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Montag, 8. Juni 2009, 22:56

Wiederholungen - Nur "nochmal"?

Die Frage zu Wiederholungen ergab sich aus dem Thread, was richtig und falsch sei bei der Interpretation.
Dem Wunsch nach einem eigenen Thread zu dem Thema wurde hier gerne entsprochen.


audiamus





Brendel läßt bei Schuberts B-Dur-Sonate D. 960 immer die eine Wiederholung im Kopfsatz weg. Er hat sich hierzu recht umfassend geäußert, hat zugegeben, daß dies ein expliziter Verstoß gegen Schuberts Notentext sei, aber auch erläutert, warum diese Maßnahme für ihn Sinn macht. Brendel hat sich außerdem u. a. auch zu Problemen bei manchen rhytmischen Notationen bei Schubert geäußert (findet man in seinen gesammelten Texten zur Musik). Wenn ein Interpret sein Vorgehen so gründlich durchdringt, nötigt mir das mehr Respekt ab als jemand, der - immer wieder auf "Werktreue" pochend - einfach einen gegebenen Notentext runterbuchstabiert.
Man verzeihe mir, daß ich immer auf der Maximalforderung beharre: Notentext UND Musik ist beides wichtig. Halbe Lösungen sind für mich nur peripher interessant, solange es Alternativen gibt.
Ketzerisch ausgedrückt: niemand zwingt Herrn Brendel, ein Werk zu spielen, mit dessen Notentext er nicht einverstanden ist.

Mehr Respekt habe ich in diesem Zusammenhang vor Furtwängler, der es abgelehnt hat, Beethovens Missa Solemnis zu spielen mit der Begründung (so sagte mir mein Lehrer) daß das Werk nicht zum Klingen zu bringen sei.

Ciao,
Gerardus

Es ist ja nicht so, daß Brendel den ganzen Satz für miserabel erklärt hätte. Konkret geht es ihm um eine Wiederholung. Im Barock war das Weglassen von Wiederholungen, soweit mir bekannt ist, durchaus noch üblich. Vereinfacht gesagt: Brendel hat, nach tiefgreifender Überlegung, eine barocke Methodik auf ein Stück von Schubert übertragen.

Eine andere Frage ist sicherlich, warum Gould meinte, unbedingt die Mozart-Sonaten spielen zu müssen. Es soll aber Leute geben, die diese Lesart schätzen, ebenso wie einige den Zeitlupen-Beethoven von Klemperer oder den "superslow"-Bruckner von Celibidache mögen. Wenn die Interpreten mit eigenwilligen Interpretationen Menschen erreichen, so werde ich ihnen nicht ihre Fehler aufzählen - es gibt schließlich genug andere Interpretationen, die meinem Gusto entsprechen. Wobei der Celi-Bruckner m. E. schon was hat... ;)
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

2

Montag, 8. Juni 2009, 23:15

Es ist ja nicht so, daß Brendel den ganzen Satz für miserabel erklärt hätte. Konkret geht es ihm um eine Wiederholung. Im Barock war das Weglassen von Wiederholungen, soweit mir bekannt ist, durchaus noch üblich. Vereinfacht gesagt: Brendel hat, nach tiefgreifender Überlegung, eine barocke Methodik auf ein Stück von Schubert übertragen.
soweit mir bekannt, war im Barock das Weglassen von Wiederholungen durchaus NICHT üblich.
Brendel hat die Wiederholung wegen der irritierenden Überleitung, der prima volta, weggelassen, die er nicht spielen wollte. Und das ist original Schubertscher Notentext von 9 Takten Länge, die also bei ihm fehlen. Das wichtigste an dieser prima volta ist der für den Satz typische Triller im Baß, der nur hier im Fortissimo gespielt werden soll (an allen anderen Stellen ist er pianissimo).

Bezüglich Celi gebe ich dir Recht. Ein beeindruckender Beweis, daß alles nicht so einfach ist.

Ciao,
Gerardus

3

Dienstag, 9. Juni 2009, 00:42

Es ist ja nicht so, daß Brendel den ganzen Satz für miserabel erklärt hätte. Konkret geht es ihm um eine Wiederholung. Im Barock war das Weglassen von Wiederholungen, soweit mir bekannt ist, durchaus noch üblich. Vereinfacht gesagt: Brendel hat, nach tiefgreifender Überlegung, eine barocke Methodik auf ein Stück von Schubert übertragen.
soweit mir bekannt, war im Barock das Weglassen von Wiederholungen durchaus NICHT üblich.
Brendel hat die Wiederholung wegen der irritierenden Überleitung, der prima volta, weggelassen, die er nicht spielen wollte. Und das ist original Schubertscher Notentext von 9 Takten Länge, die also bei ihm fehlen. Das wichtigste an dieser prima volta ist der für den Satz typische Triller im Baß, der nur hier im Fortissimo gespielt werden soll (an allen anderen Stellen ist er pianissimo).

Bezüglich Celi gebe ich dir Recht. Ein beeindruckender Beweis, daß alles nicht so einfach ist.

Ciao,
Gerardus
Lieber Gerardus,

vielleicht war ich mit meiner Einlassung zur Wiederholung im Barock etwas zu voreilig. Man sollte halt nicht Sachen ungeprüft aus nebulöser Erinnerung schreiben - so eine Schlamperei. :D Vielleicht kann hierzu ja noch einer der Barockspezialisten Auskunft geben.

Bezüglich der Brendel-Entscheidung in Sachen D. 960 bin ich nicht mehr ganz sicher, und ich habe das Brendel-Buch leider gerade nicht zur Hand. Ich meinte mich dunkel zu erinnern, daß er die Wiederholung weglassen wollte und das Auslassen der 9 Takte die Konsequenz sei, es ist aber gut möglich, daß Du recht hast und er die Wiederholung wegen der 9 Takte ausließ (eine Art Henne-Ei-Problem).

Wie auch immer, dieser Punkt verdeutlicht doch gerade, ob man hier wirklich von einem Sakrileg sprechen sollte - es gibt haufenweise Aufnahmen von D. 960, darunter viele sehr gute, und wir diskutieren hier über 9 Takte bei einem Satz von erheblicher Länge in einer spezifischen Aufnahme. Dann ist dies halt eine Eigenheit der Brendel-Aufnahme, immerhin kommt sie nicht durch Faulheit, sondern durch gründliche Überlegung Brendels zustande, auch wenn Du diese ablehnen magst.

Anderes Beispiel: es hat sich ziemlich eingebürgert, die Goldberg-Variationen ohne Wiederholungen zu spielen. An der Aufnahme von Koroliov schätze ich gerade, daß er die Wiederholungen alle spielt. Die Forschungslage hierzu ist mir nicht bekannt, ich kann jedoch sagen, daß ich Koroliovs Entscheidung aus musikalischen Gründen mag, und nicht aus einer vermeintlichen Authentizität heraus. Da ich Bach auf dem modernen Flügel schätze, kenne ich wenig Goldberg-Variationen in HIP. Wie werden die Wiederholungen dort gehandhabt?

:wink:

P.S.: Kurzer Nachtrag in Sachen D. 960: Ich habe nochmal recherchiert - Du hattest in der Tat Recht und meine Erinnerung hat mich getäuscht, Brendel hat die Wiederholung wegen der Prima volta weggelassen. Das haben einige andere große Pianisten wohl auch, Brendel hat sich aber dafür gerechtfertigt.
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

4

Dienstag, 9. Juni 2009, 01:22

soweit mir bekannt, war im Barock das Weglassen von Wiederholungen durchaus NICHT üblich.


Stimmt.
Vielmehr setzte die Wiederholung voraus, dass der Sänger oder Spieler die Wiederholung nutzte, um in relativer improvisatorischer Freiheit das Stück zu variieren, in erster Linie durch Verzierungen, die einen ganz anderen Status als später hatten. Hatte der Komponist selbst schon sehr feste Vorstellungen von diesem zweiten verzierten Durchgang, schrieb er die Wiederholung aus und kennzeichnete sie als "Double". Es handelt sich also um einen Zwitter aus Wiederholung und (ad-hoc-)Variation.
Das Weglassen war nicht üblich, denn erst und gerade hier zeigten sich nach Ansicht der Zeitgenossen die Fähigkeiten des Ausführenden wirklich.

Außerdem gibt es viele Fälle, in denen die Proportionen eines Satzes durch Weglassen der Wiederholung so verschoben werden, dass eine andere Form entsteht.

Bei den Goldbergvariationen treten beide Erscheinungen auf. Außerdem hat Bach – wie auch keiner seiner Zeitgenossen – das Wiederholungszeichen nicht mit einem "ad libitum" ergänzt, es war also von vornherein nicht in den Willen des Ausführenden gestellt – eine Entscheidungsmöglichkeit war gar nicht vorgesehen.

Das Weglassen der Wiederholungen gerade in barocker Musik scheint mir eher den Spieldauern von LP und CD beziehungsweise der angenommenen Ausdauer des moderneren Publikums geschuldet zu sein.

Bei den Goldbergvariationen passt die Ausführung mit allen Wiederholungen nicht auf eine CD. Trotzdem nehmen solche Aufnahmen zu, weil man immer mehr der oben erläuterten Auffassung zuneigt. Mit einigem Recht kann man behaupten, dass das Weglassen falsch wäre. Noch vor ein oder zwei Jahrzehnten war es der Mehrheitsmeinung zufolge nicht falsch.

5

Dienstag, 9. Juni 2009, 04:06


Außerdem hat Bach – wie auch keiner seiner Zeitgenossen – das Wiederholungszeichen mit einem "ad libitum" ergänzt, es war also von vornherein nicht in den Willen des Ausführenden gestellt – eine Entscheidungsmöglichkeit war gar nicht vorgesehen.

Verständnisfrage: fehlt hier das Wort "nicht" nach "Wiederholungszeichen" oder verstehe ich den Begriff "ad libitum" falsch? Für mich bedeutet es das Gegenteil von dem, was Du sagst, d. h. es ist in das Belieben des Ausführenden gestellt.

:stern: ?( Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

6

Dienstag, 9. Juni 2009, 08:41

Verständnisfrage: fehlt hier das Wort "nicht" nach "Wiederholungszeichen" oder verstehe ich den Begriff "ad libitum" falsch? Für mich bedeutet es das Gegenteil von dem, was Du sagst, d. h. es ist in das Belieben des Ausführenden gestellt.


Völlich richtich, danke für den Hinweis.
Das "nicht" steht jetzt da.
:wink:

7

Dienstag, 9. Juni 2009, 08:50

Bei den Goldbergvariationen passt die Ausführung mit allen Wiederholungen nicht auf eine CD.

Das ist so nicht richtig - in einigermaßen flottem Tempo gespielt dauert das Werk mit allen Wiederholungen 75-80 Minuten, das passt gerade noch :D

Die Goldbergvariationen sind aus meiner Sicht ein Spezialfall: Da der A- und B-Teil der Aria gleichlang ist (16 Takte), kann man alle Wiederholungen weglassen, ohne die Proportionen zu zerstören (so hat es z. B. Gustav Leonhardt gemacht). Allerdings gehen so bei einigen Variationen die auskomponierten Überleitungen bei den Wiederholungen verloren. Inkonsequent wäre es, die Wiederholungen je nach Variation unterschiedlich zu handhaben (was häufiger zu hören ist).

Bei Barockmusik ist oft nur ein mehr oder weniger großer Teil dessen notiert, was zu spielen ist; das jeweilige Stück war je nach Geschmack und Fähigkeiten der Musiker weiter auszugestalten. Verzierungen sind hier ein ganz wichtiger Aspekt, und es wurde damals weit mehr verziert, als wir heute meinen (siehe z. B. die "Methodischen Sonaten" von Telemann mit ausgeschriebenen Verzierungen für die Solostimme). Vieles wurde bei der Ausführung improvisiert - bei einer CD-Aufnahme geht dieser Improvisationscharakter natürlich bei wiederholtem Hören verloren, weswegen hier meist nur sehr zurückhaltend verziert wird (auch bei den Wiederholungen).

Ich sehe hier schon wieder zwei Spezialthemen: Bachs Goldbergvariationen und barocke Verzierungspraxis :D

:wink: Fugato


8

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:07

Kurzer Nachtrag in Sachen D. 960: (...) Brendel hat die Wiederholung wegen der Prima volta weggelassen. Das haben einige andere große Pianisten wohl auch, Brendel hat sich aber dafür gerechtfertigt.
es war eben lange Tradition, mindestens alle längeren Wiederholungen zu unterschlagen. Die Ausführung mit Prima volta und mit Wiederholung hat sich aber inzwischen richtigerweise weitgehend durchgesetzt. :P

Ich bin gespannt, ob es im Fall der Goldbergvariationen auch mal so weit kommt.

Gerardus

9

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:16

soweit mir bekannt, war im Barock das Weglassen von Wiederholungen durchaus NICHT üblich.


Stimmt.
Vielmehr setzte die Wiederholung voraus, dass der Sänger oder Spieler die Wiederholung nutzte, um in relativer improvisatorischer Freiheit das Stück zu variieren, in erster Linie durch Verzierungen, die einen ganz anderen Status als später hatten. Hatte der Komponist selbst schon sehr feste Vorstellungen von diesem zweiten verzierten Durchgang, schrieb er die Wiederholung aus und kennzeichnete sie als "Double". Es handelt sich also um einen Zwitter aus Wiederholung und (ad-hoc-)Variation.
Das Weglassen war nicht üblich, denn erst und gerade hier zeigten sich nach Ansicht der Zeitgenossen die Fähigkeiten des Ausführenden wirklich.

Außerdem gibt es viele Fälle, in denen die Proportionen eines Satzes durch Weglassen der Wiederholung so verschoben werden, dass eine andere Form entsteht.

Bei den Goldbergvariationen treten beide Erscheinungen auf. Außerdem hat Bach – wie auch keiner seiner Zeitgenossen – das Wiederholungszeichen nicht mit einem "ad libitum" ergänzt, es war also von vornherein nicht in den Willen des Ausführenden gestellt – eine Entscheidungsmöglichkeit war gar nicht vorgesehen.

Das Weglassen der Wiederholungen gerade in barocker Musik scheint mir eher den Spieldauern von LP und CD beziehungsweise der angenommenen Ausdauer des moderneren Publikums geschuldet zu sein.

Bei den Goldbergvariationen passt die Ausführung mit allen Wiederholungen nicht auf eine CD. Trotzdem nehmen solche Aufnahmen zu, weil man immer mehr der oben erläuterten Auffassung zuneigt. Mit einigem Recht kann man behaupten, dass das Weglassen falsch wäre. Noch vor ein oder zwei Jahrzehnten war es der Mehrheitsmeinung zufolge nicht falsch.
Danke für die Informationen! Die einzige Rückfrage, die ich jetzt hätte, wäre, ob bei HIP-Aufnahmen der Goldberg-Variationen die Wiederholungen generell gespielt werden und nur bei einigen Aufnahmen auf dem modernen Klavier nicht, oder ob es diese klare Trennlinie nicht gibt. Mit anderen Worten: Ist Deine Einschätzung zu den Wiederholungen eine generelle HIP-Lehrmeinung?

Übrigens: Koroliov braucht, obwohl er nicht schleppt, 2 CDs.

:wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

10

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:25

...ob bei HIP-Aufnahmen der Goldberg-Variationen die Wiederholungen generell gespielt werden und nur bei einigen Aufnahmen auf dem modernen Klavier nicht, oder ob es diese klare Trennlinie nicht gibt. Mit anderen Worten: Ist Deine Einschätzung zu den Wiederholungen eine generelle HIP-Lehrmeinung?

Übrigens: Koroliov braucht, obwohl er nicht schleppt, 2 CDs.
Das würde mich auch interessieren, aber wir verbraten hier laufend Themen, die eigentlich einen eigenen Thread verdient hätten:
- Goldberg-Variationen
(Hildebrandt vor...!)
- Ausführung von Wiederholungen in der Barockmusik
- Expositionswiederholung in der Klassik und Romantik

Gerardus

11

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:34

Doppeltes "revoco"

Kurzer Nachtrag in Sachen D. 960: (...) Brendel hat die Wiederholung wegen der Prima volta weggelassen. Das haben einige andere große Pianisten wohl auch, Brendel hat sich aber dafür gerechtfertigt.
es war eben lange Tradition, mindestens alle längeren Wiederholungen zu unterschlagen. Die Ausführung mit Prima volta und mit Wiederholung hat sich aber inzwischen richtigerweise weitgehend durchgesetzt. :P

Ich bin gespannt, ob es im Fall der Goldbergvariationen auch mal so weit kommt.

Gerardus
Lieber Gerardus,

leider muß ich meine gestern angebrachte Korrektur meiner Aussage zu Brendels Verständnis von D. 960 insofern nochmals wiederrufen, als ich inzwischen Brendels Originaltext gelesen habe. Gestern hatte ich noch schnell per Internetrecherche versucht, Brendels Position zu ermitteln, aber es geht halt doch nichts über die Originalquelle, welche in diesem Fall dieses Buch, S. 208-213, ist (obwohl der besagte Text an sich bereits 20 Jahre oder so alt ist):



Brendel legt dort ausführlich sein Verhältnis zu Wiederholungen als Spielanweisung im Allgemeinen sowie seine Gesichtspunkte bei der Entscheidung "spielen oder nicht" dar. Er führt eine Reihe von Gründen an, D. 960 ohne die Wiederholung zu spielen (u. a. die Ähnlichkeit von Exposition und Reprise und die Relationen zum zweiten Satz) und geht dann auf das Gegenargument ein, daß man damit aber die bewußten 9 Takte auslassen muß. Hier führt er an, daß er dies insofern in Kauf nehmen würde, als er die von Schubert komponierte prima volta nicht für unproblematisch hält - gerade den lauten Triller. Wir hatten also gewissermaßen beide Recht mit unseren anfänglichen Ausführungen, und die Henne-Ei-Frage kann man wohl einer Detailinterpretation des Brendelschen Textes überlassen.

Dies zeigt doch aber gerade, daß sich hier ein Pianist wirklich Gedanken gemacht hat (die 5 Seiten zu den Wiederholungen sind Teil eines 75-seitigen (!) Aufsatzes über die 3 späten Schubert-Sonaten). Es handelt sich also nicht um eine "Traditions-Schlamperei" im Mahlerschen Sinne, und in einem solchen Fall finde ich einen Begriff wie "falsch" (oder was auch immer man sich an neuen Euphemismen dafür ausdenkt :P ) unangebracht, selbst wenn man die Entscheidung des Interpreten rundheraus ablehnt.

:wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

12

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:34

Die einzige Rückfrage, die ich jetzt hätte, wäre, ob bei HIP-Aufnahmen der Goldberg-Variationen die Wiederholungen generell gespielt werden und nur bei einigen Aufnahmen auf dem modernen Klavier nicht, oder ob es diese klare Trennlinie nicht gibt.


Wie gesagt: Die Zahl der Einspielungen mit allen Wiederholungen nimmt zu, aber längst nicht alle neue Cembalo-Aufnahmen bringen alle.
Da existiert also keine Trennlinie.

Zitat

Mit anderen Worten: Ist Deine Einschätzung zu den Wiederholungen eine generelle HIP-Lehrmeinung?

Vermutlich wird mir kein Musikwissenschaftler da widersprechen, diese Frage ist kein Streitfall.
Eine zweite Frage ist, ob diese "Lehrmeinung" auch bei den Ausführenden ankommt und umgesetzt wird.
Musikwissenschaftliche Erkenntnisse und Aufführungspraxis sind nicht dasselbe Paar Schuhe, das gilt auf jeden Fall auch für hiP.

Vielleicht begründet die Spieldauer moderner Tonträger ja in gewissem Umfang auch eine Art von "Aufführungspraxis"?

13

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:39

[...] Vielleicht begründet die Spieldauer moderner Tonträger ja in gewissem Umfang auch eine Art von "Aufführungspraxis"?
Wenn man sich anschaut, wie pragmatisch es im Barock musikalisch zum Teil zuging, sicherlich kein abwegiger Gedanke... :D

:wink:
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." Gustav Mahler

14

Dienstag, 9. Juni 2009, 10:46

Ich bin auch der Meinung man sollte das sehr spannende Thema der Wiederholungen ja/nei in einen eigenes Thema verlegen.


Ich bin der Meinung, sie sollten gespielt werden, da z.B. die Expositionswiederholung oft hilft das weitere besser zu verstehen, weil es sich so auch besser einprägt, insgesamt besser bei der Orientierung im Satz hilft. Ausserdem hat Beethoven z.B. mal Wiederholungen vorgesehen und mal nicht, mal sogar die Wiederholung von Durchführung und Reprise hat sich also Gedanken dazu gemacht und seine Gründe für die Wiederholung, weshalb sie auch gespielt werden sollte.
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)

15

Dienstag, 9. Juni 2009, 11:05

[...] Vielleicht begründet die Spieldauer moderner Tonträger ja in gewissem Umfang auch eine Art von "Aufführungspraxis"?
Wenn man sich anschaut, wie pragmatisch es im Barock musikalisch zum Teil zuging, sicherlich kein abwegiger Gedanke... :D
auf den ersten Blick ein überzeugendes Argument. Aber wenn ein Interpret aus pragmatischen Gründen (Spieldauer & zum Teil problematische Darstellbarkeit auf dem modernen Klavier) nicht einige Wiederholungen, sondern einige Variationen weglassen würde, dann würden alle aufschreien.

Oh ja, ich weiß, ich vergleiche Äpfel mit Birnen...

16

Dienstag, 9. Juni 2009, 11:47

Wenn man sich anschaut, wie pragmatisch es im Barock musikalisch zum Teil zuging, sicherlich kein abwegiger Gedanke...


Einen Interpreten im heutigen Sinne wird man im Barock aber vergeblich suchen, ebenso ein Publikum, das etwa dem entspricht, das einen Klavierabend besucht.
Bach hat wie alle anderen Komponisten seiner Zeit bei den 'Claviersachen' zuerst an den einzelnen Spieler gedacht, erst in zweiter Linie an Zuhörer.
Insofern ist das da mit der Pragmatik eine einfache Sache. :D

Bei der Orgel, die in die Liturgie eingebunden ist, sieht das schon wieder ganz anders aus. Und bei Ensemblemusik wieder anders...

17

Dienstag, 9. Juni 2009, 12:19

[...] Vielleicht begründet die Spieldauer moderner Tonträger ja in gewissem Umfang auch eine Art von "Aufführungspraxis"?
Wenn man sich anschaut, wie pragmatisch es im Barock musikalisch zum Teil zuging, sicherlich kein abwegiger Gedanke... :D
auf den ersten Blick ein überzeugendes Argument. Aber wenn ein Interpret aus pragmatischen Gründen (Spieldauer & zum Teil problematische Darstellbarkeit auf dem modernen Klavier) nicht einige Wiederholungen, sondern einige Variationen weglassen würde, dann würden alle aufschreien.

Oh ja, ich weiß, ich vergleiche Äpfel mit Birnen...
Eigentlich nicht unbedingt. Wenn man nämlich Hildebrandts Ausführungen mit einbezieht, so wären ja in den Wiederholungen erhebliche musikalische Leistungen (durch den Einsatz von Verzierungen, wenn auch auf Tonträgern vielleicht besser im überschaubaren Ausmaß) zu erbringen, um die sich der nicht-wiederholende Interpret "drückt".

Der Unterschied kommt aber sicherlich dadurch zustande, daß man eine Aufnahme der Goldberg-Variationen ohne einzelne Variationen wohl als "Auszüge" kennzeichnen müßte, hingegen ohne Wiederholungen läge m. E. immer noch eine GA vor.

Vielleicht sollten wir wirklich das Thema "Wiederholungen" in einen eigenen Thread auslagern, denn das hier vorliegende Thema scheint mir dann doch breiter intendiert gewesen zu sein.

:wink:
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corda vuota

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Sonntag, 5. September 2010, 09:30

Ziemlich alt dieser Thread, aber dennoch einen kurzen Kommentar: Ich habe gelernt, dass eine Wiederholung in der Barockmusik nie gleich gespielt werden soll. Die Komponisten haben nicht, wie in späteren Zeiten üblich, alle Verzierungen notiert. Es war dem Musiker überlassen, was er daraus macht.

Gruß
corda vuota
... genieße die anderen Saiten des Lebens!

19

Montag, 6. September 2010, 19:44

Ich habe gelernt, dass eine Wiederholung in der Barockmusik nie gleich gespielt werden soll. Die Komponisten haben nicht, wie in späteren Zeiten üblich, alle Verzierungen notiert. Es war dem Musiker überlassen, was er daraus macht.
Hallo Corda vuota!

Als erstes möchte ich Dir danken für den Beweis, dass es noch Capriccioisti gibt, die sich zum Thema äußern. Und bevor ich Dir meine Frage stelle, möchte ich erwähnen, daß ich zum Großteil mir mein musikalisches Grundwissen autodiktatisch angeeignet habe und sich dadurch bei mir vielleicht Fehlinformationen und Mißverständnisse eingeprägt haben könnten, deswegen JETZT meine Frage: Gilt die Forderung die Rousseau in seinem Traktakt aufstellt, bei Wiederholungen gleicher Motive, die gleichen Verzierungen anzuwenden nur für die Anfänger des Gambenspiels, an die er sich ja mit dem Traktat ausdrücklich wendet oder allgemein für französische Gambenmusik des 17./18. Jahrhunderts? Oder hat sich mir etwas Falsches eingeprägt?


Viele Grüße
Ein_Mensch
"Wilt würde seinen eigenen Weg fortsetzen und seine offenbare Gabe, inkonsequent zu sein, nutzbringend anwenden" (Tom Sharpe: "Wilt")

corda vuota

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20

Dienstag, 7. September 2010, 09:49

Hallo Ein_Mensch,

als Anfänger ist es sicher leichter, wenn man die Verzierungen in der Wiederholung beibehält. Man ist da sicher auch noch genügend mit anderen Dingen beschäftigt. Mit fortschreitendem Können sollte man den Zuhörern jedoch Neues bieten. Punktgenaue Wiederholungen langweilen eher. Im 17./18.Jahrundert war der blanke Notentext wohl eher als grobe Vorlage für den Solisten gedacht. Was er daraus machte, war seine Sache. Dies bezieht sich aber wirklich auf solistische Werke. Weiter oben wurde ja bereits erwähnt, dass dies bei Orchesterwerken auch zu dieser Zeit schon nicht gewünscht war.

Viele Grüße
corda vuota
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21

Mittwoch, 8. September 2010, 00:40

Hallo corda vuota!

Vielen Dank für die schnelle Antwort! Kannst Du mir Literatur zum Thema Abfolge der Verzierungen in der französischen Gambenmusik geben? (Auch wenn das das Thema dieser Runde kaum noch berührt).

Viele Grüße
Ein_Mensch
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22

Mittwoch, 8. September 2010, 08:42

Ein gute allgemeine Einführung in das Thema überhaupt und sowieso, wenn auch mit Fokus auf Blockflöte ist Hans Martin Linde, Kleine Anleitung zum Verzieren alter Musik:

viele Grüße

Bustopher


_____________________________________

AEIOU: A echta Intellektuella oaweit ungern

23

Donnerstag, 9. September 2010, 01:26

Hallo Bustopher,

vielen Dank für Deinen Hinweis auf das Buch! Ich werde es gleich bei Amazon ordern; damit ich wieder unter der Rubrik "gerade verarmt" etwas schreiben kann.

Gruß Ein_Mensch
"Wilt würde seinen eigenen Weg fortsetzen und seine offenbare Gabe, inkonsequent zu sein, nutzbringend anwenden" (Tom Sharpe: "Wilt")

corda vuota

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24

Donnerstag, 9. September 2010, 09:24

Hallo ein_Mensch,

zum Thema Verzierungen gibt da noch „Die Verzierungen der spanischen Musik im 17. und 18. Jahrhundert“ von Esther Morales-Cañadas und „Die Kunst der Verzierung im 18. Jahrhundert : instrumentale und vokale Musizierpraxis in Beispielen“ von Hans-Peter Schmitz. Ein anderes Werk, das Dir vielleicht bekannt ist, ist „Trattado de Glosas“ von Diego Ortiz.

Vielleicht kommst Du damit weiter.

Viele Grüße
corda vuota


PS: Es kann sein, dass die ersten beiden Titel nur noch über Bibliotheksfernleihe zu erreichen sind. ;(
... genieße die anderen Saiten des Lebens!

25

Donnerstag, 9. September 2010, 23:12

Hallo corda vuota!

Vielen Dank auch Dir! Muß mich mal wieder in der Bibliothek anmelden.


Viele Grüße
Ein_Mensch
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26

Donnerstag, 9. September 2010, 23:24

Ich denke gerade eben das erstemal darüber nach: Weiß jemand, wie lang in der Musikgeschichte eine Wiederholung mit der Erwartung des Variierens verknüpft war? War das in der Klassik vorbei?

Tharon.

27

Samstag, 11. September 2010, 12:44

Zitat Tharon: Ein wirklich extrem lustiges Erlebnis hatte ich vor Jahren bei einem Komponistenworkshop in Rom. Eines Abends waren wir (damals) jungen Komponisten gemeinsam aus





Hallo Tharon,

eigentlich dachte ich, daß auf Deine Frage die Experten der Runde sofort und umfassend antworten. Den Begriff "Variieren" in diesen Zusammenhang zu nutzen, finde ich in Bezug auf Wiederholungen mißverständlich. Jedenfalls - wonach ich fragte und Auskunft bekam - war die Anbringung von Verzierungen. Und da gab es wirklich einen Wandel zu der angesprochenen Zeit. (Ich meide bewußt die Bezeichnungen der Kulturepochen).



[Aber, wem antworte ich Dilettant eigentlich? Du scheinst ja, zu den Experten zu gehören (siehe Zitat oben)].

Die Komponisten überließen das Verzieren und Ausschmücken nicht mehr den Musikern sonder schrieben Ihre Vorstellungen über die notwendigen Verzierungen in die Partituren.

