Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Capriccio Forum für klassische Musik. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

1

Donnerstag, 7. Juli 2011, 12:23

HÄNDEL: Ariodante - Orlando furioso reloaded

Kennengelernt habe ich Ariodante im Jahr 2000 in der Inszenierung David Aldens an der Münchner Staatsoper. Die Titelrolle sang Ann Murray, es dirigierte Ivor Bolton. Seit dieser Zeit gehört die Oper zu meinen Lieblingsopern Händels.Das gerade eine neue Aufnahme unter Alan Curtis mit Joyce Di Donato in der Titelrolle erschienen ist ein willkommener Anlass dem Bereich "Barockoper" bei Capriccio ein neues Kapitel hinzuzufügen ;+)



Entstehung:

Händel schrieb die Oper zwischen August 1734 und Oktober desselben Jahres. Ihre Premiere erlebte die Oper am achten Januar des folgenden Jahres im Covent Garden Theater in London. Den Stoff für diese Oper entnahm der Komponist Ariosts Orlando furioso. Händel griff dabei auf eine Vorlage Antonio Salvis zurück: Ginevra, principessa di Scozia. Händel war nicht der erste, der Salvis Vorlage in Musik setzte. Giacomo Antonio Perti vertonte Salvis Vorlage bereits 1708. Möglich, dass Händel auf seiner ausgedehnten Italienreise diese Oper kennenlernte. Gekannt haben dürfte Händel eine weitere Vertonung von Salvis Text, die 1716 in Venedig uraufgeführt wurde. Hauptquelle für Händels Adaption des Stoffes war aber Salvis Text. Der Name von Händels Librettisten ist unbekannt.

Handlung:

Der Ariodante ist eine dreiaktige Opera seria, mit dem typsichen Wechsel von Rezitativen und Arien.

Akt I:

Der schottische König möchte seine Tochter Ginevra mit Ariodante verheiraten, der auch sein Nachfolger werden soll. Dies möchte der ehrgeizige Herzog von Albany, Polinesso, verhindern. Dazu spinnt er eine Intrige: Polinesso wirbt um Ginevra, die ihn jedoch schroff zurückweist.Um sein Ziel dennoch zu erreichen, macht sich Polinesso an Dalinda heran, eine Hofdame Ginevras. In der Zwischenzeit treffen sich Ariodante und Ginevra im Schlossgraben, wo sich beide ihrer Liebe versichern. Der König erscheint und gibt Anweisung, alles für die bevorstehende Heirat vorzubereiten. Polinesso hat derweil Dalinda überredet, sich als Ginevra zu verkleiden und ihn in der Nacht in ihr Zimmer zu lassen. Als der Herzog gegangen ist, tritt Lurcanio auf, der Dalinda seiner aufrichtigen Liebe versichert.

Akt II:

Inzwiscchen ist es Nacht geworden: Polinesso möchte Ariodante glauben machen, dass Ginevra ihm untreu sei. Auf das veraberedete Zeichen hin lässt Dalinda, die als Ginevra verkleidet ist, den Betrüger in ihre Kammer. Die Tüschung gelingt: Ariodante hält Dalinda für Ginevra. In seiner Verzweiflung will Ariodante Selbstmord begehen, doch Lurcanio kann ign davon abhalte. Gemeinsam beschließen beide die Wahrheit auzudecken. Zunächst scheint jedoch Polinesso zu triumphieren.

In dem Augenblick als der König Ariodante zu seinem Nachfolger ernennen will, stürzt Odoardo in den Saal und überbringt die Nachricht von Ariodantes Selbstmord, dieser habe sich ins Meer gestürzt. Ginevra bricht daraufhin zusammen. Lurcanio bezichtigt Ginevra daraufhin des Ehebruchs. Ihr Vater verstösst sie und klagt sie an.

Akt III:

Ariodante hat sich aus dem Meer retten können und in einem Waldstück versteckt. Er wird Zeuge, wie zwei von Polinesso gedungene Attentäter Dalinda beseitigen wollen, die dem intriganten Herzog als Mitwisserin gefährlich werden kannn. Ariodante rettet Dalinda. Diese klärt ihn über den wahren Sachverhalt auf. DAraufhin eilen Dalinda und Ariodante zum Schloss, um die zum Tode verurteilte Ginevra zu retten. Ein Gottesurteil soll Ginevras Schuld oder Unschuld beweisen. Im Zweikampf tötet Lurcanio Polinesso. Ariodante und Dalinda treffen ein und klären die Intrige auf. Die Oper endet mit der festlichen Hochzeit Ariodantes und Ginevras.


