(Marc) Pietro Antonio Cesti geb. am 5.8.1623 in Arezzo, gest. am 14.10.1669 in Florenz.
Es gibt immer noch wirkliche Großmeister aus dem Barock, die bisher noch immer nicht wirklich bekannt sind. Vor allem weil man ihre Werke nicht auf CD findet.
Aber sowohl bei Cesti, als auch bei Steffani scheint sich dies nun doch endlich zu ändern.
Cesti ist zusammen mit Monteverdi und Cavalli einer der wichtigsten Vertreter der italienischen Oper des Frühbarock, mehr noch er war der erfolgreichste und berühmteste italienische Opernkomponist des 17. Jh.
Als 14 jähriger tritt er in ein Franziskaner Kloster ein, wird als Mönch.
Seine musikalische Ausbildung erhielt er vom großen Carissimi in Rom.
Trotz seiner geistlichen Laufbahn tritt er selbst in Opern als Sänger auf, so auch in Cavallis „Giasone“
Er wird natürlich getadelt, und so bringt er stattdessen eigene Werke auf die venezianischen Bühnen.
Durch die ersten große Erfolge beginnt sein kometenhafter Aufstieg in der Gesellschaft:
Zwar hatte Cest von 1645-1649 das Amt des Domkapellmeister in Volterra inne und noch viele andere Ämter im geistlich / musikalischen Bereich – jedoch war der Ruf an den Hof des Erzherzogs Ferdinand Karl in Innsbruck der große Karrieresprung.
Dieses Amt bekleidete er von 1652-1659.
In dieser Zeit brachte er einige seiner berühmtesten Werke auf die Bühne: L’Argia 1655, Orontea 1656 und la Dori 1657. L’Argia ist wohl eine der wichtigsten Opern des 17. Jahrhunderts.
L’ARGIA
Diese wahrhaft prächtige Festoper wurde für einen ganz besonderen Anlass geschrieben:
Christina von Schweden hatte zugunsten ihrer religiösen Überzeugung auf den Thron verzichtet und machte nun eine Grand Tour durch Europa um später schließlich in Rom zu leben.
In Insbruck machte die Prinzessin Rast, in der dortigen Hofkirche konvertierte sie endlich zum Katholizismus.
Das wurde natürlich entsprechend gefeiert, neben Bankett und den üblichen barocken Gelagen gab es am Abend auch eine große Oper.
Neben Christina waren natürlich auch viele Kardinäle und der päpstliche Nuntius anwesend.
Erstaunlich ist hierbei, dass L’Argia über ein ziemlich freizügiges, teils derb komisches Libretto verfügt.
Aber wie es in der venezianischen Oper nun mal üblich war, gab es auch genügend Erhabenheit.
Rein musikalisch ist das Werk ein Juwel der Musikgeschichte.
Das Werke enthält großartige Arien, die bisher alles da gewesene in den Schatten stellen und auch lange nichts vergleichbares auf den Bühnen Europas zu finden sein wird.
Das ganze ist natürlich für eine große Aufführung konzipiert, das zeigen schon die vielen erhaltenen Bühnenentwürfe, die darauf hinweisen, dass hier ordentlich etwas aufgeboten wurde.
Auch muss ein sehr großes Orchester herangezogen worden sein.
Cestis Musik ist im Vergleich zu Cavalli wesentlich moderner und hängt weniger an dem großen Vorbild Monteverdi fest. Die vielen Arien und deren Aufbau weisen schon direkt zu Händel.
L’Argia verfügt auch über prächtige Chöre, etwas was man ja sonst in der italienischen Oper dieser Zeit eher selten antrifft – zumindest bei jenen Werken die für die kommerziellen Häuser entstanden.
Danach folgte eine Wiederaufnahme der Oper Orontea, die Cesti wohl schon 1649 für ein Theater in Venedig komponiert hatte.
1659 wird er jedoch von der geistlichen Obrigkeit, die sein Wirken als Opernkomponisten stets tadelte nach Rom zitiert.
Cesti muss das Amt des Hofkapellmeisters ins Innsbruck aufgeben, dafür wirkt er nun im Vatikan als Musiker.
Natürlich schreibt er weiter Oper, die sowohl in Venedig als auch in Innsbruck aufgeführt werden.
So wird 1662 in Venedig „Il Tito“ gegeben und das sehr erfolgreich.
Im gleichen Jahr kehrte er auch nach Innsbruck zurück und blieb dort bis zum Tode des Erzherzogs.
AM KAISERLICH HOF ZU WIEN
Der Ruhm der Opern Cestis verbreitete sich seit L’Argia über ganz Europa und spätestens jetzt war Cesti so berühmt wie Cavalli.
Ziemlich schnell gelangte sein Ruhm und auch Abschriften seiner Werke an den kaiserlichen Hof.
Leopold I. von Österreich, Kaiser des hl. römischen Reiches deutscher Nation, der außerordentlich musikalisch war, selbst komponierte und ein besonders glückliches Händchen hatte in der Auswahl seiner Hofmusiker, tat alles um Cesti an den Hof zu verpflichten.
Ab 1666 war Cesti Vize Hofkapellmeister des Kaisers und verließ den Vatikan.
Und sofort bekam er Aufträge neue Opern für den Wiener Hof zu schreiben.
