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Freitag, 25. Februar 2011, 16:16

SCHMELZER, Johann Heinrich: Sonatae unarum fidium (1664)

Die 6 Violinsonaten "Unarum fidium" ist die erste gedruckte Sammlung von Musik für Geigensolo mit Bc. die "jenseits" (oder besser "diesseits") der Alpen (also außer Italien) erschien. Gewidmet wurden sie einem Gönner des Komponisten, dem Kardinalen Carlo Caraffa. Die Wirkung der italienischen Violinsonate ist durchaus spürbar: Uccellini, Pandolfi-Mealli klingen hier und da an - jedoch entwickelt Schmelzer durchaus eine eigene Klangsprache und erweitert den "Stylus phantasticus" mit Anklängen an die (alpenländische) Volksmusik. Besonders typisch ist für sich eine sorgfältige (oft satzübergreifende), thematische Behandlung. Er hat eine Vorliebe für Ostinato-Sätze: vier der sechs Sonaten bauen auf wiederkehrende Bassmodelle. Er bedient sich aber auch tokkatenhaften Episoden mit virtuosen Passagen - diesen Stil führt dann später Biber zum Höhepunkt.
(Einen Nachklang erlebte das noch in den Soloviolin-Partiten von Vilsmayr und in den Kirchensonaten von Weichlein - ich hoffe aber darauf, dass noch weitere Violinsonaten dieser dritten Generation aufgefunden werden - wer weiß z.B. was sich in den fehlenden op.1 und op.3 von Aufschnaiter verbirgt?)
Nun, die einzelnen Sonaten:

Sonata prima
Zuerst wird ein hinterlistig modulierendes Thema zweimal (von verschieden Tonhöhen (1: g', 2: d") angefangen) vorgestellt, und so von C-dur ausgehend E-dur erreicht. Ein Nachsatz moduliert langsam - das thematische Material der ersten Abteilung weiter ausbauend in C-Dur zurück. Danach wird in 4/2 ein 3-taktiges Bassmodell vorgestellt, was aber in 4/4 verarbeitet wird, so ensteht ein 6-taktiges Modell. Die 12 Variationen greifen hin und wieder thematisches Material der beiden "Anfagssätze" (eigentlich darf man hier nicht über "Sätze" sprechen, da die Sonate eher eine canzonenhafte Anlage hat). Danach folgt wieder eine freie zwischen E und C Tonarten modulierende - lange - Abteilung. Nachdem C-Dur wieder erreicht worden ist folgt die Reprise des Anfangs nun aber mit Schluss auf C.

Sonata secunda
Diese Sonate ist gänzlich auf einen Ostinatobass aufgebaut. In seinem Originalform ist der in Vierertakt 7 Takte lang. Der mit langsamen Ganznotenschritten angefangenes Modell wendet sich im fünften Takt in eine Skala von f zu F. Danach folgt nur noch der Kadenzschritt Dominante-Tonika (c-F) Nach Thema + neun Variationen kommt eine anders rhytmisierte Variation des Basses in 3/2, nun 10 Takte lang. Das "neue" Thema wird in 6 weiteren Variationen verarbeitet.

Sonata tertia
Der ostinate Grundbass der dritten Sonate ist zehn Takte lang. Schon die zweite Variation fängt bereits über dem Schlusston des Themas an, und die Melodiestimme verschiebt sich allmählich zum Bass. Die dritte Variation ist zwei Takte länger, als der Bass, so fängt die Vierte schon im dritten Takt des Bassthemas an - mit einem Taktwechsel von 4/4 in 12/8! Später kommen noch weitere rhytmische Varianten: 6/4, und das schließende 3/4 - Adagio.

Sonata quarta
Nach den kniffligen Bassmodellen der ersten drei Sonaten mutet die absteigende Tetrachord der Vierten besonders einprägsam an. Das Violin-Thema (ein Quintsprung nach oben) wird nach zweimaligen ertönen des viertaktigen Bassthemas vorgestellt (so hat man den Eindruck der Bass wäre 8-taktig), das zweite Thema der Violine ist eine langsame, skalenartige Melodielinie. 110 Takte lang werden in ideenreichen Variationen diese Themen verarbeitet. Dann kommt - über denselben Bass zuerst eine Sarabande (mit Variation), dann eine Gigue (mit Variation).
Schließlich mündet das Stück in eine freie, stellenweise improvisativ anmutende, tokkatenhafte Passage. Die Sonate wird mit - bereits Biber vorwegnehmende - über liegende Orgelpunkte des Contionobasses sich ausbreitenden, aus Dreiklangsbrechungen sich aufbauenden Figurationen beschlossen.

Sonata quinta
Die fünfte Sonate ist frei von ostinaten Bässen. Ihr Stil erinnert mich stark an die Sonaten von Pandolfi-Mealli: wenn ich sie kurz beschreiben müsste (was ich mir jetzt auferlegt habe), würde ich sagen, dass sich thematisch arbeitende und improvisativ anmutende freie Passagen abwechseln. Schon der Anfang ist typisch: es werden eher nur rhytmische Motive als Themen vorgestellt, und erst in Takt 8 entwickelt sich daraus ein Thema, das dann zuerst sequenzartig (damit es besser eingeprägt wird), dann zerlegend verarbeitet wird. Der nächste Absatz fängt dann mit einem - aus den selben rhytmischen Motiven erstellten - Thema im Bass und auf der Violine imitativ an, überschlägt aber gleich in wilde Läufe, woras dann ein neues, kurzes, hüpfendes Thema hervorgeht, die dann "totsequenziert" wird. Diese Wechselbeziehung zwischen thematischer Arbeit und Improvisation bleibt bis zum Schluss bestehen, wo aber letztere schon deutlich überwiegt (Orgelpunkt-Stellen, lange Skalen-Passage, usw.)

Sonata sexta
Die letzte Sonate spinnt den oben beschrieben Konzept der Fünften auf andere Weise weiter: die erste Abteilung ist noch streng thematisch, aus der motivischen Arbeit nimmt auch der Bass sein Teil aus, das schön melodische Thema wird gründlich verarbeitet. Die zweite hat bereits zwei Themen, von denen das zweite schon für kurze virtuose Passagen den Platz bietet. Die dritte Abteilung festigt diese "siedpunktnahe" Stimmung, entwickelt wird sie aber erst in der vierten, wo ein kurzes, melancholisches Vierton-Motiv als Themen-Bruchstück gegen geysirartig ausbrechenden virtuosen Passagen sich durchzusetzen versucht. Diese Grundvorstellung wird dann in den nächsten Abteilungen weiter fortgeführt um letztlich einen thematisch inspirierten jedoch improvisativ wirkenden Laufwerk Platz zu geben.

LG
Tamás
:wink:
"Vor dem Essen, nach dem Essen,

Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

2

Freitag, 25. Februar 2011, 16:17

Die Einspielungen


Andrew Manze, Romanesca (1996)
Andrew Manze bietet eine schön expressive Sichtweise der Sonaten. Er arbeitet wunderschön die Kontraste aus und gestaltet sowohl eindringliche Melodielinien als brodelnd-virtuose Passagen. Gerade deshalb haben mich bei ihm am meisten die letzten zwei Sonaten überzeugt: er versteht sie als Höhepunkt der Sammlung zu zeichnen. Die Begleitung durch Theorbe und Cembalo bzw. Orgel bietet viele Schattierungen, die Aufnahmequalität ist gut.
:juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:


John Holloway, Mortensen, Assenbaum (1999)
Für Holloway ist eine noble, etwas zurückhaltende Spielweise typisch. Er versteht mitreißende, lange Melodien zu zeichnen - sein Spiel hat aber wenigere Farben, als die von Manze. Bei ihm gelingen eher die Ostinato-Sonaten, am besten die wunderschöne Vierte. Die letzten zwei stehen aber etwas blass da.
Die Begleitung durch Orgel und Cembalo schafft einen schönen Hintergrund. Die Klangqualität ist erstklassig.
:juhu: :juhu: :juhu: :juhu:


Jaroslaw Adamus, Ensemble Chromatica (2003)


Veronika Strehlke, Trio Florilegium (2007)
Frau Strehlke bietet eine mehr tänzerische Interpretation der Sonaten - ihre mehr beschwingte Tempi, die kraftvoll agierenden Begleiter (Egino Klepper, Cembalo und Gerhardt Darmstadt, Violoncello) geben einen voll tönenden Continuobass. Das Cembalo ist sehr gut zu hören, leider hat es keine richtig schöne Stimme. Der Geigenklang der Solistin ist etwas kratzig und nicht so kraftvoll wie der von Manze, oder leuchtend wie der von Holloway, dennoch versteht sie wohl schöne Gesangsinien zu zeichnen, wie auch hin und wieder etwas draufzuhauen.
:juhu: :juhu: :juhu:


Odile Edouard, Eichelberger (2000) - nur Sonaten 2-6

sobald ich sie habe, werde ich mich zu allen gezeigten Aufnahmen äußern. :yes:

LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

3

Freitag, 25. Februar 2011, 16:18

Die Noten

Zum Glück sind auch zu Sonatae unarum fidium die Noten von imslp abrufbar.

http://imslp.org/wiki/Violin_Sonatas_(Schmelzer,_Johann_Heinrich)

Eine weitere Edition gibt's von Johan Tfvesson:
http://www.lysator.liu.se/~tuben/scores/schunfid/


LG
Tamás
:wink:
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Biber hören nicht vergessen!"


Fugato

4

Freitag, 25. Februar 2011, 16:20

Die Stoppuhr

Ob's nützt, oder nicht, sei dahingestellt - interessant kann es doch sein: so lange dauern die einzelnen Sonaten bei den mir bekannten Aufnahmen:

Sonata prima
Manze: 8:34
Holloway: 8:33
Strehlke: 7:34

Sonata seconda
Manze: 6:13
Holloway: 6:58
Strehlke: 6:55

Sonata terza
Manze: 7:28
Holloway: 7:00
Strehlke: 7:36

Sonata quarta
Manze: 9:45
Holloway: 8:41
Strehlke: 9:03

Sonata quinta
Manze: 10:13
Holloway: 8:39
Strehlke: 9:25

Sonata sexta
Manze: 9:37
Holloway: 7:35
Strehlke: 7:13


LG
Tamás
:wink:
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Fugato

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5

Freitag, 25. Februar 2011, 16:30

Danke für die Einführung, Tscha. Da fühlt man sich ja gleich zu Hause... :D

Ein sehr schönes Faksimile des Original-Drucks gibt es bei Edition Walhall: http://www.edition-walhall.de/
"Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

Max Bruch (1838-1920)

6

Samstag, 26. Februar 2011, 16:28

Toll, der Thread hier kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die inzwischen ziemlich rar gewordene Schmelzer-Aufnahme von Andrew Manze habe ich mir vorgestern (!) in Frankreich bestellt. Vielleicht habe ich sie schon nächsten Freitag, sonst dauert es ziemlich lange.

Bisher habe ich von Schmelzer nur diese Aufnahme, die zwar stinkteuer war, aber dennoch den Funken nicht recht überspringen ließ:
http://www.amazon.de/Balletti-Sonaten-Wi…98733795&sr=1-1
http://www.cduniverse.com/images.asp?pid…ncic+Consort+CD

Grüße, Kermit
Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.

7

Samstag, 26. Februar 2011, 16:38

Bisher habe ich von Schmelzer nur diese Aufnahme, die zwar stinkteuer war, aber dennoch den Funken nicht recht überspringen ließ:

Die Clemencic-Aufnahme kenne ich leider nicht... die haben schon eine eigene weise, an der man sich gewöhnen muss. Ich habe ihre Sachen inzwischen schatzen gelernt. Zu den weiteren Werken von Schmelzer werde ich dann noch einen eigenen Thread im Komponisten-Tread erstellen.

LG
Tamás
:wink:
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8

Sonntag, 27. Februar 2011, 10:11

Die inzwischen ziemlich rar gewordene Schmelzer-Aufnahme von Andrew Manze habe ich mir vorgestern (!) in Frankreich bestellt. Vielleicht habe ich sie schon nächsten Freitag, sonst dauert es ziemlich lange.


