Ich mache mal ein neues Thema auf, in dem über italienische Filme der gegenwart berichtet werden kann und ich mache den Anfang mit einem sehr beeindruckenden Film eines Regisseur, der in deutschland durch seinen Film "Brot und Tulpen" (pane e tulipani) bekannt wurde.
Silvio Soldini
Wir habe hier einen serh regen italienischen Kulturverein, in dem ich Mitglied bin und dort gbt es eine monatliche Filmreihe mit italienischen Originalen mit frz. Untertiteln. Gestern wurde gezeigt:
"Cosa voglio di più?" (Was will ich mehr?) von Silvio Soldini.
Dieser Film schliesst in seiner Eindringlichkeit direkt an den Neo-Realismus an und Soldini hat sich damit für mich endgültig in die Reihe illustrer Vorgänger gestellt. Ich fand bereits
"Pane e tulipani" mehr als beachtenswert, und das nciht nur wegen Bruno Ganz in einer Paraderolle. "Cosa voglio di più" ist viel schwârzer, erbarmungsloser und unromantischer, dabei aber mit einem immer noch sehr menschlichen Blick auf die Protagonisten und ihre kleine Lebenswelt.
Die Story:
Auch hier geht es wieder um Alltagdramen aus dem Leben ganz gewöhnliche kleinbürgerlicher Menschen, allerdings deutlich "banaler" als in Brot und Tulpen. Anna und Domenico leben am hässlichen Rand von Mailand in grossen Mietskasernen. Anna (Alba Rohrmacher) arbeitet in einer Versicherung und lebt mit dem sehr liebenswerten "Teddybären" Alessio, Domenico (Mimmo) stammt aus Calabrien, ist halbwegs glücklich verheiratet und hat zwei kliene Kinder, die er wie die meisten Italiener vergöttert. Er ist Mädchen für Alles in einer Catering-Firma, verdient nciht wirklich schlecht, ist aber ständig in Geldnot. Er wird von dem neuen italienischen Sex-Symbol, angeblich Nachfolger von Mastroiani, (m.E. hat er keinesfalls dessen Format sondern nur einen schöneren Körper) Pierfranceso Fabini, gespielt. Bei einemEmpfang, wo Mimmo für den Kellner einspringen muss, lernt er Anna en passant kennen. Sie sehen sich zufällig irgendwo wieder, coup de foudre. Die engen kleinbürgerlichen Verhältnisse und die ständige Gross-Familienkontrolle machen ein intimesTreffen quasi unmöglich, zweimal werden sie in dunklen Winkeln in flagranti aufgescheucht und gehen dann schliesslich an den Abenden, an denen Mimmoeigentlich im Schwimmbad zum Tauchen sein soll, in Stundenhotels.
Der Sex ist für Beide eine Art Offenbarung, aber eine darüber hinausgehende Beziehung kann sich mangels gemeinsamer Zeit nciht entwicken. Die Verstrickungen in Lügen und Ausflüchte werden auf beiden Seiten immer belastender.Der Film zeichnet genau diese Gratwanderung zwischen schnödester Banalität, bar jeder Romantik und der Leidenschaft, die die beiden Protagonisten antreibt und von der sie nciht wissen,was das in ihrem Leben ist und bedeutet. Auf Druck beider Familien trennen sie sichschliesslich, als Mimmos Ehefrau und Alessio die Sache herausbekommen.Mimmos Frau macht eine echt italienische Szene, Alessio ist schwer
getroffen, aber gefasst Beide Partner gehen von einer vorübergehenden Affâre aus, die ihre Beziehung nicht auf Dauer infrage stellt.Ziemlich ergreifend fand ich eine Szene in der Mimmos Schwiegervater ihm, der nach dem Eklat und der Szene seiner Frau im Auto übernachten musste, mit einer Tüte Croissants in der Hand sagt: "das haben wir alle durchgemacht, aber es geht darum zu wissen, wo dein wirkiches Leben ist". Da ist hier keine suditaliensiche Macho-Männer Solidaritâts-Haltung, sondern schlcihte Menschlichkeit und auch Resignation angescihts der Banalitâten des Lebens. Mimmo und Anna nehmen ihren Alltag wieder auf und eine Weile scheint das mehr oder weniger gut zu gehen. Die tiefen Einblicke in den italienischen Lebensalltag gab es schon in Brot und Tulpen.In "Cosa voglio di più "
allerdings weit weniger komisch.
Die Beiden kônnen aber schliesslich nciht voneinander lassen, Mimmo glaubt Anna wirklich zu lieben, kann aber gleichzeitig seine Kinder nciht verlassen. Am Ende des Films sieht man sie zusammen bei einem gestohlenen sehr intensiven Wochenende in Tunis. Billigtourismus, für den er dennoch Schulden machen muiss Mimmos Frau wird erneut belogen, Annas Alessio hat sie wissend gehen lassen,damit sie eine endgültige Entscheidung treffen kann. Eine Trennung Mimmos von seiner Familie scheint weiter unmöglich. Zu Alessios Haltung meint er: "un santo" (ein Heiliger). Hier sieht man dann die süditalienische Mentalitât aufleuchten, fûr die es undenkbar ist, wegzusehen, wenn die eigene Frau mit einem anderen Mann zusammen ist. Das Ende bleibt zwar offen, aber man kann annehmen, dass Anna sich entschieden hat, bei Alessio zu bleiben, denn sie verlâsst Mimmo am Flughafen ohne jeden Abschied mit einer Art verzweifeltem Fluchtimpuls angescihts der Hoffnungslosigkeit
des "danach". Sie steigt weinend und einsam in den Zug "nach Hause".
Diese "Allerweltsgeschichte" geht sehr unter die Haut, denn sie ist so gut gezeichnet und gespielt, dass ein
grosser und intensiver Film daraus wird. Selbst die Liebesszenen sind gut gelungen, was eine Seltenheit ist. Wenn das italinische Kino im 21jh diese Wege geht, muss es sich nicht hinter dem 20Jh verstecken.