Bartók: Die Streichquartette - Welche Aufnahmen sollte man kennen?

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    • Bartók: Die Streichquartette - Welche Aufnahmen sollte man kennen?

      Jeder weiß, dass es nur drei große Streichquartettzyklern gibt: Beethoven, Bartok und Schostakowitsch. Bei Beethoven und Schostakowitsch fühle ich mich gut bestückt. Bei Bartok hingegen weiß ich nicht so recht. Drei Aufnahmen besitze ich: Emerson, Rubin und Takacs (Belcea ist auf dem Weg zu mir - ich habe irgendwann irgendwo eine gute Kritik gelesen und daher vor wenigen Tagen ein günstiges Angebot angeklickt). Klar in Front liegt bei mir Takacs. Allerdings habe ich, wenn ich mir bei amazon die Aufnahmen auflisten lasse, den deutlichen Eindruck, dass die Welt der Bartok-Quartette größer ist, als ich sie kenne.

      Wenn ich mir also einen Überblick über die verschiedenen Arten, Bartoks Quartette aufzuführen, verschaffen möchte, welche Aufnahmen sollte ich dann kennen? Welche Aufnahmen findet ihr besonders gut (und warum)? Welche Aufnahmen sind besonders mild und warm, welche hart und aggressiv?

      Fragt
      Thomas
    • RE: Bartók: Die Streichquartette - Welche Aufnahmen sollte man kennen?

      Knulp schrieb:



      Welche Aufnahmen sind besonders mild und warm, welche hart und aggressiv?


      Ich kenne mich mit den Bartók-Quartetten leider immer noch nicht gut aus und fühlte mich nicht berufen, eine Antwort auf die Frage geben zu können.

      Ich kann nur sagen, dass ich meine beiden Zyklen beide als bensonders mild und warm empfinde (vor allem das Ungarische Streichquartett / DG) und das kommt mir als Bartók-Qurtette-Kennenlerner vielleicht auch eher entgegen als ein sprödes Gekratze (?).


      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Hallo Thomas,

      auch wenn ich zum Thread-Thema nicht viel beitragen kann, weil ich nur die Emerson- und die Juilliard-Aufnahme besitze: Dein Satz
      Jeder weiß, dass es nur drei große Streichquartettzyklern gibt: Beethoven, Bartok und Schostakowitsch.
      kann so auf keinen Fall stehen bleiben: Man kann nicht Quartettzyklen aufzählen, ohne Joseph Haydn an ganz wichtiger Stelle zu berücksichtigen!

      Viele Grüße,

      Christian
    • Bis jetzt habe ich nur die historische Aufnahme vom Juilliard Quartet (1963, CBS bzw. später Sony):



      Der Klang ist trocken und sehr direkt. Und zahm spielen die Juilliards da wohl nicht. Ich brauche erstmal keine Alternative.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • ChKöhn schrieb:

      Man kann nicht Quartettzyklen aufzählen, ohne Joseph Haydn an ganz wichtiger Stelle zu berücksichtigen!


      Doch, man kann. Ich hab´s oben getan.

      Es führt zwar etwas vom Thema ab, aber Wulfs " :rolleyes: " veranlasst mich doch zu einer kurzen Erläuterung: Zunächst ist es für mich ganz offenbar, dass ihr, lieber Christian und lieber Wulf, mich und meinen Schreibstil nicht gut genug kennt. Würdet ihr es, könntet ihr in Erwägung ziehen, dass die Jeder weiß-Formulierung von mir bewusst gewählt wurde, um der strikten Dreifaltigkeit eine ironisch distanzierende Brechung beizugeben.