Musikalische Höhepunkte

Zun den eindringlichsten Teilen des Ariodante gehört sicherlich Ariodantes Arie "Scherza infida", in der dieser seine Verzweiflung über Ginevras vermeintliche Untreue beklagt oder seine spätere Arie "Doppo notto", in der Ariodante seine wiedergewonnene Zuversicht besingt. Der Ariodante ist voller Kontraste: Heiterkeit und Optimismus im ersten Akt kontrastieren mit der Düsternis und Verzweiflung in den Akten Zwei und Drei.

Welche Aufnahmen, welche Arien schätzt Ihr besonders, werte Capricciosi? Zu der neuen Aufnahme kann ich leider erst etwas schreiben, wenn ich sie nochmal gründlich gehört habe ;+)
Aber es gibt ja nicht nur diese einspielung des Ariodante ....

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

2

Donnerstag, 7. Juli 2011, 15:46

Die Titelrolle sang Ann Murray, es dirigierte Ivor Bolton.


Diese Inszenierung gibt es auch auf DVD - mit Ann Murray:




Weitere Aufnahmen:

Nicolas McGeggan am Pult und Lorraine Hunt als Ariodante aus dem Jahr 1995:



Aus dem Jahr 1997 ist die Einspielung mit Anne Sofie von Otter und Marc Minkowski:



:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

3

Donnerstag, 7. Juli 2011, 18:53

Hallo Christian,

die obige Aufnahme mit Murray Bolton ist anscheinend in meinem Besitz und ich habe sie gerne gehört. Allerdings weise ich darauf hin, daß diese DVD in der Zweitausendeins Opern DVD Collection wieder veröffentlicht wurde und da habe ich sie gekauft. Dort kostet sie nur 10 Euro.

Gruß Malcolm
Der Hedonismus ist die dümmste aller Weltanschauungen und die klügste aller Maximen.

Caesar73

Weltenbummler

  • »Caesar73« ist männlich

Beiträge: 2 173

Wohnort: Südliche Weinstraße - um die Ecke links

  • Nachricht senden

4

Donnerstag, 7. Juli 2011, 19:11

Allerdings weise ich darauf hin, daß diese DVD in der Zweitausendeins Opern DVD Collection wieder veröffentlicht wurde und da habe ich sie gekauft. Dort kostet sie nur 10 Euro.


Danke für den Tipp Malcolm! Und wenn es die Produktion auch günstiger gibt, so spricht ja nichts dagegen, die günstigere Ausgabe zu kaufen.

Ein Satz noch zu David Alden: es liefen direkt hintereinander zwei Inszenierungen Aldens: Freitags in der Staatsoper der Ariodante und Samstags im Prinzregententheater der Rinaldo. Während ich die Inszenierung des Ariodante in sich stimmig fand, empfand ich bei Aldens Rinaldo viele Effekte ausgesprochen aufgesetzt. Die Gegensätzlichkeit zweier Inszenierungen desselben Regiesseurs hat mich damals sehr erstaunt. Was vermutlich auch daran lag, dass ich beide direkt hintereinander gesehen hatte.

:wink: :wink:

Christian
Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

Cato der Ältere

5

Donnerstag, 7. Juli 2011, 20:15

Mit Erlaubnis des thread-Starters stell ich hier eine weniger ernsthafte Inhaltsangabe ein, mit der ich mich 2004 auf den Besuch des "Ariodante" in Frankfurt (Inszenierung Achim Freyer) vorbereitete.

Georg Friedrich Händel: ARIODANTE

London im Jahr 1735: Die Komposition des Ariodante fällt in eine schwierige Zeit in Händels Schaffen: zum zweiten Mal scheiterte eine Opernhausgesellschaft, die er in
London gegründet hatte, außerdem wurde das Londoner Publikum immer ablehnender gegenüber italienischsprachigen Opern, wohl nicht wegen der Sprache sondern wegen
der Starallüren der italienischen Sänger.

Die Handlung des Ariodante – in recht kurzer Zeit komponiert, 4 Monate – basiert auf einer Geschichte aus "Orlando furioso“. Der Verfasser des Operntextes ist nicht bekannt, es ist gut möglich, dass Händel selbst das Libretto eingerichtet hat.
Die Oper führt uns in eine späte Ritterwelt Schottlands, das Intrigenspiel des Bösewichts sorgt für Spannung, zwischen den hemmungslosen, ausführlichen Gefühlsausbrüchen der Personen, - man nennt das „Arie“ - sorgen Tanzsätze für Abwechslung - oder Erholung ?!

wir befinden uns am schottischen Hof im 16. Jahrhundert.
die Personen:
- König Arthur von Schottland, Baß: der weise, gerechte König. er repräsentiert auch die englischen Könige
- Ginevra, Tochter: heiter, ein wenig selbstverliebt und mit schlechten Nerven
- deren Hofdame Dalinda, Sopran
- Ariodante, Prinz: Mezzosopran, Altus: ehrentugendhafter Ritter, Naturliebhaber und Romantiker
- Lurcanio, sein Bruder: ähnliches Kaliber
- Polinesso, Herzog, Sopran: der Bösewicht vom Dienst, Heuchler, Intrigant
- Odoardo, Höfling Tenor
desweiteren ein „echter Chor“, was Neues zu der Zeit: Ariodante ist die erste Oper mit mehrfach besetztem Chor

1. Akt
Ginevra mit Dalinda singt über ihre Liebe zu Ariodante, der als Thronfolger vorgesehen ist. Polinesso gesteht Ginevra seine Liebe unverblümt, auch er macht sich
Hoffnung auf den Thron, und wird von Ginevra erstaunt abgewiesen.

Ariodante ergeht sich in den königlichen Gärten, Ginevra kommt dazu und die beiden stimmen ein Liebesduett an, das durch den König unterbrochen wird. Er
bestätigt, dass er sich keinen besseren Thronfolger und Schwiegersohn vorstellen kann und gibt Anweisung, die Hochzeit vorzubereiten.

Polinesso beginnt sein Intrigenspiel: Er täuscht Dalinda seine Liebe vor und bittet sie, Ginevras Kleider anzuziehen und auf ihn zu warten.
Lurcanio, der Bruder Ariodantes, tritt auf und gesteht Dalinda seine Liebe, sie ist erstaunt und teilt ihm mit, dass sie sich einem anderen Mann verpflichtet fühlt.
Der erste Akt schließt mit einer idyllischen Schäferszene: Ginevra und Ariodante gehen spazieren, umgeben vom tanzenden Chor

2. Akt
Mondnacht

Dalinda empfängt Polinesso in Ginevras Kleidung.
Polinesso behauptet Ariodante gegenüber, Ginevra würde ihn mit Lurcanio und anderen Männern betrügen. Ariodante entrüstet, droht Polinesso zu töten, wenn sich die
Anschuldigungen gegen seine Braut und seinen Bruder als falsch herausstellen.

Er sieht wie Dalinda, in Ginevras Kleidung, Polinesso die Tür öffnet, und ist völlig verzweifelt. Lurcanio versucht ihn zu beruhigen, doch Ariodante zweifelt jetzt an Ginevras Treue.
Mittlerweile singt Polinesso Dalinda ein geheucheltes Liebesständchen.
Der König kündigt die Hochzeit an, da stürzt Odoardo herein und meldet, dass sich Ariodante aus Verzweiflung ins Meer gestürzt habe.
Ginevra bricht ohnmächtig zusammen.
King Arthur versichert Lurcanio, dass er Thronfolger werden kann, aber Lurcanio geht darauf nicht ein, er will dass die treulose Ginevra, die für Ariodantes Selbstmord verantwortlich sei, bestraft wird. Auch der König wendet sich jetzt von seiner Tochter ab, die er als Dirne beschimpft.
Ginevra bleibt völlig verzweifelt zurück.
3. Akt Wald
Ariodante wird zu seinem Verdruss von der einsetzenden Flut ans Ufer gespült. In fremder Kleidung (das wird wohl Strandgut sein), stolpert er durch den Wald und hadert mit seinem Schicksal, dass er noch lebt. Plötzlich rennt die schreiende Dalinda an ihm vorbei. Ihr auf den Fersen mehrere Profikiller, von Polinesso gedungen, der die Mitwisserin ausschalten will. Ariodante weiß, was sich gehört und erledigt die Killer. Dalinda erzählt ihm von ihrer Verkleidung und versichert ihm Ginevras Unschuld.
Szenenwechsel: Odoardo versucht den König zu bewegen, sich mit seiner Tochter zu versöhnen. Sie ist in ihrem Kinderzimmer eingeschlossen, wo sie aus Gram und Verzweiflung
sterben will. Der gerechte, unbestechliche König unterschreibt ihr Todesurteil. Wie’s der Brauch ist, kann Ginevra aber einen Ritter für sich kämpfen lassen, wenn ihr Streiter siegt, darf sie leben. Polidoro will für Ginevra kämpfen; Ginevra lehnt ab, sie will lieber sterben, als sich von Polidoro verteidigen zu lassen. Da aber Polidoro nun schon mal in voller Montur und mit Streitroß angetreten ist, kämpft er trotzdem. Gegen Lurcanio. Polidoro gibt sterbend seine Missetat zu.