Hallo Kermit, schön dass Manze dich auch begeistert! Freut mich, denn Manze gehört zu meinen ganz persönlichen Spezial-Lieblingen!
Allerdings ist sie gar nicht so schwer zu bekommen; HM hat sie vor ein paar Jahren mit einer anderen, empfehlenswerten CD gekoppelt wiederveröffentlicht:



:wink:
"Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

Max Bruch (1838-1920)

9

Sonntag, 27. Februar 2011, 23:14

Einige Tage später:

Zitat von Tschabrendeki:

Zitat



Zitat von »Kermit«
Bisher habe ich von Schmelzer nur diese Aufnahme, die zwar stinkteuer
war, aber dennoch den Funken nicht recht überspringen ließ:
Die Clemencic-Aufnahme kenne ich leider nicht... die haben schon eine
eigene weise, an der man sich gewöhnen muss. Ich habe ihre Sachen
inzwischen schatzen gelernt. Zu den weiteren Werken von Schmelzer werde
ich dann noch einen eigenen Thread im Komponisten-Tread erstellen.

------------------------------------------------------------------------------------------------

Inzwischen habe ich die Aufnahme wieder gehört - mit der Maßgabe, das Schmelzer einfach 20 Jahre vor Biber und Muffat gearbeitet hat. Es kommt viel besser rüber als ich in Erinnerung habe . Vielleicht haben etliche Jahre von Punk und Heavy Metal mein Gehör geschärft!

@ Archaeopterix:
Mit Manze reibe ich mich noch ein wenig. Aber ich habe den Eindruck dass er sehr genau weiß was er macht. Er braucht jedenfalls keine dicke Continuo-Guppe bei den Rosenkranz-Sonaten, was nochmal zwei Extrapunkte gibt!
Ich höre jedenfalls weiter.

LG, Kermit
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Caesar73

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10

Montag, 28. Februar 2011, 08:21

Mit Manze reibe ich mich noch ein wenig. Aber ich habe den Eindruck dass er sehr genau weiß was er macht. Er braucht jedenfalls keine dicke Continuo-Guppe bei den Rosenkranz-Sonaten, was nochmal zwei Extrapunkte gibt!
Ich höre jedenfalls weiter.


Zu Manze gibt es übrigens einen eigenen Thread, der findet sich hier:

Andrew Manze - zwischen Genie und Wahnsinn

Der Thread freut sich bestimmt, wenn er wachgeküsst wird ;+)

:wink: :wink:

Christian
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Cato der Ältere

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11

Montag, 28. Februar 2011, 17:57

@ Archaeopterix:
Mit Manze reibe ich mich noch ein wenig. Aber ich habe den Eindruck dass er sehr genau weiß was er macht. Er braucht jedenfalls keine dicke Continuo-Guppe bei den Rosenkranz-Sonaten, was nochmal zwei Extrapunkte gibt!
Ich höre jedenfalls weiter.


Ja, mache das nur - bald wirst du ihn lieben. :thumbup:

Zu Manze gibt es übrigens einen eigenen Thread, der findet sich hier:

Andrew Manze - zwischen Genie und Wahnsinn

Der Thread freut sich bestimmt, wenn er wachgeküsst wird ;+)


Ich werde mal schauen, was sich machen lässt - das lasse ich mir doch nicht zweimal sagen!! :D :D
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Max Bruch (1838-1920)

12

Samstag, 5. März 2011, 22:39

Benannte Ausgabe mit Andrew Manze / Romanesca habe ich mir inzwischen beschafft:

Andrew Manze, Romanesca (1996)
Andrew Manze bietet eine schön expressive Sichtweise der Sonaten. Er arbeitet wunderschön die Kontraste aus und gestaltet sowohl eindringliche Melodielinien als brodelnd-virtuose Passagen. Gerade deshalb haben mich bei ihm am meisten die letzten zwei Sonaten überzeugt: er versteht sie als Höhepunkt der Sammlung zu zeichnen. Die Begleitung durch Theorbe und Cembalo bzw. Orgel bietet viele Schattierungen, die Aufnahmequalität ist gut.
:juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

Auch von meiner Seite: große Begeisterung. Und ich denke, dass diese auch das zweite bis zehnte Hören überdauert.
Das pralle Leben!
Danke herzlichst für den Tipp.

Grüße, Kermit
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13

Freitag, 11. März 2011, 10:59

Hallo,

ich habe mir jetzt auch die oben öfter erwähnte Aufnahme des Ensembles Romanesca gekauft und bin ganz begeistert.

Meine Frage betrifft die Sonata "Victori der Christen" 1683-84:

abgesehen davon, daß Schmelzer offenbar einen Teil aus Bibers Rosenkranzsonaten adaptierte, fielen mir bei der Aufnahme etliche Verzierungen im arabischen Stil bzw. mittels der Zigeunertonleiter auf. Besonders gleich zu Beginn (Track 5: "Der Türken Anmarsch").

Ist dies so von Schmelzer notiert oder wurden diese Verzierungen von Manze und seinen Mitspielern frei hinzugefügt?

Magus
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14

Freitag, 11. März 2011, 14:50

Den türkischen Einschlag hat natürlich Manze dazugedichtet - das hat er sich nicht verkneifen können.... :D Der Notentext ist eigentlich ganz harmlos und folgt der Vorlage von Biber bis auf die Tonart und den letzten Satz, der neu komponiert ist, sehr genau. Ist sowieso interessant; denn J. H. Schmelzer selbst kann das Stück gar nicht adaptiert haben, den die Türkenschlacht fand ja erst 1683 statt, und er starb 1680 in Prag an der Pest.... Dass in der Handschrift, dem sagenhaften Codex 726 des Wiener Minoritenkonvents, über der ersten Akkolade "Schmelzer." steht, kann also nur darauf hindeuten, dass ein Sohn von J. H. für die Parodie verantwortlich ist - die Wissenschaft geht davon aus, dass es Anton Andreas Schmelzer war.
Schön, dass dir die Aufnahme gefällt - ich habe sie heute morgen auf meinem iPod wieder einmal gehört und bin aufs neue überzeugt, dass Manze the one and only ist. :juhu:
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Max Bruch (1838-1920)

15

Freitag, 11. März 2011, 15:19

Danke für die fundierte Antwort; mir kamen die musikalischen "Arabesken" sehr eigenartig vor, denn anders als hundert Jahre später (Stichwort Mozart "alla turca", "Entführung") scheint der "türkische Einschlag" zur Zeit der konkreten Türkengefahr in der zweiten Hälfte des 17. Jh. keineswegs bekannt oder üblich gewesen zu sein. Selbst Lullys "Marche pour la cérémony des Turcs" aus seiner Musik für das Schauspiel "Le Bourgeois Gentilhomme" von 1670 atmet vergleichsweise wenig "Exotik".

Das Stück ist hier zu hören (Track 24):



Übrigens auch eine sehr leckere Aufnahme - aber hier zweifellos OT :hide: .

Zurück zu Schmelzer :love:

Magus
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16

Freitag, 11. März 2011, 16:06

Die Savall-Platte kenne ich auch... und den Marsch kennt man ja spätestens seit dem Corneau-Film "Tous les matins du monde", zu dem Savall und Co. ja die Filmmusik eingespielt haben... :juhu:

Zu Schmelzer und den Türken: soweit ich das verstanden habe, hat sich ja die Türkenmode, la turquerie, aus der erzwungenen Auseinandersetzung mit der osmanischen Kultur entwickelt; später war ja alles chic, was türkisch war, vor allem in Wien, wo die Kaffeehäuser aus dem Boden schossen und sich Fürsten gegenseitig Janitscharenkapellen schenkten. Aber das kam doch ein bissl später. Ich glaube, Manze hat den osmanischen Flair zu der Aufnahme hinzugefügt, weil ihm a) gerade danach war :D und b) weil er dem Stück nochmehr Lokalkolorit geben wollte, um die Handlung zu "illustrieren" - wenn dann die Christen glorreich angerückt kommen, spielt er gerade und fast ohne Verzierungen, für seine Verhältnisse schon fast übertrieben seriös - seine Art von Statement zu der Sache... :whistling:

Im Continuo ist es ähnlich: die Türken werden von einem ornamentierenden und wild schrammelnden Cembalo untermalt, während bei den Christen eine glorreich pustende Orgel eingesetzt wird - bei dem Kampf dann beide gleichzeitig, das Cembalo immer schwächer, von der Orgel quasi überdeckt. Im letzten Satz spielt dann nur noch Orgel. Das ist alles sehr genau überlegt, drängt sich aber nicht auf, weshalb man das erst beim x-ten Mal hören bemerkt. Aber dann freut es einen umso mehr... :rolleyes:
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Max Bruch (1838-1920)

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