Hans Pfitzner war knapp 50 Jahre alt, als sein „Palestrina“ 1917 in München unter der Leitung von Bruno Walter zur Uraufführung gelangte. Die Geschichte des Giovanni Pierluigi de Palestrina, der auf Druck der höchsten Kirchenkreise seiner Zeit noch einmal eine Messe, nämlich die „Missa Papae Marcelli“ komponierte, wird von Pfitzner als Folie für ein Künstlerdrama benutzt, das nicht auf die Figur des Palestrina beschränkt bleibt, sondern in dem der Komponist sich ein Stück weit selbst portraitiert und das auch für andere Komponisten in vergleichbaren Situationen Gültigkeit hat.
Palestrina steht für die Kunst der alten Musik, neuen Strömungen seiner Zeit steht der Komponist zurückhaltend gegenüber. Sein Schüler Silla allerdings begeistert sich für den neuen Stil, wie er in Florenz gepflegt wird. Kein Wunder, dass Silla am Ende des Stückes dorthin aufbricht um bei den angesagten Komponisten seiner Zeit weiterstudieren zu wollen. Geradezu versöhnlich bleibt Palestrina zurück – er weiss, dass die Jugend neues Schaffen und ihren eigenen Weg finden muss.
So ging es auch Pfitzner. Er war immer der Vergangenheit verpflichtet, begriff sich nicht nur in Sachen Musik als konservativ, nahm aber die Strömungen seiner Zeit sehr wohl war, wenn er sich auch unfähig fühlte, in die Richtung eines z. B. Arnold Schönberg mitzugehen. Seine Musiksprache wurzelt bei Wagner, dessen Farbspiel und dessen Harmonik er interessant erweitert und seine Orchesterbehandlung im „Palestrina“ gehört zum Stärksten, was in der Zeit um den ersten Weltkrieg herum im „alten Stil“ komponiert wurde.
Bemerkenswert, dass im „Palestrina“ die Gefahr für die Musik nicht in den neuen Tönen aus Florenz liegt, sondern in der reaktionären Zurückführung der Musik in die Zeiten der Gregorianik, die Palestrina mit seiner Musik bereits überwunden hatte.
Nach 30 Jahren ist für die Inszenierung des „Palestrina“ von Hans Pfitzner Harry Kupfer nach Frankfurt zurückgekehrt. Der Mitsiebziger belegt mit dieser Regie-Arbeit noch einmal, dass er zu den besten Regisseuren unserer Zeit gehört. Kupfer verfügt über ein sicheres Gespür für Bühnensituationen, für das richtige Timing und seine szenische Erzählstruktur ist klar nachvollziehbar, entschieden und unaufgeregt.
Die offene Bühne zeigt zwei dreieckige Tribünen mit roten Pulten vor grauen Sitzbänken, in die Mitte eingefügt ist eine Spiegelwand, die hochgefahren werden kann, die Bühne wird von Leinwänden, die für Projektionen genutzt werden können, begrenzt.
Bevor die Musik einsetzt, betreten von links und rechts Menschen in sozialistischem, militärischem Einheitsgrau die Bühne, in den Händen Notenmappen, die auf den Tribünen Platz nehmen.
Wir wohnen also einer Parteiveranstaltung in einem sozialistischen Land bei, vielleicht einer Art Oratorium für einen „Helden der Arbeit“.
Mit Beginn der Musik werden Portraits von Palestrina und Papst Pius IV. auf den Leinwänden sichtbar, die schwarz übermalt und dann durch Bilder von Dmitri Shostakovich und Josef Stalin ersetzt werden. Das Bild Shostakovichs wird wenig später mit Notenmaterial von Palestrina kombiniert.
Die Bühne dreht sich und zwei Betten werden sichtbar, in einem schläft der Sohn Palestrinas, Ighino, und in dem anderen komponiert der Schüler des alten Komponisten, Silla, ein Stück im modernen Stil, vor sich ein Tonbandgerät. Wenn Silla von Florenz schwärmt, wo er hin will, läuft ein Bild der Freiheitsstatue über die Leinwand, dort liegt also die erträumte Zukunft der Jugend.
Bestimmend auf den Leinwänden wird immer wieder die Einblendung von Stacheldraht sein.
Palestrina, ein Mann in mittleren Jahren, tritt nicht in Shostakovich-Maske auf. Die Gleichsetzung Palestrina/Shostakvoch findet nicht statt, das Spiel bleibt assoziativ. Durch eine weitere Drehung der Bühne wird ein Flügel sichtbar. Borromeo, der Palestrina zur Komposition der neuen Messe bewegen will, bleibt als Militär erkennbar, allerdings ergänzt durch das Käppchen und die Stola im Kardinalsrot.
Borromeo bedrängt Palestrina geradezu körperlich. Wenn er davon spricht, dass die Engel besungen werden sollen, erscheinen auf der Leinwand Überblendungen der geflügelten Himmelswesen mit Zeichnungen von Werktätigen, wie man sie von Propagandaplakaten der ehemaligen UDSSR kennt. Spricht Borromeo von Zwangsmassnahmen, falls der Komponist störrisch bleiben sollte, werden dazu Filmsequenzen von Gefangentransporten in die Lager in Russland gezeigt.
Auf der Tribüne werfen sich einige Militärs Umhänge um und stellen sich mit den Noten in der Hand auf – sie singen die Passagen der verstorbenen Meister der Tonkunst.
Im Bühnenvordergrund werden hohe Militärs in bodenlangen Ledermänteln Palestrina an den Gliedmassen mit Stacheldrahtbändern fesseln und Palestrina (symbolisch) foltern. Am Schluss wird ihm eine Stacheldrahtkrone aufgesetzt werden, sein weisses Hemd ist da schon blutdurchtränkt.
Die Sänger der „verstorbenen Meister der Tonkunst“ schieben den Flügel hinaus. Drei Frauen, auch sie im militärischen Grau, mit einem angedeuteten Engelsflügel in Hand, nehmen ihre Position vor den Tribünen ein, genauso, wie die Interpretin von Palestrinas verstorbener Frau, Lukrezia.
Auf dem zurückgebliebenen Klavierhocker schreibt Palestrina wie besessen die Messe nieder, die in Teilen zu hören ist. Ganz am Ende bricht der Komponist tot zusammen. Ighino und Silla in die Einheitsuniform gekleidet, decken den toten Mann mit einem schwarzen Tuch zu und sammeln die Messkomposition ein.
Zum Vorspiel des zweiten Aktes sieht man Ighino, der von den Folterern des Palestrina zur Herausgabe des Notenmaterials der komponierten Messe gezwungen wird.
Der zweite Akt schildert die Vorgänge des Tridentiner Konzils als moderne Parteiveranstaltung, wobei die Vermischung zwischen Uniform und Priesterkleidung, wie sie Borromeo im ersten Akt gezeigt hat, beibehalten wird.
Hauptschauplatz ist wieder die Tribüne, aber es gibt auch Nebenräume, die zu Absprachen unter vier oder sechs Augen genutzt werden können – neben einer Cafeteria auch eine Toilette, die zu Beginn des Aktes verwanzt wird und weil Kontrolle besser als Vertrauen ist, untersucht einer von zwei Benutzern der Nasszelle, bevor er ein Gespräch aufnimmt, den Waschraum auf eben jene kleinen Abhörgeräte.
Sicherheitsschleussen werden angebracht, mit Metalldetektoren werden die Konzilsteilnehmer untersucht, mancher der Herren führt unerwünschtes Metall mit sich und der greise Patriarch von Assyrien muss sein Hörgerät beim Sicherheitsdienst abgeben.
Auf die Leinwand wird eine Überblendung des Papstes Pius IV. mit einem Potrait von Stalin projiziert.
Mit der Geste von Politikern unserer Tage leitet Morone die Versammlung und auch die Reaktionen der anderen Teilnehmer passen bestens in unsere parlamentarische Welt, inklusive des Abbruchs der Versammlung, weil man sich selbst im kleinen nicht zu einigen vermag. Nach der Sitzungsunterbrechung wird heftig handyphoniert, Schuldzuweisungen inklusive.
Als am Aktschluss die Dienerschaft untereinander in Streit gerät, wird kurzerhand von einer bewaffneten Soldatengruppe die gesamte Gruppe per Maschinengewehr exekutiert.
Der dritte Akt läuft dann am stärksten wie ein Oratorium ab, alle handelnden Figuren tragen die Einheitsuniform, alle haben sie die Noten in der Hand.
In der Mitte der Bühne der tote Palestrina, auf dem Flügel liegend, die Stacheldrahtbänder lose um die Beine liegend. Später werden Kerzenleuchter und Blumenkränze um den so aufgebahrten drapiert, eine Büste von Stalin mit Tiara wird dazugestellt, von der Leinwand schaut Stalin herunter. Nach der Feierlichkeit wird alles wieder abgeräumt. Der Sänger des Palestrina deckt sein totes Double mit einem roten Tuch zu.
Kirill Petrenko gelingt ein beeindruckender Abend bei relativ zügigen Tempi, wie er die Klangfarben herausarbeitet, wie manche Holzbläser- oder Streicherstelle präsentiert wird, wie er sich schon das Vorspiel langsam entwickeln lässt und die Exaltationen sicher gesetzt werden, so z. B. am Ende des ersten Aktes, das hat grosses Format.
Beeindruckend vor allem in der schauspielerischen Leistung der Tenor Kurt Streit als Palestrina, der sich auch um eine gute Wortverständlichkeit bemüht. Streits Stimme ist verhältnismässig eindimensional und eine sichere Höhe steht dem Sänger nicht zur Verfügung. Im dritten Akt versucht Streit, dieses Manko mit Kraft auszugleichen, das Ergebnis bleibt zwiespältig.
Nach einem sehr schwachen ersten Akt liess Falk Struckmann, der Sänger des Borromeo, Indisposition ansagen, die beiden anderen Akte zeigten den Sänger dann aber in einer besseren, stimmlichen Verfassung.
Johann-Martin Kränzle ragt als Morone aus dem grossen Ensemble positiv heraus, eloquent, stimmschön, sicher – und bei den Damen überzeugt Claudia Mahnke als Silla stärker, als Britta Stallmeister als Ighino.
Starker Beifall für alle Mitwirkenden, der etwas zurückhaltender für das Regieteam ausfiel.