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1

Donnerstag, 25. Juni 2009, 21:57

Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

Eigentlich wurde diese Diskussion schon in diesem Thread von Symbol angegangen: "Regietheater" - Was ist das eigentlich?

Leider hat sich die Diskussion dort an dem eher abwertenden als beschreibenden Begriff "Regietheater" festgebissen. Dabei fing sie schon an, sich zu lohnen, denn das Thema selbst ist ja für alle, die Oper live schätzen, von außerordentlichem Interesse. Gerne erfülle ich daher Symbols Wunsch und eröffne das Thema erneut in diesem Forum, wo es mir noch besser untergebracht zu sein scheint.

Die zweite Frage, was Opernregie nicht darf, möchte ich schon einmal ganz kurz beantworten: langweilen.

Bedeutet das eine autmatische Ablehnung der sogenannten konventionellen Regie, die vornehmlich Textvorgaben in Szene setzt? Von mir aus nicht unbedingt, wenn sie sich nicht auf die bloße Illustration beschränkt.

Bedeutet das eine Befürwortung der Provokation um jeden Preis? Sicher erst recht nicht.

Geht es dennoch, den Opernliebhaber, der schon zig Inszenierungen der Stützen des Repertoires gesehen hat, zu interessieren ohne die Vorlage zu sehr zu verfremden?

Wenn ja, wie? Wer schafft das? Und warum? Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?

Fragen über Fragen, deren Beantwortung und Weiterdenken erst einmal Euch überlassen sei.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

2

Donnerstag, 25. Juni 2009, 22:10

Ich sehe doppelt?

Ist das so gedacht, dass der eine thread für Eurotrash-Anhänger und der andere für Staubis ist? Damit kein Streit aufkommt? :D

Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

3

Donnerstag, 25. Juni 2009, 22:14

Liebe Blaumeise,

gedacht war es nicht so, aber wenn Du es so interpretierst... :D

Da ich den anderen Thread aber geschlossen habe, liegt eher nahe, dass beide Fraktionen hierher umziehen und sich mal sine ira aber mit eifrigem Studium der Realität hier auseinander- und möglichst auch mal zusammen setzen.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

4

Donnerstag, 25. Juni 2009, 22:20

Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

5

Donnerstag, 25. Juni 2009, 22:30

Liebe Blaumeise,


Er ist eine Blauamsel!

Meise heißt mésange.



http://fr.wikipedia.org/wiki/M%C3%A9sange_bleue

;)


MFG,

Normann
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

6

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:19

Um von den blue meanies weg und endlich mal zum Thema zu kommen:

für mich darf die Regie erst einmal alles, außer die Akteure zu erniedrigen. Wenn ich in die Oper gehe, will ich natürlich in erster Linie, daß gut und engagiert gesungen, dirigiert und begleitet wird. Es stört mich nicht, wenn die Inszenierung staubig ist, dann mache ich die Augen zu und konzentriere mich auf die Musik. Begeistert bin ich letztlich nur, wenn die Regie mir einen bisher unbeacheten Aspekt, eine andere - möglichst überzeugende - Deutung des Textes geboten hat, auch wenn der Regisseur sich hierfür sehr weit vom Konventionellen wegbewegt. Den Regietheater-Gegnern scheint nicht bewußt zu sein, daß die Tradition, auf die sie sich heute berufen, der Skandal von gestern ist, und daß sich die Aufführungspraxis mit den Jahren kontinuierlich gewandelt hat. Man schaue sich den Figaro-Film aus der Nazi-Zeit mit Willi Domgraf-Fassbaender an. Das Spiel, damals sicher auf der Höhe der Zeit, wirkt heute outriert und lächerlich. Vor einem halben Jahr habe ich die Così von Peter Sellars als DVD wiedergesehen, die mich, von Ivan Nagel klug eingeleitet, seinerzeit bei der Fernsehübertragung beeindruckt hatte, vor allem wegen des Schlusses, in dem die Protagonisten auf eindrucksvolle Weise zu Puppen der Konvention erstarrten. Das Wiedersehen war nicht so beglückend, wie ich erhofft hatte, denn auch diese umstrittene Inszenierung hatte in den wenigen Jahren Staub angesetzt. Meine letzte Così, die von Doris Dörrie in Berlin, hat mich dagegen wieder begeistert, ihre Idee, die "Turchi, Polacchi" zu Hippies zu machen, war die erste glaubhafte Verwandlung der Offiziere in Exoten, die ich gesehen habe.
Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat. Das ist in der Malerei nicht anders. Niemand würde heute einen van Meegeren mit einem Vermeer verwechseln, einfach weil wir heute Vermeer anders sehen als van Meegeren und seine Zeitgenossen. Dieser Wandel in der Wahrnehmung von Kunstwerken muß sich in der Ausdeutung durch die Regie widerspiegeln, sonst ist sie einfach uninteressant und nicht auf der Höhe der Zeit. Regie, die nicht mit Traditionen bricht, ist überflüssig. Daß ein Regisseur, der viel wagt, nicht immer gewinnt, ist dabei wohl selbstverständlich. Aber "in magnis et voluisse sat est" - es genügt, das Große versucht zu haben, auch wenn man es nicht erreicht. Der Versuch allein verdient Lob.

Liebe Grüße

Peter Wollenberg

7

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:28

:D so kommt's, wenn man sich gar nicht bewusst ist, dass man Witze macht, liebe Blauamsel (merci, M. Unison)

oder anders:

Lieber nichtdeutscher Michel,

das war die Folge eines Hängers in unserem Board oder meinem PC, der anscheinend wieder mal zu voll wird. Beim Abschicken des Threads hängte er sich auf, und ich startete ihn neu, nicht ahnend, dass es ihn doch bereits gab. Leider habe ich keinen viven Sohn wie Hildebrandt, der mir mal die Platte putzen kann, also muss ich das morgen wohl selbst angehen.

Deine Interpretation dieses Unfalls ist aber so genial, dass ich jetzt schon fast wieder bedaure, die Alternative gelöscht zu haben. Andererseits beherrschen doch viele das aneinander Vorbeireden im selben Thread so gut, dass wir dazu keine zwei brauchen, oder?

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

8

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:31


Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat.

Damit scheint mir das Wesentlich schon gesagt zu sein.


LG



Gerd

9

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:37

Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?

:faint: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

10

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:43

RE: Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

Die Regie soll m. E. "inszenieren", das heißt das Werk in Szene setzen und damit zum Leben erwecken. Da ein Werk für mich stets mehr ist als nur das gedruckte Material, sondern auch Aufführungspraxis und Rezeption das Werk mit beleben, setze ich der Regie bei der Erfüllung dieser Bestimmung zunächst einmal keine Grenzen. Letztlich muß sich jeder Regisseur daran messen lassen, ob das Werk unter seinen Händen lebendig wurde, und nicht daran, ob jetzt Nackte auf der Bühne waren oder nicht.

Kommen wir zur schwierigeren Frage: Was darf Regie nicht? Na ja, die offensichtliche Antwort lautet wohl: die Protagonisten dürfen nicht in ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde beeinträchtigt werden. Ansonsten meine ich, daß es zunächst mal keine Denkverbote für die Regie geben sollte. Eines läßt mich allerdings allergisch reagieren: wenn in der Regie durchschimmert, daß ein Regisseur das inszenierte Werk nicht mag, uninteressant findet, eigentlich nur der Lächerlichkeit preisgeben möchte. Dann soll man das Werk halt nicht inszenieren. Und wenn ein Regisseur sich von einem Werk lediglich angespornt fühlt, etwas weitgehend anderes zu machen, so soll er das von mir aus tun, aber möge dies dann bitte durch den Titel der Veranstaltung verdeutlichen. Der Schöpfer des Werks hat Respekt verdient, ebenso wie ein Regisseur für seine Bemühungen zur Inszenierung. Dies sollte aus meiner Sicht der grundlegende Konsens sein.

:wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

11

Donnerstag, 25. Juni 2009, 23:45

Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?

:faint: Rideamus

Das bitte nicht. :hide: Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen. :D
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

12

Freitag, 26. Juni 2009, 02:23

Zitat

.... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....

Hat da jemand nach mir gerufen? :D

Zitat


Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?



Zitat

Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat

Das sehe ich nicht ganz so. Im Falle der großen Kunstwerke finden sich Zentralaussagen, die nicht wirklich zeitgebunden sind (überhaupt ändern sich die existenziellen Probleme des menschlichen Daseins mit der Zeit vielleicht nicht so sehr, wie es für viele erst einmal den Anschein hat...).

Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Meine Antwort ist ein klares Nein. Zuerst muß ich ein Kunstwerk einigermaßen so, "wie es gemeint war" (und das gilt im Falle der Oper nicht nur für die Partitur, sondern auch für die Szenerie) überhaupt erkennen können - danach kann ich mir Gedanken über seine Aussage im Hier und Jetzt machen.

Jeder Komponist - auch ein György Ligeti, der in dem Regietheaterthread als Beispiel für einen Urheber, der die extreme szenische Verfremdung seines Werks mit großer Mißbilligung betrachtet hat, genannt wurde - hat seine Opernmusik angesichts des Raumes und der Zeit, in der die Oper nun mal spielt, geschrieben. Wenn man diesen Raum und diese Zeit komplett verändert, ergibt sich zwangläufig ein krasses, in den meisten Fällen bis zum Absurden gehendes Mißverhältnis zwischen Partitur, Libretto und Szene. Und dieses Mißverhältnis zerstört den Eindruck einer Oper als Ganzes in aller Regel gründlich.

Aus diesen Überlegungen läßt sich nicht zwangsläufig die Notwendigkeit von Inszenierungen im Stile der Entstehungszeit einer Oper folgern. Gewisse Formen der Abstraktion sind möglich und oft sogar wünschenswert, um der Fantasie des Rezipienten genügend Raum zu geben. Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit. -


Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug... :D


Viele Grüße an alle Opernfreunde


a.d.

13

Freitag, 26. Juni 2009, 09:15

Kleinigkeiten

Zitat von »Rideamus«

Zitat

Heißt das, ich soll auch diesen Thread wieder schließen?

Ja, bitte...

Zitat

Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit.

Diese Behauptung ist in ihrer Verallgemeinerung nicht diskutierbar, das geht nur am konkreten Beispiel.

Zitat

Hat da jemand nach mir gerufen?

Ich ganz bestimmt nicht.

Zitat

Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug...

Sie zeigen einmal mehr, warum eine Diskussion über Geschmacksfragen sinnlos ist.
Fremd bin ich eingezogen

14

Freitag, 26. Juni 2009, 09:18

Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann.
Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.
Außerdem meine ich, daß eine Rekonstruktion des zeitlichen und räumlichen Kontexts meist gar nicht möglich ist. Schau Dir eine Aufnahme der Così aus den fünfziger oder sechziger Jahren an. Die Kostüme und die Schminke, sogar die Bewegungen der Sänger und auch das Bühnenbild sind nicht Barock, sie sind "Barock aus der Sicht der fünfziger und sechziger Jahre". Ich erinnere mich an meine Begeisterung für die Ustinov-Zauberflöte der Hamburger Staatsoper, die ich in jungen Jahren im Fernsehen sah. Als die Aufführung neulich auf DVD erschien, habe ich sie mir gekauft und angeschaut. Sie ist so gealtert wie das Bildnis des Dorian Gray und ich mag sie nicht mehr sehen. Das zeigt mir ein übriges Mal, daß eine konventionelle Inszenierung genauso gegenwartsgebunden ist wie ein Produkt des Regietheaters, sie gibt es nur nicht zu.
Das Gefährliche an (pseudo)authentischen Inszenierungen ist, daß sie es dem Zuschauer ermöglichen, seine ästhetische Distanz zu wahren und die, wie Du richtig schreibst, zeitlosen Menschheitsfragen, die da abgehandelt werden, als nicht die seinen auszugrenzen.
Ich gebe Dir aber zu, daß eine Zeit/Raum-Verschiebung nicht eo ipso eine gute Aufführung garantiert und das es albern wirken kann, wenn jemand singend nach seiner Spada greift und dabei mit einer Pistole herumfuchtelt. Es gibt selbstverständlich schlechtes wie gutes Regietheater. Ich wiederhole mich, wenn ich erwähne, daß ich von einer Aufführung erhoffe, daß sie mir neue Einsichten eröffnet, übersehene Facetten zum Funkeln bringt. Daß da bei "Zar und Zimmermann" nicht allzu viel zu holen ist, weiß ich auch und wäre von einem Autos zusammenschraubenden Putin als Protagonisten eher irritiert :D. Da mögen meinetwegen die Edamer Käse über die Bühne rollen.

Diesen Gruß der ganzen Welt!

Peter Wollenberg

GiselherHH

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15

Freitag, 26. Juni 2009, 11:27

Vielleicht ist es für die Diskussionsteilnehmer von Vorteil, die Entwicklung der Inzenierungsgeschichte eines Stückes am konkreten Beispiel zu verfolgen. Für Wagners "Ring des Nibelungen" gibt es dazu ein durchaus hilfreiches Buch: Nora Eckert: Der "Ring des Nibelungen" und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001 (Hamburg, 2001). Einen kurzgefassten Überblick über die Inszenierungsgeschichte des "Ringes" von 1945 bis zum Cherau-"Ring" 1976 gibt das 2. Kapitel dieser kostenlos einzusehenden Diplom-Arbeit:

www.jochen-kienbaum.de/ring/Index3.html

Ergänzend hierzu dieser Artikel aus dem "Spiegel" von 1974:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument…212&top=SPIEGEL

Zum Thema "Was darf ein Regisseur (nicht)?" hier noch zwei Zitate Wieland Wagners, entnommen aus der o.g. Diplom-Arbeit:

Die von "Altwagnerianern" so gern
gestellte Frage, wie "der Meister" sich selbst zu einer
modernen Inszenierung gestellt hätte, "wenn er heute
leben würde", ist genauso sinnlos wie die Frage, was
etwa Beethoven zu der Interpretation seiner "Neunten Symphonie"
durch Toscanini gesagt hätte oder wie Goethe die Hamburger
Inszenierung seines "Faust" durch Gustaf Gründgens
beurteilt hätte. Nur die geistige Aussage eines Werkes,
nicht seine zeitbedingte Aufführungsform, hat für künftige
Generationen Bedeutung und sichert ihm Bestand - und Wirkung!
- für weitere Jahrhunderte. Es kann deshalb auch kein Sondergesetz
für das Wagnersche Werk anerkannt werden, das dieses aus
der zwangsläufigen Entwicklung der Kunst- und Geistesgeschichte
ausschließt.


Erst das nachwagnersche Bayreuth, vor allem
aber Hans Pfitzner und seine eifernden Gefolgsleute haben Wagners
szenische Vorschriften zum sakrosankten Bestandteil des Werkes
erklärt. Pfitzners gereizter Ruf nach einem "Reichgesetz
zum Schutz von Kunstwerken gegen willkürliche Entstellung"
- nach dem Maulkorb also für Dirigenten und Regisseure!
- ist die fragwürdige Konsequenz des Dogmas von der wahren
Werktreue [...]. Obgleich Pfitzners Forderungen nur durch polizeiliche
Reglementierung der Kunst realisierbar wären, bilden sie
bis heute das geistige Rüstzeug aller strammen Parteigänger
der sogenannten Werktreue.




:wink:

GiselherHH
"Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

16

Freitag, 26. Juni 2009, 17:21

Nehmen wir mal den Don Giovanni. Da Ponte bearbeitet ein Stück von Tirso de Molina. Die Handlung ist also in die Zeit um 1619 oder früher zu verlegen. Mozart/Da Ponte lassen aber im letzten Akt vom Bühnenorchester zeitgenössische Musik spielen, "Ah, Cosa Rara!", singt der Don und anschließend amüsiert sich das ganze Theater über die "reichlich bekannte" Cherubino-Arie vom Vorjahr. Mozart und Da Ponte haben sich hier offensichtlich regietheatermäßig an Tirso de Molina vergangen, um seine Geschichte dem Publikum ihrer Generation interessant zu machen.
Ich habe am vergangenen Wochenende den Hamburger "Rosenkavalier" in der Regie von Marco Arturo Marelli gesehen/gehört: Der spielt laut Hoffmannsthal um 1740. Musikalisch ist er durchzogen von Walzern, die es in dieser Zeit allerdings noch gar nicht gab. Hat sich Strauss also hier schon einmal einer unverzeihlichen Verletzung der historischen Genauigkeit schuldig gemacht, so potenziert Marelli den Frevel noch, in dem er die Handlung in die Zeit der Entstehung des Stückes, also den Vorabend des ersten Weltkrieges, verlegte. Man hätte deshalb erwarten können, dass die Verfechter unbedingter historischer Korrektheit diese Aufführung angesichts dieser gleich doppelten Ketzerei entrüstet ablehnen, laut schimpfend und türenschlagend den Saal verlassen, von der einzig wahren Inszenierung unter Otto Schenk schwärmen, den Verfall der Sitten beklagen, usw.. . Merkwürdigerweise hat sich nichts von alledem ereignet. Offenbar haben die Diener im Frack, Polizisten mit Pickelhauben (und manch andere im heutigen Alltag eher ungewöhnliche Dinge) auf der Bühne die hehre Forderung nach historischer Korrektheit vollständig zum Schweigen gebracht. Die Saubermänner und -Frauen im Opernpublikum stören sich anscheinend am modernistischen Schmutz nur dann, wenn er sie an ihren eigenen Schmutz erinnert.

Viele Grüße,

Christian

17

Freitag, 26. Juni 2009, 18:48

Außerdem meine ich, daß eine Rekonstruktion des zeitlichen und räumlichen Kontexts meist gar nicht möglich ist. Schau Dir eine Aufnahme der Così aus den fünfziger oder sechziger Jahren an. Die Kostüme und die Schminke, sogar die Bewegungen der Sänger und auch das Bühnenbild sind nicht Barock, sie sind "Barock aus der Sicht der fünfziger und sechziger Jahre". (...) Das zeigt mir ein übriges Mal, daß eine konventionelle Inszenierung genauso gegenwartsgebunden ist wie ein Produkt des Regietheaters, sie gibt es nur nicht zu.


Das ging mir ganz genauso, als ich mir neulich auf DVD zwei Inszenierungen ansah, die in den 60er Jahren unter Ägide Rolf Liebermans an der Hamburgischen Statsoper entstanden und im Fernsehstudio aufgezeichnet wurden: "Der Freischütz" und "Zar und Zimmermann". Trotz all der historischen Kostüme etc. fühlte ich mich auch nicht einen Moment lang in die Handlungsepoche der beiden Opern versetzt. Stattdessen sprangen mich die 60er Jahre mit einer solchen Heftigkeit an (allein schon die Frisuren der Damen!), dass ich hinterher ganz baff war. Das war eine massive Lektion in Zeitgebundenheit vermeintlich historisch korrekter/getreuer Opernregie.

Wobei das natürlich nichts neues ist. Auch Historienfilme sagen ja grundsätzlich immer mehr über die Zeit aus, in der sie gedreht wurden, als über die Epoche, die sie abzubilden vorgeben.

18

Freitag, 26. Juni 2009, 22:29

Der Amsel nach unten offene Kunstskala

Treten wir doch mal 3 Schritte zurück. Ich reibe mir seit langem immer wieder erstaunt die Augen, was hier und anderswo über moderne Opernregie geschrieben wird (man beachte, wie elegant ich das R-Wort vermeide).

Ich denke, dass die Konflikte, die hier aufbrechen, viel tiefer liegen als reine Geschmacksfragen – nur so erklärt sich mir, warum diese Diskussionen in der Regel früher oder später in unerfreulichster Weise entgleiten. Es geht um nicht und nicht weniger als die persönliche Einstellung zu dem, was Kunst ist und was von ihr erwartet wird.

Hier ein kleiner Ansatz einer Systematik, zusammen mit meinem patentierten Champagnertest. Mit diesem Test, könnt ihr bei einer Opernaufführung erkennen, in welche Kategorie die Inszenierung gehört. Nichts ist besser geeignet, eine hitzige Diskussion in Gang zu bringen, als eine plakative Systematik :D .

1.Kunst als „kulinarisches“ Erlebnis: zurücklehnen und genießen, auch Eskapismus genannt. Test: Dazu passt am besten Prosecco.

2.Kunst als Unterhaltung mit ästhetischem Anspruch: Sich genießend den Verstand und das Gefühl ein wenig kitzeln lassen. Test: Dazu gibt’s Champagner.

3.Kunst als intellektuelles und ästhetisches Erlebnis: Ästhetisierung und Verarbeitung „zeitloser“ und durch ihre Zeitlosigkeit abstrakt gewordener Fragen. Test: Champagner, aber nur noch in der Pause.

4.Kunst ist nicht zeitlos, sie wird hier und jetzt erfahren. Sie steht in der Geschichte, sie muss jeder Generation ihre Gültigkeit erneut beweisen und jede Generation stellt andere Fragen. Test: Der Pausen-Champagner bleibt stehen, weil man sich die Köpfe heiß redet.

5.Kunst als existentielle Erfahrung: Das ästhetische Erlebnis soll „an die Nieren gehen“, einen im tiefsten Innern so packen, dass hinterher nichts mehr so ist, wie vorher. Kunst darf auch wehtun. Test: Die Lust auf Champagner vergeht einem für den Rest des Tages.

Das ist alles natürlich pauschalisiert und überpointiert, und es gibt zahllose Zwischenstufen und Überschneidungen. Und schon gar nicht sind das Schubladen, in die sich Musikhörer, Opernzuschauer, Museumsbesucher usw. einsortieren lassen.

Ich für meinen Teil funktioniere mal so, mal anders. So kann ich mich von einer Platte mit den schönsten Ausschnitten aus Offenbach-Operetten unterhalten lassen (Stufe 1), oder mich an der DVD mit Rameaus „Les Indes Galantes“ erfreuen (Stufe 2). Ich kann die Rekonstruktionsversuche der Barock-Oper im Stile von Benjamin Lazars „Cadmus et Hermione“ spannend finden (Stufe 3), mich für die Werkbrechungen eines Herheim begeistern (Stufe 4) und mich von Bieito an den Innereien packen lassen (Stufe 5).

Aber: Gleichwertig sind die Ansätze für mich keineswegs. Stufe 1 ist harmloser Spaß, bei 2 fangen die Erfahrungen an, an die ich mich auch nach einiger Zeit noch erinnern kann, ab 3 lohnt sich die Diskussion, und am Ende bleiben nur 4 und 5 als die echten Erlebnisse haften.

Daraus ergibt sich auch meine ganz persönliche Einstellung, was Opernregie soll/kann/muss/darf. Bei Stufe 1 wäre ich besser zuhause geblieben – Opern, die das verdient haben, interessieren mich eher nicht. Ansonsten hängt’s von der Oper ab: Eine Offenbach-Operette kann irgendwo zwischen 2 und 4 gut aufgehoben sein, je nachdem. Bei Don Giovanni interessieren mich 1 und 2 gar nicht, 3 könnte noch funktionieren, 4 oder 5 wären mir lieber. Wozzeck braucht 4 oder 5. Und besonders spannend finde ich, wenn Unerwartetes passiert: Bei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.

Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt :cursing: . Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen :sleeping:


So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr? :wink:
Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

19

Freitag, 26. Juni 2009, 22:35

Zitat

.... Aber vielleicht ein paar knüppelharte Staubis organisieren, die ordentlich Zunder in den Thread bringen....

Hat da jemand nach mir gerufen? :D

Zitat


Und ist nicht überhaupt eine unbedingte Treue zu einem Text, zu dessen Schaffenszeit wir schon sehr großen Abstand haben, die schlimmste Verfremdung überhaupt?
Zum Notentext älterer Werke haben wir ja schließlich auch einen enormen zeitlichen Abstand. Oder komponiert heute noch jemand so wie Händel? Soll man jetzt die unbedingte Treue zu dessen Urtext als die "schlimmste Verfremdung" überhaupt betrachten?



Zitat

Ich bin der Überzeugung, daß ein großes Kunstwerk mehr enthält, als eine Generation in ihm freilegen kann und daß es deshalb von jeder Generation für sich neu entdeckt werden muß, weil es ihr im Kontext ihrer Lebensumstände etwas Eigenes zu sagen hat

Das sehe ich nicht ganz so. Im Falle der großen Kunstwerke finden sich Zentralaussagen, die nicht wirklich zeitgebunden sind (überhaupt ändern sich die existenziellen Probleme des menschlichen Daseins mit der Zeit vielleicht nicht so sehr, wie es für viele erst einmal den Anschein hat...).

