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41

Freitag, 7. Mai 2010, 00:48

George A. Romero

"Dawn of the dead", in Deutschland bekannt als "Zombie 1", von George Romero ist sicherlich der Pate aller Zombiefilme. Gefangen in eigener Komsumwelt ohne Ausweg.
Ich weiß nicht recht. In Romeros Ouevre der Untoten ist das ja bereits der zweite Teil. Die Filmwelt überrumpelt hatte er ja schon fast zehn Jahre früher mit Night of the Living Dead. Damals strengstens verbannt, ziert der Streifen heute die Filmarchive großer Museen. Die Zeiten und das Rezeptionsverhalten ändern sich... (Auf meiner DVD steht übrigens: USA, 1668 - somit dürfte er auch der mit Abstand älteste Film der Geschichte sein! :D )

Romeros Saga der unglücklich Wiedererstehenden besteht nunmehr aus folgenden Teilen, denen gemeinhin (aus meiner Sicht teilweise schwerstens aufgepropft) jeweils unterschiedliche gesellschaftskritische Sujets zugeschoben wurden:

1. Night of the Living Dead (1968) - (Rassismus, Vietnam...)
2. Dawn of the Dead (1978) - (Kaufen, immer nur kaufen... verdammter Konsum!)
3. Day of the Dead (1985) - (Die stumpfe Brutalität des miliärischen Apparats)
4. Land of the Dead (2005) - (Ellenbogengesellschaft im Turbokapitalismus)
5. Diary of the Dead (2007) - (Die mediale Gesellschaft in Zeiten Youtubes... huhu Hemiole! :P )
6. Survival of the Dead (2009) - (keine Ahnung - kommt jetzt erst raus...)




Nr. 4 und 5 fand ich sehr dürftig. Dass Romero seiner gestandenen Trilogie nunmehr im Zweijahrestakt einfallslose Sequels nachfolgen lässt, riecht eher nach Masche und schnellem Geld als nach wirklich gewollter Reflektion über vorherrschende Zustände. Zumal sind sie auch visuell unterdurchschnittlicher Mainstream. Wie hörte ich die Extrem-Filmer Jörg Buttgereit und Bruce LaBruce vorgestern auf ARTE miteinander plaudern: Extreme Filme müssen aus dem Untergrund kommen, sie müssen zwangsläufig B-Movies sein, damit sie an irgend etwas rütteln können. Sie müssen am Status Quo rumpieksen, dürfen aber niemals der Status Quo selbst werden. Leider haben wir in den letzten Jahren aber diese Tendenz...

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

42

Freitag, 7. Mai 2010, 15:06

RE: George A. Romero

Die Filmwelt überrumpelt hatte er ja schon fast zehn Jahre früher mit Night of the Living Dead. Damals strengstens verbannt, ziert der Streifen heute die Filmarchive großer Museen. Die Zeiten und das Rezeptionsverhalten ändern sich... (Auf meiner DVD steht übrigens: USA, 1668 - somit dürfte er auch der mit Abstand älteste Film der Geschichte sein! :D )


Und wegen einem Copyright-Malheur ist dieser Film heutzutage obendrein recht umstandslos hierüber anguckbar: "http://www.archive.org/details/night_of_the_living_dead

Zitat

3. Day of the Dead (1985) - (Die stumpfe Brutalität des miliärischen Apparats)


Wobei die Forschung nach Heilung oder Resozialisierung der Zombies (vor allem von "Bub") für mich der reizvollste Aspekt ist.

Zitat

Wie hörte ich die Extrem-Filmer Jörg Buttgereit und Bruce LaBruce vorgestern auf ARTE miteinander plaudern: Extreme Filme müssen aus dem Untergrund kommen, sie müssen zwangsläufig B-Movies sein, damit sie an irgend etwas rütteln können. Sie müssen am Status Quo rumpieksen, dürfen aber niemals der Status Quo selbst werden. Leider haben wir in den letzten Jahren aber diese Tendenz...


Wenn man böse sein will, könnte man hier aber auch Selbstheroisierung der doch nicht ganz groß Herausgekommenen argwöhnen. 28 weeks later ist zwar eher Mainstream, scheint mir aber trotzdem ein Meilenstein des Genres zu sein: Endlich gibt es mal keine Klischee-Schurken. Alle handeln gut nachvollziehbar, und trotzdem ist kein Ende der Katastrophe abzusehen.
Allerdings habe ich noch nicht allzuviele getroffen, die das ähnlich sehen.

:wink:
Even that vulgar and tavern music, which makes one man merry, another mad, strikes in me a deep fit of devotion (Sir Thomas Browne)

43

Sonntag, 9. Mai 2010, 02:23

Na, wie man sieht ist das kein unwichtiges Thema... auch für capriccio nicht.

Hier ein paar Anregungen zum Thema:

1.

Das ist der heftigste Genre-Film, den ich bisher gesehen habe. Die stets rätselhafte FSK hat ihn "Ab 16" eingestuft. Nun denn... viel Vergnügen beim Familiennachmittag.

2.

Dieses Werk empfehle ich als literarischen Background zu "Martyrs".

3.

Das ist der zweitheftigste Genre-Film, den ich bisher gesehen habe (Regie: Tashiko Miike). Den Willen zur Ästhetik und heftigste Grausamkeit habe ich noch nie so dicht beieinander gesehen. Wahrscheinlich finde ich den Film auch gerade wegen dieser Ambivalenz so hart.

4. Einen sensiblen Umgang mit dem Thema habe ich vor etlichen Jahren hier gelesen:
"Hartwig, Helmut: Die Grausamkeit der Bilder : Horror und Faszination in alten und neuen Medien. Aspekte des Menschen"
Das Buch ist antiquarisch noch zu bekommen. Ich fand den Spagat zwischen wissenschaftlichem Anspruch, empirischen Befragungen bei Splatterfilm-Treffen und der Darstellung der eigenen Faszination und versuchten Distanzierung des Autors eine hochspannende Angelegenheit... vielleicht auch deshalb, weil kein eindeutiges Fazit dabei herausgekommen ist.

Tharon.

44

Sonntag, 9. Mai 2010, 02:49

Ich wage es ja eigentlich kaum zu schreiben, aber nach einem Vierteljahrhundert habe ich mir erlaubt, nochmals Pasolinis "120 Tage von Sodom " anzuschauen.

Sehr warm, sehr extrem, sehr notwendig für die damalige Zeit-auch für unsere natürlich- , kompromißlos und zeitlos.

Und ich rede nicht über die Gewaltorgie, welche sich über den Voyeur....äh...Zuschauer ergießt.
Wer das mag, ist krank.......aber der Film geht viel tiefer,er ist gnadenlos und wirft alle möglichen Fragen auf.

Letztendlich ist das DER Film, welcher zur Diskussion stellt, wozu die menschliche Rasse imstande ist, natürlich ein Pamphlet gegen den Faschismus, aber auch und natürlich darüber hinaus.
Das ist kein Film zum sich Unterhaltenfühlen, das ist auch kein Film zum Anschauen.
Das ist einfach ein Film, welcher gemacht werden mußte, und jemand mußte den Mut haben, Ihn zu machen, auch wenn er dabei untergeht.

Man sollte Ihn nicht anschauen, aber ich bewundere Pasolini und seine Schauspieler, daß er und diese es auf sich genommen haben, diesen Film zu machen.

Ich hoffe, daß ich in etwa eine Erklärung gefunden habe, warum dieser Film KEIN Schund ist.
Mein Gestammel liest sich bestimmt ziemlich hilflos, und dieser Film läßt einen wirklich ziemlich hilflos zurück, nicht auf einer Ebene befindlich wie ein reiner Grusel, Splatter und Gewaltfilm.

Nach 25 Jahren hatten sich alle Szenen so in meinem Kopf festgesetzt, ich hätte diesen Film kein zweites mal sehen müßen. Es war alles wie beim ersten Mal.
Verstörend.
Andere Filme vergißt man oder sie verändern sich für einen in seiner Wahrnehmung über die Jahre.
Dieser Film nicht.


?(

Michael
"Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte."
Pancho Villa (1878 - 1923)

45

Sonntag, 9. Mai 2010, 07:37

Lieber Michael, ich konnte diesen Film nicht ertragen, aber Du hast vollkommen Recht mit dieser Einordnung. Allerdings frage ich mich , ob er zu den "Grusel"-Filmen gezählt werden kann und darf. Ist eine solch essentielle (politische/"humanistische") Aussage in einen Topf zu werfen mit Dracula und Co?
Ist de Sade dann auch ein Grusel-Genre-Autor?
Vielleicht sollte man angesichts dieser Ambivalenz mal das Genre etwas genauer definieren. Ich kenne all die Filme nciht die hier vorgestellt werden und bin in diesem Genre komplett inkompetent, daher ist das bitte als Frage, nicht als Aussage zu verstehen.
Ich finde das Leben als solches gruselig (und wenns denn um Nervenkitzel geht: erst recht "nervenkitzlig" genug ) um mir nciht in meiner Freizeit auch noch von aussen den Grusel und Nervenkitzel besorgen zu wollen.
Aber vielleicht schauen sich die Fans diese Filme ja auch aus ganz anderen Gründen an, ich hab wie gesagt keine Ahnung. Was ist an diesem Genre so anziehend für euch? Und wo sind die Grenzen des Genres (siehe Pasolini)?Sind Grausamkeit und Gruselei identisch?

F.Q.
Gracias a la vida!

Amfortas09

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46

Sonntag, 9. Mai 2010, 07:55

Zitat

Ich wage es ja eigentlich kaum zu schreiben, aber nach einem Vierteljahrhundert habe ich mir erlaubt, nochmals Pasolinis "120 Tage von Sodom " anzuschauen.

Sehr warm, sehr extrem, sehr notwendig für die damalige Zeit-auch für unsere natürlich- , kompromißlos und zeitlos.

Und ich rede nicht über die Gewaltorgie, welche sich über den Voyeur....äh...Zuschauer ergießt.
Wer das mag, ist krank.......aber der Film geht viel tiefer,er ist gnadenlos und wirft alle möglichen Fragen auf.

Letztendlich ist das DER Film, welcher zur Diskussion stellt, wozu die menschliche Rasse imstande ist, natürlich ein Pamphlet gegen den Faschismus, aber auch und natürlich darüber hinaus.
Das ist kein Film zum sich Unterhaltenfühlen, das ist auch kein Film zum Anschauen.
Das ist einfach ein Film, welcher gemacht werden mußte, und jemand mußte den Mut haben, Ihn zu machen, auch wenn er dabei untergeht.

Man sollte Ihn nicht anschauen, aber ich bewundere Pasolini und seine Schauspieler, daß er und diese es auf sich genommen haben, diesen Film zu machen.

Ich hoffe, daß ich in etwa eine Erklärung gefunden habe, warum dieser Film KEIN Schund ist.
Mein Gestammel liest sich bestimmt ziemlich hilflos, und dieser Film läßt einen wirklich ziemlich hilflos zurück, nicht auf einer Ebene befindlich wie ein reiner Grusel, Splatter und Gewaltfilm.

Nach 25 Jahren hatten sich alle Szenen so in meinem Kopf festgesetzt, ich hätte diesen Film kein zweites mal sehen müßen. Es war alles wie beim ersten Mal.
Verstörend.
Andere Filme vergißt man oder sie verändern sich für einen in seiner Wahrnehmung über die Jahre.
Dieser Film nicht.

ich habe mir diese DVD auch schon mehrere Male reingezogen. In der Tat dieses Gewaltexzesse sind kein Selbstzweck (insofern ist er kein Horrerfilm), und ich stimme dir in allen Punkten zu... für mich Pasolinis bester Film...

Zitat

Sind Grausamkeit und Gruselei identisch?
ich vermute nicht unmittelbar identisch, siehe Pasolini


:wink:
“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

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Armin Diedrich

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47

Sonntag, 9. Mai 2010, 13:05

Kennt eigentlich jemand den schönen Film "Theater des Grauens" ("Theatre of blood") mit Vincent Price und Diana Rigg? Einer der vergnüglichsten Schocker, die ich gesehen habe...

Florian Voß

Lebender Film noir

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48

Sonntag, 9. Mai 2010, 13:40

Ah, Vincent Price, Theater des Grauens, Im Todesgriff der roten Maske, Der Untergang des Hauses Usher... Price war mein Lieblingsschauspieler, als ich zehn Jahre alt war, seine expressionistische Spielweise schlägt noch um längen Boris Karloff und Bela Lugosi (Ach, Bela Lugosi is dead, undead, undead, undead...) um Längen, nur Peter Lorre ist extremer. Besonders "Der Untergang des Hauses Usher" nach E.A. Poe fand ich ganz phantastisch (Regie: Roger Corman!!!), diese morbiden, überhöhten Technicolorfarben. Dieser unsägliche Verfall, der in den Augen Price´ blitzte.



.




--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Eine Krähe war mit mir
aus der Stadt gezogen

49

Montag, 10. Mai 2010, 01:51

Kennt eigentlich jemand den schönen Film "Theater des Grauens" ("Theatre of blood") mit Vincent Price und Diana Rigg? Einer der vergnüglichsten Schocker, die ich gesehen habe...
Lieber Armin,

natürlich! Vincent Price ist für mich eine der ganz großen Figuren des Gruselkinos! Einer der letzten großen Akteure des Genres, bevor dieses mehr und mehr gesichtslos wurde. Wer ist denn seit den 70ern zu einem großen Filmstar, einer weltweit bekannten Ikone durch Horror-Rollen geworden? Florian hat ja schon auf ältere Filme hingewiesen, es gibt noch eine ganze Latte weiterer Produktionen der 50er und 60er Jahre, die Price mit seiner Präsenz veredelt hat (Hammer-Produktionen, Corman-Filme, Das Original von "Die Fliege").

Theater des Grauens ist da eher ein Spätwerk, aber ein sehr schönes. In diese britische Reihe des "Zehn-kleine-Negerlein-Horrors" gehören dann unbedingt auch die Dr. Phibes-Filme mit Vincent Price.



LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

50

Donnerstag, 13. Mai 2010, 00:30

Frankreich extrem

1.

Das ist der heftigste Genre-Film, den ich bisher gesehen habe. Die stets rätselhafte FSK hat ihn "Ab 16" eingestuft. Nun denn... viel Vergnügen beim Familiennachmittag.
Hallo Tharon,

das gilt meines Wissens aber nur für die geschnittene Fassung. Die Uncut-Version ist schon ab 18, die angebliche Original-Version ist in Deutschland gar gebannt. Mich hat der Film ziemlich ratlos hinterlassen: Ein nicht ganz uninteressantes Thema, das aber brutal auf der Schlachtbank geopfert wird. Immerhin verstörend und - anders als viele bereits hier genannte Filme - nicht zum unfreiwilligen Lachen geeignet. Ich wollte Martyrs zunächst gar nicht sehen, weil ich fälschlicherweise dachte, hinter dem Begriff "Martyrs" verberge sich sinngemäß "Folter". Ich kann mit diesen spekulativen Sadismus-Streifen nichts anfangen. Als mir Bekannte sagten, mit dem Ausdruck sei eher eine quasi-religiöse Bedeutung im Sinne von "Martyrium/Märtyrertod" gemeint, habe ich nachgegeben und den Film mitgeschaut. Ich bereue es, diesen Film gesehen zu haben. Obwohl: Irgendwie ist's ja konsequent, dass sich Horror-Zuschauer nach einem Film unwohl fühlen und nicht wegen der unfreiwilligen Komik in Gelächter ausgebrochen sind. Die Art von Unwohlsein im Falle von Martyrs möchte ich mir persönlich aber zukünftig ersparen. Regisseur Pascal Laugier soll ja nach Beendigung des Films gesagt haben, dass er selbst erschrocken über das Monstrum sei, das er geschaffen habe. Das kann aber auch ein Marketing-Gag gewesen sein...

Der Film passt aber in die Reihe des jungen französischen Horrors, der in den letzten Jahren von sich Reden gemacht hat. Waren es in den 70ern die Italiener, so tragen zurzeit wohl die Franzosen die Fackel der nach oben offenen Gewaltspirale in ihren Händen. Gäbe es einen Eurovision Splatter Contest, unsere Nachbarn mit den Froschschenkeln hätten im Moment die 12 Punkte abonniert... ;+)

Neben Martyrs gab's z.B. Alexandre Ajas Haute Tension oder Xavier Gens' Frontier(s). Ersterer verströmt bis zur unglaubwürdigen Auflösung durchaus seinen unheilvollen Horror, letzterer ist ein dümmliches Produkt.



LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

51

Sonntag, 16. Mai 2010, 02:19

Eins mal vorneweg, Carsten,

ich kann ganz gut nachvollziehen, was du schreibst. Auch mein Kinoerlebnis mit "Martyrs" wirkt noch nach (obwohl etwa 2 Jahre her).

Vielleicht ein paar Gedanken zu Folgendem:

1. Zum Lachen:
Horrorfilme (und besonders Splatterfilme) sind ja besonders dann zum Lachen, wenn die Art ihrer Darstellung zu ihren Inhalten nicht adäquat ist. Wenn Fürchterliches geschieht und dann völlig abseitige Kommentare folgen, die Tricktechnik sofort durchschaut wird, als Kontrast direkt eine humorige Szene folgt, die Filmmusik nicht Grauen sondern eher Bizarrerie evoziert o. ä., dann lachen wir, weil wir nicht ernst nehmen können, was Grauenvolles gezeigt wird. Ich finde es völlig legitim auf diese Art und Weise Horror zu einem unterhaltsamen Genre zu machen. Ich stelle aber auch immer wieder fest, dass es Filme gibt, die das Lachen zu verhindern versuchen. Auch das kann ich nicht grundsätzlich verdammen. Der Strang heißt: "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Ist das eigentlich ein legitimes und nachvollziehbares Ansinnen? Die Antwort dürfte ziemlich wichtig für diesen Strang sein. "Martyrs" hat mich das Fürchten jedenfalls in einem durchaus noch nicht gekannten Maße gelehrt.

2. Zum Marketing-Gag:
Ja, das ist immer ein Problem. Ist der Film deshalb so heftig, weil er ein ernstes Anliegen hat menschliche Abgründe möglichst überzeugend darzustellen oder entwirft da jemand in seinem Produzenten-Kämmerlein einfach nur den nächsten coolen Schritt die Gewaltspirale aufwärts? Solche Fragen werde ich nie beantworten können. Ich bin da viel zu sehr temporärer Zaungast statt Fan oder gar Eingeweihter. Es gibt aber Bereiche, die weniger anfällig für den Hype-Verdacht sind. Das ist der Grund, warum ich George Batailles "Tränen des Eros" als Lektüre zum Film genannt habe. Bataille durchforstet die Kunstgeschichte auf der Suche nach der Verbindung zwischen Lust und Schmerz... und am Ende gelangt er genau dorthin, wo "Martyrs" auch hingelangt. Das ist schon erstaunlich, und den Machern von "Martyrs" scheint die Verbindung bewusst zu sein, denn es gibt im Film ein Bildzitat zu Batailles Buch. Bataille jedenfalls steht der modernen Marketingmaschinerie relativ fern. Die Verbindung zu seinem Werk habe ich deshalb als Anzeichen eines ernsthaften Anliegens empfunden. Genau wissen werde ich es wohl nie.

Herzliche Grüße,

Tharon.

52

Sonntag, 16. Mai 2010, 21:19

Seltsam, dass noch niemand auf meine obige Frage, was denn nun an Horrorfilmen so anziehend ist undwo die Grenzen des Genres leigen, antworten wollte oder konnte..... ?( :rolleyes:
F.Q.
Gracias a la vida!

53

Sonntag, 16. Mai 2010, 23:17

Liebe Fairy,

Du hast aber auch schon einfachere Fragen gestellt. Ich versuche es mal unter einem Aspekt:

Jeder Mensch sucht Grenzerfahrungen. Eine davon ist es, in Bereiche der Angst vorzustoßen, die man einerseits darauf abklopfen möchte, was man aushält, andererseits aber gar nicht erleben möchte. Der bekanntlich un-reale Film bietet uns mit seiner Fähigkeit zur immer perfekteren Illusion ein ideales Vehikel, ohne reale Folgen und Gefahren (außer vielleicht für unseren Kreislauf o.ä.) diese Ängste zu erleben, also in Grenzbereiche vorzustoßen, die wir uns normalerweise nicht zumuten würden, ohne befürchten zu müssen, dass wir diesen Gefahren auch erliegen könnten.

Dennoch unterscheiden wir uns je nach Sozialisation in den Grenzen, die wir ausloten wollen oder können. Ich habe zum Beispiel nicht von ungefähr ziemlich alte Horrorfilme gelobt, deren Horror nur zu einem kleinen Teil an der Oberfläche zu sehen ist, sondern sich erst im Hinterkopf zusammensetzt. Zeitgenössische Splatterfilme sind mir in aller Regel ein Graus, wobei es natürlich auch da bessere, und viele grottenschlechte, gibt. Hier ist aber eher der kurzfristige Schrecken des Rummelplatzes gefragt, der per Definition immer weiter gesteigert werden muss um zu funktionieren.

Man muss aber erst einmal ausloten, was man will und verträgt, und deswegen schaut man sich erst einmal vieles an, bevor man sich in der einen oder anderen Richtung spezialisiert.

Es gibt sicher noch viele andere Gründe, über deren Verbindung mit bestimmten Krisen oder gar Kriegen auch schon viele Abhandlungen geschrieben wurden, aber diese Suche nach Grenzerfahrungen scheint mir, jedenfalls für unsere heutige Gesellschaft, ein zentraler zu sein.

:wink: Rideamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

54

Montag, 17. Mai 2010, 01:17

Hallo Fairy,

Seltsam, dass noch niemand auf meine obige Frage, was denn nun an Horrorfilmen so anziehend ist undwo die Grenzen des Genres leigen, antworten wollte oder konnte.....


Bemerkenswert ist doch jedenfalls die Überschneidung von Splatter mit der grotesken Brutalität wie sie viele Kinder in Cartoons ergötzt. Z.B. Tom & Jerry oder - allerdings wiederum vom Splatter angeregt und entsprechend zugespitzt - Itchy & Scratchy bei den Simpsons. Lachen muss ich auch bei der Stelle von Kleists Erdbeben von Chili, wo die Nonnen in einer Reihe von einem großen Holzbalken erschlagen werden.

:wink:
Even that vulgar and tavern music, which makes one man merry, another mad, strikes in me a deep fit of devotion (Sir Thomas Browne)

55

Montag, 17. Mai 2010, 02:39

Liebe Fairy,

ich habe deine Frage irgendwie überlesen und bin deshalb nicht darauf eingegangen. Ehrlich gesagt finde ich sie auch sehr schwierig zu beantworten, denn die Lust am Horrorfilm ist sicherlich bei jedem ganz anders ausgeprägt. Es gibt bereits tonnenweise Abhandlungen darüber, worin die Anziehung dieses Genres besteht. Ich weiß nicht, ob das für jeden einzelnen zutrifft. Eine wichtige These ist die, die ich eigentlich schon im allerersten Beitrag kurz angeschnitten habe: In unserer immer zivilisierteren (westlichen) Welt sind sind die realen Angst-Potentiale gesunken. Man muss keine Angst vor wilden Tieren mehr haben, die im Dorf einfallen können. Man kann - wenn man nicht völlig hysterisch ist - relativ angstfrei durch unsere Städte gehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse in allen Bereichen haben zu Erkenntnissen geführt, die böse Ahnungen oder Deutungen aus den früheren Jahrhunderten abgelöst haben. Das alles führte zu einer relativen Verflachung der extremen Emotionszustände, in die sich Menschen begeben können. Die Angst ist ein ganz natürliches Grundgefühl, mit dem die Menschen früher ganz alltäglich gelebt haben. Als die realen Auslöser immer mehr abnahmen, sprang die künstliche Welt des Films in die Bresche. Wie ich schon schrieb: Bereits in den Anfängen des Films vor hundert Jahren spielte der Gruselfilm eine ganz erhebliche Rolle und war sehr erfolgreich. Eine Art Ersatz-Adrenalin für die fehlenden realen Gefahren, denen die Menschen zuvor immer ausgesetzt waren.

Um für mich zu sprechen: In unterschiedlichen Abständen habe ich Lust darauf, dass man mir Angst macht. Ich freue mich auf das Gefühl des Unwohlseins, wenn ich z.B. eine Horror-DVD entdecke, die mein Interesse weckt. Genauso wie ich mich in anderen Phasen darauf freue, eine tolle Komödie in die Hände zu bekommen, die mich hysterisch lachen lässt. Zu deiner Frage Gewalt gleich Grusel: Nein. Gewaltdarstellung im Film ist ein riesiges Feld und hat längst die Nische des Horrorfilms verlassen. Das wäre einen eigenen Thread wert, in dem man z.B. den Schauwert von Gewalt bei Quentin Tarantino, Michael Haneke oder James Bond vergleichen könnte und zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen in der Bewertung kommen könnte. Ehrlich gesagt finde ich in manchen Genres den Mangel an Gewaltdarstellung obszön. Wie z.B. kann man einen Kriegsfilm machen und dann die Soldaten nur pathetisch umfallen lassen, obwohl ihnen die Därme aus dem Leib gerissen wurden? Wie kann man so viele Filme (Krimis, Thriller, Western usw.) machen, in denen gewalttätige Handlungen zuhauf vorkommen, die die eigentliche Gewalt und deren Folgen aber dann ausblenden? Ist das nicht irgendwie verharmlosend oder gar teilweise verherrlichend? Für eine riesige Menge moderner Horrorfilme - das klang ja schon an - gilt: Künstlich inszenierte Gewalt wirkt in all den schlechten Filmen oftmals unfreiwillig komisch. Ich gebe zu, mich hat's teilweise in seinem cineastischen Dilettantismus auch sehr amüsiert, aber das kann ja nun nicht der eigentliche Zweck des Horrorfilms sein.

Von einem gelungenen Horrorfilm erwarte ich, dass es mir beim Ansehen und vielleicht auch noch eine ganze Zeit danach nicht besonders gut geht. Dass ich mich in Zustände begebe, die ich sonst nicht erleben kann. Ich finde es immer mal wieder "angenehm", mich "unangenehm" zu fühlen. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Formen von Überwindung zu bestehen. Manche gehen in die Dreifach-Looping-Achterbahn, andere machen Bungee-Jumping, wieder andere schauen Horror. Alle verbindet die unterschwellige Lust auf Hormonausschüttung. Beim Horrorfilm kommt dazu, dass für jeden etwas dabei ist, das eigene Ur-Ängste unmittelbar berührt. Leidet jemand unter Arachnophobie, kann er einen Spinnen-Grusler sehen, der ihm Angst macht, ohne dass ihm wirklich etwas zustieße. Ist jemand für übersinnliches oder spiriritistisches empfänglich, so kann er entsprechende Filme finden.

Und nicht zuletzt spielen für mich film-ästhetische Faktoren eine Rolle. Da es sich in Horror-Filmen zumeist um relativ banale Themen und Geschichten handelt, die aber eine größtmögliche Wirkung erzielen sollen, liegt ein großes Augenmerk auf Faktoren wie Kamera, Lichtführung, Schnitt, Ausstattung usw. In diesen Punkten gibt es in guten Horrorfilmen viel interessantes zu sehen. Oftmals sind es gerade diese Elemente, die einen Film - trotz seiner bescheidenen Handlung - zu einem sehenswerten Ereignis machen. Soll heißen: Ein guter Horror-Film lebt von seinem visuellen Einfallsreichtum, auf den dieser mehr angewiesen ist, als Filme so manchen anderen Genres.

Und nicht zuletzt muss jeder Horror-Freund einräumen, dass ein gewisses Maß an Neugier, an Voyeurismus eine Rolle spielt. So wie ein Kind gerne mal um eine Ecke blicken wollte, um die es nicht schauen durfte, hat es für Horror-Fans einen gewissen Kitzel, Dinge zu sehen, die die eigenen Grenzen des Zumutbaren ausloten. Dabei wird dieses oft mit Abgestumpftheit verwechselt. Das kann ich so nicht bestätigen. Reale gezeigte Gräuel (bei mir z.B. gerade in letzter Zeit welche über Ruanda und über die russische Mafia in Arte-Dokus) machen mich fertig. Bei inszeniertem Grauen hingegen kann ich die notwendige Distanz aufbauen, so nach dem Motto: Ist ja nicht echt, da will mir nur jemand Angst einjagen...

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

56

Montag, 17. Mai 2010, 06:56

Lieber Rideamus und lieber Carsten, danke für diese ausgiebige Antwort. Da ich das Genre selbst nicht kenne und auch meide, ist das für mich sehr interessant, mal wirklch seriöse Stellungnahmen zu lesen.
Eine Art Ersatz-Adrenalin für die fehlenden realen Gefahren, denen die Menschen zuvor immer ausgesetzt waren.
Das leuchtet mir insofern ein, als es um konkret greifbare Gefahren geht wie Angriffe anderer Hominiden-Horden, Attacken hungriger Säbelzahntiger oder plündernder Söldner geht.
Aber was mir persönlich schwerfällt zu verstehen: wozu braucht man diese Art von Adrenalin?
Baut man damit überschüssige Energien ab und ist das so eine Art Psychohygiene?


Von einem gelungenen Horrorfilm erwarte ich, dass es mir beim Ansehen und vielleicht auch noch eine ganze Zeit danach nicht besonders gut geht. Dass ich mich in Zustände begebe, die ich sonst nicht erleben kann.
Das ist für mich auch sehr schwieirg nachzuvollziehen: wozu will ich wollen , dass es mir nciht gut geht??? Ich will nämlcih ganz im Gegenteil, dass es mir gut geht!


Alle verbindet die unterschwellige Lust auf Hormonausschüttung.
Das kann ich wiederum verstehen, aber DIESE spezielle Art von Hormonen lasse ich lieber auf tiefstmöglicher Ebene. Mir sind Serotonin, Norardrenalin Oxytocin und diverse Endorphine wesentlich lieber als Adrenalin, Kortisol und Testosteron.
Werden Horrorfilme eigentlich mehr von Männern geleibt oder ist das ausgeglichen?


Bei inszeniertem Grauen hingegen kann ich die notwendige Distanz aufbauen, so nach dem Motto: Ist ja nicht echt, da will mir nur jemand Angst einjagen...
Ja, das leuchtet mir komplett ein. Bei Lebenstragödien in Filmen kann ich auch unbehelligt heulen ohne dieses Drama selbst durchleben zu müssen. Jedenfalls ist mir nach dem was ich hier lese, die Lust am Horror zwar persönlich weiter mehr als fern, aber immer noch sympathischer als die Lust an der Gewalt. Das ist nun ein Genre, das ich sogar gefährlich um nciht zu sagen "pervertierend" finde, was mir beim Horror weit weniger der Fall zu sein scheint. Aber wie gesagt: das nur von aussen.

F.Q.
Gracias a la vida!

57

Montag, 17. Mai 2010, 07:23

Mir sind Serotonin, Norardrenalin Oxytocin und diverse Endorphine wesentlich lieber als Adrenalin, Kortsol und Testosteron.


Oh ja, ein neuer Listen-Thread!
Die zehn liebsten Hormone der Capricci :D
"...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

58

Montag, 17. Mai 2010, 07:34

Aber wenn, dann auch mit den besten Methoden, den Spiegel zu erhöhen oder zu senken!!!!!!
Ein bisschen altruistischer bitte! Reine Hormononanie ist langweilig.

F.Q.
Gracias a la vida!

59

Dienstag, 18. Mai 2010, 02:43

Zwei gelungene Filme aus jüngster Zeit, die nahezu blutfrei sind und auf explizite Gewaltdarstellung verzichten, sind The Strangers und The Orphanage (Das Waisenhaus). Letzterer knüpft an die 40er-Jahre-Geisterfilme mit seinen unheilvollen Spukhäusern an und trägt die optische Handschrift des großen Guilhermo del Toro, der hier als Produzent fungierte. The Strangers ist ein etwas derberer Streifen über ein Paar, das in seinem Ferienhaus von drei "Strangers" drangsalisiert wird. Ein sich langsam aufbauender Schrecken, der besonders durch gekonnte Ton-und Musikeffekte lebt. Und der den Zuschauer mit einem düsteren Ende unangenehm berührt zurücklässt. So soll es sein... ;+)



Trailer The Strangers: "http://www.youtube.com/watch?v=x1TBlPelvbE"
Trailer The Orphanage: "http://www.youtube.com/watch?v=jA6pPzh6Bd4"

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

60

Mittwoch, 19. Mai 2010, 02:24

Aber was mir persönlich schwerfällt zu verstehen: wozu braucht man diese Art von Adrenalin? Baut man damit überschüssige Energien ab und ist das so eine Art Psychohygiene?
Ja. Reine Katharsis! :D
Werden Horrorfilme eigentlich mehr von Männern geliebt oder ist das ausgeglichen?
Keine(r) traut sich was zu sagen. Dann muss ich's wieder machen, obwohl man mich schon nach dem ersten Beitrag des Sexismus' bezichtigt hat! ;+)
Mein Eindruck im persönlichen Umfeld lautet, wie schon im ersten Beitrag erwähnt: Ja. Das ist aber wirklich nur mein subjektives Empfinden, welches aber immerhin darauf beruht, dass die Frage Warum schaut man sowas? mir immer von Frauen gestellt wurde. Von weiblicher Seite habe ich stets mehr Verwunderung darüber erfahren, warum man sich freiwillig Unangenehmem aussetzt. Ich hüte mich aber, das zu verallgemeinern. Es gibt in der Tat Erhebungen, dass bestimmte Film-Genres einen überproportionalen Anteil an männlichen Konsumenten haben. Horror- und Westernfilme habe ich diesbezüglich noch in Erinnerung, ebenso die Tatsache, dass bei immer höherem Anteil von dargestellter Gewalt der Frauen-Anteil der Zuschauer abnehmen soll. Ob's stimmt und wenn ja warum? Keine Ahnung, ich bin kein Psychologe und auch kein Freizeit-Genderer.
Ich weiß nur: Wir sind uns doch alle näher, als wir meinen - siehe hier: "http://www.youtube.com/watch?v=S1ZZreXEqSY" :D

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

61

Mittwoch, 19. Mai 2010, 11:09

Keine(r) traut sich was zu sagen


:mlol: Warum sich wohl keiner "traut"? Meinst du die haben alle Angst, dass die Leidenschaft für Horrorfilme als psychopathologisch verurteilt werden könnte? :D

Also mir sind jedenfalls Leute, die sowas als Katharsis oder "Hormonspritze" gucken lieber, als solche die keine "artifizielle"Katharsis haben, aber eien solche eigentlich nötig hätten :o:

Von weiblicher Seite habe ich stets mehr Verwunderung darüber erfahren, warum man sich freiwillig Unangenehmem aussetzt.




Ehrlich gesagt, ich als weibliche Seite begreif es nur ziemlich schwer, wenn es denn wirklich unangenehm sein sollte. DAS würde ich allerdings bezweifeln. Solange man im Hinterkopf genau weiss, "mir kann ja ncihts passieren"..... ist das ja nur imaginâr unangenehm. Die Hormonausschüttung wird dagegen offensichtlich als angenehm empfunden oder seid ihr alle Masochisten? ?( 8|

ebenso die Tatsache, dass bei immer höherem Anteil von dargestellter Gewalt der Frauen-Anteil der Zuschauer abnehmen soll.


Das finde ich ziemlich logisch. Gender hin oder her, es gibt nunmal "gewisse Unterschiede" die nicht wegzudemokratisieren sind (gottseidank!)



F.Q.
Gracias a la vida!

62

Mittwoch, 19. Mai 2010, 17:40

Hallo,


warum ich Horrorfilme gerne anschaue, kann ich nur noch aus meiner Sicht antworten. Unsere Psyche und Urängste, wie schon anderen oben beschrieben sind, sind sicherlich dafür verantwortlich, dass wir ständig in der Suche nach Nervenkitzel sind. Die Horrorfilme sind nun mal eine Art Nervenkitzel, was man in einem kontrollierten Zustand genießen kann (Achterbahn wäre auch genauso). Besonders die Horrorfilme, die Visualisierung der (Ur)Angst, erlauben uns, einen flüchtigen Blick in die Urängste zu werfen, wo die „Zivilisation“ und „Vernunft“ keine Bedeutung mehr hat. Und das wiederum führt oder sogar zwingt dazu, dass die Horrorfilme ungefiltert die Ängste entblößen können, die wir lieber vergessen und verdrängen wollten. Oft findet man daher die unverweigerliche Parallelität zu den heutigen bzw. damaligen Entstehungszeit des jeweiligen Films.


„Dracula“ war Ausdruck der Angst vor Syphilis und Untergang der Adelsgesellschaft. „Der weiße Hai“ galt als die bestimmbare Angst vor den Unbekannten in der Zeit des Kalten Krieges. George A. Romero und seine Zombiefilme wurden in der Zeit des Vietnamkrieg gedreht, als mal jung und gesund gewesene Männer völlig traumatisiert und schwer behindert in die Heimat zurückkehrten.


Als George Bush die ganze Welt in den Irakkrieg zog und alle Mittel inkl. Folter völlig legitim gesehen wurde, boomten die Folter-Pornos wie „Saw“ und „Hostel“. Die sog. Französische Terrorwelle wie „Haut Tension (High Tension)“, „Frontier(s)“, „Martyrs“ oder „À l'intérieur (Inside)“ entstand in der Zeit von Nicolas Sarkozy als Innenminister und blutiger Krawalle im Pariser Vorort. Hier werden besonders soziale Randgruppe gezielt terrorisiert: durchgedrehte Lesbe, arabische Kriminelle, Waisenkinder und (ganz ganz schlimm bei „Inside“) hochschwangere alleinstehende Frau.


Nicht unbedingt Horrorfilm aber immer hin mit Vampir: „Twilight“ und die weiteren Fortsetzungen. Ein blutjunges Mädchen verliebt in einen gut und jung aussenden, sich gut benehmenden Jungen. Nur dieser Junge ist nun mal mindestens 500 Jahre alt. Und was hat dieser alte Sack in einem High School zu suchen? Eine sehr unterschwellige Pro-Pädo-Haltung dieses Films macht mir mehr Angst. Wahrscheinlich Lieblingsfilm(e) von Vatikan. „So finster die Nacht“ hat ein ähnliches Thematik, aber wegen der sadistischen Handlung (das Buch ist noch schlimmer. Der Film ist ziemlich abgemildert) ist der Film politisch eher akzeptabler als Hollywood Pädo-Drama. Bereits in der 70er und 80er kamen unzählige italienische Gialli, in den oft Kinder und Priester vorkommen. In „Don't torture the Duckling“ von Lucio Fulci oder „Solamento nero (blutige Schatten)“ von Antonio Bido werden (Spoiler Beginn) Priester als Kindermörder beschuldigt (Spoiler Ende). Wir erfahren nie in den Film, was die Mordmotive waren. Aber besonders aus heutiger Sicht kann man da viel hinein interpretieren.


Vielleicht oben genannte Beispiele sind nun „Überinterpretation“, aber solange die Horrorfilme solchen Interpretationsansatz möglich machen, werde ich sie weiter mit großem Interesse anschauen.

Die Hormonausschüttung wird dagegen offensichtlich als angenehm empfunden oder seid ihr alle Masochisten?
Eher Sadist. Ich sympathisiere eher Freddy Kruger, Jason Voorhees oder Michael Meyers als saudumm schreiend herumtrödelnde Wasserstoffblonde.

Werden Horrorfilme eigentlich mehr von Männern geleibt
Ich glaube schon. Sonst heißen manche Filme nicht so wie „Hollywood Chainsaw Hookers“ oder „Frauen bis zum Wahnnsinn gequält (übrigens: Musik von Ennio Morricone)“: Wörter wie „chainsaw“, „hooker“ oder einfach „Frauen (unbedingt Plural)“ lassen Männerherzen nun mal hoch schlagen.

Schöne Grüße,

Penthesilea
Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams

63

Mittwoch, 19. Mai 2010, 21:04

Zitat

Norardrenalin Oxytocin


Das bedeutet: Stress beim Stillen!!!!

Das kannst du nicht wirklich wollen, oder? :faint: :faint: :faint:

Sorry, aber da konnte ich nun nicht den Mund halten :stumm:

LG Lotte

64

Mittwoch, 19. Mai 2010, 21:52

Horrorfilme gucken bedeutet Katharsis zu durchleben. Das ist der Reiz des Ganzen.

:wink:
Wulf
Euer Essen stinkt. (calisto)

65

Mittwoch, 19. Mai 2010, 23:31

Das bedeutet: Stress beim Stillen!!!!


:mlol: :mlol: :mlol:
Nein, ich will schmerzfreies Stillen und vor allen Dingen nicht dabei einschlafen wenn's mal wieder Stunden dauert. Alles klar? :sev:

Buona notte, liebe Lotte :wink:
Gracias a la vida!

66

Donnerstag, 20. Mai 2010, 01:25

„Dracula“ war Ausdruck der Angst vor Syphilis und Untergang der Adelsgesellschaft. „Der weiße Hai“ galt als die bestimmbare Angst vor den Unbekannten in der Zeit des Kalten Krieges. George A. Romero und seine Zombiefilme wurden in der Zeit des Vietnamkrieg gedreht, als mal jung und gesund gewesene Männer völlig traumatisiert und schwer behindert in die Heimat zurückkehrten.

Als George Bush die ganze Welt in den Irakkrieg zog und alle Mittel inkl. Folter völlig legitim gesehen wurde, boomten die Folter-Pornos wie „Saw“ und „Hostel“. Die sog. Französische Terrorwelle wie „Haut Tension (High Tension)“, „Frontier(s)“, „Martyrs“ oder „À l'intérieur (Inside)“ entstand in der Zeit von Nicolas Sarkozy als Innenminister und blutiger Krawalle im Pariser Vorort. Hier werden besonders soziale Randgruppen gezielt terrorisiert.
Lieber Penthesilea,

Ich teile deine Meinung, dass manche Horror-Filme ein in drastischer Form präsentierter Spiegel ihrer Zeit sind. Deinen Deutungen zum Dracula-Phänomen und zu Romeros ätzenden Analysen der Gesellschaft stimme ich zu. Probleme bekomme ich aber bei den von dir später genannten Werken. Bei der "Saw"-Reihe hatte ich das Gefühl, dass man jahrelang händeringend nach einem würdigen Nachfolger für Se7en suchte. Teil eins fand ich halbwegs akzeptabel, wenn auch an einigen Stellen strunzendoof und unlogisch. Nachdem der Film aber den gewünschten kommerziellen Erfolg hatte, schob man Sequel um Sequel nach. Immer in der Pflicht, vom Schauwert noch einen oben drauf zu setzen. Einfältiger Mist, bei dem ich nun keinerlei Parallele mehr zu realen Zuständen entdecken konnte. (Ich habe nach Teil 3 allerdings aufgehört, mich für diese Reihe zu interessieren und sie zu schauen.)

Und wenn man die Diskussionen über die Legitimität von Folter thematisieren und in Horror-Filme übersetzen möchte, finde ich das durchaus interessant. Der "Hostel"-Reihe sah ich das aber nicht an. Hier diente angeblich vorhandene Sozialkritik als viel zu klein geratenes Feigenblatt. Inhaltlich und cineastisch sind die amateurhaft gedrehten Hostel-Streifen für mich gedankenloser und fragwürdiger Mist. Auch nach zehn Bier könnte ich da Bushs & Cheneys Wirken in keine Assoziationskette bringen. Ähnliches gilt für die französischen Brutalos: Das sind immerhin visuell gut gemachte Filme, die teilweise spannend und verstörend sind, besonders dann, wenn sie sich nicht einem zeitgeistigen Thema andienen wollen. Aber z.B. der Aspekt der Jugendrevolten in den Pariser Vororten bei Frontier(s) ist doch so etwas von aufgesetzt und irrelevant für der Verlauf der absurden Weiterführung der Geschichte (durchgeknallte Alt-Nazis in Folter-Laune...) Auch hier ist die Sozialkritik ein durchsichtiges Feigenblatt.
Nicht unbedingt Horrorfilm aber immer hin mit Vampir: „Twilight“ und die weiteren Fortsetzungen. Ein blutjunges Mädchen verliebt in einen gut und jung aussenden, sich gut benehmenden Jungen. Nur dieser Junge ist nun mal mindestens 500 Jahre alt. Und was hat dieser alte Sack in einem High School zu suchen? Eine sehr unterschwellige Pro-Pädo-Haltung dieses Films macht mir mehr Angst. Wahrscheinlich Lieblingsfilm(e) von Vatikan.
Das ist eine interessante Deutung, die ich so noch nicht kannte. Mir waren die Twilight-Filme (die sich ja an eine pubertäre, vornehmlich weibliche Zielgruppe richten) eher als konservatives Kino im Sinne eines Amerikas Sarah Palins vorgekommen: Aseptische Erotik, kein Sex vor der Ehe, Liebe ohne Körperlichkeit, Einstehen für höhere Ideen durch Verzicht - das erinnert mich nicht an Pädophilie oder Missbrauch in der katholischen Kirche, sondern an das Menschenbild der amerikanischen Evangelikalen. Aber das sind nun echt keine Horror-Filme. Das ist Harry Potter für 15 - 20jährige...

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

67

Donnerstag, 20. Mai 2010, 10:48

Hallo Carsten, danke für deine Antwort. Und jetzt merke ich selber, dass ich etwas ganz schwammig formuliert habe...
Auch hier ist die Sozialkritik ein durchsichtiges Feigenblatt.
Um Gotteswillen! "Saw"- und "Hostel"- Franchise sind nur saudumme Filme, handwerklich schampig gemacht, auch nicht mal Horrorfilme sondern Terrorfilme. Und Sozialkritik werde ich dabei nicht mal ansatzweise finden können. Frage ist nur: Warum sind diese Filme so weltweit erfolgreich? Warum reden alle über diese Filme, egal ob man sie gesehen hat oder nicht? Das Phänomen und der Umstand des Erfolges sind meiner Meinung nach darauf begründet, dass diese Filme gerade das hochbrisante aktuelle Thema stilistisch behandelt haben. Wenn diese Filme in einer anderen Zeit ins Kino kämen, z. B. am Ende der 80er, wäre keiner dafür interessiert. "Saw" Reihe war sehr erfolgreich, bis zum Beginn der Obama Ära. Da musste die "Saw" Reihe Platz räumen für "Paranomal Activity". Ein super billig produzierter Film, den ich für genauso belanglos und schwachsinnig wie "Blair Witch Project" halte, war phänomenal erfolgreich, gerade in der Zeit der Finanzkrise. Was für einen Kontrast...

das erinnert mich nicht an Pädophilie oder Missbrauch in der katholischen Kirche, sondern an das Menschenbild der amerikanischen Evangelikalen.
Oh ja, der Film war ja so was von prüde, dass ich wirklich Gänzehaut gekriegt habe. Trotzdem halte ich den Film für eine Anleitung zur Pädophilie: "Du, Minderjährige(r), darfst mit alten Säcken herumtreiben, solange du keinen Geschlechtsverkehr hast. Du bist ja schließlich derjenige oder diejenige, wer die armen alten Säcke verführt." Es klingt für mich eindeutig wie eine vatikanische Ausrede. Und sicherlich Stephenie Meyer oder ganze Filmemacher haben dabei nicht viel gedacht, ob das Pädophilie ist oder nicht. Aber schon wie die Grundkonstellation derart positiv in dem Film dargestellt wurde, ohne kritische Haltung (und sicher ohne Hirn), fande ich absolut inakzeptabel. Und ich schäme mich dafür, Twilight gesehen zu haben. Aber meine Freundin hat mich gezwungen sogar mit Trennung und Scheidungskrieg. Und sie ist schon dreifach so alt wie das Durchschnittsalter von Twilight-Zuschauern... man man man...

Schöne Grüße,
Penthesilea
Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams

68

Freitag, 21. Mai 2010, 03:28

„So finster die Nacht“ hat eine ähnliche Thematik, aber wegen der sadistischen Handlung (das Buch ist noch schlimmer. Der Film ist ziemlich abgemildert) ist der Film politisch eher akzeptabler als Hollywood Pädo-Drama.
Lieber Penthesilea,

deine Aussage irritiert mich einerseits, sie macht mich aber auch neugierig. Ich kenne den Roman nicht, fand den Film aber sehr, sehr gut. Auf deine Konnotationen wäre ich nie gekommen. Der Film funktionierte für mich als ein Sozialdrama über ein Außenseiterkind, das in der immergleich-dunklen schwedischen Siedlung Opfer schrecklichen Mobbings durch Gleichaltrige wird. Hilfe wird dem Jungen zuteil durch das neue Nachbarskind, welches sich als uralte Vampirin entpuppt. Ja, dieses Vampir-Kind ist in der Obhut eines alten Mannes. Man denkt zunächst, er sei der Vater. Er ist aber der normalsterbliche Geliebte, der im Gegensatz zu ihr gealtert ist. Am Ende nimmt der gemobbte und von ihr beschützte Junge diese Rolle ein. Und man ahnt, dass ihm das gleiche Schicksal blüht, wie dem alten Mann, der seinem Leben tragisch ein Ende setzte.

Wo siehst du da Bezüge zur Pädophilie? Aufgrund des Alters der Haupt-Protagonistin oder wegen der Beziehung zum alten Mann, der ihr das frische Blut besorgen muss? Ich habe diese Betrachtungsweise nicht gehabt, sonst hätte mich der Film sicherlich nicht so begeistert und fasziniert, wie ich es hier vor fast einem Jahr schon einmal schrieb. Stehst du dem Film ablehnend gegenüber? Für mich ist er einer der besten und stimmungsvollsten Horrorfilme der letzten Jahre. Ich lasse mich aber gerne aufklären, wenn ich da etwas grundsätzlich falsch verstanden haben sollte.



LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

69

Freitag, 21. Mai 2010, 11:48

Hallo Carsten,
Ich kenne den Roman nicht, fand den Film aber sehr, sehr gut. Auf deine Konnotationen wäre ich nie gekommen.
ja, ich finde den Film in Sich sehr gut. Nur der Film hat mich etwas irritiert, da die wichtige Vorgeschichte überhaupt nicht in dem Film erwähnt wurde: Warum und wie ist das "Mädchen" Blutsauger geworden? Hier spielt eigentlich der Kindesmissbrauch die entscheidene Rolle. Da ich bei dem Film immer das "Mädchen" als ein Opfer des Missbrauchs gesehen habe, erwähnte ich die Pädophilie im Zusammenhang mit dem Film. Aber Carsten, du hast Recht. Wenn man nur den Film gesehen hat, wird man eigentlich nie und nimmer auf so eine Idee kommen können... Ich habe den Roman und den Film einfach durcheinander gebracht.

Schöne Grüße,
Penthesilea
Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams

70

Donnerstag, 27. Mai 2010, 01:12

Ich habe diesen hier gerade beendet:



Der war in jeder Beziehung gruselig. :shake:
Lieber Jean,

Ja, da gebe ich dir recht, der Film ist gruselig, im Grunde eine Zumutung. Nur: Handelt es sich bei Antichrist um einen Horrorfilm?

Ich bin ein großer Bewunderer der Lars von Trier-Filme Breaking The Waves, Idioten, Dancer in the Dark und Dogville. Mandalay habe ich leider noch nicht gesehen. Ich war mir also bewusst, dass man es bei von Trier nicht mit betulichem Gute-Laune-Kino zu tun hat. Bei ihm geht es schon ziemlich ans Eingemachte bezüglich menschlicher Abgründe und Leidensgeschichten - um Schuld, Schmerz und Sühne. Was er mit Antichrist aber auftischt, lässt mich mehr abgestoßen als fasziniert zurück.

Die Faszination, die er trotz allem auslöste, rührt aus den Themen des Films: Lars von Triers Gemälde über den Versuch einer partnerschaftlichen Depressions- bzw. Angst-Therapie bietet ein Bild des Scheiterns. Er selbst war vor und während der Dreharbeiten wegen Depressionen in klinischer Behandlung. Was also könnte der Film aussagen über seine Haltung zu Erfolg oder Misserfolg therapeutischer Maßnahmen? Noch viel interessanter finde ich seine bewusst offen bleibende Frage nach dem Begriff des Antichristen. Ist es die weibliche Sexualität oder vielmehr das Problem, dass diese von den großen Religionen seit jeher mit Schuld beladen wird? Nicht umsonst heißt der Wald, Handlungsort des Films, Eden. Oder ist gar die wilde Natur selbst in ihrem ewigen, nicht kontrollierbaren Zyklus aus Sterben und Gebären der Antichrist? Oder mischt sich das alles? Dass der Film viel mehr Fragen stellt, als dass er Antworten gibt, halte ich für seine Stärke.

Lars von Triers Themenwahl derartiger seelischer Untiefen ist nicht neu. Dass er aber solch drastische Bilder dafür findet, kannte ich von ihm nicht. Fast möchte ich ihm persönlich böse sein, dass er mir Bilder in den Kopf gepflanzt hat, die ich nicht hätte sehen wollen. Hätte er sein Thema nicht auch einen Tick dezenter transportieren können? Ich habe noch keine Antwort darauf. Der Film ist ein Anschlag, eine Zumutung. Das spricht noch nicht einmal gegen ihn. Man kann leider nicht wissen, ob er nicht auch ohne die drastische Schluss-Viertelstunde schlüssig gewesen wäre. Warum bloß hat von Trier nicht mehr Vertrauen in die Geschichte gehabt und ein größeres Augenmerk auf das Funktionieren seines thematischen Anliegens gelegt, das sicher auch ohne diese extremen Bilder ausgekommen wäre?

Der Film ist in Prolog, drei Kapitel und Epilog gegliedert. Der erste und der letzte Abschnitt sind in schwarzweißer Extrem-Zeitlupe zu sehen. Kann mir jemand den Epilog erklären, in dem Hunderte Frauen durch den Wald laufen? Ein Pilgergang?

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

71

Donnerstag, 27. Mai 2010, 15:19

Hallo Carsten,

Der Film ist in Prolog, drei Kapitel und Epilog gegliedert. Der erste und der letzte Abschnitt sind in schwarzweißer Extrem-Zeitlupe zu sehen. Kann mir jemand den Epilog erklären, in dem Hunderte Frauen durch den Wald laufen? Ein Pilgergang?


nein, aber das Ende und auch die nicht besonders plausibel scheinende Kapiteleinteilung machen auf mich ein wenig den Eindruck der Bedeutungshuberei. Der Wendepunkt (Entdeckung der falsch zugeordneten Schuhe an den Füßen des Kindes) indes gefällt mir sehr: ein subtiler, sich sanft einschleichender Schock, ausgelöst durch etwas relativ Realistisches.

:wink:
Even that vulgar and tavern music, which makes one man merry, another mad, strikes in me a deep fit of devotion (Sir Thomas Browne)

72

Sonntag, 15. August 2010, 03:25

[•Rec] - Horror aus Spanien

Wo wir weiter oben bei der mehrteiligen Untoten-Saga George Romeros waren:

Die beiden Spanier Jaume Balagueró und Paco Plaza schicken sich an, in relativ kurzer Zeit ein aus mehreren Filmen bestehendes Gesamtwerk zu schaffen, dass so schlecht nicht ist. 2007 haben sie mit [•Rec] einen Film gemacht, der insbesondere den Beginn aus Romeros Dawn of the Dead mit den in Mode gekommenen Pseudo-Dokumentationen verband: Eine TV-Journalistin bgeleitet mit ihrem Kameramann (aus dessen Perspektive der Film erzählt wird) eine Feuerwehreinheit in ein riesiges Mietshaus. Dort ist durch einen epidemischen Virus die Hölle losgebrochen. Diejenigen, die schließlich im Haus sind - also auch das Feuerwehr- und das TV-Team - dürfen aufgrund polizeilicher und militärischer Quarantäne-Maßnahmen nicht mehr hinaus. Was ihnen nicht gerade gut bekommt... [•Rec] war ein so großer Erfolg, dass es schon ein Jahr später ein amerikanisches Remake namens Quarantine gab, das man aber getrost ignorieren darf.

Balagueró und Plaza haben dann aber 2009 selbst [•Rec]2 nachgelegt. Die Handlung schließt in exakt der gleichen Minute an, in der [•Rec] aufhörte. Diesmal ist's etwas verschachtelter in der Erzählweise, die Erklärung der Phänomene geht vom üblichen Zombie-Horror eher in die Richtung von der Der Exorzist. Das große Mietshaus ist aus dem ersten Teil bereits so bekannt, dass man im zweiten Film sich räumlich praktisch wie von selbst zurecht findet. Ein sehr kluger Schachzug, wie ich finde.



Extrem störend sind - besonders im zweiten Teil - die deutschen Synchronfassungen. Wäre es ein englischsprachiger Film gewesen, hätte ich sofort die Tonspur gewechselt. Des Spanischen bin ich aber leider nicht mächtig, also musste ich die Einfältigkeit der deutschen Version In Kauf nehmen. (Wer kommt eigentlich immer wieder auf die Idee, Jugendlichen aus Spanien, den USA, Japan oder Südafrika die Worte "Echt krass" oder "Boah, Alter!" in den Mund zu legen?!)

[•Rec]2 hat dann auch ziemlich eingeschlagen. Die beiden Filmemacher gehen im nächsten Jahr halbwegs getrennte Wege: Plaza wird [•Rec]Genesis drehen, der die Vorgeschichte der beiden Filme beleuchten soll. Balagueró macht [•Rec]Apocalypse, der den bisherigen Plot linear weiter erzählen wird. Wenn's klappt, werden beide innerhalb von vier Jahren eine kleine Madrilener "Mini-Saga" des zeitgenössischen Horrors aus dem Boden gestampft haben.

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

73

Sonntag, 15. August 2010, 19:34

Einige meiner Favoriten aus den 60er und 70er Jahren, die für mich immer wieder ansehbar sind (für Dan Curtis´ "Landhaus der toten Seelen" habe ich leider keine Abbildung bei jpc oder amazon gefunden). Das Übernatürliche, der Grusel wird nur angedeutet, nie oder selten im Bild explizit ausgedrückt. Betroffen sind fast immer Duchschnittsmenschen, in deren rationale Welt sich langsam das Übernatürliche, der Aberglaube einnistet.










:wink:

74

Sonntag, 15. August 2010, 22:20

Extrem störend sind - besonders im zweiten Teil - die deutschen Synchronfassungen. Wäre es ein englischsprachiger Film gewesen, hätte ich sofort die Tonspur gewechselt. Des Spanischen bin ich aber leider nicht mächtig, also musste ich die Einfältigkeit der deutschen Version In Kauf nehmen.


Durchaus nicht, lieber Carsten. Es hätte auch die Möglichkeit bestanden, sich die spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln anzuschauen. Die allermeisten DVDs haben nämlich zuschaltbare UTs, und diese beiden auch. Das ist eigentlich sowieso die beste Art und Weise, einen fremdsprachigen Film zu sehen, wenn man die jeweilige Sprache nicht perfekt beherrscht. Ist jedenfalls meine Meinung.

75

Sonntag, 15. August 2010, 22:51

Es hätte auch die Möglichkeit bestanden, sich die spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln anzuschauen.
Lieber Local Hero,

ja, das war mir schon bewusst. Bei den allermeisten englischsprachigen Filmen mache ich das auch so. Bei denen muss ich meistens auch nur dann mitlesen, wenn extrem genuschelt oder wüster Dialekt gesprochen wird. Bei einem spanischsprachigen Film wäre ich aber in Ermangelung der Sprachkenntnisse gezwungen, permanent zu mitlesen. Das ist mir etwas zu anstrengend, da ich schon auch gerne Details der Bilder mitbekommen möchte.

Du scheinst ja beide Filme zu kennen, oder? Was hälst du denn von denen?

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

76

Montag, 16. August 2010, 18:00

Tja, diesen Einwand "Ich will aber beim Filmeschauen nicht lesen müssen" oder "Untertitel sind mir generell zu anstrengend" hört man oft. Nach meiner Erfahrung ist das Untertitel-Lesen aber eine reine Trainings- und Gewohnheitssache. Mit ein bißchen Übung gewöhnt man sich tatsächlich sehr schnell daran, glaub's mir. In vielen kleineren Ländern wie den Niederlanden oder in Skandinavien werden Kinofilme so gut wie gar nicht synchronisiert, und die Zuschauer dort beschweren sich auch nicht. Man hat im Gegenteil in den allermeisten Fällen viel mehr vom Film, wenn man ihn OmU guckt. Authentizität, Atmosphäre, das Original-"Feeling" bleiben oft genug bei einer Synchronisation auf der Strecke, wie du ja selber zu Recht beklagt hast.

Klar muss man jetzt nicht überdogmatisch sein, und natürlich gibt es auch zahlreiche Beispiele für gelungene Synchronisationen (Hitchcocks "Psycho" oder Wilders "Zeugin der Anklage" fallen mir jetzt auf die Schnelle ein), aber als Faustregel gilt: je exotischer und/oder je milieuspezifischer ein Film ist, umso mehr schadet eine Synchro. Asiatische oder afrikanische Filme z.B. ertrage ich auf deutsch überhaupt nicht, da klingt für mich alles falsch, auch US-Ghetto-Slang geht bei der Eindeutschung immer schief.

Im übrigen kenne ich nur den ersten "REC"-Film, und bei dem ging's mir wie bei den meisten modernen Horrorfilmen: spätestens ab der Hälfte gibt's einfach zu viel brutales Gemetzel, das muss ich nicht unbedingt haben. Und müssen eigentlich in diesen Filmen immer entweder bestialische Serienkiller oder blutrünstige Zombies für den Horror sorgen? Könnte sich da nicht bitte mal wer was Neues ausdenken?

77

Montag, 16. August 2010, 23:20

Liebe Freunde, wo man sich gruselt, lass' ich mich gerne nieder.
Aber...
Aber ich möchte jetzt einmal für eine Unterscheidung plädieren. Auf der einen Seite gibt es Grusel- bzw. Horrorfilme, auf der anderen Seite Splatter. Gruselfilme wollen Schauer erzeugen, Splatterfilme hingegen Ekel. (Lustig, dass ausgerechnet Polanskis "Ekel" solch ein guter Gruselfilm ist...) Ich persönlich kann Splatterfilme nicht ausstehen, denn hat man einen gesehen, kennt man 99 Prozent, ob das nun "Saw" ist oder "Hostel" oder "Turistas", wobei bei letztgenanntem wenigstens die tendenz gruselig ist (böse Südamerikaner verhackstücken gute Nordamerikaner).

Was ich hingegen heiß liebe, sind Gruselfilme, und da sind die meisten meiner Favoriten bereits genannt worden:
"Bis das Blut gefriert" (ich sage zur Machart nichts weiter, den muß man gesehen haben und ich würde zuviel verraten),
"Shining" (da hat ein gewisser kubrick sehr genau aufgepaßt, was ein gewisser Hitchcock unter Suspense versteht, wenn ich an die Korridore des hotels denke),
"Picknick am Valentinstag" (einer der wenigen Horrorfilme, die absolut kein Erklärungsmodell anbieten)
"Vögel" und "Psycho" sowieso
Alles, was Guercoeur auswählte.

Absolut nicht einverstanden bin ich mit dem Texas Chainsaw Massacre: Tobe Hooper hat die unangenehme Eigenschaft, geistig und/oder körperlich benachteiligte Menschen als blutrünstige Bestien darzustellen, was ich nicht sonderlich mag. Weshalb mir auch der Klassiker "Freaks" nicht geheuer ist. Meiner Meinung nach werden da Menschen mit Behinderung ausgenützt, und das Gefühl des Abscheus vor solchen Praktiken überwiegt bei mir den Horror bei weitem.

Doch ich habe auch noch ein paar Tipps, die vielleicht auf fruchtbaren Schrecken fallen:
1)
Es gab von diesem Meisterwerk Jacques Tourneurs meines Wissens nach in Europa nie eine DVD. Ab und zu ist das Ding im Fernsehen gelaufen, da hieß es "Der Fluch des Dämons". Die Geschichte des S/W-Films ist ungeheuer stark, aber das wird durch die schauspielerischen Leistungen und eine geniale Kameraarbeit, in der die Schatteneffekte ein große Rolle spielen, noch intensiviert.
2) A propos Tourneur:
Abermals ein Spiel von Licht und Dunkelheit, ungeheuer suggestiv. Die Geschichte ist tragisch und beklemmend, der Horror ein zweifacher: Das unheimliche Geschehen und die unentrinnbare Tragik. Derzeit nicht zu bekommen, aber wenigstens sind die "Katzenmenschen" angekündigt, die ebenfalls ein Horror-Meisterwerk darstellen.
3)
Ein Meisterwerk aus den Hammerstudios. Die Atmosphäre ist bedrückend, die Auflösung erschütternd, sie ist tiefschürfender, als man es einem Horrorfilm zutraut und fragt, was der mensch dem Menschen antun kann.
4)
Ein weiteres Hammer-Meisterwerk - die Tragik dieses sehr düsteren Films besteht darin, daß eine völlig unschuldige Frau zum Opfer eines Fluchs wird. Ich will nicht mehr verraten, es ist abermals ein Film, der primär menschlich betroffen macht.
5)
Onibaba, im deutschsprachigen Fernsehen unter dem Titel "Die Töterinnen" gelaufen, basiert auf einer japanischen Legende und ist durch seine Intensität einer der für mich besten Horrorfilme aller Zeiten, weil sich der Horror sozusagen als Quereinsteiger einschleicht, um dann umso furchtbarer zu wirken. Der S/W-Film ist lange vor der japanischen Horror-Welle entstanden und stellt deren zumeist ausgezeichnete Produkte mühelos in den Schatten.
6)
Bergman hat mehrfach mit Elementen des Horror-Genres gearbeitet, ohne einen echten Horrorfilm zu machen. Mit einer Ausnahme: "Die Stunde des Wolfs" ist ein Film, der das Fürchten lehrt, denn die Gestalten auf der Insel des Todes sind so freundlich, wie man es sich nur vorstellen kann, und der Maler ahnt gar nicht, wie er ins Netz geht.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

78

Dienstag, 17. August 2010, 00:06

Auf der einen Seite gibt es Grusel- bzw. Horrorfilme, auf der anderen Seite Splatter. Gruselfilme wollen Schauer erzeugen, Splatterfilme hingegen Ekel.
Einspruch, lieber Edwin. So schwarz und weiß sehe ich die Unterscheidung nicht. Erst einmal: Wo verlaufen denn die Grenzen zwischen Furcht, Schauer, Panik, Ekel usw.? Das kann man doch nicht allgemeingültig festlegen. Was deine "Saw"- und "Hostel"-Kritik angeht: Da bin ich ganz bei dir. Das sind gar keine Horrorfilme, die die Freude am Schrecken fördern sollen. Das sind ganz erbärmliche Streifen, die von billigem Gewaltvoyeurismus geprägt sind. (Ich gebe zu: Ich habe nach dem zweiten Saw-Film die Segel gestrichen, weil ich nach dem halbwegs tolerierbaren ersten Teil keine Lust mehr auf diese dümmliche Reihe hatte.)

Was die Splatter-Kritik angeht, muss man das viel mehr differenzieren. Wir erleben heutzutage im Kino tief im Mainstream Gewaltszenen, die noch vor zwanzig Jahren lediglich in Schmuddel-Videos denkbar gewesen wären. Die "Exklusivität" drastischer Darstellung ist dem Horror-Genre längst genommen worden. Bei Tarantino und Rodriguez spritzt es, Scorsese lässt es krachen und Lars von Trier (s. o.) zeigt Selbstverstümmelung in Großaufnahme. Das Horror-Kino nun wiederum muss sich überlegen, wie es dagegen noch ankommen soll. Schlichtere Regie-Gemüter drehen kräftig an der Schraube, intelligentere suchen andere Wege. Im Grunde aber muss man das von Film zu Film bewerten. Argento ist nicht Fulci oder D'Amato. Argento ist manchmal nicht einmal Argento. ;+)
Weshalb mir auch der Klassiker "Freaks" nicht geheuer ist. Meiner Meinung nach werden da Menschen mit Behinderung ausgenützt, und das Gefühl des Abscheus vor solchen Praktiken überwiegt bei mir den Horror bei weitem.
Das verstehe ich nun auch nicht so ganz. Tod Browning wollte in diesem Film von 1932 alles andere, als Menschen mit Behinderungen diffamieren. Er war vor den Drehharbeiten selbst lange Jahre in einem Zirkus unterwegs, der behinderte Menschen als Schauwerte anpries. Das wird man heute abstoßend finden, die Zirkus-Landschaft zur damaligen Zeit sah aber leider häufig so aus. Zudem sympathisiert Browning mit den "Freaks", die unter den Schandtaten der sogenannten "Normalen" leiden müssen. Fast achtzig Jahre später kann man sicher darüber streiten, ob das Thema nicht subtiler behandelt werden könnte. Freaks untermauert aber in keiner Weise deine These, dass geistig und/oder körperlich benachteiligte Menschen als blutrünstige Bestien dargestellt werden.

