Das Theater der Stadt Heidelberg wird seit diesem Sommer von Grund auf erneuert und umgebaut; als Provisorium dient nun ein eigens dafür errichtetes Opernzelt, in dem nun bis 2012 Heidelberger Musiktheater zu bewundern ist.
Zu bewundern gab es gestern für mich viel: Ich besuchte eine Vorstellung der Zauberflöte, die am 7.10.09 Premiere gefeiert hatte. Um es vorwegzunehmen: Eine derart schlüssige und kreative Regieleistung habe ich bislang nur selten erlebt: Zu verdanken ist das dem erst 29jährigen Nachwuchstalent Tobias Kratzer und einem Ensemble, das sein Konzept lebendig umzusetzen wußte.
Eine Schilderung des Abends in allen Details ist mir unmöglich. Im Wesentlichen: Die Bühne bildete ein zunächst verschlossenes Varieté-Theater, angesiedelt in einem imaginären Amerika um 1920: Es ist das aus Kafkas Roman Der Verschollene bekannte Naturtheater von Oklahoma. Karl Roßmann alias Tamino findet sich als Reisender vor dem Eingang wieder - groß geschrieben steht da "Jeder wird gerettet!" statt wie bei Kafka: "Jeder ist willkommen!" - und wurde Opfer eines Überfalls, nein, nicht eine Schlange war’s, sondern drei schwarz maskierte Gestalten, die Tamino mit Messern bedrohten. Die Räuber entpuppten sich schnell als die drei Damen, die Tamino also vor eben der Gefahr retteten, die sie selbst vorgegaukelt hatten.
In dieser Weise setzt es sich fort: Papageno ist ein Penner, die Königin der Nacht ein abgehalfterter und dem Alkohol verfallener Star. Jeder hat seine Show: Während die Show „La reine de la nuit“ abgesagt ist, bleiben „Pamina. Die Todesprüfung“ und „Monostatos. Der wilde Mann“ im Programm.
Es gibt zwei Drehbühnen und Türen und Wände, die sich laufend verändern und ein höchst flexibles Bühnenbild schaffen (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier): eindrucksvoll!
Das mag zunächst wie ein weiterer gekünstelter Versuch eines jungen Regisseurs erscheinen, ein altes Werk mit neuen einfällen zu bereichern, Hauptsache: originell – aber so war es nicht. Die Idee des Varietés greift Aspekte von Schikaneders Volkstheaters auf, allerdings schlüpft der Theaterdirektor hier in die Rolle des zynischen Direktors mit Zuhältergehabe: Menschlichkeit verdeckt Brutalität: Die Inszenierung ist konsequent und das funktioniert überraschend gut!
Zauber und Gaukeleien spielen eine wichtige Rolle, sie sind lustig und sind Teil einer höchst unterhaltsamen Aufführung, doch hinter der Maske der Heiterkeit wird auch Unheimliches sichtbar: Mir scheint, daß das Konzept, das die groteske Phantasiewelt Franz Kafkas wie eine Folie über das alte Volkstheater legt, macht auf diese weise Schichten bemerkbar, die ich schon seit langem hinter der Fassade vermutet habe. Daß dies aber in kreative Bilder übersetzt wurde und die Art, wie das geschieht, fasziniert mich.
Auch musikalisch war der Abend nicht ohne Glanz (auch wenn bei diesem vielgespielten Werk, an das sich schon so viele Große gewagt haben, der Vergleich schwer ist): Wilfried Staber als Sarastro: kein schöner Baß, aber in seiner Knarzigkeit rollengerecht, Emilio Pons als Tamino: glaubwürdig und anrührend, Silke Schwarz als Pamina: eher zupackend als zerbrechlich, Sebastian Geyer als Papageno: überraschend melancholisch, Nili Riemer als Königin der Nacht: viel Vibrato, koloraturensicher, sehr menschlich. Winfried Minkus als Monostatos: strahlend.
Orchester und Chor unter dem GMD Cornelius Meister: schwungvoll, musikantisch, überzeugend.
Die Zauberflöte wird noch mehrfach bis zum Juli 2010 gegeben (sicher auch darüber hinaus): Ich werde mit Sicherheit wieder hineingehen und rate allen Opernbegeisterten, für die Heidelberg erreichbar ist, sich dieses wunderbare Spektakel nicht entgehen zu lassen!