1666 Nettuno e Flora festeggianti, zu dieser Oper schrieb Johann Heinrich Schmelzer ausgedehnte Balletteinlagen.
1667 Le disgrazie d'Amore, ebenfalls mit Ballettmusik von Schmelzer, den Prolog verfasste Leopold I. selbst.
1667 La Semirami, ebenfalls mit Ballettmusik von Schmelzer und diversen Musiknummern vom Hofkapellmeister Ziani
diese Werke wurden auch von den venezianischen Bühnen in Bearbeitung aufgenommen.
IL POMO D’ORO
1667 wurde für die Hochzeit Leopolds mit der spanischen Infantin die Festoper "Il Pomo d'oro"
komponiert, aber nicht vollständig aufgeführt.
Denn weder das Theater noch die Oper waren fertig und so dauerte es noch ein Jahr, bis man dann zum Geburtstag der Kaiserin das Spektakel nachholte.
Fast jeder kennt das Werk vom Namen her, man weiß dass es wohl kaum jemals wieder eine Oper von solcher Länge und solchen Ausmaßen gegeben hatte.
Man spricht von DEM Opernereignis des Jahrhunderts.
Das Werk dauert fast 8 Stunden, so dass die Oper, die auch mit einem stundenlangen Pferdeballett gekoppelt ist, an zwei Nachmittagen gegeben wurde.
Die Ballette wurden von Johann Heinrich Schmelzer komponiert. Selbst Leopold steuerte noch einige eigenen Arien bei.
Quellen sprechen von 3000! Statisten, Hunderten von Pferden und über 200 Balletttänzern, neben fast 40 Opernrollen.
Das ganze war natürlich auch ein Politikum, längst hatte man die Bestrebungen des Sonnenkönigs bemerkt auf dem kulturellen Feld eine Führungsrolle zu übernehmen. Nun galt es das sieben Tage andauernde Fest "Les Plaisirs de l'Îsle enchantée" mit dem der neue Palast und Park von Versailles eingeweiht wurde, zu übertreffen.
Die Oper unterscheidet sich von den voran gegangenen Werken Cestis natürlich schon durch die monumentalen Ausmaße.
Der Prolog ist eine Orgie aus Chor und Ballett, in den Akten wird dann mehr Wert auf die Handlung gelegt, aber auch garniert mit herrlichen Arien, Duetten und Ensembleszenen.
Leider ist die Oper nicht mehr vollständig erhalten u.a. fehlt der gesamte zweite Akt.
Cestis Ende
Der Pomp des Wiener Hofes, sowie die schwierige Zusammenarbeit mit den anderen Musikern, Intrigen der Höflinge mögen dazu geführt haben, dass Cesti dem Hof den Rücken kehrte.
1668 geht er nach Italien, 1669 findet er eine Anstellung am Hofe des Erzherzogs in Florenz, plant dort auch neue Opern in Angriff zu nehmen, jedoch stirbt er kurze Zeit später.
In Wien wird Antonio Draghi Nachfolger Cestis und Zianis als Hofkapellmeister. Obwohl er über 100 Opern von größter Schönheit schrieb, ist auch er Heute wie Cesti so gut wie vergessen.
Was macht nun Cesti so besonders ?
An erster Stelle formal natürlich seine beiden Prunkopern „L’Argia“ und „Il pomo d’Oro“ die wahrscheinlich zu den schönsten Opern der gesamten Epoche gehören, zudem ist „Il pomo d’Oro“ der Inbegriff der Barockoper.
Aber es ist vor allem auch seine wunderbare Musik, damals galt er schon als größter Konkurrent für Cavalli und in der Tat unterscheiden sich die beiden Komponisten sehr.
Cavalli ist konservativer, für uns Heute mag seine musikalische Sprache vielleicht sogar ungeschliffen und unelegant klingen. Genau das ist bei Cesti nicht der Fall.
Seine Opern sind „organischer“ Arien, Duette und Ensemble wirken niemals gezwungen, wie es oft bei Cavalli scheint, selbst die Rezitative folgen einem ganz natürlichen Fluss, ohne jemals affektiert zu sein. Cesti benutzt bereits die Da Capo Form für Arien, sehr oft natürlich auch die zur damaligen Zeit gebräuchlichere Strophenform.
Seine musikalische Sprache ist wesentlich eleganter als jene von Cavalli, obwohl auch er zu Derbheiten fähig ist.
Aber der Grund warum dies so ist, lässt sich leicht an den Auftraggebern ablesen, während Cavalli fast ausschließlich für die kommerziellen Opernhäuser Venedigs komponierte und nur mit „Ercole amante“ eine Hofoper komponierte, schrieb Cesti seine meisten Opern für ein erlesenes Publikum.
Der „Ercole amante“ entstand für die Hochzeit Louis XIV, wurde mit reichlich Balletten von Lully verfeinert und unterscheidet sich extrem von dem übrigen Opernschaffen Cavallis, zum einen versuchte er dem frz. Geschmack entgegen zu kommen, aber man hört auch, dass er sich hier an Cesti orientierte.
Cesti benutzt auch viel Instrumentalmusik (für Bühnenwechsel und Maschinen) was bei Cavalli fast gar nicht vorkommt.
Leider sind Aufnahmen von Pietro Antonio Cestis Musik absolute Mangelwahre.
Zurzeit steht nur der Download der „Orontea“ (Concerto Vocale / René Jacobs) zur verfügung, sowie beim ORF Shop (auch bei JPC erhältlich) ein Pasticcio das Rene Jacobs für die Innsbrucker Festwochen zusammenstellte.
Neueren Datums sind eine CD mit Kammerkantaten, die ich aber auch noch nicht kenne:
Und im Januar 2010 wird es beim Label Hyperion eine der Wiener Opern auf CD geben: