Keith Jarrett - Umstrittene Diva am Klavier

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    • Keith Jarrett - Umstrittene Diva am Klavier

      Keith Jarrett verdiente sich Mitte der sechziger Jahre seine ersten Sporen bei Art Blakey und bei Charles Lloyd. 1969 holte ihn Miles Davis in seine Band. Hier musste Jarrett elektrifizierte Instrumente, vornehmlich das Fender Rhodes, spielen, was ihm als nicht befriedigend erschien, es aber zähneknirschend tat, weil er schließlich bei Davis spielte. Gleichzeitig arbeitete er bereits mit einem Trio, zu dem Charlie Haden am Bass und Paul Motian am Schlagzeug gehörten.

      Die siebziger Jahre lassen sich grob in drei Bereiche aufteilen: Zum ersten gab es den Solisten Jarrett, der mit seinen ausladenden Solokonzerten für Furore sorgte, aber durchaus auch zu skeptischen Diskussionen ob der weihrauch-schwangeren Aura dieser Abende Anlass gab. Berühmt sind das "Köln Concert", aber auch die Doppel-CD "Bremen/Lausanne" oder die in Japan aufgenommenen "Sun Bear Concerts", dokumentiert auf 5 CDs. (Am Rande: Ein Bekannter von mir war in Bremen live dabei - für 5 D-Mark Eintrittt!)


      Daneben führte Jarrett ein europäisches Quartett, dem neben ihm selbst Saxophonist Jan Garbarek, Bassist Palle Danielsson und Schlagzeuger Jon Christensen angehörten. Wie seine Solomusik wurde dieses Quartett bei ECM veröffentlicht. Parallel arbeitete er mit einer amerikanischen Gruppe für das Label Impulse. Hier waren Saxophonist Dewey Redman sowie die alten Weggefährten Charlie Haden und Paul Motian seine Mitstreiter. In dieser Band tobte sich der experimentelle Jarrett aus, verband freien Jazz mit indianischer Musik, "reinen" Jazz mit europäischer Kunstmusik und griff auch schon mal selbst zum Saxophon oder zu den Rasseln.

      Im Januar 1983 ging er dann erstmals mit Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette für ECM ins Tonstudio, um mit diesem Trio aufzunehmen. Das Konzept war eigentlich simpel und erst einmal wenig originell: Man griff auf die Standards des "American Songbooks" zurück, knüpfte also an eine Trio-Tradition an, die von Oscar Peterson bis Bill Evans bereits erprobt war. Wie dieses geschah, war aber neu! Hier waren nunmehr Musiker zugange, die bereits alte Pfade der Tradition verlassen hatten und in unterschiedlichsten Zusammenhängen ihr musikalisches und instrumentales Rüstzeug gesammelt hatten. Peacock war neben Bassisten wie Dave Holland oder Miroslav Vitous einer jener Tieftöner, die die dank Scott LaFaro neu gewonnen Freiheiten des Basspiels in den siebziger Jahren in noch weitere Dimensionen beförderte. DeJohnette schließlich war wohl DIE Schlagzeug-Stimme nach Elvin Jones und Tony Williams, die sich vom freien Jazz bis zum Jazzrock zu einem unverkennbaren und erneuernden Vorbild entwickelt hatte. Diese Musiker machten sich nun daran, mit all diesen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Tradition neu aufzurollen. Denn was sie mit all den Gassenhauern Gershwins, Rodgers & Hammersteins, Porters u.v.a. anstellten, war wirklich neu und frisch. Der Jazz-Publizist und Pianist Michael Naura beschrieb es einmal sinngemäß so: Das Keith Jarrett Trio behandele einen alten Standard-Song so wie ein Stück Fleisch oder ein Hähnchenbein. Es nage so sehr von allen Seiten daran herum, bis die Knochen frei lägen. Oder anders gesagt: Die Strukturen der Stücke werden vorgestellt, dann zerlegt, neu zusammengesetzt und von allen Seiten beleuchtet, so als fertigten die drei eine Röntgenaufnahme des jeweiligen Stückes an.

      Dabei erreichten sie besonders eine Form des Miteinander-Musizierens und Kommunizierens, das in seinen besten Momenten den Atem verschlägt und ein Musterbeispiel für Reaktionsschnelligkeit und für das Aufeinander-Hören ist. Jeder der drei vermag blitzschnell der Musik eine neue Richtungsänderung zu geben. Manchmal kann man hören, wie sehr sie sich selbst gegenseitig überraschten, wenn einer von ihnen plötzlich unvorhergesehene Dinge tat, denen die anderen dann folgten. Natürlich birgt ein derart riskantes Musizieren auch Gefahren, wie immer, wenn man sicheren Boden verlässt und bereit ist, unter den Augen und Ohren des Publikums etwas zu wagen. In wenigen schwachen Momenten können dann schon einmal Leerlauf oder eine gewisse Orientierungslosigkeit herrschen. In den guten Momenten aber fliegt die Musik, sie nimmt einen an der Hand und führt einen in außergewöhnliche Grenzbereiche.

      Das also fing 1983 an, mit den Schallplatten Standards Vol. 1, Standards Vol. 2 und Changes, alle bei der selben Aufnahmesitzung eingespielt. Schon hier kommt auf letztgenannter Platte ein wesentliches Merkmal des Trios zur Geltung. Neben den erwähnten Standards ließ das Trio es auch immer wieder frei laufen und improvisierte ohne einen vorgefertigten Song. Beeindruckend ist auch, wie es selbst bei den Standards gelang, beispielsweise den Tonvorrat des Schlussakkords zu nutzen, um noch einmal zu langen dynamischen Bögen anzusetzen und minutenlang darüber Stücke im Stück zu erarbeiten.

      Schwierig, aus nunmehr 26 Jahren ein paar bestimmte Aufnahmen herauszugreifen. Ehrlich gesagt ermüdete ich nach den ersten 15 Jahren etwas und fragte mich, ob denn nun noch eine Live-Doppel-CD mit Standards erscheinen soll, und dann noch eine. Und ein Jahr später eine weitere. Allerdings musste ich dann bemerken, dass das Trio doch immer wieder aufs Neue überraschen kann und doch immer wieder zu besonderen Leistungen fähig ist. Meine Lieblingsaufnahmen stammen aber dennoch aus dem ersten Jahrzehnt des Bestehens dieses langlebigen Trios.



      Changes, 1983
      Diese CD gehört zur ersten Aufnahmesitzung dieses Trios, ist also "historisch" relevant...



      Changeless, 1987
      Eine Live-CD, die vier spontan improvisierte Stücke mehrerer Konzerte in den USA vereinigt. Eine CD übrigens, die ich auch mehreren Freunden, die überhaupt keinen Jazz hören, unterjubeln konnte.


      Still Live, 1986
      Mein Favorit, bis heute! Live aufgenommen in der Münchner Philharmonie im Juli 1986. Hier kann man exemplarisch hören, wie z. B. die Gassenhauer "Autumn Leaves" und "The Song Is You" am Ende in immer neue dramatische Spannungsbögen überführt werden.


      Tribute, 1989
      Mein zweiter Favorit... Diesmal war die Philharmonie in Köln der Tatort. Das Konzert ist ähnlich intensiv und voller erregender Momente wie das in München. Hier mischen sich darüber hinaus Standards mit eigenen Trio-Improvisationen.


      At The Blue Note - Complete Recordings, 1994
      Der Monolith! Aufgenommen an drei Abenden im Juni 1994 im New Yorker Club Blue Note, dokumentieren diese 6 CDs das Trio in ungewöhnlich intimer Atmosphäre, die so manche überraschende Wendung bewirkte. Besonders DeJohnette ist hier ein bewundernswert einfallsreicher, humoriger Schlagzeuger, der sich vor Ideen kaum retten kann. Die enge Club-Atmosphäre wird im Klangbild der CDs hervorragend abgebildet und steht im interessanten Kontrast zu den eher halligen Aufnahmen aus den großen Konzertsälen.

      Keine Frage: Keith Jarrett polarisiert. Vielleicht weniger musikalisch als vielmehr durch seine Persönlichkeit, die mit "divenhaft" wohl noch milde ausgedrückt ist. Von Kollegenschelte über Publikumsbeschimpfung bis zu Konzertabbrüchen reicht die Palette seiner weniger schönen Eigenschaften. Natürlich findet diese Art irgendwie auch in der Musik Ausdruck. Manchmal gerät es sehr maniriert, manchmal obsiegt das grenzenlose Jarrett'sche Ego über die Musik. Dass aber dennoch so immens viele großartige Momente dabei entstanden sind und dass man Zeuge davon sein kann, welche schwierigen Prozesse sich dahinter verbergen, Musik entstehen zu lassen, macht für mich dieses Trio so spannend. Wer sich darauf einlassen mag, wird grandiose Momente genießen, aber auch schwierige Momente miterleben dürfen. Aber ist das nicht gerade das spannende an Musik?

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • RE: Keith Jarrett - Umstrittene Diva am Klavier

      Carsten schrieb:

      Beitrag von Matthias Oberg

      ein schöner Artikel! Aber ich bin mit dem Keith Jarrett Trio nie richtig warm geworden. Das liegt nicht an der Konzeption oder ihrem Miteinander, das du sehr zutreffend charakterisierst, schon gar nicht an Peacock oder DeJohnette, die ich beide sehr schätze, sondern an Jarretts Klavierspiel, ohne dass ich es wirklich auf den Punkt bringen könnte, was mir an ihm so gar nicht gefällt: Zu elegant, zu vornehm, ohne auch mal rauher zu werden?
      Sein Trio mit Haden & Motion, seine Impulse-Platten besonders mit Dewey Redman, sein Spiel als Begleiter von Charles Lloyd, von dem auch seine eigenen Impulse-LPs geprägt sind, von Lloyd kam ja z.B. das Indianische, gefallen mir nach wie vor ausgesprochen gut. Auch noch viele Stücke auf den ECM - Quartet-Platten mit Garbarek, Danielsson, Christensen, obwohl auf diesen auch schon immer Stücke waren, die mich nur langweilten.
      Aber dann die ECM Soloplatten, "Köln Concert" usw, fand ich nur unerträglich: Ein konturloses, schmalzig-neoromantisches Dahinplätschern, - Edelkitsch!

      Irgendwie hat sich seitdem sein Stil und auch sein Klavierton im Vergleich zu den tollen Impulse-Aufnahmen völlig verändert. Naklar, ich höre schon, dass er das waberig-neoromantische der Solokonzerte bei den Standards Trioeinspielungen glücklicherweise völlig hinter sich läßt, aber es bleibt etwas an seinem Stil und vor allem seinem Klavierton, was mich völlig kalt läßt oder sogar mißfällt. Sein Ton kommt mir jetzt näher an dem seiner Klassik-Aufnahmen vor, die mir auch überhaupt nicht gefallen.

      gruss Matthias
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Mein Respekt vor Jarretts Solo-Improvisationen wurde nachhaltig erschüttert, als kurz nach Erscheinen des Köln Concert ein alter Freund von mir einfach mal am Klavier loslegte und sagte, jetzt spielen wir auch mal ein bißchen wie Keith Jarrett .... das konnte er wirklich! Leider ist er dann nicht Profi-Musiker, sondern Mathematikprofessor geworden.
      Jarrets divenhaftes Auftreten auf manchen Konzerten finde ich unerträglich!
      Eine gute, teils kontroverse Diskussion gbt es unter:
      http://www.organissimo.org/forum/index.php?showtopic=49509 .

      Mein Lieblings-Jarrett findet sich immer noch auf den Impulse-Aufnahmen der 1970er, allerdings muß man sich die ungekürzten Versionen zu Gemüte führen.
    • Hallo Carsten und Jarrettkenner,

      könnt Ihr noch ein Wort zu Jarretts Ausflügen in den klassischen Bereich sagen? Die Schostakowitsch-Cd wollte ich mir mal kaufen.

      Und noch eine Frage: hat die schwere Erkrankung Jarretts Spiel verändert? Tritt er überhaupt noch auf?

      Viele Grüße
      :wink: Talestri
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room
    • Mit Keith Jarrett verbinde ich ganz unterschiedliche Erinnerungen.
      Als er einem vor Jahrzehnten aus jeder zweiten WG-Küche mit dem Köln-Concerto entgegenwehte war das wenigstens eine Abwechslung zu Joan Baez und Bob Dylan.

      Außerdem Kitsch? Na klar, sogar bombastischer Kitsch. Manchmal muss aber auch Kitsch sein.
      Und sooo schlecht ist das Köln-Konzert ja nun auch nicht. Da sind Einfälle für mindestens zehn Minuten gute Musik drin.

      Dann gab es in ferner Vergangenheit einen Auftritt mit Garbarek. Garbarek fand ich sehr beeindruckend. Das Klavier hat eher gestört, obwohl es das nicht zugeben wollte.

      Schließlich habe ich mir seine Ausflüge ins seriöse Fach angehört, bin aber vor Ende der Aufnahmen regelmäßig eingeschlafen - naja, fast jedenfalls.

      Jüngstes Erlebnis war ein irgendwo ausgestrahltes Interview mit ihm. Hätte ich in der Zeit Kartoffeln geschält, hätte ich mehr über die Welt erfahren. So weiß ich nur, dass eingebildete Keyboarder auch alt werden können.
    • Matthias Oberg schrieb:

      Hallo Miguel,

      ich habe nur die einzelnen Impulse CDs. Was ist auf der von dir gezeigten mehr oder umfangreicher? Kannst du etwas zu den Kürzungen sagen?

      Zum einen sind 2 von den 4 Stücken der CD Fort Yawuh hier ungekürzt sowie weitere des Auftritts im Village Vanguard, die nur auf Samplern (auch da gekürzt) oder noch gar nicht erhältlich waren. Man bekommt einen sehr guten Eindruck der Band mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian, die ganz anders gespielt hat als das europäische Quartet mit Garbarek - alles von free bis leichten gospel und funky Tönungen ist dabei. Insgesamt zwei CDs, zweieinviertel Stunden Musik, nur von diesem Auftritt. Das alleine ist die Box wert. Die restlichen 3 CDs bringen die Studioplatten Death and the Flower, Treasure Island und Backhand, auch mit zusätzlichen unveröffentlichten Stücken oder takes.
    • Talestri schrieb:



      Und noch eine Frage: hat die schwere Erkrankung Jarretts Spiel verändert? Tritt er überhaupt noch auf?


      Wegen seines chronischen Müdigkeitssyndroms hat er zwischendurch mehrere Jahre pausiert, tritt inzwischen aber wieder regelmässig auf, nicht mehr so oft wie früher. Entweder solo oder im Trio mit Gary Peacock und Jack deJohnette.
    • Hildebrandt schrieb:



      Schließlich habe ich mir seine Ausflüge ins seriöse Fach angehört, bin aber vor Ende der Aufnahmen regelmäßig eingeschlafen - naja, fast jedenfalls.

      Das ging mir auch so - bei den Händel-Sonaten mit Michala Petri waren die beiden eher zu selbstverliebt; sein Bach war mir nicht tiefgründig genug. Die Anschlagskultur der guten Cembalisten erreicht er längst nicht.


      Jüngstes Erlebnis war ein irgendwo ausgestrahltes Interview mit ihm. Hätte ich in der Zeit Kartoffeln geschält, hätte ich mehr über die Welt erfahren. So weiß ich nur, dass eingebildete Keyboarder auch alt werden können.

      Seine übersteigerte Überzeugtheit von sich selbst ist mittlerweile berüchtigt. Selbstbeweihräucherung. Er hat ohne Zweifel Talent für drei, aber hat für meine Empfindung dabei etwas den Boden unter den Füssen verloren. Am besten war er in meinen Ohren immer, wenn ihn andere starke Musikerpersönlichkeiten gefordert haben, wie die Partner seines amerikanischen Quartetts in den 1970ern oder Miles Davis - seine nachträglichen Distanzierungen von den elektrischen Instrumenten sind kindisch. Gerade auf den Cellar Door Sessions von Miles kann man einen völlig selbstvergessenen Jarrett hören, der keine Schranken kennt und toll kommuniziert. Das Fender Rhodes Piano hat eine rhythmische, funky getönte Seite an ihm herausgekitzelt, die ich an allen seinen späteren Sachen außer dem amerikanischen Quartet vermisst habe. Beim Kauf dieser Box aufpassen - man kann sie schon für 40 Euronen ergattern!

      Wers gern visuell hat, findet auf dieser DVD einen Jarrett, von dem er selbst sich in den Interviews distanzieren musste - ist doch nicht schlimm, daß er damals einen anderen Geschmack hatte!
    • Miguel54 schrieb:

      Wers gern visuell hat, findet auf dieser DVD einen Jarrett, von dem er selbst sich in den Interviews distanzieren musste - ist doch nicht schlimm, daß er damals einen anderen Geschmack hatte!
      Ja, das ist eine hervorragende DVD! Ich war bei der Anschaffung völlig platt, welch herausragende Tonqualität die Produktion hat. So, als sei's erst unlängst aufgenommen worden und nicht vor nunmehr fast 30 Jahren.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Ich habe in den 80ern die bei ECM erschienenen Keith Jarrett Schallplatten gesammelt, seit dem CD Zeitalter sammle ich seine Klavier-Solo-Improvisations-Veröffentlichungen (auch rückwirkend) auf CD weiter.

      Mich fasziniert diese spontane schöpferische Kraft. Es ist ja viel mehr als das Klavierspielen. Habe mehrmals versucht (und werde es manchmal weiter versuchen), diesen großen Improvisationen verbal nachzuspüren, einfach aus der „klassisch strukturierten Sozialisation“ heraus. Alles in mir schreit natürlich, dass ich das nicht tun soll, dass ich mich dieser Musik nur „aus dem Bauch raus“ nähern soll, sie einfach sein lassen soll, keine Strukturen finden soll, keine Ordnungsmuster suchen.

      Mir ist es mittels Jarretts Musik möglich, Raum und Zeit zu verlassen und zu vergessen, ganz im Hier und Jetzt zu sein, jenseits aller Alltagssorgen.

      Grandios, wie und was er am Klavier immer wieder sucht und findet. Von „Facing You“ bis zum „Carnegie Hall Konzert“.

      In der Wiener Staatsoper 1991 war ich dabei. Es war eine Sternstunde, ich habe die über 40 Minuten des ersten Teils für nicht einmal 20 Minuten gehalten und war enttäuscht, dass dieser Teil nur so kurz gedauert hat. Erst die CD hat mich dann eines besseren belehrt. Und – ich erlaube mir diesen „blasphemischen“ Nachsatz – so phantastisch Jarretts Musik akustisch ist und so wichtig und gut es ist, sich ganzkörperlich als Interpret in sie hineinfallen zu lassen und so ehrlich und authentisch und wahrscheinlich nur derart erzeugbar diese Musik ist, manchmal habe ich mich etwas unwohl gefühlt, einem Menschen bei der „Selbstbefriedigung“ zuzusehen. (Da spielt natürlich auch der Zelebrationscharakter dieser Konzerte mit, den Jarrett sehr gut zu kultivieren versteht.)



      Recht spannend finde ich die veröffentlichten Versuche, Notenausgaben der Improvisationen zu erstellen. Auf der Keith Jarrett Homepage gibt es mehrere Beispiele zum Download, und der Schott Verlag hat das berühmte Köln Konzert von 1975, von japanischen Fans in akribischer Kleinarbeit aufgeschrieben, herausgebracht – wohlweislich mit einem Einführungstext von Jarrett, der betont, man könne unmöglich alle Facetten dieser Improvisationen im Notenbild wiedergeben. Für mich als Klavierspieler ist es durchaus reizvoll, mit Hilfe dieses Klavierauszugs sowohl mitlesend als auch aktiv dieser Musik nachzuspüren, aber noch viel reizvoller ist es, zu versuchen, seine eigenen Töne zu finden, nicht die von Jarrett nachzuempfinden, beispielsweise aus einem rhythmischen Grundmuster eigene Weiterspinnungen zu formen.

      Vor einigen Jahren konnte man im Radio eine Aufzeichnung eines Bremer Konzerts vom 2.2.1975 (aufgenommen in der Glocke, nicht zu verwechseln mit der Aufnahme vom 12.7.1973 aus den „Solo Concerts“) hören, also knapp nach dem Köln Konzert (24.1.1975) mitgeschnitten. Da hört man schon, wie gewisse Ideen „aus Köln“ weitergetragen werden. Das mindert nicht die Gesamtleistung beider Konzerte. Auch ein Genie ist zunächst einmal ein Mensch, der gute Ideen, so sie brauchbar sind, noch mal verwendet.

      Einen recht leicht zugänglichen Jazz-Schlager mag ich besonders gern von Keith Jarrett, es ist das Stück „Country“ aus der Produktion „My song“.

      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Talestri schrieb:

      könnt Ihr noch ein Wort zu Jarretts Ausflügen in den klassischen Bereich sagen? Die Schostakowitsch-Cd wollte ich mir mal kaufen.



      Was den Schostakowitsch angeht: Ich denke, da ist man mit Scherbakov nicht bloß billiger, sondern auch besser bedient.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Ich kann es mir nicht verkneifen, hier mal auf einen Pianisten hinzuweisen, dem Jarrett sehr viel verdankt, der allerdings ein nicht annähernd so großes Ego besitzt und deswegen lange nicht so gefeiert wird - was wahrscheinlich auch gut so it: Paul Bley.

      Eine seiner letzten CDs gibt es gerade zum Sonderpeis - für meinen Geschmack wesentlich mehr Tiefgang als Jarrett, und eine viel breitere Palette.

    • Miguel54 schrieb:

      Ich kann es mir nicht verkneifen, hier mal auf einen Pianisten hinzuweisen, dem Jarrett sehr viel verdankt, der allerdings ein nicht annähernd so großes Ego besitzt und deswegen lange nicht so gefeiert wird - was wahrscheinlich auch gut so ist: Paul Bley.


      Eine besonders gerne gehörte CD auf meiner Festplatte :D ist diese Aufnahme, die Paul Bley mit Gary Peacock, Tony Oxley und John Surman zusammen aufgenommen hat. Mit einer einigermaßen bassfähigen Anlage treibt einem Surmans Solo "Alignments" Schauer den Rücken hinunter.



      Liebe Grüße
      Peter Wollenberg
    • von Tyras
      Was den Schostakowitsch angeht: Ich denke, da ist man mit Scherbakov nicht bloß billiger, sondern auch besser bedient.


      Billiger sicherlich, aber ansonsten bin ich nicht der Meinung. Ich finde Jarrett hier meist feiner und ausgewogener. Ich habe schon oft negative Bemerkungen über das Klangbild bei Jarretts Einspielung gelesen, die ich aber beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Ich finde den Klang richtig gut. Sicherlich sind beide Einspielungen (Scherbakov und Jarrett) empfehlenswert. Ich persönlich präferriere Jarrett. Alles Geschmackssache...

      maticus :wink:
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • maticus schrieb:

      von Tyras
      Was den Schostakowitsch angeht: Ich denke, da ist man mit Scherbakov nicht bloß billiger, sondern auch besser bedient.


      Billiger sicherlich, aber ansonsten bin ich nicht der Meinung. Ich finde Jarrett hier meist feiner und ausgewogener. Ich habe schon oft negative Bemerkungen über das Klangbild bei Jarretts Einspielung gelesen, die ich aber beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Ich finde den Klang richtig gut. Sicherlich sind beide Einspielungen (Scherbakov und Jarrett) empfehlenswert. Ich persönlich präferriere Jarrett. Alles Geschmackssache...

      maticus :wink:


      Das Klangbild der Jarrett-Aufnahme ist sehr hallig. Gerade bei kontrapunktischer Musik ist das eher kontraproduktiv.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • von Tyras
      Das Klangbild der Jarrett-Aufnahme ist sehr hallig. Gerade bei kontrapunktischer Musik ist das eher kontraproduktiv.


      Empfinde ich nicht so. Jedenfalls finde ich es in keinster Weise schwammig oder dergleichen, es ist alles ganz transparent und sauber. Bei Scherbakov (sicherlich auch eine sehr gute Aufnahme) finde ich den Anschlag oftmals zu hart, und manchmal wird er für meinen Geschmack zu laut.

      Wie gesagt, alles Geschmackssache. Der Interessent sollte sich selbst sein Urteil bilden, aber nicht von vornherein eine Einspielung ungehört ausschließen.

      Nebenbei, generelle Frage: Auf welchem Flügel spielt Jarrett?

      maticus :wink:
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Eine schöne Rezension:
      http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,806123,00.html

      Bin gespannt auf



      Letztes Jahr hatte mir schon



      viel Vergnügen bereitet.

      :wink: maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Hier noch ein Interview der ZEIT mit Jarrett zu "Rio":
      "http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-12/keith-jarrett-interview"
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)