Ich gestehe, ich lese nur Noten für Viola da Gamba. Und in diesem Genre gab es bereits in der Zeit des Hochbarock Komponisten, die zum Teil Notierung, der von ihnen als notwendig erachteten Verzierungen, vornahmen, wobei zusätzlich von den Musikern angebrachte Verzierungen durchaus (noch) üblich waren.

Viele Grüße

Ein_Mensch
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corda vuota

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28

Samstag, 11. September 2010, 19:55

Hallo Tharon, hallo ein _Mensch,

An solch schönen Tagen, wie diesen, verbringe ich meine Zeit gerne anderweitig und nicht vor dem PC, Sorry :juhu: !
Tja, das mit den ausgeschriebenen Verzierungen und den „ Wiederholungen“ wurde genau am 2. November 1793 festgelegt.... nö, sorry ist nur ein Spaß. ;+) :D

Dies lässt sich wie vieles in der Musikgeschichte nicht absolut festlegen, es war eine Entwicklung die seine Zeit dauerte. Oftmals (oder meist) stehen in den Noten des Barock noch nicht einmal Dynamikbezeichnungen, von Verzierungen ganz zuschweigen. Solch ein Notentext würde wohl auch fast überladen werden, wenn alles notiert worden wäre. Selbst in Haydns Trios und Quartetten, zumindest in den frühen, wird mit diesen Ausschmückungen und Bezeichungen eher spärlich umgegangen.
Verzierungen (auch in den Wiederholungen) stammen ja ursprünglich aus der Improvisationspraxis. Der Interpret beeinflusste damit je nach Können das Stück und die Melodie. Zu Zeiten des Generalbass herrschte größtmögliche Freiheit. Dies macht heute die Interpretation Alter Musik auch recht schwierig, da wenig notiert wurde.
Ich neige dazu die ausgeschriebenen Verzierungen etwa ab der Zeit der Klassik als recht feststehend anzunehmen, obwohl auch Bach schon viele Verzierungen ausgeschrieben hat.

Grüße schickt Euch
corda vuota

PS: Damit es nicht Out of Topic geht: Die Verzierungen wurden natürlich in der Wiederholung nie gleich behandelt!
... genieße die anderen Saiten des Lebens!

29

Montag, 13. September 2010, 17:31

Wiederholungen weglassen oder gar was anderes einfügen? :cursing: :shake: :wut2:

Ich finde, dass jeder Instrumentalist, Dirigent, wer auch immer sich an die Vorgaben des betreffenden Komponisten zu halten haben. Originalität ist für mich immer noch am Besten. :yes:
"Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie!"
Ludwig van Beethoven

"Die Wahrheit ist mit Blut und Leben zu verteidigen."
Martin Luther

30

Montag, 13. September 2010, 21:29

Ich finde, dass jeder Instrumentalist, Dirigent, wer auch immer sich an die Vorgaben des betreffenden Komponisten zu halten haben.

Und was ist das im Zweifelsfall? Also, es gibt gerade in der Barockmusik langsame Sätze, und zwar ziemlich häufig und regelmäßig, denen sieht man an, daß sie dazu geschrieben wurden, daß der Interpret "was daraus macht". Da steht nicht sehr viel mehr, als das harmonische Gerüst. Wenn man das so spielt, wie's dasteht, ist das tödlich fad und langweilig..! Das schreit geradezu nach Diminuierung auf die "italienische" Art!

Caesar73

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31

Montag, 13. September 2010, 22:23

Originalitä


Wobei man aber in Rechnung stellen muss, dass man zu Bach´s Zeiten unter Original etwas anderes verstand als zu Zeiten Berlioz´ beispielsweise. Im Barock war das Verzieren üblich. Freilich haben das die Komponisten auch unterschiedlich gehandhabt: Couperin hat beispielsweise bis ins Detail festgelegt wie er die Verzierungen in seinen Pieces pour le Clavecin ausgeführt haben wollte. Auch regional gab es da Unterschiede.

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

32

Montag, 13. September 2010, 22:30

Das habe ich im Netz aufgestöbert. Fand ich ganz interessant (den Pianisten Staier kenne ich allerdings nicht).

Zitat von »http://www.andreas-staier.de/adlibitum.htm«

Mozart hat wiederholt gegen willkürliche Ornamentierung seiner Musik protestiert. Wer dürfte sich auch schon zutrauen, den Schöpfungen des Genies noch etwas Eigenes hinzuzufügen? Steht nicht "Klassik" für Vollendung, für Genauigkeit der endgültigen Formulierung? Die Frage ist jedoch auf den zweiten Blick komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Der Kontext von Mozarts Äußerungen zeigt eine Musizierpraxis, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Besonders die gefeierten Operndiven schreckten vor nichts zurück. Das allzeit bereite Sammelsurium ihrer Lieblingsfloskeln gossen sie wie Ketchup über wehrlose und vermeintlich unscheinbare Arien. Wen kümmerte es, wenn dabei Kontur, Charakter und Rhetorik nivelliert wurden, solange nur die goldene Kehle zu ihrem Recht kam. Auch Instrumentalisten betätigten sich gerne als Hobbybastler an der Partitur, nicht selten mit gefährlichen Konsequenzen.

Im Schlechten wie im Guten ist ad libitum-Ornamentierung aus der Musik des 18. Jahrhunderts nicht wegzudenken, und Mozart macht keine Ausnahme. Seine Nähe zur Improvisation belegen nicht zuletzt zahlreiche Werke, die in mehreren Fassungen vorliegen, die sich meist kaum in der Grundidee, wohl aber in der Art und Menge der Auszierungen unterscheiden. Der langsame Satz der [...] F-Dur-Sonate steht im Autograph in einer einfachen Fassung, während der Erstdruck atemberaubende Fiorituren hinzufügt, von denen man noch nicht einmal mit letzter Sicherheit weiß, ob sie denn überhaupt vom Komponisten selbst stammen. Ich schließe mich hierbei der herrschenden Meinung an: Wer anders als Mozart hätte solche Eleganz und Raffinesse zur Verfügung gehabt? Philologisch ist das ein schwaches Argument, und man wird sich, nicht nur für dieses Adagio, von der Utopie der letztgültigen, eben "klassischen" Fassung verabschieden müssen. Der verspielte erste Satz der C-Dur-Sonate wirkt geradezu wie eine Parodie auf die Vorstellung, alles an klassischer Musik sei in Marmor gemeißeltes "so und nicht anders-Sein". Was der thematische Kern ist, läßt sich gar nicht sagen, denn schon im dritten Takt werden dem Anfangsmotiv ironische Tonwiederholungen hinzugefügt, und in der Reprise lautet es wieder ein wenig anders - aber wirklich nur ein wenig: wer's überhört, verpaßt nichts; wem es auffällt, der wird sein Vergnügen haben an einer geistreichen Pointe.

Übertriebene Manipulationen erregten Mozarts Anstoß, soviel wissen wir. Nur folgt daraus nicht, daß unser heutiges ängstliches Beharren auf dem Notentext, dem "Urtext", seiner Musik den besseren Dienst erweist. Vielleicht fände er unser Spiel öde und langweilig. Vielleicht war er so zimperlich oder apodiktisch eben auch wieder nicht, und was er verteidigte, war nicht die heilige Unantastbarkeit jeder Note, sondern die Integrität seiner Konzeption. Wir sind zu weit entfernt von der Musizierpraxis des 18. Jahrhunderts, um noch beurteilen zu können, was für Mozart zuviel oder zuwenig an Verzierungen bedeutet haben mag. In keinem Falle können wir uns auf unser heutiges "spontanes" ästhetisches Sensorium verlassen, das wohl immer noch stärker durch die Neue Sachlichkeit - "Ornament ist Verbrechen"- geprägt ist, als wir uns eingestehen.


Also. Ich versuche es mal zusammenzufassen: Im Barock wird relativ frei verziert, gerade auch bei Wiederholungen. Das lässt in der Klassik etwas nach. (Ich erinnere mich düster, dass Bach im italienischen Konzert (2. Satz?) die Verzierungen ausnotiert hat, weil auch ihn schon diese Willkür genervt hat. Stimmt das?). Irgendwann (Romantik) wird nur noch gespielt, was in den Noten steht (aber sicher weiß ich auch das nicht). Parallel dazu schreitet aber die Tendenz voran, die Wiederholung der Exposition in der Sonatenhauptsatzform ganz abzuschaffen. Das macht schon Beethoven ab einem bestimmten Moment. Brahms lässt in aller Regel noch wiederholen. Liszt (h-Moll-Sonate) nicht mehr.

Ich bitte dringend um Korrektur, wenn hier irgendetwas nicht stimmt oder nur teilweise stimmt. Auch Differenzierungen meines pauschalen Geschwafels sind gern genommen.

Tharon.

Caesar73

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33

Montag, 13. September 2010, 22:34

(den Pianisten Staier kenne ich allerdings nicht).


Das ist eine Bildungslücke, wenn Du barocke und klassische Musik für Tasteninstrumente magst :-H

Scherz beiseite! Staier ist eigentlich immer ein Erlebnis! Selbst wenn mir nicht alles gefällt: spannend ist Andreas Staier immer - und vielseitig!

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

34

Montag, 13. September 2010, 23:28

Brahms lässt in aller Regel noch wiederholen.
Das stimmt so nicht:

Serenade A-Dur, op. 16
Klavierquartett g-moll, op. 25
Klavierquartett c-moll, op. 60
Violinsonate G-Dur, op. 78
Klaviertrio C-Dur, op. 87
Symphonie e-moll, op. 98
Violinsonate A-Dur, op. 100
Klaviertrio c-moll, op. 101
Violinsonate d-moll, op. 108
Klarinettentrio a-moll, op. 114
Klarinettensonate f-moll, op. 120 Nr. 1
Klarinettensonate Es-Dur, op. 120 Nr. 2

sind alle ohne Expositions-Wiederholung.

Viele Grüße,

Christian

35

Montag, 13. September 2010, 23:57

Ah. Das ist ja sehr interessant. Also Klaviersonate 1 und 3 sind mit Wiederholung. Ebenso die Cellosonaten, sämtliche Streicherkammermusik (Quartette, Quintette, Sextette) und die Symphonien 1-3. Sind das tendenziell die früheren Stücke? Jedenfalls nicht ausschließlich, oder? Brahms hat´s also nicht pauschal gehandhabt.

Tharon.

36

Dienstag, 14. September 2010, 00:15

Zitat

Brahms hat´s also nicht pauschal gehandhabt.


Offensichtlich nicht. Wobei es in meinen Augen auch kein absolutes Sakrileg bedeuten würde, die von ihm notierten Wiederholungen zu ignorieren.

Die Wiederholungsfrage lässt mich generell ziemlich kalt. Wenn ein Künstler besonders mitreißend spielt/dirigiert, kann ich es schade finden, keine Wiederholung zu hören, aber im Vordergrund stehen dann für mich andere Aspekte der Interpretation, die mich eben - - mitreißen! Und eine tendenziell langweilige Gestaltung wird durch erfolgte Wiederholung noch langweiliger! Insofern trägt die Diskussion über dieses Thema für mich als Hörer einen eher akademischen Charakter...

Und als Bezirksliga-Interpret :schaem: richte ich mich in diesem Punkt eh immer wieder nach der Zeit, die je nach Situation geschunden oder eingespart werden soll :schaem: :schaem: .

Beste Grüße

Bernd

37

Dienstag, 14. September 2010, 00:25

Irgendwann (Romantik) wird nur noch gespielt, was in den Noten steht (aber sicher weiß ich auch das nicht). Parallel dazu schreitet aber die Tendenz voran, die Wiederholung der Exposition in der Sonatenhauptsatzform ganz abzuschaffen. Das macht schon Beethoven ab einem bestimmten Moment. Brahms lässt in aller Regel noch wiederholen. Liszt (h-Moll-Sonate) nicht mehr.
Da sind gleich mehrere Ungenauigkeiten aufgereiht, die einer Korrektur bedürfen:

