Schostakowitsch – Literaturempfehlungen

    • Hier sind Links zu weiteren Rezensionen. (Allerdings historische Fakten teilweise recht lausig referiert.)

      Selbst kenne ich nur das englische Original. Ob ich mir die deutsche Fassung auch noch kaufe, weiss ich noch nicht. (Wenn, dann nur der "Vollständigkeit" halber, aber ohne Enthusiasmus.) Siehe auch meinen Beitrag #98 weiter oben.

      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • Hallo zusammen,

      in den letzten Tagen habe ich Julian Barnes' The noise of time ebenfalls gelesen. Ich bin nun im Unklaren, was das Buch genau sein will. Einerseits traut es sich, der Figur und dem Menschen in wenigen Punkten seiner Biographie sehr nahezukommen: 1936/1937, 1948/1949 und grob die 1960'er Jahre. Dennoch wird nicht klar, was der Sinn dieser Übung ist? Will es eine Reflexion über Selbstbehauptung in Zeiten großer seelischer Not in Folge von Unterdrückung sein?

      In meinen Augen birgt das Buch sicher keine neuen Aspekte zum Verständnis der Musik ....

      Der Begriff des Feiglings ist für Barnes sicher kein negativer, dafür weiß er DS in der ersten Reihe der Angegriffenen während Stalins Säuberungen und auch bei den Angriffen in 1948. Gilt seine Bewunderung der Tatsache, dass DS trotz der direkten Angriffe auf seine Musik, weiterhin zu seinen künstlerischen Überzeugungen, zu seinem Ich gestanden hat, es sich, abgesehen von manchem schlechten Stück nicht zu leicht gemacht hat? Steht der Feigling für jemanden, der klug ist, keine weiteren offensichtlichen Fehler zu begehen, sondern seine 'Selbstbehauptung' immer weiter in den Untergrund seiner Stücke zu vergraben? Vielleicht können die Mitforisten, die sich mit einem überaus erfolgreichen Buch eines wichtigen zeitgenössischen Autoren auch auseinandergesetzt haben, ihre Sicht vertiefen.

      Hat jemand im Forum die von Barnes dringend empfohlenen Bücher von Elisabeth Wilson, Shostakovich: A life remembered, rev.ed. 2006, I. Glikman, Story of a Friendship, 2001 sowie M. Ardov, Memories of Shostakovich, 2004 gelesen?

      Gruß Benno
    • Ich füge meinen Beitrag vom 7. März 2017 aus "Eben gewälzt" hier ein, wo er vermutlich sowieso besser passt:

      maticus schrieb:

      So, nun doch auch die deutsche Version:



      Letztes Jahr im Februar habe ich das englische Original gelesen, nun die deutsche Version. Ich bin diesmal etwas zufriedener. Sicher, ich verstehe deutsch deutlich besser als englisch, aber die schöne Sprache konnte ich auch im Original genießen. (Nebenbei: die deutsche Übersetzung von Gertraude Krueger ist sehr gut gelungen.) Vielmehr denke ich, dass ich jetzt beim zweiten mal gnädiger mit den Schwächen des "Romans" umgehe.

      Die Stärke des Buches liegt sicherlich in der Stilistik und in der Deutlichmachung und Diskussion der gequälten Zwiespältigkeit des Komponisten. Eher sehe ich Schwächen in der etwas einseitigen Auswahl des Stoffes mit dem Schwerpunkt "Feigling". Gut, ich sehe, dass dadurch dem Buch seine Kompaktheit und Eleganz ermöglicht wird, und der allgemeine Leser durch zu viele Details eher verwirrt als informiert wird. Sicherlich hat der Roman gerade durch diese thematische Verknappung seinen Charme.

      Ich sehe bei dieser Art von Literatur immer eine gewisse Problematik. Sie nennt sich "Roman", gibt also damit zu, fiktiv zu sein, andererseits hat es mehr Ähnlichkeit mit einer (Auto-) Biographie oder noch eher mit Memoiren. Nun sind "Memoiren" bei Schostakowitsch durch Volkov ja besonders problembesetzt. Nun verwendet Barnes diese umstrittenen Memoiren, neben Elisabeth Wilson, auch noch als Quelle, und setzt noch eigenes Fiktives hinzu. Die Gefahr sehe ich, dass der Leser dies alles für die historische Wahrheit hält, auch wenn es klar als "Roman" gekennzeichnet ist. Der Kenner wird das auseinander halten können, der Laie wird es nicht besser wissen und dann glauben, dass er es (nach dem Lesen) weiss. Und gerade beim zweiten Leserkreis finde ich problematisch, dass die Auszüge aus den biographischen Daten sehr speziell sind. Aber auch beim "Experten" können sich entsprechende Bilder schleichend einbrennen.

      Mir ist gleichzeitig klar, dass Literatur alles darf, und rein belletristisch gesehen ist dies wirklich ein gelungenes und schönes Buch. Ich bin da subjektiv sicherlich etwas beckmesserisch, weil ich bei meinem Lieblingskomponisten an einer ausgewogenen Darstelllung seiner Lebensleistung interessiert bin. Ich denke dann konkret etwa daran, dass ich Freunde habe, die Julian Barnes sehr mögen, von Schostakowitsch (und generell klassischer Musik) wenig bis nichts wissen, und denen ich das Buch sicherlich ausleihen werde.

      Wie schon gesagt, empfand ich diese Problematik nach dem ersten Lesen (englisch) stärker als jetzt nach dem zweiten Lesen (deutsch). Vielleicht ist das ja schon Folge oben beschriebenen "osmotischen" Effekts... :D

      maticus
      Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Buch auch schwer tue und da sehr zwiespältig bin. Zwar freut mich, dass ein Buch über Schostakowitsch derart erfolgreich ist, allerdings wundere ich mich darüber auch ein bischen über die Lobhudeleien von allen Seiten. War ich beim Lesen des englischen Originals noch sehr kritisch eingestellt, viel mir die Akzeptanz des Buch beim Lesen des Buch auf deutsch ein Jahr später schon leichter (was an der Sprache gelegen haben mag (gute Übersetzung), aber wohl auch daran, dass ich häufig beim zweiten Lesen "gnädiger" bin).

      Ich frage mich, was würde ich nach dem Lesen des Buches über Schostakowitsch denken, wenn ich ihn vorher so gut wie nicht gekannt hätte. Würde ich nicht doch denken "was für ein Feigling"? Zumindestens ist ein mehr als nur rudimentäres Wissen über die Grausamkeiten des Lebens in der stalinistischen Gesellschaft notwendig, um das Wort "Feigling" sehr relativiert zu sehen. Sowie auch ein etwas breiteres Wissen über die Biographie von Schostakowitsch (inkusive Musik). Für meinen Gechmack hat Barnes so gut wie garnicht auch die durchaus mutigen Handlungen von Schostakowitsch genannt, die natürlich meist mit seiner Musik verbunden waren. Ich finde die Darstellung als zu einseitig, auch wenn man einwenden mag, dass es hier um eine quasi philosophische, aber lebensnahe Diskussion über Feigheit in einer solchen Gesellschaft geht. Aber wird Schostakowitsch da nicht zum "Bauernopfer" einer solchen Diskussion?

      maticus

      P.S. Das Buch von Elisabeth Wilson habe ich (zu großen Teilen) gelesen. (Eine ebenfalls nicht ganz problemfreie Quelle, wenn auch aus anderen, eher entgegengesetzten Gründen.)
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • eben gerade habe ich das Buch auch geschickt bekommen, und bin sehr gespannt.

      "Europe Central" ist gerade 3 Monate her für mich, auf Doc Stänkers Zeilen hin angeschafft.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Hallo Maticus,

      vielen Dank für Deine zahlreichen und sehr interessanten Stellungnahmen zum Barnes'schen Roman. Ich denke, ähnlich wie Du, dass die vielen positiven Äußerungen zum Buch aus der Ecke der Leser stammen, die wenig vorher mit der Materie Schostakowitsch wussten. Ohne hier alle Wolkow-Diskussionen aufzumachen, denke ich, dass Barnes sich schon über die umstrittene Quellenlage und die Gefahr, dass Information und Interpretation hier zu oft vermengt werden, bei Wolkow im Klaren ist. Aber um einen Roman zu so einer politischen Materie wie Schostakowitschs Position in seiner Zeit zu schreiben, muss er die Quelle gewichten und 'seine' Geschichte finden. Das hat Barnes getan.

      Könntest Du Deine Position zu Elisabeth Wilsons Buch noch etwas klarer formulieren? Sie würde mich interessieren, ich sehe Ihr Buch ja nicht als Quelle, sondern als Interpretation.

      @ Philmus, Europe Central fand ich sehr zäh und viel zu wenig konzentriert, zu unfokussiert. Die Menge der im Laufe des Buches im Focus stehenden Figuren war mir zu hoch. Wenn man sich eine literarische Auseinandersetzung grob zu den Jahren 1920-1950 in Ost- und Mitteleuropa wünscht, halte ich Die Wohlgesinnten von J. Littell für das erheblich bedeutendere Buch.

      Gruß Benno
    • Kurzer Einschub

      Hallo,
      ich halte es für einen Fehler, den Roman von Barnes als biografisch heranzuziehen, nur weil er Aspekte des Schicksals DS beleuchtet. Das habe ich aber schon im "Lesen" Thread begründet.
      Romane sind eben keine Biografien und wollen es auch nicht sein. Wer das verwechselt, landet schnell bei "alternativen Fakten."
      Das Buch von Volkow ist schon oft kritisiert worden, ich erneuere es nicht, Das Buch von Frau Wilson ist sehr stark von Rostropowitsch Erinnerungen geprägt. Das kann man als Schwäche bezeichnen.

      Gruß aus Kiel

      PS:
      Littels "Wohlgesinnte' war sicherlich ein prima Skandalbuch, erzählt aus der Ich-Perspektive eines schwulen SS Offiziers.
      Das Buch von Vollmann will nicht fokussiert sein, warum auch? Das Nebeneinander von Geschichten lässt sich so viel besser erzählen.
      Roman-Tipps von mir für die Zeit 1920 - 1950 wären
      Manes Sperber: "Wie eine Träne im Ozean" und
      Artur Köstler: "Sonnenfinsternis" Da kommt aber DS nicht drin vor.
      Daher auch PS
      :
      Der beste Beweis dafür, das es im Universum intelligentes Leben geben muss, ist der, dass noch keiner versucht hat, mit uns Kontakt aufzunehmen (Calvin and Hobbes)
    • Kurzer Einwurf

      Doc Stänker schrieb:

      Das Buch von Frau Wilson ist sehr stark von Rostropowitsch Erinnerungen geprägt. Das kann man als Schwäche bezeichnen.
      Das magst du als Schwäche bezeichnen. Frau Wilson arbeitet viel mit Erinnerungen von Zeitzeugen - aus Memoiren , Interviews , usw.- die sich z.T. widersprechen . Da Rostropovich diesbezüglich eine Menge hinterlassen hat, findet er entsprechend Berücksichtigung. Aber mir kam nie in den Sinn, daß dies die Arbeit prägte. Wie solche Erinnerungen einzuordnen sind , und auch "offizielle" Verlautbarungen aus der damaligen Presse , ist bekannt . Und gerade da deckt Frau Wilson manchen Widerspruch auf . Also : von Rostrovichs Erinnerungen geprägt ? Meine Ausgabe nicht . Ist aber auch nicht die letzter Hand .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang "
    • Doc Stänker schrieb:

      Das Buch von Vollmann will nicht fokussiert sein, warum auch? Das Nebeneinander von Geschichten lässt sich so viel besser erzählen.
      Wenn man nun Vordringlich an der einen, eben musikhistorisch interessanten Geschichte interessiert ist, kann die Vielfalt schon nerven. Mir gings so, daß ich mich recht bald einlassen konnte auf die vielen Perspektiven.
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    • Doc Stänker schrieb:

      Ich halte es für einen Fehler, den Roman von Barnes als biografisch heranzuziehen, nur weil er Aspekte des Schicksals DS beleuchtet. Das habe ich aber schon im "Lesen" Thread begründet.
      Dankenswerterweise steht ja schon auf dem Cover "Roman", damit man das nicht verwechselt. Aber er vermischt doch Fiktion und biografische Fakten. Dem unbedarften Leser ist nicht klar, was ist Fakt, was ist Fiktion. Das sehe ich als eine Gefahr. Wenn der Schwerpunkt auf Fiktion liegt, warum hat Barnes dann nicht eine rein fiktive Person erfunden? Weil das dann kein Schwein interessieren würde? Tja.

      Zum Buch von Wilson. Einerseits ist sicher richtig, was Doc Stänker schreibt, denn Wilson ist Rostropowitsch-Schülerin. Andererseits sehe ich Aussagen von Zeitzeugen (Freunden etc.) sehr kritisch und zwiespältig. Oberflächlich könnte man ja denken, dass wir die historischen Fakten damit aus "erster Hand" bekommen. Auf der anderen Seite sind solche Aussagen immer stark subjektiv gefärbt, insbesondere (aber nicht nur) durch die Bewunderung des Helden. Diese Art der Präsentation von Geschichte ist ja seit gut zwei Jahrzehnten sehr modern geworden, nicht nur durch das ZDF. Es ist aber kritisch zu sehen.

      maticus
      Wer B sagt, muss auch A sagen. --- Klassische Klarinettistenweisheit
    • maticus schrieb:

      Ich frage mich, was würde ich nach dem Lesen des Buches über Schostakowitsch denken, wenn ich ihn vorher so gut wie nicht gekannt hätte. Würde ich nicht doch denken "was für ein Feigling"? Zumindestens ist ein mehr als nur rudimentäres Wissen über die Grausamkeiten des Lebens in der stalinistischen Gesellschaft notwendig, um das Wort "Feigling" sehr relativiert zu sehen. Sowie auch ein etwas breiteres Wissen über die Biographie von Schostakowitsch (inkusive Musik).
      Unbestritten, wenn man keine Ahnung (bzw kein Vorstellungsvermögen) hat, wie existentiell die Zwänge gewirkt haben, kann es so aussehen. Aber die Frage der Entscheidung zwischen Märtyrertum (das auch bedeutet, daß die Deutungshoheit über Motive komplett verloren geht) und Überleben (bzw das der Kinder etc) wird doch schön dargestellt und implizit schon ziemlich klar, daß, wer so ein Handeln "feige" findet, lieber einen toten Helden gehabt hätte als einen lebenden Komponisten.
      Auch finde ich den Preis der Selbstentfremdung, den es kostet, etwa auf der Amerikareise in einer abgelesenen Rede einen geschätzten Kollegen wie Strawinsky zu verdammen, sehr einfühlsam dargestellt.
      (ist das biographisch korrekt? ich meine, hat er Strawinsky wirklich in Wahrheit geschätzt bzw fast verehrt, wie es bei Barnes anklingt?)

      maticus schrieb:

      Ich finde die Darstellung als zu einseitig
      Wirklich? Vielleicht kommt nicht richtig heraus, daß sich der Komponist doch immerhin sehr lange um die Mitgliedschaft in der Partei drücken konnte .. Die Worte, die ihm in den Mund gelegt werden, wie "ich trete in keine Partei ein, die Menschen ermordet" finde ich nicht feige und frage mich, ob er sie einem Gesandten von "oben" so ins Gesicht gesagt hat.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht