Ja, das ist mir bekannt. Aber ist es nicht so, dass das Verzieren bei einer Wiederholung dann durchaus nochmal intensivere Ausmaße als beim ersten Durchgang annahm? Zumindest ist das auf einigen Aufnahmen, die ich habe, so.
Einverstanden. Auch wenn es bei unserer Diskussion damals (wenn mich recht erinnere) um Schumanns d-moll-Violinsonate ging, sind Expositions-Wiederholungen m.E. eher selten ein Problem. Viel schwieriger finde ich, eine sinnvolle Lösung für die Wiederholung von Durchführung und Reprise zu finden. Ein bisschen variieren reicht da bei Weitem nicht aus. Vielmehr muss die Notwendigkeit des erneuten Gangs durch denselben Weg der motivisch-thematischen Verarbeitung dramaturgisch schon in der "ersten Reprise" angelegt sein. Relativ einfach finde ich die Sache bei Beethovens Sonate op. 10/2, wo man den erneuten p-Anfang der Durchführung als witzige, überraschende Antwort auf den lärmenden, selbstsicheren Abschluss der Reprise verstehen kann. Man muss dann den "ersten Schluss" gerade so spielen, als sei wirklich Schluss, damit der Witz des "doch nicht" wirkt. Bei Haydn gibt es ähnliche Situationen, während die größten Probleme - wie immer - bei Mozart zu lösen sind. Mozart-Sonaten habe ich im Konzert erst einmal mit Wiederholung beider Teile gehört, und zwar von Grigory Sokolov. Der erzwang geradezu die Aufmerksamkeit durch die Intensität seines Spiels, ohne etwas zu "machen". Sehr beeindruckend, aber auch sehr anstrengendMit Christian Köhn habe ich mich ja schonmal darauf verständigt, daß man auch in der Oberliga mal auf eine Wiederholung verzichten kann, aus Sorge, die Zuhörer zu überfordern.
Das sollte aber nicht für CD-Aufnahmen gelten.
.
Zitat
Und wenn ich eine Wiederholung nicht aus didaktischen Gründen brauche („Noch mal, bitte, ich hab´s nicht mitbekommen!“), dann dient sie vielleicht im weitesten Sinn einem anderen Zweck. Bei dieser Gelegenheit fällt mir der olle Heraklit mit seinem Spruch „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ein. Die Frage wäre also: Ist die Exposition schon allein dadurch, dass ich sie ein zweites Mal höre, nicht mehr dieselbe?
Ein Komponist schreibt aus geschichtlichem Automatismus heraus solange weiter Wiederholungen, bis ihm bewusst wird, dass das aufgrund der notengetreuen Wiedergabe ja zu einer sehr langweiligen Angelegenheit geworden ist. Nach dieser Erkenntnis lässt er sie dann eben weg.
Das heißt doch wahrscheinlich, dass "Wiederholung" eine Zeitlang auch eine eigene Qualität besaß. Vielleicht eine Qualität, die ganz gut zu dem in sich gekehrten, weltflüchtigen Klischeeromantiker passt. Und wenn ich eine Wiederholung nicht aus didaktischen Gründen brauche ("Noch mal, bitte, ich hab´s nicht mitbekommen!"), dann dient sie vielleicht im weitesten Sinn einem anderen Zweck.
Das einzige stichhaltige Argument kam bisher von Christian Köhn: sinngemäß gesagt, muß man dem Interpreten soviel Freiheit zugestehen, daß er nur das spielt wozu er dramaturgisch zu überzeugen sich in der Lage sieht. Dies gilt vor allem im Bezug auf die Konzertsituation (Länge, Zuhörerschaft, Programmzusammenhang), unter Umständen auch für Aufnahmen.
Liegt es daran, daß heute alles ein bisschen kürzer und knackiger sein muß?
. Ich behaupte mal, dass inzwischen (und seit vielleicht 10-20 Jahren) viel mehr Wiederholungszeichen beachtet werden als noch in den 60ern oder 70ern. Das hängt m.E mit einer verstärkten Beschäftigung mit philologischen Problemen durch die Interpreten zusammen - oder, genauer gesagt: mit einer veränderten Gewichtung des Respekts vor philologischen Kriterien gegenüber der "Freiheit des Interpreten". Das ist auch, aber nicht nur durch die HIP-Bewegung angestoßen worden und beschränkt sich natürlich nicht nur auf das Problem der Beachtung von Wiederholungszeichen.Bei Schostakowitschs Neunter zum Beipsiel weiß ich das ganz genau
Bei Schostakowitschs Neunter zum Beipsiel weiß ich das ganz genau
Die hat ja (natürlich nicht nur) diesen klassizistisch-ironischen Gestus - das passt schon.
Die Wiederholung ist in f-Moll. Geniale Idee.César Franck ist mit seiner d-moll-Sinfonie einen experimentellen Weg gegangen: Die Exposition transponiert er (um eine Quinte vermute ich hier ohne Noten zur Hand zu haben, also nach a-moll, also nicht in der Dominanttonart A-Dur) und schreibt sie als transponierte Wiederholung voll aus.
