Beethoven: Die letzten drei Klaviersonaten – eine Diskografie

    • Lieber Bernd,
      danke für den sehr neugierig machenden Höreindruck.
      Eine Frage dazu:
      Spielt Schiff hier Bösendorfer oder Steinway oder eine andere Marke?
      (Soviel ich weiß, hat er bei diesem Beethoven Zyklus auf verschiedenen Klavieren gespielt.)
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Spielt Schiff hier Bösendorfer oder Steinway oder eine andere Marke?
      (Soviel ich weiß, hat er bei diesem Beethoven Zyklus auf verschiedenen Klavieren gespielt.)


      Lieber Alexander,

      im Booklet habe ich nichts dazu gefunden und bin leider auch unfähig, in dieser Hinsicht einen Unterschied zu hören. Im Konzert hat Schiff aber op. 109 und op. 110 auf einem Bösendorfer gespielt und ist für op. 111 auf einen Steinway umgestiegen (vgl. diese Rezension in der NZZ: "http://www.nzz.ch/articleEP1OL-1.78740").

      Op. 110 mit Schiff: Sehr kantabel und zurückhaltend im Kopfsatz, nicht sehr stürmisch (wenn auch bei weitem nicht so gemessen wie Richter) im Scherzo - das "Ich bin liederlich" wird noch extra mit einem auftaktigen Rubato aufgeladen. Für mich eine kleine Enttäuschung auf hohem Niveau die Adagio-Teile des Schlussatzes: flüssig, schön kantabel, im Arioso dolente mit ausdrucksvoller linker Hand, aber mir zu wenig expressiv rhetorisch in der Melodie. Sehr überzeugend dagegen die Fugenteile, die sich zunächst sehr zart und zurückhaltend entwickeln. Schiff geht nicht gleich beim ersten Forte in die Vollen und hält auch in der Fugenreprise das "nach und nach wieder auflebend" über eine lange Strecke durch, erzeugt beim Wechsel zu kleineren Notenwerten im "Meno allegro" wirklich den Eindruck eines langsameren Tempos, bevor er dann in der Schlussteigerung alle Fesseln abwirft und die letzten vierzig Takte mit einer Ekstase herausschleudert, die gerade aufgrund der vorher auferlegten Zurückhaltung besonders überwältigt.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • AlexanderK schrieb:

      Ich war damals im Konzert, es war der letzte Wiener Auftritt des Künstlers. Schön, dass er auf CD dokumentiert ist. (Die Fernsehaufzeichnung erschien bisher wohl nur als VHS Video).
      Kein altersweiser Abschied, sondern einfach nur die Musik mit Herz und Seele aus dem Augenblick leben. So empfinde ich es, wenn ich die Aufnahme höre. (Und doch: DIESE Werkauswahl zum "Abschied"...)


      Diese CD hatte ich gekauft, als sie gerade erschienen war, so Ende der 1980er. Sie hat mich bei diesen drei Sonaten derartig geprägt, dass es mir schwerfällt, andere Aufnahmen herankommen zu lassen, inklusive Arrau, Schiff, Levit, und andere. Etwa die Fuge in Op. 110 finde ich hier einmalig schön.

      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie
    • Horowitz 1987 war für mich preislich unerschwinglich (und der Stehplatz viel zu schnell ausverkauft; immerhin live im Radio und zeitversetzt im Fernsehen damals mitzuerleben gewesen), Friedrich Guldas letztes Konzert in Wien 1999 habe ich verpasst, weil ich terminlich unaufschiebbar verhindert war (schmerzlich bis heute), aber in diesem Serkin Konzert (ebenfalls dessen letztes Wiener Konzert) war ich drin, live war es ein bis heute unvergessliches Konzertereignis im Wiener Konzerthaus. Einen der ganz Großen noch erlebt zu haben, mit diesen Werken zumal, sich mit op. 111 zu verabschieden - ewige Momente, schön, dass sie festgehalten wurden und wertgeschätzt werden.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mir gefällt neben Pollini



      (er hatte die letzten Sonaten in einem Konzert im gr. Festspielhaus in Salzburg vor einigen Jahren ganz "liebevoll" dargeboten) und Gulda (3) eben Gerhard Oppitz: Ausgeglichen und gute Akkustik (mit Raum!).




      Aufnahme 01.2006 Reitstadel Neumarkt

      gibt es im Paket gerade bei jpc sehr günstig.

    • Die Oppitz Aufnahme ist meines Erachtens besser als ihr Ruf. Einige Rezensenten haben ihn ja unter "Nix Besonderes, aber virtuos" abgelegt. Ich hatte mir alle 32 Sonaten noch im Überschwang eines prima Konzertes in Kiel mit der Sonate Nr. 3 und Sonate Nr. 32 gekauft und habe es nicht bereut, die 19,99 anzulegen. Auch die drei letzten Sonaten geraten für meine Begriffe vorzüglich. Ein "Beethoven" für jeden Tag.

      Klar gibt es Faszinierenderes. Aber muss man das immer haben?
      Solomon und Schnabel sind wie Backhaus altersbedingt mono, aber toll! Gould fand ich mal gut, aber mit der Zeit zu gewollt anders.
      Gilels hat die letzte Sonate nie gespielt, ABM hat nur die letzte aufgenommen, bei Annie Fischer fehlt Nr. 31. Auch schätze ich Ciccolini (2006 live) mit Nr. 31 sehr.
      Mitsuko Uchida hat alle drei letzten Sonaten ebenfalls prima 2009 live in Paris gespielt. Ich hatte erst Angst, sie würde zu "verzärtelt" rangehen, aber weit gefehlt. Die Dame hat es drauf. Mit Bräutigam dagegen werde ich nicht so richtig warm.

      Bei Richter verliere ich jedoch den Überblick. Vielleicht könnte Musiclover mal ein "Best of" der letzten drei Sonaten Beethovens unter Richter zusammen stellen.
      Gruß aus Kiel
      Der beste Beweis dafür, das es im Universum intelligentes Leben geben muss, ist der, dass noch keiner versucht hat, mit uns Kontakt aufzunehmen (Calvin and Hobbes)
    • Eigenartigerweise wurde hier noch nicht der Name Michael Korstick genannt, der eine überwältigende Darstellung der Sonaten von Beethoven vorgelegt hat. Das gilt selbstverständlich auch für die 3 letzten Sonaten. Die Konsequenz und Unerbittlichkeit mit welcher Korstick den Notentext umsetzt ist grandios. Für mich ist dies eine der überzeungendsten Interpretationen überhaupt, und man merkt dass sich der Künstler intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt hat, denn er liefert durchweg schlüssige Ergebnisse. Das betrifft sowohl die Wahl der Tempi, als auch die Beachtung der dynamischen Anweisungen von Beethoven, die ja zumal recht schroff ausfallen. Das ist alles wohlbedacht und mit großer Leidenschaft vorgetragen.



      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Michelangeli hat meines Wissens vier Beethoven-Sonaten gespielt, wobei ich nicht genau weiß, welche davon nur als Mitschnitte vorliegen: op.2/3, op.7, op.22 und op.111.
      (In der posthum veröffentlichten Hungaroton-Einspielung Annie Fischers sind die Sonaten meines Wissens komplett. op.109 und 111 gibt es auch in einer EMI-Aufnahme vom Ende der 1950er.)


      Mein Richter-Tip: Leipzig,November 1963, aber ich habe sicher nicht den Überblick

      Diese Musik ist scheußlich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notzüchtigen des Schönen würde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafen von Seite des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist polizeiwidrig, sie würde Unmenschen bilden, wenn es möglich wäre, daß sie nach und nach allgemeinen Eingang finden könnte. [...] Diese Oper kann nur Narren gefallen, oder Blödsinnigen oder Gelehrten, oder Straßenräubern und Meuchelmördern. (Grillparzer über Webers Euryanthe, 1823)