Außerdem: Das Horror-Kino lebt seit jeher von Abweichungen von der Normalität, von Deformationen psychischer oder physischer Herkunft. Nach deinem Argument müsste man auch Psycho, The Shining, Ekel oder Bis das Blut gefriert verdammen, weil sie sie die psychische Erkrankung von Menschen in mordlüsterne Aktion umwandelt. Kleinwüchsige oder einarmige Mörder sind politisch nicht korrekt, schizophrene oder depressive aber schon? ;+)

LG
C.
„Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

79

Dienstag, 17. August 2010, 00:36

Danke Carsten für Deinen Beitrag über diesem!


"Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
Joris-Karl Huysmans

80

Dienstag, 17. August 2010, 11:36

Lieber Carsten,
meine Kritik an "Freaks" bezieht sich darauf, daß Browning "echte" Behinderte einsetzt, und zwar zu einer Zeit, als diese widerlichen Shows schon im Abklingen waren, also nicht mehr von jedem gesehen werden konnten. Die dennoch vorhandene Schaulust bedient Browning und macht sich damit genau das zunutze, was er, vorausgesetzt, man glaubt ihm, eigentlich kritisieren will. Wie man an das Thema besser herangeht, zeigt, finde ich, Lynch im "Elephant Man", der aber dezidiert kein Horrorfilm ist. Und natürlich auch die Behinderung dem Meskenbildner überläßt, statt einen Menschen zu suchen, der "in echt" an Neurofibromatose leidet.

Nun zum Unterschied zwischen Ekelfilmen (ich verwende lieber dieses Wort, weil sich Splatter mittlerweile vom Horror gelöst hat) und Gruselfilmen: Für mich ist die Grenze beim Zweck: Wenn ein Film beharrlich Spannung aufbaut und diese sich in einem auch (aber eben nur auch) ekelerregenden Moment entlädt, ist er für mich noch ein Gruselfilm. Ist die Handlung jedoch von vorneherein marginal und nur darauf aus, ekelerregende Momente einzubauen, dann ist es für mich einer der von mir weniger geschätzten Ekelfilme. Oder anders gesagt: Funktioniert die Handlung auch ohne den Ekelmoment (unabhängig davon, ob er gezeigt wird oder nicht), ist es ein Gruselfilm, wie ich ihn schätze. Bleibt von dem Film jedoch nichts übrig, würde man die ekelerregenden Momente entfernen, ist es einer der von mir eher nicht geschätzten Ekelfilme.

Kommen wir zu Dario Argento, und zwar zu dem, der noch Argento ist; was er in letzter Zeit abliefert, ist ja ein ziemlicher Niedergang seines Talents. Ich denke einmal an "Suspiria". Der Film hat zweifellos seine Ekelmomente, aber es sind eben nur Momente. Das Wichtige an dem Film ist seine Erzählweise, als wäre es ein Delirium, seine meisterhafte Entwicklung von Bildern, die wie aus einem Traum emporsteigen (ich denke an die Taxifahrt oder an den Blinden, der über den leeren Platz geht). Das ist für mich der Paradefall eines Gruselfilms.
Nehmen wir zum Vergleich das "Texas Chainsaw Massacre", einen Film also, der als das Meisterwerk Tobe Hoopers gilt, da ja der bessere "Poltergeist" überwiegend von Spielberg selbst sein dürfte. Von Anfang an wird der Film von Schmutz (der verdreckte Wagen, in dem die jungen Leute fahren) und Tod (das tote Gürteltier) beherrscht. Nicht mein Fall, aber meinetwegen. Dazu kommt, daß die jungen Leute relativ dumme Unsympathler sind (die genußvolle Schilderung des Schlachthauses). Ich interessiere mich nicht für dumme Unsympathler, weshalb es mir auch ziemlich gleichgültig ist, ob sie Leatherfaces Familie als Mahlzeit dienen oder nicht. Nachdem dann eine Frau lebend auf einen Fleischerhaken gehängt wurde (tolles Symbol, nicht wahr?), stürzt der offenbar geistigbehinderte und wohl auch entstellte Leatherface brüllend und kettensägeschwingend hinter der Ecke hervor und jagt die letzte Überlebende, die ihm gerade noch entkommt. Das ist Grusel? Für mich ist das eine Aneinanderreihung von Widerlichkeiten, die mich anekeln, sicherlich aber keinen Schauder erwecken. Oder ganz persönlich gesagt: Ich habe mich nach "Texas Chainsaw Massacre" gefühlt wie vor "Texas Chainsaw Massacre", während mir der ebenfalls auf der Ed-Gein-Sache beruhende "Psycho" eine Höllenangst gemacht hat.

Oder nehmen wir den von mir sehr geschätzten Film "Bis das Blut gefriert" - alle, die ihn nicht kennen, aber sehen wollen, bitte diesen Absatz nicht lesen. "Bis das Blut gefriert" würde nicht nur ohne Ekelmomente funktionieren, es gibt nicht einmal eine einzige Stelle in dem Film, die Ekel erregt, es gibt weder Monster noch Gespenst noch sonst etwas Gruseliges, das man optisch wahrnimmt. Dieser Film baut ausschließlich auf der Atmosphäre auf und ist gerade deshalb so beunruhigend, weil der Schrecken, den man sich selbst vorstellt, immer größer ist, als der Schrecken, der gezeigt wird. "Bis das Blut gefriert" ist für mich einer der unheimlichsten Horrorfilme aller Zeiten - obwohl, oder vielleicht gerade weil - er das Genre unterläuft, indem er absolut nichts zeigt, aber alles mit höchster Intensität suggeriert. Wer diesen Film gesehen hat, bittet seine Bekannten, nach Möglichkeit nicht mehr an die Tür zu klopfen...

Meiner Meinung nach hat das Pendel deshalb immer stärker in Richtung Ekelfilm ausgeschlagen, weil solche Filme leichter zu machen sind. Es bedarf lediglich eines halbwegs talentierten Maskenbildners, den sogar ein Olaf Ittenbach auftreiben kann, und nachher ist nur noch die Frage, wieviele Teenager man im Verlauf eines Films abschlachten will. Die meisten Ekelfilme sind nach den identischen Mustern gestrickt und drehen schlicht und einfach immer mehr an der Ekelschraube nach dem Motto "Was ist übler als ein heraushängendes Auge? - Ganz klar: Zwei heraushängende Augen." Nur erzeugen diese Filme bei mir eben nicht ansatzweise Schaudern.

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Damit komme ich zu drei Filmen, die ich bei meiner gestrigen Aufzählung sträflicherweise vergessen habe, obwohl sie mir lieb und teuer sind und ich mich frage, wie ich sie übersehen konnte.


Die Filme von Georges Franju, den man als Phantastischen Realisten des Kinos bezeichnen kann, sind heute leider fast unbekannt, obwohl sie Meisterwerke des Stils sind. Franjus bester Film ist zweifellos "Les yeux sans visage" (Verleihtitel: "Augen ohne Gesicht" und "Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff "). Die Grundlage ist eine Geschichte von Boileau und Narcejac, die auch die Grundlage für Clouzots "Die Teuflischen" und für Hitchcocks "Vertigo" geliefert haben. Es geht um die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Für diese Liebe ist er bereit, andere Menschen zu opfern. Doch am Schluß opfert die Tochter den Vater und geht aus dem Goldenen Käfig hinaus in eine Welt, die anmutet als wäre sie ein Traumgespinst.


"Haunted" mit einer Kate Beckinsale ziemlich am Anfang ihrer Karriere ist eine typisch englische Geistergeschichte, die jedoch eine ziemlich originelle Wendung nimmt. Der Film baut sehr viel Atmosphäre auf, und die Lösung des Konflickts läßt den Mund offen stehen.


"The Others" ist ein entfernter Verwandter von "Haunted", weil seine verblüffende Auflösung in die gleiche Richtung geht. Während "Haunted" aber eine mit Understatement erzählte Geschichte ist, geht "The Others" emotional ziemlich an die Nieren, und man braucht sich nicht zu genieren, wenn man am Schluß Tränen in den Augen hat.


Ist das nun ein Horrorfilm oder eher ein Thriller? Ich bin mir dessen nicht sicher. Der Film ist zweifellos genreübergreifend, teils Thriller, teils Psychohorror, teils "gothic horror", wenn Clarice Starling in Buffalo Bills Keller hinabsteigt. Meiner Meinung nach ist dieser Film einer der belebendsten und besten des Genres (egal, ob man dieses nun als Thriller oder als Horror klassifiziert), weil er sehr intelligent gemacht ist und auf zwei Ebenen funktioniert. Nämlich auf der eben des Horrors/Thrillers - und auf jener der Komödie. Wie bitte? Ja, das "Schweigen der Lämmer" ist auch eine böse Komödie, das merkt man schon an den Namen. Einer der geistig abnormen Rechtsbrecher ist eine multiple Persönlichkeit namens Miggs, gesprochen "Mix", also "der Gemischte". Die FBI-Agentin ist noch in Ausbildung und weit davon entfernt, eine Spitzenkraft zu sein, eben kein Star, aber wenigstens ein Starling. Lecter liebt es, seine Hinweise zu chiffrieren, "Lector" war die Dechiffriermaschine in einem Bond-Film, etc. etc. Nahezu jede Szene enthält einen Gag, aber natürlich ist dieser Humor von schwärzester Art.

:wink:
Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

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