Ein Konzert ist ja im Gegensatz zur CD immer auch Kommunikation mit einem ganz konkreten Publikum: Mein Beispiel war damals Schumanns d-moll-Violinsonate, die ich (bzw. wir, eine Geigerin war auch dabeiZitat von »Khampan«
Das einzige stichhaltige Argument kam bisher von Christian Köhn: sinngemäß gesagt, muß man dem Interpreten soviel Freiheit zugestehen, daß er nur das spielt wozu er dramaturgisch zu überzeugen sich in der Lage sieht. Dies gilt vor allem im Bezug auf die Konzertsituation (Länge, Zuhörerschaft, Programmzusammenhang), unter Umständen auch für Aufnahmen.
Ja, genau! Das finde ich auch als ein auf den ersten Blick durch und durch überzeugendes Argument. Aber warum glaubt er, es nicht zu können? Oder: Warum kann er es nicht?
Liegt es daran, daß heute alles ein bisschen kürzer und knackiger sein muß?
) in einer gemischten Kulturreihe in der westfälischen Provinz spielten. In dieser Reihe waren nur zwei Konzerte pro Jahr, ansonsten allerlei Kabarett, Vorträge, Theater usw.. Das Publikum war altersmäßig extrem gespreizt, geschätzt von 10 bis 80. Wir vermuteten, dass viele Leute im Publikum sehr interessiert, aber mit Kammermusik und erst recht mit spätem Schumann nicht sehr vertraut waren (man spürt das an den ganzen Umständen, der "Art" des Zuhörens, dem Applaus usw.) und beschlossen deshalb nach den ersten Stücken, bei Schumann die Expositions-Wiederholung des ersten Satzes wegzulassen. Gerade die ganz jungen Zuhörer werden doch von dieser Musik schon sehr gefordert, und ich fände es schade, sie aus künstlerisch sicherlich hochanständigen, prinzipiellen Gründen zu überfordern. Ich lasse zwar nur in solchen besonderen, begründeten Fällen Wiederholungen weg, dann aber ohne schlechtes Gewissen, weil ich andernfalls weder dem Publikum noch dem Werk bzw. seinem Schöpfer einen Gefallen tun würde. Bei Aufnahmen fehlt wie gesagt dieser "kommunikative" Aspekt, weshalb ich dort bisher immer alle Wiederholungen gespielt habe. Denkbar wäre aber z.B., dass in einem CD-Programm die einzelnen Werke nicht für sich sondern im Zusammenhang einer übergeordneten programmatischen "Idee" stehen und dann wieder Gründe für das Weglassen von Wiederholungen sprechen könnten. Ich habe die Entwicklung aufmerksam verfolgt, das ist so richtig. Der letzte "große" Dirigent, der die Fahne "Wiederholung? Nur wenn ich gerade Lust habe" hochgehalten hat, war Karajan. Anhand einer Statistik aller Eroica-Aufnahmen kann man die Entwicklung schön verfolgen (Hilfe, neuerdings gibt es wieder Aufnahmen ohne Wiederholung): "http://grunin.com/eroica/?page=durations.asp"Ich behaupte mal, dass inzwischen (und seit vielleicht 10-20 Jahren) viel mehr Wiederholungszeichen beachtet werden als noch in den 60ern oder 70ern. Das hängt m.E mit einer verstärkten Beschäftigung mit philologischen Problemen durch die Interpreten zusammen - oder, genauer gesagt: mit einer veränderten Gewichtung des Respekts vor philologischen Kriterien gegenüber der "Freiheit des Interpreten".
Überraschenderweise hatten die ersten Dirigenten, die zuerst bei Beethoven, dann mehr und mehr auch bei Brahms die Wiederholungen befolgten, mit HIP wenig bis gar nichts zu tun: Bernstein, Solti, Giulini, Muti, Abbado.Das ist auch, aber nicht nur durch die HIP-Bewegung angestoßen worden und beschränkt sich natürlich nicht nur auf das Problem der Beachtung von Wiederholungszeichen.
Na klar doch! Wenn irgend etwas Mode wird, dann muß man sich doch fragen warum es Mode wird!
Ich habe die Entwicklung aufmerksam verfolgt, das ist so richtig. Der letzte "große" Dirigent, der die Fahne "Wiederholung? Nur wenn ich gerade Lust habe" hochgehalten hat, war Karajan. Anhand einer Statistik aller Eroica-Aufnahmen kann man die Entwicklung schön verfolgen (Hilfe, neuerdings gibt es wieder Aufnahmen ohne Wiederholung): "http://grunin.com/eroica/?page=durations.asp"
Überraschenderweise hatten die ersten Dirigenten, die zuerst bei Beethoven, dann mehr und mehr auch bei Brahms die Wiederholungen befolgten, mit HIP wenig bis gar nichts zu tun: Bernstein, Solti, Giulini, Muti, Abbado.
Das zeigt, daß es genügt, sich mit den Partituren auseinanderzusetzen, um zur richtigen Erkenntnis zu kommen. Der historische Aspekt ist gar nicht nötig.
So ähnlich müssen Beethovens Erwägungen gewesen sein, als er sich nach den ersten Aufführungen nebst anderen Änderungen dazu entschloß, eine Expositionswiederholung einzufügen, die er - Achtung - zunächst gar nicht vorgesehen hatte. Durch seinen Bruder läßt er dem Verlag Härtel mitteilen:So hat meines Wissens Beethoven wohl zwischenzeitlich erwogen, auf die Wdh. im Kopfsatz der Eroica zu verzichten und eine Vermutung, warum er sie dann beibehalten hat, ist, dass durch die doppelte Wdh. die sehr umfangreiche Durchführung und massive Coda besser balanciert werden. (Angesichts des ungewöhnlich langen und komplexen Satzes ist freilich auch ein zweifaches Hören des exponierten Materials hier besonders naheliegend.)
warum sonst sollten sie beim Studium der Partitur zu einem anderen Ergebnis gekommen sein als Bernstein, Giulini etc.?Ich wäre auch vorsichtig, Interpreten wie Walter oder Furtwängler ohne weiteres ein Weglassen der Wdh. aus bloßer Tradition zu unterstellen.
Ja, und wiederholt wird nicht die Exposition, sondern die langsame Einleitung und das erste Thema (das freilich auch schon die Einleitung beherrscht). Das 2. Thema kommt dann nur einmal.Zitat von »ThomasBernhard«
César Franck ist mit seiner d-moll-Sinfonie einen experimentellen Weg gegangen: Die Exposition transponiert er (um eine Quinte vermute ich hier ohne Noten zur Hand zu haben, also nach a-moll, also nicht in der Dominanttonart A-Dur) und schreibt sie als transponierte Wiederholung voll aus.
Die Wiederholung ist in f-Moll. Geniale Idee
Gestrichene Wiederholungen erkennt man häufig daran, daß diese Rückbesinnung fehlt, das Durchführungsgetümmel zu unmittelbar hereinbricht.
Funkmitschnitte von Konzerten
Schließlich benötigt man für viele Sinfonien u.ä. eh genau eine LP, z.B. bleiben bei Brahms 3. erster Satz mit Wdh. + 2. Satz noch unter 25 min.
by the way: gibt es spezielle kompositiorische Gründe, warum es z.B. in der Haffner-Sinfonie keine Wiederholung der Exposition gibt?
Naja, die Durchführung ist ziemlich kurz (nur 34 Takte, wenn ich richtig gezählt habe) und führt durchgehend das Hauptthema durch, obwohl dieses schon fast die komplette Exposition dominiert hat (bspw. im Seitensatz als Kontrapunkt). Insofern wirkt die Durchführung wie ein fast wie ein Auftakt zu einer Wiederholung (der Reprise) (also wie eine große 1. Klammer), in dem das Thema seine ursprüngliche Gestalt (Tonart) sucht und letztendlich wiederfindet.
Eine zusätzliche Wiederholung der Exposition würde hier zu viel Redundanz verursachen - meine These.
Werden in Menuetten beim Da Capo Wiederholungen gespielt? Mein Lehrer, Wikipedia (zwei Quellen, denen ich sehr vertraue) und Adam Fischer sagen nein. Goodman spielt sie hier aber. Wie ist das denn nun?
Allgemeiner Konsens ist es, beim da capo keine Wiederholungen zu spielen. Wenn der Komponist es anders wünscht, steht es in den Noten, so z.b. bei den Ungarischen Tänzen für Bläserquintett von Ferenc Farkas. Farkas schreibt da bei einigen Sätzen ausdrücklich "d. c. con rep." vor. Und das macht ja nur Sinn, wenn es im Regelfalle nicht üblich ist.
Es gibt aber auch Komponisten (insb. Beethoven, gelegentlich Mozart, m.W. auch Schubert), die bei Menuetten/Scherzi gelegentlich da capo senza replica bzw. senza ripetizione vorschreiben - und das deutet ja wohl darauf hin, dass im Normalfall das da capo mit Wiederholungen gespielt werden sollte.
Man muss wohl historisch differenzieren: Zumindest bis ins frühe 19. Jahrhundert scheint die Praxis der Wiederholungen beim da capo des Menuetts nicht unüblich gwesen zu sein, später schon.
Ok, danke, das erklärt alles.
Einen wirklich gesicherten Forschungsstand zum Thema müsste allerdings jemand anderes beitragen.![]()
Auch die historisch informierte Aufführungspraxis verzichtet ja beim da capo der Menuette sehr häufig auf die Wiederholungen. Kann ich gut verstehen, andernfalls würde das Menuett - nicht immer der interessanteste Teil des Werks - gelegentlich zum längsten Satz und zu einer Geduldsprobe...
Wobei Beethoven sich der Neuartigkeit seiner Klänge sicher bewußt war und ich das nicht ohne weiteres auf heute übertragen würde.Das Streichen der Eroica-Wiederholung würde also nicht zu irgendwelchen (wie ich es nenne) Kollateralschäden führen, wie sonst eigentlich immer. Trotzdem wäre sie laut Beethoven "nachtheilig".
Forensoftware: Burning Board® 3.1.6, entwickelt von WoltLab® GmbH