      Unabhängig davon gibt es m. E. tatsächlich gute Gründe dafür, den Streichquartettzyklen der drei von mir genannten Komponisten gegenüber denen von Haydn und anderen tatsächlich die von mir aufmerksamkeitskatalysatorisch genannte Vorrangstellung einzuräumen. Diese drei Komponisten haben in nahezu jedem Quartett Großartiges geschaffen und mit ihren Quartetten eine ungeheuerliche Ausdruckstiefe erreicht. Haydn hat das m. E. nicht. Seine musikhistorische Bedeutung für die Entwicklung der Streichquartette ist unstreitig gar nicht hoch genug einzuschätzen. Jedoch gibt es bei ihm nicht dieses durchgängig allerhöchste Niveau und erlebe ich bei Haydn nicht die Ausdruckstiefe der anderen Komponisten. Pointiert gesagt ist das Streichquartett bei Haydn ein unterhaltendes Spiel, während es bei den anderen um alles geht. Um dem sich aufdrängenden Einwand vorzugreifen: Ja, selbstverständlich sind die Unterschiede zeitbeding und kann man Haydn nicht vorwerfen, nicht von Anfang an Vollkommenes geschaffen zu haben, wenn er doch gerade erst das Fundament für alle späteren Streichquartette geschaffen hat. Ich werfe es ihm auch gar nicht vor, im Gegenteil, ich erkenne es hoch an. Das ändert jedoch nichts an dem Vorliegen des von mir genannten Tatbestands.

      @ThomasB,, Tyras: Euch vielen Dank für eure Beiträge.

      Zitat ThomasB.: "Ich kann nur sagen, dass ich meine beiden Zyklen beide als bensonders mild und warm empfinde (vor allem das Ungarische Streichquartett / DG) und das kommt mir als Bartók-Qurtette-Kennenlerner vielleicht auch eher entgegen als ein sprödes Gekratze (?)."

      Das dürfte von Fall zu Fall unterschiedlich sein und vor allem davon abhängen, woher man kommt. Kommt man von Haydn, trifft das sicher zu. Kommt man hingegen von Rihm (der gerade dabei ist, einen interessanten Zyklus herzustellen, den ich leider noch viel zu wenig kenne - bis auf Nr. 3)

      Eine Frage fällt mir noch ein: Ab wie vielen Quartetten beginnt ein Zyklus? Ab Janacek, ab Brahms, ab Schnittke, ab Carter? Jedenfalls ab Bartok (also ab 6)!

      Gibt es eigentlich mehrere Einspielungen des Vegh Quartetts?

      Viele Grüße
      Thomas (der übrigens erst gestern seinen Kindern das Kaiserquartett vorgespielt hat).
    • Knulp schrieb:

      Diese drei Komponisten haben in nahezu jedem Quartett Großartiges geschaffen und mit ihren Quartetten eine ungeheuerliche Ausdruckstiefe erreicht. Haydn hat das m. E. nicht.
      Lieber Thomas,

      ich finde du tust Haydn Unrecht. Klar finde auch ich, dass die drei von dir genannten Zyklen von ganz besonderer Güte sind. Und du räumst auch ein, dass Haydn außerordentliches in seiner gewaltigen Anzahl an Streichquartetten geleistet hat. Du argumentierst aber gegen Haydn mit höchst subjektiven Parametern. Ausdruckstiefe beispielsweise. Du hörst sie nicht, aber ist es dann auch tatsächlich so? Ich z.B. finde Stellen in den Zyklen op.71 und op.76 tutiefst berührend bei gleichzeitiger Bewunderung für die formale Brillianz. Vom streckenweise köstlichen Humor Haydns ganz zu schweigen...

      Zur eigentlichen Frage: Es scheint hier eine allgemeine Tendenz zum Juilliard String Quartet zu geben, dessen Aufnahme von Bartóks Quartetten ich ebenso habe wie die günstige Einspielung vom Rubin Quartett. Erstere favorisiere ich allerdings deutlich. Ein Freund von mir schwört allerdings felsenfest auf das Végh-Quartett. Müsstest du mal probieren, ich kann's zur Zeit noch nicht beurteilen.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Hallo Thomas,

      Knulp schrieb:

      Eine Frage fällt mir noch ein: Ab wie vielen Quartetten beginnt ein Zyklus? Ab Janacek, ab Brahms, ab Schnittke, ab Carter? Jedenfalls ab Bartok (also ab 6)!


      Mit der Bezeichnung Zyklus habe ich so meine Schwierigkeiten, wenn nicht ein gewisser Zusammenhang der so zusammengefassten Werke besteht. Auf die Gesamtheit der Sinfonien oder Streichquartette eines Komponisten angewandt, ist er aber vielleicht doch nicht so abwegig, weil man retrospektiv immer eine gewisse Entwicklung feststellen können wird. Allerdings klingt 'Zyklus' bei Janacek (bloß 2 Quartette) ein bisschen dicke. Aus dem Bauch heraus würde es für mich so ab 5, 6 Quartetten passen.

