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Erna

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1

Montag, 6. September 2010, 09:46

Verdi: Rigoletto, 4.,5.9.2010 live aus Mantua

Leider kann ich zu dieser Übertragung aus meiner Sicht nicht viel Positives sagen.

Der Schauplatz war fantastisch, die Sängerin der Gilda (Novikova) fand ich gut, ebenso das Orchester unter Zubin Mehta.

Vittorio Grigolo als Herzog gefiel mir nur bedingt, er spielte einen jungen Mann, der eine Frau nach der anderen vernascht, keinesfalls einen despotischen, absolut herrschenden Herzog, der sich ohne Rücksicht auf Verluste, nimmt, was er vermeint, dass es ihm zustünde. Ausserdem machte mir eine Unart sehr zu schaffen, immer wenn er einen hohen Ton ansang, stellte er sich quasi auf die Zehenspitzen und hob den ganzen Körper in die Höhe, das sah etwas komisch aus und minderte seine Ausstrahlung weiter. Auch stimmlich könnte ich auf Anhieb bessere Herzöge nennen.

Und nun zu Placido Domingo. Fabio Armiliatio hat auf Facebook einen Satz als Kritik dazu gesagt: "Verdi hat Rigoletto für einen Bariton geschrieben". Dem kann ich mich leider (ich bin an sich Domingo-Fan) nur anschliessen, Domingo tut sich mit der Rolle nichts Gutes, die Höhe hätte er ja, aber in der Tiefe gibts nur heisse Luft und die Tiefe braucht man als Rigoletto nun eben auch. Schauspielerisch fand ich ihn auch etwas schaumgebremst, wohl weil er sich so sehr auf die gesangstechnische Seite konzentrieren musste, an den tiefen Stellen der Partie war es sehr oft nur Sprechgesang, was aus seiner Kehle kam.

Vielleicht bin ich zu streng in meiner Kritik, aber ich bin eben über die Jahrzehnte fast nur Höchstleistungen von Domingo gewöhnt und die gestrige Leistung kann von mir beim besten Willen nicht als solche bezeichnet werden.

Lg.Erni
Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.

2

Montag, 6. September 2010, 10:00

Liebe Erni,

Fabio Armiliato hat mit seiner Bemerkung recht.

Mir hat der Rigoletto teilweise sehr gut gefallen, am besten die Gilda (sowas von anmutig) und mein sehr geschätzter Ruggero Raimondi als Scarafucile. Eigentlich war er der Grund, daß ich mir das aufgenommen habe und von ihm bin ich nie enttäuscht, die Stimme, finde ich, ist durchaus noch in Ordnung (die Stimmlage war auch passend, grins), sein Spiel wie immer wunderbar, ich möchte ihm nicht im Dunkeln begegnen (als Mörder natürlich).

Den Herzog fand ich nicht schlecht, es war halt ein sehr junger Herrscher. Schauspielerisch fand ich ihn besser aber auch gegen die Stimme kann ich nichts einwenden.

Placido Domingo gefiel mir von Schauspiel einigermaßen aber sang die Partie als tiefen Tenor und keinesfalls als Bariton, in der Tiefe fehlte es allenthalben, bei "Bella figlia del 'amore" hörte man ihn kaum, die Stimme ging fast unter. Es war das gleiche Problem wie beim Boccanegra, wie sollte es auch anders sein.


Liebe Grüße aus München

Kristin :wink: :wink:

Erna

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3

Montag, 6. September 2010, 10:08

Ach ja, das habe ich vergessen zu erwähnen, dass die Leistung von Ruggero Raimondi als Sparafucile beachtlich war. Ich möchte ihm in dieser Rolle auch nicht in der Dunkelheit begegen und stimmlich war er auch der Sparafucile, den ich mir vorstelle.

Lg. Erni
Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.

4

Montag, 6. September 2010, 10:32

Ich kann mich Erna nur anschließen.

Schon die Ankündigungen der Übertragung haben mich genervt. Im ORF wurde das Spektakel vollmundig präsentiert : Stardirigent Mehta, Startenor Domingo, der neue shooting star Grigolo; Domingo wünschte uns noch "viel Spaß beim Rigoletto" ("Rigoletto" ist ja für seine spaßige Handlung bekannt ;+) ) und dann wurden die technischen Herausforderungen vorgestellt. Interessant, ja - aber wozu??

Dass Grigolo nun die Lücke in der Vermarktung , die durch Villazons sängerische Probleme entstanden ist, füllen soll, habe ich schon kapiert. Er sieht gut aus, seine Stimme ist okay, aber die Lobeshymnen kann ich nicht nachvollziehen. Ich fand seine Darstellung beiläufig, wie Erna gesagt hat, den Herrscher nimmt man ihm wirklich nicht ab, aber auch als Verführer konnte er mich nicht überzeugen.

Die Gilda hat mir von allen am besten gefallen.

Auch von Raimondi war ich sehr enttäuscht. Im ersten Auftritt mit Domingo hat er nichts von der Ausstrahlung, die er sonst hat, zeigen können und stimmlich fand ich ihn ebenfalls sehr schlecht.


Und Domingo: der "Startenor" ist nun mal kein Bariton, "Starbariton" wird er ganz sicherlich nicht mehr werden (wer weiß ? ;+) ). Ich fand schon seinen Simon Boccanegra unnötig, der "Rigoletto" war nicht nur unnötig, sondern in meinen Augen auch absolut schlecht gesungen. Er hat einfach nicht die Stimme dazu. Wozu das Ganze? Sollten es finanzielle Gründe sein (was ich nicht glaube) oder ist es Eitelkeit?


Der Star der Aufführung für mich war eindeutig Mantua. Die Stadt werde ich mir sicher ansehen - allerdings ohne Spektakel. Grundsätzlich stellt sich aber für mich die Frage: Wozu sollte man an "Originalschauplätzen" (welches Original?) aufführen? Welchen Mehrwert hat das für das Verständnis der Oper? Was sind überhaupt Originalschauplätze? Sparafuciles Festung???

War das von der Ausstattung so original? Die Kostüme bei den Tanzszenen, die Choreographie - maches erinnerte mich an Szenen aus Jane Austen-Verfilmungen.


Was meint Ihr dazu?

Liebe Grüße,
:wink:
Renate
Dem Vogel, der heut sang, dem war der Schnabel hold gewachsen (Meistersinger)

5

Montag, 6. September 2010, 11:03

Ich habe nach dem 2.Akt endgültig abgedreht.

Domingo beschädigt sich mit solchen Aktionen leider selbst und das ist schade. Die älteren Opernfreunde, die ihn noch als einen der besten Tenöre der siebziger Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt haben, werden vielleicht den Kopf schütteln. Aber was müssen sich jüngere Menschen denken, die seine "großen" Zeiten nicht erleben konnten und jetzt mit solchen Auftritten konfrontiert werden ?.

Mich hat auch die Inszenierung nicht begeistert - weder von der Personenführung noch vom Ambiente. Ein historisches Gebäude alleine ist (zumindest mir) nicht ausreichend für spannende Oper. Aber vermutlich vertrete ich eine Minderheitenposition und tausenden Menschen hat es gefallen.



Michael



PS: Ob die Aufnahme wirklich live war, bezweifle ich. Bei Übertragungen aus Opernhäusern wirken die Darsteller doch angestrengter.

gioachino

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6

Dienstag, 7. September 2010, 00:14

Hallo Michael,



das war live : hätten die Protagonisten sonst ihre Partner derart zugespuckt und -beschwitzt ? ?(

Viel Lärm um fast nichts. Gut, die Damen waren optimal in Darstellung und Gesang. Grigolo ist ( noch ) kein Villazon. Raimondi chargierte gekonnt. Domingo war die vorhersehbare Fehlbesetzung. Nur, weil mir die Tessitura des Duca im Alter zu hoch ist, kann ich nicht ungestraft ein Stimmfach tiefer singen. Damit hat er sich und uns keinen Gefallen getan und zudem die Riege der guten Baritone schlicht brüskiert ! Kommerz pur ! Das ist die einzige Erklärung dafür, dass dieser so große, verdienstvolle Tenor so etwas macht, dass eine Caballé mit Mitte siebzig noch erfolglos durch die Welt tourt, dass ein Bryn Terfel nicht auf die Warnsignale seines Körpers, sprich : seines Instruments, hört, dass ein Villazon die dringend notwendigen Auszeiten willentlich verkürzt.......

Da lobe ich mir Dietrich Fischer - Dieskau, der - noch keine siebzig - spontan mit dem Singen aufhörte und nie rückfällig wurde !

Er bemerkte beizeiten, dass er seinen hohen persönlichen Ansprüchen nicht mehr gerecht wurde und zog daraus die Konsequenzen - Chapeau !



Ciao. Gioachino
miniminiDIFIDI

7

Dienstag, 7. September 2010, 05:22

Aufhören

Rechzeitig aufhören, eine grosse Kunst, die die wenigsten beherrschen.Maria Ivogün, mit fünfzig, Lisa della Casa ( kaum älter, aus Ärger über die "neue Zeit").

Dietrich Fischer Dieskau ist da nicht einzureihen . Er hat viel zu lange gesungen und Aufnahmen abgenickt, die er lieber nicht mehr gemacht hätte. Darauf angesprochen, räumte er selbst ein, er sei krank gewesen. Vor allem hat er immer wieder Partien und diese zu einem Zeitpunkt gesungen, in dem es zu spät war. wenn sie überhaupt je seine waren. Pizarro im Fidelio war sicher nicht das, was man Fischer-Dieskau so schätzen kann, aber auch in seinem Kerngebiet,Bachgesang, die Johannes-Passion mit Rilling in den achtziger Jahren ebenso wie die Winterreise mit Brendel aus der gleichen Zeit, zeigen, dass es mit Selbstkritik nicht so gut bestellt war.
Unter den Gächingern kursierte zur Johannes-Passion die Anekdote,man habe dem Weltstar natürlich nicht sagen können, dass man seine Interpretation für problematisch halte und ihm von den verschiedenen Versionen nach Berlin die geschickt, die man für schlechteste hielt, in der Hoffnung, er selbst werde sie nicht genehmigen, er aber habe abgenickt.
Ich erinnere mich, als die Aufnahme hörte,nachgeschaut zu haben, wer denn da singt- bei Fischer-Dieskau!

8

Dienstag, 7. September 2010, 06:57

Lieber Gioachino, ich frage mich , ob wirklich der Kommerz die ausschlaggebende oder gar einzige Begründung für das Nicht aufhören kônnen ist?????
Weltstars wie Domingo oder Caballé haben das Geld doch gar nciht mehr nötig und ihre Schäfhen schon lange im Trockenen.
Ich glaube viel eher, dass ein Künstler, der mit Leib und Seele eine "bête de scéne" (in deutsch sehr drastisch "Rampensau") ist,ein ganz grosses Problem damit haben wird, diese Droge missen zu mûssen. Und das gilt keinesfalls nur für Sänger!
Als ich beim Pianofestival in Lille den über 80 jährgien Paul Badura Skoda mit Arthrose und eindeutigen technischen Problemen, aber vom Scheitel bis zum grossen Zeh von der Musik durchdrungen; erlebte, hat sich dieselbe Frage gestellt: warum hört er nciht auf?

Eine Mithörerin sagte: "er kann nicht; wenn er aufhört stirbt er"
Was tun, wenn man die Bühne, das Publikum, den Applaus wie die Atemluft braucht?
Süchte zu überwinden ist nciht Jedem gegeben, das wissen wir wohl alle. Ich nehme Ähnliches übrigens von Villazon an- er geht so sehr in seinem Operngesang und Bühnenspiel auf, dass ein zu langer Verzicht ihn mit Sicherheit nciht nur der Einnahmen wegen(die er in seinem Alter noch eher brauchen wird als Domingo) zur Verzweiflung bringt.
Bühnenstar zu sein ist auch eine Identitätsfindung und um davon Abschied zu nehmen braucht es erstmal eine neue Identitât. Manchen reicht es nciht, dann zu lehren, Bücher zu schreiben, zu forschen. Ein Ego, das gewohnt ist, sich im Glanze der Bewunderung oder auch in Reiche der Prinzessinnen/Helden/Schurken etc-Rollen zu sonnen, kann darauf nciht immer ungestraft verzichten.

F.Q.
Gracias a la vida!

9

Dienstag, 7. September 2010, 08:18

Ich habe mir die gesamte Aufzeichnung gestern abend in Ruhe angesehen und bin erstaunt, wie kritisch und letztlich negativ diese Produktion in diesem Forum beurteilt wird. Daß der Medienhype (inkl. des Jingles "La donna..." gesungen von Domingo!) eher genervt hat: geschenkt. Gleiches gilt für die alle 5 Minuten eingeblendete Mitteilung, man sende live/zeitversetzt - was denn nun?

Musikalisch war die Sache sehr sorgfältig gemacht und gut bis sehr gut gesungen; schauspielerisch waren durchgehend alle Leistungen (bis auf die der Giovanna) so klar über dem sonst üblichen Durchschnitt, daß sich für mich allein deswegen das Ansehen schon gelohnt hätte.

Um einmal beim Hauptkritikpunkt meiner Vorredner zu beginnen: natürlich ist Domingo kein Bariton. Er hat zwar als solcher angefangen, Charakter und Farbe der Stimme wiesen ihn dann doch eher als Tenor aus, die Reichweite aber sicherlich nur an Sonntagen. Domingo ist nie ein Ritter des hohen C gewesen, und schon seit geraumer Zeit ist deutlich, daß für ihn alles über dem hohen A letztlich immer ein wenig ertrotzt ist. Sei's drum. Wenn er sich jetzt im Bewußtsein der nur zu offensichtlichen Tatsache, daß auch der gegenwärtige Fokus seiner Stimme die tieferen Töne nicht wirklich zufriedenstellend erreicht und daß die Stimmfarbe eben nicht jenen satten Bronzeklang eines wirklichen Baritons hat (Nucci, Bruson), an eine zentrale Partie dieses Repertoires wagt, dann doch wohl, weil er in der Gesamtdarstellung der Figur des Narren etwas beizutragen hat. Ich finde, dieser Versuch ist ihm ausgezeichnet geglückt. Ihm gelingen sehr schöne Momente; manches -vor allem das in seiner vokalen und darstellerischen Intensität fast nicht zu ertragende "Cortigiani, vil razza dannata"- ist großartig - anderes wiederum nicht, aber das hatten wir ja schon. Daß er im Quartett des 3. Aktes kaum hörbar ist, zeigt eben auch die Grenzen dieses Experiments auf - aber obwohl sozusagen der baritonale Taktschläger fehlt, wird hier sehr schön miteinander gesungen.

Der junge Grigolo paßt stimmlich und vom Aussehen her perfekt in die Unsympathenrolle des Duca. Auch das heikle "Ella mi fù rapita" singt er wirklich schön - inkl. der Cabaletta "Possente amor", wo ihm allerdings die tänzerische Leichtigkeit des von mir im Gegensatz zu den meisten anderen Capricciosi geschätzten Calleja fehlt. Auch schauspielerisch ist er überzeugend.

Von Frau Novikova werden wir hoffentlich noch viel hören und sehen. Einige ihrer Passagen empfand ich als überirdisch schön - endlich mal eine Stimme, die die rar gewordene Zartheit des Ausdrucks mit sehr rundem Klang verbindet.

Den Sparafucile von Ruggero Raimondi fand ich hervorragend gespielt und sehr gut gesungen (auch hier zeigt sich das Alter des Sängers eher im bedrohten Fokus der tiefen Töne); die für ihn typische sehr resonante Vokalbildung ist aber immer noch ein Lehrstück für junge Sänger.

Alle anderen (auch die Maddalena) fand ich tadellos. Sehr gut gefallen haben mir die Kostüme und natürlich die "Kulisse" - das noble Ambiente teilte sich optisch schon beeindruckend mit.

Um noch einmal auf die Frage einzugehen, ob jemand wie Domingo nicht besser aufhören sollte, wenn es stimmlich mit den ausgesprochenen Tenorpartien nicht mehr klappt: Fairy Queen hat völlig recht, wenn sie vermutet, daß viele Künstler ohne das Rampenlicht nicht mehr leben können (welches übrigens stark konservierende Wirkung zu haben scheint, siehe Jopie Heesters ;+) ). Manchmal wird es dann eher peinlich; wer erinnert sich nicht an die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin, als ein sichtbar verzweifelt geschwächter Luciano Pavarotti ein um viele Töne nach unten transponiertes "Nessun dorma" ablieferte - das war der schmerzhafte Moment, in dem ich für mich seine Karriere als endgültig beendet betrachtete. So weit ist Domingo (und ist auch Raimondi, der andere Senior dieser Produktion) noch lange nicht, wohl weil auch beiden eine gewisse geistige und künstlerische Neugier und Beweglichkeit eigen ist, die sie die Risiken einer Aufführung wie der vorliegenden eingehen und mehr als anständig bewältigen läßt.

Ich für mein Teil bin froh, daß sie das gewagt haben.

Grüße vom Balkan!

Honoria
"...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)

gioachino

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10

Dienstag, 7. September 2010, 09:58

@ Schneiderhahn : Dass DIFIDI einiges aus seinem diskographischen Kosmos nicht hätte freigeben sollen, steht außer Frage.

Das habe ich auch einem persönlichen Gespräch mit ihm entnommen. Und doch rechne ich ihm hoch an, dass er, der " Hohepriester des Kunstlieds ", nicht weiter durch die Konzertsäle getingelt ist, sich hingegen um die Förderung junger Talente gekümmert hat, was er übrigens auch heute noch, mit 85 Jahren, tut.

@ Fairy Queen : Der Kommerzgedanke trieb wohl auch eher die Macher dieser Produktion um, denn es ging um die Ausstrahlung in nahezu 150 Länder. Und da macht sich natürlich der Name eines Weltstars, zudem als Wanderer zwischen den Stimmfächern, besonders gut. Was mögen die genuin baritonalen Stars darüber denken ?

@ Honoria : Domingo hat sich wacker geschlagen, basta. Aber da, wo ein Verdibariton mit blendend fokussierter, strahlender Mittellage, satter Tiefe und viriler Höhe imponiert, sind die Defizite bei Domingo leider unüberhörbar. Was also soll`s ?



Ciao. Gioachino :wink:
miniminiDIFIDI

Mina

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11

Dienstag, 7. September 2010, 10:16

Ich habe nach dem 2.Akt endgültig abgedreht.
Die älteren Opernfreunde, die ihn noch als einen der besten Tenöre der siebziger Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt haben, werden vielleicht den Kopf schütteln. Aber was müssen sich jüngere Menschen denken, die seine "großen" Zeiten nicht erleben konnten und jetzt mit solchen Auftritten konfrontiert werden ?.

Die nutzen hoffentlich die Möglichkeit der DVD und CD. Zum Glück ist Domingos Schaffen ja in Bild und Ton hervorragend dokumentiert. An Place kommt auch der 20jährige opernfreund m.E. nach wie vor nicht vorbei.
Für mich ist Domingo z.B. nach wie vor THE Don Carlo. :juhu:
Wenn er in Zukunft mit solchen Experimenten vorsichtig ist, kann ich mir auch nicht vorstellen, daß er sein Ansehen ernsthaft beschädigt. Ich habe es schon drüben geschrieben: er hat sich einen Lebenstraum erfüllt. Ich gönne es ihm.
Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

12

Dienstag, 7. September 2010, 10:35

Lieber Gioachino,

ein "Verdibariton mit blendend fokussierter, strahlender Mittellage, satter Tiefe und viriler Höhe", um Dich zu zitieren, wird sich vermutlich dasselbe wie ein genuiner, sattönender Mezzosopran denken, der eine in die Jahre gekommene Sopranistin bei der Exekution von Carmen & Cie. belauschen darf: netter Versuch, mehr nicht, denn zum Singen in einer mittleren oder tiefen Lage gehört halt mehr, als daß man hohe Töne nicht mehr hinbekommt. Trotzdem kann auch eine solche Leistung noch gefallen...

Das vorliegende Experiment ist nach meiner Auffassung nur deshalb nicht schief gegangen, weil Domingos überragende Sängerpersönlichkeit auch noch mehr in's Ungefähre gesungene Passagen glaubhaft rüberbringt und seine Darstellungskunst mit dem Alter nicht ab-, sondern vielleicht sogar noch zugenommen hat und gerade in dieser Partie ja auch gefragt ist. Als Rezept für weitere Experimente dieser Art (Luna? Don Carlo aus "Ernani"?) sollte es nicht verstanden werden.

Grüße!

Honoria
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13

Dienstag, 7. September 2010, 15:16

Meine Lieben!

Dass Placido das falsche Fach singt, ist seit der "Sizilanischen Vesper" bekannt, aber -

auch Anna Netrebko singt immer noch das falsche Fach [Susanne, sie sollte längst die Gräfin singen], könnte doch eine Art Rigoletta daraus machen :-H :-H

und die Frau Mama der Gilda singen, wo der Herr Papa schon abgetreten ist, und eine Närrin singen, jeder Hof würde bereit stehen, auch ein Schrott - hof.

Liebe Grüße sendet Euch Euer, nicht ganz liniengetreuer Peter aus Wien. :wink:

Mina

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14

Dienstag, 7. September 2010, 15:31

Ach ja, mit einer lebenden Frau Mama wäre das ganze Drama ohnehin nicht passiert. Die hätte zu Gatte Rigoletto gesagt "Jesses, jetzt laß das Kind doch mal in die Stadt gehen!" hätte ihr noch ein Tips mit auf den Weg gegeben, was von Süßholz raspelnden Männern zu halten ist, und es wäre nie soweit gekommen. :D
Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

15

Dienstag, 7. September 2010, 17:22

Liebe Mina!

Da hast du Kopf auf den Nagel getroffen, sagt man doch so - oder? :-I

Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Peter aus dem kalten und regnerischen Wien. :wink: :wink:

Mina

Badewannenprimadonna

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16

Dienstag, 7. September 2010, 19:16

Für die, die sich mit Domingo und dem was er im Augenblick treibt so gar nicht abfinden können: eine italienische Kollegen sagt zu solchem Verhalten "Der Wolf verliert sein Fell, aber nicht seine Gewohnheiten" :mlol: :hide:
Allerdings sagt sie es auf Italienisch.
Lieber Peter, ich danke für die Handküsse! Der Smilie ist ja entzückend!
Hier regnet es auch, und wie... :(
Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

17

Mittwoch, 8. September 2010, 11:04

Meine Lieben!

Ich bin halt ein Nachzügler denn ich habe heute den 1. Akt erst gesehen.

Gehen wir zuerst zu den Guten:

Die Gilda von Julia Novikova, als Tochter kann ich mir sie, in den damaligen Zeiten, nicht vorstellen, als Enkelkind schon, mit schwebenden Sopran und wirklich und schönen Aussehen, ihre Betreuerin Giovanna dürfte eher die Tochter sein, wahrscheinlich hat man ihr das verschwiegen, oder sie ist eine jüngere Schwester, von einem Mann in der Midlifcrisis.

Der Herzog von Vittorio Grigolo singt einen Tenor [a bisserl a Villazon Verschnitt, der vom Ballett kommen dürfte, denn bei den hohen Tönen lehrt er uns Spitzentanz - und beim Abschied von Gilda einen Sprint hinlegt, wie ein Olympionike], den auch der Rigoletto hat, nur sollte dieser ein Bariton sein, und da wäre ich schon beim Rigoletto des Placido Domingo, eine Partie für einen hohen Bariton, mit Tiefe, nur die hat er nicht, er ist ein Tenor, der gerne den Hofnarrren singen will [die luxuriöste Fehlbesetzung die man sich vorstellen kann], auch ist er viel zu alt, wenn er meint, dass Monterone "Der alte Mann verfluchte mich", muss man suchen, wo steht denn da ein alter Mann [außer ihn selbst], der Monterone schaut ja aus wie ein Fünfziger und singt, nebenbei sehr schön [Placido Domingo schaut aus als wäre er aus einem Seniorenheim für gealterte Künstler entsprungen].

Jetzt kommt, für mich, eine Prachtbesetzung der Sparafucile von Ruggero Raimondi, dem möchte ich nicht in der Nacht begegnen, er singt und spielt ausgezeichnet. Dass die beiden Rigoletto und Sparafuclie gleich alt sind, [in der Wirklichkeit im heurigen Jahr] glaubt man kaum.

Das war für mich der Eindruck des 1. Aktes, der Rest folgt morgen nach, [2. + 3. Akt], komme heute nicht mehr dazu.

Eien Stadtbesichtigung von Mantua werde ich mir vornehmen, die brauche ich eigentlich kaum in einer Oper.

Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter. :wink: :wink:

18

Mittwoch, 8. September 2010, 14:21

Ich habe ja andernorts schon angesprochen, dass ich die krampfhafte Verfilmung an den vermeintlichen Originalschauplätzen für ausgemachten Schwachsinn halte, dessen Bewunderung nur die Apologeten der angeblichen Werktreue entlarvt. Bekanntlich ist die Vorlage des Werkes Victor Hugos Versdrama TRIBOULET, das am Hofe des (erzhässlichen) Frauenhelden qua Titel, Francois I, in Paris spielt. Verdi und Piave wurden erst von der Zensur gezwungen, den Schauplatz in ein eher mythisches Mantua zu verlegen. Diesen Ort jetzt als Originalschauplatz des Dramas auszugeben, entspricht ungefähr einem angeblichen Dokumentarfilm über den Mord an einem englischen Gouverneur in Boston während eines Maskenballs - oder eben dem sagenhaften Sprung von der Engelsburg in den Tiber, wo Tosca vermutlich schwimmend davon kam, sich aber eine Lungenentzündung holte und zur Traviata wurde.

Bei der Besichtigung der gesamten Aufführung hat sich diese Befürchtung bestätigt. Die Hersteller des Films haben zwar recht adäquate Kulissen für das Drama gefunden, aber authentisch wirkten nur die Beschwernisse der Produktion, die man überall bemerkte, von der schweißtreibenden Hitze der Scheinwerfer bei den Aufnahmen bis hin zu den Regengüssen, die vor allem Grigolo immer wieder in Richtung seiner Partner absonderte. Vielleicht sind sie bei Live-Aufnahmen schwer zu vermeiden, aber warum solche Anstrengungen machen, wenn doch der eklatante Widerspruch zwischen dem Kunstwerk Oper, das ja auch ein wissentliches Element des Künstlichen, nämlich der Abstraktion der Vorgänge und Gefühle mit sich bringt, und dem unsinnigerweise behaupteten Realismus im Detail aus jeder Einstellung gellt? Was hat man von den Live-Problemen, wenn der visuelle Anschein in jeder Einstellung deutlich dagegen spricht, dass hier eine echte Live-Aufführung vor Publikum stattfindet?

Dieser Widerspruch ist allerdings auch ein Faktor in der Qualität des Films, die mir in den bisherigen Beiträgen in drei Foren etwas kurz kam, nämlich der filmischen. Tatsächlich hat der versierte Filmregisseur Marco Bellocchio (SALTO NEL VUOTO, LA CINE E VICINA) die Charaktere der Geschichte besser erfasst und zu zeichnen gewusst als die meisten Theaterregisseure. Unterstützt von dem meisterhaften Kameramann Vittorio Storaro (APOCALYPSE NOW u.v.a.), schuf er teilweise großartige Bildsequenzen, die zum Glück in den meisten Hauptdarstellern (Grigolo ausgenommen, bei dem nur die Optik in das Konzept passte) adäquate Verkörperungen fanden. Gab es je eine bessere Maddalena auf einem Bildschirm? Mit (auch musikalisch) so albernen Szenen wie dem Entführungschor konnte auch Bellocchio nichts anfangen, aber ich kenne keine Inszenierung, in der das glaubhaft über die Rampe kommt, auch nicht die ansonsten vorbildliche von Ponnelle. Vor allem Placido Domingo und Ruggero Raimondi wussten ihre mittlerweile eklatanten stimmlichen Defizite großartig durch schauspielerischen Einsatz teilweise zu überspielen, wenn auch nicht zu kompensieren. Visuell war die Aufführung also in der Tat ein lohnendes Erlebnis, wenigstens solange die mäßigen musikalischen Leistungen gerade in den eigentlich großartigen längeren Stücken wie den Duetten zwischen Rogoletto und seiner Tochter nicht doch große Langeweile aufkommen ließen.

Womit wir bei der Hauptschwäche der Aufführung wären, die bei einer Oper nun mal den Kern ausmacht: der Musik. Ich kann angesichts meiner sehr bescheidenen Erwartungen an ein solches "Ereignis" nicht sagen, dass ich enttäuscht wurde, denn da haben mich schon Mehtas TOSCA in der Engelsburg und seine TURANDOT in Peking vorgewarnt. Mehtas Orchesterleitung war, wie fast immer bei solchen Monsterprogrammen, auf die er abonniert zu sein scheint, nicht wirklich schlecht, aber arg pauschal und wenig bemerkenswert - im Positiven wie im Negativen. Grigolo entsprach in angenehmer Weise dem Konzept des jugendlichen Leichtsinnigen - allerdings nur vom Aussehen her. Sobald es an die Stimmgestaltung ging, blieb er blass, wenn er nicht gar unangenehm ins Greinen verfiel, wie bei "Ella mi fu rapita". Unter den Hautpersonen war er für mich eindeutig die größte Schwachstelle.., und ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemals der Qualität eines Villazon oder har Domingo (zu dessen großen Zeit als Tenor) nahe kommen wird, sei es stimmlich oder schauspielerisch.

Über die Fehlbesetzung Placido Domingos wurde schon genug gesagt. Ich habe an einem anderen Ort seinen Mut bewundert, sich im hohen Alter und angesichts des Verblassens seiner einst eindrucksvollen Tenorstimme ein neues Repertoire zu erobern, statt immer wieder das alte auf einträglichen Gastauftritten abzunudeln. Ich stehe dazu, dass er in mir seiner heutigen Form als Rigoletto in Mantua lieber ist denn als zu alter Duca in Mantua. Das heißt aber nicht, dass ich ihn gut beraten finde, ihn tatsächlich zu singen, denn die Tessitur der Rigoletto ist eine ganz andere als die des SIMON BOCCANEGRA, der schon ein Grenzfall war. Den hat er aber für meine Begriffe sehr beeindruckend bewältigt - und zwar in jeder Station von Berlin bis Madrid überzeugender. Dem Rigoletto fehlte aber leider alles, denn da ist ein nachgerade stentorhafter Bariton Pflicht, etwa in dem verschenkten "Vendetta"-Duett. Als verkappte Tenorarie funktioniert auch das "Cortigiani! nicht, so gut Domingo sie auch gestaltet. So ruinierte er fast alle Glanznummern des Titelhelden, und nicht alles lässt sich durch eine - zugegeben beeindruckende - Darstellung kompensieren -auch nicht, wenn man ihm die Gegenüberstellung mit einem wirklich beeindruckend durchschlagskräftigen statt nur braven Monterone erspart.

Bleibt die TV-Debütantin Julia Novikova. Sie war zweifellos die höchst bewundernswerte Einäugige unter (stimmlich) Blinden, aber die allgemeine Begeisterung kann ich nicht teilen. Sie erinnerte mich zwar an meinen damaligen Schwarm Gianna d'Angelo in der Rolle, aber der musste ich damals nicht zusehen. Leider bewies Novikovas Darbietung, wie undankbar die Rolle für eine weniger als virtuose Singschauspielerin ist. Da war mir eine (weniger rein singende) Ileana Cotrubas live doch um Einiges lieber, und wenn ich sie mit der vergleichsweise überwältigenden TV-Darstellung einer anderen Königin der Nacht, nämlich Diana Damrau, vergleiche, dann brachte sie mir über ihre reine - immerhin nahezu perfekte - Gesangsleistung hinaus zu wenig, das mich wirklich beeindrucken konnte.

Darin war sie das genaue Gegenteil von Ruggero Raimondi, dessen Schauspielkunst zu loben nur bedeuten würde, viele früher verdiente Lobpreisungen zu wiederholen. Allerdings braucht gerade der Sparafucile ein sattes Organ um seine beabsichtigte Wirkung zu entfalten, und da fehlt Raimondi inzwischen doch einiges.

Kurz gefasst: ein Film, den anzusehen sich allemal lohnt, ggf. auch zum wiederholten Male, aber anhören muss man ihn nicht unbedingt. Nach seiner Besichtigung ist jedenfalls meine Bewunderung für den musikalischen Teil des Dresdner RIGOLETTO mit Damrau und Lukic, aber auch Florez, noch um einiges angestiegen.

Rideamus

__________________
Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

19

Mittwoch, 8. September 2010, 21:22

Die nutzen hoffentlich die Möglichkeit der DVD und CD.

Tun sie! :D Und weil ja die älteren Aufnahmen auf CD und DVD oft billiger sind als die brandneuen, landen dann auch viele ältere Aufnahmen im Regal. Außerdem kommt man als Opernfan, da hast du völlig recht, an Domingo so wenig vorbei wie an Callas oder Pavarotti.
Von Frau Novikova werden wir hoffentlich noch viel hören und sehen. Einige ihrer Passagen empfand ich als überirdisch schön - endlich mal eine Stimme, die die rar gewordene Zartheit des Ausdrucks mit sehr rundem Klang verbindet.

Auch wenn ich Rideamus Einwände verstehen kann, fand ich Julia Novikova doch sehr sehr, beeindruckend und kann mich Honoria hier nur anschließen. In einem Lebenslauf habe ich gelesen, dass Julia Novikova gerade 27 Jahre alt ist und die Gilda bisher an der Oper Bonn und an der Komischen Oper Berlin gesungen hat. Mit war der Name vor dem letzten Wochenende völlig unbekannt. Ich fand es vor allem erstaunlich, mit welcher Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit Novikova gespielt und gesungen hat! Was für ein enormer Druck muss auf dieser jungen Frau gelegen haben! Sie wird mit einem Schlag bekannt, statt ein paar hundert Zuschauern an einem deutschen Stadttheater sehen sie mehrere Millionen weltweit; ich möchte mir den Druck und die Nervosität in so einer Situation nicht einmal vorstellen! Sie hatte da quasi die eine Chance, international bekannt zu werden - oder eben nicht.
Meiner meuinung nach hat sie ihre Sache sehr gut gemacht, auch wenn es vielleicht in der Vergangenheit bessere Rollenvertreterinnen gegeben hat. Mit ihren schwebenden Pianissimi und blitzenden Koloraturen erinnerte sie mich ein wenig an die junge Edita Gruberova. Das Repertoire ist auch ähnlich, ich würde Novikova durchaus auch eine ähnliche Karriere zutrauen.
Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

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