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Amfortas09

Mißtöner

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201

Freitag, 22. Januar 2010, 22:32

Zitat

Ich kann hundertmal dasselbe hören, ohne dass es an Reiz verliert und - wie mich annehme - ohne dass ich dabei 'immer mehr heraushöre'.
das wäre die Wiederholung des Immergleichen...

Zitat

auf solche Weisen kann man einen SPEZIFISCHEN Gewinn aus dem Musikdrama beziehen..
worin läge denn der spezifische "Gewinn" ?

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

202

Freitag, 22. Januar 2010, 23:43

Zitat

worin läge denn der spezifische "Gewinn" ?
Ich sags's mal so: im Erleben des gestischen Ausdrucks (Spiel auf der Bühne) und des i. e. S. musikalischen Ausdrucks (Musik) - natürlich in ihrem Zusammenwirken. (Was da ausgedrückt wird? Lieber Gott, wenn das sprachlich Gewinn bringend 'rüberzubringen' ist, dann ... wäre das solch eine phänomenologische Erörterung, die ich jetzt nicht in Angriff nehmen will/kann. Wir hatten das im Zeichensystem-Thread; Nocturnus verwies auf die Ikonizität des musikalischen Ausdrucks. Es ist zum Beispiel schwer zu sagen, WAS die Musik ausdrückt, als Sieglinde den Walküren von ihrer Schwangerschaft berichtet. Klar ist aber: Es ist nicht bloß die Proposition des Inhalts "Liebe Walküren, ich bin schwanger". Dafür wäre das musikalische und gestische Brimborium nicht nötig.)

Amfortas09

Mißtöner

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203

Freitag, 22. Januar 2010, 23:59

Deine Erörterungen gehen vermutlich in Richtung aufs "unsichtbare Theater" , wäre nicht der einzige, aber auch nicht der schlechteste Weg.. was mich noch sehr irritiert ist Deine Formulierung "ohne dass ich mehr heraushöre"... das klingt so etwas wie "Nicht Neues unter der Sonne" ?(

Kunstwerke sind nach meiner Erfahrung aber sowas wie Kraftfelder, will sagen, ich habe mir z.B. 50 x die Eroica reingezogen und entdecke (selbst mit der gleichen Wiedergabe) immer wieder neue Details darin... ich denke eine Regie hätte u.a. auch die Aufgabeneue Details, neue Lesarten dem Hörer eines Musikdramas erfahrbar zu machen...

:wink:
so ziehe ich den Dummköpfen die Narren vor — deren ich einer bin, was, leider ! gewiss ist... C.B.

204

Samstag, 23. Januar 2010, 00:05

Zitat

ich denke eine Regie hätte u.a. auch die Aufgabe, neue Details, neue Lesarten dem Hörer eines Musikdramas erfahrbar zu machen...
Kann sie machen. Aber wenn sie es nicht tut, vermisse ich es nicht. Lesarten interessieren mich eben nicht, jedenfalls nicht in einem Sinne von Interpretation. Z. B. Wagner war kein besonders interessanter Denker - daher das, was ich zur Kapitalismuskritik im Ring sagte. Ist es spannend, wenn jmd. anhand des Ehekrachs Wotan-Fricka bürgerliche Beziehungsdramen behandelt? Ich denke:Nein. Daher beziehe ich mich auf spezifischere Leistungen musikdramatischer Aufführungen, und die dürften mehr mit jenem gestischen und musikalischen Ausdruck zu tun haben.

205

Samstag, 23. Januar 2010, 00:09

Zitat

Welchen Nutzen hat es beispielsweise, wenn Harry Kupfer Siegfried in ein Atommülllager verfrachtet (in den 90ern)? Will er mich zum Nachdenken über AKW's bringen, während ich im "Siegfried" sitze?


Kunnukun, ich bin schwer davon überzeugt, daß wir ohne Regisseure wíe Kupfer (übrigens: was ist der Unterschied zwischen Rom und Harry Kupfer? :D ) aktuelle gesellschaftliche Probleme von noch viel schwerwiegenderen Ausmaßen hätten! Was wäre, wenn es die entsprechenden Künstler nicht gewagt hätten, via Siegfried, Zauberflöte oder Hänsel und Gretel andauernd die Finger auf die klaffenden tagespolitischen Wunden zu legen? Ich gehe klar davon aus, daß dann unzählige Theaterbesucher niemals zu elementar wichtigen Erkenntnissen über die Atomenergie, das Dritte Reich, den Afghanistankrieg und die letzte Fußball-WM gelangt wären! :D

Viele Grüße

Bernd

206

Samstag, 23. Januar 2010, 00:13

Zitat

Ich gehe klar davon aus, daß dann unzählige Theaterbesucher niemals zu elementar wichtigen Erkenntnissen über die Atomkraft, das Dritte Reich, den Afghanistankrieg und die letzte Fußball-WM gelangt wären! :D


Ja, aber mir ist der Energieverbrauch (Strom für Beleuchtung) zu groß. Da wären Aufklärungsfilme oder Zeitunglesen billiger. ;+)



Eben noch:

"Der Musiker Wagner ist entscheidend, nicht der vermeintliche Maler oder Bühnenarchitekt oder der Regisseur oder selbst der Textdichter, der hier allemal aus vorangegangener musikalischer Konzeption bestimmte." E. Bloch

207

Samstag, 23. Januar 2010, 00:24

Moment, das Drucken von Zeitungen kostet Energie und Holz ohne Ende, während die Opernhäuser eh subventioniert werden! :D


Insofern macht es doch doppelt Sinn, die verstaubten, ansonsten völlig unnützen Opernschinken wenigstens zum Transport gesellschaftlich relevanter Botschaften zu nutzen! :D :D

Beste Grüße

Bernd

"Aus der Zauberflöte könnte ich noch viel herausholen, wenn mich die Musik nicht so sehr dabei stören würde" (Ruth Hausberg)

208

Samstag, 23. Januar 2010, 00:26

OK. Also Protestsängereinlagen in den Pausen konzertanter Aufführungen. Wir werden den Laden schon entschlacken!!!!



(Was ist nun mit Rom und Harry Kupfer?)

209

Samstag, 23. Januar 2010, 00:48

Rom und Kupfer? Naja, das ist ein alter, edelfauler Kalauer, den mir mal eine Geistesverwandte vor gut zwanzig Jahren (anno 87/88, vermute ich) auf einer Musikfreizeit in Weikersheim zugeflüstert hat:

"In Rom befindet sich das größte Amphitheater. Harry Kupfer hingegen ist das größte Vieh am Theater."

Viele Grüße

Bernd

"Typisch faschistische Landschaft!" (Henry Silber anläßlich einer Fahrt durch Franken)

210

Samstag, 23. Januar 2010, 01:00

Au backe! jetzt bloß nicht diskreditieren! Mal sehen, was die Tiefsinnstheaterseite meint.

211

Samstag, 23. Januar 2010, 09:10

Hallo Bernd,
Arrangements von Mozarts Klarinettenkonzert für Blasorchester oder Xylophonensemble würden genau dann anfangen, mich empfindlich zu stören, wenn es kaum noch Aufführungen mit der von Mozart in der Partitur notierten Orchesterbesetzung gäbe....
da unterscheiden wir uns erheblich: Mich würde das viel früher stören, nämlich in dem Moment, in dem es musikalisch misslingt. Ich schrieb ja: Man darf es, wenn man es kann. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupte ich: Eine künstlerisch überzeugende Fassung von Mozarts Klarinettenkonzert mit Blasorchester oder Xylophonensemble schreiben, das kann niemand. Wenn es jemandem allerdings dennoch gelingen sollte, würde ich mich natürlich nicht daran stören, warum auch? Gute Kunst finde ich immer bereichernd, nicht störend.
Kurz gesagt: Ich habe nicht unbedingt etwas gegen das *sogenannte Regietheater* als solches. Aber ich habe eine Menge gegen die zur Zeit immer noch erbarmungslose Dominanz dieser Theaterform in Deutschland. Es existieren für mich einfach viel zu wenig Alternativen.
Das unterstellt, dass "diese Theaterform" einen stilistisch einheitlichen Block darstellt. Das Gegenteil ist leicht zu zeigen. Wer z.B. den Salzburger "Figaro" von Claus Guth mit dem von Barry Koskie in Berlin in denselben Topf "Regietheater" wirft, hat seine Blindheit hinreichend bewiesen. Das moderne Theater zeichnet sich, genau andersherum als Du behauptest, gerade durch eine enorme Vielfalt der Deutungen aus.

Viele Grüße,

Christian

212

Samstag, 23. Januar 2010, 10:31

Um eine vermeintliche Dominanz des Regietheaters im deutschsprachigen Raum ausmachen zu können, müßte man sich erstmal einig sein, was denn nun Regietheater ist und was nicht. Das habe ich hier schon mal probiert, hat aber nicht wirklich geklappt. :D Wieland Wagner verstößt genauso gegen explizite Regieanweisungen des Librettos wie Kupfer oder Konwitschny.

Im übrigen gab es "Eingriffe" in den muskalischen Ablauf von Opern lange vor "szenischen Eingriffen". Da wurde gestrichen, umgestellt und was-weß-ich, bis sich die Balken bogen. Wenn ein Dirigent eine Arie strich, weil die Sopranistin an Verstopfung leidet, wurde das i.d.R. klaglos hingenommen, wenn ein Regisseur aus konzeptionellen Erwägungen in den Ablauf der Musik eingreift, gilt das als Sakrileg. Wie lange wurden vom "Don Giovanni" Mischfassungen aus der Prager und der Wiener Fassung gegeben, die zu Mozarts Lebzeiten in dieser Form nie zur Aufführung kamen?

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

Amfortas09

Mißtöner

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213

Samstag, 23. Januar 2010, 10:57

Zitat

Lesarten interessieren mich eben nicht
wenn Du also Dir die Alpensinfonie oder den Rienzi anhörst, dann legst Du vermutlich keinen Wert auf unterschiedliche orchestrale Wiedergaben, da Du - nach Deiner Aussage- "niemals mehr" heraushörst, dass also neue Hörarten der genannten Werke, die zwangläufig mit z.B. anderen Orchestern dem Hörer gewahr werden - Dir gleichgültig sind. Das entspräche aber eher dem Ritual einer Wiederholung des Immergleichen...

:wink:
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214

Samstag, 23. Januar 2010, 12:27

Die Frage ist ja nicht, ob man die eine oder andere Regiearbeit gelungen findet. Fragwürdig sind Kriterien, die mehr oder weniger ausdrücklich - in der Journaille oder sogar bei Professionellen (siehe oben Beispiel "weil Harry Kupfer das so macht") - angelegt werden und eben viel mit krampfhafter 'Aktualität' oder 'Aktualisierung' von 'Verstaubtem' zu tun haben. Und da darf man wohl mal sehr polemisch werden, da der ganze Betrieb öffentliche Gelder kostet. Natürlich besteht ein Hauptproblem in der Frage, was es heißt, dem Werk gerecht zu werden. Da das so schwierig ist, habe ich versucht, mich möglichst darauf zu beschränken, klarzustellen, dass: es z. B. beim Ring nicht darauf ankommt,

- dass Geld die Welt regiert (auch wenn Wagner an sowas dachte)

- dass die Ehe nervt (auch wenn Wagner - Walküre - an sowas gedacht haben mag)

- dass man soziophilosophisch einen engen Zusammenhang zwischen der Institution der Ehe und dem Kapitalismus sehen kann (ob Wagner daran gedacht hat oder nicht)

- .............

Worauf es ankommt und womit die Qualität des Werks zu tun hat, dürfte etwas anderes sein, und ich wollte das mit "gestischer und musikalischer Ausdruck" ein bisschen andeuten.

Wenn es diesen Qualitäten dient, mögen auch Verstöße gegen Regieanweisungen des Librettos zu tolerieren sein. Jedenfalls hängt es letzlich von allerlei ästhetischen Grundsatzfragen ab. Was ist der SPEZIFISCHE Gewinn einer musikdramatischen Aufführung? An der Frage muss man dann meines Erachtens Gefallen finden.

215

Samstag, 23. Januar 2010, 12:34

Und da darf man wohl mal sehr polemisch werden, da der ganze Betrieb öffentliche Gelder kostet.

Das verstehe ich nicht. Wenn mein Bus zu spät kommt, darf ich polemisch werden, weil das öffentliche Gelder kostet, wenn mein Essen im Restaurant mies ist, darf ich nicht polemisch werden, weil das Restaurant privat betrieben wird?

LG :wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

216

Samstag, 23. Januar 2010, 12:37

Was Staats-, Landes oder Gemeindegeld kostet, ist schon öffentlich interessanter als, wenn ich Blödian auf einen trickreichen Händler hereingefallen bin.

217

Samstag, 23. Januar 2010, 12:45

Was Staats-, Landes oder Gemeindegeld kostet, ist schon öffentlich interessanter als, wenn ich Blödian auf einen trickreichen Händler hereingefallen bin.

Und wer beurteilt, ob das öffentliche Geld in der Oper adäquat ausgegeben wird?

LG :wink:
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Amfortas09

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218

Samstag, 23. Januar 2010, 12:45

Zitat

Worauf es ankommt und womit die Qualität des Werks zu tun hat, dürfte etwas anderes sein, und ich wollte das mit "gestischer und musikalischer Ausdruck" ein bisschen andeuten. Wenn es diesen Qualitäten dient, mögen auch Verstöße gegen Regieanweisungen des Librettos zu tolerieren sein.
das wäre hilfreich es etwas genauer darzulegen. In welchen Fällen wären denn dann Regieanweisungen zu tolerieren ? Wenn diese den musikalichen Ausdruck bloß verdoppeln, ihn noch einmal unterstreichen ?

:wink:
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219

Samstag, 23. Januar 2010, 12:48

Fragen der Finanzierung sind kein Argument pro oder contra „Regietheater“. „Weil ich gegen Regietheater bin und das auch noch öffentliche Gelder kostet, darf ich polemisch werden.“ Genauso gut kann man aus diesem Grund gegen ein reines Plüsch- und Ausstattungstheater polemisieren, das kostet nämlich auch öffentliche Gelder. Wer entscheidet, ob sie da besser angelegt sind?
"Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein

220

Samstag, 23. Januar 2010, 12:49

Zitat

Und wer beurteilt, ob das öffentliche Geld in der Oper adäquat ausgegeben wird?


Na der, der die Verantwortlichen einstellt; der in Bayreuth Frau Wagner und Frau Wagner-Pasquier (richtig geschrieben?) zu den neuen Chefinnen gemacht hat; ... Ob die Entscheidungen gut sind, hängt aber eben von ästhetischen Grundsatzerörterungen ab.

Zitat

Genauso gut kann man aus diesem Grund gegen ein reines Plüsch- und Ausstattungstheater polemisieren, das kostet nämlich auch öffentliche Gelder. Wer entscheidet, ob sie da besser angelegt sind?
Klar.

Zitat

Was ist der SPEZIFISCHE Gewinn einer musikdramatischen Aufführung? An der Frage muss man dann meines Erachtens Gefallen finden.

Zwielicht

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221

Montag, 3. Mai 2010, 22:20

Michael Gielen war ja nie der bedingungslose Verfechter radikaler Musiktheaterregie, als den man ihn aufgrund seiner Frankfurter Zeit immer hat sehen wollen. Das konnte man schon seiner vor ein paar Jahren erschienenen Autobiographie entnehmen. Hier kritisiert Gielen sogar die von ihm selbst dirigierte Pelléas-Inszenierung von Ruth Berghaus an der Berliner Staatsoper. Inzwischen verkörpert für ihn anscheinend Calixto Bieito all das, was er in diesem Bereich ablehnt. Die Begründung des Unterschieds zwischen den Regieheroen seiner Frankfurter Zeit und z.B. Bieito scheint mir nicht überzeugend, ist aber immerhin bemerkenswert. Ausschnitte aus zwei Interviews der letzten Zeit (Gielen erhält in dieser Woche den Siemens-Musikpreis):

Basler Zeitung vom 29.4.:

Gielen: Ich verabscheue den Begriff Regietheater. Es muss doch Musiktheater heissen, mit guten Regisseuren und klugen Dramaturgen. Die Regie kann nicht vorne stehen, das Werk muss vorne stehen! Sonst kommt das heraus, was Regisseure wie Calixto Bieito machen; die erfinden ein eigenes Stück, stülpen es über ein Werk und inszenieren das. Sie nehmen sich wichtiger als die Autoren.

Interviewer: Auch Ruth Berghaus, mit der Sie in Frankfurt intensiv zusammengearbeitet haben, galt als Vertreterin des Regietheaters.

Gielen: Aber ihre Idee war es, die Inhalte des Stücks zu entdecken und das, was eine schlechte Tradition verschüttet hat, wieder sichtbar zu machen! Sie hat nie etwas draufgepflanzt, was nicht drin war. Ich habe sie sehr bewundert, ihre Kompromisslosigkeit, die Originalität ihrer Konzepte.



Tagesspiegel von morgen, 4.5.:

Gielen: Es ging um die Inhalte, darum, mit den repräsentativen Schlampereien des Theaters zu brechen. Ich habe aufgehört, Oper zu dirigieren, weil ich genau das bei vielen jungen Regisseuren vermisse. Die erfinden sich eigene Stücke, die sie den Originalen aufpfropfen. Das Regietheater macht die ganze Opernpraxis kaputt, ich sage nur: Calixto Bieito. Furchtbar!

Interviewerin: Was unterscheidet einen Bieito denn von einem Neuenfels?

Gielen: Neuenfels, die Berghaus, der junge Peter Mussbach – das war Musiktheater, das war die Wahrheit! Selbst ein so fantasievoller und hochbegabter Regisseur wie Stefan Herheim hingegen ist in „La Forza del destino“ an der Lindenoper nicht davon abzubringen gewesen, dass das Volk die Hauptrolle spielt! Bei Verdi ist das durch nichts gedeckt, im Gegenteil, das Volk hat mit Abstand die schwächste Musik. Das war meine letzte Arbeit für die Oper.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

222

Dienstag, 4. Mai 2010, 06:45

Lieber Zwielicht, der Satz "das war die Wahrheit" stösst mir etwas seltsam auf. Was ist denn "die Wahrheit"? Ja , ich weiss, Pilatus hat das auch schon gefragt....... Ansonsten kann ich die Kritik Gielens natürlich nciht ganz von der Hand weisen, wobei ich allerdings nciht weiss, warum er sich gerade so auf Bieito einschiesst. Manchen Opern kann es nur gut tun, wenn ein Regisseur sie in ein anderes, vorteilhafteres, Licht stellt... ich sage nur : Parsifal in Stuttgart. :D

F.Q.
Gracias a la vida que m'a dado tanto! (Violetta Parra/Mercedes Sosa)

Zwielicht

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223

Dienstag, 4. Mai 2010, 10:44

der Satz "das war die Wahrheit" stösst mir etwas seltsam auf. Was ist denn "die Wahrheit"?


Liebe Fairy, Gielen ist halt noch unangekränkelt von allen relativistischen, postmodernen, dekonstruktivistischen etc. Denkansätzen. Er vertritt die Meinung, das zumindest in den großen Kunstwerken "Wahrheit" liegt, die häufig von der Rezeptionsgeschichte verschüttet wird und dann wieder freiglegt werden muss - in der Oper nicht nur von Regisseuren, sondern auch von Dirigenten, die die "richtigen" Tempi nehmen usw. Da steht (nicht nur) Adorno im Hintergrund.

Ansonsten kann ich die Kritik Gielens natürlich nciht ganz von der Hand weisen, wobei ich allerdings nciht weiss, warum er sich gerade so auf Bieito einschiesst.


Ich würde die Kritik in dieser Pauschalität schon von der Hand weisen :D. In der Tat merkwürdig, dass sich Gielen gerade auf Bieito einschießt. Der steht doch eigentlch für einen aufklärerischen, durchaus linken Impetus, der Gielen sympathisch sein müsste. Gielen scheint eine gewisse Verselbständigung der Regie gegenüber der Musik zu stören (die ich in Grenzen durchaus akzeptabel finde). Er deutet sie als unberechtigte Dominanz. Ich frage mich allerdings, ob das gerade bei Neuenfels früher immer anders war...


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

224

Dienstag, 4. Mai 2010, 11:19

Anfänge

Gielen scheint eine gewisse Verselbständigung der Regie gegenüber der Musik zu stören (die ich in Grenzen durchaus akzeptabel finde). Er deutet sie als unberechtigte Dominanz. Ich frage mich allerdings, ob das gerade bei Neuenfels früher immer anders war.


Das ist der eigentliche Witz an der Geschichte. Die Radikalität des frühen Neuenfels steht derjenigen von Bieito in nichts nach, betrachtet man die Produktionen bezogen auf die Zeit, in der sie entstanden sind. "Trovatore" in Nürnberg oder "Aida" in Frankfurt waren echter Aufreger.

Tatsache ist allerdings, dass Gielen, der nicht so richtig viel Oper gemacht hatte, bevor er Chef in Frankfurt wurde, erst von den szenischen Lösungen, die Frankfurt international berühmt machen sollten, überzeugt werden musste - aber (und das ist ihm hoch anzurechnen) sich auch überzeugen liess. Und: die mutigen Frankfurter Jahre (was gab es da alles für Anfeindungen) haben letztendlich den Weg mit geebnet, auf dem z. B. Bieito sich heute bewegt.
Fremd bin ich eingezogen

Don Fatale

trinkt abends gerne mal einen Saft

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225

Dienstag, 4. Mai 2010, 22:03

Ich frage mich allerdings, ob das gerade bei Neuenfels früher immer anders war...


Yep, das war auch mein Gedanke beim Lesen...

226

Dienstag, 4. Mai 2010, 22:12

Ich erinnere gerne an die vom Priester gesegneten Panzer ,die in der Macht des Schicksals über die Bühne der DOB fuhren. Es gab sehr viel Geschrei und erhobene Fäuste. Hach ja :sleeping: , dahin dahin......
calisto

227

Dienstag, 4. Mai 2010, 22:18

Schicksalsschläge

Ich erinnere gerne an die vom Priester gesegneten Panzer ,die in der Macht des Schicksals über die Bühne der DOB fuhren. Es gab sehr viel Geschrei und erhobene Fäuste.


Das war aber die Neuenfels-Inszenierung an der Bismarckstrasse, wenn ich nicht irre. Gielen hat mit Herheim an der Lindenoper erst vor einigen Jahren die "Forza" gemacht. Dem Vernehmen nach wurde auch Gielen schon während der Vorstellung von einzelnen Zuschauern verbal angegegangen.
Fremd bin ich eingezogen

228

Dienstag, 4. Mai 2010, 22:44

Ja, es war an der Deutschen Oper vor ca. 30 Jahren. Ich müßte jetzt in den alten Programmen blättern. Die Inszenierung gibt es immer noch, leider kommt mir das Publikum so abgeklärt vor. Ich meine damit, damals (damals war's) gab es bei und nach der Aufführung nicht nur Zank und Streit, sondern eben auch heftige Diskussionen mit wildfremden Menschen. Jetzt habe ich häufig das Gefühl, daß der Regisseur niedergebrüllt wird und anschließend gehen alle schnell nach Hause.

An die Herheim-Inszenierung an der Lindenoper kann ich mich merkwürdigerweise nur noch schwach erinnern. Bei meinem Besuch der Oper saß das Publikum friedlich auf den Stühlen.
calisto

229

Montag, 15. November 2010, 11:41

Regietheater

Anna Gramms Ansichten
Shorty von Tilla Lingenberg (gepostet mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Neulich im Regietheater ...

Der Faust-Darsteller aus Eritrea hegte Paarungswünsche und Mephisto riet ihm: Heirate Grete, dann bist Du ein Geheirateter und vielleicht werden dann Deine Tage heiterer. Doch Faust meinte er trinke eher artig Tee denn er vermutete, er würde als Ehegatte irre. Er meinte, dass er am Tag eher reite und bevor er Gretchen in ihre Arie trete, geh´ er lieber.

Soweit, so bekannt, aber dann reihte traege sich Faust in ein Heer taetiger Statisten ein und mit ihnen gemeinsam reiht er Etage für Etage, tat rege Reihe auf Reihe und stapelte heiter Geraet auf Gerät zu einer Monitor-Mauer, was sicher AEG erheitert hat, aber ansonsten keiner verstand.

Mephisto aergertet hie und da solange das Publikum und riet ironisch allen: Heiratet rege. Wie dieser Schauspieler agierte, ehrte die gesamte Theaterriege.

Aber insgesamt war der Etat hier rege verschwendet. Er hatte Geier genährt, wenn man an die Gagen denkt. Manch Arterie hegte anzuschwellen vor Wut. Mit aller Haerte geriet die Aufführung deshalb in die Kritik und manch einer reierte Tage nach der Vorstellung noch bei der Erinnerung an diese.
Schlofsch nagged - do verschleisch koi Hos'

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