Ich habe ja andernorts schon angesprochen, dass ich die krampfhafte Verfilmung an den vermeintlichen Originalschauplätzen für ausgemachten Schwachsinn halte, dessen Bewunderung nur die Apologeten der angeblichen Werktreue entlarvt. Bekanntlich ist die Vorlage des Werkes Victor Hugos Versdrama TRIBOULET, das am Hofe des (erzhässlichen) Frauenhelden qua Titel, Francois I, in Paris spielt. Verdi und Piave wurden erst von der Zensur gezwungen, den Schauplatz in ein eher mythisches Mantua zu verlegen. Diesen Ort jetzt als Originalschauplatz des Dramas auszugeben, entspricht ungefähr einem angeblichen Dokumentarfilm über den Mord an einem englischen Gouverneur in Boston während eines Maskenballs - oder eben dem sagenhaften Sprung von der Engelsburg in den Tiber, wo Tosca vermutlich schwimmend davon kam, sich aber eine Lungenentzündung holte und zur Traviata wurde.
Bei der Besichtigung der gesamten Aufführung hat sich diese Befürchtung bestätigt. Die Hersteller des Films haben zwar recht adäquate Kulissen für das Drama gefunden, aber authentisch wirkten nur die Beschwernisse der Produktion, die man überall bemerkte, von der schweißtreibenden Hitze der Scheinwerfer bei den Aufnahmen bis hin zu den Regengüssen, die vor allem Grigolo immer wieder in Richtung seiner Partner absonderte. Vielleicht sind sie bei Live-Aufnahmen schwer zu vermeiden, aber warum solche Anstrengungen machen, wenn doch der eklatante Widerspruch zwischen dem Kunstwerk Oper, das ja auch ein wissentliches Element des Künstlichen, nämlich der Abstraktion der Vorgänge und Gefühle mit sich bringt, und dem unsinnigerweise behaupteten Realismus im Detail aus jeder Einstellung gellt? Was hat man von den Live-Problemen, wenn der visuelle Anschein in jeder Einstellung deutlich dagegen spricht, dass hier eine echte Live-Aufführung vor Publikum stattfindet?
Dieser Widerspruch ist allerdings auch ein Faktor in der Qualität des Films, die mir in den bisherigen Beiträgen in drei Foren etwas kurz kam, nämlich der filmischen. Tatsächlich hat der versierte Filmregisseur Marco Bellocchio (SALTO NEL VUOTO, LA CINE E VICINA) die Charaktere der Geschichte besser erfasst und zu zeichnen gewusst als die meisten Theaterregisseure. Unterstützt von dem meisterhaften Kameramann Vittorio Storaro (APOCALYPSE NOW u.v.a.), schuf er teilweise großartige Bildsequenzen, die zum Glück in den meisten Hauptdarstellern (Grigolo ausgenommen, bei dem nur die Optik in das Konzept passte) adäquate Verkörperungen fanden. Gab es je eine bessere Maddalena auf einem Bildschirm? Mit (auch musikalisch) so albernen Szenen wie dem Entführungschor konnte auch Bellocchio nichts anfangen, aber ich kenne keine Inszenierung, in der das glaubhaft über die Rampe kommt, auch nicht die ansonsten vorbildliche von Ponnelle. Vor allem Placido Domingo und Ruggero Raimondi wussten ihre mittlerweile eklatanten stimmlichen Defizite großartig durch schauspielerischen Einsatz teilweise zu überspielen, wenn auch nicht zu kompensieren. Visuell war die Aufführung also in der Tat ein lohnendes Erlebnis, wenigstens solange die mäßigen musikalischen Leistungen gerade in den eigentlich großartigen längeren Stücken wie den Duetten zwischen Rogoletto und seiner Tochter nicht doch große Langeweile aufkommen ließen.
Womit wir bei der Hauptschwäche der Aufführung wären, die bei einer Oper nun mal den Kern ausmacht: der Musik. Ich kann angesichts meiner sehr bescheidenen Erwartungen an ein solches "Ereignis" nicht sagen, dass ich enttäuscht wurde, denn da haben mich schon Mehtas TOSCA in der Engelsburg und seine TURANDOT in Peking vorgewarnt. Mehtas Orchesterleitung war, wie fast immer bei solchen Monsterprogrammen, auf die er abonniert zu sein scheint, nicht wirklich schlecht, aber arg pauschal und wenig bemerkenswert - im Positiven wie im Negativen. Grigolo entsprach in angenehmer Weise dem Konzept des jugendlichen Leichtsinnigen - allerdings nur vom Aussehen her. Sobald es an die Stimmgestaltung ging, blieb er blass, wenn er nicht gar unangenehm ins Greinen verfiel, wie bei "Ella mi fu rapita". Unter den Hautpersonen war er für mich eindeutig die größte Schwachstelle.., und ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemals der Qualität eines Villazon oder har Domingo (zu dessen großen Zeit als Tenor) nahe kommen wird, sei es stimmlich oder schauspielerisch.
Über die Fehlbesetzung Placido Domingos wurde schon genug gesagt. Ich habe an einem anderen Ort seinen Mut bewundert, sich im hohen Alter und angesichts des Verblassens seiner einst eindrucksvollen Tenorstimme ein neues Repertoire zu erobern, statt immer wieder das alte auf einträglichen Gastauftritten abzunudeln. Ich stehe dazu, dass er in mir seiner heutigen Form als Rigoletto in Mantua lieber ist denn als zu alter Duca in Mantua. Das heißt aber nicht, dass ich ihn gut beraten finde, ihn tatsächlich zu singen, denn die Tessitur der Rigoletto ist eine ganz andere als die des SIMON BOCCANEGRA, der schon ein Grenzfall war. Den hat er aber für meine Begriffe sehr beeindruckend bewältigt - und zwar in jeder Station von Berlin bis Madrid überzeugender. Dem Rigoletto fehlte aber leider alles, denn da ist ein nachgerade stentorhafter Bariton Pflicht, etwa in dem verschenkten "Vendetta"-Duett. Als verkappte Tenorarie funktioniert auch das "Cortigiani! nicht, so gut Domingo sie auch gestaltet. So ruinierte er fast alle Glanznummern des Titelhelden, und nicht alles lässt sich durch eine - zugegeben beeindruckende - Darstellung kompensieren -auch nicht, wenn man ihm die Gegenüberstellung mit einem wirklich beeindruckend durchschlagskräftigen statt nur braven Monterone erspart.
Bleibt die TV-Debütantin Julia Novikova. Sie war zweifellos die höchst bewundernswerte Einäugige unter (stimmlich) Blinden, aber die allgemeine Begeisterung kann ich nicht teilen. Sie erinnerte mich zwar an meinen damaligen Schwarm Gianna d'Angelo in der Rolle, aber der musste ich damals nicht zusehen. Leider bewies Novikovas Darbietung, wie undankbar die Rolle für eine weniger als virtuose Singschauspielerin ist. Da war mir eine (weniger rein singende) Ileana Cotrubas live doch um Einiges lieber, und wenn ich sie mit der vergleichsweise überwältigenden TV-Darstellung einer anderen Königin der Nacht, nämlich Diana Damrau, vergleiche, dann brachte sie mir über ihre reine - immerhin nahezu perfekte - Gesangsleistung hinaus zu wenig, das mich wirklich beeindrucken konnte.
Darin war sie das genaue Gegenteil von Ruggero Raimondi, dessen Schauspielkunst zu loben nur bedeuten würde, viele früher verdiente Lobpreisungen zu wiederholen. Allerdings braucht gerade der Sparafucile ein sattes Organ um seine beabsichtigte Wirkung zu entfalten, und da fehlt Raimondi inzwischen doch einiges.
Kurz gefasst: ein Film, den anzusehen sich allemal lohnt, ggf. auch zum wiederholten Male, aber anhören muss man ihn nicht unbedingt. Nach seiner Besichtigung ist jedenfalls meine Bewunderung für den musikalischen Teil des Dresdner RIGOLETTO mit Damrau und Lukic, aber auch Florez, noch um einiges angestiegen.

Rideamus
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Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais