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Rideamus
Rideamus
Michel Liebe Blaumeise,
Eigentlich wollte ich auf diese beiden Threads hinweisen:
Was ist, was soll, was kann Opernregie? Und was nicht?
Was ist, was kann, was darf Opernregie? Und was nicht?
Michel
so kommt's, wenn man sich gar nicht bewusst ist, dass man Witze macht, liebe Blauamsel (merci, M. Unison)
Rideamus
Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat.
Zitat
.... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....
Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?
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Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
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Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat
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Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?
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Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit.
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Hat da jemand nach mir gerufen?
Zitat
Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug...
Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann.
. Da mögen meinetwegen die Edamer Käse über die Bühne rollen.
Ich habe am vergangenen Wochenende den Hamburger "Rosenkavalier" in der Regie von Marco Arturo Marelli gesehen/gehört: Der spielt laut Hoffmannsthal um 1740. Musikalisch ist er durchzogen von Walzern, die es in dieser Zeit allerdings noch gar nicht gab. Hat sich Strauss also hier schon einmal einer unverzeihlichen Verletzung der historischen Genauigkeit schuldig gemacht, so potenziert Marelli den Frevel noch, in dem er die Handlung in die Zeit der Entstehung des Stückes, also den Vorabend des ersten Weltkrieges, verlegte. Man hätte deshalb erwarten können, dass die Verfechter unbedingter historischer Korrektheit diese Aufführung angesichts dieser gleich doppelten Ketzerei entrüstet ablehnen, laut schimpfend und türenschlagend den Saal verlassen, von der einzig wahren Inszenierung unter Otto Schenk schwärmen, den Verfall der Sitten beklagen, usw.. . Merkwürdigerweise hat sich nichts von alledem ereignet. Offenbar haben die Diener im Frack, Polizisten mit Pickelhauben (und manch andere im heutigen Alltag eher ungewöhnliche Dinge) auf der Bühne die hehre Forderung nach historischer Korrektheit vollständig zum Schweigen gebracht. Die Saubermänner und -Frauen im Opernpublikum stören sich anscheinend am modernistischen Schmutz nur dann, wenn er sie an ihren eigenen Schmutz erinnert.Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.
Außerdem meine ich, daß eine Rekonstruktion des zeitlichen und räumlichen Kontexts meist gar nicht möglich ist. Schau Dir eine Aufnahme der Così aus den fünfziger oder sechziger Jahren an. Die Kostüme und die Schminke, sogar die Bewegungen der Sänger und auch das Bühnenbild sind nicht Barock, sie sind "Barock aus der Sicht der fünfziger und sechziger Jahre". (...) Das zeigt mir ein übriges Mal, daß eine konventionelle Inszenierung genauso gegenwartsgebunden ist wie ein Produkt des Regietheaters, sie gibt es nur nicht zu.
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. Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen
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.... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....
Hat da jemand nach mir gerufen?![]()
Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?
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Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
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Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat
Das sehe ich nicht ganz so. Im Falle der großen Kunstwerke finden sich Zentralaussagen, die nicht wirklich zeitgebunden sind (überhaupt ändern sich die existenziellen Probleme des menschlichen Daseins mit der Zeit vielleicht nicht so sehr, wie es für viele erst einmal den Anschein hat...).
Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Meine Antwort ist ein klares Nein. Zuerst muß ich ein Kunstwerk einigermaßen so, "wie es gemeint war" (und das gilt im Falle der Oper nicht nur für die Partitur, sondern auch für die Szenerie) überhaupt erkennen können - danach kann ich mir Gedanken über seine Aussage im Hier und Jetzt machen.
Jeder Komponist - auch ein György Ligeti, der in dem Regietheaterthread als Beispiel für einen Urheber, der die extreme szenische Verfremdung seines Werks mit großer Mißbilligung betrachtet hat, genannt wurde - hat seine Opernmusik angesichts des Raumes und der Zeit, in der die Oper nun mal spielt, geschrieben. Wenn man diesen Raum und diese Zeit komplett verändert, ergibt sich zwangläufig ein krasses, in den meisten Fällen bis zum Absurden gehendes Mißverhältnis zwischen Partitur, Libretto und Szene. Und dieses Mißverhältnis zerstört den Eindruck einer Oper als Ganzes in aller Regel gründlich.
Aus diesen Überlegungen läßt sich nicht zwangsläufig die Notwendigkeit von Inszenierungen im Stile der Entstehungszeit einer Oper folgern. Gewisse Formen der Abstraktion sind möglich und oft sogar wünschenswert, um der Fantasie des Rezipienten genügend Raum zu geben. Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit. -
Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug...![]()
Viele Grüße an alle Opernfreunde
a.d.
)
Bei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.
Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt. Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen
![]()
So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr?![]()
Michel
Das macht sich doch immer gut ;)
Zitat
Was mich nun, um auf die inhaltliche Ebene zurückzukehren, wirklich erstaunt, ist einerseits Deine Fixierung auf die Frage nach der zeitlich-räumlichen Verankerung der Oper (Regie besteht übrigens aus mehr... ;) ), bei der Du Dir Verlegungen und Verschiebungen verbietest, andererseits aber Deine Bereitschaft, Abstraktion u. U. zu akzeptieren. Ein Werk aus einer im Libretto angegebenen Zeit in das abstrakte Niemandsland zu verschieben, könntest Du also wohl ggf. akzeptieren, aber den doch wohl logischen nächsten Schritt, die Überzeitlichkeit durch die Verlegung aus dem zeitlichen Äther in eine konkrete andere Zeit, verteufelst Du.
Ich bin wohl kein "versierter Opernfreund", aber in der Tat wirken "diese ewigen Diskussionen" auch auf mich inzwischen immer wieder eher zermürbend. Offenbar existieren da hinsichtlich der persönlichen Empfindung Gräben, die unüberwindbar sind und dann leider auch in der Folge zu eigentlich unnötigen persönlichen Ressentiments führen...deshalb tut es mir leid, daß ich mich gestern zu später Stunde wieder einmal hinreißen ließ!
Zitat
Ich kann aber verstehen, daß ein versierter Opernfreund diese ewigen Diskussionen "altmodisch vs. modern" irgendwann über hat und ablehnt
Lieber Michel,
sagen nicht viele bei Deinem Test: Wieso Schublade... ich gehöre und passe in keine. Und wenn es sein muss, dann wenigstens in die mit Champagner oder aber in die ganz intellektuelle Schublade Nr. 5Das macht sich doch immer gut ;)
Zitat
Und nun zu der "geliebten" Armide von Gluck. Durch die gute Vorbereitung und die Begeisterungsschübe von Peter B. hätte ich sicher auch 4 oder 5 erwartet und in München/Reaktorhalle war es voll die 5 und tatsächlich auch von der Regiearbeit so gut, dass ich noch immer diese Spannung abrufen kann, was ja wirklich höchst selten passiert. Damals trank ich Sekt in der Pause, obwohl die Diskussion heftig war und in Berlin? Nur Wasser und Lust zum Reden hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Die Enttäuschung hatte mich total schläfrig gemacht. In welche Schublade müßt ich nun? Trotzdem vielen Dank für diese Veranschaulichung. Werde wahrscheinlich bei den nächsten Vorstellungen (Lohengrin und Werther (ohne RV) ) intensiver über die Schubladen und mein jeweiliges Trinkverhalten oder die Gelüste nachdenken.
Gute Nacht
Ingrid
[ "Warum tue ich mir ein Stück wie Wozzeck oder die Winterreise" überhaupt an? Bei beiden Stücken habe ich schon wegen der Musik keine Lust mehr auf Champagner. Bin ich masochistisch, weil ich mir diese Stücke immer wieder anhöre bzw. anschaue?
Es ist spät und meine Gedanken sind vermutlich mal wieder etwas wirr.... Vielleicht morgen mehr.
Viele Grüße,
Melanie
PS: In welcher Aufführung bist du denn? Wir haben Karten für den 12.07.
Einen "unbegrenzten Raum" für Deine Vorstellungskraft bekommst Du nur, wenn Du zu Hause bleibst und die Aufführung allein in Deinem Kopf stattfinden lässt, denn jede reale Aufführung begrenzt bzw. lenkt natürlich die Vorstellungskraft. Allerdings solltest Du dann vielleicht besser so konsequent sein, auch auf jegliche Lektüre zu verzichten, denn die schränkt ja Deine Vorstellungskraft noch viel elementarer ein. Also: Am besten nicht mehr lesen und nicht mehr ins Theater gehen, dann bist Du endlich vor der Gefahr sicher, dort Überraschungen zu erleben.die Abstraktion akzeptiere, ja schätze ich deshalb, weil sie meiner eigenen Vorstellungskraft einen unbegrenzten Raum bietet. Die Verlegung in eine konkrete andere Zeit tut dies (in aller Regel, Ausnahmen mag es geben) in vielen Fällen nicht.
Nicht Amsel-Bieito-Skala... Das klingt ja so, wäre Bieito das Maß aller Dinge. So eng war das nicht gemeint: Andere schaffen es durchaus mit ganz anderen Mitteln nicht weniger intensive Aufführungen auf die Beine zu stellen. Chéreau z.B.Lieber Michel,
ich finde diese Klassifikation überaus interessant - man könnte sie vielleicht auch die Amsel-Bieito-Skala taufen.![]()
Ich würde mich weigern, mich kategorisch auf einen Bereich der Skala festnageln zu lassen. Je nach Werk, Kontext und Gemütslage mag vieles möglich sein. Bedenklich finde ich erst, wenn man Kunst auf den Bereich 1 bis maximal 2 beschränkt und alles andere als linke Zersetzungsversuche definiert. Das hat hier m. E. zwar niemand getan, aber es soll da ja gewisse Örtlichkeiten im Internet geben...![]()
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LG![]()
Liebe IngridBei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.
Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt. Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen
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So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr?![]()
Michel
Lieber Michel,
sagen nicht viele bei Deinem Test: Wieso Schublade... ich gehöre und passe in keine. Und wenn es sein muss, dann wenigstens in die mit Champagner oder aber in die ganz intellektuelle Schublade Nr. 5Das macht sich doch immer gut ;)
Und nun zu der "geliebten" Armide von Gluck. Durch die gute Vorbereitung und die Begeisterungsschübe von Peter B. hätte ich sicher auch 4 oder 5 erwartet und in München/Reaktorhalle war es voll die 5 und tatsächlich auch von der Regiearbeit so gut, dass ich noch immer diese Spannung abrufen kann, was ja wirklich höchst selten passiert. Damals trank ich Sekt in der Pause, obwohl die Diskussion heftig war und in Berlin? Nur Wasser und Lust zum Reden hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Die Enttäuschung hatte mich total schläfrig gemacht. In welche Schublade müßt ich nun? Trotzdem vielen Dank für diese Veranschaulichung. Werde wahrscheinlich bei den nächsten Vorstellungen (Lohengrin und Werther (ohne RV) ) intensiver über die Schubladen und mein jeweiliges Trinkverhalten oder die Gelüste nachdenken.
Gute Nacht
Ingrid
). Ich habe ja auch von mir gesagt, dass ich munter von einer Schublade in die andere Springe, wenn mir danach ist. Die ganz Intellektuellen sitzen übrigens nicht in Schublade 5 - die Sorte, die den Intellekt als Panzer benutzt, um die Dinge nicht wirklich an sich ran zu lassen, die findest Du eher in Schublade 3 ;) . Aber wie gesagt: Das mit den Schubladen war ein dummes Bild, ich denk mir was anderes aus...
. Du könntest das Ding ja einfach abhaken: Gesehen, nicht gefallen, weg damit. Irgendwie blieb aber ein Stachel zurück, der Dir keine Ruhe lässt. Das ist doch auch schon mal was. Mein Vater sagt immer: Besser einen schlechten Charakter haben, als gar keinen
Liebe Ingrid,
Natürlich erwartete ich bei Armida ähnliches, da eben schon erlebnisbehaftet und dann noch die Regie von Bieito, obwohl man durch die Ankündungen (Fotos) noch im Unklaren gelassen wurde. Ich hatte ja genug von seiner Entführung an der KOB gelesen und erzählt bekommen, war deshalb wirklich sehr gespannt auf dieses Gesamtkunstwerk. Vor der Vorstellung kam ich ins Gespräch mit einigen, die die GP schon gesehen hatten, aber nichts verrieten, nur lauschten, mit welcher Begeisterung ich von München erzählte und sie dann unbedingt später meine Meinung hören wollten. Es war bei mir aber wirklich so, dass ich mich nicht einmal empören konnte, da durch die Enttäuschung wie gelähmt. Hätte ich einige der Capricciosis getroffen, wäre ich vielleicht gleich auf Dinge gestoßen worden, die meine Sicht der Dinge erweitert hätten (ich empfand nur eine Reduktion auf z.T. brutalen Sex). Rideamus hat mir da auch durch seine Rezensionen, die hoffentlich nicht verloren gegangen sind und die wir evtl. noch einmal hier reinsetzen können, einiges klarer werden lassen.
Rideamus
Rideamus Kieber Ramist,Schade, dass der Thread "Regietheater" - Was ist das eigentlich? geschlossen worden ist. Also von der einen Bekannten habe ich zumindest die Annahme gelesen, dass das Regietheater im 20.Jh. aufgekommen sein soll, weil die Theaterlandschaft über so viele Bühnen verfügte und diese sich wohl gegeneinander abheben wollten. Wenn es wirklich einen quantitativen Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten gäbe, wäre das vielleicht eine einleuchtende Erklärung.
Interessant wäre für mich aber, welche Theater zuerst Regietheater ins Programm nahmen. Kann man da von dem Heute auf das Gestern schließen? Bei uns in Freiburg spielen die kleineren Bühnen, die scheinbar auf Zuschauer angewiesen sind, eher kein Regietheater. War das damals auch schon so?
Lieber Rideamus,Lieber Ramist,
der Regietheater-Thread wurde geschlossen, weil dieses Wort als Kampfbegriff verstanden werden kann, dem zudem eine greifbare Definition abgeht. Wenn Du den Begriff jetzt wieder einführen willst, solltest Du sagen, was Du darunter verstehst.
Die These, dass Regietheater - was immer man darunter verstehen will - (auch) ein Ergebnis des Wettbewerbs der Bühnen ist, leuchtet ein, denn in der Tat hat der Deutschland mehr Opernbühnen als irgendein anderes Land (soweit ich weiß).
Vielleicht liegt es auch daran, dass man in Österreich nicht so oft darauf zu stoßen scheint?![]()
Rideamus
)
, solange ein tolles Ensemble auf der Bühne stand. Erst als Holender in den ersten Jahren seiner Intendanz mit dem Starprinzip brechen wollte - und kläglich scheiterte - und plötzlich der Großteil meiner Lieblinge nicht mehr an der WSO auftrat, rückte die Inszenierung mehr in den Fokus meines Interesses. Eigentlich merkwürdig, denn am Sprechtheater war der Regisseur von Anfang an extrem wichtig für mich. Aber das ist jetzt OT, zurück zur Ausgangsfrage, warum die WSO immer noch mit einer 60 Jahre alten Tosca die Bude voll kriegt: Das liegt eben einerseits am schon erwähnten Starprinzip und andererseits am Umstand, dass die Staatsoper ein Wiener Markenzeichen ist, ähnlich wie die Sängerknaben und die Lippizzaner. Für viele Touristen gehört ein Besuch der WSO genauso zum Pflichtprogramm wie der Heurige in Grinzing, praktischerweise kann beides gleich im Doppelpack gebucht werde. Das führt dann in den beliebten Reisemonaten Mai und Juli oft dazu, dass die verblüfften Sänger beim zweiten Vorhang schon vor einem halb leeren Haus stehen, weil alle Touris bereits zu den Bussen strömen, die sie umgehend zu Schrammelmusik und Weinverkostung weiterbefördern.
Fazit: Man kann an der WSO beim Regisseur ruhig sparen, denn die Leute kommen wegen der Sänger, nicht wegen der Inszenierung. Daher ist im Moment für mich das Theater an der Wien viel spannender als das Haus am Ring, obwohl ich fürchte, dass man sich an einen Bieito auch dort nicht heranwagt.
aus Bärlin
Ich habe den Artikel gerade gelesen und verstehe nciht richtig, worauf Kehlmann nun hinaus will.das Wort Oper lese ich da z.B. überhaupt nicht udn es wird kiene einzige konkrete Operninszeinirung genannt bzw Schwächen, die es da zu verbessern gäbe.
Darf man diese Rede überhaupt so ohne Weiteres auf die Opernregie beziehen? ?(
Immerhin besteht zwischen Sprechtheater und Oper ein gewaltiger Unterschied!
Versteht der Autor etwas von Opernregie?
Zitat
Dass er die Schuld für die Demenzkrankheit seines Vater dem Regietheater gibt, erkenne ich jedoch nicht. Diese Demenz beschreibt er eher als einen Trost angesichts der traurigen Wirklichkeit.
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Kehlmann
Als mein Vater durch den Wandel der Umstände seine Arbeit nicht mehr ausüben konnte, senkte sich allmählich die Krankheit des Vergessens auf ihn herab, bis ihn ganz zuletzt die Demenz vom Bewusstsein der Enttäuschungen befreite.
Es scheint ihm also um die Dominanz einer bestimmten Regieästhetik zu gehen, welche er ablehnt, und um das Eintreten für das Anerkennen anderer ästhetische Ideale. Mit anderen Worten: man solle nicht die eine Sache als "state of the art" empfinden und nichts anderes zulassen, sondern prinzipiell offen bleiben.
Zitat
Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, eher darf man Jörg Haider einen großen Mann oder George W. Bush intelligent nennen, als leise und schüchtern auszusprechen, dass die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen.
Zitat
Der Applaus ist ihm gewiss. Vielleicht aber erschrickt auch Kehlmann irgendwann einmal, wenn er aufwacht, darüber, woher der Applaus vor allem kommt.
Zitat
dass die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist,
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