Ich kann Erni nur in allen Belangen zustimmen!
Regisseur Nicolas Joel erkrankte während der Proben schwer und offensichtlich war niemand in der Lage, sein Regiekonzept - so überhaupt vorhanden - umzusetzen bzw. etwas Eigenes zu entwickeln. Das Ergebnis (?) ist derart peinlich für ein Haus wie die WSO, dass ich mich ernsthaft frage, warum man den "Faust" nicht gleich konzertant aufgeführt und sich somit viel Geld erspart hat. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, dass ich mich je nach unserer alten Ken-Russell-Inszenierung zurücksehnen würde, und trotzdem war genau das gestern der Fall. Denn abgesehen vom absurden Einfall, aus Marguerite eine Nonne zu machen und einiger alberner Mätzchen, die man aber leicht weglassen könnte, war sie wenigstens spannend.
Diese aktuelle Stehpartie hingegen empfinde ich als Zumutung. Einige Szenen sind in ihrer Hilflosigkeit schon wieder unfreiwillig komisch, z.B. Auftritt Mephisto und Verwandlung des Faust - das sieht man in jeder Schüleraufführung origineller, vor allem wird da auch ambitionierter gespielt. Ansonsten werden fleißig Clichés bedient, angefangen von der Hahnenfeder am Hut Mephistos bis zur stickenden Marguerite (die kurz auch am Spinnrad sitzend gezeigt wird

), und immer wenn der Teufel was zu sagen hat, wird die ansonsten "farblose" Bühne in blutiges Höllenrot getaucht. Ach nein..... Das Farbenspektrum für Bühnenbild (es gibt nur einige variable Stellwände) und Kostüme beschränkt sich auf Weiß, Grau und Schwarz, wobei Faust und Marguerite in die Farben der "Unschuld" gekleidet sind, wärend Mephisto im schwarzen Frack und Zylinder auftritt, allerdings mit roten Knöpfen und ebensolchen Handschuhen. Ein wahrlich kühner Einfall....(Ich musste immer an einen Zirkusdirektor denken

) In der Walpurgisnacht vertauscht er dann die Diplomatenkluft gegen schwarzes Leder, behängt sich mit Eisenketten und Ohrklunker und darf seine wabbelige Brust entblößen. Es gibt ja Sänger, bei denen das durchaus nicht eines gewissen Reizes entbehrt, nur zählt Herr Youn ganz bestimmt nicht dazu - er wirkt leider wie die lächerliche Karikatur eines Altrockers.
Der Chor steht brav gestaffelt auf der Bühne und singt seinen Text frontal ins Publikum, und dass einige der zum Nichtstun verurteilten Damen und Herren ziemlich gelangweilt wirkten, kann ich ihnen wahrlich nicht verdenken. (Wiederum wehmütige Erinnerungen an das bunte, bisweilen auch grelle Treiben in unserer alten Faustproduktion.......)
Das szenische Desaster wurde allerdings vom mit einer Ausnahme hohen musikalischen Niveau dieser Aufführung wettgemacht. Anders als in einer erstklassigen Besetzung darf man diesen Schmarren einem zahlenden Publikum auch wirklich nicht zumuten.......
Soile Isokoski sang eine sehr innige, berührende Marguerite, konnte aber ihrer Figur, von der Regie völlig im Stich gelassen, nur wenig Profil verleihen. Schloss man die Augen, hörte man eine sehr nuancierte musikalische Interpretation, öffnete man sie wieder, konnte man das Gesehene damit nicht so richtig in Einklang bringen.
Pjotr Beczala fand ich stimmlich großartig

Die beiden von Erni beanstandeten ;) kleinen Unsicherheiten hörte ich natürlich auch, doch scheint mir das angesichts der Gesamtleistung vernachlässigenswert. Insgesamt war für mich "Salut, demeure chaste et pure" ein Lehrbeispiel für Legatokultur und Phrasierungskunst, und die acuti habe ich live schon sehr lange nicht mehr so souverän gehört. Ich mag einfach auch das weiche, sehr farbenreiche Timbre von Beczala sehr und höre in seiner Stimme mühelos all die Emotionen, der er als Darsteller leider nicht adäquat umsetzen kann. Er bemüht sich zwar sehr, aber sein schauspielerisches Talent ist leider nicht sehr ausgeprägt.
Selten erntet der Sänger des Valentin ebenso große Begeisterung wie der Faust - bei Adrian Eröd war dies aber völlig gerechtfertigt.

Mit seiner einfach perfekt vorgetragenen Arie löste er großen Jubel aus, und er zählt zur raren Spezies der wirklichen Singschauspieler, die auch ohne Regisseur ihrer Bühnenfigur Leben einhauchen können. Mit diesem Talent wirkte er gestern fast ein bisschen als Fremdkörper
Leider konnte der Mephisto des Kwangchoul Youn mit den anderen überhaupt nicht mithalten. Sein Vibrato störte mich weniger, aber das von Erni monierte Eindimensionale seines Singens, gepaart mit absolut null Ausstrahlung, ergab unter dem Strich einen Mephisto, der völlig uninteressant blieb. Nach meinem Geschmack passt auch sein eher helles Timbre überhaupt nicht zu dieser Partie, die auch in der Stimme etwas Diabolisches transportieren muss. Herrn Youn glaubte ich kein Wort, schon das Rondo vom Goldenen Kalb sang er so beiläufig, als handle es sich um ein harmloses Geburtstagsständchen. Natürlich ist es unfair, ihn mit dem meiner Meinung nach besten Mepisto der letzten Jahrzehnte, Ruggero Raimondi, zu vergleichen, aber eine gewisse Annäherung an dieses Ideal kann man von einem Sänger schon erwarten. Das Schlimmste, was ich einem Sänger vorwerfen kann, ist Langeweile, und dieser Mephisto langweilte mich von der ersten bis zur letzten Minute. In dieser Stimme schwang keine Spur der Eigenschaften mit, die für einen Mephisto meiner Meinung nach unverzichtbar sind: Schwärze, Gefährlichkeit, Zynismus, Verachtung, aber auch der Charme des Verführers, also eine geballte Ladung Erotik. Wie man die Domszene (leider auch absolut uninszeniert) stimmlich und darstellerisch derart vergeigen kann, ist auch schon wieder eine Kunst..... Das einzige Ausdrucksmittel

, über das Youn zu verfügen scheint, ist der mit Vehemenz in den Nacken geworfene Kopf - das tut er in regelmäßigen Abständen und soll wohl für alle die Emotionen stehen, die mimisch und gestisch darzustellen er nicht in der Lage ist.
Ein gewaltiges Plus dieses Abends war Bertrand de Billy am Pult, der die Philis zu einem inspirierten Spiel anleitete und die vielen Farben der Gounod'schen Musik prächtig zum Leuchten brachte. Selten habe ich das Orchestervorspiel so schön, so fein ausziseliert gehört. Zurecht umbrandete ihn bei seinem Solovorhang beinahe ebensolche Begeisterung wie Beczala und Eröd. Nicht verschweigen will ich allerdings, dass etliche Opernbesucher auch Herrn Youn durchaus bravowürdig empfunden haben.......
lg Severina