierer Wörter:

Was verstehst Du unter "Erkenntnis"?

Falstaff

170

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:06

Sätze der Form "Alle A sind B" sind Erkenntnisse (oder drücken Erkenntnisse aus - das lasse ich hier mal offen) über alle A's.

(muss eben abwaschen und weg)

171

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:15

Kunnukun, mir scheint in der Tat zwischen uns beiden in vielen Punkten Konsens zu herrschen. Nur mag ich mich eigentlich nicht alleine mit Opernkonserven begnügen; das Erlebnis derselbigen stellt für mich gemessen an dem, was mir eine auch nur einigermaßen gelungenen Live-Aufführung bieten kann, keinen hinreichenden Ersatz dar.

Und aus diesem Punkt resultieren bei mir mit Blick auf das sogenannte Regietheater, welches in meiner näheren Umgebung nahezu ausschließlich die Opernbühnen beherrscht (wie ich schon anderswo gesagt habe, hätte ich mit einem einigermaßen ausgewogenen Verhältnis zwischen mehr oder minder verfremdenen und mehr oder minder konservativen Regieansätzen kein Problem) manchmal schon Emotionen wie Verzweifelung und Resignation.....

Etwas, was mir früher sehr wichtig war, so wichtig, dass es meinen Lebenslauf nachhaltig geprägt hat (ohne die in meiner Stadt erlebten Opernaufführungen hätte ich vermutlich nicht dermaßen unbedingt den Wunsch gehabt, Musik zu studieren), ist für mich inzwischen nur noch in ganz seltenen Ausnahmefällen erfahrbar.

Viele Grüße

Bernd

172

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:39

Zunächst einmal: Was für ein schöner Strang! Vernünftige Menschen in vernünftiger Diskussion! Und das bei diesem Thema!

Da schaust Du, was hier alles möglich ist... ;+)

Wobei für mich das Hauptproblem des Regietheaters der Zwang dazu ist.
Soll heißen: Manchmal gibt es Regietheater um des Regietheaters willen. Die Umdeutung erfolgt ohne zwingende Notwendigkeit. Der Zufall wollte es, dass ich mit einer heute nicht unbekannten Regisseurin Theaterwissenschaft studierte. Eine der Vorlesungen drehte sich um Bühnenbild und Regie. Als Aufgabe wurde gestellt, ein Regiekonzept für ein Theaterstück oder eine Oper zu schreiben. Die heute nicht unbekannte Regisseurin entwickelte ein fabelhaft klingendes Regietheater-Konzept. Der Dozent fand es allerdings nicht ganz schlüssig und fragte bei einer gwissen Stelle: "Warum würden Sie das so machen?" Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: "Weil das auch Harry Kupfer so machen würde."
Genau diese Haltung sehe ich bei etlichen Exponenten des Regietheaters: Es gibt für ihre Regieentscheidungen wenig bis keine Begründung, sie machen es halt (weil es ihnen so eingefallen ist oder weil es ein anderer so gemacht hat oder weil ein anderer das genaue Gegenteil gemacht hat), es fehlt aber die zwingende Notwendigkeit.

Deshalb lobe ich mir Regisseure wie Olivier Tambosi, der mitunter heftigstes Regietheater macht, mitunter aber auch ganz konservativ zu Werk geht. Weshalb? - Weil er versucht, vom Stück aus zu denken. Und wenn ein Stück eine gewisse Zeit oder ein gewisses Milieu braucht, um zu funktionieren, dann wird ihm Tambosi das geben. Deshalb verortet er seine interessante "Jenufa"-Interpretation (auf DVD erhältlich) eindeutig in einem ländlichen Milieu, während er andererseits Schrekers "Irrelohe" als erotisch auf- bis überladene Fieberfanatsie entwickelte.

Calixto Bieito hingegen siedelte Bergs "Wozzeck" in einer Fabrik an und nahm dem Stück damit das militärische Umfeld. Ich bin aber der vollen Überzeugung, daß "Wozzeck" nur in einem Umfeld mit klaren, nicht hinterfragbaren Hierarchien funktionieren kann, in dem der "Untergebene" als Mensch wertlos ist. Wenn "Wozzeck" in einer Fabrik spielt, frage ich mich als erstes: Warum schreitet der Betriebsrat nicht ein? Ich könnte mir "Wozzeck" auch in einem Gefängnis vorstellen oder eventuell in einem Asylantenheim. Aber nicht in der normalen Arbeitswelt.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

Amfortas09

Mißtöner

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173

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:46

Zitat

Calixto Bieito hingegen siedelte Bergs "Wozzeck" in einer Fabrik an und nahm dem Stück damit das militärische Umfeld. Ich bin aber der vollen Überzeugung, daß "Wozzeck" nur in einem Umfeld mit klaren, nicht hinterfragbaren Hierarchien funktionieren kann, in dem der "Untergebene" als Mensch wertlos ist. Wenn "Wozzeck" in einer Fabrik spielt, frage ich mich als erstes: Warum schreitet der Betriebsrat nicht ein? Ich könnte mir "Wozzeck" auch in einem Gefängnis vorstellen oder eventuell in einem Asylantenheim. Aber nicht in der normalen Arbeitswelt.
Es gibt in der ganzen Welt zahllose Fabriken, Betriebe, Firmen ohne Betriebsrat (+ auch ohne organisierte Arbeitnehmerschaft (d.h. in einer Gewerkschaft). Vermutlich agiert weltweit die überwiegende Anzahl der Firmen ohne die Institution eines Betriebsrats. Nebenbei: im mitteleuropäischen Recht gibt es auch nicht die Pflicht zur Bildung eines Betriebsrates, d.h. wenn sich keiner findet, um als Betriebsobmann sich aufstellen + wählen zu lassen, entfällt die Einrichtung eines Betriebsrates.

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

Gurnemanz

Impressionistischer Spätromantiker

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174

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:56

Lieber Edwin, nicht hinterfragbare Hierarchien, in denen der Untergebene verachtet wird, gibt es - leider auch heute noch! - in der "normalen" Arbeitswelt, auch wenn das heutzutage oft, mit oder ohne Betriebsrat ;+) , viel sublimer abläuft als bei Büchner. Insofern fände ich Wozzeck in der Fabrik so abwegig nicht, jedenfalls nicht a priori.

:wink:
Es grüßt Gurnemanz

---
Sprechen heißt: in Tautologien verfallen.
Jorge Luis Borges

175

Donnerstag, 21. Januar 2010, 16:57

Unterhaltung und Erkenntnisgewinn schließen sich überhaupt nicht aus. Ich habe zunehmend das Gefühl, daß man gerne dazu neigt, Unterhaltung mit leichter Unterhaltung zu verwechseln, da uns die diversen Musikantenstadl-Pilcher-etc.-Ergüsse des Fernsehens immer als Unterhaltung verkauft werden. Auch eine Mahler-Symphonie ist in gewisser Hinsicht Unterhaltung, aber eben halt tiefgründige und kein oberflächlicher Kram.

