Zitat
Kurz aus dem Gedächtnis zusammengefasst schreibt er: Die Reprise ist der Exposition sehr ähnlich. Es genügt also, sie zuvor einmal zu hören. Auch die Überleitung zur Wiederholung - die beim zweiten Mal nicht mitgespielt wier - enthält nach Brendel nur wenig musikalisch zusätzlichen Gehalt (für die Spezialisten: trotz des fortissimo-Auftretens des in diesem Satz so wichtigen Trillers).
Was haltet Ihr von der Wiederholung der Exposition in Schuberts Sonaten-Sätzen? Soll man sie spielen oder nicht? Wie haltet Ihr es bei anderen Komponisten?
Ich entscheide - wie sonst ? - von Fall zu Fall. Bei Beethoven ist die Sache m.E. ziemlich einfach: Er hat so sehr gegen alle Konventionen verstoßen, dass man in aller Regel davon ausgehen kann, dass auch die Wiederholungszeichen nicht bloßer Konvention sondern inhaltlicher Überlegung entsprungen sind. Es gilt also, diese Überlegungen deutend nachzuvollziehen, um dann die Wiederholungen sinnvoll zu spielen. In der Regel bereitet das (zumindest das ErsteWas haltet Ihr von der Wiederholung der Exposition in Schuberts Sonaten-Sätzen? Soll man sie spielen oder nicht? Wie haltet Ihr es bei anderen Komponisten?
) keine Probleme. Bei Schubert gebe ich Brendel auf alle Fälle soweit Recht, dass er (Schubert) in "manchen Äußerlichkeiten der Form und der Notation viel konventioneller war als Beethoven". Ich verstehe auch den Einwand, dass die Rückführung in der B-Dur-Sonate unangekündigt und ohne motivischen Zusammenhang mit dem sonstigen Material des Satzes, und dass der "lärmend in den Vordergrund" gerückte Triller hier eine "Enttäuschung" ist. Die Frage ist: Ist es möglich, dass gerade diese "Enttäuschung" der eigentliche Inhalt der Stelle ist? Kann es sein, dass diese Überleitung gerade als "Fremdkörper" zu verstehen ist, die bewusst "den großartigen Zusammenhang des ersten Satzes stören" soll? Ich halte das für möglich, oder besser gesagt: Wenn man die Wiederholung spielt, dann muss man m.E. gerade die Fremdartigkeit dieser Stelle betonen statt sie schamhaft zu verstecken (was viele Pianisten tun, indem sie z.B. den Triller doch nicht so ganz fortissimo spielen etc.). Man muss dann womöglich bei der Wiederholung das Nachbeben dieser unerwarteten Erregung spürbar machen, was allerdings schwer genug ist... Konkret wird aus dem Gesagten wohl klar, dass ich - im Moment zumindest - diese Wiederholung mitspiele, aber ich habe allergrößten Respekt vor Alfred Brendels wahrlich durchdachter und wohlbegründeter Entscheidung. Wenn man die Wiederholung spielt, dann muss man m.E. gerade die Fremdartigkeit dieser Stelle betonen statt sie schamhaft zu verstecken (was viele Pianisten tun, indem sie z.B. den Triller doch nicht so ganz fortissimo spielen etc.).