Aber selbst wenn ich dieser Aussage zustimmen würde, wäre es für mich die Frage, ob ich eine Oper szenisch in einen nicht vom Autor intendierten zeitlichen und räumlichen Kontext versetzen muß, damit sie von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Meine Antwort ist ein klares Nein. Zuerst muß ich ein Kunstwerk einigermaßen so, "wie es gemeint war" (und das gilt im Falle der Oper nicht nur für die Partitur, sondern auch für die Szenerie) überhaupt erkennen können - danach kann ich mir Gedanken über seine Aussage im Hier und Jetzt machen.

Jeder Komponist - auch ein György Ligeti, der in dem Regietheaterthread als Beispiel für einen Urheber, der die extreme szenische Verfremdung seines Werks mit großer Mißbilligung betrachtet hat, genannt wurde - hat seine Opernmusik angesichts des Raumes und der Zeit, in der die Oper nun mal spielt, geschrieben. Wenn man diesen Raum und diese Zeit komplett verändert, ergibt sich zwangläufig ein krasses, in den meisten Fällen bis zum Absurden gehendes Mißverhältnis zwischen Partitur, Libretto und Szene. Und dieses Mißverhältnis zerstört den Eindruck einer Oper als Ganzes in aller Regel gründlich.

Aus diesen Überlegungen läßt sich nicht zwangsläufig die Notwendigkeit von Inszenierungen im Stile der Entstehungszeit einer Oper folgern. Gewisse Formen der Abstraktion sind möglich und oft sogar wünschenswert, um der Fantasie des Rezipienten genügend Raum zu geben. Aber das Gegenteil dieser Abstrahierungsbemühungen, welche quasi den Versuch darstellen, den überzeitlichen Gehalt aus einem Werk zu exzerpieren - das Gegenteil, nämlich die überkonkrete, in aller Regel mit kruden, oberflächlich provokanten, den Zuschauer möglichst knüppelnden Mitteln verbundene Verlegung der Handlung in einen gänzlich anderen Raum und eine gänzlich andere Zeit, führt zur Unkenntlichkeit und im schlimmsten Fall sogar zur Lächerlichkeit. -


Ich hoffe, meine Zeilen waren "knüppelhart staubig" genug... :D


Viele Grüße an alle Opernfreunde


a.d.

Lieber arundo donax,

Deine Zeilen haben m. E. ein wesentliches Problem: die unerbittliche Generalisierung (da würde ich Alvianos Meinung teilen). Diese wird auch nicht dadurch besser, daß mit Ligeti ein Beispiel für einen angesichts einer Inszenierung beleidigten Komponisten ins Feld geführt wird, denn niemand hier hat behauptet, daß eine ästhetisch progressiv gestaltete Inszenierung automatisch gut sei. Was soll ein einzelnes Beispiel also bitte aussagen?

Das Bedauerliche dabei ist, daß wenn man die generalisierende Keule mal versucht aus Deinen Ausführungen zu streichen, sich ein durchaus interessanter Punkt herauskristallisieren könnte - nämlich die Frage nach der eine Haltung beziehenden Regie vs. einer eher "neutralen" Regie, die Assoziationen einzig dem Zuschauer überläßt. Das finde ich aber bei Dir nicht, sondern es gibt nur den massiven Rundumschlag. (Ich sollte mich nicht beschweren - ich habe Dich ja offensichtlich mit meiner allerdings scherzhaft gemeinten Bemerkung angestachelt. :D )

Was mich nun, um auf die inhaltliche Ebene zurückzukehren, wirklich erstaunt, ist einerseits Deine Fixierung auf die Frage nach der zeitlich-räumlichen Verankerung der Oper (Regie besteht übrigens aus mehr... ;) ), bei der Du Dir Verlegungen und Verschiebungen verbietest, andererseits aber Deine Bereitschaft, Abstraktion u. U. zu akzeptieren. Ein Werk aus einer im Libretto angegebenen Zeit in das abstrakte Niemandsland zu verschieben, könntest Du also wohl ggf. akzeptieren, aber den doch wohl logischen nächsten Schritt, die Überzeitlichkeit durch die Verlegung aus dem zeitlichen Äther in eine konkrete andere Zeit, verteufelst Du. Das klingt für mich nach reiner Willkür, einen systematischen Ansatz zum Umgang mit einem Werk kann ich daran nicht erkennen. Man könnte auch etwas spitzer sagen: an Abstraktionen im Stile Wieland Wagners (der anfangs für seinen Stil von manchen gehaßt wurde!) hast Du Dich halt schon gewöhnt, geben wir Dir noch dreißig Jahre, und Du wirst auch mit Konwitschny warm. :D

Bliebe also die Frage: brauchen wir solche Threads? Im Gegensatz z. B. zu Alviano meine ich: ja! Auch in der Kunst gibt es halt das Bestreben nach Klassifikation, Einteilung und Systematisierung. Man kann also über etwas auch allgemein kommunizieren, was eigentlich die Beschäftigung mit dem Einzelfall verdient hat (das eine schließt das andere ja nicht aus). Ich kann aber verstehen, daß ein versierter Opernfreund diese ewigen Diskussionen "altmodisch vs. modern" irgendwann über hat und ablehnt.

LG :wink:
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Freitag, 26. Juni 2009, 22:44

Lieber Michel,

ich finde diese Klassifikation überaus interessant - man könnte sie vielleicht auch die Amsel-Bieito-Skala taufen. :P

Ich würde mich weigern, mich kategorisch auf einen Bereich der Skala festnageln zu lassen. Je nach Werk, Kontext und Gemütslage mag vieles möglich sein. Bedenklich finde ich erst, wenn man Kunst auf den Bereich 1 bis maximal 2 beschränkt und alles andere als linke Zersetzungsversuche definiert. Das hat hier m. E. zwar niemand getan, aber es soll da ja gewisse Örtlichkeiten im Internet geben... :whistling: :D

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

Ingrid

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Freitag, 26. Juni 2009, 23:19

RE: Der Amsel nach unten offene Kunstskala

Bei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.

Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt :cursing: . Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen :sleeping:


So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr? :wink:
Michel


Lieber Michel,
sagen nicht viele bei Deinem Test: Wieso Schublade... ich gehöre und passe in keine. Und wenn es sein muss, dann wenigstens in die mit Champagner oder aber in die ganz intellektuelle Schublade Nr. 5 :whistling: Das macht sich doch immer gut ;)
Und nun zu der "geliebten" Armide von Gluck. Durch die gute Vorbereitung und die Begeisterungsschübe von Peter B. hätte ich sicher auch 4 oder 5 erwartet und in München/Reaktorhalle war es voll die 5 und tatsächlich auch von der Regiearbeit so gut, dass ich noch immer diese Spannung abrufen kann, was ja wirklich höchst selten passiert. Damals trank ich Sekt in der Pause, obwohl die Diskussion heftig war und in Berlin? Nur Wasser und Lust zum Reden hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Die Enttäuschung hatte mich total schläfrig gemacht. In welche Schublade müßt ich nun? Trotzdem vielen Dank für diese Veranschaulichung. Werde wahrscheinlich bei den nächsten Vorstellungen (Lohengrin und Werther (ohne RV) ) intensiver über die Schubladen und mein jeweiliges Trinkverhalten oder die Gelüste nachdenken.

Gute Nacht
Ingrid

22

Freitag, 26. Juni 2009, 23:21

Zitat


Was mich nun, um auf die inhaltliche Ebene zurückzukehren, wirklich erstaunt, ist einerseits Deine Fixierung auf die Frage nach der zeitlich-räumlichen Verankerung der Oper (Regie besteht übrigens aus mehr... ;) ), bei der Du Dir Verlegungen und Verschiebungen verbietest, andererseits aber Deine Bereitschaft, Abstraktion u. U. zu akzeptieren. Ein Werk aus einer im Libretto angegebenen Zeit in das abstrakte Niemandsland zu verschieben, könntest Du also wohl ggf. akzeptieren, aber den doch wohl logischen nächsten Schritt, die Überzeitlichkeit durch die Verlegung aus dem zeitlichen Äther in eine konkrete andere Zeit, verteufelst Du.

Lieber Symbol, die Abstraktion akzeptiere, ja schätze ich deshalb, weil sie meiner eigenen Vorstellungskraft einen unbegrenzten Raum bietet. Die Verlegung in eine konkrete andere Zeit tut dies (in aller Regel, Ausnahmen mag es geben) in vielen Fällen nicht. Durch sie und die mit ihr verbundenen Assoziationen fühle ich mich - ich weiß, ich schwinge schon wieder die begriffliche Keule - vielfach regelrecht vergewaltigt. Häufig auf eine durchaus brutale Art und Weise - ich bringe als Beispiel mal nicht eine Opernaufführung, sondern eine Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" in der Aachener Provinz. Da wurde man zwischenzeitzlich immer wieder mit schriller Musik beschallt, deren Lautstärke eigentlich schon jenseits der Schmerzgrenze lag. Konsequenterweise hielten sich die meisten Besucher dann auch die Ohren zu. Das auf der Bühne stehend Klosett, in das abwechselnd mal der eine, mal der andere Protagonist getaucht wurde, hat dann endgültig zu meinem Abgang in der Pause (der Fraktion der Buhschreier gehöre ich nicht an) geführt. Du und andere können mich gerne für hoffnungslos konservativ ( oder meinetwegen *reaktionär* halten), aber wenn da ständig jemand ins Klo getunkt wird, ist das für meinen Geschmack a) einfach widerlich und hat b) mit Schillers "Maria Stuart" nicht viel zu tun, zumal auch sonst keine konzeptionelle Einbindung der Vorgänge um die Toilettenschüssel in den Rest der für ein schlichtes Gemüt wie meines ebenfalls hoffnungslos undurchschaubaren Aktionen auf der Bühne zu erkennen war.

Zitat

Ich kann aber verstehen, daß ein versierter Opernfreund diese ewigen Diskussionen "altmodisch vs. modern" irgendwann über hat und ablehnt
Ich bin wohl kein "versierter Opernfreund", aber in der Tat wirken "diese ewigen Diskussionen" auch auf mich inzwischen immer wieder eher zermürbend. Offenbar existieren da hinsichtlich der persönlichen Empfindung Gräben, die unüberwindbar sind und dann leider auch in der Folge zu eigentlich unnötigen persönlichen Ressentiments führen...deshalb tut es mir leid, daß ich mich gestern zu später Stunde wieder einmal hinreißen ließ!


Viele Grüße


a.d.

23

Freitag, 26. Juni 2009, 23:59

RE: RE: Der Amsel nach unten offene Kunstskala



Lieber Michel,
sagen nicht viele bei Deinem Test: Wieso Schublade... ich gehöre und passe in keine. Und wenn es sein muss, dann wenigstens in die mit Champagner oder aber in die ganz intellektuelle Schublade Nr. 5 :whistling: Das macht sich doch immer gut ;)


Liebe Ingrid,

klar, Champagner ist immer gut :D


Zitat

Und nun zu der "geliebten" Armide von Gluck. Durch die gute Vorbereitung und die Begeisterungsschübe von Peter B. hätte ich sicher auch 4 oder 5 erwartet und in München/Reaktorhalle war es voll die 5 und tatsächlich auch von der Regiearbeit so gut, dass ich noch immer diese Spannung abrufen kann, was ja wirklich höchst selten passiert. Damals trank ich Sekt in der Pause, obwohl die Diskussion heftig war und in Berlin? Nur Wasser und Lust zum Reden hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Die Enttäuschung hatte mich total schläfrig gemacht. In welche Schublade müßt ich nun? Trotzdem vielen Dank für diese Veranschaulichung. Werde wahrscheinlich bei den nächsten Vorstellungen (Lohengrin und Werther (ohne RV) ) intensiver über die Schubladen und mein jeweiliges Trinkverhalten oder die Gelüste nachdenken.

Gute Nacht
Ingrid


Wenn ich Michel richtig verstehe, sagt das zunächst mal nichts anderes, als dass die Armida in Berlin auf Dich ganz anders gewirkt hat, als auf uns. Warum und wieso müsste dann konkret in einer Diskussion über diese Inszenierung versuchen zu klären, soweit das überhaupt geht.... (PS: welche Armida in der Reaktorhalle meinst Du?)

Aber wahrscheinlich hat es auch für Dich Aufführungen gegeben, die Du in 4 oder 5 einordnen würdest? Die Frage ist, sucht man so etwas überhaupt? Will man das haben, oder ist das nicht viel zu unbequem?

Diese Frage geht aus meiner Sicht übrigens weit über die Frage nach "Was kann und darf Opernregie" hinaus und man könnte es erweitern auf: "Warum tue ich mir ein Stück wie Wozzeck oder die Winterreise" überhaupt an? Bei beiden Stücken habe ich schon wegen der Musik keine Lust mehr auf Champagner. Bin ich masochistisch, weil ich mir diese Stücke immer wieder anhöre bzw. anschaue?

Im Bezug auf Opernregie kommt vielleicht noch die Frage hinzu: Will ich das auch bei Stücken, die vielleicht an sich nicht zwingend diese Wirkung haben (La Traviata, oder Armide)? Traut man so eine Wirkung überhaupt allen Stücken zu (z.B. Zar und Zimmermann)?

Es ist spät und meine Gedanken sind vermutlich mal wieder etwas wirr.... Vielleicht morgen mehr.

Viele Grüße,
Melanie

PS: In welcher Aufführung bist du denn? Wir haben Karten für den 12.07.
With music I know happiness (Kurtág)

Ingrid

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24

Samstag, 27. Juni 2009, 08:23

RE: RE: RE: Der Amsel nach unten offene Kunstskala

[ "Warum tue ich mir ein Stück wie Wozzeck oder die Winterreise" überhaupt an? Bei beiden Stücken habe ich schon wegen der Musik keine Lust mehr auf Champagner. Bin ich masochistisch, weil ich mir diese Stücke immer wieder anhöre bzw. anschaue?

Es ist spät und meine Gedanken sind vermutlich mal wieder etwas wirr.... Vielleicht morgen mehr.

Viele Grüße,
Melanie

PS: In welcher Aufführung bist du denn? Wir haben Karten für den 12.07.


Liebe Melanie,

war wohl gestern auch schon zu müde, um den Sinn so zu erfassen, wie Du und sicher auch Michel es gemeint haben.
Bei Wozzeck hatte ich wirklich Angst vor der "5", um bei diesem Bild zu bleiben, war auch erst in der 2. Serie dabei oder ich sträubte mich beinahe mit Händen und Füßen in Billy Budd zu gehen, aber in so einen Strudel der Gefühle zu kommen, ist einfach unbeschreiblich und man ist wirklich suchtgefährdet, das immer wieder zu erleben.

Natürlich erwartete ich bei Armida ähnliches, da eben schon erlebnisbehaftet und dann noch die Regie von Bieito, obwohl man durch die Ankündungen (Fotos) noch im Unklaren gelassen wurde. Ich hatte ja genug von seiner Entführung an der KOB gelesen und erzählt bekommen, war deshalb wirklich sehr gespannt auf dieses Gesamtkunstwerk. Vor der Vorstellung kam ich ins Gespräch mit einigen, die die GP schon gesehen hatten, aber nichts verrieten, nur lauschten, mit welcher Begeisterung ich von München erzählte und sie dann unbedingt später meine Meinung hören wollten. Es war bei mir aber wirklich so, dass ich mich nicht einmal empören konnte, da durch die Enttäuschung wie gelähmt. Hätte ich einige der Capricciosis getroffen, wäre ich vielleicht gleich auf Dinge gestoßen worden, die meine Sicht der Dinge erweitert hätten (ich empfand nur eine Reduktion auf z.T. brutalen Sex). Rideamus hat mir da auch durch seine Rezensionen, die hoffentlich nicht verloren gegangen sind und die wir evtl. noch einmal hier reinsetzen können, einiges klarer werden lassen.

Bleibe aber trotzdem dabei, dass ich für diese Oper sicher nicht noch einmal nach Berlin fliegen würde. Für die tolle Inszenierung z.B. des Figaros oder der Jenufa aber durchaus.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
wünscht Euch
Ingrid

PS. Versuche, am 5. auf Luftmatratze den Lohengrin zu sehen, da aber am Tag vorher Hochzeit der Nichte ist, könnte es schwierig werden (Störung durch zu lautes Schnarchen ;) ). Eine reguläre Karte habe ich für den 19.7.

25

Samstag, 27. Juni 2009, 09:42

die Abstraktion akzeptiere, ja schätze ich deshalb, weil sie meiner eigenen Vorstellungskraft einen unbegrenzten Raum bietet. Die Verlegung in eine konkrete andere Zeit tut dies (in aller Regel, Ausnahmen mag es geben) in vielen Fällen nicht.
Einen "unbegrenzten Raum" für Deine Vorstellungskraft bekommst Du nur, wenn Du zu Hause bleibst und die Aufführung allein in Deinem Kopf stattfinden lässt, denn jede reale Aufführung begrenzt bzw. lenkt natürlich die Vorstellungskraft. Allerdings solltest Du dann vielleicht besser so konsequent sein, auch auf jegliche Lektüre zu verzichten, denn die schränkt ja Deine Vorstellungskraft noch viel elementarer ein. Also: Am besten nicht mehr lesen und nicht mehr ins Theater gehen, dann bist Du endlich vor der Gefahr sicher, dort Überraschungen zu erleben.
Viele Grüße,

Christian

26

Samstag, 27. Juni 2009, 16:24

Lieber Michel,

ich finde diese Klassifikation überaus interessant - man könnte sie vielleicht auch die Amsel-Bieito-Skala taufen. :P

Ich würde mich weigern, mich kategorisch auf einen Bereich der Skala festnageln zu lassen. Je nach Werk, Kontext und Gemütslage mag vieles möglich sein. Bedenklich finde ich erst, wenn man Kunst auf den Bereich 1 bis maximal 2 beschränkt und alles andere als linke Zersetzungsversuche definiert. Das hat hier m. E. zwar niemand getan, aber es soll da ja gewisse Örtlichkeiten im Internet geben... :whistling: :D

LG :wink:
Nicht Amsel-Bieito-Skala... Das klingt ja so, wäre Bieito das Maß aller Dinge. So eng war das nicht gemeint: Andere schaffen es durchaus mit ganz anderen Mitteln nicht weniger intensive Aufführungen auf die Beine zu stellen. Chéreau z.B. :juhu:

Und festnageln lassen muss sich keiner: Ich bin auch in allen Bereichen unterwegs, wie Du auch von Dir sagst. Arm dran sind die, die dazu nicht in der Lage sind und ganze Bereich aus welchen Gründen auch immer grundsätzlich ausklammern.

Mir ist mittlerweile auch eine bessere Metapher als die Schublade eingefallen, dazu gleich mehr, wenn ich mich sortiert habe. :stern:

Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

27

Samstag, 27. Juni 2009, 16:59

RE: RE: Der Amsel nach unten offene Kunstskala

Bei einer Armide von Gluck hätte ich maximal mit 4 gerechnet, aber Bieito hat ein besseres Gespür als ich, welche Opern den 5er-Ansatz vertragen.

Die ganze Chose geht in die Luft, wenn der Zuschauer 1 oder 2 erwartet und 5 bekommt :cursing: . Wer 5 erwartet und 1 bekommt wird hingegen einfach selig einschlafen :sleeping:


So: Freiwilige vor! In welche Schublade gehört Ihr? :wink:
Michel


Lieber Michel,
sagen nicht viele bei Deinem Test: Wieso Schublade... ich gehöre und passe in keine. Und wenn es sein muss, dann wenigstens in die mit Champagner oder aber in die ganz intellektuelle Schublade Nr. 5 :whistling: Das macht sich doch immer gut ;)
Und nun zu der "geliebten" Armide von Gluck. Durch die gute Vorbereitung und die Begeisterungsschübe von Peter B. hätte ich sicher auch 4 oder 5 erwartet und in München/Reaktorhalle war es voll die 5 und tatsächlich auch von der Regiearbeit so gut, dass ich noch immer diese Spannung abrufen kann, was ja wirklich höchst selten passiert. Damals trank ich Sekt in der Pause, obwohl die Diskussion heftig war und in Berlin? Nur Wasser und Lust zum Reden hatte ich so gut wie überhaupt nicht. Die Enttäuschung hatte mich total schläfrig gemacht. In welche Schublade müßt ich nun? Trotzdem vielen Dank für diese Veranschaulichung. Werde wahrscheinlich bei den nächsten Vorstellungen (Lohengrin und Werther (ohne RV) ) intensiver über die Schubladen und mein jeweiliges Trinkverhalten oder die Gelüste nachdenken.

Gute Nacht
Ingrid
Liebe Ingrid

Das mit der Schublade war nicht so ernst gemeint (und ein bißchen doof :schaem: ). Ich habe ja auch von mir gesagt, dass ich munter von einer Schublade in die andere Springe, wenn mir danach ist. Die ganz Intellektuellen sitzen übrigens nicht in Schublade 5 - die Sorte, die den Intellekt als Panzer benutzt, um die Dinge nicht wirklich an sich ran zu lassen, die findest Du eher in Schublade 3 ;) . Aber wie gesagt: Das mit den Schubladen war ein dummes Bild, ich denk mir was anderes aus...

Und die Armide scheint Dir ja keine Ruhe zu lassen :D . Du könntest das Ding ja einfach abhaken: Gesehen, nicht gefallen, weg damit. Irgendwie blieb aber ein Stachel zurück, der Dir keine Ruhe lässt. Das ist doch auch schon mal was. Mein Vater sagt immer: Besser einen schlechten Charakter haben, als gar keinen :thumbup: . Übertragen: Besser eine Inszenierung, die einem absolut nicht gefällt, aber nicht los läßt, als eine, die "nett" und nach 15 Minuten schon wieder vergessen ist.

Bis später
Michel :wink:
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

28

Samstag, 27. Juni 2009, 17:16

Bieitos ARMIDE


Natürlich erwartete ich bei Armida ähnliches, da eben schon erlebnisbehaftet und dann noch die Regie von Bieito, obwohl man durch die Ankündungen (Fotos) noch im Unklaren gelassen wurde. Ich hatte ja genug von seiner Entführung an der KOB gelesen und erzählt bekommen, war deshalb wirklich sehr gespannt auf dieses Gesamtkunstwerk. Vor der Vorstellung kam ich ins Gespräch mit einigen, die die GP schon gesehen hatten, aber nichts verrieten, nur lauschten, mit welcher Begeisterung ich von München erzählte und sie dann unbedingt später meine Meinung hören wollten. Es war bei mir aber wirklich so, dass ich mich nicht einmal empören konnte, da durch die Enttäuschung wie gelähmt. Hätte ich einige der Capricciosis getroffen, wäre ich vielleicht gleich auf Dinge gestoßen worden, die meine Sicht der Dinge erweitert hätten (ich empfand nur eine Reduktion auf z.T. brutalen Sex). Rideamus hat mir da auch durch seine Rezensionen, die hoffentlich nicht verloren gegangen sind und die wir evtl. noch einmal hier reinsetzen können, einiges klarer werden lassen.
Liebe Ingrid,

den Gefallen habe ich Dir gerne getan. Die entsprechenden Texte sind jetzt auch hier zu lesen: Calixto Bieito und der Skandal in der Oper.

Wenn jemand die Diskussion um diese Inszenierung aufgreifen und forsetzen möchte, mache ich gerne einen eigenen Thread daraus.

:wink: Rideamus
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Ramist

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29

Donnerstag, 16. Juli 2009, 09:07

Schade, dass der Thread "Regietheater" - Was ist das eigentlich? geschlossen worden ist. Also von der einen Bekannten habe ich zumindest die Annahme gelesen, dass das Regietheater im 20.Jh. aufgekommen sein soll, weil die Theaterlandschaft über so viele Bühnen verfügte und diese sich wohl gegeneinander abheben wollten. Wenn es wirklich einen quantitativen Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten gäbe, wäre das vielleicht eine einleuchtende Erklärung.

Interessant wäre für mich aber, welche Theater zuerst Regietheater ins Programm nahmen. Kann man da von dem Heute auf das Gestern schließen? Bei uns in Freiburg spielen die kleineren Bühnen, die scheinbar auf Zuschauer angewiesen sind, eher kein Regietheater. War das damals auch schon so?

30

Donnerstag, 16. Juli 2009, 15:15

Lieber Ramist,

der Regietheater-Thread wurde geschlossen, weil dieses Wort als Kampfbegriff verstanden werden kann, dem zudem eine greifbare Definition abgeht. Wenn Du den Begriff jetzt wieder einführen willst, solltest Du sagen, was Du darunter verstehst.

Die These, dass Regietheater - was immer man darunter verstehen will - (auch) ein Ergebnis des Wettbewerbs der Bühnen ist, leuchtet ein, denn in der Tat hat der Deutschland mehr Opernbühnen als irgendein anderes Land (soweit ich weiß).