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

176

Donnerstag, 21. Januar 2010, 17:40

Lieber Amfortas,
lieber Gurnemanz,
schon, aber in Fabriken wird man in der Regel nicht totgeschossen, außerhalb Japans wird eigentlich auch nicht exerziert, und daß der Betriebsarzt die Mitarbeiter für Experimente benützt, scheint mir eher fraglich. Natürlich kann man den Stoff des "Wozzeck" überall ansiedeln, denn es wird überall Beispiele geben für die in diesem Werk dargestellte Problematik, ob das nun die Schule ist oder der Arbeitsplatz oder meinetwegen eine Bohrinsel. Das Spezifikum von "Wozzeck" ist aber (auch von Berg miteinkomponiert) das Militär. Wenn ich dem Werk den
(anti-) militaristischen Hintergrund nehme, beraube ich es um seine Triebfeder. Bei aller Abscheu vor den modernen Arbeitsbedingungen: Zwischen Magna, Irak und Guantanamo gibt es Unterschiede, die ich klavierspielen können möchte.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

177

Donnerstag, 21. Januar 2010, 18:42

Vielleicht wäre der Begriff "emotionaler Erkenntnisgewinn" näher dran an dem was ich meine.


Ich würde "Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit" vorschlagen. Jedenfalls ist es das, was ich mir von gelungener Kunst auch erhoffe. Also, Erkenntnisgewinn findet in der Wissenschaft statt, aber gelungene Kunst kann dazu beitragen, auch auf einer emotionalen wie auch auf einer rationalen Ebene, dass mir anderes auffällt, ich andere Perspektiven etwas erspürbar kennenlerne, gerade auch Perspektiven, die sich nicht unmittelbar auf mich beziehen oder mir eh nah sind, und ich so vielleicht auch dann Erkenntnishindernisse entdecke und überwinde oder zu neuen Erkenntnissen komme in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

Also, ich kann noch so sehr über das Kasernensystem gelesen haben, dem Wozzek zum Opfer fällt ( - oder vielleicht dem System einer chinesischen Fabrik in einer Inszenierung?). Aber es ist noch einmal etwas anderes, Wozzeks Perspektive ein Stück weit spürbar zu erleben. Natürlich nicht als unmittelbare "Einfühlung". Ich lebe erfreulicherweise unter anderen Bedingungen und werde in der Oper nicht zum Wozzek, aber über zum Nachdenken anregende Brüche, z.B. Verfremdungen von gewohnten Sichtweisen hinweg.

:wink: Matthias

178

Donnerstag, 21. Januar 2010, 19:21

Wobei für mich das Hauptproblem des Regietheaters der Zwang dazu ist.
Soll heißen: Manchmal gibt es Regietheater um des Regietheaters willen.

Da könnte etwas dran sein. In der Tat habe auch ich manchmal den Eindruck gewonnen, daß es in der Regie eine Art intrinsischen Innovationsdruck geben könnte, soll heißen: man goutiert etwas, das so noch nicht gemacht wurde, eben weil es so noch nicht gemacht wurde. Naheliegender wäre es, etwas zu goutieren, weil es im weitesten Sinne dem Stück dient (was sicherlich auch durch gewagte Ideen der Fall sein kann).

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

Amfortas09

Mißtöner

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179

Donnerstag, 21. Januar 2010, 21:58

Zitat

schon, aber in Fabriken wird man in der Regel nicht totgeschossen
nicht in Mitteleuropa + den USA . Aber in manchen südamerikanischen und südostasiatischen Regionen wird viel weniger ziemperlich mit Arbeitnehmern umgegangen, z.B. in Indonesion werden regelmäßig Gewerschafter massakriert und nicht wenige z.B. Steinbrüche dürften Slavenlagern gleichen .... in z.B. Mittelamerika werden Menschen vielleicht nicht für Experimente benutzt (obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin), aber sie werden für Organspenden gründlich ausgeweidet und dann entsorgt.. und was sich in Nordkorea abspielt möchte man vielleicht lieber nicht genau wissen...

.... unter den bisherigen Wozzeckregien, die ich mir reingezogen hatte, ist mir die Bieitosche Lesart (in Hannover und auf der DVD) die bisher schlüssigste, auch wenn ich diese nicht in die unmittbare Umgebung übersetzen muss + möchte (und das Weigle-Orchester hat mir besser gefallen als die Mitschnitte unter Cambreling, Nagano und Salonen, nur der Abbadowiedergabe meiner neuen DVD gebe ich noch den Vorzug vor Weigle, aber das ist jetzt OT). Die Bieitosche Regie hat auch etwas an Le Salaire de la peur (Lohn de Angst) von Clouzot) erinnert... die Bieito-Regie ist auch keine plakative und platte Sozialkritik...

und fällt diese Bieito-Regie des Wozzecks überhaupt unter dem "Begriff" Regietheater ?

Zitat

Da könnte etwas dran sein. In der Tat habe auch ich manchmal den Eindruck gewonnen, daß es in der Regie eine Art intrinsischen Innovationsdruck geben könnte, soll heißen: man goutiert etwas, das so noch nicht gemacht wurde, eben weil es so noch nicht gemacht wurde. Naheliegender wäre es, etwas zu goutieren, weil es im weitesten Sinne dem Stück dient (was sicherlich auch durch gewagte Ideen der Fall sein kann).
Ja, und ich denke die Bieito-Regie des Wozzecks unterwarf sich nicht einem Innovationsdruck ..

Zitat

Das Spezifikum von "Wozzeck" ist aber (auch von Berg miteinkomponiert) das Militär. Wenn ich dem Werk den (anti-) militaristischen Hintergrund nehme, beraube ich es um seine Triebfeder.
muss der denn immer unmittelbar/direkt in die Regie umgesetzt werden ? Es wären doch auch andere Lösungen denkbar....


:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

180

Freitag, 22. Januar 2010, 10:26

nicht in Mitteleuropa + den USA . Aber in manchen südamerikanischen und südostasiatischen Regionen wird viel weniger ziemperlich mit Arbeitnehmern umgegangen, z.B. in Indonesion werden regelmäßig Gewerschafter massakriert und nicht wenige z.B. Steinbrüche dürften Slavenlagern gleichen .... in z.B. Mittelamerika werden Menschen vielleicht nicht für Experimente benutzt (obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin), aber sie werden für Organspenden gründlich ausgeweidet und dann entsorgt.. und was sich in Nordkorea abspielt möchte man vielleicht lieber nicht genau wissen...


Man transferiert den Wozzeck ins 21. Jahrhundert und in eine Fabrik. Denn das Militär des 19.Jahrhunderts sagt dem Opernbesucher von heute nichts mer. Um die Stimmigkeit zu wahren, transferiert man die Oper nach Indonesien. Also in ein Land, das kaum jemand im heutigen Opernpublikum ausreichend kennt. Und das soll dem Zuschauer von heuteden Stoff nahebringen :stern:. Mir persönlich ist die Welt des originalen Wozzeck-Stückes vertrauter als das Arbeitermilieu in Indonesien. Außerdem: Ist der durchschnittliche Opernbesucher mit den Arbeitsverhältnissen in einer Werkhalle vertraut? Wahrscheinlich nicht.

Das war nun zugegebenermaßen recht sophistisch. Aber:


Kann es sein, dass dem Publikum von vielen Regisseuren die Fähigkeit zur Abstraktion abgesprochen wird? Gleichzeitig mit jeglicher Bildung? Die Zwangssituationen Wozzecks kann man durchaus nachempfinden, indem man sie als Zuschauer von den gegebenen Umständen - die Militärwelt des 19. Jahrhunderts - abstrahiert.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag das sogenannte Regietheater an sich sehr. Ich mag es jedoch nicht, wenn der Regisseur dem Publikum das Denken abnehmen will.

Falstaff

181

Freitag, 22. Januar 2010, 10:41

Zumal es ja nicht um die Militärwelt des 19. Jahrhunderts geht sondern um das Militär an sich. Die Pflicht zum Gehorsam, die bereitwillige Unterordnung (Wind - "Ich glaube, wir haben sowas aus Süd-Nord" - "Jawohl, Herr Hauptmann"), die als einziges Ventil eine verrückte Liebe hat, die in Gewalt umschlägt - also, mir erscheint das sehr gegenwärtig. Abermals lobe ich mir in diesem Zusammenhang Chéreau: Modern, Personenführung mit filmischer Präzision, menschlich erschütternd. Und der Hintergrund bleibt gewahrt.
Vielleicht liegt es an mir und meiner grundlegend pazifistischen Einstellung, aber für mich funktioniert "Wozzeck" zeitlos, wenn er beim Militär spielt, während ich um 100 Ecken denken muß, wenn er in einer Fabrik angesiedelt ist. Ich bin zwar dafür, daß der Regisseur auch Denkstoff liefert, aber nicht als Selbstzweck. Meiner Meinung nach muß die Veränderung durch den Regisseur im Stück enthalten sein. Der "Ring" hat antikapitalistische Elemente, ergo funktionieren die "Ring"-Regiearbeiten von Chéreau und Kupfer. "Wozzeck" hat aber keine Hinweise auf ein ausbeuterisches Turbokapitalismus-System, ergo ist die Bieito-Deutung für mich daneben. Und zwar nicht im Sinn von "mißglückt", sondern tatsächlich neben dem Werk herlaufend. Und das ist eine Ausprägung des Regietheaters, die ich nicht so mag. Denn eine Interpretation ist eine Art Werkkommentar. Wenn ich eine kommentierte Ausgabe der Grimm'schen Märchen kaufe, erwarte ich mir vom Kommentar, daß er mir mehr über die Grimm'schen Märchen erhellt, nicht aber, daß er Thomas Manns "Zauberberg" analysiert.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

Amfortas09

Mißtöner

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182

Freitag, 22. Januar 2010, 12:00

Da liegt ein Mißverständnis vor. ich habe niemals gefordert, den Wozzeck in ihrend ein südostasiatisches Land zu befördern, sondern verdeutlicht, dass Bieitos Lesart nicht abwegig ist. Außerdem ist Bieitos Wozzeck-Lesart - nach meinen Dafürhalten - durchaus nicht an ein bestimmte Region oder Zeit gebunden. Abhängigkeiten, Anpassungsdruck sind global: räumlich und zeitlich, und deshalb ist es nicht daneben, den Wozzeck auch mal in Zwangssysteme zu befördern, die sich auch auf die Gegenwart beziehen.

Zitat

Die Zwangssituationen Wozzecks kann man durchaus nachempfinden, indem man sie als Zuschauer von den gegebenen Umständen - die Militärwelt des 19. Jahrhunderts - abstrahiert.
Ja auch durchaus. Ich würde auch niemals behaupten, dass Bieito die einzig mögliche Regiellesart des Wozzecks ist, aber momentan für mich die schlüssigste. Und wie gesagt; muss der militärische Hintergrund immer unmittelbar in der Wozzeckregie umgesetzt werden ? Dass Bieito bestimmte aktuelle Momente auch mit aufgreift ist durchaus legitim. Ich hatte nie den Eindruck, dass mir als Besucher das Denken abgenommen wurde. Was mich in der Bieito-Regie stört, ist die Personengruppe während der letzten Verwandlungsmnusik (also nach dem Tod Wozzecks), die spricht wahrlich für sich und bedarf keiner visuellen Verdoppelung.

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

183

Freitag, 22. Januar 2010, 12:00

Hallo Edwin,
Denn eine Interpretation ist eine Art Werkkommentar. Wenn ich eine kommentierte Ausgabe der Grimm'schen Märchen kaufe, erwarte ich mir vom Kommentar, daß er mir mehr über die Grimm'schen Märchen erhellt, nicht aber, daß er Thomas Manns "Zauberberg" analysiert.
Du setzt dabei aber einfach voraus, dass eine Opernaufführung "Interpretation" eines "Werkes" zu sein hat. Wie begründest Du, dass sie statt dessen nicht selbst ein "Werk" sein kann, das zwar - unter anderem - auf einer Vorlage basiert, aber auch darüber hinaus gehen, sich davon entfernen und eigener innerer Logik folgen kann? Ich kenne den Bieito-Wozzeck nicht, habe aber seine "Entführung" in der Komischen Oper gesehen: Eine faszinierende Aufführung, zu deren Funktionieren u.a. sämtliche Dialoge neu geschrieben wurden. Das war natürlich weit mehr als ein "Werkkommentar", aber m.E. völlig legitim, weil es gut war.