      Aber es gibt natürlich auch Zyklen innerhalb eines Gesamtwerks: Bei Haydn kristallisierte sich als Norm heraus, Streichquartette im 6'er-Pack zu veröffentlichen. Wie viel Marketing und wie viel musikalischer Zusammenhang da im Einzelnen vorliegt, ist sicher eine spannende Frage. Das betrifft dann auch die Haydn-Quartette von Mozart und das op. 18 von Beethoven. Dessen 3 Quartette op. 59 sollen nach Meinung mancher als Zyklus konzipiert worden sein.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Lieber Thomas,

      Ironie habe ich durchaus in Erwägung gezogen, mein Antwort ist selbst nicht ganz ironiefrei. Allerdings habe ich in Deinen Worten auch ein Stück Bekenntnis herausgelesen. Die Kenntnis Deines Schreibstils mag zwar auf Ironie schließen lassen, die Beobachtung Deiner Hörgewohnheiten, soweit Du sie virtuell verlautbarst, lässt eben auch auf den ernsten Kern Deiner Aussage schließen.

      Vorweg: ich glaube kaum, dass sich der Haydn-Zyklus nicht hinter dem von Schostakowitsch verstecken muss. Der fehlende Ausdruck ist im Zusammenhang mit Haydn ein nicht selten zu vernehmender Kritikpunkt. Auf einer gewissen Ebene kann ich das auch durchaus nachvollziehen, auf einer anderen Ebene aber wiederum nicht. Haydn ist in seiner Idiomatik subtil, klug und verblüffend ökonomisch. Aber: so what? Ist Ausdruckstiefe der einzige Gradmesser für musikalische Qualität? Wohl kaum (zu diesem zwingenden Ausdruckswillen der Musik am besten mal die Herren Nietzsche oder Debussy befragen).

      Ich höre gerade zur Überprüfung Haydns op. 50 Nr. 5 und wüsste nicht, warum es sich überhaupt hinter irgendeinem anderen Quartett verstecken sollte.


      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Hallo Thomas,

      Knulp schrieb:

      Zunächst ist es für mich ganz offenbar, dass ihr, lieber Christian und lieber Wulf, mich und meinen Schreibstil nicht gut genug kennt. Würdet ihr es, könntet ihr in Erwägung ziehen, dass die Jeder weiß-Formulierung von mir bewusst gewählt wurde, um der strikten Dreifaltigkeit eine ironisch distanzierende Brechung beizugeben.

      Unabhängig davon gibt es m. E. tatsächlich gute Gründe dafür, den Streichquartettzyklen der drei von mir genannten Komponisten gegenüber denen von Haydn und anderen tatsächlich die von mir aufmerksamkeitskatalysatorisch genannte Vorrangstellung einzuräumen. Diese drei Komponisten haben in nahezu jedem Quartett Großartiges geschaffen und mit ihren Quartetten eine ungeheuerliche Ausdruckstiefe erreicht. Haydn hat das m. E. nicht.
      den pseudo-ironischen Unterton hatte ich durchaus wahrgenommen. Aber dass Dein Satz nicht wirklich ironisch zu verstehen war, bestätigst Du ja oben selbst, indem Du den Kern seines Inhalts, diesmal ohne jeden Unterton, wiederholst. Die vermeintliche Ironie diente wohl eher dazu, sich notfalls hinter ihr verstecken zu können, als die Sache selbst in Frage zu stellen. In dieser Sache kann ich Dir nur vehement widersprechen: Es gibt, anders als Du denkst, keinen einzigen "guten Grund", Haydn als Quartett-Komponisten hinter irgendjemandem zurückzustellen. Spätestens ab op. 20 ist jedes (jedes!) seiner Quartette einzigartig, voll großartigem Einfallsreichtum und nie erlahmender Experimentierfreude. Und wenn Du Haydn allen Ernstes "ungeheuerliche Ausdruckstiefe" absprichst, kann ich Dir nur empfehlen, z.B. das Fis-Dur-Largo aus op. 76/5 (oder, oder, oder...) aufmerksam zu hören. Um wenigstens einigermaßen zum Thread-Thema zurückzukommen: Schaff Dir statt eines vierten Bartok-Zyklus' lieber erst mal einen guten Haydn-Zyklus an.

      Viele Grüße,

      Christian
    • Lieber Wulf, lieber Christian,

      witzigerweise habe ich im letzten Jahr mehr Streichquartette von Haydn gehört als von Bartok, Beethoven und Schostakowitsch zusammen. Ich dachte mir, dass das Haydn-Jahr ein guter Zeitpunkt ist, um sich seinen Streichquartetten zu nähern, und habe mir nach und nach die Buchberger-Einspielung zugelegt (bis auf die letzten beiden Vol.) und vornehmlich diese gehört (daneben habe ich vor allem Naxos-Einspielungen des Kodaly Q.). Mir wurde beim Hören nie langweilig. Ich fühlte mich bestens unterhalten. Allerdings hörte ich diese Quartette vorzugsweise über meinen MP3-Player beim U-Bahnfahren (heute Morgen z.B. op. 42 und op. 33,1). Zu Hause lege ich sie nur sehr selten auf, weil sie mich nicht genügend fesseln und ich sie eben doch eher als Begleitmusik zu anderen Tätigkeiten (wie Bahnfahren oder lesen) nutze.

      Es liegt mir fern, Ausdruckstiefe als einzigen Gradmesser für musikalische Qualität anzusehen. Allerdings beeindrucken mich persönlich regelmäßig Werke, die solche aufweisen, stärker als andere (das ist nicht auf die Gattung Streichquartett beschränkt). Auch im Sprechtheater z. B. mache ich mir mehr aus Dramen und Tragödien als aus Komödien. Damit möchte ich Komödien oder eben Haydn-Streichquartette gar nicht abwerten. Nichts habe ich dagegen, dass andere Komödien oder eben Haydn an die allererste Stelle setzen.

      Es mag abgesehen von dieser persönlichen Prädisposition zudem sein, dass mir der Zugang zu der ganzen Tiefe der Haydnschen Streichquartett-Welt mangels hinreichender Kenntnisse versperrt ist. So habe ich mich im letzten Jahr durch Rosens Buch über den klassischen Stil gequält. Das Buch hat mich überfordert. Entsprechend entgeht mir sicherlich vieles von dem, was insbesondere dich, Christian, als Profi gerade begeistert.

      Warum du aber, lieber Christian, vom pseudo-ironischen Unterton und vom verstecken können redest und somit doch etwas ins Persönliche übergehst, kann ich nur schwer nachvollziehen. Ja, ich schätze die von mir genannten drei Zyklen höher ein als z. B. den von Haydn (oder den von Schubert – was nicht heißt, dass ich die späten Quartette nicht großartig fände – oder den von Dvorak). Aber selbstverständlich muss man da nicht meine Einschätzung teilen, ist mir bekannt, dass das nicht jeder so sieht wie ich. „Jeder weiß“ ist mithin eine bewusst gegenteilige und mithin ironische Formulierung. Mit verstecken können hat diese nichts zu tun. Im Gegenteil bin ich bereitwillig auf das von euch aufgedrängte off-Topic-Thema eingestiegen und habe meine Auffassung zu begründen versucht (und dadurch meinen eigenen Thread zerschossen), obwohl ich insbesondere dir, lieber Christian, in diesem Thema hoffnungslos unterlegen bin.

      Lieber Christian, du schreibst: „Es gibt, anders als Du denkst, keinen einzigen "guten Grund", Haydn als Quartett-Komponisten hinter irgendjemandem zurückzustellen.“ Der Hauptgrund ist meine Hörerfahrung. Nach Streichquartetten der von mir genannten denke ich bisweilen: Wow, war das gut! Bei Haydn hingegen denke ich zumeist: Ja, das war nett. Diesen Eindruck bitte ich nicht, als erneuten Angriff auf Haydn zu verstehen. Ich schreibe nur, wie ich persönlich es wahrnehme. Bei mir selbst übrigens ist es auch noch so – womöglich wegen noch nicht genügender Vertrautheit mit den Haydn-Quartetten -, dass es beliebig ist, ob ich z. B. op. 33,1, op. 33, 2 oder op. 33, 3 auflege. Die allermeisten der Haydn-Quartette nehme ich nicht als eigenständige Charaktere wahr, sondern als Teil einer Gruppe ohne eigenes Gesicht.

      Op. 76/5 werde ich demnächst mal auflegen.

      Viele Grüße
      Thomas
    • Hallo Thomas,

      Knulp schrieb:

      Warum du aber, lieber Christian, vom pseudo-ironischen Unterton und vom verstecken können redest und somit doch etwas ins Persönliche übergehst, kann ich nur schwer nachvollziehen. Ja, ich schätze die von mir genannten drei Zyklen höher ein als z. B. den von Haydn (oder den von Schubert – was nicht heißt, dass ich die späten Quartette nicht großartig fände – oder den von Dvorak). Aber selbstverständlich muss man da nicht meine Einschätzung teilen, ist mir bekannt, dass das nicht jeder so sieht wie ich. „Jeder weiß“ ist mithin eine bewusst gegenteilige und mithin ironische Formulierung. Mit verstecken können hat diese nichts zu tun.
      ich gebe zu, dass ich empfindlich reagiere, wenn es um Haydn geht, aber natürlich sollte und wollte ich Dich nicht persönlich angreifen. Mit "pseudo-ironisch" meinte ich nur, dass Du ja den Kern Deiner Aussage trotz der ironischen Einleitung "jeder weiß" auch danach nicht in Frage gestellt hast.

      Knulp schrieb:

      Lieber Christian, du schreibst: „Es gibt, anders als Du denkst, keinen einzigen "guten Grund", Haydn als Quartett-Komponisten hinter irgendjemandem zurückzustellen.“ Der Hauptgrund ist meine Hörerfahrung. Nach Streichquartetten der von mir genannten denke ich bisweilen: Wow, war das gut! Bei Haydn hingegen denke ich zumeist: Ja, das war nett. Diesen Eindruck bitte ich nicht, als erneuten Angriff auf Haydn zu verstehen. Ich schreibe nur, wie ich persönlich es wahrnehme. Bei mir selbst übrigens ist es auch noch so – womöglich wegen noch nicht genügender Vertrautheit mit den Haydn-Quartetten -, dass es beliebig ist, ob ich z. B. op. 33,1, op. 33, 2 oder op. 33, 3 auflege. Die allermeisten der Haydn-Quartette nehme ich nicht als eigenständige Charaktere wahr, sondern als Teil einer Gruppe ohne eigenes Gesicht
      Du hast ja selbst geschrieben, dass Du Haydn vor allem nebenher beim Lesen etc. hörst, und das ist eindeutig unangebracht: Gerade die unendlich vielen geistreichen und feinen Ideen kann man unmöglich "nebenher" wahrnehmen. Man hört dann nur die volkstümliche Oberfläche der Werke und verwechselt sie leicht mit diesen selbst. Mit diesem Missverständnis bist Du bei Weitem nicht allein: Das Auryn-Quartett hat vor wenigen Monaten hier in Detmold einen Konzertzyklus aller Haydn-Quartette abgeschlossen, und viele unserer Musikstudenten haben das mit ganz ähnlichen Begründungen fast ignoriert (und mussten sich von mir so manche Standpauke anhören ;+) ). Zu op. 33 nur ganz kurz, weil es nicht hierhergehört: Nr. 1 pendelt am Anfang taktelang zwischen D-Dur und h-moll, erst im 11. Takt (auch nicht gerade die klassische Regel) ist die Grundtonart stabil erreicht. In dieser Art einzigartig. Nr. 2 ist allein schon wegen des sensationellen Schlusses mit keinem anderen Quartett zu vergleichen, in Nr. 3 ist z.B. das vollständig im piano sotto voce (bzw. mezza voce) gehaltene Menuett ganz besonders. Und so weiter: Jedes einzelne Haydn-Quartett ab spätestens op. 20 ist wieder ganz aufs Neue erfunden, geht neue Wege, weitab vom bloß Gefälligen, Routinierten. Es fällt mir deshalb auch schwer, in dem von Dir eröffneten Haydn-Thread ein oder zwei Quartette als "Spitzenquartette" besonders herauszustellen.

      Viele Grüße,

      Christian
    • Meine beiden Lieblingsaufnahmen - die unterschiedlicher kaum sein könnten - sind von Ungarischen Streichquartett und vom Hagen Quartett, beide DG. Erstere spielt Bartok aus dem Geiste der Romantik; zweitere irritiert dadurch, dass sie die Hyper-Expressivität, die derzeit groß in Mode ist, gerade nicht realisiert.



      Sehr empfehlenswert finde ich noch das Zehetmair Quartett bei ECM, die aber bloß zwei der sechs aufgenommen haben.

      Ich besizte noch neben einzelnen Quartetten verchiedenster Quartette die GAs des Alban Berg Quartetts (die ich mir nie mehr anhöre) und des Lindsay String Quartets.

      Nicht gekauft habe ich nach öfterem Anhören und Ausleihen: Takacs-Quartett, Quatuor Ebene, Emerson Quartet, Belca Quartett, Keller Quartet, Rubin Quartet, Vegh Quartet (die ältere; die jüngere kenne ich nicht), Vermeer Quartet. Am ehesten hätte ich noch beim Belcea Quartet zugeschlagen.

      Brennend interessieren würde mich das Mikrokosmos String Quartetbei Hungaroton! Kennt die wer von euch?

      Mein Lieblingsquartett dieses gigantisch guten OEvres ist übrigens die Nr. 1. :thumbsup:
      Gruß a.b.

      ----

      In der Musik geht es nicht um Perfektion, sondern um die Freiheit, zu zeigen, wer man wirklich ist.
    • - - - mit Bela hab ich`s nicht so (überhaupt mit "aggressiver" / agressiv-"untermischter" Musik - DIE goutiere ich am ehesten im Jazz)

      NATÜRLICH liebe ich sein "Graf Rotschopf" - Öperchen!!!!!!



      Allerdings besitze ich eine der grade erwähnten Zehetmaier-Aufnahmen (Nr.IV.) - höre da durchaus gerne die Sätze 2-4 :P ...FREUT mich `türlich, daß mein Vorschreiber sie für "sehr empfehlenswert" hält!!

      (Tommy Zehetmaier, NICHT-Ex-bajuvarischer-KulturMajor, mag eh`zu den "unterschätzten großen Fiedlern" der Gegenwart gehörn...)



      meine veerung :) ... dmitrmstislavsky
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske >Inventur<) Majo ist ätzend (Gus van Sant >Paranoid Park<) Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)


    • a.b. schrieb:

      Meine beiden Lieblingsaufnahmen - die unterschiedlicher kaum sein könnten - sind von Ungarischen Streichquartett und vom Hagen Quartett, beide DG. Erstere spielt Bartok aus dem Geiste der Romantik; zweitere irritiert dadurch, dass sie die Hyper-Expressivität, die derzeit groß in Mode ist, gerade nicht realisiert.



      [...]
      Nun ist die Aufnahme mit dem Hagen Quartett ja leider recht teuer, aber eben habe ich gesehen, daß laut Amazon in den nächsten Tagen eine Doppel-CD Hagen/Bartók beim Label "Newton Classics" erscheint:



      Weiß hier jemand, ob es sich dabei um die DG-Aufnahme handelt?

      :wink: Wolfgang
      Die Wahrheit zu sehen müssen wir vertragen können, vor Allem aber
      sollen wir sie unseren Mitmenschen und der Nachwelt überliefern,
      sei sie günstig oder ungünstig für uns. (August Sander)
    • Newton Classics is anscheinend ein neues Zweitverwertungslabel. Warum die Majors das zunehmend auslagern, ist mir nicht klar. Es handelt sich also ziemlich sicher um di DGG-Einspielungen.

      "http://www.newtonclassics.com/


      Kater Murr
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Poztupimi schrieb:

      Nun ist die Aufnahme mit dem Hagen Quartett ja leider recht teuer, aber eben habe ich gesehen, daß laut Amazon in den nächsten Tagen eine Doppel-CD Hagen/Bartók beim Label "Newton Classics" erscheint:



      Weiß hier jemand, ob es sich dabei um die DG-Aufnahme handelt?

      :wink: Wolfgang
      Dürfte so sein - Newton hat sich anscheinend Aufnahmen angenommen, die bereits länger vergriffen sind und veröffentlicht diese neu. Für Interessierte:

      "http://www.newtonclassics.com/4/catalogue".

      Edith: Der Kater war schneller.


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans