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Sonntag, 17. Mai 2009, 22:52

MRAVINSKY - sowjetischer Dirigent, russischer Aristokrat

Mein erster Beitrag im neuen Forum widmet sich meinem Lieblingsdirigenten, der auch (gezeichnet von Theodora) meinen Avatar ziert. Ich bin sehr gespannt, welche Erfahrungen ihr mit seinen Aufnahmen gemacht habt!

Grüße,
Micha



http://mravinsky.homestead.com/files/EMRehearsing.jpg


Evgeny Aleksandrovich Mravinsky
(russisch Евгений Александрович Мравинский, wiss. Transliteration Evgenij Alexandrovič Mravinskij) wurde am 4. Juni 1903 (nach julianischem Kalender 22. Mai 1903) als Sohn adeliger Eltern in Sankt Petersburg geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt. Mravinsky studierte zunächst Biologie in seiner Geburtsstadt, die inzwischen Petrograd hieß, brach das Studium aber nach dem Tod des Vaters 1920 ab. Er nahm eine Stelle als Korrepetitor an der Staatlichen Ballettschule an und schrieb sich 1923 am Staatlichen Konservatorium für die Fächer Komposition und Dirigieren (letzteres bei Nikolai Malko und Alexander Gauk) ein. Da die sowjetische Regierung die Studienmöglichkeiten für Angehörige der Aristokratie limitiert hatte, half ihm dabei ein Empfehlungsschreiben, das seine Tante Alexandra Kollontai, die damals als sowjetische Gesandte (und erste weibliche Diplomatin weltweit) in Norwegen arbeitete, an den Leiter des Konservatoriums, Alexander Glasunov, schickte.

1931 bis 1937 war Mravinsky Assistent und Ballettdirigent am „Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheater“ seiner Heimatstadt, die inzwischen Leningrad hieß. Das Theater, an dem seine Tante, die Sopranistin Evgenia Mravina, bis 1900 eine der herausragenden Sängerinnen gewesen war, wurde 1934 in Kirov-Theater umbenannt und heißt heute wieder Mariinsky-Theater. Offenbar hat der junge Dirigent dort vor allem mit Dirigaten von Ballettmusiken Tschaikowskys allerlei Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

1937 bekam er das Angebot, mit den Leningrader Philharmonikern die Fünfte Symphonie von Schostakowitsch uraufzuführen. Die Aufführung, die in einer Situation stattfand, in der Schostakowitsch erstmals unter Beschuss der stalinistischen Kulturbürokratie geraten war, war ein unmittelbarer Erfolg, der zur öffentlichen Rehabilitierung des Komponisten führte und eine lange Freundschaft zwischen Schostakowitsch und Mravinsky begründete. Mravinsky sollte in der Zukunft seine Symphonien Nr. 6, 8 (die ihm gewidmet wurde), 9, 10 und 12 uraufführen. Die Freundschaft der beiden fand ein Ende, als Mravinsky sich im Sommer 1962 weigerte, seine 13. Symphonie uraufzuführen. Vorangegangen war eine politische Kampagne regierungsnaher Stellen gegen den Textdichter Jewgeny Jewtuschenko. Was genau der Grund für Mravinskys Ablehnung war, habe ich mit den mir zugänglichen Quellen nicht eruieren können – Furcht vor politischen Repressionen liegt nahe, und Schostakowitsch hat das jedenfalls so aufgefasst. Mravinskiys langjähriger Co-Chefdirigent Kurt Sanderling sagte in einem Interview mit dem Schostakowitsch-Fachblatt „DSCH-Journal“:
„I think that in the case of the Thirteenth Symphony, Shostakovich was wrong by arguing that Mravinsky feared the political consequences of the premiere. I don't think so. I rather believe something else: Mravinsky was, in fact, a man of fear. I would argue that he was afraid for the choir and the soloist and the possible problems that might have arisen by their playing this work. This was, in my opinion, a supplementary factor that made his decision not to play the work. I don't think - and I knew him very well - that he was afraid himself of political consequences.“

1938 erhielt Mravinsky den Ersten Preis in einem nationalen Dirigentenwettbewerb, bei dem er mit Schostakowitschs Fünfter Symphonie angetreten war. Ein Blick auf die Konkurrenz lohnt, denn die Teilnehmer dieses Wettbewerbes sollten die sowjetische Musikgeschichte in den nächsten Jahrzehnten mitbestimmen: den geteilten zweiten Preis sprach die Jury unter Vorsitz von Samuel Samosud Alexander Melik-Pashayev und Nathan Rakhlin, den dritten Konstantin Ivanov; Kyrill Kondrashin erhielt einen Sonderpreis.

Chefdirigent der Leningrader Philharmoniker war damals der Österreicher Fritz Stiedry. Die Sowjetregierung, die heimische Talente an den wichtigen Stellen installieren wollte, drängte ihn aus dem Amt, er emigrierte in die USA, und der junge Mravinsky wurde zu seinem Nachfolger ernannt. Bis zu seinem Rücktritt 1982 blieb er der Leiter der Leningrader Philharmoniker. Erst nach seinem Tod 1988 aber wurde mit Yuri Temirkanov sein Nachfolger gewählt. Mravinsky war also nicht, wie oft behauptet, fünfzig Jahre lang offiziell Chefdirigent seines Orchesters, aber immerhin 44 Jahre lang. (Andere „Langstreckenläufer“ waren Willem Mengelberg am Concertgebouw Orchester (1895-1945), Ernest Ansermet mit dem von ihm gegründeten Orchestre de la Suisse Romande (1918 – 1969) und Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra (1939-1980)).

Sein letztes Konzert mit den Leningrader Philharmonikern gab Evgeny Mravinsky am 6. März 1987, auf dem Programm standen Schuberts Achte und Brahms' Vierte Symphonie. Er starb am 19. Januar 1988 an einem Herzinfarkt.

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Sonntag, 17. Mai 2009, 22:53

Repertoire

Mravinsky setzte sich stark für die zeitgenössische Musik ein. Er leitete außer den genannten Symphonien die Uraufführungen des 1. Cello- und des 1. Violinkozertes von Schostakowitsch, außerdem von Werken von Prokofiev (6. Symphonie), Khatchaturian, Myaskovsky, Salmanov und Galina Ustvolskaya, und er machte das sowjetische Publikum mit Werken der internationalen zeitgenössischen Moderne bekannt, die er teilweise gegen die Restriktionen der sowjetischen Kulturbürokratie durchsetzte. Debussys „Prélude à l'après-midi d'un Faun“, Hindemiths Symphonie „Harmonie der Welt“, Honeggers „Symphonie Liturgique“, Stravinskys „Agon“ und „Apollon musagete“ und Bartóks „Music for Strings, Celesta and Percussion“ waren unter seiner Leitung erstmals in der Sowjetunion zu hören.

In den 50 Jahren, die er mit den Leningrader Philharmonikern verbrachte, konzentrierte sich Mravinsky weitgehend auf die Arbeit mit einem Orchester in einer Stadt in einem Konzertsaal. Auslandstourneen machte er äußerst selten. In den 40er und 50er Jahren arbeitete er gelegentlich mit Moskauer Orchestern und der Tschechischen Philharmonie. Die konzentrierte Probenarbeit und die Konzerte mit seinem Orchester, in dem er inzwischen fast jede Position selbst besetzt hatte, hatten spätestens ab den 60er Jahren absoluten Vorrang. Zur gleichen Zeit hörte Mravinsky auch auf, Schallplatten aufzunehmen: seine letzte Studioaufnahme datiert von 1961. Alle späteren veröffentlichten Aufnahmen sind durchweg (zum großen Teil professionelle) Mitschnitte von Konzerten, meist in Leningrad.

Im Westen wurde Mravinsky durch einige wenige Konzertreisen in den 50er Jahren bekannt. 1956 nahm Deutsche Grammophon mit ihm und den Leningradern in Wien die Symphonien 5 und 6 von Tschaikowsky auf (in Monoqualität), 1960 in London die Tschaikowskysymphonien 4 bis 6 in Stereo. Diese Aufnahmen waren ein großer Erfolg und galten als Dokumente eines völlig neuen Tschaikowskyverständnisses. Der Legende nach soll Karajan, kurz nachdem er selbst die Studioarbeit an der Fünften beendet hatte, die (1960er) Mravinskyaufnahme gehört und umgehend seine Plattenfirma angerufen haben, um die Pressung der eigenen Aufnahme zu stoppen.

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Sonntag, 17. Mai 2009, 22:54

Arbeitsweise

Mravinsky war ein überaus akribischer Probenarbeiter. Für die sowjetische Erstaufführung von Bartóks „Musik für Streicher, Celesta und Percussion“ soll er über einen Monat geprobt haben. Sein langjähriger Assistent Mariss Jansons berichtete in einem Interview:
„Er war ein fantastischer Orchestererzieher. Seine Proben waren etwas Unglaubliches. Er konnte dem Orchester nicht nur sagen, was er wollte, sondern - wie ein Arzt, der eine Diagnose stellt und therapiert - was die Musiker wie anders machen mußten, damit er ein bestimmtes Resultat erhielt. Für eine Symphonie, die er schon 200 mal dirigiert hatte, bereitete er sich womöglich einen Monat lang vor, obwohl er das Werk längst in- und auswendig konnte. (…) Mrawinskij war kein spontaner Musiker. Er hat in den Proben alles vorbereitet. Im Konzert hatte er mehr diese Einstellung: Ich habe alles gemacht, und jetzt lasse ich sie spielen und kontrolliere.“ (Im Münchner Kulturmagazin 'Applaus', 1995.) Jascha Miklis, der von 1957 bis 1974 Stimmführer der 2. Violinen bei den Leningradern war, ließ sich in einem Film über Mravinsky so vernehmen: „Of course he was very difficult, and it was quiet hard to work with him. But almost all the time we understood the reasons why he was so hard.“

Auf youtube sind (mit den Suchworten „Mravinsky repetition“) einige kurze Probenausschnitte zu finden. Ich finde sie überaus faszinierend, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass man als Orchestermusiker auf diese Weise gerne arbeitet. Nach diesen Mitschnitten muss eine Probe bei Mravinsky ungefähr so abgelaufen sein: Mravinsky gibt den Einsatz, unterbricht nach zwei Takten, ohne ein Wort gibt er wieder den Einsatz, unterbricht wieder nach zwei Takten, sagt „Noch einmal“, gibt den Einsatz, unterbricht nach zwei Takten, sagt „Mezzoforte bitte“, gibt den Einsatz, unterbricht nach zwei Takten, gibt erneut den Einsatz, unterbricht nach zwei Takten, singt dem Orchester vor, wie er sich die zwei Takte vorstellt, gibt den Einsatz, unterbricht nach zwei Takten...
Auf diese Weise kann er in einer Probe nicht mehr als eine Partiturseite bearbeitet haben.

Mravinsky war als Dirigent nie ein Mann der großen, ausladenden Gesten. Im Alter hat er zu einem wahrhaft sensationellen Minimalismus gefunden. Man schaue sich das auch wieder auf Youtube an: die Aufführung der „Unvollendeten“ von Schubert von 1983, auf dem Portal in vier Einzelvideos komplett dokumentiert, ist eine Studie über piano, pianissimo und pianopianissimo. Mavrinskys rechte Hand (er dirigierte in seinen späten Jahren ohne Taktstock) schlägt gelegentlich ein bisschen Takt. Die linke ist ständig im Einsatz, um Lautstärken auszubalancieren, mit ihr gibt er ein permanentes, detailliertes Feedback an die einzelnen Instrumentengruppen, das sofort und exakt umgesetzt wird. Trotz der sparsamen Gestik gibt es nicht einen verwackelten Einsatz, nicht eine Tempounsicherheit. Mravinsky weiß genau, was seine Musiker von ihm brauchen; wo er sie zusammenführen muss, ist er da, aber er tut nichts für die Galerie. Dabei strahlt er eine ungeheuer gelassene Ruhe und zugleich äußerste Konzentration aus.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Micha« (19. Mai 2009, 20:05)


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Sonntag, 17. Mai 2009, 22:56

Stil

Als ich zur Vorbereitung auf diesen Beitrag nach längerer Abstinenz wieder einige meiner Mravinsky-Aufnahmen abhörte, bin ich erneut nachgerade süchtig geworden nach diesem ganz speziellen sound der Leningrader Philharmoniker in den 60er bis 80er Jahren. Es vermittelt sich eine ungeheure Intensität in allen Aufnahmen Mravinskys mit den Leningradern, und diese Intensität liegt nicht in erster Linie in Entscheidungen für bestimmte Tempi oder in einer besonders ausgeprägten rhythmischen Prägnanz begründet – das können auch andere (wiewohl mir Mravinskys Tempi durchweg perfekt vorkommen und die rhythmische Genauigkeit seiner Dirigate staunen macht). Diese besondere Intensität scheint mir etwas mit Präsenz, mit sound und mit Phrasierung zu tun zu haben.

Letztere ist am einfachsten dingfest zu machen: die akribische Probenarbeit Mravinskys zeigt sich an den ungeheuer genau ausgefeilten Phrasierungen, den perfekten crescendi, decrescendi und diminuendi auf engstem Raum, dazu einer immer glasklaren dynamischen Balance zwischen den Instrumentengruppen. Durch diese genaueste Arbeit an Phrasierung und Dynamik entsteht eine Intensität der Gesanglichkeit, wie ich sie bei keinem anderen Orchester je gehört habe.

Den sound der Leningrader zu beschreiben, fällt schwer... Ich versuche, über den speziellen Klang der einzelnen Instrumentengruppen dieses Orchesters zu berichten: ich höre glasklar intonierende, aber dunkel timbrierte Streicher, die fast ohne Vibrato spielen, durchsetzungsfähige, geradezu schroff klingende Holzbläser, die nicht das „Verschattete“ an sich haben, das Holzbläsergruppen sonst gerne kultivieren, und die schlechthin besten, saftigsten Blechbläser ihrer Zeit außerhalb der USA. Über die Holzbläsersektion schrieb David Gutman im CD-Beiheft zu der Wiederveröffentlichung der 1960er DGG-Tschaikowsky-Aufnahmen, die „Vehemenz“ und der „Mangel an Eleganz“ in den Holzbläsern seien auf „den begrenzten Zugang (der sowjetischen Musiker, M.) zu den besten Instrumenten und Rohrblättern“ zurückzuführen. Dass dieser Klang möglicherweise stilistische Absicht war, kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. Nun, ich höre diese fiebrige „Vehemenz“ auch und vor allem bei den fabelhaften Querflöten (ich kenne kein Orchester, bei dem Flöten je so klangen!); bei denen kann es an den Rohrblättern nicht liegen...

Über die Präsenz kann man nicht reden, man kann sie aber noch jetzt in seinen Aufnahmen und auf den Videos erleben, auf denen man Mravinsky dirigieren sieht. Sein Schüler Mariss Jansons beschrieb sie einmal so: "Es war schon unfaßbar: Wenn Mravinsky mal nicht in der Philharmonie war, so hatte jeder so ein Gefühl: 'Mravinsky ist trotzdem hier.'"




"Ist es möglich, ohne Musik zu leben? Sie scheint nicht zu den Grundbedürfnissen des Menschen zu gehören. Aber ohne sie zu leben heißt, das Glück zu verlieren. Ich glaube an die transzendentale Macht der Musik. Eines Tages, als ich mich in die Musik versenkte, wurde ich in den innersten Tiefen meines Wesens aufgewühlt. Es war wie ein Blitzschlag oder ein Donner. Die Kunst muss die Menschen auf diese Weise treffen; wenn sie es nicht tut, ist sie keine Kunst. Die Kunst und die Musik in die Seelen der Menschen, Zuhörer wie Ausführende, einzubrennen – das ist mein eigentliches Bemühen, mein äußerstes Ziel."
-Evgeny Mravinsky




Mehr zu Mravinsky auf der „Tribute page“ „http://lugansky.homestead.com/Mravinsky.html"
und für die, die russisch können, auf „www.mravinsky.org“.

Kenzo Amoh von der Japanischen Mravinsky-Gesellschaft und Frank Forman haben eine ausführliche Mravinsky-Diskographie veröffentlicht („http://www32.ocn.ne.jp/~yemravinsky/discography.htm“).

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Sonntag, 17. Mai 2009, 23:24

Must have



Die DGG-Studioaufnahme der Tschaikovsky-Symphonien Vier bis Sechs ist ein hervorragender Einstieg, wenn man Mravinsky kennenlernen möchte - und alle diejenigen, die Tschaikovsky bisher für einen zweitklassigen Kitschkomponisten hielten, sollten sie unbedingt zur Kenntnis nehmen.




Die "Brilliant"-Box ist eine preiswerte Möglichkeit, einen Überblick über das Repertoire von Mravinsky zu bekommen, und nicht die schlechteste. Dem Neueinsteiger bietet sie gute Liveaufnahmen von den "Reißern" seines Repertoires - Schostakowitschs und Tschaikovskys Fünfte, Bartóks "Musik für Streicher, Celesta und Schlaginstrumente", Bruckners Neunte, Mravinskys eigene Zusammenstellung aus Tschaikowskys Ballettmusik "Der Nussknacker". Dem bereits Süchtigen werden vor allem frühe Aufnahmen aus den 40er Jahren geboten, die schwer zu bekommen waren.
Über den Inhalt der Brilliantbox und einige zweifelhafte Angaben werde ich mich in den nächsten Tagen noch mal ausführlicher auslassen.




Vol. 4 der "Mravinsky-Edition" bei Melodiya enthält Hindemiths "Harmonia Mundi" und Honeggers "Liturgique". Mit ersterer habe ich noch immer meine Schwierigkeiten, letztere ist eines der einschneidendsten Erlebnisse meiner Hörerbiografie gewesen...




Schuberts "Unvollendete" und Sibelius' Siebte.


Absolut unverzichtbar sind natürlich sämtliche Schostakowitsch-Aufnahmen Mravinskys, in diversen Editionen zu bekommen.




und schließlich was zu gucken: die DVD von EMI bietet eine interessante Filmbiografie, in der ausführlich Zeitgenossen zu Wort kommen, und die Mitschnitte von Aufführungen der "Oberon"-Ouvertüre und der "Francesca da Rimini". Als Bonus ein Rozhdestvensky-Dirigat von Tschaikowskys Vierter; etwas unvermittelt, denn es hätten genügend weitere Filmaufnahmen von Mravinsky, zB mit Schostakowitschs Fünfter, zur Verfügung gestanden. Aber na ja.

Grüße,
Micha

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Micha« (18. Mai 2009, 01:26)


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Montag, 18. Mai 2009, 10:57

Schattenseiten...?

Lieber Micha,

welch ein Portrait dieses Musikers! Herzlichen Dank.

Im Grund habe ich wenig zu ergänzen. Mrawinskij (ich bleibe bei der deutschen Transkription) gehört auch zu meinen absoluten Lieblingsdirigenten. Was er macht, ist völlig einzigartig: Er fordert äußerste Präzision - aber sie wird nicht zum Selbstzweck, sondern zur Basis einer fieberhaften Erregung. Wer einmal ein Allegro von Mrawinskij dirigiert gehört hat, weiß, was Allegro bedeutet...

Unglaublich aber auch, wie Mrawinskij Bögen spannt: Man höre sich nur den Anfang der Neunten Bruckner an: Mrawinskij etwickelt schon den ersten Höhepunkt dermaßen organisch aus dem Fließen der Musik heraus, daß man förmlich überwältigt ist. Das ist keine Frage des Tempos: Mrawinskij ist weder besonders flott noch besonders langsam. Es ist eine Frage der Balancen: Wie er mit den Bässen umgeht, auf ihrem Fundament die Blechbläser aufbaut und die Holzbläser gleichsam als Glanzlichter darübersetzt, zeugt von einem klanglichen Denken, das sehr eigenständig ist und für seine Zeit ungewöhnlich modern. Man darf nicht übersehen, daß zu dieser Zeit Bruckner immer noch vielfach als Wagner-Ableger mißverstanden wurde.

Welch Meister des Timings Mrawinskij war, merkt man am besten im Schlußsatz von Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta": Der Satz zerfällt bei den meisten Dirigenten. Fritz Reiner, dessen Einspielung als die beste gilt, merkte das Problem und versuchte ihm mit angezogenem Tempo beizukommen: Gutes Ergebnis, aber nicht perfekt, zu viele Kleinigkeiten gehen verloren. Mrawinskij begegnet dem Problem anders: Er scheint mir zwischen Hauptelementen und Nebenelementen zu unterscheiden. Dadurch, daß er die Hauptelemente in beziehung setzt, gelingt es ihm, sozusagen Pfeiler zu setzen und eine Brücke darüber zu errichten. Ich kenne keine Aufnahme des Werks, die annähernd diese Spannung erzeugt und so effektvoll ist, ohne den Effekt als Selbstzweck einzuführen.



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Und jetzt zu einem seltsamen Kapitel: Mrawinskijs Name ist verbunden mit dem von Dmitrij Schostakowitsch. Nur: Schostakowitsch mochte Mrawinskijs Interpretationen seiner Symphonien absolut nicht, wenn man der "Zeugenaussage" glaubt. Schostakowitsch warf Mrawinskij vor, seine Werke im sowjetischen Sinn geradlinig zu dirigieren und nicht im russischen Sinn als Satiren. Tatsächlich kommt der hohle Jubel, das Forcierte der Triumphe, bei Kondraschin und bei Roschdestwenskij stärker zum Tragen. Aber so eindimensional scheinen mir Mrawinskijs Aufführungen keineswegs.

Hintergrund mag sein, daß Mrawinskij die Aufführung von Schostakowitschs heftig umstrittener Dreizehnter Sinfonie ablehnte. Das Werk ist ein Schlag ins Gesicht der Sowjets. Mrawinskij versuchte, sich und sein Orchester aus politischen Statements so weit als möglich herauszuhalten. Also lehnte er die Uraufführung ab. Und zog sich Schostakowitschs Groll zu.

Wie wunderbar Mrawinskij Schostakowitsch auszuloten vermag, spürt man indessen in der Einspielung der Fünfzehnten Symphonie: Satire, Schicksalsergebenheit, echtes und belächeltes Pathos gehen in dieser Aufführung eine ideale Verbindung ein mit einer gewissen Leichtigkeit, einer - bitter, aber auch ironisch - lächelnden Rückschau auf ein Leben. Und die Todesbotschaft des letzten Satzes klingt in keiner Interpretation dunkler und ernster, aber frei von jeder Larmoyanz.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

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Dienstag, 19. Mai 2009, 01:06

RE: Schattenseiten...?

Lieber Edwin,

vielen Dank für die schöne Antwort!

Mrawinskijs Name ist verbunden mit dem von Dmitrij Schostakowitsch. Nur: Schostakowitsch mochte Mrawinskijs Interpretationen seiner Symphonien absolut nicht, wenn man der "Zeugenaussage" glaubt. Schostakowitsch warf Mrawinskij vor, seine Werke im sowjetischen Sinn geradlinig zu dirigieren und nicht im russischen Sinn als Satiren. Tatsächlich kommt der hohle Jubel, das Forcierte der Triumphe, bei Kondraschin und bei Roschdestwenskij stärker zum Tragen. Aber so eindimensional scheinen mir Mrawinskijs Aufführungen keineswegs.

Hintergrund mag sein, daß Mrawinskij die Aufführung von Schostakowitschs heftig umstrittener Dreizehnter Sinfonie ablehnte. Das Werk ist ein Schlag ins Gesicht der Sowjets. Mrawinskij versuchte, sich und sein Orchester aus politischen Statements so weit als möglich herauszuhalten. Also lehnte er die Uraufführung ab. Und zog sich Schostakowitschs Groll zu.


Ich vermute, die Aussagen Schostakowitschs, auf die Du Dich beziehst, rühren in der Tat von der Enttäuschung über Mravinskys Verhalten in Sachen Dreizehnte her. Und die kann ich ihm auch nicht wirklich übelnehmen. Krzysztof Meyer zitiert in seiner Schostakowitsch-Biografie aber frühere Aussagen des Komponisten über den Dirgenten, die ganz anders klingen. Ein Beispiel zur Aufführung der Siebten Symphonie (die Mravinsky nicht uraufführen konnte, weil er mitsamt dem Orchester im Krieg aus Leningrad nach Novosibirsk evakuiert worden war) zitiere ich gerne, weil es auch Auskunft über Mravinskys Arbeitsweise gibt:

Zitat

Am liebsten war mir jedoch die Interpretation von Jewgeni Mrawinski und der Leningrader Philharmonie. Das ist einer der besten Dirigenten, die ich je kennenlernte - er ist präzis, erkennt hervorragend die Intentionen des Komponisten und hat die seltene Gabe, genau und klug zu arbeiten. Er weiß stets, was er will, arbeitet ohne überflüssige Eile, geht dabei sehr methodisch vor und erreicht in jeder Probe hervorragende Ergebnisse.


Dass Mravinsky es ablehnte, die Dreizehnte Symphonie uraufzuführen, mag in einem Charakterzug begründet sein, auf den einige seiner ehemaligen Mitarbeiter hinwiesen: einer bis zur Hysterie und Depression sich steigernden Ängstlichkeit. Kurt Sanderling berichtet in der bei EMI erschienenen Filmbiografie unter anderem von einer Aufführung der Siebten von Bruckner, die Mravinsky nach der Generalprobe absagte aus Angst, das Orchester könne unmöglich noch einmal so gut spielen wie eben in der Probe. Bei einer anderen Gelegenheit fand er ihn vor einer Aufführung tränenüberströmt im Dirigentenzimmer vor; auf sein besorgtes Nachfragen antwortete Mravinsky: er mache sich so Sorgen, dass die Hörner ihren Einsatz verpatzen könnten... Der Kontrollfanatismus und Perfektionismus Mravinskys rührte offenbar aus einer tiefen Unsicherheit, einem innersten Gefühl des Bedrohtseins her. Vielleicht hatte es seine Ursache in den Erlebnissen als Kind während der Revolution, als seine Familie aus dem Elternhaus vertrieben wurde. Ich vermute, dass Mravinsky, der auch nicht durch eine Parteimitgliedschaft geschützt war, es sich im Falle der Dreizehnten Symphonie einfach nicht zutraute, eine Konfrontation mit dem Regime zu überstehen. Sanderling sagte (wieder in dem erwähnten Film) den Satz: "Er wusste um seine Mängel. Und er litt unter ihnen."

Grüße,
Micha

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Dienstag, 19. Mai 2009, 13:20

Lieber Micha,

ich glaube, es geht sogar noch weiter: Mrawinskijs Ängstlichkeit führte dazu, daß er jegliche Äußerung einer persönlichen Meinung vermied. Es gibt ein gutes Wort über ihn: "Mrawinskij hat Gefühle, aber er zeigt sie nicht." Die Aufführung von Schostakowitschs 13. wäre einem persönlichen Statement gleichgekommen.

Wie weit Mrawinskij zu gehen bereit war, sollte man aber nicht an diesem Faktum messen, sondern daran, daß er sowohl die 8. als auch die 10. aufführte, die beide weit entfernt von der erwünschten Ästhetik waren, diese im Fall der 8. sogar völlig ins Gegenteil wendete. Auch die Aufführung der 15. war keineswegs so selbstverständlich. Zwar war das Klima schon etwas entspannter, aber für die gleichmütige und zutiefst berührende Darstellung des eigenen Todes war immer noch kein Platz - schließlich hatten Kunstwerke optimistisch oder heroisch zu sein.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Edwin« (19. Mai 2009, 22:35)


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Dienstag, 19. Mai 2009, 19:23

Hallo Michael,

zunächst vielen Dank für dieses detaillierte und informative Porträt Mrawinskis.

Ich selbst habe daraufhin erst einmal in meiner CD-Sammlung nach Aufnahmen dieses Dirigenten gesucht und mit Erstaunen festgestellt, dass ich gar nicht so viele habe. Das liegt sicherlich daran, dass ich (derzeit) eher nach neuen, unbekannten Werken suche als Interpretationen vergleiche, aber ich hätte doch damit gerechnet, dass sich etwas mehr angesammelt hat. Einige Kleinigkeiten möchte ich zum Thema Mrawinski aber doch beisteuern.

Ich besitze die Brilliant-Box nicht, was z. T. damit zusammenhängt, dass ich diesen Veröffentlichungen etwas skeptisch gegenüberstehe, nicht zuletzt deshalb, weil Brilliant zu schlampigen Recherchen bis hin zu mehr als ärgerlichen Fehlinformationen neigt. Ich habe ja bereits öfters erwähnt, dass die Tretjakow-Box ein vermeintliches Violinkonzert von Boris Tschaikowski enthält, das in Wahrheit von dessen Neffen Alexander Tschaikowski komponiert wurde. Trotzdem überlege ich, ob ich mir die Box anschaffe - zum einen Mrawinskis wegen, und zum anderen, weil mich Schiwotows "Heroisches Poem" interessiert (Alexei Schiwotow gehört ja zu jenen Komponisten, die sich in den 1920er Jahren durchaus experimentierfreudig zeigten, und dies später zu Gunsten offizieller Forderungen ablegten bzw. ablegen mussten - ein weiteres, vielleicht prominenteres Beispiel wäre Alexander Mossolow).

Bei der Durchsicht der eingespielten Werke ist mir aufgefallen, dass auch die Sinfonien Nr. 2 von Wadim Salmanow enthalten ist, wozu ich ein paar Worte verlieren möchte. Salmanow war offensichtlich mit Mrawinski persönlich befreundet; er schrieb vier Sinfonien, die alle von Mrawinski und seinen Leningrader Philharmonikern uraufgeführt wurden - also quasi Musik für Mrawinski. Die Zweite ist wahrscheinlich die populärste, ich kenne indes alle: in der Tat ist die Zweite ein sehr hübsches Naturpoem über den Wald, ich höre sie gerne. Die Erste ist eher sowjetischer Standard von 1952 (dem Entstehungsjahr). Während Salmanow sich in der wesentlich moderneren Dritten an der Einbeziehung von Zwölftonreihen versucht (ich hatte dieses Werk eher trocken in Erinnerung, was ein erneutes Hören soeben zu widerlegen scheint), hat er in der Vierten wohl sein Meisterwerk geschaffen: eine Sinfonie, die von Abschiedsstimmung erfüllt ist, (in den Ecksätzen, der Mittelsatz ist teilweise etwas anders) suchende thematische Linien und als Kontrast eine einfache, aber sehr berührende Melodie, quasi das Ideal, das die Sinfonie zu erreichen strebt. Ich finde die überwiegend herbstlich-poetische Atmosphäre dieses Werkes jedenfalls sehr bewegend, wie auch der Musikwissenschaftler Mark Aranowski schreibt: "... gewebt aus den gleichen delikaten Farben wie der Leningrader Himmel bei einem sommerlichen Sonnenuntergang".

Und schließlich gibt es auch eine Sinfonie, die Mrawinskis Andenken gewidmet ist: nämlich die hervorragende Sinfonie Nr. 6 von Boris Tischtschenko, eine knapp einstündige Vokalsinfonie für Sopran, Alt und Orchester, komponiert im Jahre von Mrawinskis Tod. Dieses Stück kreist thematisch um die Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und Verlust - ein Bekenntniswerk, das ich sehr schätze, allein schon der Schluss ist genial: bei den letzten Worten ("Lebst du noch? - Ich lebe noch... - Bist du noch hier? - Ich bin...") läuft mir regelrecht eine Gänsehaut den Rücken herunter. Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr - Tischtschenko ist dieses Jahr 70 geworden, ich könnte mir ja mal Gedanken über einen eigenen Thread machen. Gibt's bei Northern Flowers, zu beziehen über jpc, mit Roschdestwenski am Pult zu kaufen!

Viele Grüße
Holger

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Mittwoch, 20. Mai 2009, 01:13

Lieber Holger,

danke für Deinen informativen Beitrag! Mit der Erwähnung von Mossolov erinnerst du mich an was... Mal schauen, die Tage.


Ich besitze die Brilliant-Box nicht, was z. T. damit zusammenhängt, dass ich diesen Veröffentlichungen etwas skeptisch gegenüberstehe, nicht zuletzt deshalb, weil Brilliant zu schlampigen Recherchen bis hin zu mehr als ärgerlichen Fehlinformationen neigt.


Und deshalb hier der Mravinsky-Brilliant-Service-Beitrag:

CD1
Tschaikowsky: Streicherserenade op. 48 – Aufnahme von 1947
Tschaikowsky: Drei Stücke aus der Nussknacker-Suite, op. 71a – 1948
Tschaikowsky: Francesca da Rimini, op. 32 – 1972
Laut Discographie datiert die einzige (Studio-)Aufnahme der Streicherserenade von 1949. Das wird sie wohl sein.
„Francesca da Rimini“ war eines von Mravinskys Bravourstücken. Es sind Studioaufnahmen von 1940 und 1948 und Liveaufnahmen von 1972 und 1983 erhalten. Diese von 1972 ist wohl die interessanteste: molto furioso und in Stereo.


CD2
Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 op. 64 – 1982
Tschaikowsky: Pas de Deux, aus Dornröschen – 1948
Tschaikowsky: Capriccio Italien, op. 45 – 1949
Die letzte von insgesamt 16 (!) Aufnahmen der Fünften Tschaikowsky-Symphonie. Und die einzige des Capriccio Italien, laut Amoh/Forman 1950 entstanden (Studio).

CD3
Glazunov: Symphonie Nr. 4 op. 48 – 1948
Rimsky-Korsakow: Die Legende von der Unsichtbaren Stadt Kitezh – 1949
Glinka: Ruslan und Ludmilla – Ouvertüre – 1965
Steinberg: Tanz der Buffone – Gillinas Tanz – 1946
Drei frühe Studioaufnahmen der Werke von Glazunov, Rimsky und Steinberg. Keines davon hat Mravinsky später wieder eingespielt.

CD4
Salmanov: Symphonie Nr. 2 G-Dur - 1983
Khatchaturian: Symphonie Nr. 3 - 1983
Liadov: Baba Yaga op. 56 - 1983
Mussorgsky: Khovantchina-Ouvertüre – 1983
Wenn das angegebene Aufnahmedatum „11.3.1983, live“ für alle vier Werke stimmte, handelte es sich hier um die Entdeckung eines Amoh/Forman unbekannten Konzertmitschnittes. Es kann aber nicht stimmen. Zu unterschiedlich ist die Aufnahmequalität (Liadov und Khatchaturian sind mono, die anderen beiden stereo).
Der Liadov scheint mir eine schlechte Mono-Kopie der 1965er Stereo-Liveaufnahme zu sein, jedenfalls höre ich identische Huster. Der Mussorgsky ist zumindest offensichtlich NICHT identisch mit der mir vorliegenden 1965er-Aufnahme. Möglicherweise handelt es sich um die in der Discographie aufgeführte Aufnahme vom 19.3.1983, was die Angabe von Brilliant wenigstens ansatzweise erklären würde.
Von einer Aufnahme der Dritten von Khatchaturian ist Anoh/Forman nichts bekannt. Ich nehme an, dass es sich bei dieser Aufnahme des bombastischen einsätzigen Werkes mit Orgel und 15 Trompeten um die eines anderen Dirigenten handelt. Die schlechte Tonqualität lässt vermuten, dass sie nicht lange nach der Uraufführung 1947 entstanden ist. Vielleicht hat ein Kenner ja einen Kandidaten dafür anzubieten?
Die 2. Symphonie von Salmanov war für mich eine wirkliche Entdeckung. Kein überaus komplexes Werk, aber wirklich interessant anzuhören. Es erstaunt mich nicht, dass Mravinsky sich für diesen Komponisten einsetzte und alle seine Symphonien zur Uraufführung brachte. Bei dieser Aufnahme handelt es sich vermutlich um den in der Discographie gelisteten Stereo-Konzertmitschnitt von 1966.


CD5
Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5 op. 47 – 1982
Zhivotov: Heroic Poem – 1946
Auch eine Schostakowitsch-Fünfte mit dem Aufnahmedatum 18.11.1982 wird in der Discographie nicht geführt. Diese (klanglich hervorragende) Liveaufnahme ist offenbar nicht identisch mit den mir vorliegenden Aufnahmen von 1984 (Leningrad) und 1978 (Wien). Bleibt noch als Kandidat von der Amoh/Forman-Liste eine Leningrader Aufnahme von 1973 – oder die Brilliant-Angabe stimmt und es handelt sich um eine den Discographen nicht bekannte Aufnahme. Da Mravinsky diese Symphonie sehr häufig aufgeführt hat, scheint mir das in diesem Fall gar nicht mal so unwahrscheinlich.

CD6
Bartók: Musik für Streicher, Schlagzeug und Celesta – 1965
Stravinsky: Apollon Musagete – 1972
Einwandfreie Liveaufnahmen.

CD7
Wagner: Trauermarsch aus „Götterdämmerung“ - 1947
Wagner: Vorspiel und Liebestod, aus „Tristan“ - 1978
Prokofiev: Romeo & Julia Suite Nr. 2 – 1983
Ich bin alles andere als ein fanatischer Wagner-Verehrer – aber diese Aufnahme des Tristan-Vorspiels begeistert mich unendlich...
Der Prokofiev ist falsch datiert, es handelt sich eindeutig um die Aufnahme vom 30.12.1981. Auch ein Glanzstück übrigens!


CD8
Bruckner: Symphonie Nr. 9 d-moll – 1.1.1978
Selbst das wäre Mravinsky zuzutrauen gewesen: dass er 1978 als Neujahrskonzert Bruckners Neunte gespielt hätte. Hier handelt es sich aber eindeutig um die bekannte großartige Aufnahme vom 30.1.1980

CD9
Beethoven: 4. Symphonie op. 60 - 1949
Beethoven: 2. Symphonie op. 36 - 1940
Wieder zwei sonst schwer zu bekommende frühe Studioaufnahmen, in mono natürlich. Und korrekt datiert. Von der Zweiten gibt es keine spätere Aufnahme!

CD10
Mozart: Ouvertüre zu Le Nozze di Figaro - 1962
Weber: Ouvertüre zu Der Freischütz - 1952
Bizet: Carmen, Entr'acte zu Akt 4 - 1946
Bizet: Farandole aus L'Alesienne Suite - 1946
Debussy: Nuages, aus Nocturnes - 1952
Debussy: Fetes, aus Nocturnes - 1952
Debussy: Prélude à l'après-midi d'un faun - 1965
Scriabin: Le poème de l'extase – 1959
Die Figaro- und die Freischütz-Ouvertüre finden sich unter diesen Daten nicht in der Discographie. Vermutlich handelt es sich um die Aufnahmen vom 23.2.1965 statt 23.2.1962 (Figaro) und 29.12.1954 statt 29.11.1952 (Freischütz), beide live. Beim Freischütz ist deutlich zu hören, welche Mängel das Orchester in den frühen 50er-Jahren noch hatte. Sie beginnt wunderbar in den Streichern, dann produzieren die Bläser aber einen ordentlichen Schmiss, von dem sich das Stück nicht wieder erholt...
Die Scriabin-Aufnahme von 1959 (live) klingt viel lebendiger und inspirierter als die ein Jahr zuvor (ebenfalls in mono) entstandene Studioaufnahme!


Kann es sein, dass diese ständigen Zahlendreher in den Aufnahmedatenangaben bei Brilliant System haben? Aber warum? Um Urheberrechtsstreitereien zu vermeiden? Jedenfalls ist hier auffällig, dass die Aufnahmedaten der alten Aufnahmen meist stimmen, die der neueren meist nicht.

Grüße,
Micha

11

Mittwoch, 20. Mai 2009, 17:10

Hallo Michael,

auch wenn es nicht gänzlich unplausibel erscheint, dass die zahlreichen Fehlinformationen bei den Brilliant-Boxen dadurch bedingt sein könnten, dass man hier Urheberrechtsstreitigkeiten aus dem Weg gehen möchte, so glaube ich persönlich doch eher, dass einfach schlampig gearbeitet wird: denn es kommen ja auch echte Fehlzuschreibungen wie das Violinkonzert von Alexander Tschaikowski vor, oder Fälle wie "Prélude und Toccata" von Nikolai Peiko (ebenfalls in der Tretjakow-Box): hier wurde das Werk einen Halbton zu tief auf CD gebannt, ganz davon zu schweigen, dass es eigentlich "Konzertfantassie Nr. 2" heißen müsste. Ich vermute, dass die Verantwortlichen ganz einfach möglichst schnell und unkompliziert zu Geld kommen wollen - da sind aufwändige Recherchen doch eher störend...

Insofern ist deine akribische Auflistung umso wertvoller, danke dafür! Zur Chatschaturjan-Sinfonie folgende Anmerkung: ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass Mrawinski all deinen Zweifeln zum Trotz doch der richtige Dirigent ist. Onno van Rijens Internetseite über sowjetische Komponisten kann man jedenfalls entnehmen, dass das Werk am 13. Dezember 1947 eben gerade von Mrawinski und den Leningrader Philharmonikern uraufgeführt wurde! Sollte es sich um eine Live-Aufnahme handeln, könnte es sich also sogar um einen Mitschnitt der Uraufführung handeln. Ganz genau kann ich das natürlich nicht sagen!

Viele Grüße
Holger

12

Donnerstag, 21. Mai 2009, 00:46

Zur Chatschaturjan-Sinfonie folgende Anmerkung: ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass Mrawinski all deinen Zweifeln zum Trotz doch der richtige Dirigent ist. Onno van Rijens Internetseite über sowjetische Komponisten kann man jedenfalls entnehmen, dass das Werk am 13. Dezember 1947 eben gerade von Mrawinski und den Leningrader Philharmonikern uraufgeführt wurde! Sollte es sich um eine Live-Aufnahme handeln, könnte es sich also sogar um einen Mitschnitt der Uraufführung handeln.


Lieber Holger,
das ist natürlich ein sehr wichtiger Hinweis! Ich habe mir das Monstrum (ein interessantes freilich, aber ein Monstrum) gerade nochmal ganz angehört, und tatsächlich: nach einer Viertelstunde, wenn es zum ersten Mal ein wenig ruhiger wird, hört man Live-typische Hust- und Scharrgeräusche. Da diese Symphonie aufgrund der Besetzung wahrscheinlich nicht so häufig gespielt wurde, kommt es mir doch recht wahrscheinlich vor, dass es sich hier um den Uraufführungs-Mitschnitt handelte.

Mal kurz grafisch dargestellt, wie die Dritte Symphonie von Khatchaturian ungefähr klingt:



...................................



Mal was anderes: ich finde es ja immer jammerschade, dass Mravinsky nie Gustav Mahler dirigiert hat. Das wäre doch, gerade wegen seiner berüchtigten Genauigkeit in Phrasierung und Dynamik, sicher großartig geworden! Wie stand es denn (kurzes OT - wer eine lange Antwort darauf parat hat, möge doch ruhig einen neuen thread eröffnen!) überhaupt um die Mahler-Rezeption in der SU? Wenn ich mir meine Mahler-Aufnahmen so anschaue (ich habe eine Zeitlang mal ziemlich fanatisch gesammelt), finde ich überhaupt nur zwei Sowjet-Aufnahmen, beide von der Fünften: Kondrashin 1964 und Rozhdestvensky 1973. Wie kommt das?

Grüße,
Micha

13

Donnerstag, 21. Mai 2009, 13:07

Ich habe mich noch nicht intensiver mit Mravinsky beschäftigt, obgleich seine Aufnahmen der Tschaikowsky-Symphonien eigentlich Anlass genug sein sollten. Die kann ich immer wieder hören, da wird Tschaikowsky restlos „kitschfrei“, trotzdem intensiv dargeboten.

Sviatoslav Richter sagt in seinen Tagebuchzeichnungen (Monsaingeon): „Mravinsky and Shostakovich are made for each other.“ Das wird so sein, gleichwohl kenne ich bislang nur eine Aufnahme der 8. Symphonie (Regis), aber die ist m.E. wirklich fantastisch.

Richter schätzte Mravinsky so sehr, dass er ausdrücklich darauf hinwies, wie gerne er mit diesem Dirigenten zusammenarbeitet hatte. Es muss ein besonderes Verhältnis gewesen sein, denn sie trafen ja nicht einmal sehr häufig aufeinander. Dennoch widmete Richter Mravinsky nach dessen Tod einige Konzerte und ehrte ihn, indem er von „our finest conductor“ sprach.

Zwei Aufnahmen der beiden Künstler liegen mir vor: Brahms 2. und Tschaikowskys 1. Klavierkonzert. Durchaus sehr hörenswerte Interpretationen, aber nicht meine favorisierten.

Gruß, Cosima
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14

Donnerstag, 21. Mai 2009, 23:45

Mravinsky mit Schostakowitsch und Strawinsky

Lieber Micha,

vielen Dank für diese grandiose Vorstellung! Eben habe ich mal in meiner Sammlung geforscht, was ich mit Mravinsky so habe: immerhin 3 CDs mit Schosatakowitsch, Symphonien 6, 11, 12 und 15 und Strawinsky, Agon. Lange nicht mehr gehört - das soll sich demnächst ändern.
Es grüßt Gurnemanz

---
Sprechen heißt: in Tautologien verfallen.
Jorge Luis Borges

15

Dienstag, 26. Mai 2009, 22:46

Mravinsky mit Brahms

Zu meinen absoluten Lieblingsaufnahmen der Sinfonien 1-4 von Brahms gehören die Aufnahmen mit Mravinsky. Die 1. ist zwar nur in Mono verfügbar, aber das Dirigat ist bei jeder Sinfonie so mitreißend und keine Sekunde langweilig, dass dies überhaupt keine Rolle spielt. :juhu:
"Ich brauche keine Musikkritiker"
(Gennadi Roshdestwenskij)

16

Mittwoch, 27. Mai 2009, 00:13

Noch ein Russophiler hier! Herzlich willkommen!
Bei Brahms war und bin ich bis heute wie eine junge Graugans auf George Szell geprägt. Da hat es jeder andere bei mir schwer, selbst Mravinsky. Letztens habe ich die Vierte mit ihm wieder gehört und ansatzweise was begriffen. Ich will das demnächst noch mal an den anderen Brahmssymphonien prüfen und versuchen, was Gescheites drüber zu schreiben.

Grüße,
Micha

17

Mittwoch, 3. Juni 2009, 14:22

Wie zu Markevitch auch hier Eindrücke zu einem Live-Eindruck Mravinskys (pardon, Edwin, daß ich bei der anglophilen Schreibweise bleibe!). Ich denke, es war in den beginnenden 80er Jahren, daß ich Mravinsky mit seinen Leningradern bei einem Konzert in Hamburg hörte. Einziger Programmpunkt : Bruckners Neunte. Auch hier erspare ich mir die Schilderung interpretatorischer Eindrücke, an die ich mich sowieso nicht mehr erinnere. Jedoch blieb der optische Eindruck im Gedächtnis, nämlich der eines Generals, der seine Truppen mit minimaler Gestik am extrem kurzen Zügel führte.

Dies ganz im Gegensatz etwa zu einem Valery Gergiev, dessen Dirigat in besten Momenten (d.h. wenn er nicht total übermüdet oder am Stück desinteressiert ist) außerordentlich körperbetont ist, vermutlich auch, um im Konzert das durch Körpereinsatz auszugleichen, was ihm an Probenintensität oder -dauer gefehlt hat.

Der Gegensatz Mravinsky - Gergiev : bestes Beispiel dafür, daß es die russische Dirigierschule nicht gibt.

Sune

18

Mittwoch, 3. Juni 2009, 16:25

Hallo Sune,

Zitat

(pardon, Edwin, daß ich bei der anglophilen Schreibweise bleibe!).

Ach was! Hauptsache, Du und ich treffen wieder aufeinander! Was Capriccio doch alles an Feuergeistern früherer Zeiten wieder vereint!!!

Sehr gut, daß Du Mrawinskijs Minimalgestik erwähnst: Völlig ruhiger Gesichtsausdruck, präzises, kleinräumiges Taktieren, Hilfsbewegungen nur, wenn sie etwas zu bedeuten haben. Es gibt in Japan zwei DVDs, auf denen man gut verfolgen kann, mit welch kleiner Bewegung ein Dirigent das Orchester steuern kann. Natürlich hat Mrawinskij vorher sehr genau geprobt - und das Orchester wußte natürlich, was Mrawinskij wollte.
Das ging so weit, daß die Musiker, als bereits Temirkanow Chef war, immer noch das Gefühl hatten, sie würden primär doch für Mrawinskij spielen, erzählte mir einmal Jansons.
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

19

Freitag, 19. Juni 2009, 12:18

Zur Chatschaturjan-Sinfonie folgende Anmerkung: ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass Mrawinski all deinen Zweifeln zum Trotz doch der richtige Dirigent ist. Onno van Rijens Internetseite über sowjetische Komponisten kann man jedenfalls entnehmen, dass das Werk am 13. Dezember 1947 eben gerade von Mrawinski und den Leningrader Philharmonikern uraufgeführt wurde! Sollte es sich um eine Live-Aufnahme handeln, könnte es sich also sogar um einen Mitschnitt der Uraufführung handeln.


Lieber Holger,
das ist natürlich ein sehr wichtiger Hinweis! Ich habe mir das Monstrum (ein interessantes freilich, aber ein Monstrum) gerade nochmal ganz angehört, und tatsächlich: nach einer Viertelstunde, wenn es zum ersten Mal ein wenig ruhiger wird, hört man Live-typische Hust- und Scharrgeräusche. Da diese Symphonie aufgrund der Besetzung wahrscheinlich nicht so häufig gespielt wurde, kommt es mir doch recht wahrscheinlich vor, dass es sich hier um den Uraufführungs-Mitschnitt handelte.

Mal kurz grafisch dargestellt, wie die Dritte Symphonie von Khatchaturian ungefähr klingt:



...................................



Grüße,
Micha
Hallo Micha,

die Brillant-Box war zunächst für mich auch eiun Ärgernis, weil teils sehr sehr schlechte Aufnahmen ausgegraben wurden. Nun erfahre ich auch noch das viele Aufnahmedaten nicht stimmen, weil schlecht recherchiert wurde.
Die Khatchaturian 3 hört sich an, als wenn einer mit Cassettendeck im Livekonzert mitgeschnitten hätte - ein Zumutung (egal ob es die Uraufführung gewesen sein könnte).
Wer diese Aufnahme von dem Werk erstmalig hört wird kaum einen positiven Zugang für das Werk gewinnen - :D da trifft Deine Grafikdarstellung zu.

Interessant bleibt die 10CD-Box aber hauptsächlich wegen
Bruckner: Sinfonie Nr.9
Bartok: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta
Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 op. 64 – 1982
Schostakowitsch: Sinfonie Nr.5 - 1982



*** Die ERATO - 11CD - Mrawinsky - Box ist weitaus besser gestaltet und auch hat auch klangtechnisch nicht solche Negativüberraschungen zu bieten.
:wink: Dazu komme ich später nochmal.
______________

Gruß aus Bonn

Wolfgang

Zwielicht

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20

Freitag, 3. September 2010, 17:36

1956 nahm Deutsche Grammophon mit ihm und den Leningradern in Wien die Symphonien 5 und 6 von Tschaikowsky auf (in Monoqualität), 1960 in London die Tschaikowskysymphonien 4 bis 6 in Stereo. Diese Aufnahmen waren ein großer Erfolg und galten als Dokumente eines völlig neuen Tschaikowskyverständnisses.




Die Monoaufnahmen der Fünften und der Sechsten gibt es seit einiger Zeit auch beim Testament-Label. Ich habe sie neulich vom Wühltisch erworben, TB und Don Fatale machten mich in einem anderen Thread dankenswerterweise darauf aufmerksam, dass der Inhalt der beiden gezeigten Boxen identisch ist (außerdem enthalten: die Vierte unter Sanderling).

Man hört recht guten Mono-Klang, relativ transparent, rauschfrei, in der Tiefe ein wenig mulmig (Ende des Kopfsatzes der Fünften). Ob der verfärbte Klang mancher Bläser orchesterspezifisch oder aufnahmebedingt oder beides ist, wage ich nicht zu entscheiden. Das betrifft vor allem die Hörner. Momente, in denen mich das wirklich stört, sind selten - genannt sei das Solohorn im langsamen Satz der Fünften, das wie eine Mischung aus Ventilhorn (60 %), Fagott (30 %) und Nebelhorn (10 %) klingt.

Das Meinungsbild über Mravinskys Tschaikowsky fällt ja recht einheitlich aus und ich habe dem auch kaum etwas Neues hinzuzufügen. Perfektes Orchesterspiel: Zweifellos. Zügige Tempi: Absolut. Es gibt vermutlich wenige Interpretationen, die im ersten Satz der Sechsten so den Spannungsbogen durchhalten, was natürlich nicht nur eine Frage des Tempos ist. Im langsamen Satz der Fünften finde ich das relativ rasche Grundtempo zwar ok, aber die diversen Animando/Animato/Con moto-Vorschriften werden mir dann doch etwas zu sehr betont, so dass der Satz nicht nur etwas gehetzt klingt, sondern auch stark rubatiert. Orchesterbalance: Von der Klangtechnik abgesehen - vorzüglich. Wie z.B. im dritten Satz der Fünften die gestopften Hörner hörbar, aber nicht zu aufdringlich Akzente setzen, finde ich perfekt gelöst. Die dynamische Spannweite ist groß, Knalleffekte werden trotzdem vermieden.

Eine leichte Rancune hege ich zugegebenermaßen gegen Charakteristika dieses Interpretationsstils, die gerne mit "unsentimental", "straff" oder gar "diszipliniert" beschrieben werden. Manchmal hat das einen Beigeschmack von Drill - ich nenne mal das extrem schnelle Allegro vivace aus dem Finale der Fünften, das für mich nicht entfesselt, sondern exekutiert klingt. Faszinierend erscheint das dann allerdings im dritten Satz der Sechsten, in dem dieser Stil so überdreht wird, dass mit seiner gewaltsamen Attitude auch das Gewaltsame der Musik bedrohlich herausgetrieben wird. Ich kenne keinen anderen Dirigenten und kein anderes Orchester, bei denen die Selbstzerstörung dieser Musik so beeindruckend vor Ohren geführt wird.

Wenn man in dieser Box die etwas plump absolvierte Vierte mit demselben Orchester unter Sanderling hört, wird jedenfalls klar, was man an Mravinsky hat.


Viele Grüße

Bernd
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21

Freitag, 3. September 2010, 17:45

Ich kenne Toscanini nicht, aber Fricsay/Berliner Phil ca. 1954 ist jedenfalls im Geschwindmarsch der 6. noch deutlich schneller als Mravinsky mono.
Die russischen Hörner klingen auch bei guter Klangqualität oft erheblich anders. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass die russische (sowie auch tschechische und evl. Staatskapelle Dresden) Tradition die Hörner klanglich eher er Gruppe der Holzbläser zuordnet. Mir fehlt allerdings Material und Geduld, das durch Vergleichshören herauszukriegen.

Kater Murr

Es ist immer die gleiche Geschichte: Verfolgt man die Spur des Terrors nur lange genug, endet man vor einem geheimen Dienstgebäude. Rein kann man nur während einer Revolution.

(Nils Minkmar, FAZ v. 20.11.2011)

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22

Dienstag, 13. September 2011, 15:46

Bei der Durchsicht der eingespielten Werke ist mir aufgefallen, dass auch die Sinfonien Nr. 2 von Wadim Salmanow enthalten ist, wozu ich ein paar Worte verlieren möchte. Salmanow war offensichtlich mit Mrawinski persönlich befreundet; er schrieb vier Sinfonien, die alle von Mrawinski und seinen Leningrader Philharmonikern uraufgeführt wurden - also quasi Musik für Mrawinski. Die Zweite ist wahrscheinlich die populärste, ich kenne indes alle: in der Tat ist die Zweite ein sehr hübsches Naturpoem über den Wald, ich höre sie gerne. Die Erste ist eher sowjetischer Standard von 1952 (dem Entstehungsjahr). Während Salmanow sich in der wesentlich moderneren Dritten an der Einbeziehung von Zwölftonreihen versucht (ich hatte dieses Werk eher trocken in Erinnerung, was ein erneutes Hören soeben zu widerlegen scheint), hat er in der Vierten wohl sein Meisterwerk geschaffen: eine Sinfonie, die von Abschiedsstimmung erfüllt ist, (in den Ecksätzen, der Mittelsatz ist teilweise etwas anders) suchende thematische Linien und als Kontrast eine einfache, aber sehr berührende Melodie, quasi das Ideal, das die Sinfonie zu erreichen strebt. Ich finde die überwiegend herbstlich-poetische Atmosphäre dieses Werkes jedenfalls sehr bewegend, wie auch der Musikwissenschaftler Mark Aranowski schreibt: "... gewebt aus den gleichen delikaten Farben wie der Leningrader Himmel bei einem sommerlichen Sonnenuntergang".

Die 2. Symphonie von Salmanov war für mich eine wirkliche Entdeckung. Kein überaus komplexes Werk, aber wirklich interessant anzuhören. Es erstaunt mich nicht, dass Mravinsky sich für diesen Komponisten einsetzte und alle seine Symphonien zur Uraufführung brachte. Bei dieser Aufnahme handelt es sich vermutlich um den in der Discographie gelisteten Stereo-Konzertmitschnitt von 1966.

Die vier Sinfonien Salmanows gibt es allesamt in Einspielungen Mrawinskys mit den Leningrader Philharmonikern, und zwar in diesem CD-Set

den ich vor zwei Jahren noch problemlos bestellen konnte, der aber inzwischen vergriffen zu sein scheint. Hier die diskografischen Angaben:

Sinfonie Nr. 1: live Leningrad 20.3.1957
Sinfonie Nr. 2: live Leningrad 30.9.1960 (Mitschnitt der Uraufführung)
Sinfonie Nr. 3: live Leningrad "24.5.1964" (möglicherweise Mitschnitt der Uraufführung, welche am 23.5.1964 in Leningrad stattfand. Vielleicht stimmt die Angabe "24.5.1964" aber auch: dann wurde eben das Wiederholungskonzert mitgeschnitten)
Sinfonie Nr. 4: live Leningrad "28.1.1977" (dieses Aufnahmedatum kann definitiv nicht richtig sein, da die Uraufführung erst am 31.1.1977 in Leningrad stattfand)

Von der Sinfonie Nr. 2 gibt es noch einen weiteren Mitschnitt mit Mrawinsky und den Leningrader Philharmonikern, welcher bei Russian Disc erhältlich ist

und auch hier

Ob dieser Mitschnitt mit demjenigen in der Brilliant-Box identisch ist, vermag ich nicht zu sagen. Es dürfte aber einiges dafür sprechen.

Zur gleichen Zeit hörte Mravinsky auch auf, Schallplatten aufzunehmen: seine letzte Studioaufnahme datiert von 1961.
Vielleicht von mir noch die kleine Ergänzung, dass es sich bei dieser letzten Studio-Aufnahme um die Sinfonie Nr. 12 von Schostakowitsch handelt, welche er mit den Leningrader Philharmonikern im Oktober 1961- kurz nach der Uraufführung des Werks - im Studio aufnahm.


Sein letztes Konzert mit den Leningrader Philharmonikern gab Evgeny Mravinsky am 6. März 1987, auf dem Programm standen Schuberts Achte und Brahms' Vierte Symphonie.
Das ist eine sehr interessante Information. Schuberts "Unvollendete" in der Interpretation Mrawinskys ist schlichtweg ein Ereignis. Es gibt drei Aufnahmen dieses Werks von ihm: den Moskauer Mitschnitt vom 24.4.1959 (mit dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR, auch wenn der CD-Hersteller inkorrekterweise die Leningrader Philharmoniker nennt)

sowie zwei Live-Mitschnitte mit den Leningrader Philharmonikern aus Leningrad (30.4.1978) und aus Wien (12.6.1978). Die CD-Ausgabe des Leningrader Mitschnitts ist oben in Posting #5 verlinkt.

Abschließend erlaube ich mir noch den Hinweis auf die m.E. beste Schostakowitsch-Einspielungs Mrawinskys: der Live-Mitschnitt der Achten aus Leningrad vom März 1982 ist geradezu überragend.

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