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Freitag, 4. September 2009, 20:18

Klassisch komponieren - ein "Kinderspiel"?

Anlass dieses Threads ist meine Behauptung an anderer Stelle, der 12jährige Mozart habe die Sinfonie B-Dur KV 45b nicht komplett selbst geschrieben. Ich wurde darauf hingwiesen, dass Mozart in dem Alter das durchaus konnte, und das gleiche treffe sogar auf seine Opern zu (Bastien und Bastienne, La finta semplice).

Insgesamt interessieren mich drei Punkte:

Konnte Mozart das wirklich schon in dem Alter? Gibt es solche Wunderkinder auch heute noch?

Wenn das der 12jährige Mozart konnte, wäre es dann ein Problem für einen sehr guten erwachsenen Komponisten, Mozart oder Haydn zu imitieren? Könnte/sollte man solche Fähigkeiten nutzen, um fragmentarisch vorliegende Werke von Mozart, Haydn, etc. zu ergänzen?

Wie sieht das mit den Opern aus: Von Haydn gibt es Le pescatrici und Lo speziale, von den wichtige Teile verschollen sind. Von den Pescatrici kenne ich die Ergänzungen aus dem 20. Jahrhundert, sie überzeugen mich nicht, das klingt nicht nach Haydn. Ist sowas bei Opern schwieriger? Oder liegt es an der heutigen Zeit, in der man den Kompositionsstil des 18. Jahrhunderts einfach nicht mehr "im Blut" hat?


Thomas Deck

2

Freitag, 4. September 2009, 20:46


Wenn das der 12jährige Mozart konnte, wäre es dann ein Problem für einen sehr guten erwachsenen Komponisten, Mozart oder Haydn zu imitieren? Könnte/sollte man solche Fähigkeiten nutzen, um fragmentarisch vorliegende Werke von Mozart, Haydn, etc. zu ergänzen?


Man kann im klassischen Stil schreiben, aber es wird nie ganz wie Mozart oder Haydn klingen, denn die Ideen, die ein Komponist hat, klingen immer nach ihm selbst. Haydn hätte ja auch nicht Mozart (perfekt) imitieren können (als Beispiel).
An unvollendeten Werken versuchen sich viele, allerdings haben die Ergebnisse meistens ihre Schwächen bzw. werden von einigen prinzipell abgelehnt - durchsetzen wird sich da wenig...
Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß wir allen Leute die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen
simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. (A. S.)

3

Freitag, 4. September 2009, 21:05


Man kann im klassischen Stil schreiben, aber es wird nie ganz wie Mozart oder Haydn klingen, denn die Ideen, die ein Komponist hat, klingen immer nach ihm selbst. Haydn hätte ja auch nicht Mozart (perfekt) imitieren können (als Beispiel).


Was mich erstaunt. Wie konnte der 12jährige Mozart im klassischen Stil komponieren, den es zu dieser Zeit noch nicht gab? Der 12jährige Mozart orientierte sich u.a., an der Mannheimer Schule und an Johann Christian Bach.

Wunderkinder gibt es auch heute, Adès wäre ein relativ aktuelles Beispiel, eine Generation vorher wäre es Previn, Liszt und Korngold sind ja auch nicht so unbekannt, wenn zeitlich weiter zurück geht.

Liebe Grüße Peter
.
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4

Freitag, 4. September 2009, 21:17

Konnte Mozart das wirklich schon in dem Alter? Gibt es solche Wunderkinder auch heute noch?


Die Frage der Eigenhändigkeit der frühen Kompositionen Mozarts ist ziemlich gut erforscht.

Es gibt relativ viele Parallelfälle: Saint-Saens hat bereits mit vier Jahren - also früher als Mozart - seine ersten Kompositionen aufgeschrieben. Mendelssohn begann zwar später, hat aber im Vergleich der Zwölfjährigen die vielleicht ausgereiftesten Werke vorgelegt (z.B. einige der frühen Streichersinfonien). Auf Korngold wurde im Forum schonmal von Christian Köhn hingewiesen.


Wenn das der 12jährige Mozart konnte, wäre es dann ein Problem für einen sehr guten erwachsenen Komponisten, Mozart oder Haydn zu imitieren? Könnte/sollte man solche Fähigkeiten nutzen, um fragmentarisch vorliegende Werke von Mozart, Haydn, etc. zu ergänzen?


Gibt es ja öfter. Ein Beispiel ist der amerikanische Komponist Robert D. Levin, der neue Komplettierungen der c-moll-Messe KV 427 und des Requiems von Mozart versucht hat. Zumindest im Fall der c-moll-Messe hat er dabei auf andere unvollendete Mozart-Kompositionen zurückgegriffen.

Ansonsten gibt es ja einige berühmte Fragmente, zu deren Vollendung sich die Kompletteure auf Skizzen des Komponisten stützen konnten: Puccinis Turandot, Bruckners Neunte, Mahlers Zehnte, Bergs Lulu usw. usw.


Zitat

sie überzeugen mich nicht, das klingt nicht nach Haydn.


Zur Frage, ob man den "Bruch" zwischen "authentischen" und "ergänzten" Passagen hören kann oder soll: Die beiden Komplettierungen von Puccinis Turandot gehen da die vorgezeichneten Wege - Alfano bleibt stilistisch nahe an Puccini, Berio markiert den Bruch sehr deutlich.

Ich habe mal ein von Felix Weingartner komplettiertes Schubert-Sinfonien-Fragment gehört: man hat nur allzudeutlich die spätromantisch klingenden Weingartner-Ergänzungen erkennen können - was möglicherweise nicht im Sinne des Erfinders ist. Dagegen lässt sich Alfred Schnittkes "Komplettierung" des Mahler'schen Klavierquartetts (von dem nur ein Satz existiert) eher als ein bewusstes Weiterkomponieren und nicht als Ergänzen charakterisieren.


Viele Grüße

Bernd
Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)

5

Freitag, 4. September 2009, 21:17

Mendelssohn hat seine "erste" auch schon mit 15 Jahren geschrieben, in den Jahren davor schon 12 Streichersinfonien, von denen mir die letzte (stark an Barockmusik angelehnte) ziemlich gut gefällt:

"http://www.youtube.com/watch?v=CJMjrJ48DNY"
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

6

Freitag, 4. September 2009, 21:23

Wenn das der 12jährige Mozart konnte, wäre es dann ein Problem für einen sehr guten erwachsenen Komponisten, Mozart oder Haydn zu imitieren? Könnte/sollte man solche Fähigkeiten nutzen, um fragmentarisch vorliegende Werke von Mozart, Haydn, etc. zu ergänzen?
Hööö - es gibt da so einen gewissen "Ulli" :D
wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe

7

Samstag, 5. September 2009, 05:18

jepp, und dessen Kompositionen verschlagen einem leicht den Atem.
z.B. sein Klavierkonzert oder die Symphonie in d-moll (für mich die Symphonie No. 42 :D ) lassen einem einfach nur den Kiefer runterklappen.

Ulli hat diesen Stil bis zur Perfektion drauf und ich glaube wenn er wollte, könnte er Mozarts unvollendete Werke angemessen beenden - das dumme ist nur, er hat da zuviel Erfurcht davor und würde das nie tun - schade, denn er ist wohl einer der wenigen, der das wirklich könnte.

Leider ist es auch so, dass eine solche Gabe in unserer Gesellschaft nicht wirklich gewürdigt und nur als Stilkopie abgetan wird, anstatt sich darüber zu freuen, dass es jemanden mit dieser Fähigkeit überhaupt gibt.

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