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Samstag, 9. April 2011, 15:29

Zeitgenössisches italienisches Kino

Ich mache mal ein neues Thema auf, in dem über italienische Filme der gegenwart berichtet werden kann und ich mache den Anfang mit einem sehr beeindruckenden Film eines Regisseur, der in deutschland durch seinen Film "Brot und Tulpen" (pane e tulipani) bekannt wurde. Silvio Soldini

Wir habe hier einen serh regen italienischen Kulturverein, in dem ich Mitglied bin und dort gbt es eine monatliche Filmreihe mit italienischen Originalen mit frz. Untertiteln. Gestern wurde gezeigt: "Cosa voglio di più?" (Was will ich mehr?) von Silvio Soldini.
Dieser Film schliesst in seiner Eindringlichkeit direkt an den Neo-Realismus an und Soldini hat sich damit für mich endgültig in die Reihe illustrer Vorgänger gestellt. Ich fand bereits "Pane e tulipani" mehr als beachtenswert, und das nciht nur wegen Bruno Ganz in einer Paraderolle. "Cosa voglio di più" ist viel schwârzer, erbarmungsloser und unromantischer, dabei aber mit einem immer noch sehr menschlichen Blick auf die Protagonisten und ihre kleine Lebenswelt.

Die Story:

Auch hier geht es wieder um Alltagdramen aus dem Leben ganz gewöhnliche kleinbürgerlicher Menschen, allerdings deutlich "banaler" als in Brot und Tulpen. Anna und Domenico leben am hässlichen Rand von Mailand in grossen Mietskasernen. Anna (Alba Rohrmacher) arbeitet in einer Versicherung und lebt mit dem sehr liebenswerten "Teddybären" Alessio, Domenico (Mimmo) stammt aus Calabrien, ist halbwegs glücklich verheiratet und hat zwei kliene Kinder, die er wie die meisten Italiener vergöttert. Er ist Mädchen für Alles in einer Catering-Firma, verdient nciht wirklich schlecht, ist aber ständig in Geldnot. Er wird von dem neuen italienischen Sex-Symbol, angeblich Nachfolger von Mastroiani, (m.E. hat er keinesfalls dessen Format sondern nur einen schöneren Körper) Pierfranceso Fabini, gespielt. Bei einemEmpfang, wo Mimmo für den Kellner einspringen muss, lernt er Anna en passant kennen. Sie sehen sich zufällig irgendwo wieder, coup de foudre. Die engen kleinbürgerlichen Verhältnisse und die ständige Gross-Familienkontrolle machen ein intimesTreffen quasi unmöglich, zweimal werden sie in dunklen Winkeln in flagranti aufgescheucht und gehen dann schliesslich an den Abenden, an denen Mimmoeigentlich im Schwimmbad zum Tauchen sein soll, in Stundenhotels.

Der Sex ist für Beide eine Art Offenbarung, aber eine darüber hinausgehende Beziehung kann sich mangels gemeinsamer Zeit nciht entwicken. Die Verstrickungen in Lügen und Ausflüchte werden auf beiden Seiten immer belastender.Der Film zeichnet genau diese Gratwanderung zwischen schnödester Banalität, bar jeder Romantik und der Leidenschaft, die die beiden Protagonisten antreibt und von der sie nciht wissen,was das in ihrem Leben ist und bedeutet. Auf Druck beider Familien trennen sie sichschliesslich, als Mimmos Ehefrau und Alessio die Sache herausbekommen.Mimmos Frau macht eine echt italienische Szene, Alessio ist schwer
getroffen, aber gefasst Beide Partner gehen von einer vorübergehenden Affâre aus, die ihre Beziehung nicht auf Dauer infrage stellt.Ziemlich ergreifend fand ich eine Szene in der Mimmos Schwiegervater ihm, der nach dem Eklat und der Szene seiner Frau im Auto übernachten musste, mit einer Tüte Croissants in der Hand sagt: "das haben wir alle durchgemacht, aber es geht darum zu wissen, wo dein wirkiches Leben ist". Da ist hier keine suditaliensiche Macho-Männer Solidaritâts-Haltung, sondern schlcihte Menschlichkeit und auch Resignation angescihts der Banalitâten des Lebens. Mimmo und Anna nehmen ihren Alltag wieder auf und eine Weile scheint das mehr oder weniger gut zu gehen. Die tiefen Einblicke in den italienischen Lebensalltag gab es schon in Brot und Tulpen.In "Cosa voglio di più "
allerdings weit weniger komisch.

Die Beiden kônnen aber schliesslich nciht voneinander lassen, Mimmo glaubt Anna wirklich zu lieben, kann aber gleichzeitig seine Kinder nciht verlassen. Am Ende des Films sieht man sie zusammen bei einem gestohlenen sehr intensiven Wochenende in Tunis. Billigtourismus, für den er dennoch Schulden machen muiss Mimmos Frau wird erneut belogen, Annas Alessio hat sie wissend gehen lassen,damit sie eine endgültige Entscheidung treffen kann. Eine Trennung Mimmos von seiner Familie scheint weiter unmöglich. Zu Alessios Haltung meint er: "un santo" (ein Heiliger). Hier sieht man dann die süditalienische Mentalitât aufleuchten, fûr die es undenkbar ist, wegzusehen, wenn die eigene Frau mit einem anderen Mann zusammen ist. Das Ende bleibt zwar offen, aber man kann annehmen, dass Anna sich entschieden hat, bei Alessio zu bleiben, denn sie verlâsst Mimmo am Flughafen ohne jeden Abschied mit einer Art verzweifeltem Fluchtimpuls angescihts der Hoffnungslosigkeit
des "danach". Sie steigt weinend und einsam in den Zug "nach Hause".



Diese "Allerweltsgeschichte" geht sehr unter die Haut, denn sie ist so gut gezeichnet und gespielt, dass ein
grosser und intensiver Film daraus wird. Selbst die Liebesszenen sind gut gelungen, was eine Seltenheit ist. Wenn das italinische Kino im 21jh diese Wege geht, muss es sich nicht hinter dem 20Jh verstecken. :juhu: :juhu: :juhu:

:fee:
Gracias a la vida!

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Samstag, 24. Dezember 2011, 11:46

Habemus Papam - Ein Papst büxt aus



Die Story des Films dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben: Der neu gewählte Papst fühlt sich seiner Aufgabe nicht gewachsen und weigert sich, sein Amt anzutreten. Er flieht aus dem Vatikan, irrt durch Rom und schleßt sich einer Schauspielertruppe an.

Mir hat der Film, eine witzige und unterhaltsame Satire mit zahlreichen Pointen, gut gefallen, trotz einiger Schwächen und Längen besonders im letzten Drittel, und trotz eines sehr banalen Schlusses. Der Film karikiert die katholische Kirche als einen sehr schwerfälligen Apparat, der sich nicht mehr bewegen lässt, und an dessen Gesetzmäßigkeiten weder die Kardinäle noch der Papst selbst - er büxt schließlich aus - etwas ändern oder erneuern können.

Schade, dass sich der Film nach der Flucht des Papstes ziemlich in die Länge zieht und sich bei den wartenden Kardinälen aufhält, die währenddessen mit Gesellschaftsspielen und mit einem absurden klerikalen Volleyballturnier die Zeit totschlagen. An dieser Stelle hätte man ich Zuschauer gerne doch noch etwas mehr über den Papst und seinen Seelenzustand erfahren. Hervorragend in der Rolle des Papstes ist der Hauptdarsteller Michel Piccoli, der trotz seines Alters offensichtlich noch erstaunlich gut in Form zu sein scheint.

Dennoch sehenswert!

Viele Grüße
Frank
"...wird hier gebratscht?"

Amfortas09

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Samstag, 24. Dezember 2011, 13:27

der Hauptdarsteller Michel Piccoli, der trotz seines Alters offensichtlich noch erstaunlich gut in Form zu sein scheint.
z.B. als King Lear, der von Arte-TV gesendet wurde...
:wink:
“If somebody was sending rockets into my house where my two daughters sleep at night, I'm going to do everything in my power to stop that.” (2008) „Justice has been done.“ (2011)

Barack Hussein Obama

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Sonntag, 25. März 2012, 11:19

Gestern habe ich den neuen film von Emanuele Crialese "Terraferma" gesehen. Bereits seine beiden Filme "Respiro"(Lampedusa) und "Golden Door" haben mich nachhaltig beeindruckt und Terraferma steht dem in nichts nach.



Auch hier geht es wieder um Sizilien, Land an der Grenze Europas , Land einer Jahrtausende andauernden Immigration und Emigration. Während in Golden Door das Schicksal der auswandernden Sizilianer erzählt wurde, geht es in Terraferma um den Umgang mit den nach Sizilien einwandernden Afrikanern. Ein Thema das alle Europäer betrifft, ganz besonders aber die vor dem Festland liegenden Inseln wie z.B. Lampedusa.

Dort kommen die Flüchtlinge oder Einwanderer (wie immer man sie nennen möchte- im Film heissen sie "i clandestini") auf notdürftig zusammengabastelten Booten oder Flössen an, ausgehungert, erschöpft und oft mehr tot als lebendig. Der Film erzählt , wie ein einfacher Fischer, der fest in den Traditionen seiner vor Sizilien liegenden Insel (Lampeduas wird zwar nicht genannt muss das aber sein) verwurzelt ist, eines Tages mit seinem Enkel auf dem Meer Zeuge der verzweifelten Versuche dieser Schiffbrüchigen wird, ans feste Land und zunâchst auf sein Schiff, zu kommen (terraferma). Die italienischen Behörden verbieten, Schiffbrüchige und Ertrinkende zu retten, der alte Fischer widersetzt sich und nimmt heimlich eine hochschwangere Akrikanerin udn deren Sohn bei sich auf. Die Frau bringt ihr Kind in der Garage des fischers zur welt, ein Kind das zudem Frucht einer Vergewaltigung ist, das sie auf der Flucht aus Äthiopien in lybischen Gefangenschaft erleitten hat. Die schwiegertochter, deren Mann Jahre zuvor ertrunken ist, widersetzt sich zunächst, hilft aber aus Pflcihtgefühl und gegen die Angst vor Sanktionen trotzdem. die Absurditât des Dramas , für das es keine Lösung gibt, wird in dem Film sehr deutlich. Das Gesetz der Meerbewohner (und die christliche Nächstenliebe) befiehlt, niemanden auf hoher See ertrinken zu lassen und Fremde in Not aufzunehmen, das gesetz des Staates (und der eu) befeihlt, die Küstenwache zu rufen und nichts zu tun.
Die Insel , die der Fischfang nciht mehr ernâhren kann, lebt unterdessen mehr schlecht als recht vom Tourismus und Touristen werden Zeugen der Szenen zwischen Polizei, Fischern und Flûchtlingen, die eines Tages halbtot an einem der Touristenstrände angeschwemmt werden. Auch die Familie des alten Fischers hat Touristen einquartiert um überleben zu kônnen und der Enkelsohn, der glechzeitig Fremdenführer für die Gâste sein soll, steht im Brennpunkt des Versteckspiels. Alle Personen werden hervorragend gespielt, die Charaktere sind vielschichtig und wecken Empathie.
Wie immer bei Crialese ist die Kameraarbeit besonders stark, viele Unterwasseraufnahmen und Sizilien und das Meer spielen wieder eine Hauptrollen in diesem Film. Crialese ist in Rom geboren udn hat ienige Zeit auf Lampedusa gelbt- ein prängendes Erlebnis, das seine filme durchzieht. Wer schon in Sizilien war kann das wahrscheinlich nachvollziehen, dieses Land kann niemanden kalt lassen, es nimmt sofort gefangen, positiv wie negativ. Ich bin jedenfalls nach dem ersten Besuch süchtig und fahre in einigen Wochen wieder hin udn dax keinesfalls nur wegen Bellini und den Cannolli.
Aufrüttelndes und dabei künstlerisch anspruchsvolles Kino, mit dem sich Crialese erneut auf einen der vorderen Ränge der zeitgenôssichen italienischen Filmemacher stellt. Golden Door und Lampedusa (hier heisst er Respiro) wurden bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Meine allerbesten Empfehlungen fûr diesen hochbegabten Regisseur. :juhu: :juhu: :juhu:


:fee:

P.S. Habemus Papam habe ich in Palermo gesehn, als er im vergangenen Jahr kurz vor Ostern in die Kinos kam. Ich habe den Film hier schon irgendwo besprochen, mir hat er gut gefallen und Michel Piccoli fand ich eine Wucht! Nino Morretti gehört natürlich auch in die obere Liga italienischen zeitgenôssischen Kinos.
Gracias a la vida!

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