Vielleicht liegt es auch daran, dass man in Österreich nicht so oft darauf zu stoßen scheint? :D

:wink: Rideamus
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Severina

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31

Donnerstag, 16. Juli 2009, 16:30

Schade, dass der Thread "Regietheater" - Was ist das eigentlich? geschlossen worden ist. Also von der einen Bekannten habe ich zumindest die Annahme gelesen, dass das Regietheater im 20.Jh. aufgekommen sein soll, weil die Theaterlandschaft über so viele Bühnen verfügte und diese sich wohl gegeneinander abheben wollten. Wenn es wirklich einen quantitativen Unterschied zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten gäbe, wäre das vielleicht eine einleuchtende Erklärung.

Interessant wäre für mich aber, welche Theater zuerst Regietheater ins Programm nahmen. Kann man da von dem Heute auf das Gestern schließen? Bei uns in Freiburg spielen die kleineren Bühnen, die scheinbar auf Zuschauer angewiesen sind, eher kein Regietheater. War das damals auch schon so?
Kieber Ramist,
diese Einschätzung wundert mich aber jetzt, denn ich habe Freunde, die just aus dem Grund oft nach Freiburg in die Oper fahren, weil man dort so moderne und interessante Inszenierungen zu sehen bekommt, unter anderem auch von Bieito. Oder meinst du jetzt die Sprechtheater? (Denn dass Freiburg über mehrere Opern verfügt, nehme ich doch eher nicht an.) Bei uns in Wien ist es so, dass gerade die Kleinbühnen (egal, ob Kammeroper, Odeon oder eben diverse Kellertheater) auf unkonventionelle Inszenierungen setzen, denn mit "großen Namen" können die ihr Publikum nicht anlocken. Wenn sich aber herumspricht, dass man dort spannende Aufführungen zu sehen bekommt, gehen die Leute hin, auch wenn kein Kammerschauspieler am Bestzungszettel steht.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

Severina

Opernjunkie außer DIenst

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32

Donnerstag, 16. Juli 2009, 17:04

Lieber Ramist,

der Regietheater-Thread wurde geschlossen, weil dieses Wort als Kampfbegriff verstanden werden kann, dem zudem eine greifbare Definition abgeht. Wenn Du den Begriff jetzt wieder einführen willst, solltest Du sagen, was Du darunter verstehst.

Die These, dass Regietheater - was immer man darunter verstehen will - (auch) ein Ergebnis des Wettbewerbs der Bühnen ist, leuchtet ein, denn in der Tat hat der Deutschland mehr Opernbühnen als irgendein anderes Land (soweit ich weiß).

Vielleicht liegt es auch daran, dass man in Österreich nicht so oft darauf zu stoßen scheint? :D

:wink: Rideamus
Lieber Rideamus,
das ist sicher ein wichtiger Punkt, bei uns stehen die wenigen Opernhäuser nicht so sehr unter dem Druck, sich deutlich voneinander abzugrenzen. Bei den Sprechbühnen sieht es z.B. ganz anders aus, da dominiert auch bei uns das so genannte "Regietheater".
Allerdings setzen beim Thema Oper viele Österreich mit Wien und hier mit der WSO gleich. Die ist aber ein Sonderfall, wenn du nach Graz, Linz oder Innsbruck schaust, nehmen dort die Inszenierungen schon wieder einen ganz anderen Stellenwert ein. (Ich fürchte nur, dass deutschen Medien diese "tiefste Ösi-Provinz" keine Reportage wert ist, obwohl das künstlerisch oft lohnender wäre als die Hofberichterstattung aus der Metropole :wacko: )
Was die WSO betrifft, so hat die sich seit jeher dem Starprinzip verschrieben. Noch heute ist es so, dass die Wiener - und da nehme ich mich gar nicht aus - in erster Linie auf die Besetzung schauen, dann auf den Dirigenten und ein kleiner Teil noch auf das Regieteam. Ich gestehe, dass ich selbst vor fünfzehn Jahren auf die Frage nach dem Regisseur in vielen Fällen hätte passen müssen - das war mir einfach nicht so wichtig :schaem: , solange ein tolles Ensemble auf der Bühne stand. Erst als Holender in den ersten Jahren seiner Intendanz mit dem Starprinzip brechen wollte - und kläglich scheiterte - und plötzlich der Großteil meiner Lieblinge nicht mehr an der WSO auftrat, rückte die Inszenierung mehr in den Fokus meines Interesses. Eigentlich merkwürdig, denn am Sprechtheater war der Regisseur von Anfang an extrem wichtig für mich. Aber das ist jetzt OT, zurück zur Ausgangsfrage, warum die WSO immer noch mit einer 60 Jahre alten Tosca die Bude voll kriegt: Das liegt eben einerseits am schon erwähnten Starprinzip und andererseits am Umstand, dass die Staatsoper ein Wiener Markenzeichen ist, ähnlich wie die Sängerknaben und die Lippizzaner. Für viele Touristen gehört ein Besuch der WSO genauso zum Pflichtprogramm wie der Heurige in Grinzing, praktischerweise kann beides gleich im Doppelpack gebucht werde. Das führt dann in den beliebten Reisemonaten Mai und Juli oft dazu, dass die verblüfften Sänger beim zweiten Vorhang schon vor einem halb leeren Haus stehen, weil alle Touris bereits zu den Bussen strömen, die sie umgehend zu Schrammelmusik und Weinverkostung weiterbefördern.
Eine "Zauberflöte" im Juni wäre auch ausverkauft, wenn ich die Königin der Nacht sänge :mlol: Fazit: Man kann an der WSO beim Regisseur ruhig sparen, denn die Leute kommen wegen der Sänger, nicht wegen der Inszenierung. Daher ist im Moment für mich das Theater an der Wien viel spannender als das Haus am Ring, obwohl ich fürchte, dass man sich an einen Bieito auch dort nicht heranwagt.
lg Severina :wink:
"Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

33

Montag, 27. Juli 2009, 12:47

Es spricht für die Sachkompetenz dieses Forums, dass hier noch wenig Worte gemacht wurden um eine Rede, bei der andere zum Kochen kommen. Daniel Kehlmann hat die Gelegenheit der Eröffnung der Salzburger Festspiele benutzt, um das "Regietheater" für vieles Schlimme, letzen Endes auch für die Demenz seines Vaters verantwortlich zu machen. Solche privaten Deutungen von Krankheiten prominenter Väter durch ihre Söhne scheint wohl im Moment in Mode zu sein, kann aber doch das peinliche Gefühl nicht vermeiden, dass hier ein unappetitliches Gequirle von Eigeninteresse, unverdauter Biografie und Stammtischgerede vorgesetzt wird.

Auch wenn sich der Jubel in den einschlägigen Kreisen, die mal ein Zeichen aus der wirklichen Welt vorzuweisen glauben, vor allem in die Richtung Opernregie bewegt, gemeint war bei dem Rundumschlag vor allem das Sprechtheater. Die Rede findet sich hier.

Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

34

Montag, 27. Juli 2009, 13:19

Ja, ich habe es heute morgen auch beim Frühstück in der Zeitung gelesen (Die FAZ titelt damit auf der ersten Seite des Feuilletons) , und war etwas überrascht, welch merkwürdiges Gemisch aus privater Trauerarbeit und ästhetischen Überzeugungen Kehlmann da zusammengebraut hat. Befremden tut mich die Unterstellung, das Regietheater treibe, indem es durch sein Wirken den interessierten Menschen den Theaterbesuch unmöglich mache, dieselben in die Fänge der "intelligentesten amerikanischen [Fernseh]Serien". Das ist eine reizvolle Umdeutung einer viel gängigeren Sichtweise, dass es nämlich die gefälligen Massenmedien sind, welche die Leute vom komplizierteren Denken und somit vom Theater fernhalten. Ursache und Wirkung werden hier umgedeutet, nur fehlt mir freilich mindestens ein Indiz, warum dem so sein sollte ?
Immerhin macht er offenbar als Ursache allen Übels nicht eine mafiöse Struktur, sondern "eine kleine Gruppe folgsamer Pilger" aus und verweist als Zeugen auf naive Wortmeldungen aus dem übrigen Europa. Peinlich allerdings die Bezugnahme auf den Spiegelartikel von Lottmann und die damit ausgelöste Empörungswelle. Wenn jetzt also sein Artikel einhellige Zustimmung fände, würde das diesen dann entwerten ?

Ganz ehrlich: Diese Rede ist eine Montage aus einigen entliehenen klangvollen Worten, die aber leider substanziell absolut nichts zur Diskussion beiträgt. Hingegen zieht sie sich, wie wohl auch Peter andeutet, recht ärmlich hinter ein Schutzschild der persönlichen Betroffenheit zurück, was Widerspruch natürlich erschweren kann (ich unterstelle Ihm hier keine Absicht). Da ist schon wesentlich gewichtigeres gegen das Regietheater vorgebracht worden und hat die Diskussion bereichert,
Das nun gerade dieser Artikel andernorts bejubelt wird, liegt wohl daran, dass er nichts enthält, mit dem man sich auseinandersetzen muß. Man kann nur Nicken - oder den Kopf schütteln.

:wink: aus Bärlin
Sascha

"You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
"
, David Hurwitz

35

Montag, 27. Juli 2009, 14:00

Ich habe den Artikel gerade gelesen und verstehe nciht richtig, worauf Kehlmann nun hinaus will.das Wort Oper lese ich da z.B. überhaupt nicht udn es wird kiene einzige konkrete Operninszeinirung genannt bzw Schwächen, die es da zu verbessern gäbe.

Darf man diese Rede überhaupt so ohne Weiteres auf die Opernregie beziehen? ?(

Immerhin besteht zwischen Sprechtheater und Oper ein gewaltiger Unterschied!

Versteht der Autor etwas von Opernregie?



Was die biographischen Bezüge angeht, scheint mir das in seiner Ausführlichkeit etwas larmoyant- aber als Romanautor kann man sich adnere Dinge leisten als ein Berufskritiker.

Dass er die Schuld für die Demenzkrankheit seines Vater dem Regietheater gibt, erkenne ich jedoch nicht. Diese Demenz beschreibt er eher als einen Trost angesichts der traurigen Wirklichkeit.

Was mich an dem Artikel am meisten stört, ist aber die totale Undifferenziertheit und das Fehlen jeglicher konkreter Argumente und Sachzusammenhänge. Er hätte genausogut einfach; Regietheater?- "Kotzmännchen" hinschreiben kônnen. An der inhaltlichen Substanz würde das kaum etwas ändern .

Ist uns ja nciht ganz unbekannt......

F.Q.
Gracias a la vida!

36

Montag, 27. Juli 2009, 14:42

Ich habe den Artikel gerade gelesen und verstehe nciht richtig, worauf Kehlmann nun hinaus will.das Wort Oper lese ich da z.B. überhaupt nicht udn es wird kiene einzige konkrete Operninszeinirung genannt bzw Schwächen, die es da zu verbessern gäbe.

Darf man diese Rede überhaupt so ohne Weiteres auf die Opernregie beziehen? ?(

Immerhin besteht zwischen Sprechtheater und Oper ein gewaltiger Unterschied!

Versteht der Autor etwas von Opernregie?


Viele Fragen, liebe Feenkönigin, aber ich will gerne einige zu beantworten versuchen. Im Zusammenhang der Eröffnung der Salzburger Festspiele kann man die Opernregie nicht außer Acht lassen, wenn ich auch meine, dass Kehlmann durchweg von der Sprechtheaterregie spricht. Nun hat eben die einiges bei der Opernregie initiiert, das ohne die Theaterregie nicht sich nicht in diese Richtung entwickelt hätte, die insgesamt weit weniger radikal erscheint, nicht zuletzt, da durch die Musik ein Schutzraum für den Text vorhanden ist, den das Sprechtheater so nicht kennt. Aber viele der bei dem von ihm herbeizitierten Lottmann dargestellten Verfahrensweisen haben Eingang auch in Operninszenierungen gefunden.

Der dort geschmähte Jürgen Gosch ist im letzten Monat verstorben, hier eine Würdigung.

Wie aber diese Festrede von anderen verstanden wird, habe ich in meiner derzeitigen Signatur dokumentiert: Einem "Wir" wird seine "Arbeit" erleichtert ....


Zitat

Dass er die Schuld für die Demenzkrankheit seines Vater dem Regietheater gibt, erkenne ich jedoch nicht. Diese Demenz beschreibt er eher als einen Trost angesichts der traurigen Wirklichkeit.


ich lese das so

Zitat

Kehlmann
Als mein Vater durch den Wandel der Umstände seine Arbeit nicht mehr ausüben konnte, senkte sich allmählich die Krankheit des Vergessens auf ihn herab, bis ihn ganz zuletzt die Demenz vom Bewusstsein der Enttäuschungen befreite.


Liebe Grüße Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

37

Montag, 27. Juli 2009, 15:17

Ich möchte jetzt doch einmal Kehlmann etwas in Schutz nehmen. Zunächst erscheint es recht offensichtlich, daß er sich auf das Sprechtheater bezieht (oder hat sein Vater jemals eine Oper inszeniert?). Außerdem sagt/schreibt er auch folgendes:

Zitat

Eher ist es möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten, eher darf man Jörg Haider einen großen Mann oder George W. Bush intelligent nennen, als leise und schüchtern auszusprechen, dass die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen.
Es scheint ihm also um die Dominanz einer bestimmten Regieästhetik zu gehen, welche er ablehnt, und um das Eintreten für das Anerkennen anderer ästhetische Ideale. Mit anderen Worten: man solle nicht die eine Sache als "state of the art" empfinden und nichts anderes zulassen, sondern prinzipiell offen bleiben.

Trotzdem halte ich die Rede für nicht gelungen, und zwar gerade aus dem Grund, weil Kehlmann persönlich befangen ist. Oder meint jemand, Eliette von Karajan könne eine qualifizierte Rede zum Thema HIP verfassen??? Er leitet somit keinen Standpunkt als Künstler ab, sondern einen als Sohn. Das aber ist vielleicht persönlich bewegend, doch künstlerisch-ästhetisch letztlich - sorry - irrelevant.

Abgesehen davon fangen nun natürlich die einschlägigen Pawlowschen Hunde an zu sabbern, aber das ist ja wohl kaum anders zu erwarten...

LG :wink:
"Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

38

Montag, 27. Juli 2009, 15:57

Sehr schonungslos bezieht übrigens Peter Michalzik im Kulturteil der Frankfurter Rundschau Online Stellung.

Zitat

Der Applaus ist ihm gewiss. Vielleicht aber erschrickt auch Kehlmann irgendwann einmal, wenn er aufwacht, darüber, woher der Applaus vor allem kommt.


:wink:
Sascha

"You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
"
, David Hurwitz

39

Montag, 27. Juli 2009, 16:59

Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, dass sich die Hautevolée, die sich zur Eröffnung traf, zu Unrecht in ihren Urängsten verstanden fand, denn tatsächlich will Kehlmann nun nicht das Alte statt des Neuen, nur mehr von dem Alten und weniger vom Neuen. Darauf hereinzufallen, dass ausgerechnet die Gesellschaft, jener Auftrieb am Mönchsberg, die Repräsentanz von allem Guten und Deutschen sein sollte, ja gar die Vertretung des "Volkes", schafft hier nur malsehn. Wenn Kehlmann sagt

Zitat


dass die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist,


gebe ich ihm Recht. Dem "Volk", das in Salzburg eine Rede bejubelte, die seinem Niveau gerecht wurde, weil sie nur recht oberflächlich den Tabutöter spielte, allerdings den "Willen der Mehrheit" zuzuschreiben, scheint mir doch ein wenig blauäugig. Volk dachte ich mir anders definiert als eine Anzahl von Stolen- und Frackträgern oder ihrer Äquivalente ...

Es grüßt Peter
.
Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

(Karl Kraus)

40

Montag, 27. Juli 2009, 17:33

Ich finde es viel peinlicher für Kehlmann, dass sein Artikel ausser persönlich biographischer Betroffenheit bzw Parteilichkeit und den angeblichen Reaktionen ausländischer Theaterbesucher keinen Inhalt vermittelt.

Für einen Schriftsteller und Intellektuellen ist das für mein Empfinden ein bissel wenig......

Ich bin keine Anhängerin schlechten Regietheaters und keine Verächterin guten tradiotionellen Theaters und von daher relativ neutral in der Sache, aber wenn nciht mehr argumentiert,sondern nur noch befindlicht wird, darf man sich nicht wundern, wenn der Applaus in seiner Inhaltsleere genauso evident ist wie das, wofür da applaudiert wird.

Dass das Salzburger Premierenpublikum nciht die Gemeinschaft der opernliebhaber spiegelt, will ich doch SEHR hoffen...... :o:
Gracias a la vida!

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