Nun will der König selbst den Verteidigungskampf für seine Tochter austragen. Ariodante tritt auf und stellt sich dem Kampf. Das Visier der fremden Rüstung, die er am Meer aufgesammelt hat, klemmt, und gerade noch rechtzeitig erkennt er, dass er jetzt gegen seinen Bruder kämpfen müsste. Er beteuert Ginevras Unschuld.
Lurcanio will auch noch was sagen, nämlich dass er Dalinda liebt.
Der König besucht seine Tochter in ihrem Kinderzimmer und teilt ihr mit, dass sie ihren Prinzen heiraten darf. Ariodante bereut, dass er an der Treue seiner Braut zweifelte.
Fest. Doppelhochzeit.

INSZENIERUNG
Achim Freyer hat sich die Inszenierung zu seinem 70. Geburtstag geschenkt. Er verwendet Elemente des Barocktheaters, teilweise auch verfremdet. Wir sehen ein treppenartiges Bühnenbild, das sind die hochgeklappten Gassen des barocken Bühnenaufbaus, an beiden Seiten durch gestaffelte Vorhänge abgeschlossen.
Er zitiert Elemente der barocken Kunst, z.B. am Ende des 1. Akts und am Schluß begrüßt der Chor die glücklichen Paare mit Seifenblasen. Damit beabsichtigt Achim Freyer nicht die Überzeichnung, karikierende Übertreibung der freudigen Stimmung, sondern die Seifenblase ist DAS Sinnbild der Barockzeit für Vergänglichkeit, Seifenblasen des Glücks, das flüchtig, ungreifbar ist.
In dem übereinandergestaffelten Bühnenaufbau agieren die Sänger, von denen der Zuschauer nur die Gesichter und Hände sieht. die Gesichter sind maskenhaft geschminkt, die Körper sind über die Brüstung hängende Puppenkleider. die Figuren bewegen sich wie Marionetten; die stilisierte Gestik der Hände unterstreicht die strengen Formen der Musik.
Die Bewegungsabläufe der Bilder sind genau durchdacht und ausgefeilt und orientieren sich an der musikalischen Dramaturgie: Händel hat in Ariodante keine Aneinanderreihung der einzelnen Szenen komponiert – eine oder zwei Personen singen ihre Arie, gehen von der Bühne, die nächste Person tritt auf, singt - sondern viele Szenen gehen ineinander über, so auch die Bilder.
Besonders auffällig sind die extremen Seelenzustände der Personen. Händel war weit über das zeitgenössische Maß am Gefühlsleben der Figuren interessiert. er lotete Gefühlsverwirrungen aus, die erst bei Gluck und Mozart so wieder auftauchen. Die Arien schildern die Seelenzustände der Personen. Freyer setzt dieses sehr Gefühlsbetonte bildlich sehr plakativ um z.B. mit Hilfe der Beleuchtung. z.B. nach dem 1. Akt, wenn Polinesso mit seinen Intrigen beginnt, wird es nachtschwarz. Bei der Wahnsinnsszene der Ginevra werden die Figuren im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“, sie kippen in die Waagrechte und beginnen zu schweben. Die Inszenierung lebt von solchen Effekten und lässt den Zuschauer schwanken zwischen Irritation und Faszination.
"Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337

6

Freitag, 8. Juli 2011, 17:40

ein paar kleine Ergänzungen zur personnage:

Zitat

- König Arthur von Schottland, Baß: der weise, gerechte König. er repräsentiert auch die englischen Könige
...will sich freiwillig zu Ruhe setzen. Für Könige im allgemeinen und solche von den britischen Inseln im besonderen ein eher atypisches Verhalten. Glaubt im übrigen alles, was man ihm erzählt und handelt unreflektiert nach dem Augenschein, hat daher einige wichtige Eigenschaften für weise Könige oder andere Manager

Zitat

- Ginevra, Tochter: heiter, ein wenig selbstverliebt und mit schlechten Nerven
...im übrigen "das Opfer", man fragt sich, wieso sie den Ariodante am Ende noch will

Zitat

- deren Hofdame Dalinda, Sopran
...fällt auf den Bösewicht Polinesso herein, spielt die zentrale Rolle in dessen Intrigenspiel, ist somit entweder naiv-dumm oder selber intrigant und wird zum Schluß dafür auch noch belohnt, indem sie den Lurcanio abbekommt und auf diese Weise "HRH" wird.

Zitat

- Ariodante, Prinz: Mezzosopran, Altus: ehrentugendhafter Ritter, Naturliebhaber und Romantiker
...designirter Nachfolger und Schwiegersohn King Arthurs, glaubt wie dieser auch alles und ist damit würdig für sein zukünftiges Amt. Kann schön singen.

Zitat

- Lurcanio, sein Bruder: ähnliches Kaliber
... verlobt sich zum Schluß mit Dalinda, trotz deren anrüchiger Rolle in den vorherigen Akten. Das ist allerdings auch die einzige noch übrigbleibende Frau. Was will er also machen...? Besser das Huhn im Bett als der saure Apfel auf dem Dach.

Zitat

- Polinesso, Herzog, Sopran Altus: der Bösewicht vom Dienst, Heuchler, Intrigant
...unterliegt Tenor Lurcanio im Zweikampf, was ein happy end ermöglicht. Wie wär's wohl ausgegangen, wenn der Polinesso ein handfester Bass gewesen wäre...?

Zitat

- Odoardo, Höfling Tenor
...mehr kann man über ihn nicht sagen. Tenor.

Alle zusammen: haben einen Hang zu schwer nachvollziehbaren Handlungen. Unter "normalen" Menschen hätte Ginevra Ariodante in der Pfeife geraucht und Lurciano geheiratet (der Einzige, der etwas für sie getan hat), Dalinda wäre ins Kloster gegangen und Ariodante hätte sich dem Suff ergeben. Aber wer ist in der Oper schon "normal"?
viele Grüße

Bustopher


_____________________________________

HIC SITVS EST PHAETHON CURRUS AVRIGA PATERNI
QUEM Sl NON TENUIT MAGNlS TAMEN EXCIDIT AUSIS

7

Sonntag, 10. Juli 2011, 13:09

Hallo zusammen,

ich habe in einigen Äußerungen schon mal meine Begeisterung für den Göttinger Ariodante unter McGegan mit Lorraine Hunt (damals noch unverheiratet) geäußert. Das hat sicher mehr mit dem Live-Erlebnis als mit der Aufnahme zu tun, die mich zu einem emotional sehr erreichbaren Zeitpunkt erwischt hat. Auf der Bühne hatte man den Eindruck, dass das alles gar kein (Musik-)Theater ist. Wenn man den (sicher musikalisch überzeugendsten) 2. Akt nimmt, den Ariodante mit einer stolzen Heldenarie beginnt, worauf er kurz danach den vermeintlichen Betrug seiner Verlobten erleben muss. Er wird von seinem Tenor-Bruder am Selbstmord gehindert, danach kommt dann die wichtige Arie 'Scherza infida', einem Stück des zerstörten Glaubens an die Treue und die Liebe und der Verletztheit darüber. Alle weiteren Arien des Aktes reagieren auf den vermeintlichen Selbstmord der Titelperson in der ersten Hälfte des 2. Akts.

Wie schon die lezten Beiträge im Thread nachgetragen haben, aus heutiger Sicht scheint das Handeln und Verhalten der Figuren nicht wirklich gut nachvollziehbar zu sein, viele der Reaktionen wirken wie aus einem Märchenbuch, alle sind gutgläubig, bereit, emotional auf unglaubwürdige Situationen zu reagieren. Das muss man bei dieser Oper aushalten können, deswegen war die 'unkritische Nicht-Hinterfragung' des Stücks durch die Inszenierung in Göttingen auch so überzeugend: das Stück erreicht in derartiger Qualität der musikalischen Umsetzung jedes taube Herz. Der 'Ariodante' ist halt ein ironiefreies Stück und das gilt eben auch für diese große Arie 'Scherza infida'.

Das Freiburger Barockorchester macht sich als Opernbegleitung ganz hervorragend, das haben sie auch außerhalb Göttingens immer wieder bewiesen, ich kann die Variabilität in Lautstärke und Agogik aber nicht genug loben- ich halte sie für einen Verdienst von Nicholas McGegan, den ich als Dirigent viele Jahre genossen habe.

Die Sängerinnnen und Sänger der Aufnahme sind ganz außerordentlich gut auf die Rollen passend ausgesucht, aber der große Gewinn dieser Aufnahme ist Lorraine Hunt in der Titelrolle, die mit einer Expressivität und emotionalen Anteilnahme an der Musik ihre Arien singt, die ich im barocken Umfeld nur ganz selten gehört habe. Zudem sitzt die Rolle zum Zeitpunkt der Aufnahme perfekt in der Stimme, da ist jeder Ton gelebt. Und Händels Musik hat ihrem Können eine perfekte Folie geboten. Es gibt einige Aussagen über Lorraine Hunt, die man nicht wirklich glauben möchte, aber sie sind richtig: Regisseur Peter Sellars hat sie als 'tobenden Waldbrand' beschrieben, und das trifft das Außerordentlich intensive ihres Musizierens ganz vortrefflich. Charles Michener hat für den New Yorker geschrieben, dass mit ihrem Tod 2006 eine der leuchtendsten Stimmen Amerikas ausgelöscht worden ist und das trifft es ganz gut: 'As with Maria Callas, whom she matched in volcanic intensity, her performances took you so deeply into what she was singing about that the experience verged on voyeurism ... Listen to her rendition of 'Lord, to thee each night and day' from the oratorio Theodora ... and you will feel that mankind may be redeemable after all'.

Aber auch alle Sängerinnen und Sänger machen ihre Sache ganz gut, man ist erstaunt mit Juliana Gondek eine Sopranistin mit einem recht großen Vibrato die Ginevra singen zu hören, aber auch bei ihr gilt, dass sie dem emotionalen Gehalt sehr nahe kommt. Lisa Saffer als 'eigentlich unschuldige' Betrügerin (aus Liebe zum Schuft Polinessa) Dalinda hat mit ihrer sehr charmanten Stimme einen perfekten Einsatz als seconda donna, Jennifer Lane als Schuft macht ihre Rolle ganz hervorragend, Rufus Müller gibt den Lurcanio sehr edel, wie diese Partie eben angelegt, Nicholas Cavallier tut das mit dem König ebenso.

Wie dem Titelbild zu entnehmen ist, war die Aufführung in barocken Kostümen und mit barocken Tänzern versehen, die die 'Alpträume' der Ginevra und einige andere Balletteinlagen sehr plausibel dargestellt haben.

Es gibt ja eine ganze Menge anderer Spitzensänger, die sich an die Arie 'Scherza infida' im Rahmen von Recitals oder Gesamtaufnahmen gewagt haben, aber aus meiner Sicht kann niemand die emotionale Auswirkung der Handlung auf die Hauptperson so glaubwürdig gestalten wie Lorraine Hunt: Ich kenne die Aufnahmen der von mir sehr geschätzen Magdalena Kozena und Joyce Di Donato (das Furore-Programm) und kann sagen, dass sie es wunderbar singen und mit teilweise traumhaft langsamen tempi an diese Arie herangehen, doch fehlt die emotionale Unbedingtheit von Lorraine Hunt. Und live hat sie sich damals noch viel mehr getraut als auf der Aufnahme. Nicholas McGegan hat anlässlich seines Abschiedes nach fast 25 Jahren in Göttingen nach dem intensivsten Moment Lorraine Hunt mit 'Scherza infida' genannt. Und in Göttingen hat er einige weitere phantastische Sänger präsentiert, die sicher großartige Momente hervorgezaubert haben, aber dieser Ariodante ist dann doch etwas ganz Eigenes.

LG Benno

Counter:

Hits pro Tag: 4 592,53 | Klicks pro Tag: 13 550,58