Viele Grüße,

Christian

184

Freitag, 22. Januar 2010, 13:42

Lieber Christian,
da sind wir an einem Punkt, der grundsätzlicher Klärung bedarf: Kann, soll, darf die Regie ein eigenes unabhängiges Werk sein?
"Darf" und "kann" - sowieso.
Aber "soll" sie es? Und inwiefern ist das sinnvoll?
Ich akzeptiere durchaus, daß eine Regie einen völlig eigenständigen Gedanken bringen will - nur: Weshalb greift sie dann nicht zu einem Stück, in dem dieser Gedanke zumindest in nuce vorhanden ist? Meiner Meinung nach hat das Regietheater insoferne eine positive Wirkung, als es durch die umgewichtete Erzählung zum Werk, wie es in der Vorstellung des Zuschauers existiert, ein Spannungsverhältnis schafft und dadurch ein neues Nachdenken über ein altbekanntes Werk bewirkt.
Oder simplifiziert gesagt: Sehe ich Otto Schenks "Parsifal", denke ich über die Inhalte nicht nach, weil ich mein Gehirn vor lauter Genuß ausschalte. Sehe ich Christine Mielitz "Parsifal", beginne ich meine Überlegungen praktisch im ersten Moment, denn ich bin verblüfft, (konstruktiv) verwirrt, gespannt - und letztlich auch zutiefst berührt. Aber was die Mielitz macht, ist immer noch "Parsifal". So, wie Bieitos "Lulu" immer noch "Lulu" ist.

Wird dem Stück aber, was ein legitimer Denkansatz ist, durch eine mit dem Stück kaum noch zusammenhängende Parallelaktion dargestellt, ergibt sich für mich im Grunde ein zweiter Fall Schenk: Ich fange nicht zum Nachdenken an, weil das Spannungsverhältnis fehlt, sondern ich akzeptiere eine konzertante Aufführung von Stück a bei gleichzeitiger szenischer Präsentation der Pantomime b. Ich sage jetzt nicht, daß das ein "Vergehen" sei (in der Ästhetik gibt es keine Vergehen, nur Denkansätze), ich halte diesen Ansatz aber für wenig zielführend.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

185

Freitag, 22. Januar 2010, 16:03

Zitat

Ich würde "Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit" vorschlagen. Jedenfalls ist es das, was ich mir von gelungener Kunst auch erhoffe.
Nö, ich nicht. Ich kann hundertmal dasselbe hören, ohne dass es an Reiz verliert und - wie mich annehme - ohne dass ich dabei 'immer mehr heraushöre'.

186

Freitag, 22. Januar 2010, 16:19

Zitat

"Warum würden Sie das so machen?" Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: "Weil das auch Harry Kupfer so machen würde."
Genau diese Haltung sehe ich bei etlichen Exponenten des Regietheaters: Es gibt für ihre Regieentscheidungen wenig bis keine Begründung, sie machen es halt (weil es ihnen so eingefallen ist oder weil es ein anderer so gemacht hat oder weil ein anderer das genaue Gegenteil gemacht hat), es fehlt aber die zwingende Notwendigkeit.
Na, und weder lasse ich mir von denen 'meine Wahrnehmungsfähigkeit erweitern' noch mich von denen politisch oder wie auch immer belehren. Für Ersteres gibt es ja 'bewusstseinserweiternde' Drogen u. a., und für das Zweite gibt es allerlei Infomaterial+Argumentationshilfen. :D :hide:

187

Freitag, 22. Januar 2010, 16:50

Lieber Kunnukun,
ich stimme dir zu, dass auch ich mich von einem Regisseur nicht belehren lassen möchte, weder politisch noch sonstwie. Und soll ich dir was sagen, ich habe mich bisher noch nie belehrt gefühlt. Außerdem finde ich deine Argumentation insofern nicht schlüssig, da du stets die Regisseure kritisierst, dann aber ständig akustische Beispiele bringst (Alpensymphonie, „Ich kann hundertmal dasselbe hören, ohne dass es an Reiz verliert“). Die Inszenierung, und hier geht es ja ums so genannte Regietheater, findet im wesentlichen im Visuellen statt (Ich habe bisher noch keine Inszenierung der Alpensymphonie gesehen).
Wann hat zuletzt ein Regisseur durch seine Operninszenierung den Versuch unternommen, dich zu belehren. Ein Beispiel wäre vielleicht hilfreich, damit wir nicht aneinander vorbeireden.

Gruß
Froh
"Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein

Cherubino

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188

Freitag, 22. Januar 2010, 16:52

Wie begründest Du, dass sie statt dessen nicht selbst ein "Werk" sein kann, das zwar - unter anderem - auf einer Vorlage basiert, aber auch darüber hinaus gehen, sich davon entfernen und eigener innerer Logik folgen kann?


Mit welcher Begründung sollte sie das sein sollen? Genau dieser Gedanke ist es, der mir viele moderne Regiearbeiten verleidet! Eine Inszenierung soll eine Brücke sein zwischen dem Werk und mir als Zuschauer. Sie soll mir das Stück nahe bringen. Einen anderen Zweck hat eine Inszenierung für mich nicht, sie ist eben kein eigenständiges Kunstwerk. Mit welchen Mitteln sie das erreicht, ist für mich zweitrangig, ob mit der Verortung der handlung in einem konkreten zeitlichen Rahmen oder durch Abstraktion, ob durch Verfremdung oder durch Einhalten des Textes (dessen integraler Bestandteil die Regieangaben natürlich auch sind).
Also, wie eine Inszenierung mir das Stück nahe bringt ist zweitrangig, sie darf sich selbst aber nie wichtiger nehmen als das Stück, das zur Aufführung kommt! Sie ist genauso eine "dienende" Kunst wie die des Sängers, des Dirigenten, des Orchestermusikers. Alle Beteiligten müssen das Ziel haben, das aufzuführende Stück möglichst überzeugend umzusetzen. Es geht doch auch nicht um die Gedanken und Erkenntnisse eines Regisseurs, es geht darum, dass er mir die Gedanken und Einsichten eines anderen Künstlers, des Librettisten und des Komponisten, vermittelt. Wenn also im konkreten Beispiel Bieito den "Wozzeck" inszeniert, dann will ich nichts wissen von der Gedankenwelt Calixto Bietitos, sondern ich will die von Berg und Büchner nahe gebracht bekommen. Der Regisseur ist ein nachschöpferischer Künstler, genau wie ein Musiker, dessen Aufführung ja auch kein eigenstndiges Kunstwerk ist, sondern die Verwirklichung eines Kunstwerkes, das meistens ein Anderer geschaffen hat.
Ich finde es deshalb auch einen Skandal, wenn ein Regiesseur Text oder Musik der Oper, die er auf die Bühne bringt, ändert. Das geht doch völlig an seiner Aufgabe vorbei! Ich gehe zum Beispiel in die Oper, um "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart und Stephanie zu sehen. Wenn Herrn Bieitos Aufgabe nun ist, mir dieses Kunstwerk nahe zu bringen, hat er seine Aufgabe gründlich verfehlt, wenn er mir statt der Texte Stephanies eigene vorsetzt. Gehe ich zum Beispiel in eine Aufführung von Johann Strauss´ "Die Fledermaus", finde ich es unerträglich, wenn ein Herr Neuenfels sich für so wichtig hält, die Ballettmusik im zweiten Akt durch Hip-Hop zu erzetzen und sowieso das ganze Stück neu zu textieren. Das ist keine Brücke zwischen dem Werk von Strauss und Genée und mir als Zuschauer, das ist eine Bankrotterklärung des Regiesseurs, dem Sänger vergleichbar, der die "Winterreise" neu textiert, weil die Gedichte Müllers nicht zu seinen Vorstellungen passen oder dem Klarinettisten, der bei einer Aufführung von Mozarts Klarinettenkonzert plötzlich und unerwartet nur noch mit einer Rockband auf der Bühne steht und nach wenigen takten in freie Jazzimprovisationen abgleitet! Das ist doch absurd!

Liebe Grüße,
Lars
Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

189

Freitag, 22. Januar 2010, 16:54

Zitat

Erkenntnisgewinn nennt man das wohl. Und das ist doch die Aufgabe der Kunst.


Das ist nun doch ein bißchen arg apodiktisch. Das ist nicht DIE Aufgabe der Kunst, sondern nur eine der vielen möglichen subjektiven Erwartungen, die individuell unterschiedlich an die Rezeption von Kunst gestellt werden können. Ich möchte hier bewußt den Begriff "Kunstgenuß", vermeiden denn auch das wäre (nur) eine dieser möglichen Erwartungen.



Zitat

Wenn ich Erkenntnisse haben will, lese ich Texte. Kunst ist mir dafür zu schade.


Nun ja. Auch da möchte ich widersprechen, das wäre das andere Extrem. Erkenntnis gewinnt man durch Hirntätigkeit die zu neuen Einsichten führt , und wenn es nur ein "Aha"-Erlebnis wäre. "Nachdenken" engt mir das eigentlich auch scon wieder zu sehr ein, denn der Prozeß ist meiner Ansicht nach sehr viel komplexer. Ob das nun durch Lesen von Texten stimuliert wird, durch ein beliebiges anders Medium, durch Gespräche, durch persönliches Erleben oder was auch immer ist dabei unerheblich. Achimedes hatte einen Erkenntnisgewinn in der Badewanne, Newton beim Spazierengehen, Kekulé im Halbschlaf… Warum also nicht auch beim Betrachten oder Anhören von Kunst? Ist Kunst wirklich zu schade für einen Erkenntnisgewinn?



Zitat

da sind wir an einem Punkt, der grundsätzlicher Klärung bedarf: Kann, soll, darf die Regie ein eigenes unabhängiges Werk sein?


Genau aufgrund dieses Anspruchs bzw. dessen Negierung ist doch vor Jahrzehnten der Begriff "Regietheater" entstanden. Ich halte ihn immer noch für komplett unsinnig und überflüssig, denn er ist nicht mit einer konkreten Definition hinterlegt, sondern wird üblicherweise in völliger Beliebigkeit mit gerade den Inhalten gefüllt, die einem individuell an einer speziellen (modernen) Inszenierung nicht gefallen. Daher nicht objektivierbar. Gummibandbegriff.
viele Grüße

Bustopher


_____________________________________

AEIOU: A echta Intellektuella oaweit ungern

190

Freitag, 22. Januar 2010, 17:02

Apodiktisch war es sicher nicht gemeint. "Eine der Aufgaben der Kunst" wäre besser formuliert.

Gruß
Froh
"Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein

191

Freitag, 22. Januar 2010, 17:02

Hallo Edwin,
Wird dem Stück aber, was ein legitimer Denkansatz ist, durch eine mit dem Stück kaum noch zusammenhängende Parallelaktion dargestellt, ergibt sich für mich im Grunde ein zweiter Fall Schenk: Ich fange nicht zum Nachdenken an, weil das Spannungsverhältnis fehlt, sondern ich akzeptiere eine konzertante Aufführung von Stück a bei gleichzeitiger szenischer Präsentation der Pantomime b. Ich sage jetzt nicht, daß das ein "Vergehen" sei (in der Ästhetik gibt es keine Vergehen, nur Denkansätze), ich halte diesen Ansatz aber für wenig zielführend.
in einem solchen Extremfall wäre ich Deiner Meinung. Allerdings wird die Frage, ab wann denn die Handlung auf der Bühne "Parallelaktion" sei, kaum einvernehmlich zu beantworten sein: Für den einen ist das anscheinend schon der Fall, wenn Brünnhilde ohne Brustpanzer auftritt, dem anderen reicht ein lockerer Assoziationszusammenhang, um die Verbindung zum Stück wahrzunehmen. Ich persönlich kann mich an keine "Regietheater"-Aufführung erinnern, bei der ich nicht wenigstens im Kern noch einen Zusammenhang zum Stück erkannt hätte (den Bieito-Wozzeck kenne ich wie gesagt aber nicht). Bei der "Entführung" lag zum Teil ein besonderer Fall von "Parallelaktion" vor: Manche Texte ("Welche Wonne, welche Lust") wurden durch das konträre Geschehen auf der Bühne bitter-böse ironisiert, man sah sozusagen ein Negativ des Textes. Gerade das fand ich unerhört faszinierend, vor allem auch in Verbindung mit Mozarts Musik, die anscheinend so gar nicht dazu passen wollte, deren Schönheit durch den Kontrast zur Bühne sogar etwas Erschreckendes bekam. Dass die Schönheit seiner Musik nicht mit Wahrheit gleichzusetzen ist (Musterbeispiel: Cosi fan tutte), das wurde hier sehr eindringlich gezeigt.

Viele Grüße,

Christian

192

Freitag, 22. Januar 2010, 17:33

Hallo Lars,
Zitat von »ChKöhn«
Wie begründest Du, dass sie statt dessen nicht selbst ein "Werk" sein kann, das zwar - unter anderem - auf einer Vorlage basiert, aber auch darüber hinaus gehen, sich davon entfernen und eigener innerer Logik folgen kann?



Mit welcher Begründung sollte sie das sein sollen? Genau dieser Gedanke ist es, der mir viele moderne Regiearbeiten verleidet! Eine Inszenierung soll eine Brücke sein zwischen dem Werk und mir als Zuschauer. Sie soll mir das Stück nahe bringen. Einen anderen Zweck hat eine Inszenierung für mich nicht, sie ist eben kein eigenständiges Kunstwerk.
wer sagt, dass eine Inszenierung nur das zu sein hat, was Du von ihr erwartest? Ich bin im Gegensatz zu Dir der Meinung, dass jede Theateraufführung ein eigenständiges Kunstwerk darstellt. Was nun? Ich meine das nicht persönlich, aber ich kann keinen einzigen Grund erkennen, der einem Künstler verbietet, etwas zu tun, was Du nicht erwartet hast. Dass in eine Theateraufführung eine Vielzahl von Dingen einfließt, die über das Textbuch bzw. die Partitur hinausgehen, liegt auf der Hand. Deine Forderung, ein Künstler solle "Gedanken und Erkenntnisse vermitteln", ohne selbst welche zu haben, oder zumindest ohne diese in seine Vermittlung einfließen zu lassen, ist ja wohl reichlich absurd.
Gehe ich zum Beispiel in eine Aufführung von Johann Strauss´ "Die Fledermaus", finde ich es unerträglich, wenn ein Herr Neuenfels sich für so wichtig hält, die Ballettmusik im zweiten Akt durch Hip-Hop zu erzetzen und sowieso das ganze Stück neu zu textieren. Das ist keine Brücke zwischen dem Werk von Strauss und Genée und mir als Zuschauer, das ist eine Bankrotterklärung des Regiesseurs, dem Sänger vergleichbar, der die "Winterreise" neu textiert, weil die Gedichte Müllers nicht zu seinen Vorstellungen passen oder dem Klarinettisten, der bei einer Aufführung von Mozarts Klarinettenkonzert plötzlich und unerwartet nur noch mit einer Rockband auf der Bühne steht und nach wenigen takten in freie Jazzimprovisationen abgleitet! Das ist doch absurd!
Natürlich darf man auch Mozarts Klarinettenkonzert umbesetzen (was ja übrigens mit dem Soloinstrument dort regelmäßig geschieht...) oder die Winterreise umtexten, wenn man es denn kann. Die Frage ist eben, ob man es kann, ob also die Bearbeitung künstlerisch gelingt. Die Rock-Version der "Bilder einer Ausstellung" von Emerson, Lake and Palmer finde ich ziemlich gut, die Goldberg-Variationen von Uri Caine mit Klezmer-, Jazz-Einschüben usw. eher nicht. Übrigens werden bei fast allen Aufführungen der Winterreise die Tonarten und Tonartverhältnisse verändert. Skandal?

Viele Grüße,

Christian

193

Freitag, 22. Januar 2010, 17:49

Na, und weder lasse ich mir von denen 'meine Wahrnehmungsfähigkeit erweitern' noch mich von denen politisch oder wie auch immer belehren


Didaktik in der Kunst und Belehrungen nerven mich auch. Nicht aber Anregungen und andere Perspektiven vorgeführt zu bekommen. Das kann "Info-Material" nicht ersetzen.

Bieitos "Entführung" in Berlin habe ich auch ganz ähnlich wie Christian erlebt.

:wink: Matthias

194

Freitag, 22. Januar 2010, 18:13

Zitat

Wenn "Wozzeck" in einer Fabrik spielt, frage ich mich als erstes: Warum schreitet der Betriebsrat nicht ein?


Das ist vermutlich relativ leicht zu beantworten. Ist Euch schon mal aufgefallen, daß die meisten Fernsehfilme (zumindest die schlechteren) in einem Milieu spielen, das der Erlebniswelt der Regisseure und Drehbuchautoren zugänglich ist? Und daß das Ergebnis ihrer Arbeit oft um so klischeehafter und vorurteilsbehafteter wird, je weiter sich das Milieu des Filmes von dieser Erlebniswelt entfernt? (Nehmen wir nur mal die Welt der Wissenschaft oder die der Hochfinanz im Film...) Das reicht oft hin bis zu hochgradig standardisierten Figurinen im besten Sinne der commedia del arte! Für die Opernregie gilt das natürlich auch. Die normale Arbeitswelt in einer normalen Fabrik mit ihren normalen Konflikten, ihren normalen Hierarchiestrukturen und ihren normalen Kontroll- und Steuerungsmechanismen inklusive ihrem normalen Betriebsrat gehört nicht zu der fundamentalen Lebenserfahrungen eines Regisseurs, das hat er höchstens mal während des Studiums in irgendwelchen Ferienjobs kennengelernt. Natürlich gibt es aber weltweit zahllose Fabriken, die einem frühkapitalistischen Modell folgen. Insofern halte ich eine entsprechende Umdeutung des Wozzek auch nicht für wirklich problematisch. Und: Derartige Fabrilken sind ohne Zweifel nicht die Normalität hierzulande. Und Darstellung der Normalität war noch nie medienwirksam, auch nicht in der Oper. Da war schon immer Exotik gefragt. Warum also nicht auch Wozzek in Indonesien?

Auf der anderen Seite: Wie interessant ist es wirklich, sich eine gegebene Personenkonstellation oder eine gegebene Handlung in allen denkbar möglichen Realisierungen vorzustellen? Um es mal am einfachen Beispiel "Apfel" festzumachen: es gibt rote Äpfel, gelbe Äpfel, grüne Äpfel, rot-gelbe Äpfel, reife Äpfel, unreife Äpfel, überreife Äpfel, große Äpfel, kleine Äpfel, faule Äpfel, mehlige Äpfel, feste Äpfel, aromatische Äpfel, süße Äpfel, saure Äpfel, Äpfel mit und hne Wurm, Äpfel aus Italien, Äpfel aus Frankreich, Äpfel aus China….

Langweilt Euch die Aufzählung? Habt Ihr sie zu Ende gelesen? Mit Spannung, was denn nun als nächstes kommt?

Seht Ihr...

Weiter oben stand dazu:



Zitat

Wobei für mich das Hauptproblem des Regietheaters der Zwang dazu ist.
Soll heißen: Manchmal gibt es Regietheater um des Regietheaters willen. Die Umdeutung erfolgt ohne zwingende Notwendigkeit.


Das ist vermutlich wirklich einer der Hauptvorwürfe an das "Regietheater". Das, was vor etwa 40 Jahren absolut sinnvoll und zeitgemäß war, nämlich die Ausstattungsoper der Nachkriegszeit zu entrümpeln, und zu zeigen, daß Oper (und Theater allgemein) mehr sein kann, als bloßes bürgerliches Bildungsgut, das "man" sich kanonmäßig anzueignen hat, hat naturgemäß eine gewisse Eigendynamik entwickelt, denn das, was sich einmal als gut und brauchbar erwiesen hat, behält man normalerweise bei. Um nun dem Vorwurf des Epigonen oder gar Plagiateurs zu entgehen, bedeutet das für jeden Regisseur, daß er - wenn schon Umdeutung - er ständig neue Umdeutungen liefern muß. Jetzt ist aber die Menge der sinnvollen Umdeutungen irgendwo begrenzt, und das führt dann zwangsweise auf der einen Seite zu immer skurrileren Umsetzungen und auf der anderen Seite zur Anwendung der immer gleichen Umdeutungen bei verschiedenen Werken. Wenn es denn tatsächlich eine Umdeutung sein solltet, und nicht einfach nur eine Umlokalisierung. Oder, wie das Arundo donax mal sinngemäß an einer anderen Stelle formuliert hat: Wenn der König das zwölfte Mal ein Mafiaboß ist, wird das ganze etwas dröge...

Die Umlokalisierung als zentrales Regieelement scheint sich einfach etwas totgelaufen zu haben. Mittlerweile arbeitet ja schon die zweite Generation von "Regietheater"-Regisseuren, und viele davon verwenden einfach die Modelle der ersten Generation unreflektiert als Stereotyp weiter (Versuch über die wahre Art, Opernregie zu führen) Vielleicht ist die zunehmend ablehnende Reaktion (ist sie das tatsächlich? Rein Subjektiv empfinde ich das eigentlich nicht so) einfach nichts weiter als die ganz normale Reaktion darauf.

Das führt eigentlich (wie schon häufiger in diesem Thread) wieder auf die Feststellung, daß es allenfalls gute und schlechte Regie gibt, und daß dazwischen ein Kontinuum existiert. Das als Erkenntnis (dochdoch!) ist nicht wirklich neu. Ebensowenig wie die, daß das, was gut oder schlecht ist, weitgehend von subjektiven Kriterien abhängt. Das kann man auch hier im Thread gut nachverfolgen. Sogar hier im Thread!

Et cetero censeo:

Was hat Peter Zadek dazu gesagt? "Manche Kritiker und Theatermacher vergessen genau das: Der Saal muss voll sein."
viele Grüße

Bustopher


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195

Freitag, 22. Januar 2010, 18:22

Ich meine das nicht persönlich, aber ich kann keinen einzigen Grund erkennen, der einem Künstler verbietet, etwas zu tun, was Du nicht erwartet hast.

Natürlich muss sich ein Künstler nicht nach dem richten, was ich von ihm erwarte (beurteilen tue ich ihn aber genauso natürlich schon danach), aber darum geht es hier doch gar nicht. Aufgabe von Regiesseuren, Dirigenten, Sängern, Schauspielern und Musikern ist es, ein Kunstwerk, das andere Künstler geschaffen haben, zur Aufführung zu bringen. Das ist nicht meine Erwartungshaltung, sondern der Sinn und Zweck des Ganzen!
Deine Forderung, ein Künstler solle "Gedanken und Erkenntnisse vermitteln", ohne selbst welche zu haben, oder zumindest ohne diese in seine Vermittlung einfließen zu lassen, ist ja wohl reichlich absurd.

Nun, so wie du es darstellst, hört sich das in der Tat absurd an. Es behauptet ja auch niemand, Künstler sollten keine Gedanken und Erkenntnisse haben. Es geht hier um Regiesseure. Die dürfen natürlich Gedanken und Erkenntnisse haben, es ist mir aber im Moment der Aufführung egal. Sie sollen mir ein Kunstwerk vermitteln, eine Brücke bauen, zwischen mir als Zuschauer und dem, was im Kunstwerk drinsteckt. Er soll sich also genau mit dem Stück, das er aufführt, auseinandersetzen, er soll sich Gedanken machen, er soll dann aber nur als Grundlage seiner Arbeit nehmen, was er im Stück gefunden hat, nicht, was er gerne gefunden hätte. Er soll mir vermitteln, was in diesem Kunstwerk drinsteckt, was andere Künstler möglicherweise dort hineingelegt haben, nicht seine eigene Gedankenwelt.
Natürlich darf man auch Mozarts Klarinettenkonzert umbesetzen (was ja übrigens mit dem Soloinstrument dort regelmäßig geschieht...) oder die Winterreise umtexten, wenn man es denn kann. Die Frage ist eben, ob man es kann, ob also die Bearbeitung künstlerisch gelingt.

Wenn du so etwas mit dir machen lässt... also ich würde mir schon verkaspert vorkommen, wenn ich eine Aufführung der "Winterreise" ginge und dort würden völlig andere Texte gesungen... Ich finde die Bach-Improvisationen von Uri Caine oder Jacques Loussier übrigens gar nicht schlecht, viele ähnliche "Verjazzungen" von Klassikern auch nicht - aber ich würde doch nie auf die Idee kommen, darin eine Interpretation des zugrundeliegenden Bachstückes zu suchen! Das sind Bearbeitungen, die völlig anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen! Wenn solche Musiker Motive von Bach, Mozart oder Wagner als Grundlage für eigene Werke nehmen, ist das doch etwas völlig anderes, als wenn man dir das als seriöse Interpretation des jeweils zugrundeliegenden Stückes andrehen will! Es geht da ja auch nicht mehr um den Musiker als nachschöpferischen Künstler.
Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

196

Freitag, 22. Januar 2010, 18:26

Aus ganz aktueller Erfahrung breche ich eine Lanze für das PERSONEN-Regie-Theater. Ich habe vorgestern an der Opéra de Lille einen Eugene Onegine erlebt, der mich tief beeindruckte und gar nciht mehr loslassen will.
. Der Regisseur heisst Jean-Yves Ruf und inszeniert auch viel am Sprechtheater, was sich hier als segensreich erwies.
Es gab fast kein Bühnenbild und nur wenige Requisiten, die Kostüme waren mehr oder weniger zeitlos, aber, wie so oft in Frankreich von grosser ästhetischer Schönheit. Die ganze Inszeneirung richtete sch auf die Personen und deren Interaktion. Das Stûck konnte in jeder Zeit und überall spielen, es geht hier also nciht um die so oft geforderte Werktreue im Hinblick auf das Ambiente der Oper.
Gerade diese Zeitlosigkeit war es aber, die die Geschichte so mitreissend und packend machte und grossen Raum für Identifikation liess(siehe Arundos Forderung, "betroffen" zu werden)




Diese Zeitlosigkeit, diese Intensität und die spartanische Ausstattung findet man auch bei Christof Nels Belshazzar von Händel aus Aix-en-Provence 2008. Ist wohl keine spezifisch französische Eigenheit, denn Nel ist Deutscher.
viele Grüße

Bustopher


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197

Freitag, 22. Januar 2010, 18:28

Zitat

Die Frage ist eben, ob man es kann, ob also die Bearbeitung künstlerisch gelingt.


Eben..! ;+)
viele Grüße

Bustopher


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198

Freitag, 22. Januar 2010, 18:52

Lieber Lars,

ich will Dir Deine Empörung ja nicht nehmen, die ist immerhin eine bessere Reaktion als die einzige Todsünde im Theater: Langeweile ;+) .
Natürlich muss sich ein Künstler nicht nach dem richten, was ich von ihm erwarte (beurteilen tue ich ihn aber genauso natürlich schon danach), aber darum geht es hier doch gar nicht. Aufgabe von Regiesseuren, Dirigenten, Sängern, Schauspielern und Musikern ist es, ein Kunstwerk, das andere Künstler geschaffen haben, zur Aufführung zu bringen. Das ist nicht meine Erwartungshaltung, sondern der Sinn und Zweck des Ganzen!
Du widersprichst Dir selbst: Du definierst, was angeblich allein Sinn und Zweck einer Theateraufführung sei, bist empört, wenn sich die Theatermacher nicht danach richten, behauptest aber, sie müssten das auch nicht tun. In meiner Heimat würde man sagen: Ja watten jezz?
Es behauptet ja auch niemand, Künstler sollten keine Gedanken und Erkenntnisse haben. Es geht hier um Regiesseure. Die dürfen natürlich Gedanken und Erkenntnisse haben, es ist mir aber im Moment der Aufführung egal. Sie sollen mir ein Kunstwerk vermitteln, eine Brücke bauen, zwischen mir als Zuschauer und dem, was im Kunstwerk drinsteckt. Er soll sich also genau mit dem Stück, das er aufführt, auseinandersetzen, er soll sich Gedanken machen, er soll dann aber nur als Grundlage seiner Arbeit nehmen, was er im Stück gefunden hat, nicht, was er gerne gefunden hätte. Er soll mir vermitteln, was in diesem Kunstwerk drinsteckt, was andere Künstler möglicherweise dort hineingelegt haben, nicht seine eigene Gedankenwelt.
Das eine wird sich kaum vom anderen trennen lassen. Eine Opernpartitur bringt sich nun mal nicht von allein auf die Bühne, da sind viele Menschen beteiligt, die notwendigerweise ihre eigene Sicht der Dinge mit einbringen. Der Regisseur ist davon nur einer, wenn auch meist ein besonders wichtiger. Und noch einmal: Du schreibst ständig "er soll, er soll, er soll". Dein gutes Recht, nur: Ich meine, er soll etwas anderes: Mir einen spannenden, interessanten, anregenden, anrührenden Theaterabend verschaffen. Wat nu? Die einzige Lösung besteht m.E. darin, dass er selbst entscheidet, was er soll. Wir können uns dann ja immer noch empören ;+) .
Wenn du so etwas mit dir machen lässt... also ich würde mir schon verkaspert vorkommen, wenn ich eine Aufführung der "Winterreise" ginge und dort würden völlig andere Texte gesungen... Ich finde die Bach-Improvisationen von Uri Caine oder Jacques Loussier übrigens gar nicht schlecht, viele ähnliche "Verjazzungen" von Klassikern auch nicht - aber ich würde doch nie auf die Idee kommen, darin eine Interpretation des zugrundeliegenden Bachstückes zu suchen! Das sind Bearbeitungen, die völlig anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen! Wenn solche Musiker Motive von Bach, Mozart oder Wagner als Grundlage für eigene Werke nehmen, ist das doch etwas völlig anderes, als wenn man dir das als seriöse Interpretation des jeweils zugrundeliegenden Stückes andrehen will! Es geht da ja auch nicht mehr um den Musiker als nachschöpferischen Künstler.
Bei einer Opernaufführung ist der Anteil der "Vorlage" in der Regel wesentlich geringer als bei einer reinen Musikaufführung. Insofern erwarte ich von ersterer sogar, dass sie über die Vorlage hinaus geht. Das ist aber nur ein gradueller, kein prinzipieller Unterschied: In jede Aufführung fließt die Persönlichkeit des oder der Aufführenden zwangsläufig mit ein, und wenn das Ergebnis in sich überzeugend ist, sehe ich keinen Grund, das zu bedauern. Im Gegenteil: Das macht die Sache erst spannend und dauerhaft interessant.

Viele Grüße,

Christian

199

Freitag, 22. Januar 2010, 19:17

Zitat

Natürlich darf man auch Mozarts Klarinettenkonzert umbesetzen (was ja übrigens mit dem Soloinstrument dort regelmäßig geschieht...) oder die Winterreise umtexten, wenn man es denn kann.


Christian, klar darf man das. Man darf auch Mahlers 9. für einen Blockflötenchor bearbeiten, wenn man dafür ein Publikum findet. Nur gibt es irgendwo eine Grenze, an der die seriöse Interpretation des Werkes aufhört und die Umarbeitung anfängt - in diesem Punkt bin ich weitgehend bei Cherubino.

Im Falle der Mahler-Sinfonie, des Klarinettenkonzerts und der Winterreise wird man neben mehr oder minder sinnvollen Arrengements und Umdeutungen aber immer noch genug Möglichkeiten haben, die Werke in ihrer *Normalversion* zu erleben. Bei Opernaufführungen ist es aber leider in Deutschland nicht mehr so, daß es eine größere Zahl von Inszenierungen gibt, die sich szenisch an die im Libretto vorgegebenen (und oft auch durch die Musik evozierten) zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten halten oder alternativ so abstrakt bleiben, daß diese Gegebenheiten in meiner Vorstellung noch Raum haben, noch möglich sind. Gäbe es solche Aufführungen rings um mich herum auch immer wieder, hätte ich gegen die Regiearbeiten, in denen Grundvoraussetzungen der Handlung (Zeit und Ort eben) willkürlich umgedeutet werden, nichts viel einzuwenden.

Arrangements von Mozarts Klarinettenkonzert für Blasorchester oder Xylophonensemble würden genau dann anfangen, mich empfindlich zu stören, wenn es kaum noch Aufführungen mit der von Mozart in der Partitur notierten Orchesterbesetzung gäbe....

Kurz gesagt: Ich habe nicht unbedingt etwas gegen das *sogenannte Regietheater* als solches. Aber ich habe eine Menge gegen die zur Zeit immer noch erbarmungslose Dominanz dieser Theaterform in Deutschland. Es existieren für mich einfach viel zu wenig Alternativen.

Viele Grüße

Bernd

200

Freitag, 22. Januar 2010, 19:32

Zitat

Wann hat zuletzt ein Regisseur durch seine Operninszenierung den Versuch unternommen, dich zu belehren. Ein Beispiel wäre vielleicht hilfreich, damit wir nicht aneinander vorbeireden.

Welchen Nutzen hat es beispielsweise, wenn Harry Kupfer Siegfried in ein Atommülllager verfrachtet (in den 90ern)? Will er mich zum Nachdenken über AKW's bringen, während ich im "Siegfried" sitze?

Ich gebe allerdings zu, dass ich inzwischen bei konzertanten Aufführungen kaum etwas vermissen würde. Es gibt eine Art frühen Wieland-Wagner-Stil, den ich mir gefallen lasse, weil er in erster Linie von Gestik und Abstraktion lebt und von - ich nenne es mal so - mythischer Zeitlosigkeit. Und auf solche Weisen kann man einen SPEZIFISCHEN Gewinn aus dem Musikdrama beziehen, anstatt nebenbei noch irgendetwas 'Aktuelles' zu thematisieren.

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