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Dienstag, 13. April 2010, 21:52

Auf LSO wird eine neue Aufnahme der 2. Rachmaninoff-Symphonie angekündigt (aufg. Sept. 2008 im Barbican, London):

"http://lso.co.uk/detailedrecordinginfo&showdetailstype=recording&detailID=209"

1993 hatte Gergiev die Symphonie bereits mit dem Kirov Orchester auf Philips eingespielt. Ich hänge nicht so sehr an der Symphonie, gleichwohl klingen die Rezensionen viel versprechend. Gergiev ist schon der rechte Dirigent für dieses Werk.

Gruß, Cosima

122

Sonntag, 30. Mai 2010, 23:01

Ich gebe zu, vieles, was man hier über Gergievs Probengebaren lesen konnte, hat mich sehr kritisch gestimmt.....

Nun komme ich eben (naja, ist schon wieder eine Woche her) aus St. Petersburg zurück und habe dort Gelegenheit gehabt, Gergiev zweimal live zu erleben. Vorausschicken sollte man, dass unser erster Besuch im Mariinksy-Theater eine rechte Zumutung war: Falstaff, mit einem völlig abgesungenen Titelhelden (Viktor Tschernomortsev), einer Inszenierung, der ich nun wirklich nichts abgewinnen konnte (wahrscheinlich habe ich den Namen des Regisseurs auch deswegen bereits erfolgreich verdrängt) in ihrer Unentschlossenheit zwischen modernem Zugriff und Herkömmlichkeit. Das Damenquartett war ganz in Ordnung, Larissa Diadkowa als Quickly sogar herausragend, die Restherren vernachlässigbar unauffällig bis auf den passablen Ford des Viktor Korotisch. Dirigent Pavel Smelkov (ist das ein Assistent des Chefs?) hielt den Laden ganz gut zusammen, leider nur genau bis zum Rand des Orchestergrabens, denn die Sänger bekam er häufiger nicht auf einen Nenner mit dem Orchester. Alles in allem ein uninspirierter, unerfreulicher Abend, erstaunlich, dass so frenetisch applaudiert wurde.

Zwei Tage später, am 21. Mai, eröffnete dann der Chef selbst die "Weißen Nächte". Zunächst dirigierte er im Mariinsky-Theater die "Carmen-Suite" von Schtschedrin, zu einer in sich sehr schlüssigen und spannenden Choreographie von Alberto Alonso. Und das Orchester war wie ausgewechselt: Vom ersten Ton an eine enorme Hochspannung, die mit den Händen greifbar war. Unglaublich. Hätte ich nach dem Falstaff nicht erwartet. Der Dirigent wurde denn auch nach der Aufführung völlig zu recht am meisten gefeiert. Nach der Pause des Ballettabends übernahm allerdings wieder ein Assistent das Pult, der Bizets C-Dur Sinfonie ordentlich, aber wiederum recht spannungsarm leitete. Die grandiose Choreographie von Balanchine rettete allerdings das ganze: Spektakulär anzusehen konnte man über die Fadheit aus dem Graben hinwegsehen.

Dass Gergiev den zweiten Teil des Ballettabends abgegeben hatte (entgegen der Ankündigung) lag wohl daran, dass der Abend erst mit viertelstündiger Verspätung anfing und Gergiev gleich im Anschluss an die C-Dur-Sinfonie in der nahen Mariinsky-Konzerthalle noch ein Sinfoniekonzert dirigieren musste. Dieses freilich begann mit über halbstündiger Verspätung. Ich war ja darauf vorbereitet nach der Lektüre hier, und das Publikum nahm es noch um 21:30 gelassen, dass es nicht begann. Dann schließlich dirigierte der Maestro Berlioz' "Les nuits d'été" sehr atmosphärisch, Elena Ziadkova sang ausgesprochen gut, eine schöne in weiten Abschnitten sehr gelungene Aufführung (nur ganz gelegentlich deckte die gnadenlos gute Akustik dieser Konzerthalle (der Japaner Toyota zeichnet einmal mehr verantwortlich) orchestrale Schwächen auf, wie ein deutlich hörbares Intonationsproblem im Holz, das auch nach "Mogeln" nicht recht ausgeglichen wurde.

Schließlich Strawinskys "Oedipus Rex", gerade auch auf CD erschienen. Und hier war wieder, wie in der "Carmen Suite" die Spannung mit Händen zu greifen. Wie Gergiev das macht, kann ich nicht sagen: Eine atemberaubende Aufführung, obwohl sie Schwächen hatte (Gergiev selbst schnitt Gérard Dépardieu in der Sprecherrolle das Wort rüde ab mit dem verfrühten Einsatz des "Gloria"-Chores zum Auftritt der Jokaste z.B.). Adrenalin und Spannung pur. Sergej Semischkur war ein rollendeckender, gegen Rolfe-Johnson oder Schreier nicht herausragender Oedipus, Nadescha Serdjuk eine nach scharfem Beginn sehr gute Jokaste, und absolut herausragend war Mikhail Petrenko, der Kreon, Tiresias und den Boten sang. Faszinierend, dass er für jede Rolle eine andere Stimmfärbung fand. Der Chor und das Orchester des Mariinsky-Theaters präsentierten sich hier fehlerfrei und in bester Verfassung.

Kurzum: Bei alles Skepsis kann ich die Faszination für diesen Dirigenten nach dem Erlebten sehr viel besser verstehen. Es wird sich allerdings auf Tonträger nur schwer vermitteln. Gergiev braucht offenbar die Live-Spannung, um zur Höchstleistung zu gelangen.

Beste Grüße,

C.

123

Montag, 31. Mai 2010, 10:27

Claus' Mariinsky-Bericht

Lieber Claus!



Mit Deinem St. Petersburg-Bericht hast Du meines Erachtens den Nagel auf den Kopf getroffen : Das Mariinsky, wie es mit all seinem Negativen und Positiven leibt und lebt. Dem ist nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen. Erlaube mir nur einige wenige Anmerkungen aus meiner Sicht.



Den "Falstaff" sah ich vor wenigen Jahren und habe ihn mit wenig Vergnügen durchlitten; darin änderte auch Gergievs Leistung nichts. Der von Dir ungenannt gebliebene Regisseur kommt von Film und Fernsehen und inszenierte meines Wissens erstmalig Oper. Zu den häufig dubiosen Verpflichtungen von Regisseuren am Mariinsky sollte man wissen, dass man dort oft nach der "Golden Mask" schielt, einem Theaterwettbewerb, und sich mit der Auszeichnung seiner eigenen Inszenierungen brüstet. Deshalb des öfteren die Wahl von Seiten-Einsteigern als Regisseur - eine Entwicklung, die ja auch Deutschland nicht fremd ist.



Pavel Smelkov ist in der Tat einer der Assistenten Gergievs, verantworlich für die Einstudierung vieler Werke, die der meistens aushäusige Chef dann einen Tag vor der Premiere übernimmt. Natürlich ist auch am Mariinsky zu spüren, wenn der Hausherr nicht am Pult steht (abgesehen davon, dass bei den anderen Dirigenten nicht das A-Orchester spielt). Smelkov ist ein ordentlicher Kapellmeister, ohne die charismatische Ausstrahlung Gergievs. Erstaunlich, dass in einem US-Forum sein Dirigat der "Nase" an der Met um einiges positiver besprochen wurde als das Gergievs!



Wenn ich mir die Sängerbesetzung anschaue, liegst Du mit Deiner Einschätzung völlig richtig. Chernomortsev ist ein Veteran; einziger Vorteil heute : "he looks the role!". Korotich ist Mitglied der Mariinsky-Akademie und gab an diesem Abend sein Ford-Debüt. Die anderen sind in der Tat braver Durchschnitt.



Bei der Eröffnung der Weißen Nächte hast Du ja auch gleicht miterlebt, dass Ankündigung und Wirklichkeit häufig nicht übereinstimmen. Dass Gergiev Shchedrins Carmen-Suite dirigierte, lag nicht nur daran, dass er sich die Eröffnungsvorstellung traditionell vorbehält, sondern auch daran, dass er dieses effektvolle Stück (das für ihn neu ist) diese Saison öfter aufs Programm seiner Konzerte setzt, u.a. auch bei uns in Mikkeli. Dass er den Bizet nicht geleitet hatte, haben ihm wohl vor allem die Tänzer gedankt. Man kann sich leicht vorstellen, wie Tänzer darunter zu leiden haben, den Tempi eines Dirigenten folgen zu müssen, der die Proben nicht geleitet hat. Mit dem Ehepaar Denis und Anastasia Matvienko hast Du zwei Tänzer erlebt, die erst kürzlich vom Michailovsky-Theater zum Mariinsky gewechselt sind.



Beim Konzert in der Mariinsky-Konzerthalle war der Berlioz eine Gergiev-Novität, während "Oedipus Rex" einige Male auf dem Programm stand, allerdings mit einem russischen Erzähler! Den Luxus, Depardieu als Sprecher zu haben, hat man sich offensichtlich wegen der gerade erschienenen CD geleistet.



Im Juni werde ich zwei Mal an die Neva reisen. Bei meinem ersten Besuch höre ich noch einmal "Die Frau ohne Schatten" und bin gespannt, ob ich meine negativen Premiereneindrücke (Gergiev!) revidieren kann. Dann noch einmal Ende des Monats zu einem Shchedrin-Wochenende : ausser seiner Konzert-Oper "The Enchanted Wanderer" ein Konzert, in dem David Geringas das Cellokonzert und Anika Vavic das 4. Klavierkonzert spielen werden. Dazu noch Yuri Bashmet mit allen Brandenburgischen sowie Bartóks Blaubart. Man gönnt sich ja sonst nichts.

124

Dienstag, 1. Juni 2010, 20:07



Gerade geschaut: You cannot start without me (Valery Gergiev – Maestro)

Ich kann diese DVD sehr empfehlen! Ein Film-Porträt, das vielfältige und ungemein interessante Eindrücke gewährt: in Gergievs Privatleben, seine Arbeit am Mariinsky und Einblicke hinter die Kulissen, seinen Werdegang, Probenausschnitte mit dem LSO, Konzertausschnitte mit anderen Orchestern, Interviews zu seinem Verständnis als Dirigent, zu Werken wie dem Sacre usw.

Das allein wäre schon faszinierend genug, aber was mich immer wieder stark beeindruckt, sind seine unglaubliche Präsenz, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Imaginationskraft. Ein Mitglied des LSO sagt sinngemäß, dass er auf die Musiker wie ein Magnet wirke: Er zieht sie in seinen Bann, und sie wollen ihm folgen hin zu dem Punkt, den er als den Kern der Musik empfindet.

Gergiev kann Menschen motivieren und begeistern, das ist eine fantastische Fähigkeit! (Und nicht nur Musiker; er reist um die ganze Welt, um z. B. Geldgeber für seine Foundations zu finden. Ein Rattenfänger im besten Sinne also.) Er sagt, dass nur jemand, der wirklich Liebe für die Musik empfindet, diese auch an die Musiker weitergeben kann. Und nur, wenn die Musiker diese Liebe auszudrücken in der Lage sind, wird auch der Zuhörer begeistert sein. Das alles sind bei Gergiev keine hohlen Phrasen, er wirkt in allem, was er sagt und tut, sehr authentisch. Und selbst, wenn man ihn nur am Fernsehbildschirm sprechen hört und agieren sieht, fühlt man sich mitgerissen, motiviert und begeistert. Eine faszinierende, ungemein charismatische Persönlichkeit mit einem starken, integeren Charakter. Ein Menschenfreund - so klingt es häufiger im Film-Porträt an.

Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus einem Meisterkurs. Gergiev erklärt einem jungen Dirigenten, dass er die Musik ruhig laufen lassen kann: „Ich bin nicht wichtig, das weiß ich.“ Aber dann kommt der Moment, in dem es gilt einzugreifen: „Jetzt bin ich wichtig. Sie können nicht ohne mich anfangen.“ Daher auch der Titel des Films You cannot start without me, der also keinesfalls darauf anspielen soll, dass hier ein Dirigent mit Allmachtsanspruch am Werke ist, im Gegenteil, Gergiev sagt: „Man kommt und hört, dann reagiert man.“

Gruß, Cosima

125

Dienstag, 1. Juni 2010, 20:43

Kürzlich erschienen: Brahms' Ein Deutsches Requiem mit dem Rotterdam PO auf DVD (aus 2008).



Die Hör- und Sehschnippsel sind nicht sehr aussagekräftig. Hat jemand eine Rezension dazu gelesen oder gar den Mitschnitt bereits gesehen und gehört?

Gruß, Cosima

126

Dienstag, 1. Juni 2010, 23:07

OT: Man beachte die flirtende Flötistin am Beginn von Track 5.
Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

pt_concours

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127

Dienstag, 1. Juni 2010, 23:29

Gergiev in Dresden


Im Mai 2010 wird Gergiev in meiner Nähe sein, nämlich beim Braunschweig Classix Festival 2010.

Programm:
Wagner: Ouvertüre zur Oper Tannhäuser
Schumann: Konzert für Klavier und Orchester a - Moll op. 54
Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h - Moll op. 74

Solistin beim Schumann wird Hélène Grimaud sein.

Nicht gerade mein Traumprogramm (die Grimaud mag ich zudem nicht so), aber eine bessere Gelegenheit, Gergiev einmal live zu erleben, wird es sicher so bald nicht geben. Ich überlege noch.

Gruß, Cosima



Liebe Cosima, warst Du denn im Konzert?

Für ein Konzert bei den Dresdner Musikfestspielen war er mit einem ähnlichen Programm angekündigt (nur RAVELs Klavierkonzert G-Dur, statt des SCHUMANNschen), aber aufgrund einer krankheitsbedingten kurzfristigen Absage von Madame Grimaud wurde statt des RAVEL RACHMANINOWs „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ op.43 mit Denis Matsuev am Klavier gespielt.
Wer MDR empfangen kann, der Mitschnitt des Konzertes vom 25. Mai 2010 wird am 04.Juni 2010 im Radio übertragen.
Während des Konzertes wurde Gergiev der Preis der Dresdner Musikfestspiele verliehen.

Gruß pt_concours

Ein andermal berichte ich auch gerne kurz über meine Eindrücke von diesem Konzert.
W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)

128

Mittwoch, 2. Juni 2010, 00:50

Für seinen Dirigierstil alleine ist der Mann schon zu bewundern: "http://www.youtube.com/watch?v=oGyvl9McMGs
Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

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Mittwoch, 2. Juni 2010, 01:06

Zitat

Für seinen Dirigierstil alleine ist der Mann schon zu bewundern:

Sorry, ohne Gergiew jetzt was böses zu wollen:

Was ist daran zu bewundern?
Das, was ich gesehen habe auf diesem Video ist ein Derwisch, der ein auf Autopilot spielendes Spitzenorchester animiert.
Und das ist ja auch eine tolle Sache, ich möchte dies gar nicht bestreiten.

Aber ein wirkliches Dirigieren ist das nicht mehr, ein Orchester, das diese Musik nicht schon tausendmal gespielt hat, käme damit nicht zurecht.

Ich bewundere das Orchester, welches diesen Zuckungen folgen kann, und das LSO kann es natürlich.

Gergiew könnte es sicher anders, aber er hat das nicht mehr nötig.
Und das ist keine Kritik, das ist einfach so.
Er hat die besten Orchester, diese Orchester sind bestens vorbereitet oder haben sehr große Erfahrung mit den Werken und den jeweiligen Dirigenten.

Von mir nur eine Breitseite an CD-Nachdirigenten und Möchtegernmaestros:
In mindestens 90 % aller Fälle würde ein Orchester bei einem solchen Dirigat den Dienst quittieren, wenn es ein unbekannter Dirigent wäre.

Mal darauf geachtet, daß so gut wie niemand vom LSO auf den Dirigenten G. schaut?

Warum wohl?

:wink:

Michael
"Kann ein Neonazi eigentlich DJ werden, falls er den Unterschied zwischen 33 und 45 nicht kapiert?"

130

Mittwoch, 2. Juni 2010, 03:09

Ach Michael, kein Grund hier gleich wieder Gift und Galle zu spucken. Ich wollte ja nur zum Ausdruck bringen, dass ich seinen Dirigierstil ungemein virtuos finde. Der tanzt richtig zur Musik. Sicher diese Spitzenorchester brauchen keinen Dirigenten, der ihnen jeden Takt vormalt. Da gehts dann oft nur um Nuancen, die in den Proben erarbeitet werden und die Abmachungen werden vom Taktschläger oben nur mehr in Erinnerung gerufen (göttlich C. Kleiber, bei dessen Minenspiel man nur eine Ahnung hat, was er den Musikern in der Probe erzählt hat).

Und was Möchtegernmaestros und CD-Nachdirigierer betrifft: Lass ihnen doch die Freude, kaum einer wird sich wohl einbilden, er könne zum nächsten Orchester maschieren und Mahler 2 dirigieren. Sich mal einzubilden, in den eigenen 4 Wänden die Wiener oder Berliner zu dirigieren, ist harmlos und dagegen spricht auch in meinen Augen nichts. Wäre ja noch schöner, wenn man dafür vorher an einer Hochschule gewesen sein muss...
Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

131

Mittwoch, 2. Juni 2010, 09:26

Gergievs "Dirigierstil"

Von meinen werten Vorrednern sehe ich mich vor allem mit Cosima und Michael einig, weniger mit dem Harnoncourt-Fan, dessen Aussage, dass allein wegen seines Dirigierstils Gergiev zu bewundern ist. ich ein wenig in Zweifel ziehen möchte. Gewiss gewann ich durch Gergiev in den vergangenen zwei Jahrzehnten unzählige begeisternde (Live-) Eindrücke, doch so wenig es den Gergiev in seinen von Moment zu Moment wechselnden Interpretationen gibt, so wenig gibt es den Dirigierstil. In all den Jahren gelang es mir nicht, eine Regel zu erkennen, nach der Gergiev mit oder ohne Taktstock dirigiert, mit einer Art Zahnstocher, einem Bleistift oder - auch das gibt es - mit einem normalen Taktstock. Sein Mariinsky-Orchesterdirektor (in Deutschland würde man ihn wohl Orchesterwart nennen) pflegt ihm vor Beginn eines Konzerts eine Reihe von Taktstöcken hinzulegen, die Gergiev dann kurz ausprobiert und sich dann oft entscheidet, ohne zu dirigieren. Doch eine Regel dafür gibt es nicht.



Sein Dirigieren ohne Taktstock, bei dem zu malen scheint, was er innerlich hört, ist sicherlich einer der Gründe, warum er es weitgehend aufgegeben hat, mit ihm fremden Orchestern zu arbeiten. 1993, also zu Beginn seiner internationalen Karriere, erlebte ich ihn bei der Arbeit mit einem solchen, mit den nicht gerade pflegeleichten Hamburger Philharmonikern. Programm : Lohengrin Vorspiel Akt 1 - Mahler Kindertotenlieder - Prokofiews Dritte. Zu Beginn der Probe machte Gergiev drei entscheidene Fehler.

1. Er kam zu spät (schon damals - jeder weiß, dass er nie gelernt hat, sich nach einer Uhr zu richten).

2. Er eilte sofort aufs Podium, ohne die auf ihn wartenden Orchesteradministratoren zu begrüßen.

3. Als er merkte, dass die Hamburger Philharmoniker seine Intentionen nicht umsetzten, spürte er bei aller Dynamik seine eigene Übermüdung und begann zu erzählen, wie toll sein eigenes Orchester diese Sinfonie gerade gespielt hatte.

Danach war die Stimmung im Keller.



Interessant wird es sein, wenn Gergiev im Dezember dieses Jahres zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Berliner Philharmoniker leiten wird. Beim damaligen Konzert scheint es Probleme gegeben zu haben, denn - wenn ich mich nicht irre - hätte es eine Rundfunkübertragung (u.a. mit Zimerman als Solisten des 2. Rachmaninow-Klavierkonzerts) geben sollen, die der Pianist aber untersagt haben soll. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Anlass für diese Entscheidung unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit von Proben gewesen wären.

Dazu passt auch, dass am 26.6. bei den Weißen Nächten Rodion Shchedrins 4. Klavierkonzert aufgeführt wird, für Gergiev und auch für die Pianistin Anika Vavic zum ersten Mal. Die Solistin befürchtet nun, dieses komplizierte Werk mit den üblichen Gergiev-Proben spielen zu müssen, d.h. erstmalig kurz vor dem Konzert! Wir werden sehen!



Wer sich wirklich mit Gergievs Auffassung vom Dirigieren auseinander setzen will, dem empfehle ich zwei DVDs von Meisterklassen, die er in Rotterdam gehalten hat. "The Master and his Pupil" (das Cover zeigt ihn sogar mit Taktstock!) und "Conducting doesn't tire me". Besonders den letzten Satz möchte ich mit einem Fragezeichen versehen, denn zu diesem Thema kenne ich auch ganz andere Aussagen von ihm. Letzten Endes möchte Gergiev als eine Art zweiter Peter der Große gesehen werden. So wie dieser St. Petersburg erbaut hatte, ist es Gergievs Ziel, das Mariinsky nicht nur zu neuer Größe zu führen, sondern dieses Theater auch baulich zu erneuern. Mit dem Konzertsaal ist ihm dies in beeindruckender Weise gelungen. Dasselbe erhofft man sich von Mariinsky II (der Konzertsaal fungiert unter Mariinsky III), also von dem Neubau, der direkt neben dem alten Theater am Entstehen ist und in wenigen Jahren eröffnet werden soll. Danach geht es wohl daran, auf dem Neu-Holland genannten Gelände zwischen Theater und Neva eine Art Freilicht-Bühne à la Bregenz zu schaffen. Für all das braucht man Geld. Also : schaffe, schaffe, Gergiev!

132

Mittwoch, 2. Juni 2010, 12:30

Du meine Güte, hier verstehen mich ja alle absichtlich miss und versuchen mich als undifferenzierten Bewunderer hinzustellen!

Nochmal: Ich finde es interessant, wie Gergiev im konkreten Ausschnitt dirigiert. Das sieht ein bisschen aus wie ein Höhlenmensch mit Spastiken, ich finds jedenfalls irgendwie hypnotisch, weils auch im Einklang mit der Musik steht. Mehr aber auch nicht. Die Interpretation im Ausschnitt spricht mich schonmal nicht an.

Gergiev selber bewundere ich nicht. Ich kenne kaum Aufnahmen von ihm. Besitzen tu ich nur ein: Mahler 6, die gefällt mir, aber mehr brauche ich deswegen auch nicht von ihm. Warum das herumjetten und kaum proben und ewige zu spät kommen und massiv schwankende Niveau ihn zu einem Ausnahmekünstler machen, verstehe ich nicht. Und seine politischen Aussagen haben mich auch nicht gerade für ihn eingenommen.
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133

Montag, 7. Juni 2010, 01:25

Ein guter Bekannter (der leider hier nicht schreiben mag) hat mich mit einem kleinen Karton voller Radio-Mitschnitte der letzten Jahre beschenkt (das ist einer der Gründe dafür, warum ich hier gerade relativ wenig schreibe: ich versuche, das alles abzuhören...).
Darunter war einiges von Gergiev, von dem ich bisher gar nichts kannte. Die Aufnahmen von Mahler-Sinfonien (2, 6, 7) habe ich nach kurzem Reinhören erstmal zur Seite gelegt. Das erschien mir auf den ersten Lauscher viel zu undifferenziert, zu verwaschen, zu unklar in den Übergängen, zu machomäßig dreinkesselnd, als dass es mich wirklich hätte faszinieren können.

Die Aufnahme von

Bruckner: Symphonie Nr. 3 d-moll
Rotterdam Philharmonic Orchestra
12. Sept. 2008


habe ich mit entsprechenden Vorbehalten eingelegt - anders ausgedrückt: ich habe nicht damit gerechnet, sie zuende zu hören und hatte eigentlich schon eine andere CD als schnellen Einspringer bereitgelegt. Zumal mir das Rotterdamer Orchester auch nicht sonderlich bekannt ist.

Der Einspringer war nicht nötig. Ich bin wahrlich kein Bruckner-Spezialist, aber die Drei habe ich zufällig in den letzten Monaten mehrmals gehört, in den Aufnahmen mit Norrington (grauenhaft langweilig, trotzdem durchgehalten) und Gielen (mochte ich gern, wie fast alles von Gielen). Ich hatte also durchaus noch Anderes in Erinnerung. Ich traue sonst oft meinem eigenen Urteil nicht, wenn ich die Werke nicht in anderen Interpretationen recht gut kenne.
Die Gergiev-Aufnahme also mochte ich wider Erwarten sehr. Ich empfand sie als wunderbar einfühlsam, geradezu zärtlich in manchen Passagen und übrigens (ab dem zweiten Satz habe ich mir die Partitur dazugeholt) sehr genau die dynamischen Anweisungen des Komponisten befolgend. Ein Moment faszinierte mich besonders: Im Finale, beim Einsatz des Dritten Themas, gibt es eine synkopierte Passage, die Gergiev sicher nicht so rhythmisch exakt umsetzt wie andere, dafür entwickelt sie bei ihm so eine eigenartige Echowirkung, die ich in sachlicheren Interpretationen bisher so nicht wahrgenommen hatte.
Und die Rotterdamer spielen übrigens ganz tadellos, von einigen verzeihlichen Hornkieksern abgesehen.

Ich werde natürlich den Mahler-Sinfonien irgend wann mal eine zweite Chance geben, und außerdem warten auch noch einige andere Gergiev-Konzertmitschnitte, u.a. mit Strauß und Schönberg. Ich bin gespannt. Mehr Bruckner mit Gergiev würde mich jedenfalls sehr interessieren.

Grüße
vom Don
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134

Montag, 7. Juni 2010, 09:21

Der Einspringer war nicht nötig. Ich bin wahrlich kein Bruckner-Spezialist, aber die Drei habe ich zufällig in den letzten Monaten mehrmals gehört, in den Aufnahmen mit Norrington (grauenhaft langweilig, trotzdem durchgehalten) und Gielen (mochte ich gern, wie fast alles von Gielen). Ich hatte also durchaus noch Anderes in Erinnerung. Ich traue sonst oft meinem eigenen Urteil nicht, wenn ich die Werke nicht in anderen Interpretationen recht gut kenne.


Welche Fassung lässt Gergiev denn spielen? Bei Norrington ist es ja die sog. Urfassung von 1873 und bei Gielen die zweite Fassung von 1876/77. Würde mich nicht wundern, wenn Gergiev die dritte (und kürzeste) Fassung von 1888/89 bevorzugt, die trotz zunehmender Karriere der Urfassung immer noch die meistgespielte Version sein dürfte. Das sind schon drei ziemlich unterschiedliche Stücke, gerade auch im Finale...

EDIT: Tatsächlich, Gergiev lässt die 1888/89er-Fassung spielen (laut Auskunft dieser Webite).


Viele Grüße

Bernd
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135

Montag, 7. Juni 2010, 12:22

Dass die erste Fassung große Unterschiede aufweist zu den späteren beiden, dessen war ich mir bewusst. Aber ist der Unterschied zwischen der zweiten und der dritten denn auch so riesig?
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136

Montag, 7. Juni 2010, 13:20

Naja, der Unterschied ist insofern relevant, als dass die 2. Fassung als richtige Umarbeitung der ersten gelten kann, während die 3. eigentlich nur mehr eine verstümmelte 2. ist. Zum Glück setzen sich die 1. und die 2. immer mehr durch, wenngleich die 2. immer noch ungerechterweise ein Schattendasein fristet. Dem Buch von Renate Ulm entnehme ich, dass die Kürzungen der 3. Fassung nach Meinung einiger Autoren die Proportionen zerstören und mehr oder weniger willkürlich seien. Mein subjektiver Höreindruck würde das jetzt mal bestätigen, zumindest im Finale habe ich bei der 3. Fassung immer das Gefühl, dass sich Bruckner hier überhastet.

Für genauere Details bitte ich aber unsere Bruckner-Spezialisten herbei.

Lg
Georg

P.S.: Vllt. könnte man die Posts in einen eigenen Bruckner3-Thread kopieren?
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137

Montag, 7. Juni 2010, 13:25

Dass die erste Fassung große Unterschiede aufweist zu den späteren beiden, dessen war ich mir bewusst. Aber ist der Unterschied zwischen der zweiten und der dritten denn auch so riesig?


Bei weitem nicht so wie zwischen Urfassung und den anderen Versionen. Aber es gibt trotzdem genug Unterschiede, in den Details (schon der Beginn des Werks differiert) wie im Großen: Für die letzte Fassung hat Bruckner im Kopfsatz eine zusätzliche Durchführungspartie eingefügt, enorm dissonant im Stil der neunten Sinfonie - großartig, deshalb höre ich diesen Satz am liebsten so. Im zweiten Satz dagegen finde ich die zusätzliche Implantation eines leicht trivial-pathetischen Themas (ff in den Trompeten, Dreiklangsbrechungen) nicht so glücklich. Das Finale ist gegenüber der zweiten Fassung nochmal erheblich gekürzt worden. Andere Änderungen habe ich jetzt nicht parat, aber sie existieren. Jedenfalls hat jede der Fassungen ihren eigenen Reiz.

Sehe jetzt erst den neuen Beitrag von Harnoncourt-Fan: das mit der Zerstörung der Proportionen in der dritten Fassung ist sicher richtig - aber diese Durchführungspartie im ersten Satz...! Unglaublich!


Viele Grüße

Bernd
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138

Samstag, 17. Juli 2010, 12:10

Gergiev und Mikkeli

Auch beim diesjährigen Mikkeli Music-Festival, das zum 19. Mal stattfand (zum 18. Mal unter Gergievs Leitung) wurde Valery Gergiev seinem Ruf gerecht, sich am liebsten jeder Festlegung entziehen zu wollen - sprunghaft, widersprüchlich, aus dem Bauch heraus entscheidend. Dabei erwies sich nicht jede seiner Ad-hoc-Entscheidungen als im Endeffekt positiv.

Am 3. Juli, einen Tag vor dem Beginn des Festivals, sollte Esa-Pekka Salonen beim St. Petersburger Festival "Stars der Weißen Nächte" mit dem sog. Stradivari-Ensemble des Mariinsky-Theaters Straussens Metamorphosen aufführen. Aus welchen Gründen auch immer, wollte Gergiev nun auch das Mikkeli-Publikum mit diesem nicht einfach zu konsumierenden Werk beglücken und war auf der Suche nach einem passenden Platz für dieses Stück. Das Mikkeli-Festival sollte am 4. Juli mit einem "Popular Classics" betitelten Konzert eröffnet werden : Griegs Holberg-Suite, Tschaikowskys 1. Klavierkonzert sowie Shchedrins Carmen-Suite. Der umtriebige Maestro fand nun, das im ersten Teil dieses Konzerts der geeignete Platz für die Metamorphosen sei. Folge : Das Stück passte nicht in den Kontext, der zweite Teil war mit 1 1/2 Stunden viel zu lang.

Ähnliches im Finalkonzert, in dem Shchedrins Sinfonisches Diptychon, Khachaturians Violinkonzert (Sergey Khachatryan) und Mahlers 4. Sinfonie gegeben werden sollten. Doch der überraschte Zuhörer erlebte nach dem Diptychon noch ein weiteres Werk, das sich als Auschnitte aus Shchedrins Ballett "Das kleine bucklige Pferdchen" entpuppte. Weder wusste der anwesende Komponist von dieser Einfügung, noch war die finnische Festspiel-Organisation informiert worden. Typisch Gergiev : Was kümmert mich das Publikum?

Im Mittelpunkt dieses interessanten Festivals stand eine Werkschau Rodion Shchedrins, neben Carmen-Suite und Diptychon das Trompetenkonzert sowie die Klavierkonzerte Nr. 5 (Denis Matsuev) und Nr. 4 (Anika Vavic). Mit letzterem Konzert hatte es eine besondere Bewandnis. Mit Anika Vavic hatte es dieses eminent schwierige Klavierkonzert am 26. Juni bereits in St. Petersburg gegeben, wohin die serbische, in Wien lebende Pianistin nach 2006 (DSch 1 unter Paavo Järvi) und 2008 (Ravel unter Gergiev) nun zum dritten Mal eingeladen worden war. Doch dieses Mal waren die Umstände besonders denkwürdig : Für die Solistin, das Orchester und auch für den Dirigenten war dieses Konzert total neu. Die erste und einzige "Probe" gab es eine Stunde vor angesetztem Konzertbeginn, und angesichts einer Dauer von 52 Minuten (das Konzert selber dauert 38 Minuten) von einer "Probe" zu sprechen, scheint reichlich übertrieben. In Mikkeli dauerte die Probe eher noch kürzer, doch Anika Vavic meisterte alle Schwierigkeiten und erntete für ihre bravouröse Leistung enormen Beifall des Publikums - bemerkenswert für eine für Finnland total neue Pianistin und angesichts eines Konzerts, das auch an die Zuhörer große Anforderungen stellt. Die lokale Presse übertitelte ihre Rezension mit "Fantastische Pianistin, exzellente Musikerin", und auch Finnlands größte Zeitung, "Helsingin Sanomat", war voll des Lobes für diese Leistung, ganz zu schweigen vom Komponisten, der sich außerordentlich zufrieden mit Anika Vavic zeigte.



Das Festival forderte angesichts der tropischen Temperaturen in einer Konzerthalle ohne jede Air Condition allen viel ab, Zuschauern wie Musikern. Die Musiker probten 2 bis 3 Stunden vor dem Konzert das jeweilige Programm. Die Probe wurde meistens "pünktlich" um 19 Uhr beendet, d.h. zu angesetztem Konzertbeginn, der üblicherweise jedes Mal um ca. 25 Minuten verschoben wurde. Doch die vorwiegend finnischen Zuhörer hatten scih seit langem an diese "Marotte" des russischen Maestro gewöhnt und warteten geduldig, während in St. Petersburg normalerweise nach wenigen Minuten ein sich allmählich verstärkender Beifall einsetzt, der wohl Gergiev aus seiner Garderobe (oder aus seinem Büro) hervorlocken soll.



Das Programm war eine interessante Mischung aus Bekanntem und vielen Novitäten, die, mit Sibelius verpackt, die Zuhörer nicht abschreckten. Interessantes Detail am Rande : Viele Zuhörer kauften sich nicht das Programmbuch, sondern die bereits im Januar gedruckte Broschüre, die einen entscheidenenden Fehler enthielt. Demnach sollte eines der Konzerte mit Sibelius' 6. Sinfonie begonnen werden; gespielt wurde jedoch Strawinskys Jeu de cartes. Kommentar : "Jetzt klingt unser Sibelius aber wirklich russisch!"


Sune

139

Sonntag, 18. Juli 2010, 02:19

Lieber Sune,
wirklich großen Dank an Dich für diesen profunden Beitrag über Gergiew und Mikkeli.

Ich liebe Deine große Kenntnis und Deine wunderbaren Hintergrundinfos.


Danke dafür,
Michael
"Kann ein Neonazi eigentlich DJ werden, falls er den Unterschied zwischen 33 und 45 nicht kapiert?"

140

Sonntag, 18. Juli 2010, 07:32

Lieber Michael!



Danke für dieses Lob aus berufenem Munde, das mich darum umso mehr freut. Ich hoffe, in meinen Beiträgen plus Hintergrundinfos wird eines deutlich : Dass ich Gergiev aus vielerlei Gründen eine Vielzahl an wunderbaren Erfahrungen verdanke, dass ich aber vieles an ihm durchaus kritisch sehe. Doch : Wichtig ist, was auf der Bühne passiert, nicht, was in den Proben (nicht) passiert!

Wenn Gergiev z.B. vor eben diesem Anika Vavic-Konzert Shchedrins wunderbare 2 Albéniz-Tangos nur einmal kurz anspielt, und das zum ersten Mal, und in einem schnelleren Tempo als nachher im Konzert, und auf Nachfragen des Komponisten, ob er nicht detaillierter darauf eingehen möchte, antwortete, er müsse ja noch Sibelius' 6. Sinfonie "proben", sieht das auf den ersten Blick nicht gerade künstlerisch aus. Da nur noch 15 Minuten Zeit bis zum "Proben"ende waren, "schaffte" Gergiev diese 30 Minuten-Sinfonie in mehr als doppeltem Tempo. Er hatte erreicht, was er wollte : Die Musiker hatten die Noten dieser Sinfonie, die sie vor einem Jahr zum ersten (und letzten) Mal aufgeführt hatten (und es waren viele neue Musiker darunter), wenigstens ein Mal vor dem Konzert gespielt. Alles andere wird der (meistens inspirierten) Aufführung überlassen. Auch wenn die finnischen Kritiker ihren Sibelius natürlich lieber etwas pastoraler gehabt hätten, war dieser "russische" Sibelius doch aus einem Guss - Dank Gergievs großer Ausstrahlung und seiner Fähigkeit, sich auf den Punkt zu konzentrieren und seine ganze Dynamik auf Musiker wie auch aufs Publikum zu übertragen.



Sune


Lieber Sune,
wirklich großen Dank an Dich für diesen profunden Beitrag über Gergiew und Mikkeli.

Ich liebe Deine große Kenntnis und Deine wunderbaren Hintergrundinfos.


Danke dafür,
Michael

141

Sonntag, 18. Juli 2010, 16:47

Lieber Sune,

vielen Dank auch von mir über den Bericht. Bei Gergiev muss man sich ja offenbar auf einiges gefasst machen :D

Im Februar wird er mit dem London Symphony Orchestra in München sein. Ich meine, dass auf den Plakaten auch ein Werk von Schchedrin angekündigt war, im Internet steht aber nur etwas von Tschaikowskiys erster Sinfonie und den Bildern einer Ausstellung in der Orchestrierung von Ravel. Aber das scheint bei Gergiev ja wohl nicht so viel zu heißen ;+)

Ich muss das nächste Mal nochmal auf die Plakate schauen. Schchedrin würde sich ja auch anbieten, da er teilweise in München lebt, wie ich gerade gelesen habe.

Viele Grüße,

Melanie

PS: Uuups, ich sehe gerade, dass ich mich mit der Entscheidung beeilen muss, wenn ich dahin will. Das Konzert ist schon gut gebucht...
With music I know happiness (Kurtág)

142

Montag, 19. Juli 2010, 15:56

Gergiev, der Fußballfan

Ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten beendete Gergiev am 7. Juli in Mikkeli seine Probe relativ "pünktlich" bereits eine viertel Stunde vor Konzertbeginn. Grund : Der Fußballfan Gergiev wollte unbedingt das WM-Semifinale zwischen Deutschland und Spanien sehen (in seiner Garderobe stand extra dafür ein TV-Gerät). Damit er den Beginn des Spiels nicht verpasste, entchied er kurzerhand, die Wiederholung der Exposition des 1. Satzes von Mahlers 6. Sinfonie fortzulassen. Dies erinnerte mich ein wenig an Richard Strauss, der in dem Ruf stand, zügiger zu dirigieren, wenn nach der Aufführung eines seiner geliebten Skat-Spiele anstand. Während des Spiels schickte Gergiev an den spanischen König eine SMS und erhielt prompt eine Antwort.



Fußball war vor 2 Jahren auch der Grund, weshalb Gergiev zum Mikkeli-Eröffnungskonzert erst 45 Minuten vor Konzertbeginn "eintrudelte". Wie bei ihm nicht unüblich, hatte er seine Auftrittstermine so gelegt, dass er dem Finale der EM in Wien beiwohnen konnte, und noch am Nachmittag in Wien ein Konzert dirigiert. Am nächsten Tag wollte er mit einer Privatmaschine nach Mikkeli fliegen. Da der Luftraum über Wien am Tage nach dem Finale jedoch überfüllt war, musste er zunächst per PKW nach Brünn ausweichen, wo seine Machine dann aufsteigen konnte. Unterwegs hielt er immer wieder Funkkontakt mit Mikkeli, weil das Flugzeug eigentlich in Helsinki aufgetankt werden sollte. Dies hätte jedoch eine erhebliche Verspätung des Konzertbeginns bedeutet. Somit ließ er sich direkt nach Mikkeli kutschieren.



Als er vor Jahren einmal danach gefragt wurde, ob es stimmte, dass er nach einem Konzert in Brüssel spontan nach Paris geflogen war, um dort Frankreichs Finalsieg zu feiern, meinte er :"Schlecht recherchiert. Natürlich war ich bei dem Spiel anwesend."



Seit 1997 gibt es in Mikkeli traditionell ein Fußballspiel zwischen Mariinsky und Mikkeli (die ersten Jahre spielte Gergiev selber mit). Einer, der Gergievs Probengeflogenheiten wohl kannte, meinte zu ihm, er wisse jetzt, warum sein Mariinsky-Team so erfolgreich beim Fußball sei : Immer, wenn seine Musiker auf ihn warten müssten, würden sie Fußball spielen! Gergiev verstand diese Anspielung.



Schluss mit den "Gergiev-Döntjes"! Hier gilt's der Kunst!!!



Sune

143

Dienstag, 17. August 2010, 15:23

Schluss mit den "Gergiev-Döntjes"!


Nein, nein - nur weiter so. Ich lese das sehr gern. :)

Für September ist Gergievs Aufnahme des „Parsifal“ angekündigt. Auf der Seite des Labels ("http://www.mariinskylabel.com/") kann man bereits Ausschnitte hören (u. a. Violeta Urmana, René Pape). Ich selber bin zu wenig vertraut mit dieser Wagner-Oper (kenne da mehr schlecht als recht nur die Solti-Aufnahme), weshalb ich mir keinerlei Aussage über diese Hörschnippsel zutraue.

Weiterhin werden unter den News die Schostakowitsch-Symphonien 2 und 11 angekündigt. Ein Veröffentlichungstermin ist nicht bekannt.

Gruß, Cosima

144

Dienstag, 17. August 2010, 17:30

Lieber Michael,

Zitat

Für seinen Dirigierstil alleine ist der Mann schon zu bewundern:

Sorry, ohne Gergiew jetzt was böses zu wollen:

Was ist daran zu bewundern?
Das, was ich gesehen habe auf diesem Video ist ein Derwisch, der ein auf Autopilot spielendes Spitzenorchester animiert.
Und das ist ja auch eine tolle Sache, ich möchte dies gar nicht bestreiten.

Aber ein wirkliches Dirigieren ist das nicht mehr, ein Orchester, das diese Musik nicht schon tausendmal gespielt hat, käme damit nicht zurecht.

Ich bewundere das Orchester, welches diesen Zuckungen folgen kann, und das LSO kann es natürlich.

Gergiew könnte es sicher anders, aber er hat das nicht mehr nötig.
Und das ist keine Kritik, das ist einfach so.
Er hat die besten Orchester, diese Orchester sind bestens vorbereitet oder haben sehr große Erfahrung mit den Werken und den jeweiligen Dirigenten.

Von mir nur eine Breitseite an CD-Nachdirigenten und Möchtegernmaestros:
In mindestens 90 % aller Fälle würde ein Orchester bei einem solchen Dirigat den Dienst quittieren, wenn es ein unbekannter Dirigent wäre.

Mal darauf geachtet, daß so gut wie niemand vom LSO auf den Dirigenten G. schaut?

Warum wohl?


Ich gebe Dir in vollem Umfang recht und widerspreche Dir. Und zwar weniger in Sachen Gergiew speziell als in Sachen Animator allgemein. Manche Dirigenten sind geborene Animatoren und schaffen es, durch ein paar Verrenkungen, Zuckungen und Grimassen ein Orchester zu einer Höchstleistung zu bewegen. Wenn ich mir ansehe, was etwa ein Prêtre aufführt, kommen mir die Grausbirnen (den Orchestermusikern übrigens auch). Dennoch: Irgendwie funktioniert das, und der präzise schlagende Maazel holt nicht halb so viel Musik aus den Stücken heraus wie der Animator Prêtre.
Anderer Fall, ein russischer: Roschdestwenskij. Keine Proben, das Orchester hoffentlich halbwegs vorbereitet. Und dann eine so unmißverständliche Zeichengebung, daß alles funktioniert und zum spannungsgeladenen Ereignis wird - das konnte man in Wien mehrfach erleben. Auch das funktioniert. (Jetzt soll Roschdestwenskij allerdings schon ziemlich abgebaut haben und nur noch maniriert sein, wird mir glaubhaft erzählt).

Gergiew nun studiert bei den Proben seine Interpretation der Werke ziemlich genau und betätigt sich in der Aufführung als Katalysator zwischen Orchester und Publikum. Ganz ehrlich? - Ich kann das nicht ausstehen! Aber ich muß zugeben, daß bei Gergiew doch, zwar nicht jedes Mal, aber immer wieder etwas Erstaunliches dabei herauskommt. Was ich mich nun frage: Würde ein junger Dirigent, der dieses künstlerische Ergebnis bringt, das Gergiew in seinen besten Konzerten erzeugt, wirklich vom Orchester gefeuert werden? Oder würde er am nächsten Tag zum Shooting Star erklärt? Wenn ich daran denke, wie ein Harding herumwachelte, als er meinte, er müsse Mahler dirigieren...

Und wenn ich erst an die Dirigierbemühungen eines Harnoncourt denke...
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

145

Dienstag, 17. August 2010, 18:28

Aber ich muß zugeben, daß bei Gergiew doch, zwar nicht jedes Mal, aber immer wieder etwas Erstaunliches dabei herauskommt.


:juhu: Dass ich das aus Deiner Feder noch einmal lesen darf... ;+)

Ich meine, der Dirigierstil ist gar nicht so wichtig in diesem Falle. Was ich bei Gergiev immer so beeindruckend finde – ich glaube, ich habe das schon ein paar Mal erwähnt – ist, dass er so genau seine Vorstellung von einem Werk vermitteln kann. Ich denke, das ist eines seiner Geheimnisse. Ich kann mich natürlich nur auf einige Proben-Mitschnitte und Aussagen von Orchester-Mitgliedern stützen, aber selbst mir – als vollkommenem Laien – wurde aufgrund seiner „Erläuterungen“ immer gleich klar, in welche Richtung er tendiert, was er von den Musikern will. Dabei kann man es weniger als „Erklärungen“ seiner Absichten bezeichnen, er setzt vielmehr auch stark auf seine Imaginationskraft und Begeisterungsfähigkeit, auf eine Bildersprache, auf Gestik und Mimik, komplette Körpersprache. Ich glaube, dass dies sehr adäquate Mittel sind, um Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Gruß, Cosima

146

Dienstag, 17. August 2010, 19:53

Liebe Cosima,
ich lasse mich ja - ab und zu ;+) - überzeugen. Ich habe auf DVD "Feuervogel" und "Sacre" aus St. Petersburg, beides fabelhaft dirigiert. Wobei ich gleich sage, daß der "Sacre" nicht mein Geschmack ist, ich mag das lieber analytisch und weniger schweißdampfend (und wenn schon, dann gleich Schwitzbad à la Swetlanow), aber das hat schon Kraft. Andererseits ist die Einspielung von "Les Noces" einfach miserabel, weil Gergiew viel zu flächig arbeitet, die Klaviere viel zu sehr mit Pedal spielen läßt. Für mich ist Gergiew ein interessanter Fall insoferne, als ich ihn stückweise entweder ziemlich gut finde oder gar nicht gut. Kann aber an mir liegen. Beides
allerdings... :)
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

147

Mittwoch, 18. August 2010, 11:42

Gergiev als Probierer

Gergiew nun studiert bei den Proben seine Interpretation der Werke ziemlich genau und betätigt sich in der Aufführung als Katalysator zwischen Orchester und Publikum.