Ich habe mir die Stelle gerade noch einmal in ein paar Aufnahmen angehört: Am radikalsten ist Valery Afanassiev, bei dem die Überleitung wirklich schockhaft und beängstigend klingt. Der Triller ist extrem gedehnt, die anschließende Pause (mit Fermate) schier endlos. Aber Achtung: Er benötigt allein für den ersten Satz über 28 Minuten und damit noch einmal rund 4 Minuten mehr als der auch nicht gerade hektische Svjatoslav Richter. Der spielt den Anfang der Überleitung eher piano als (wie vorgeschrieben) mezzoforte, was ihm aber ermöglicht, das folgende crescendo zum Triller sehr stark zu betonen. Ähnlich ist es bei Grigory Sokolov, der den Triller zusätzlich sehr stark diminuiert, so dass die Pause eher wie eine logische Ruhepause als wie ein erschrecktes Erstarren klingt. Radu Lupu braucht für denselben Satz gerade einmal gut 15 Minuten und spielt den Beginn der Überleitung dynamisch sehr dezent, außerdem in Pedal getaucht. Das cresc. spielt er sehr spät, dann aber steil, den anschließenden Triller aber schon wieder stark zurückgenommen. Insgesamt also eher ein Beispiel für das beschriebene "schamhafte Verstecken" (trotzdem gehört die Aufnahme wegen anderer Qualitäten zu meinen Favoriten). Maurizio Pollini spielt eigentlich alles so, wie es da steht, seziert das Stück nicht wie Richter oder gar Afanassiev, spielt natürlich, klangschön, in jeder Hinsicht klar und meidet alle Extreme. Auch wenn mir das als künstlerische Haltung grundsätzlich nicht unsympathisch ist, ist es hier vielleicht doch zu wenig. In der "Naxos Music Library" habe ich noch in ein paar Aufnahmen hineingehört, die ich aber nicht komplett kenne: Gerhard Opitz kommt leider für meine Begriffe zu laut an diese Stelle heran (vorgeschrieben ist pianissimo), so dass das mezzoforte zu wenig Kontrast hat. Eine ganz interessante Lösung stammt von Risto Lauriala (dessen Namen ich noch nie gehört habe): Er zieht in der Überleitung enorm das Tempo an und schafft es damit durchaus, das "Fremdartige" zu betonen, wenn auch etwas auf Kosten der Buchstaben des Notentextes. Anton Kuerti (dessen Aufnahme mir - soweit gehört - hervorragend gefiel) bleibt näher am Text, spielt deutlich den Kontrast, ohne extrem zu werden. Besonders beeindruckend fand ich die Aufnahme von Arthur Schnabel, die allerdings hier zur Sache nichts beiträgt: Er lässt die Wiederholung weg. Aber man höre nur, wie extrem leise und unheimlich er den Triller bei seinem ersten Auftauchen spielt, großartig! Bei den meisten anderen Aufnahmen, in die ich hineingehört habe, wird zwar die Wiederholung gespielt, aber ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, warum eigentlich. Da ist mir die Brendelsche Lösung immer noch lieber.Zitat von »ChKöhn«
Wenn man die Wiederholung spielt, dann muss man m.E. gerade die Fremdartigkeit dieser Stelle betonen statt sie schamhaft zu verstecken (was viele Pianisten tun, indem sie z.B. den Triller doch nicht so ganz fortissimo spielen etc.).
Hast Du diesbezüglich einen CD-Tipp? Ich besitze bisher nur die Brendel-Aufnahme.
ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil die Wiederholung nicht wirklich gespielt wird.Bei den meisten anderen Aufnahmen, in die ich hineingehört habe, wird zwar die Wiederholung gespielt, aber ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, warum eigentlich. Da ist mir die Brendelsche Lösung immer noch lieber.
by the way: gibt es spezielle kompositiorische Gründe, warum es z.B. in der Haffner-Sinfonie keine Wiederholung der Exposition gibt?
Ein ewig waltender Weltgeist ist es wohl, der das Gute, Wahre und Schöne zum letztendlichen Durchbruch bringt *hier denke sich jeder einen Smiley nach Wahl*?Ich finde das Ganze ähnlich absurd, wie die seinerzeitige Glättung von Schumann-Symphonien, und genauso wie diese Glättungen, werden auch die Kürzungen in absehbarer Zeit verschwinden. Nicht nur im HIP.
Es sind keineswegs nur "heutige" Interpreten, die in der Frage der Wiederholungen für sich das Recht auf eigene Entscheidung beanspruchen. Sogar Komponisten selbst (Brahms z.B) haben in Aufführungen eigener Werke Wiederholungen gestrichen. Die Sache ist also offenbar etwas komplexer als die Buchstaben des Notentextes suggerieren.Ich finde es ein bißl überheblich von heutigen Interpreten zu behaupten, hier hätte Schubert (oder ein anderer beliebiger Komponist wie Beethoven oder Mozart) sich der Konvention gebeugt, und deswegen eine Wiederholung verlangt. Man könne das nun getrost weglassen, der Musik würde dadurch kein Schaden angetan.
Ich verstehe weder, wie man das vergleichen kann noch, was ein solcher Vergleich mit der Stimmigkeit von Brendels Argumenten zu tun hat. Ich empfehle, sich mit diesen auseinanderzusetzen, statt das "Genie-o-Meter" anzuwendenBrendel beispielsweise mag ein guter bis hervorragender Pianist sein (ich würde Ersteres behaupten), ein Genie wie Schubert ist er ganz sicherlich nicht.
.Ein ewig waltender Weltgeist ist es wohl, der das Gute, Wahre und Schöne zum letztendlichen Durchbruch bringt *hier denke sich jeder einen Smiley nach Wahl*?
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