Jazz für Solopiano - Was ist empfehlenswert?

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    • Jazz für Solopiano - Was ist empfehlenswert?

      Im Thread " Jazz mit Laser und Nadel" ergab sich folgende interessante Diskussion über interessante Jazz-CDs für Klavier mit dem Wunsch, daraus einen eigenen Thread abzuspalten. Voilà, hier ist er (mela)

      Ich verbringe gerade an evening with Chick Corea & Herbie Hancock. Die beiden sprühen vor Spiellaune und leben mit witzig-schrägen Einfällen, die das Live-Publikum erheitern, ihre avantgardistische Ader aus. Und dann geht es wieder ganz modern-romantisch weiter. Ach, wunderbar ...





      Die CD versammelt Mitschnitte aus Konzerten in San Francisco, Los Angeles und Ann Arbor aus dem Jahr 1978. Kennt wer von euch weitere empfehlenswerte Solopiano-Aufnahmen von Hancock und/oder Corea?

      Grüße,
      Jürgen
      --

      "Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
      Alfred Brendel

      "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie
    • Lieber Jürgen,

      du hast schon die beste! Diese Konzertmitschnitte sind wirklich außerordentlich gut gelungen und zeigen beide ganz besonders lebendig und einfallsreich.

      Von den vielen Solo-Piano- Aufnahmen Chick Coreas gefällt mir diese besonders gut, auf der er bekannten Standards sehr Eigenes abgewinnt:



      :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

      Diese mit seinen Originalen aus der gleichen Reihe ist auch sehr gut:



      :juhu: :juhu: :juhu:

      Es gibt aber auch viele, die mir insgesamt nicht so zusagen, die ich eher langweilig finde.

      Dann mag ich aber sein Duett mit Friedrich Gulda und die Duo-Aufnahmen mit dem Vibraphonisten Gary Burton, aber hier eher die älteren.

      In jüngerer Zeit kam es wieder zu einem Piano-Duett, jetzt mit der jungen Japanerin Hiromi Uehara, das ich auch sehr gelungen fand. Hiromi ist zwar auch von Corea sehr beeinflußt, aber stärker noch vor allem von Ahmad Jamal, so dass genügend Binnenspannung da ist. Sie ist nicht nur technisch geradezu wahnwitzig virtuos, sondern auch vor Einfällen - häufig auch sehr humorvollen - nur so sprühend. Diese Herausforderung tat Corea, von dem ich meistens eher die früheren Sachen vorziehe, ausgesprochen gut.





      :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

      Herbie Hancock ist mehr der Ensemble-Spieler, bzw. -Leader, obwohl natürlich auch ein sehr guter, in vieler Hinsicht mehrfach stilprägender Pianist. Ich kenne gar keine Solo-Piano-CD von ihm, habe zwar gerade keinen Zugriff auf die umfassendste Jazz-Discographie, aber in meinen Discographien finde ich keine. Ansonsten, auch bei ihm bevorzuge ich insgesamt eher die älteren Aufnahmen. Diese ist aber doch besonders schön, jedoch insgesamt eher verhaltener, introvertierter und immerhin ein Duo - mit dem Saxophonisten Wayne Shorter, mit dem er schon seit seinen klassischen, durchwegs großartigen Blue Note Aufnahmen und den ebenso wichtigen Aufnahmen mit Miles Davis immer wieder zusammengespielt hat. Dementsprechend organisch ist ihr Zusammenspiel.



      :juhu: :juhu: :juhu:

      :wink: Matthias
    • Das hier ist eine 1974 in Japan enstandene CD - halb solo auf dem Flügel, halb Fender Rhodes mit Synthesizer dazu. Hätten ihn die Japaner nicht dazu genötigt, hätte er es nicht gemacht - er bezeichnete sich damals in einem Interview als "accompanist" - daß er sich die Begleitung auf zwei Stücken per randomisiertem oder vorher aufgenommenem Synthesizer geholt hat, sagt alles. Ganz nett, aber nicht umwerfend - und ich bin großer Hancock-Verehrer!

    • Ich besitze folgende CD, die auch günstig bei zB JPC zu erwerben ist:



      Herbie am Piano - 1978 - ursprünglich ein direct-to-disk.
      Sehr ruhig und relaxed, eine Art Selbstreflektion. Grandios neue Deutungen sollte man nicht erwarten, aber ich mag diese Art von Klaviermusik.
      Vergleich ist zB Keith Jarrett - the melody at night, with you.

      Dazu fällt mir gerade ein:
      Auch Ende der siebziger Jahre auf direct-to-disc aufgenommen:

      Joachim Kühn - Charisma (Bild wird leider nicht gezeigt)

      Die Platte hatte ich damals besessen. Gleiches Aufnahmeverfahren, aber ein anderer, schärferer Spielstil.
      Und just habe ich sie mir als mp3(Okay, Sünde bei directcut ;+) ) bei itunes für sehr dünnes Geld besorgt.
      Die Aufnahme hat leichtes Knistern ! Kein Wunder, es gibt ja vermutlich keine Bänder, so daß von der Platte abgenommen werden mußte.

      Grüsse
      Achim
    • Hallo Jürgen,

      Ja wirklich, habe die Platte auch und bin auch jedesmal begeistert. Wenn Herbie Hancock in guter Form ist, gefällt mir sein Klavierspiel am meisten auf dieser Welt. Eine der besten Soloaufnahmen, die ich überhaupt jemals in irgendeiner Musikrichtung gehört habe ist Herbie Hancocks Version von "Round Midnight" auf dem Album "The Other Side of Round Midnight", das im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Film herausgekommen ist.

      Gruß, Frank
    • Ihr seid ja klasse! - Danke für die Informationen.

      "The Other Side of Round Midnight" habe ich sogar und sie eben gerade gehört. Jetzt kann ich mich Frank und Miguel nur anschließen. Eine überhaupt schöne CD und die Solo-Aufnahme von "Round Midnight ist wirklich grandios!

      :wink: Matthias
    • Liebe Leute,

      seid bedankt für die vielen guten Anregungen! Ich mag moderne Klaviermusik sehr, und gute Jazzpianisten sind vom technischen Können gar nicht so weit entfernt von ihren Klassikkollegen, sie haben oft sogar eine besondere Anschlagskultur, die jene meist nicht besitzen. Noch schöner, wenn die Jazzer auch eigenes komponieren, dann verschwimmen doch glatt die Genregrenzen und ich stelle mir vor, wie etwa Prokofjew oder Schostakowitsch improvisiert hätten- ob das wirklich so viel anders als bei Hancock oder Jarrett geklungen hätte?

      In der vergangenen Wochen habe ich neben der Corea/Hancock-CD auch andere CDs mit Solopiano-Jazz erworben und gehört:





      "Dark Intervals" - das sind 8 kürzere Improvisationen (max. 12 Minuten), die Keith Jarrett am 11. April 1987 in Tokio jeweils sehr individuell wie Charakterstücke gestaltet hat. Für mich die (bislang) beste Jarrett-CD. Ganz großartig etwa die sehr emotionale Nr. 2 "Hymn"! Und wundervoll-romantisch, ganz pianissimo das folgende Stück ... (ich habe die CD bei mir wieder eingelegt und finde die Stücke so interessant wie beim ersten Hören, ein gutes Zeichen!). Jarrett hört man doch merklich die Beschäftigung mit Komponisten wie Prokofjew, Bartók oder Schostakowitsch an (von letzterem hat Jarrett ja dann die Präludien und Fugen für ecm eingespielt) ; da ist etwas in den Jazz gelangt, das es zu den Zeiten von Art Tatum und Oscar Peterson noch nicht gab.





      "La Scala" vereinigt zwei Mammut-Improvisationen und einen Standard, die Jarrett in der Mailänder Scala am 13. Februar 1995 aufgenommen hat. Auch sehr fulminant und kunstreich und daher empfehlenswert, wenn ich auch kürzere Improvisationen bevorzuge, weil nicht jede musikalische Idee maximal ausgebeutet werden muss und sich doch manchmal auch ereignislose Phasen einstellen, die nur durch repetierende Muster gefüllt werden können.

      Von Jarrett gibt es ja viele Improvisations-CDs, mit diesen beiden bin ich aber schon sehr glücklich. Gibt es noch andere Empfehlungen? (Ich weiß, Köln-Konzert ... ) Was haltet ihr von der aktuellen Neuerscheinung Paris/London - Testament, die mit 20 EUR für 3 CDs nicht mal sehr teuer ist?





      An Bill Evans kommt keiner vorbei, der das Jazzpiano liebt:





      Eine gute Gelegenheit, diesen großen Ausnahmepianisten kennenzulernen!

      Von Oscar Peterson, der in der Reihe der großen Jazzpianisten nicht fehlen darf, habe ich nur diese Solo-LP, die von seinem Freund Hans Georg Brunner-Schwer in dessen Haus 1968 in Schwenningen produziert wurde:





      Peterson hat einen großartigen Anschlag und kann mühelos rasante Girlanden zaubern. Allerdings sind mir die Standards, die er improvisiert, harmonisch zu eingängig. Solchen Bar-Jazz mag ich eigentlich nicht, aber von Oscar Peterson lass ich ihn mir ausnahmsweise gefallen.

      Nicht heute gekauft, sondern vor Jahr und Tag bei 2001 für unglaubliche 5 EUR (!) die 5-CD-Box "Piano Works" von ACT mit zeitgenössischen Pianisten. Die erste CD bietet einen Überblick über die Szene, die folgenden 4 CDs stellen Einzelporträts von Joachim Kühn, George Gruntz, Kevin Hays und Ramón Valle dar.





      (Bei jpc jetzt für unglaubliche 82,99 EUR, obwohl die einzelnen CDs im Bereich von 6 EUR zu haben sind.) Die Box kann ich mit gutem Gewissen empfehlen. Kennt wer die genannten Pianisten und kann weitere Empfehlungen aussprechen?

      Grüße,
      Jürgen
      --

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      Alfred Brendel

      "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie
    • Lieber Jürgen,

      da hast Du ja gleich einen Rundumschlag durch die halbe Szene gemacht :D .
      Ich fürchte nur, damit werden wir langsam für diesen thread offtopic, es müßte mal vielleicht einer aufräumen und die Beiträge zum Klavier in einen eigenen thread packen.

      Dennoch:
      Die neue Jarrett habe ich geschnipselt gehört und kann damit aus dem Stand nicht viel anfangen (weil irgendwie Selbstrecycling), die Kritiken, die ich im Netz gelesen habe, sind auch eher durchwachsen. Dennoch mag das Preis-/Leistungsverhältnis stimmen.

      Bill Evans und Oscar Peterson sind natürlich seit Jahrzehnten Pflicht, während auf der Act-Scheibe auch Moderneres gefeatured wird.
      Die Pianisten sind reihum bekannt, zu Joachim Kühn siehe zum Beispiel mein Einwurf von gestern Abend.

      Brad Mehldau (sehr schön Songsong), Esbjörn Svensson - E.S.T. (leider verstorben), Michael Wollny - mit Anfang 30 noch ein Nachwuchstalent, da gibt es auch hier im Forum (thread ACT und ECM) schon diverse Empfehlungen, aber vielleicht wäre ein separater Block mit nur Piano ja genau richtig.

      Grüße
      Achim
    • Nach meiner Ansicht eine exzellente Solopiano-CD von einem der größten Jazzpiano-Talente der letzten 30 Jahre, Geoffrey Keezer:



      Keezer geht IMO auch viel einfallsreicher mit Pop-Standards um.

      Duo kann er auch: hier eine etwas übersehene Platte mit einem Who's Who des modernen Jazzpiano:

    • EDITIERT................................................................................


      ansonsten, neben Jarretts Köln Concert, das ich aber mittlerweile fast zu oft gehört habe, nenne ich noch einen der ganz großen Jazzpianisten:





      Gruß
      Henning
      Stattdessen sind Sie Knall und Fall mitten im Unterricht vom Gymnasium abgegangen.
      GULDA: Ja, ich hab' gesagt, Herr Professor, darf ich aufs Klo, und bin nicht wiedergekommen. Ich glaub', es war in der Mathematikstunde .
      Warum sind Sie nicht in der Pause gegangen?
      GULDA: Das wär' ja fad gewesen. Keiner lacht. Die Tür ist eh offen. Ich wollte schon, daß es prickelt.
    • HenningKolf schrieb:

      Wenn ich das richtig sehe, muss es in diesem Faden nicht Solopiano sein, sondern die tragende Rolle des Pianisten reicht aus?

      Lieber Henning,

      mein Wunsch ist es, dass dies eine Ausnahme bleibt. Ich wollte erst selbst einen Thread für Solopiano-Jazz eröffnen, da ist mir die Moderation dankenswerterweise zuvorgekommen. Die Beschränkung auf Solopiano sollte bestehen bleiben, weil es da relativ wenig gibt und die hochwillkommenen Kauf- (bzw. Schenk-) Empfehlungen nicht in der Masse der Trios, Quartette, Quintette etc. mit obligatorischem Piano untergehen sollten. Der Fokus in diesem Thread sollte auf den Aufnahmen liegen. Wir können ja bei Bedarf auch einen Thread über die richtungsweisenden Pianisten starten, wo die Beschränkung auf Solopiano aufgehoben ist.

      Grüße,
      Jürgen
      --

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      Alfred Brendel

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    • Nocturnus schrieb:

      Die Beschränkung auf Solopiano sollte bestehen bleiben, weil es da relativ wenig gibt


      Das "relativ" ist aber sehr relativ :D . Es gibt so - fast - unendlich viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Alleine schon mit den Soloaufnahmen der Pianisten auf der Act-Box hätte man lange zu tun. Achim hat sich ja schon ähnlich geäußert. Besonders Richie Beirach, Eric Watson, Leszek Mozdzer und Joachim Kühn gehören auch noch zu meinen Favoriten, Jens Thomas und Michael Wollny sicherlich zu den interessantesten Neueren.

      Insofern mache ich mir es erst einmal einfach. Gehört haben sollte man wirklich mal Art Tatum als einer der älteren, der technisch wie musikalisch allerhöchste Standards setzte, die vorher nicht und auch nachher nur selten erreicht wurden und der dabei alle bis dahin vorhandenen Jazzpianostile auf seine ganz eigene Weise integral synthetisiert hat und in vieler Hinsicht vorausweisend ist, wie niemand sonst seiner Generation. Unter seinen Fans waren übrigens Horowitz und Rubinstein. Die "Complete Pablo Solo Masterpieces" sind fantastisch und bleiben bis zur letzten CD spannend. Die würde ich auch von ihm empfehlen.

      Dann vielleicht einfach irgendwelche Solo-Piano-Aufnahmen von Duke Ellington, Bud Powell, Lennie Tristano, Thelonious Monk, Oscar Peterson, Bill Evans und McCoy Tyner, die gerade billig sind, denn bei ihnen kann man gerade bei ihren Solo-Aufnahmen gar nichts falsch machen und bekommt so eine gute und einigermaßen breite Basis und kann sich dann aussuchen, in welcher Richtung man vertiefen möchte, mit McCoy Tyner und Lennie Tristano auch schon teilweise den Übergang zu freieren Formen. Wem auch das zusagt, kann dann ja weiter gehen, z.B. zu Ran Balke, Martial Solal, Giorgio Gaslini, Cecil Taylor, Marylin Crispell, Irene Schweizer, Masahiko Sato, Alexander von Schlippenbach, Aki Takase, Sylvie Courvoisier......, die alle immer wieder sehr gute Solo-Alben gemacht haben.

      :wink: Matthias
    • Sehr beliebig unter meinen absoluten Favoriten auf diesem Feld herausgegriffen:



      Giorgio Gaslini überträgt die ursprünglich Free-Jazz-Hymnen der Bands des afro-amerikanischen Saxophonisten Albert Ayler in ein auch von seinem klassischen europäischem Kompositionsstudium mitgeprägten Klavierstil vor allem in der Tradition der italienischen Moderne, der aber auch fast die ganze Jazztradition verarbeitet hat. Gaslini ist seit den frühen 60er Jahren einer der prägendsten und originellsten Persönlichkeiten des italienischen Jazz und vor allem Leiter großer Formationen. In weiteren, besonders herausragenden Solo-Aufnahmen widmet er sich auf ähnliche Weise der Musik von Thelonious Monk und Sun Ra.

      :wink: Matthias
    • Nocturnus schrieb:

      Die Beschränkung auf Solopiano sollte bestehen bleiben, weil es da relativ wenig gibt ...


      Mitnichten! Seit den 1920er Jahren gibt es kontinuierlich Solopiano-Aufnahme im Jazz, und eine Rolle gespielt hat es es und tut es ständig. Es gibt Tausende Aufnahmen!

      Siehe z.B. "'www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=4238" über die zahlreichen Harlem Stride Pianisten.

      Und noch ein paar:






      Mehr folgt.
    • Richie Beirach

      Richie Beirach, geb. 1947, ist ein waschechter Brooklyner, den es vor einigen Jahren nach Leipzig verschlagen hat, wo er an der MHS Jazzpiano lehrt. Er spielte mit Stan Getz, Chet Baker, John Abercrombie u.v.a., insbesondere war er jahrelang das musikalische alter ego des Saxophonisten Dave Liebman - aber das ist hier o.t.

      Bei Beirach findet man eine sehr deutliche Nähe zur sog. E-Musik, was dem einen oder der anderen hier vielleicht den Zugang zum modernen Jazzpiano-Spiel erleichtern mag. Auf seinen CDs kann man schon mal bekannten Werken Monteverdis, Mompous oder Bartoks begegnen. Beirach nutzt sie als Ausgangspunkte für ausgedehnte und sehr eigenwillige Improvisationen. Typisch für ihn ist sein Stil der "Comprovisation", der Verbindung auskomponierter Passagen mit freier - z.T. harmonisch sehr freier - Improvisation. Wenngleich Manches sehr verwegen klingt, kann sich Beirach auch ganz wunderbar als lyrisch-romantischer, klangzauberischer Märchenerzähler betätigen. Vor allem hier ist der Einfluß von Bill Evans unverkennbar, dessen Kompositionen Beirach häufig spielt.

      Auf dieser CD findet man ein Thema mit diversen Variationen. Das Thema ist eine Art volkstümliches Kinderlied und stammt aus der Feder des Armeniers Aram Khatschaturian. Mit jeder Variation erlaubt sich Beirach größere Freiheiten in der Zerlegung des Materials. Im Anschluß dann einige Standards von Gershwin, Porter und Ellington, die allerdings in dieser eigenwilligen Darstellung mehr nach Beirach als nach dem ursprünglichen Urheber klingen.





      Mit dieser Solo-Liveaufnahme hab ich mich noch nicht näher beschäftigt, das könnte allerdings ein Versäumnis sein...





      Beirachs Ästhetik passt offensichtlich gut zur Labelphilosophie von ECM, so dass er auch dort manches aufgenommen hat.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Und wo wir schon bei ECM sind: Hier gibt es bei Weitem nicht nur Jarrett. Der Kanadier Paul Bley, Ex-Ehemann von Carla Bley und Annette Peacock, hat dort zwei bemerkenswerte Soloalben eingespielt. Manfred Eicher von ECM hat ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht, solo zu spielen.

      "Open, to love" von 1972 hat längst den Rang eines Klassikers - hier wird die Kunst der Stille, des Weglassens und der leisen Töne zelebriert.





      "Er ist ein Genie", urteilte der Kritiker Nat Hentoff. "Es gibt nur wenige Pianisten, ganz gleich welchen Genres, die auf solch faszinierende Weise überraschende Schönheit und überraschenden Intellekt miteinander verweben."





      Im Schloß Mondsee im Salzkammergut hatte bereits András Schiff für ECM New Series seine Schubert-Aufnahmen eingespielt. 2001 lud Eicher Bley dorthin ein, um nach fast 30 Jahren ein Nachfolgealbum des legendären "Open, to love" auf einem Bösendorfer Imperial einzuspielen. Bley sagte später, die Landschaft sei entscheidend für die Improvisation gewesen: "Das Schloss steht auf einer Bergspitze. Von da aus sah ich rundherum die Gebirgslandschaft, die sich für mich ausnahm wie eine Partitur."

      Paul Bley besitzt selbst kein Klavier (!) und übt nie (!). Dies erlaube ihm, offen genug zu sein, um auf eine Landschaft oder auf eine Stimmung zu reagieren, ohne in seiner Inspiration eingeengt zu sein. Die Stücke auf der CD seien Variationen über ihn selbst als Jazzpianisten.

      Wer ihm durch diese Variationen folgt, durchschreitet eine reiche musikalische Welt, in der tonale und atonale Passagen sich Abwechseln und Anklänge an die Tin Pan Alley ebenso kaleidoskopartig aufblitzen wie Abstrahierungen klassischer Klavierstücke. Ein Zeugnis größten improvisatorischen Einfallsreichtums,gepaart mit einer gewissen spröden Abgeklärtheit.

      Cheerio,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Yosuke Yamashita und Mal Waldron

      Ich möchte zwei Pianisten vorstellen, die mir schon seit langem sehr am Herzen liegen und die ich auch beide schon live und solo gehört habe: Yosuke Yamashita und Mal Waldron. Leider sind beide Solo-Alben, über die ich schreibe, offenbar nicht mehr zu haben, deshalb gibt es auch keine Bildchen zu sehen.

      Yosuke Yamashita, geboren 1942, wurde in den achtziger Jahren in Deutschland bekannt, ich habe ihn damals zwei- oder dreimal live erlebt. Die Konzerte des damals von der Kritik als "Kamikaze-Jazzer" apostophierten hochvirtuosen Japaners waren, wie alle Virtuosenkonzerten, immer auch mit der Erwartung des Sensationell-Artistischen behaftet. Tatsächlich stach Yamashita seine rasend schnellen, beidhändig gespielten Läufe mit einer solchen Kraft in die Tastatur, dass bei jedem Konzert mindestens eine Klaviersaite riss, was der Meister mit einem versonnen Lächeln quittierte, um dann nochmal einen Gang höherzuschalten.

      Der stark von Cecil Taylor geprägte Yamashita ist aber nicht bloß ein Virtuoso, sondern ein begnadeter Rhythmiker und ein Musiker, der ebenso schnell zu denken wie zu spielen versteht. Seine frühe Soloplatte "Banslikana", eine der ersten Jazzplatten, die ich mir vom Taschengeld kaufte, ist 1976 bei enja erschienen. Darauf zu hören sind die Standards "A Night in Tunisia" und "Autumn Leaves" und sechs seiner rhytmisch ziemlich vertrackten Eigenkompositionen. Einer seiner Renner bei den Konzerten in den späten Achtzigern war übrigens eine ausgedehnte Improvisation über Ravels "Bolero".


      Mal Waldron, geb. 1925 in New York, ist alles andere als ein Virtuoso. Sein Klavierstil ist am ehesten von Thelonious Monk geprägt. In den 50ern und 60ern war er ein beliebter Sideman (Ende der Fünfziger spielte er eine Zeitlang sowohl im Begleitorchester von Billie Holiday als auch in John Coltranes damaliger Band). Seine repetitiven, spiralförmig-dichten Improvisationen haben eine geradezu soghafte Wirkung auf mich; wenn ich einmal anfange, seine Platten durchzuhören, fällt es mir schwer, wieder aufzuhören. Live habe ich ihn einmal beim Münsteraner Jazzfestival gehört. Er spielte am frühen Nachmittag, der Saal war vielleicht zu einem Drittel gefüllt, die meisten Besucher waren völlig desinteressiert, was wiederum Waldron überhaupt nicht weiter berührte. Zigarillos schmauchend saß er versunken am Klavier und spielte seine etwas autistische, in sich selbst verwobene Musik.

      Die einzige Soloplatte von Waldron, die ich besitze, ist ein Tribut an Charles Mingus und heißt "Mingus Lives". Sie enthält aber nicht, wie man vermuten würde, Kompositionen von Mingus, sondern vier Eigenkompositionen Waldrons, aufgenommen 1976 live bei einem Konzert in Belgien, veröffentlicht ebenfalls bei enja.

      Grüße,
      Micha