Philipp
Kann ich als absoluter HIP-Laie mal fragen, ob HIP direkt mit der alten Aufstellung der Streicher (Kontrabässe/erste Geigen links, Bratschen/Celli in der Mitte, zweite Geigen rechts) einhergeht oder ob sich die konventionelle Instrumentation und neue Streicheraufstellung nicht parallel entwickelt haben?
Inwiefern? Bei Furtwänglers Beethoven-Interpretationen leuchtet mir das beispielsweise gar nicht ein: oft viel zu langsame Tempi, die den dynamischen Charakter zu sehr ins Romantisch-Fließende abmildern. Auch ein Überladen des Streicherapparats bei vielen anderen Aufnahmen, sogar bei Leibowitz, empfinde ich mittlerweile eher als störend. Historisch orientierte Wege begeistern mich im allgemeinen dann, wenn das klangliche Ergebnis die Kontraste und die rhythmische Dynamik klar herausrabeitet: Wie Norrington mit seinen Stuttgartern an Mozart, Haydn und Beethoven herangeht, finde ich überzeugend - auch dessen Credo, daß es nicht darauf ankomme, welche Instrumente man nehme (alte oder moderne), sondern wie man sie spiele. Insofern ist es für mich auch kein entscheidendes Kriterium, ob etwa bei Haydn-Sonaten historische Klaviere oder moderne Steinways erklingen; viel wichtiger finde ich, ob und wie es dem Interpreten gelingt, Spannungen zu entwickeln und wieder aufzulösen.HIP ist bisweilen nicht so weit von Furtwängler entfernt, wie man gern glauben möchte.
Einverstanden. Allerdings kannn durch gelungene HIP-Wiedergaben scheinbar vertraute Wendungen überraschend neu gehört werden. Deshalb würde ich HIP nicht zu klein reden. Ich denke z.B. an die Beethoven-Klaviersonaten-Wiedergaben durch Brautigam. Ich bin daher auch heute auf Andrea Lucchesinis Beethovenspiel (DLF) mit dem Hammerflügel gespannt. Die Berio-Sonate wird von Lucchesini nicht hip-mäßig gespielt
Zitat
Das eine oder andere zur alleine seligmachenden Wahrheit hochzustilisieren wäre völlig falsch. HIP ist kein Wert an sich.
, obwohl es möglicherweise da auch noch manches auszuloten gäbe ? Die Schönbergklavierstücke aus frühen sog. freiatonalen Phase gibt es inzwischen auch in HIP-Version.
Einverstanden. Allerdings kannn durch gelungene HIP-Wiedergaben scheinbar vertraute Wendungen überraschend neu gehört werden. Deshalb würde ich HIP nicht zu klein reden. Ich denke z.B. an die Beethoven-Klaviersonaten-Wiedergaben durch Brautigam.
Zitat
Das eine oder andere zur alleine seligmachenden Wahrheit hochzustilisieren wäre völlig falsch. HIP ist kein Wert an sich.
Zitat
Interessant wären auch Beethovenschen Quartette als HIP. Gibt es da etwas ?
Interessant wären auch Beethovenschen Quartette als HIP.

Mal abgesehen davon, dass hier ein altes Klavier ausnahmsweise gut klingt
, oder auf einen schlechten Geschmack. Wenn HIP, dann richtig. Gerade bei Tasteninstrumenten, klingen die Orginale eigentlich immer besser als die Kopien - die Kopien haben oft kein so reiches Obertonspektrum, und das ist ja gerade, was den Orginalklang eines Pianofortes ausmacht. Gegen ein Walter von 1780, ein Pleyel von 1840 kommt kein Nachbau an.
Zitat
Interessant wären auch Beethovenschen Quartette als HIP. Gibt es da etwas ?
sehr wenig. 3x op.18 (Mosaiques, Turner u. Smithsonian Q.), nur vereinzelte der mittleren Quartette. Das Q. Mosaiques hat op.130/133 im Konzert gespielt, aber Aufnahme ist mir keine bekannt.

Matthias Tatsächlich? Gab es zu der Zeit noch keine Konzertflügel? Hast du da mal Aufnhamen gehört, bzw. wenn ja, was hältst du davon?Die Schönbergklavierstücke aus frühen sog. freiatonalen Phase gibt es inzwischen auch in HIP-Version.
hat mich leider nicht vom Hocker gerissen, schade. Die Schönberg-Solo-Klavier-Stücke mag ich bisher immer noch am liebsten mit dieser taiwanesischen Pianistin, deren namen ich mir niemals merken kann, die aber auch in der zeitgenössischen Moderne (Boulez, Barraque) sehr engagiert ist, wir haben schon mal in einen anderen Thread über sie diskutiert...
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Tatsächlich? Gab es zu der Zeit noch keine Konzertflügel? Hast du da mal Aufnhamen gehört, bzw. wenn ja, was hältst du davon?
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Zitat von »Amfortas09«
Die Schönbergklavierstücke aus frühen sog. freiatonalen Phase gibt es inzwischen auch in HIP-Version.
warum ist das nicht bis zu mir gedrungen ? Diabelli-Variationen auf Hammerklavier wäre was, allerdings hat mich der letzte Mitschnitt (DLF) der Gouldbergvariationen mit Staier-Live nicht sonderlich beeindruckt,schade, um so mehr aber eine Auswahl der Bachschen Toccaten und Fugen mit Staier-Live ..
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Staier hat momentan anscheinend die Diabelli-Variationen im Konzertprogramm. Von ihm sind jedenfalls Beethovensche Solosachen oder Klavierkonzerte lange überfällig...
meinst du z.B. in den Tempi ? also bei der Patetique und Waldstein habe ich einen anderen Eindruck, habe aber nicht allle Cds davon ...
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finde ich Brautigam zwar durchaus gut, aber weitgehend vergleichsweise konventionell...
ja ich auch, was Järvi angeht, und auch die ersten beiden Beethovensinfonien unter Norrington.. der letzte Pastoralemitschnitt mit Herrweghe von France Musique hat sich auch gelohnt...
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bevorzuge klar im Non-HIP-Bereich Aufnahmen, die von HIP stark beeinflußt sind, z. B. bei Beethoven Järvi mit den Bremern oder Norrington 2 oder Herreweghe
ja, + ich denke, dass ist Grundtenor der meisten Beiträge zu HIP...
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Also kein Pauschalurteil von mir-jede einzelne Einspielung muss eigenständig gewertet werden.
Insofern ist es für mich auch kein entscheidendes Kriterium, ob etwa bei Haydn-Sonaten historische Klaviere oder moderne Steinways erklingen; viel wichtiger finde ich, ob und wie es dem Interpreten gelingt, Spannungen zu entwickeln und wieder aufzulösen.



Immerhin: Bei dem Preis! Allerdings warne ich Dich: Es sind überwiegend Nachbauten im Spiel, keine Originale (erwähne es nur, weil das Dir wichtig ist; ich selbst kann nicht beurteilen, ob moderne Kopien alter Instrumente grundsätzlich schlechter sind).Deiner Beschreibung entnehme ich, dass sie mit Abstrichen zu empfehlen ist.


Andrea Lucchesini (Beethoven Sonate nr. 29) auf historischen Klavier (irgend ein Nachbau)
Noch was: Niemand spielt Debussy auf einem Ruckers-Cembalo von 1640, obwohl das bestimmt total irre klingen würde, ....
Denn DEBUSSY hat von seinen sechs geplanten Kammermusik-Sonaten nur drei vollendet, also auch nicht die geplante vierte für Oboe, Horn und Cembalo. Sehr schade, es wäre sicher ein ausgezeichnetes Werk geworden!
Worauf zielst Du mit Deiner Frage, lieber Florian? Willst Du damit unterschwellig einfließen lassen, daß man Beethoven auf einem Instrument seiner Zeit spielen muß, um zu einem angemessenen ästhetischen Ergebnis zu kommen? Damit hätten wir allerdings genau die Grundsatzdiskussion, die ich für sinnlos halte.[...] wieso also Beethoven auf einem Steinway-Flügel von 2009?
auch dessen [R. Norringtons] Credo, daß es nicht darauf ankomme, welche Instrumente man nehme (alte oder moderne), sondern wie man sie spiele.

Gähn. Dieses "Argument" ist schon so oft widerlegt worden, dass es wirklich langweilt: Erstens ist ein Steinway-Flügel von 2009 kein völlig anderes Instrument als sein historischer Vorgänger sondern dessen Weiterentwicklung. Ein Cembalo hingegen unterscheidet sich von beiden durch die Art der Klangerzeugung und daraus resultierend die fehlende Anschlagsdynamik. Zweitens wäre es selbstverständlich legitim, Debussy auf einem Cembalo von 16irgendwas zu spielen, wenn es denn künstlerisch überzeugend gelingen würde. Nur, weil man mit guten Gründen bezweifeln kann, dass das möglich ist, macht das niemand, aber nicht, weil es aus irgendwelchen ideologischen Gründen "verboten" wäre. Dass es unzählige künstlerisch überzeugende Darstellungen von Beethoven-Sonaten auf modernen Instrumenten gibt, kann hingegen nur bezweifeln, wer aus ideologischer Borniertheit gar nicht mehr hinhört. Die Vorstellung, dass ausgerechnet ein alle Grenzen sprengendes Werk wie Beethovens Hammerklaviersonate aus den Beschränkungen eines ganz bestimmten Instrumentes heraus gedacht und allein dort angemessen denk- und spielbar sei, finde ich geradezu niedlich.Noch was: Niemand spielt Debussy auf einem Ruckers-Cembalo von 1640, obwohl das bestimmt total irre klingen würde, wieso also Beethoven auf einem Steinway-Flügel von 2009?
Mal abgesehen davon, daß Du, lieber Christian, hier die Anhänger alter Instrumente etwas pauschal in die Strafecke stellen möchtest (so erscheint es jedenfalls mir): Wenn Du daraus ableiten wolltest, daß eine angemessene Interpretation der Hammerklaviersonate auf einem Instrument um 1820 grundsätzlich unmöglich sei, landest Du damit auf der anderen Seite der unsäglichen Grundsatzdebatte um die Wahl des richtigen Klaviers.Die Vorstellung, dass ausgerechnet ein alle Grenzen sprengendes Werk wie Beethovens Hammerklaviersonate aus den Beschränkungen eines ganz bestimmten Instrumentes heraus gedacht und allein dort angemessen denk- und spielbar sei, finde ich geradezu niedlich.
Bemerkenswert finde ich dabei den von Algabal erwähnten Ansatz von Gerrit Zitterbart (kenne die Aufnahmen allerdings nicht), der womöglich gerade das nachweisen möchte, daß nämlich die Wahl des Instruments nicht gar so entscheidend ist.
O.k. - doch ob damit beide Wege zu unterschiedlichen musikalischen Charakteren führen, die evt. im Widerspruch miteinander stehen (im Sinne unterschiedlicher Beethoven-Bilder) - das wäre die für mich interessante Frage (die nach Deinem Hinweis auf die nur marginalen Unterschiede in der Interpretation wohl verneint werden müßte).Naja, sie ist schon entscheident für das Klangbild
In die "Strafecke" kommt ja wohl jemand, der gegen ein Verbot verstoßen hat. Da ich aber gerade umgekehrt gegen Verbote argumentiert habe, verstehe ich nicht, wie Dein Eindruck zustande gekommen ist. Aus dem von mir Geschriebenen ist er jedenfalls nicht ableitbar. Auch im zweiten Teil Deines Beitrags hast Du mich missverstanden: Ich bin der Meinung, dass ein Stück wie die Hammerklaviersonate im Grunde genommen auf gar keinem Instrument, egal ob historisch oder modern, "angemessen" interpretiert werden kann. Das Stück ist größer, weitreichender als die Möglichkeiten jedes Instrumentes, so dass jede klangliche Realisierung immer nur einen Teil das Ganzen darstellen, also prinzipiell nicht "an-gemessen" sein kann. Arthur Schnabel hat mal sinngemäß gesagt, er interessiere sich nur für Musik, die schöner sei als sie gespielt werden kann. Dem liegt derselbe Gedanke zugrunde.Mal abgesehen davon, daß Du, lieber Christian, hier die Anhänger alter Instrumente etwas pauschal in die Strafecke stellen möchtest (so erscheint es jedenfalls mir): Wenn Du daraus ableiten wolltest, daß eine angemessene Interpretation der Hammerklaviersonate auf einem Instrument um 1820 grundsätzlich unmöglich sei, landest Du damit auf der anderen Seite der unsäglichen Grundsatzdebatte um die Wahl des richtigen Klaviers.
und daraus resultierend die fehlende Anschlagsdynamik
Die Vorstellung, dass ausgerechnet ein alle Grenzen sprengendes Werk wie Beethovens Hammerklaviersonate aus den Beschränkungen eines ganz bestimmten Instrumentes heraus gedacht und allein dort angemessen denk- und spielbar sei, finde ich geradezu niedlich.
Das wiederum leuchtet mir ohne weiteres ein - danke für die Klarstellung!Ich bin der Meinung, dass ein Stück wie die Hammerklaviersonate im Grunde genommen auf gar keinem Instrument, egal ob historisch oder modern, "angemessen" interpretiert werden kann. Das Stück ist größer, weitreichender als die Möglichkeiten jedes Instrumentes, so dass jede klangliche Realisierung immer nur einen Teil das Ganzen darstellen, also prinzipiell nicht "an-gemessen" sein kann.
Historisch gesehen war der entscheidende Schritt der von der Zupf- (Cembalo) bzw. Tangentenmechnanik (Clavichord) zur Hammermechanik. Erst dieser Schritt hat eine völlig neue Art von Tasteninstrumenten hervorgebracht. Alles, was seither folgte, waren Weiterentwicklungen, die die Grundidee nicht mehr veränderten: Filz-Hammerköpfe, Stahlrahmen, Repetitionsmechanik usw.. Alles Schritte, die Spielbarkeit und Klang veränderten, aber kein Schritt mehr, der an grundsätzlicher Bedeutung dem ersten Schritt zur Hammermechanik gleichkäme, denn keiner von ihnen veränderte noch einmal die prinzipielle Art der Klangerzeugung.Und man kann - finde ich - eben nicht einfach sagen, dass ein Steinway eine Weiterentwicklung ist, er ist die Entwicklung in eine andere Richtung, nicht was die Mechanik, aber was den Klang anbelangt.
Das macht ja nichtsIch behaupte ja nicht, dass man gerade Beethoven bitte nur auf einem Broadwood spielen darf, oder Schubert nur auf einem Fritz-Fortepiano, aber ich empfinde das vor allem klanglich als am schönsten, richtigsten, angemessensten - jaja, ich weiß, höchst subjektiv...
. Ich bin halt gewohnt, die Partituren sehr genau zu lesen, und da sehe ich z.B. in Schuberts großen Sonaten sehr viele extreme dynamische Forderungen, die selbst auf heutigen, aber schon gar nicht auf historischen Klavieren realisierbar sind: Z.B. müssten am Ende des langsamen Satzes von D 960 im dreifachen ppp und anschließendem dimin. noch ganztaktige Akkorde hörbar zur einer Linie (dem Zitat aus "Der Tod und das Mädchen") verbunden werden, in deren Hintergrund zusätzlich noch Begleitfiguren stattfinden. Das ist nur möglich, wenn das Instrument auch im zartesten pianissimo noch genügend "Länge" hat. Ansonsten bleibt entweder das "ppp" oder die Linie auf der Strecke. Er verlangt in op. 101 ein Contra-E. An manchen Stellen (z.B. in op. 14/1) schreibt er crescendo auf liegenden Tönen, usw.. Das sind aber nur ein paar Äußerlichkeiten, bei denen er über die Möglichkeiten des Instrumentes hinausgeht. Die wichtigeren Sachen sind eher in der Struktur der Kompositionen zu finden.Es wird ja auch immer wieder gesagt, Beethoven hätte Klavierstücke geschrieben, die den Umfang der Klaviatur eines Fortepianos gesprengt hätten. Ist das wirklich so? (Das ist keine rethorische Frage). Beethovens Broadwood hatte eine Klaviatur von sechs Oktaven, sein Graf (das Piano seiner letzten Jahre) sogar sechs Oktaven nebst Quart. Das ist gerade mal eine halbe Oktave weniger als z.B. ein Steinway von 1882.
Zitat
HIP-Klang ist nicht notwendigerweise dünn. Im Gegenteil kommen bei guten Aufnahmen die Holzbläser farbiger rüber und damit kann der Gesamtklang sogar voller wirken.
- meine ganz persönlichen Lauscher sind nun mal so beschaffen...
Zitat
HIP-Klang ist nicht notwendigerweise dünn. Im Gegenteil kommen bei guten Aufnahmen die Holzbläser farbiger rüber und damit kann der Gesamtklang sogar voller wirken.
Das mag ich als Holzbläser, der zumindestens ein wenig daran gewöhnt ist, auf andere Holzbläser zu hören, nicht bestätigen. Auf meine Ohren wirken die klassischen Originaltröten (bzw. deren Kopien) immer deutlich flacher, eindimensionaler und damit klanglich scherenschnittartiger als gut gespielte moderne Holzblasinstrumente.
Im Hinblick auf Tastenintrumente bin ich alles andere als ein Spezialist, aber da gilt für mich bislang Vergleichbares: Wenn ein wirklicher Könner auf einem modernen Flügel spielt, höre ich neben einem grundsätzlich runderen Klang und einer größeren dynamischen Spannbreite auch viel mehr Farben und Schattierungen als bei dem sicherlich ebenfalls meisterlich spielenden HIP-Kollegen.
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