HAYDN: La vera costanza – Familienzusammenführung mit Hindernissen

    • HAYDN: La vera costanza – Familienzusammenführung mit Hindernissen

      Manchmal denke ich, dass Haydns Opern zumindest in soziologischer Hinsicht moderner sind als viele der später entstandenen Werke. Vielleicht liegt das einfach am Geist der Aufklärung, der zu der Entstehungszeit in Europa vorherrschend war. Jedenfalls sind seine Frauengestalten keine abstrakten „Verführerinnen“ (siehe mein Standpunkt im Lulu-Thread), sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Und während Pollione sich standhaft weigert, seine Kinder mit Norma zu akzeptieren, erkennt bei Haydns La vera costanza der Conte am Ende seine Kinder an.

      Die Oper ist aus dem Jahr 1778 und trägt im Hoboken-Verzeichnis die Nummer 8, d.h. sie entstand nach Il mondo della luna und vor L’isola disabitata. Das Libretto stammt von Francesco Puttini und wurde überarbeitet von Pietro Travaglia, der hauptberuflich als Dekorationsmaler auf Esterháza angestellt war.

      Die Besetzung besteht aus sieben Personen:

      Rosina (Sopran): Fischerin, heimlich mit Errico verheiratet, hat sogar ein Kind von ihm, lebt aber wieder in ihrem Fischerdorf.
      Masino (Bariton): Fischer, Dorfoberhaupt, Bruder von Rosina.
      Il Conte Errico (Tenor): Neffe von Irene, heimlich mit Rosina verheiratet.
      La Baronessa Irene (Sopran): Tante von Errico, will Rosina mit dem Tölpel Villotto verheiraten. Sie weiß von der unstandesgemäßen Beziehung zwischen ihrem Neffen und Rosina und möchte sie auf diesem Weg ein für allemal beenden.
      Villotto (Bassbariton): Reicher, aber tölpelhafter Edelmann, soll Rosina heiraten.
      Il Marchese Ernesto (Tenor): Freund von Errico, will die Gräfin heiraten, diese will aber erst zustimmen, wenn sie Villotto mit Rosina verheiratet hat.
      Lisetta (Sopran): Zofe von Irene.


      I. AKT

      Die Ouvertüre (B-Dur) beginnt als dramatischer Sinfoniesatz, sicherlich als Anspielung auf den Sturm, mit dem die Handlung beginnen wird. Nach einem langsamen Mittelteil im 3/4-Takt geht es unmittelbar über in die:

      Nr. 1: Introduzione (B-Dur) Che burrasca! che tempesta!
      Die Baronessa, Ernesto, Villotto und Lisetta landen nach einem schweren Sturm in der Nähe des Fischerdorfes, in dem Rosina und Masino wohnen. Diese beiden und weitere Fischer eilen den Neuankömmlingen zu Hilfe.

      Im anschließenden Rezitativ stellen sich alle gegenseitig vor. Rosina ahnt nichts Gutes, als sie erfährt, dass die Baronessa die Tante des Conte Errico ist. Umgekehrt ist die Baronessa erfreut, Rosina per Zufall so schnell gefunden zu haben, und stellt sie Villotto sofort als dessen zukünftige Gattin vor. Rosina ist erschrocken und sprachlos, was von der Baronessa als spontane Liebesbezeugung gegenüber Villotto bei gleichzeitiger Schüchternheit fehlinterpretiert wird:

      Nr. 2: Arie Baronessa (B-Dur) Non s’innalza, non stride sdegnosa debil fiamma
      Eine schwache Flamme entwickele sich erst zum großen Feuer, wenn sie vom Wind angefacht werde.

      Villotto stellt sich konsequenterweise bei Rosina sofort als ihr „Gatte“ vor, mit den üblichen Schmeicheleien. Masino gibt ihm mächtig eine aufs Dach: Sei cieca talpa e prendi lucciole per lanterne. „Du bist blind wie ein Maulwurf und hältst Glühwürmchen für Laternen.“ In einer Arie wird das Feedback weiter ausgeführt:

      Nr. 3: Arie Masino (F-Dur) So che una bestia sei
      „Ich weiß, dass du ein Trottel bist“, gefolgt von weiteren Belobigungen dieser Art.

      Villotto ist davon unbeeindruckt und freut sich auf seine Braut. Jetzt erscheint aber der Conte (Errico) und bedroht ihn mit einer Pistole. Er (Villotto) könne sich eher auf diese Pistole als Braut freuen, wenn er von Rosina nicht ablasse. Auf ähnliche Art wird Masino von Ernesto bedroht: Masino müsse seine Schwester zur Heirat von Villotto zwingen, ansonsten werde seine Brust mit einem Messer durchbohrt. Schließlich redet auch noch die Baronessa auf Villotto ein, er müsse unbedingt Rosina heiraten, während der Conte nach wie vor (nur von Villotto bemerkt) mit der Pistole droht. Villotto weiß weder ein noch aus:

      Nr. 4: Arie Villotto (Es-Dur) Non sparate... mi disdico
      "Nicht schießen... ich widerrufe." Dabei wendet er sich mal an den Conte, mal an die Baronessa und widerspricht sich mehrfach. An manchen Stellen erinnern die Einwürfe des Orchesters in der Tat an Pistolenschüsse.

      Auch Masino, der ja ebenfalls mit dem Tod bedroht wird, ist ziemlich verwirrt. Lisetta erscheint und stellt sich als seine Verbündete vor, offensichtlich hat sie es auf ihn abgesehen:

      Nr. 5: Arie Lisetta (G-Dur) Io son, poverina, né ricca né bella
      Ein nettes Liedchen im 3/4-Takt, welches am Anfang an die Arie Un certo tutore in Francia vi fu aus Lo speziale erinnert. Es besteht aus drei leicht variierten Strophen, mit denen Masino umschmeichelt wird. Leider erfährt man nicht, wie die Sache ausgeht, vermutlich wurde bei der Überarbeitung des Librettos durch Pietro Travaglia an späterer Stelle etwas gestrichen.

      Der Conte trifft auf Rosina. Sie erinnert ihn verzweifelt an ihre Beziehung, wird aber kalt abgewiesen. Dennoch scheint sich beim Conte etwas zu regen. Seine Gedanken werden durch das Erscheinen von Villotto unterbrochen. Sofort wird der Conte wieder abweisend und ermuntert Villotto sogar, sich Rosina zu nähern. Dieser erklärt aber, er habe inzwischen beschlossen, Soldat zu werden. Der Conte deutet dies auf seine Art:

      Nr. 6a: Accompagnato Conte (C-Dur) Mira il campo all’intorno
      Er beschreibt das Kriegsgeschehen als Kampf zwischen Mann und Frau. Das Erwähnen von Trommeln wird von Haydn natürlich lautmalerisch unterstützt, und als der Conte von einem Marsch erzählt, erklingt auch ein solcher. Er steigert sich immer mehr bis zum Beginn der Arie:

      Nr. 6b: Arie Conte (C-Dur) A trionfar t’invita già la guerriera tromba
      "Die Kriegstrompete ruft dich schon zum Triumph." Eine militärisch klingende Arie mit Pauken und Trompeten und "heroischem" Einschlag, aber komplett ironisch gemeint: Es soll keine feindliche Stadt erobert werden, sondern die Liebe einer Frau. Der zweite Teil klingt entsprechend lieblich. Bekanntlich ist das Ganze eine Aufforderung an Villotto, "seine" Rosina zu erobern, und schon wird der Conte im dritten Teil der Arie von Eifersucht erfasst. Schließlich schlägt die Stimmung in Moll um, und am Ende ist der Conte von seinen Gefühlen total verwirrt.

      Er und Villotto gehen ab, Rosina und Lisetta erscheinen. Lisetta versteht Rosinas Abneigung gegenüber Villotto, und Rosina erzählt die ganze Geschichte ihrer Beziehung mit dem Conte. Nach endlosen Liebesschwüren des Grafen habe sie endlich nachgegeben, und die beiden haben geheiratet. Nach zwei Monaten habe sich ihr Mann aber aus dem Staub gemacht, und kurz danach habe sie sogar ein Kind von ihm bekommen. In einer Arie schildert sie die damaligen Liebesbezeugungen des Conte:

      Nr. 7: Arie Rosina (A-Dur) Con un tenero sospiro

      Lisetta geht ab, Villotto kommt, gefolgt von Masino, der bereits als „Schwager“ bezeichnet wird. Das Rezitativ geht über ins:

      Nr. 8: Finale I (G-Dur)

      (a) Ah, che divenni stupida: Che barbaro martire!
      Es beginnt mit einem Trio (Rosina, Villotto, Masino), in einem Tonfall, den man von vielen Finalanfängen kennt. Die drei erläutern zunächst einzeln ihren jeweiligen Standpunkt, von Haydn manchmal lautmalerisch unterstützt (z.B. als Villotto den Klang einer Trommel erwähnt). Am Ende kommt es zu einem regelrechten Streit.

      (b) Bel godere la campagna con il caro bene a lato.
      Nachdem die drei abgetreten sind, erscheinen Ernesto und die Baronessa mit einem Liebesduett in pastoralem Ton. Rosina, Villotto und Masino kommen hinzu und geben ihren jeweiligen Gemütszustand in einem Trio kund. Die Musik beschleunigt, als es zu einem Wortgefecht zwischen den fünf Personen kommt. Ernesto und die Baronessa treten ab, nicht ohne vorher Rosina noch einmal zu drohen. Rosina tritt ebenfalls ab. Villotto will ihr folgen, wird aber von Masino daran gehindert.

      (c) Salvati, fuggi, Villotto caro, meco non vieni.
      Lisetta tritt auf und warnt die beiden vor dem Conte, der ihnen an den Kragen will. Sie wollen sich verstecken, stellen sich dabei aber ziemlich dämlich an. Am Ende fliehen alle drei.

      (d) Dov’è, dov’è l’indegno?
      Endlich kommt der Conte. Gleich darauf aber auch Rosina, die ihn bittet, sie zu töten. Das geht natürlich nicht, wir sind ja noch im ersten Akt:

      (e) Ah no, mio dolce amore, ecco ritorno a te.
      Die Musik wird langsamer, die beiden versöhnen sich.

      (f) Che miro, Rosina? – Il Conte con quella?
      Die Baronessa kann das nicht zulassen. Sie ködert den Conte mit dem Bildnis seiner zukünftigen Gattin (wer immer das sein soll), und Rosina sieht ihre Felle davonschwimmen: Der Graf scheint sich von ihr abzuwenden. Das Ganze wird von den anderen kommentiert, und der Akt endet wie üblich in einem Schlusschor:

      (g)
      Ah, per la pena,
      per il timore
      sento che il core
      nel sen mi palpita
      e un moto insolito
      provar mi fa.
      „Wegen der Qual, wegen der Angst fühle ich, dass mein Herz in der Brust pocht und mich eine unheimliche Regung spüren lässt.“

      Ah, per il foco,
      pel grand’ardore
      ha un batticuore
      dentro alle viscere
      che freme, e strepita,
      tremar mi fa.
      „Wegen des Feuers, wegen des starken Brennens, habe ich Herzklopfen in meinen Eingeweiden, das bebt und lärmt, es lässt mich zittern.“


      II. AKT

      Der Akt beginnt mit einem Duett der beiden Dauerkontrahenten:

      Nr. 9: Duett Masino-Burlotto (B-Dur) Massima filosofica che non può mai fallir
      Masino erläutert seine „philosophische Maxime“, nach der jemand, der nicht auf den Punkt kommt, als verrückt zu gelten hat. Villotto stimmt zu, ohne zu verstehen, was Masino eigentlich meint, und am Ende sind halt alle verrückt. Das erinnert an Falstaffs „Tutto nel mondo è burla“.

      Anschließend kommt es zu einem unglücklichen Missverständnis: Ernesto bittet Rosina um Hilfe für seinen Plan, die Baronessa zu heiraten.

      Nr. 10: Arie Ernesto (A-Dur) Per pietà, vezzosi rai
      Konsequenterweise klingt das wie eine Liebesarie, entsprechend in A-Dur und mit Beteiligung der Flöte. Selbst der Text klingt wie eine Liebesantrag an Rosina, nur aus dem Zusammenhang wird klar, wie es gemeint ist.

      Das alles wird von den anderen vier beobachtet und falsch interpretiert. Rosina hat jetzt alle gegen sich:

      Nr. 11: Quintett Rosina-Baronessa-Conte-Lisetta-Villotto (C-Dur) Va pettegola insolente

      Rosina ist völlig niedergeschlagen und weiß nicht, was sie tun soll.

      Nr. 12a: Accompagnato Rosina (F-Dur) Misera, chi m’aiuta, chi soccorso mi dà?
      In einem Rezitativ beklagt sie ihre ausweglose Lage.

      Nr. 12b: Arie Rosina (f-Moll) Dove fuggo, ove m’ascondo
      „Wohin flüchte ich, wo verstecke ich mich“, das ist die beste Arie der Oper, hochdramatisch, packend.

      Rosina geht ab, der Conte und Villotto treten auf. Sie überbieten sich gegenseitig in Verwünschungen der „untreuen“ Rosina. Dem Conte reicht das nicht, er befiehlt Villotto, Rosina zu töten. Aber ihr Bruder? Den gleich mit! Und wenn Villotto nicht spure, gehe es ihm selbst an den Kragen, und zwar auf der Stelle. Villotto bittet um Aufschub:

      Nr. 13: Arie Villotto (Es-Dur) Già la morte in manto nero
      Er zerfließt in Selbstmitleid und möchte wenigstens vorher noch sein Testament machen.

      Villotto geht ab, Lisetta erscheint und erzählt dem Conte die traurige Situation von Rosina. Nach und nach wird er weich:

      Nr. 14a: Accompagnato Conte (F-Dur) Ah, non m’inganno, è Orfeo che cercando Euridice suona la Tracia lira.
      Zunächst sieht sich in Orfeos Fußstapfen, beide haben eine geliebte Frau verloren. Dass er – im Gegensatz zu Orfeo – seine Frau selbst verlassen hat, wird verdrängt. Er steigert sich immer weiter in seine Rolle hinein:

      Nr. 14b: Arie Conte (F-Dur) Or che torna il vago Aprile
      Tonart, Text und Musik sind klar pastoral. Irgendwie spinnt er schon: Erst fühlt er sich als Orfeo auf der Suche nach Euridice, jetzt singt er von Nymphen und Schäferinnen, und am Ende wird er vor Sehnsucht rasend und rennt weg.

      Nr. 15a: Accompagnato Rosina (A-Dur) Eccomi giunta al colmo della miseria umana
      In einem ergreifenden Rezitativ erklärt Rosina ihren Entschluss, zusammen mit ihrem Kind wegzugehen, mit unbekanntem Ziel.

      Nr. 15b: Arie Rosina (E-Dur) Care spiagge, selve, addio
      Mit dieser Arie verabschiedet sie sich von der Heimat.

      In einem weiteren Accompagnato macht sie sich auf den Weg. Haydns Musik kann dabei als Schilderung der wilden Natur und des Seelenzustandes von Rosina gedeutet werden.

      Masino ist immer noch auf der Suche nach seiner Schwester. Da er sie nicht findet, legt er sich schlafen. Villotto sucht Rosina ebenfalls, findet aber nur ihren schlafenden Bruder, den er bekanntlich töten soll...

      Nr. 16: Finale II (D-Dur)

      (a) Animo risoluto, spirito qui ci vuole
      Tatsächlich schickt sich an, seinen Auftrag auszuführen, zögert aber und wird dann von Lisetta gestoppt. Masino und Villotto wollen aufeinander los, Lisetta kann sie nur mit Mühe aufhalten. Sie entfernen sich unter gegenseitigen Drohungen.

      (b) Masino, deh, senti...
      Diese Worte Lisettas hört Masino nicht mehr. Inzwischen sind die Baronessa und Ernesto erschienen. Sie blicken nicht mehr durch, Lisetta weiß aber auch nicht, was los ist. Fazit der drei: Mi gira la testa, e un fiero sospetto mi gela d’orror. („Mir dreht sich der Kopf, und ein böser Verdacht lässt mich vor Schrecken gefrieren.“)

      (c) Perfido, indegno, t’ho pur trovato
      Masino und Villotto kommen zurück und geraten sofort wieder aneinander. Dieses Mal werden sie von Ernesto und der Baronessa aufgehalten. Sie wollen nun endlich wissen, wo Rosina steckt. Alle beschließen, sie zu suchen.

      (d) Ah, dov’è la mia Rosina?
      Noch einer, der Rosina sucht. Es ist der Conte, der wieder einen pastoralen Tonfall anschlägt. Und er hat Glück. Zwar kommt nicht Rosina, aber ihr (und sein) kleines Kind, das ihn zu ihr führt. Die beiden versöhnen sich, wobei Rosina zwischenzeitlich vor Glück in Ohnmacht fällt. Fazit: Che bel giorno, che contento: Per la gioia in tal momento chi resister mai potrà? („Welch schöner Tag, welche Zufriedenheit: Wer könnte in diesem Moment vor Glück sich zurückhalten?“)

      (e) Che stupore, che cosa impensata!
      Endlich werden die beiden von den anderen fünf gefunden. Der Conte erklärt, was Sache ist. Die Baronessa, Ernesto und Villotto wollen das nicht akzeptieren. Man erklärt sich gegenseitig den Krieg. Der Akt endet bedrohlich:
      Già per l’aria a poco a poco sorge un nembo e oscura il giorno, freme il turbine d’intorno né so come finirà.
      („In der Luft erscheint nach und nach eine Wetterwolke und verfinstert den Tag, der Sturm braust umher, und ich weiß nicht, wie das enden wird.“)


      III. AKT

      Wie üblich (und ich habe noch nicht den Hintergrund dieser Methode herausgefunden) ist der dritte Akt sehr kurz.

      In einem Rezitativ erfährt man, dass die Baronessa das glückliche Paar auseinanderbringen will. Sie hat sowohl dem Conte als auch Rosina einen gefälschten Abschiedsbrief des jeweils anderen zukommen lassen, aber der Schwindel fliegt schnell auf.

      Nr. 17: Duett Conte-Rosina (B-Dur) Rosina vezzosina, deh quella tua manina porgi per sempre a me
      Dieses Liebesduett muss hier natürlich sein.

      Ernesto und die Baronessa kommen hinzu, wobei sie sich gegenseitig über den Verbleib von Rosina befragen. Der Conte macht seine Ehe mit ihr und seine Vaterschaft nun endgültig öffentlich. Die Baronessa gibt ihren Widerstand endlich auf, nicht zuletzt auch unter dem Eindruck der vera costanza („wahrhaftige Standhaftigkeit“) von Rosina. Der Schlusschor würdigt dies:

      Nr. 18: Tutti (G-Dur)
      Ben ché gema un’alma oppressa,
      mai non perde la speranza,
      se conserva la costanza,
      se la regge la virtù.


      Wenn auch eine unterdrückte Seele leidet,
      so verliert sie doch nie die Hoffnung,
      wenn sie ihre Standhaftigkeit bewahrt,
      wenn sie von der Tugend geleitet ist.
    • Madrid-Aufführung

      Am 11.10.2009 war Premiere in den Teatros del Canal. Es handelt sich um eine Koproduktion des Teatro Real (Madrid) und den Häusern in Treviso, Reggio Emilia, St-Etienne, Rouen, Lüttich, Regensburg und Sofia. Mein besonderes Glück war, dass fast die komplette Besetzung aus den Preisträgern des Wettbewerbs XXXIX Concorso Internazionale Toti Dal Monte vom Juni 2009 bestand.

      Übrigens war das die Uraufführung dieser Oper in Spanien. Ich saß in der ersten Reihe, das Ticket kostete 20 Euro...

      Wie so oft zeigte sich gleich zu Beginn, ob das ein guter Abend wird oder nicht: Ein "stürmischer" Anfang (Musik passend zum Beginn der Oper, siehe Inhaltsangabe) führte mit Schwung in diese dynamische Inszenierung ein. Das Orchester (fast nur junge Leute) unter José Antonio Montaño wirkte von Anfang an mitreißend. Die Inszenierung von Elio De Capitani war sehr nah am Original, wurde aber mit viel Witz aufgepeppt, ohne albern zu wirken. Eine sehr gute Personenführung traf auf extrem spielfreudige Sängerinnen und Sänger. Möglicherweise ist es das, was den gut ausgebildeten Hobbysänger davon abhält, hin und wieder in einer Oper auszuhelfen: Was heutzutage oft (leider nicht immer) auch schauspielerisch auf der Bühne geleistet wird, erfordert wesentlich mehr als nur eine gute Gesangstechnik. Zu den einzelnen Rollen:

      Rosina (Federica Carnevale): Gesanglich sehr gut, schauspielerisch wurde sie von manchen übertroffen, z.B. von:
      Baronessa (Andrea Puja): Sehr spielfreudig, wobei sich manchmal die Stimme überschlug, das passte dann sogar.
      Lisetta (Arianna Donadelli): Spielte hervorragend, leider ist ihre Rolle recht klein.
      Conte (Anicio Zorzi Giustiniani): Sehr schöne Stimme, gesanglich absolut top, auch schauspielerisch gut.
      Ernesto (Cosimo Panozzo): Solide Leistung, er kam aber nicht so stark zur Geltung wie die anderen.
      Villotto (Gianluca Margheri): Der Star des Abends, da stimmte alles. Könnte als Schauspieler in jeder Komödie bestehen. Tolle Stimme.
      Masino (Elier Muñoz): Das war der einzige Nichtteilnehmer im Treviso-Wettbewerb, es gab dort nämlich keinen Sieger für die Rolle des Masino. Er scheint zum Ensemble der Ópera Cómica de Madrid zu gehören und konnte daher gut mit der Truppe mithalten. Ein fast ebenbürtiger Gegner von Villotto.

      Haydns Musik gefiel mir besser als erwartet, zuhause fand ich die Oper etwas spröde. Die Ensemble-Szenen in den Finali des ersten bzw. zweiten Aktes sind richtig gut und phasenweise auch ziemlich schwer, da hat es an einigen wenigen Stellen manchmal nicht so gut mit dem Zusammenspiel geklappt.

      Hervorragend war auch dem Cembalist, der sich einige Freiheiten nahm, z.B. ließ er einmal kurz den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn anklingen, an einer anderen Stelle gab es einen kleinen Zeitsprung von 8 Jahren, als er Non più andrai aus dem Figaro anspielte. Der aufmerksame Leser meiner Inhaltsangabe wird sicher herausfinden, an welcher Stelle das passt...

      Fazit: Ein toller Abend. Die Ensembles bei Haydn-Opern erscheinen mir tendenziell spielfreudiger als der Durchschnitt. Die Inszenierung wird noch in Treviso, Reggio Emilia, St-Etienne, Rouen, Lüttich, Regensburg und Sofia zu sehen sein. Die Latte hängt jetzt ziemlich hoch, aber bin fast sicher, dass ich einen der genannten Orte aufsuchen werde...


      Thomas Deck
    • Lüttich-Aufführung

      Auch fast 3 Jahre nach der Premiere ist diese Inszenierung noch in Europa präsent. Am 29.1.2012 sah ich sie noch mal in Lüttich. Das Ensemble ist übrigens fast das gleiche wie seinerzeit in Madrid (wobei manche Rollen doppelt besetzt sind), die Leute reisen offensichtlich durch ganz Europa, d.h.: Treviso, Reggio Emilia, St-Etienne, Rouen, Lüttich, Regensburg und Sofia. Rouen folgt dieses Jahr im April.

      Stichworte zu Lüttich:

      - Akustik könnte besser sein (Theaterzelt, da die Oper derzeit renoviert wird).
      - Einheitlich gutes Ensemble, v.a. Gianluca Margheri (Villotto) und Sandra Ferrández (Rosina), wobei Gianluca Margheri wieder der Star des Abends war.
      - Oft sehr gutes (d.h. hörbares) Zusammenspiel mit dem Orchester.
      - Haydnsche Lautmalereien immer wieder klar erkennbar (spricht auch für das Orchester).
      - Bekannt gute Inszenierung mit bekannt guter Personenführung.

      Das Orchester war natürlich nicht das originale: Orchestre de l'Opéra Royal de Wallonie unter Jesús López Cobos. Letzterer gehört aber nicht zu Lüttich, vermutlich arbeitet er mit dem Ensemble schon länger zusammen.


      Thomas