Ich habe mit der Regietheaterdiskussion immer das Problem, dass die Fronten für mich ganz woanders lang laufen als für die meisten bei diesen Diskussionen. Nämlich nicht an Ausstattungs-, sondern eben an Regiefragen.
Ich sehe überhaupt nur sehr gelegentlich wirklich gelungene Musiktheaterregie - wenn überhaupt. Wenn jeglicher schauspielerischer Differenzierung sich verweigernde Schönsinger möglichst rampennah die ewig gleichen schlechten Gesten performen, dann ist es mir ziemlich wurscht, ob das in "modernen" oder "historischen" Kostümen geschieht. Und das ist nun mal die Regel. Ein guter Musiktheaterregisseur sollte m.E. viel mehr Schauspiellehrer sein als alles andere. Die meisten sind es nicht.
Grüße,
Micha
Nun ja, eigentlich ist "Regietheater" ein Pleonasmus: Entweder es gibt Regie, dann ist es Theater. Oder es gibt keine Regie, dann ist es auch kein Theater.![]()
), da sollte es ja eigentlich möglich sein, zu einer Eingenzung zu kommen. Und wenn nicht, wäre das vielleicht eine Überlegung wert...
Hallo Gioachino,Regietheater findet dann statt, wenn die Kritik jubelt und die Besucher schimpfen.....
Übrigens fühlt sich heutzutage fast jede(r) Schauspielregisseur(in ) dazu berufen, Musiktheater zu inszenieren, oft genug bar jeglicher Kenntnis von der Partitur, von musikalischen Notwendigkeiten, von Noten überhaupt. Verfügt hingegen jemand über eben diese Kenntnisse wie z. B. Konwitschny oder der leider verstorbene Wernicke, so kann aus dem Ganzen eine überaus spannende Angelegenheit werden, bei der die singenden Protagonisten zu darstellerischer Höchstleistung auflaufen.
Ciao. Gioachino![]()
Worauf ich hinaus will: es wird heute immer wieder vom sogenannten "Regietheater" gesprochen, und ich würde ganz gerne rumfragen, wie Ihr den Begriff definiert und unter welchen Umständen ihr eine Opernaufführung in diese Sphäre einordnen würdet. Anders gesagt: ab wann zählt man eine Inszenierung zum "Regietheater", was soll eigentlich "Werktreue" in der Oper genau sein etc.? Muss man in der "Götterdämmerung" das Opernhaus anzünden und parallel fluten, um Wagners Willen umzusetzen? Was ist mit dem Thielemann-zitierten Wotan mit Aktentasche - "Regietheater" oder schon Standard?
Wilsons "Parsifal" a. a. O. - wenn man den denn "Regietheater" nennen möchte
über Robert Wilson wurde ja schon unlängst im Aufführungsthread anlässlich der Fernsehübertragung seiner "Freischütz"-Inszenierung aus Baden-Baden heftig debattiert
Man mag das ablehnen, was er macht, aber Regieverweigerung kann man es wohl kaum nennen.
Regietheater, liebes Symbol, ist ein Kampfbegriff der Konservativen gegen eine Tendenz im Musiktheater, Inszenierungen als eigenständigen Teil des Gesamtkunstwerks Oper zu verstehen. Das Gegenteil wäre der Versuch, eine Oper schlicht zu illustrieren.
aus BärlinSelbstverständlich. Man nehme nur mal die Inszenierung des "Fliegenden Holländer", die Fehling 1929 an der Krolloper herausbrachte. Die Sprüche, die so mancher Gegner des Regietheaters heute anbringt, können wortwörtlich auch in den seinerzeitigen Texten des "Richard-Wagner-Verbandes deutscher Frauen" oder im "Völkischen Beobachter" wiedergefunden werden... Und jemandem wie Adolphe Appia ging es genauso, als er Wagner inszenierte. (Siegfried Wagner sah es gelassener ; auf der Probe zum "Holländer" meinte er schlicht "Kinder, ihr seht ja alle zum Piepen aus"...)
das sehe ich auch so. Da dieser Begriff aber untrennbar mit der unterstellten "Verfälschung" des Werkes verbunden ist, wäre es aus meiner Sicht höchst interessant, die Sache historisch zu beleuchten. Meist wird ja in solchen Diskussionen pauschal auf die 70er Jahre verwiesen, dann wieder bereits auf das Bayreuth der 50er Jahre. Eine Beschäftigung mit den Arbeiten von Tietjen und Preetorius und auch die Betrachtung des Musiktheaters in der Weimarer Republik zeigen aber ganz deutlich, dass es auch zu dieser Zeit schon deutliche Tendenzen zu etwas gab, was man heute im Extrem mit dem Begriff des Regietheaters benennt.
Sascha
Ich habe mir den Freischütz-Thread jetzt durchgelesen. Da taucht wieder dieses großartige Wort "Personenregie" auf. Die, so heißt es da, könne man von Wilson nicht erwarten.
Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen "Personenregie" und "Regie"? Oder anders gefragt: was gibt es denn sonst noch für "Regie" außer "Personenregie"? "Requisitenregie"? "Bühnenbildregie"?
"Regie" ist natürlich Regie von Darstellern, was denn sonst. Wer sich als "Regisseur" der Arbeit mit den Schauspielern an der Rolle (und das muss keine psychologisch-realistische sein; da gibt es ja noch einige andere Formen) verweigert, macht meinethalben "Inszenierungen", aber keine Regie - wie der im Freischützthread erwähnte Achim Freyer übrigens auch. Dass solche "Inszenierungen ohne Regie" gerne mal als Musterbeispiel für das sogenannte "Regietheater" hergenommen werden, ist der Gipfel der absurden Begriffsverwirrung.
wäre es aus meiner Sicht höchst interessant, die Sache historisch zu beleuchten. Meist wird ja in solchen Diskussionen pauschal auf die 70er Jahre verwiesen, dann wieder bereits auf das Bayreuth der 50er Jahre. Eine Beschäftigung mit den Arbeiten von Tietjen und Preetorius und auch die Betrachtung des Musiktheaters in der Weimarer Republik zeigen aber ganz deutlich, dass es auch zu dieser Zeit schon deutliche Tendenzen zu etwas gab, was man heute im Extrem mit dem Begriff des Regietheaters benennt.
Gerade diese Phase scheint mir wichtig gewesen zu sein, da sich hier wohl der Umbruch zu einem Repertoirebetrieb festigt, der fast keine zeitgenössischen Werke mehr auf die Bühne bringt, sondern zunehmend Stücke, deren Uraufführung sich immer weiter entfernt. (Strauss und Puccini sind ja die letzten Komponisten des heutigen "Kernrepertoires", die in den 20ern Uraufgeführt wurden).
Lieber Peter,Regietheater, liebes Symbol, ist ein Kampfbegriff der Konservativen gegen eine Tendenz im Musiktheater, Inszenierungen als eigenständigen Teil des Gesamtkunstwerks Oper zu verstehen. Das Gegenteil wäre der Versuch, eine Oper schlicht zu illustrieren. Beide Bemühungen können mE gültige Ergebnisse hervorbringen, d.h. wer den einen oder den anderen Weg wählt, entscheidet damit nicht notwendigerweise über die Qualität der Regiearbeit.
Lieber Gioachino,Hallo Symbol,
die Pünktchen hinter meiner so plakativen Aussage sollen andeuten, dass sie nicht so ganz ernst gemeint ist. Fakt scheint mir jedoch zu sein, dass eine Aufführung, sogar und erst recht in der " Provinz ", erst dann überregionale Beachtung erfährt, wenn der Regieansatz besonders ausgefallen ist. Im allerletzten Absatz wird ( hoffentlich! ) die Leistung derer gewürdigt, auf die es letztlich ankommt - die Leistung der Sängerinnen und Sänger.
Ciao. Gioachino![]()
Lieber Local Hero,Lieber Micha,
na jetzt betreibst du aber selber ein bißchen Wortklauberei oder -verwirrung. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, "Regie" und "Inszenierung" gegeneinander auszuspielen. Es ist doch wohl unstrittig, dass sich ein Regisseur bei der Erarbeitung einer Inszenierung um viele Elemente kümmern muss: um die Lichtsetzung genauso wie um das Bühnenbild, die Kostüme und natürlich auch und gerade um die Führung der Schauspieler.
Und genau das macht Wilson ja. Ich habe weder hier noch im Freischütz-Thread geschrieben, man könne keine Personenregie von ihm erwarten. Ich habe geschrieben, dass er eine konventionell-realistische Personenregie oder- führung verweigert. Denn das scheint mir der hauptsächliche Stein des Anstoßes zu sein, warum seine Inszenierungen so viel Befremden erregen. Tatsächlich arbeitet Wilson intensiv mit den Schauspielern, nur lässt er sie nicht "natürlich" agieren, sondern bewusst stilisiert und anti-naturalistisch, mit ausgefeilter Bewegungs-Choreographie.
Warum das jetzt keine Regie sein soll, ist mir völlig unerfindlich.
Meine Lieben!
Bei Regietheater fällt mir eben ein, es wurde einmal irgendein, mittelmäßiger, Regisseur, nach einer Probe gefragt, sagen wir z.B. bei Rigoletto,
und er meinte, mit Oper im Allgemeinen, und Rigoletto im Besonderen, kann ich nichts anfangen,
dann soll er es bleiben lassen, dann ist er der Feind der Oper und der Regie überhaupt.
Liebe Grüße Peter aus Wien.![]()
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lieber Symbol,Meine Lieben!
Bei Regietheater fällt mir eben ein, es wurde einmal irgendein, mittelmäßiger, Regisseur, nach einer Probe gefragt, sagen wir z.B. bei Rigoletto,
und er meinte, mit Oper im Allgemeinen, und Rigoletto im Besonderen, kann ich nichts anfangen,
dann soll er es bleiben lassen, dann ist er der Feind der Oper und der Regie überhaupt.
Liebe Grüße Peter aus Wien.![]()
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Lieber Peter,
das glaube ich Dir, und ich bin auch sicher, daß dieser Regisseur kein Einzelfall ist. Ich halte es allerdings für zweifelhaft, daß er für das Regietheater an sich (welches es ja ohnehin eigentlich nicht gibt, s. o.) repräsentativ ist. Außerdem können wir alle uns nicht sicher sein, ob nicht auch ein Regisseur der "alten Schule" vielleicht gar kein Interesse an der Oper hat und das Ganze nur für Geld macht.
Liebe Grüße!![]()
;) Sicherlich die Tatsache, dass Unbequemes deutlich benannt wird, was in der betreffenden Oper auch zur Entstehungszeit unbequem war und dort in der Regel mit den damaligen Mitteln und verständilich für das damalige Publikum umgesetzt wurde mit der zwangsläufigen Folge des Skandals. Ergo: Die Aufführungen der Entstehungszeit hätten so manchen Konservativen von heute sicher zutiefst empört.
;)
Lieber Areios,
wenn man die Regiearbeit von Chistoph Willibald Gluck verfolgt, findet man vieles von dem, was das heutige Musiktheater ausmacht. So etwa in der Vorbereitung auf die uraufführung der Pariser Fassung des Orfeo, wo Gluck den Sänger des Orphée in der Begräbnisszene dazu auffordert, seine Klagerufe so zu singen, als ob ihm ein Bein abgesägt würde. Da kann man mal all die "werkgetreuen" Aufführungen ansehen, wo der Wille des Komponisten geachtet wurde - kurz: in keiner. Was mir zeigt, was man mit diesem sprachlichen Ungetüm "Werktreue" wirklich meint ...
Liebe Grüße Peter
dass man kaum mehr einen Opernabend spielen könnte, einmal schon, aber nicht mehr, dann wäre nur mehr Platz in den Intensivstationen, der jeweiligen Krankenhäusern der Umgebung.
Lieber Peter,Es ist eben kein Sängerwettstreit vorzuführen, sondern eine Ensembleleistung.
Lieber Peter,Mein Récit aus der Sicht des Komponisten: Es wird weit weit öfters von
Sängerseite gesündigt, mehr als jeder Regisseur dem Werk zu nutzen oder
zu schaden vermag.
Sevi-
Zitat
Mein Récit aus der Sicht des Komponisten: Es wird weit weit öfters von
Sängerseite gesündigt, mehr als jeder Regisseur dem Werk zu nutzen oder
zu schaden vermag.
In der Realität wird es in der Regel ein Kompromiss sein, den man auf
der Bühne (oder auf der CD) hören kann. Wie weit man/frau mit dem
Kompromiss einverstanden ist, wird sehr unterschiedlich sein. Ich
urteile aus der Sicht des Komponisten und seines Werkes ...
Zitat
Manchmal muss man auch das Werk vor seinem Komponisten in Schutz nehmen...
Zitat
Manchmal muss man auch das Werk vor seinem Komponisten in Schutz nehmen...
Das eriinnert mich irgendwie an eine Aussage, die Ruth Berghaus zugeschrieben wird. Sinngemäß soll sie anläßlich einer Inszenierung der Zauberflöte erklärt haben, zu dem Stück würde ihr noch viel mehr einfallen, wenn die Musik nicht dauernd so stören würde....
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Beste Grüße
a.d.
Zitat
Mein Récit aus der Sicht des Komponisten: Es wird weit weit öfters von
Sängerseite gesündigt, mehr als jeder Regisseur dem Werk zu nutzen oder
zu schaden vermag.
Das ist vielleicht doch ein wenig pauschal formuliert. Die "Sicht des Komponisten" scheint mir in dieser Frage nicht so einheitlich festzustehen.
Zitat
Die Sicht des Komponisten habe ich hier nicht pauschal angerufen; wenn jemand wie ich allerdings von einer (dem Wesen des Komponisten widersprechenden) klassizistischen Sicht der Werke Glucks, wie man sie in einer Vielzahl der (z.T. hochgepriesenen) Einspielungen mehr als enttäuscht ist - und mein Beispiel war Gluck und nicht Pfitzner), hat das sehr wohl seinen Grund.
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