Die fünfziger Jahre neigen sich ihrem Ende zu. Die französischen Leinwände, aber auch die des übrigen Europa werden von den Werken von Altmeistern wie Jean Delannoy, Marcel Carné oder Henri Clouzot beherrscht, die bei der jungen Kritik auf weniger Respekt treffen, als sie aus heutiger Sicht verdienen. Einzig René Clair und Jean Renoir durften auf Grund ihrer historischen Verdienste auf Milde rechnen, zumal sie sich im Gegensatz zu den Genannten nicht nach den Vorschriften der Vichy-Regierung gerichtet hattem, sondern nach Amerika emigriert waren und dort zwar keine weltbewegenden aber doch sehr beachtliche Filme geschaffen hatten. Die Vorbilder dieser Kritikergarde, die sich anschickte, den französischen Film zu revolutionieren, waren jedoch andere, nämlich Amerikaner wie John Ford, Howard Hawks und vor allem der Engländer Alfred Hitchcock.
Zu dessen größten Bewunderern gehörten zwei junge Filmjournalisten, die bald selbst Filmgeschichte schreiben sollten. Der eine war Francois Truffaut, der bald mit LES QUATRE CENT COUPS / SIE KÜSSTEN UND SCHLUGEN IHN einen Sensationserfolg bei Publikum und Kritik landen und mit Jean-Pierre Léaud einen neuen Star lancieren sollte. Ihm zuvor kam jedoch der zwei Jahre ältere, 1930 geborene Claude Chabrol, der dank einer Erbschaft seiner Frau als erster der künftigen Regisseure der Nouvelle Vague mit dem Filmemachen beginnen konnte und mit LE BEAU SERGE SOWIE LES COUSINS / SIE KÜSSTEN UND SCHLUGEN IHN gleich mehrere Schauspielerkarrieren lancierte, nämlich die von Gérard Blain, Bernadette Lafont und Jean-Claude Brialy. Anders als die Debütfilme Truffauts und Á BOUT DE SOUFLLE / AUSSER ATEM von Jean-Luc Godard, der aich als das bleibende Meisterwerk der Nouvelle Vague herausschälen sollte, ist die Zeit diesen Debütwerken, die dennoch noch immer sehenswert sind, nicht so gut bekommen. IHnen allen gemeinsam war eine fundamentale Respektlosigkeit vor den soliden Traditionen des etablierten Kommerzkinos, was sie ungewohnt frisch machte - eine Frische, die im Gegensatz zu der Abgestandenheut des sogenannten Jungen Deutschen Films bis heute nachwirkt.
Chabrol gehörte im Gegensatz den Naturtalenten Truffaut und Godard zu den Regisseuren, die zwar sehr viel Wissen und einiges Können mitbrachten, dann aber erst an ihrer Arbeit lernten und wuchsen. Er war sich dessen auch durchaus bewusst, und vielleicht erklärt das die enorme Arbeitswut, die ihn zeitlebens auszeichnete, und der er immer immer bessere Werke abgewann, bis auch er zum Meister wurde, auch wenn es dazwischen immer mal längere Durststrecken mit Filmen gab, auf die er selbst wohl nicht so stolz war.
Die erste Durststrecke folgte gleich diesen beiden Debütfilmen, wo er neben einigen unterhaltsamen Beiträgen zu diversen Episodenfilmen hauptsächlich leidlich unterhaltsame Agentenfilme wie DER TIGER LIEBT NUR FRISCHES FLEISCH drehte, aber nicht ohne dazwischen mit einem nicht sehr erfolgreichen und bei uns nur gekürzt gezeigten Film über den notorischen Frauenmörder LANDRU (DER FRAUENMÖRDER VON PARIS), dem bereits Charles Chaplin in MONSIEUR VERDOUX ein unsterbliches Denkmal gesetzt hatte, sein großes Potenzial zu bestätigen. Auch hier wieder sollte sich sein Gespür für besondere Schauspieler bewähren, denn er gab darin Charles Denner seine erste größere Rolle, die neben Trtuffauts DER MANN, DER DIE FRAUEN LIEBTE eine seiner besten blieb. Auch die sonst weniger bemerkenswerte, wenn auch notorisch glamouröse Michèle Morgan sollte in diesem Film eine ihrer besten Rollen spielen.
Chabrols außerordentliches Talent als Schauspielerregisseur und vor allem Frauenregisseur wurde lange notorisch unterschätzt, weil sich alle Leute immer gleich an den sozialkritischen Elemente seiner Kriminalfilme festbissen, aber es sollte evident werden, als er 1966 in LE SCANDALE / CHAMPAGNERMÖRDER seiner späteren Frau STÉPHANE AUDRAN ihre erste große Rolle als zwielichtige Jacqueline Lydia gab, die sie danach immer weiter abrunden und verfeinern sollte. Mit diesem Film beginnt die zweite und vielleicht größte Phase in Chabrols Karriere.
Fortsetzung folgt.

Rideamus