Lieber Edwin!

Diese Aussage möchte ich in ihrer Allgemeinheit doch nicht so ganz unwidersprochen lassen. Vorausgeschickt sei allerdings, dass ich Gergiev (von diversen DVDs einmal abgesehen) als Probierer hauptsächlich mit seinem eigenen Mariinsky-Orchester kenne. Ausnahmen : 1993 mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und 2009 mit den Wiener Philharmonikern. Aus dieser insgesamt über 20 Jahren dauernden Erfahrung mit Valery Gergiev möchte ich einige Behauptungen ableiten.



1. Ebenso wenig, wie es den Interpreten Gergiev gibt, gibt es den Probierer. Deine Behauptung gibt also nur einen Teil der "Wahrheit" wieder; es ergeben sich vielfache Widersprüche, abhängig vom jeweiligen Orchester und vom jeweiligen Stück. Nicht umsonst hat Gergiev seine Arbeit auf relativ wenige Orchester beschränkt, die sich damit abzufinden haben, dass Probendauer und -methoden nicht den üblichen Gepflogenheiten entsprechen. Wer Gergiev engagiert, hat dies in Rechnung zu stellen. Ansonsten ist es besser, von einer Verpflichtung abzusehen.



2. Ausser Gergiev kommt (was gar nicht so selten vorkommt) zu einem Konzert zu spät, gilt im Prinzip die Regel : Es wird immer geprobt, wenn auch Probenzeitpunkt und -art (siehe oben) von den Gepflogenheiten abweichen. "Normalerweise" wird jedes Konzertprogramm (meistens erstmalig) unmittelbar vor dem jeweiligen Konzert geprobt, 2 bis 3 Stunden vor dem meistens 30 Minuten verspäteten Beginn. Dabei habe ich bisher unterschiedliche Methoden beobachten können.



3. Bestimmte Werke (wie gesagt, mit dem Mariinsky-Orchester) werden überhaupt nicht geprobt. Dazu gehören die Tschaikowsky-Sinfonien Nr. 5 und 6, Rimsky-Korsakows Scheherazde und Mussorgskys Bilder einer Ausstellung.



4. Häufig kommt es vor, dass nur pars pro toto geprobt wird. D.h., Gergiev probt relativ detailliert einen bzw. zwei Sätze einer Sinfonie und erwartet vom Orchester, dass es seine Intentionen auf die anderen (ungeprobten) Sätze übertragen kann. Diese Methode erfordert natürlich an immenses Maß an Flexibilität von den Musikern; das Mariinsky-Orchester besteht aus Musikern, die (wohl oder übel) auf diese Methode eingeschworen sind und deshalb ohne Schwierigkeiten in der Lage sind, diese Maßgaben umzusetzen.



5. Proben werden nicht im Originaltempo des nachfolgenden Konzerts geleitet, sondern das Tempo wird der verbliebenden Zeit angepasst. Gergievs reichlich unprofessionell klingende Begründung : Somit hätten die Musiker die Noten wenigstens einmal vor dem Konzert gespielt, und dies vorwiegend bei Werken, die nicht zum Kernrepertoire des Orchesters gehören.



6. Es fällt beim Durchlesen dieser Zeilen eines auf, dass für Gergiev offenbar eine Probe nicht dazu dient, eine Interpretation für das nachfolgende Konzert festzulegen. Dies ist allein bzw. zumindest hauptsächlich dem Konzert überlassen, und da Gergiev ein Spontanmusiker ist, ist das Ergebnis häufig ein Positives. Gergievs Körpersprache kam man dabei durchaus ablesen, wie stark er an einem Werk interessiert ist. Es kommt gar nicht so selten vor, dass er sich auch während eines Konzert aufs bloße Taktschlagen beschränkt, was normalerweise ein Alarmsignal darstellt, ein Zeichen dafür, dass er "nicht gut d'rauf" ist.



7. Nicht vergessen soll jedoch eine weitere "Methode" sein, dass Gergiev die Vorbereitung eines Konzerts einem Assistenzdirigenten überlässt und es kurz vor dem Auftritt erscheint, und das auch bei ziemlich ungewöhnlichen Programmen mit zeitgenössischer russischer Musik.



Zusammenfassend : Es hat im Prinzip den Zuhörer nicht zu interessieren, auf welche Art und Weise ein Konzert zustande kommt. Sollte eine Interpretation mit den Vorstellungen des einzelnen Zuhörers übereinstimmen oder (falls nicht) zumindest überzeugend wirken, umso besser. Manchmal ist es jedoch auch ganz gut, die Hintergründe zu kennen, warum sich ein Konzerterlebnis nicht einstellt.



Sune

148

Mittwoch, 18. August 2010, 12:42

6. Es fällt beim Durchlesen dieser Zeilen eines auf, dass für Gergiev offenbar eine Probe nicht dazu dient, eine Interpretation für das nachfolgende Konzert festzulegen. Dies ist allein bzw. zumindest hauptsächlich dem Konzert überlassen, und da Gergiev ein Spontanmusiker ist, ist das Ergebnis häufig ein Positives. Gergievs Körpersprache kam man dabei durchaus ablesen, wie stark er an einem Werk interessiert ist. Es kommt gar nicht so selten vor, dass er sich auch während eines Konzert aufs bloße Taktschlagen beschränkt, was normalerweise ein Alarmsignal darstellt, ein Zeichen dafür, dass er "nicht gut d'rauf" ist.


Hochinteressant Deine Anmerkungen, lieber Sune.

Zu dem obigen Punkt: Hast Du tatsächlich einen Zusammenhang feststellen könnnen, in Form von:
bloßes Taktschlagen = schlechteres Ergebnis
stärkere Körpersprache = besseres Ergebnis

Wie erklärst Du es Dir, dass trotz oder gerade wegen dieser doch eher unkonventionellen Art zu proben, so häufig so positive Ergebnisse zustande kommen? Vielleicht, weil durch dieses Nicht-Festlegen vorher in den Proben eine gewisse Spannung aufgebaut wird? Weil die Musiker, die eben nicht mit einem festen Konzept in das Konzert gehen, sehr viel konzentrierter sein müssen, noch mehr bezogen auf den Dirigenten? Ich würde gerne einmal aus der Sicht eines Musikers hören, wie er die Arbeit mit Gergiev empfindet. Auf der letzten DVD äußern sich Musiker des LPO, aber natürlich sind diese Aussagen auch zugeschnitten auf das Publikum.

Gruß, Cosima

149

Mittwoch, 18. August 2010, 16:33

Zu dem obigen Punkt: Hast Du tatsächlich einen Zusammenhang feststellen könnnen, in Form von:
bloßes Taktschlagen = schlechteres Ergebnis
stärkere Körpersprache = besseres Ergebnis

Wie erklärst Du es Dir, dass trotz oder gerade wegen dieser doch eher unkonventionellen Art zu proben, so häufig so positive Ergebnisse zustande kommen? Vielleicht, weil durch dieses Nicht-Festlegen vorher in den Proben eine gewisse Spannung aufgebaut wird? Weil die Musiker, die eben nicht mit einem festen Konzept in das Konzert gehen, sehr viel konzentrierter sein müssen, noch mehr bezogen auf den Dirigenten? Ich würde gerne einmal aus der Sicht eines Musikers hören, wie er die Arbeit mit Gergiev empfindet. Auf der letzten DVD äußern sich Musiker des LPO, aber natürlich sind diese Aussagen auch zugeschnitten auf das Publikum.




Liebe Cosima,

in Letzterem möchte ich Dir unbedingt Recht geben.

Zum Punkt "Körpersprache" möchte ich meine Aussage etwas in Frage stellen, weiß ich doch nicht, ob ich dabei nicht einem Irrtum unterliege. Denn Gergiev ist nicht nur ein Dirigent, der sein Handwerk 100 % beherrscht, sondern auch jemand, der weiß, dass ein Teil des Publikums bei Konzerten (ich möchte mich dabei ausdrücklich nicht ausschließen) auf das Optische reagiert. Soll heißen : dynamische Körpersprache = eindrückliches Erlebnis, weil der Dirigent offensichtlich "dabei ist". Ob im Gegenzug bloßes Taktschlagen eine schlechtere Orchesterleistung oder eine uninteressantere Interpretation zum Ergebnis hat? Zumindest bei mir, der ich Gergiev meistens von seiner "dynamischen" Seite her kenne, ergibt sich oftmals dieser Schluss, der jedoch ebensogut ein Trugschluss sein kann.

Wohl gemerkt : Ich spreche von Gergiev, der sehr wohl auch ein "Dirigenten-Schauspieler" ist, nicht von in der Gestik normalerweise sehr sparsamen Dirigenten, die deshalb noch lange keine schlechteren Musiker sind.

Sune

150

Mittwoch, 18. August 2010, 16:51

sondern auch jemand, der weiß, dass ein Teil des Publikums bei Konzerten (ich möchte mich dabei ausdrücklich nicht ausschließen) auf das Optische reagiert.

Gott sei Dank wird das einmal in aller Klarheit gesagt. Jeder Dirigent weiß es, jeder Manager weiß es (und "berät" dementsprechend), aber es ist das große Geheimnis der Klassikszene. Als ob es nie einen Dirigenten gegeben hätte, der Schallplattenaufnahmen verweigerte, sich aber sehr gerne für Video-Aufzeichnungen zur Verfügung stellte...
:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

151

Mittwoch, 18. August 2010, 20:04

Ja, ohne Zweifel ist das ein Dirigent, der sich seiner Ausstrahlung und Wirkung bewusst ist. Ich empfinde sein Auftreten dennoch als natürlich, keineswegs als um der Wirkung willen aufgesetzt oder affektiert. Vielleicht sehe ich das zu naiv, aber ich habe nicht das Gefühl, dass er „Schauspielerei“ betreibt, um sich als Person in den Mittelpunkt zu rücken. Er hatte die Vision, das Mariinsky wieder erfolgreich zu machen. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen, und wie viel Einsatz hinter diesem Erfolg steckt, wage ich mir nicht einmal auszumalen.

Er war genau der richtige Mann für solch eine Aufgabe: Ein toller Dirigent und ein starker Charakter mit „Rattenfänger“-Qualitäten, der unablässig auf ein Ziel hinarbeitet. Ich habe großen Respekt vor solchen Persönlichkeiten. Ehrlich gesagt wünschte ich, dass es – nicht nur in der Musik – mehr Menschen solchen Kalibers gäbe. Soll er doch seine Flatterhand einsetzen oder mit dem Zahnstocher dirigieren. Diese Markenzeichen stören mich nicht und wenn das Publikum sich durch ein bisschen Show gar angezogen fühlt... sei's drum. Andersherum: Wenn die Ergebnisse nicht stimmen würden, könnte auch eine Flatterhand-Show auf Dauer nichts retten.

Mensch, ich mag den einfach. :P

Gruß, Cosima

152

Freitag, 20. August 2010, 10:17

Dem Mann mit der Joe-Cocker-Elektrik in den Fingern und seinen Londonern habe ich am Montag in der Royal Albert Hall zugehört. Er kam pünktlich, ohne sichtbare Anzeichen von pfandlosen Glasflaschen klaren Inhalts und legte mit Scriabin 1, besonders aber mit dem Feuervogel knapp zwei Sternstunden hin.
Habe noch nie solch ein pianissimo in einem Symphonieorchester gehört.
Ein Höllenritt für die Holzbläser, wer will da erste Klarinette oder Fagott spielen müssen? - Kein Problem für die Crew. LSO eben.
Und eine starke Führung.

Wer reinhören möchte:

http://www.bbc.co.uk/iplayer/console/b00t74vp
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

153

Freitag, 20. August 2010, 12:22

Joe-Cocker-Elektrik in den Fingern


:D

Oh, Du warst sogar live dabei! Toll! Ich habe es leider immer noch nicht geschafft, mal ein Konzert zu erleben.

Die nächsten Chancen dazu in Deutschland mit dem LSO wären diese:

Philharmonie München, 21.01.2011, 20:00 Uhr
Tschaikowsky: Symphonie Nr. 1 g-moll op. 13 ''Winterträume''
Mussorgsky/Ravel: Bilder einer Ausstellung

Internationales Mahler-Festival in Leipzig, 22.05.2011, 20:00 Uhr
Gustav Mahler: Adagio aus der 10. Sinfonie und 1. Sinfonie

Danke für den Link, ich höre mir das gerade an. :juhu:

Gruß, Cosima

154

Freitag, 20. August 2010, 13:24

Oh, Du warst sogar live dabei! Toll! Ich habe es leider immer noch nicht geschafft, mal ein Konzert zu erleben.

Die nächsten Chancen dazu in Deutschland mit dem LSO wären diese:




Weitere Konzerte, schon in diesem Jahr :



3.11. Berlin

16.11. Frankfurt/Main, jeweils mit dem Mariinsky-Orchester

21./22.12. Berlin mit den Berliner Philharmonikern.



Gruß,

Sune

155

Freitag, 20. August 2010, 14:54

Danke für den Link, ich höre mir das gerade an. :juhu:


Immer gerne 8+)

Gut, dass Du's jetzt tust, diese Feeds sind in der Regel immer nur eine Woche online.
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

156

Freitag, 10. September 2010, 16:38

Als CD bereits aufgenommen und demnächst veröffentlicht würden :
- [...]
- Wagner "Parsifal"
[...]
Die Veröffentlichung dieser Aufnahme ist jetzt für den 25.9. angekündigt:




Michel
Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

157

Freitag, 10. September 2010, 18:31

Super Cover. Ein Parsiferd. Oder ist das Grane von der Konkurrenz?
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

158

Freitag, 10. September 2010, 23:38

Erinnert mich an meinen Prof in der obligatorischen "Einführung in die Mediävistik", der uns den Titel "Das Pferd im »Parzival«" als legendäres Beispiel für ein vollkommen redundantes Promotionsthema zitierte. Keine Ahnung, ob es diese Promotionsarbeit jemals wirklich gab. Und keine Ahnung, wie es sich mit der Redundanz der Gergievschen Parsifalaufnahme verhalten wird. Aber das Pferd lässt mich Übles wähnen.
Das Nichts war nahe, es mußte mit Sprechen, Rufen, Schimpfen gebannt werden.
Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest

159

Freitag, 17. September 2010, 13:25

Gergiev spielt Lucia ein

Valery Gergiev nutzte den Saisonauftakt am Mariinsky-Theater zu einer Neueinspielung für das hauseigene Mariinsky-Label : Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor". Um diese CD neben diversen Spitzenaufnahmen konkurrenzfähig zu machen, wurden für die beiden Hauptrollen weltberühmte Sänger gefunden : Nathalie Dessay (Lucia) und Piotr Beczala (Edgardo). Die übrigen Partien wurden von jungen Mariinsky-Sängern übernommen, die allesamt der Akademie für Junge Sänger entstammen : Vladislav Sulimsky (Enrico), Ilya Bannik (Raimondo), Dmitry Voropaev (Arturo). Selbst die Wurzenrollen von Alisa und Normanno wurden von Sängern gesungen, die selber erstklassige Interpreten von Lucia und Edgardo sind : Zhanna Dombrovskaya und Sergey Skorokhodov. Die Aufnahmen, wie üblich eine Mischung aus Liveaufnahme mit Publikum und Pre- bzw. Retakes, wurden von Valery Gergiev dirigiert, der diese Oper damit erstmalig leitete.

160

Sonntag, 24. Oktober 2010, 19:48

Neuerscheinung im November: RAVEL

Daphnis et Chloe, Boléro, Pavane pour une infante defunte
London Symphony Chorus, London Symphony Orchestra / Valery Gergiev (LSO)

Bin gespannt, was Gergiev aus dem Boléro macht.

Gruß, Cosima

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