- Verzierung und Wiederholung haben weniger miteinander zu tun, als hier suggeriert wird. Auch ein nicht wiederholter Abschnitt wurde (zu Zeiten und Orten wo dies üblich war) verziert/variiert. Spätestens ab Beethoven gehört eine Auszierung nach heutigem Verständnis nicht mehr dazu, jedoch kann man sich gerade bei einem fürs freie Fantasieren berühmten Pianisten/Komponisten wie ihm schwer vorstellen, daß er bei seinen Wiederholungen nichts verändert hat (auch wenns nur die Intensität seiner Sforzati, Länge von Fermaten etc. ist - in dem Zusammenhang wäre auf den groben Unfug von kopierten Wiederholungen hinzuweisen)

- Die Abschaffung der Expositionswiederholung ist ein ganz langsamer Prozess, der sich über mindestens ein Jahrhundert hinzieht:
Schon vor Beethoven gibt es Sonatenhauptsätze ohne Wiederholung, und zwar regelmäßig bei Ouvertüren. Mozart hat darüberhinaus z.B. in der Haffner-Sinfonie die Wiederholung ausgestrichen.
Beethoven hat fast von Anfang an mit der Form experimentiert. Ab der mittleren Schaffensperiode gibt es zunächst vereinzelt Sonatenhauptsätze ohne Wiederholung (Appassionata, Streichquartett op. 95), im Gegensatz dazu stehen noch beim späten Beethoven Wiederholungen selbst in Sätzen, in denen die Sonatenform stark aufgeweicht ist (Streichquartett op. 130). Noch in op. 135 gibt es im Finale eine erste und zweite Wiederholung, die zweite allerdings als einzige in Beethovens Oeuvre freigestellt, .
Nebenbei: im Gegensatz zu den Sonatenhauptsätzen variiert Beethoven bei Menuett- und Scherzo-Sätzen sehr früh die Wiederholungen und/oder das Da capo - aber auch hierzu wieder das Gegenbeispiel 9. Sinfonie, wo die Variation einzig im Umfang der Wiederholungen besteht.

Der ausgesprochene Revoluzzer Berlioz bringt in der Sinfonie fantastique eine Expositionswiederholung. Brahms behält zum allergrößten Teil die Wiederholung bei (in den Violinsonaten 1+2 nutzt Brahms die Möglichkeit des Stimmentausches zwischen den beiden Instrumenten, um eine Quasi-Wiederholung anzudeuten), in der 4. Sinfonie ist sie ersetzt durch eine 8taktige Scheinwiederholung - ein deutlicher Hinweis darauf, daß auf die echten Wiederholungen in Nr. 1-3 nicht verzichtet werden kann.
Keine Wiederholungen bei Bruckner, aber - Überraschung - bei Mahler in der 1. Sinfonie (allerdings keine Sonatenauptsatzform) und in der 6. (Sonatenhauptsatzform).

Danach hat die Expositionswiederholung anscheinend tatsächlich ausgedient. Konsequenterweise wurde die ältere Musik "modernisiert", indem z.B. die aufwendigeren Expositionswiederholung bei Beethoven gestrichen wurden... Erst in jüngster Zeit hat ein gewisser Khampan gezeigt, daß durch diese Striche in aller Regel motivische oder harmonische Ungereimtheiten entstehen, die eigentlich nicht hinnehmbar sind.

:wink:
In den Sternenhimmel schaut man ja auch ganz gerne mal und versteht ihn auch nicht (Hudebux)

38

Dienstag, 14. September 2010, 00:30

Die Wiederholungsfrage lässt mich generell ziemlich kalt. Wenn ein Künstler besonders mitreißend spielt/dirigiert, kann ich es schade finden, keine Wiederholung zu hören, aber im Vordergrund stehen dann für mich andere Aspekte der Interpretation, die mich eben - - mitreißen! Und eine tendenziell langweilige Gestaltung wird durch erfolgte Wiederholung noch langweiliger! Insofern trägt die Diskussion über dieses Thema für mich als Hörer einen eher akademischen Charakter...

Und als Bezirksliga-Interpret :schaem: richte ich mich in diesem Punkt eh immer wieder nach der Zeit, die je nach Situation geschunden oder eingespart werden soll :schaem: :schaem: .
Das sicher ein wichtiges Argument.
Mit Christian Köhn habe ich mich ja schonmal darauf verständigt, daß man auch in der Oberliga mal auf eine Wiederholung verzichten kann, aus Sorge, die Zuhörer zu überfordern.
Das sollte aber nicht für CD-Aufnahmen gelten.
Hier würde ich den Spieß geradezu umdrehen: Wer es nicht schafft so spannend zu spielen, daß ich die Wiederholung mit Genuß hören kann, :stumm:

Khampan
In den Sternenhimmel schaut man ja auch ganz gerne mal und versteht ihn auch nicht (Hudebux)

39

Dienstag, 14. September 2010, 00:47

Zitat

Erst in jüngster Zeit hat ein gewisser Khampan gezeigt, daß durch diese Striche in aller Regel motivische oder harmonische Ungereimtheiten entstehen, die eigentlich nicht hinnehmbar sind


Ach, naja, in diesem Punkt lasse ich als notorischer Schlamper gerne mal Fünfe gerade sein. Ungereimtheiten...gewiss....aber primär interessieren mich im Hinblick auf die Interpretation und ihre Wirkung auf mich ganz andere Fragen! Um nicht zu sagen, ganz, ganz andere!

Das ist aber sicherlich auch eine Angelegenheit des persönlichen Musikverständnisses und des jeweiligen Temperaments. Ich bin ein eher emotionaler, ungeduldiger, auf deutliche Abwechslung bedachter Mensch....

Zitat

Hier würde ich den Spieß geradezu umdrehen: Wer es nicht schafft so spannend zu spielen, daß ich die Wiederholung mit Genuß hören kann...
.

Für mich schafft das halt so gut wie kaum einer... :D .

Herzliche, aber etwas geduldfreie Grüße sendet

Bernd

40

Dienstag, 14. September 2010, 01:08

Zitat von »Khampan«

Auch ein nicht wiederholter Abschnitt wurde (zu Zeiten und Orten wo dies üblich war) verziert/variiert.


Ja, das ist mir bekannt. Aber ist es nicht so, dass das Verzieren bei einer Wiederholung dann durchaus nochmal intensivere Ausmaße als beim ersten Durchgang annahm? Zumindest ist das auf einigen Aufnahmen, die ich habe, so.

Tharon.

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