Mit Erlaubnis des thread-Starters stell ich hier eine weniger ernsthafte Inhaltsangabe ein, mit der ich mich 2004 auf den Besuch des "Ariodante" in Frankfurt (Inszenierung Achim Freyer) vorbereitete.
Georg Friedrich Händel: ARIODANTE
London im Jahr 1735: Die Komposition des Ariodante fällt in eine schwierige Zeit in Händels Schaffen: zum zweiten Mal scheiterte eine Opernhausgesellschaft, die er in
London gegründet hatte, außerdem wurde das Londoner Publikum immer ablehnender gegenüber italienischsprachigen Opern, wohl nicht wegen der Sprache sondern wegen
der Starallüren der italienischen Sänger.
Die Handlung des Ariodante – in recht kurzer Zeit komponiert, 4 Monate – basiert auf einer Geschichte aus "Orlando furioso“. Der Verfasser des Operntextes ist nicht bekannt, es ist gut möglich, dass Händel selbst das Libretto eingerichtet hat.
Die Oper führt uns in eine späte Ritterwelt Schottlands, das Intrigenspiel des Bösewichts sorgt für Spannung, zwischen den hemmungslosen, ausführlichen Gefühlsausbrüchen der Personen, - man nennt das „Arie“ - sorgen Tanzsätze für Abwechslung - oder Erholung ?!
wir befinden uns am schottischen Hof im 16. Jahrhundert.
die Personen:
- König Arthur von Schottland, Baß: der weise, gerechte König. er repräsentiert auch die englischen Könige
- Ginevra, Tochter: heiter, ein wenig selbstverliebt und mit schlechten Nerven
- deren Hofdame Dalinda, Sopran
- Ariodante, Prinz: Mezzosopran, Altus: ehrentugendhafter Ritter, Naturliebhaber und Romantiker
- Lurcanio, sein Bruder: ähnliches Kaliber
- Polinesso, Herzog, Sopran: der Bösewicht vom Dienst, Heuchler, Intrigant
- Odoardo, Höfling Tenor
desweiteren ein „echter Chor“, was Neues zu der Zeit: Ariodante ist die erste Oper mit mehrfach besetztem Chor
1. Akt
Ginevra mit Dalinda singt über ihre Liebe zu Ariodante, der als Thronfolger vorgesehen ist. Polinesso gesteht Ginevra seine Liebe unverblümt, auch er macht sich
Hoffnung auf den Thron, und wird von Ginevra erstaunt abgewiesen.
Ariodante ergeht sich in den königlichen Gärten, Ginevra kommt dazu und die beiden stimmen ein Liebesduett an, das durch den König unterbrochen wird. Er
bestätigt, dass er sich keinen besseren Thronfolger und Schwiegersohn vorstellen kann und gibt Anweisung, die Hochzeit vorzubereiten.
Polinesso beginnt sein Intrigenspiel: Er täuscht Dalinda seine Liebe vor und bittet sie, Ginevras Kleider anzuziehen und auf ihn zu warten.
Lurcanio, der Bruder Ariodantes, tritt auf und gesteht Dalinda seine Liebe, sie ist erstaunt und teilt ihm mit, dass sie sich einem anderen Mann verpflichtet fühlt.
Der erste Akt schließt mit einer idyllischen Schäferszene: Ginevra und Ariodante gehen spazieren, umgeben vom tanzenden Chor
2. Akt Mondnacht
Dalinda empfängt Polinesso in Ginevras Kleidung.
Polinesso behauptet Ariodante gegenüber, Ginevra würde ihn mit Lurcanio und anderen Männern betrügen. Ariodante entrüstet, droht Polinesso zu töten, wenn sich die
Anschuldigungen gegen seine Braut und seinen Bruder als falsch herausstellen.
Er sieht wie Dalinda, in Ginevras Kleidung, Polinesso die Tür öffnet, und ist völlig verzweifelt. Lurcanio versucht ihn zu beruhigen, doch Ariodante zweifelt jetzt an Ginevras Treue.
Mittlerweile singt Polinesso Dalinda ein geheucheltes Liebesständchen.
Der König kündigt die Hochzeit an, da stürzt Odoardo herein und meldet, dass sich Ariodante aus Verzweiflung ins Meer gestürzt habe.
Ginevra bricht ohnmächtig zusammen.
King Arthur versichert Lurcanio, dass er Thronfolger werden kann, aber Lurcanio geht darauf nicht ein, er will dass die treulose Ginevra, die für Ariodantes Selbstmord verantwortlich sei, bestraft wird. Auch der König wendet sich jetzt von seiner Tochter ab, die er als Dirne beschimpft.
Ginevra bleibt völlig verzweifelt zurück.
3. Akt Wald
Ariodante wird zu seinem Verdruss von der einsetzenden Flut ans Ufer gespült. In fremder Kleidung (das wird wohl Strandgut sein), stolpert er durch den Wald und hadert mit seinem Schicksal, dass er noch lebt. Plötzlich rennt die schreiende Dalinda an ihm vorbei. Ihr auf den Fersen mehrere Profikiller, von Polinesso gedungen, der die Mitwisserin ausschalten will. Ariodante weiß, was sich gehört und erledigt die Killer. Dalinda erzählt ihm von ihrer Verkleidung und versichert ihm Ginevras Unschuld.
Szenenwechsel: Odoardo versucht den König zu bewegen, sich mit seiner Tochter zu versöhnen. Sie ist in ihrem Kinderzimmer eingeschlossen, wo sie aus Gram und Verzweiflung
sterben will. Der gerechte, unbestechliche König unterschreibt ihr Todesurteil. Wie’s der Brauch ist, kann Ginevra aber einen Ritter für sich kämpfen lassen, wenn ihr Streiter siegt, darf sie leben. Polidoro will für Ginevra kämpfen; Ginevra lehnt ab, sie will lieber sterben, als sich von Polidoro verteidigen zu lassen. Da aber Polidoro nun schon mal in voller Montur und mit Streitroß angetreten ist, kämpft er trotzdem. Gegen Lurcanio. Polidoro gibt sterbend seine Missetat zu.
Nun will der König selbst den Verteidigungskampf für seine Tochter austragen. Ariodante tritt auf und stellt sich dem Kampf. Das Visier der fremden Rüstung, die er am Meer aufgesammelt hat, klemmt, und gerade noch rechtzeitig erkennt er, dass er jetzt gegen seinen Bruder kämpfen müsste. Er beteuert Ginevras Unschuld.
Lurcanio will auch noch was sagen, nämlich dass er Dalinda liebt.
Der König besucht seine Tochter in ihrem Kinderzimmer und teilt ihr mit, dass sie ihren Prinzen heiraten darf. Ariodante bereut, dass er an der Treue seiner Braut zweifelte.
Fest. Doppelhochzeit.
INSZENIERUNG
Achim Freyer hat sich die Inszenierung zu seinem 70. Geburtstag geschenkt. Er verwendet Elemente des Barocktheaters, teilweise auch verfremdet. Wir sehen ein treppenartiges Bühnenbild, das sind die hochgeklappten Gassen des barocken Bühnenaufbaus, an beiden Seiten durch gestaffelte Vorhänge abgeschlossen.
Er zitiert Elemente der barocken Kunst, z.B. am Ende des 1. Akts und am Schluß begrüßt der Chor die glücklichen Paare mit Seifenblasen. Damit beabsichtigt Achim Freyer nicht die Überzeichnung, karikierende Übertreibung der freudigen Stimmung, sondern die Seifenblase ist DAS Sinnbild der Barockzeit für Vergänglichkeit, Seifenblasen des Glücks, das flüchtig, ungreifbar ist.
In dem übereinandergestaffelten Bühnenaufbau agieren die Sänger, von denen der Zuschauer nur die Gesichter und Hände sieht. die Gesichter sind maskenhaft geschminkt, die Körper sind über die Brüstung hängende Puppenkleider. die Figuren bewegen sich wie Marionetten; die stilisierte Gestik der Hände unterstreicht die strengen Formen der Musik.
Die Bewegungsabläufe der Bilder sind genau durchdacht und ausgefeilt und orientieren sich an der musikalischen Dramaturgie: Händel hat in Ariodante keine Aneinanderreihung der einzelnen Szenen komponiert – eine oder zwei Personen singen ihre Arie, gehen von der Bühne, die nächste Person tritt auf, singt - sondern viele Szenen gehen ineinander über, so auch die Bilder.
Besonders auffällig sind die extremen Seelenzustände der Personen. Händel war weit über das zeitgenössische Maß am Gefühlsleben der Figuren interessiert. er lotete Gefühlsverwirrungen aus, die erst bei Gluck und Mozart so wieder auftauchen. Die Arien schildern die Seelenzustände der Personen. Freyer setzt dieses sehr Gefühlsbetonte bildlich sehr plakativ um z.B. mit Hilfe der Beleuchtung. z.B. nach dem 1. Akt, wenn Polinesso mit seinen Intrigen beginnt, wird es nachtschwarz. Bei der Wahnsinnsszene der Ginevra werden die Figuren im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“, sie kippen in die Waagrechte und beginnen zu schweben. Die Inszenierung lebt von solchen Effekten und lässt den Zuschauer schwanken zwischen Irritation und Faszination.