Wagner-Bücher

    • Ja, es ist wirklich seltsam, dass einem so großen Kenner nicht aufgefallen ist, was da alles nicht stimmt.

      Ich will gar nicht von der Obsession des Streits zwischen Ecclesia und Synagoga anfangen, weil das einfach zu albern ist, aber nehmen wir einanderes, sehr charakteristisches Beispiel: Die Darstellung des »Tannhäuser«. Daraus zum Beispiel dieser Satz:

      »Es handelt sich um die Geschichte des Minnesängerns Tannhäuser, welcher der Sinneslust der Venus verfällt, weil seine eigentliche Liebe, die im Grunde geistig begründete zu Elisabeth, der Tochter des Landgrafen von Thüringen, a priori gesellschaftlich nicht statthaft ist.«

      Wer das Stück kennt, weiß, dass das Unsinn ist. (Die sprachliche Fehlleistung der »Sinneslust«, einem von zahllosen Missgriffen dieser Art, wollen wir mal schweigend übergehen.) Tannhäusers Liebe zu Elisabeth ist keineswegs »geistig begründet«, wie immer man sich eine solche Liebe vorstellen soll. Wäre er zu einer solchen »geistig begründeten« Liebe in der Lage, gäbe es keinen Konflikt mit den Wartburg-Rittern, und das ganze Stück würde nicht stattfinden. Außerdem ist an keiner Stelle des Stücks keine Rede davon, dass seine Liebe zu Elisabeth a priori gesellschaftlich nicht statthaft ist. (A posteriori schon, nämlich nachdem er beim Sängerkrieg die Bombe gezündet hat. Aber da ist sowieso von einer Möglichkeit, diese Liebe zu verwirklichen, keine Rede mehr, und sei es nur weil diese Möglichkeit für Elisabeth nun (also a posteriori!) ausgeschlossen ist.) Und diese angebliche Unstatthaftigkeit seiner Liebe zu Elisabeth ist auch nicht der Grund, weshalb er die Wartburg verlässt. Vielmehr hatte er Streit mit den anderen Rittern, der mit Sicherheit mit seiner anderen Lebensauffassung zu tun hatte, weshalb es folgerichtig ist, dass er zu Venus ging, wo er sich der Sinnenlust (was für einen Unterschied doch ein Buchstabe machen kann!) hingab, weil ihm das eine tragfähige Alternative zur Welt der Wartburg schien.

      Etwas später gibt es diese Kostbarkeit: »Tannhäuser versündigt sich mit seiner sinnlichen Begierde an einer reinen Frau, und er missachtet die gesellschaftlichen Konventionen, indem er als Bürgerlicher die Nichte eines Landgrafen, die Adlige also, begehrt.«

      Auch das ist, wie jeder weiß, der das Stück kennt, Unsinn. Der erste Teil des Satzes besagt ja wohl, dass er über Elisabeth herfällt (jedenfalls wenn man des Deutschen halbwegs mächtig ist), was er nicht tut. Aber während das nur wieder eine sprachliche Fehlleistung ist, kann diese Ausflucht für den zweiten Teil des Satzes nicht geltend gemacht werden. Hier ist Tannhäuser plötzlich zu einem Bürgerlichen geworden, obwohl er eine halbe Seite vorher noch ein Minnesänger, also ein Ritter war. Was man sich zur Handlunsgzeit unter einem Bürgerlichen vorstellen soll, und wie man es sich denken soll, dass der zum Sängerwettstreit auf der Wartburg Zutritt hat, ja sogar von den Rittern nachdrücklich eingeladen wird, doch mitzukommen, ist Drüners Geheimnis und kann es meinetwegen auch bleiben, denn das muss er irgendwie geträumt haben. Im Stück steht davon nichts, und es ist auch ganz unmöglich. Ebenso wenig steht im Stück, dass es zwischen Elisabeth und Tannhäuser einen Standesunterschied gibt der die Ehe zwischen ihnen unmöglich machen würde, so dass sein Wunsch, sie zu ehelichen, eine Missachtung der Konventionen wäre. Richtig ist vielmehr, dass der Landgraf genau weiß, dass Elisabeth Tannhäuser liebt und sich sicher ist, dass Tannhäuser des Wettbewerb gewinnen und Elisabeths Hand erbitten wird, die er dann auch erhalten soll. Das geht mir aller wünschenswerten Klarheit aus dem Dialog zwischen dem Landgrafen und Elisabeth hervor – freilich nur für den, der ihn liest. Das hat Drüner anscheinend nicht getan, sonst wäre er nich auf diese Schnapsidee gekommen.

      Ganz kurios wird es, wenn er später auf der Basis dieser rudimentären Stückkenntnis fragt: »Geht es hier metaphorisch um die Vereinigung physischer und geistiger Qualitäten, um den Entwurf eines ganzheitlichen Menschentums, das jedoch in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nicht sein darf?« (Man ahnt, was er mit der »Vereinigung physischer und geistiger Qualitäten« meint, man ahnt auch, welche Prüderie – er wagt es nicht »körperlich« zu schreiben, was zu »geistig« deutlich besser passen würde als »physisch« – ihn zwingt, sich so verdreht aufzudrücken, aber was herauskommt, ist nicht, was er meint, sondern bedeutet einfach gar nichts. Und wieso die Vereinigung physischer und geistiger Qualitäten, die ja auf jeden Fall in jedem Menschen – und wohl in jedem Lebewesen, das etwas wie Geist hat, stattfindet – der Entwurf eines »ganzheitlichen Menschentums« sein soll, und was der Wellness-Begriff »ganzheitlich« hier überhaupt verloren hat, bleibt auch Drüners Geheimnis. Nun aber dekretiert er:) So kann man das Werk heute interpretieren, denn so ergibt es für uns Sinn. Wagner hat es so nicht gemeint.« Leider bleibt er uns die Mitteilung schuldig, wie er es denn sonst gemeint hat, und nennt uns auch nicht das Datum des Telefongesprächs mit Wagner, bei dem ihm dieser diese Mitteilung gemacht hat. Denn weder aus dem Stück noch aus Wagners eigenen Äußerungen zum Thema kann er das entnommen haben.

      Solchen Unsinn kann man fast auf jeder Seite finden. Was daran großartig sein soll, erschließt sich mir nicht. Wären neben diesen zahlreichen Unfällen irgendwelche Informationen zu finden, die man bisher nicht hatte, wäre es vielleicht nicht ganz so schlimm, aber solche Informationen gibt es nicht. Was er über Wagners Leben zu erzählen weiß, sind Dinge, die seit langem bekannt sind, die er aber gern mal in falsche Zusammenhänge bringt oder so bizarr beleuchtet wie die Handlung des Tannhäuser. Wenn er da bsiher verborgene Motivationen entdeckt zu haben vorgibt, verhält es sich meist wie mit den Motivationen, die er für die Entwicklungen der Handlung des »Tannhäuser« entdeckt hat, die, das wird niemand bestreiten, der das Stück kennt, reiner Blödsinn sind.

      Aber vielleicht irre ich ja auch. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass Tannhäuser zu Elisabeth eine rein geistige Beziehung aufgebaut hatte (aus dem Stück geht m.E. hervor, dass es gar keine Beziehung zwischen ihnen gegeben hat); vielleicht ist es ja richtig, dass seine Beziehung zu Elisabeth gesellschaftlich a priori nicht statthaft war (aus dem Stück geht m.E. hervor, dass davon keine Rede ist); vielleicht ist es ja richtig, dass Tannhäuser ein bürgerlicher Minnesänger ist (ich glaube nicht, dass es so etwas gab, mir scheint auch, dass das nirgends erwähnt wird); vielleicht ist es ja wirklich so, dass es als Sünde betrachtet wird, dass der Bürgerliche eine Adlige haben will (ich kann keinen Hinweis im Stück darauf entdecken). Dann lasse ich mich gern belehren. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das ermöglichen lässt und freue mich darauf, anschließend einen völlig neuen, bisher ganz ungeahnten Blick auf das Werk zu haben.
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Vielleicht doch noch ein zweites Beispiel:

      »Lohengrin ist die wohl theatralischste Entsprechung der Hegel’schen Konzeption des Erlöser-Helden.« Wie man auf die Idee kommen kann, das Wort »theatralisch« zu steigern, und was mit diesem Superlativ gemeint sein könnte, ist mir schleierhaft. Was die »theatralischste Entsprechung« von irgendetwas sein soll, liegt völlig im Dunkeln. Wenn man Licht macht, sieht man schnell: Das ist gar nichts. Ein Satz, der ganz und gar nichts bedeutet.

      Kurz darauf: »Die heute übliche Fassung des Werkes ist gegenüber der Urfassung im Schlussteil gekürzt, was erhebliche inhaltliche Konsequenzen hat. Dir ursprüngliche Version ist als ›politische Revolutionsoper‹ bezeichnet worden, während die zweite, heute übliche, zum ›Künstlerdrama‹ abgemildert erscheint, dem allerdings, was Wagner unter einem ›erneuerten Staat‹ verstand, immer noch deutlich eingeschrieben ist. Die nach Kompositionsabschluss vorgenommenen Änderungen reduzieren die politischen Moitive der Entstehungszeit auf das, was Wagner nach dem Scheitern der Dresdener [sic!] Revolution für den Erfolg des Werkes opportun erschien.«

      Man reibt sich verwundert die Augen. Was kann er hier meinen? Es gibt bekanntlich nur eine Kürzung, die Wagner nach Abschluss der Komposition vorgenommen hat, nämlich der Strich des zweiten Teils der Gralserzählung. Dieser enthält nun aber gar keine »politischen Motive der Entstehungszeit«, die das Stück zu einer »politischen Revolutionsoper« machen würden ohne die es aber zum einem Künstlerdrama würde. Und Wagner hat diese Passage bekanntlich nicht gestrichen, weil sie politisch nach dem Scheitern der Revolution nicht mehr opportun gewesen wäre (wenn er so gedacht hätte, hätte er den ganzen »Ring« streichen müssen), sondern weil sie zwar dramaturgisch eigentlich notwendig, weil gewisse Zusammenhänge der Handlung, die sonst im Dunkel bleiben, klärend, andererseits aber so kurz vor Schluss als Länge empfunden wird, die die Wirkung des Stückschlusses viel stärker abschwächt als die Unklarheit, die den meisten Zuschauern vermutlich gar nicht bewusst wird.

      Allem Anschein nach meint Drüner (wenn er überhaupt etwas meint und nicht einfach aus irgendwelchen falsch verstandenen Sätzen etwas zusammenphantasiert) einen heute vielfach üblichen Strich nach der Gralserzählung, nämlich jene Passage mit der Manneskraft und den wilden Horden des Ostens, die nicht mehr siegreich nach Deutschland ziehen werden. Dieser Strich ist aber – auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass Wagner ihm schon damals zugestimmt hart – rein theaterpraktischer Natur und – anders als der Strich des zweiten Teils der Gralserzählung – nicht in die Partitur eingegangen, die entsprechende Passage ist nach wie vor in allen Partituren vorhanden, von einer anderen »Fassung« kann also keine Rede sein. Damit erweist sich auch die Gegenüberstellung von »politischer Revolutionsoper« (warum bleibt uns Drüner eigentlich die Information schuldig, wer diese kuriose Bezeichnung für das Stück erfunden hat?) und Künstlerdrama als leeres Geschwätz, das auf nichts basiert. Die ganze Passage, auf deren vorgespiegelte Ergebnisse Drüner immer wieder mal zurückkommt, ist also offensichtlich Unsinn.

      Aber vielleicht irre ich auch hier. Vielleicht kann mir ein echter Kenner erläutern, welches die politisch bedeutsame Passage ist, die Wagner nach Abschluss der Komposition gestrichen hat, die das ganze Stück verwandelt hat. Auch das würde mich sehr interessieren. Drüner bleibt uns diese Auskunft leider schuldig, was nicht für sein Buch spricht.

      Man kann die Aufzählung der Merkwürdigkeiten dieses Buches endlos fortsetzen, wozu ich allerdings denn doch keine Lust habe. Wieso ein Buch, das von krassen Fehlern dieser Art wimmelt, aber großartig sein soll, erschließt sich mir – vermutlich aus Mangel an einschlägigen Kenntnissen – leider nicht. Vielleicht kann mir ein kenntnisreichen Drüner-Apologet helfen.
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Argonaut schrieb:

      »Lohengrin ist die wohl theatralischste Entsprechung der Hegel’schen Konzeption des Erlöser-Helden.« Wie man auf die Idee kommen kann, das Wort »theatralisch« zu steigern, und was mit diesem Superlativ gemeint sein könnte, ist mir schleierhaft. Was die »theatralischste Entsprechung« von irgendetwas sein soll, liegt völlig im Dunkeln. Wenn man Licht macht, sieht man schnell: Das ist gar nichts. Ein Satz, der ganz und gar nichts bedeutet.
      Was mich hier irritiert: Wo gibt es bei Hegel eine "Konzeption des Erlöser-Helden"? Auch wenn ich weit davon entfernt bin, ein Hegel-Kenner zu sein: Ich bin mir ziemlich sicher, daß es eine solche Konzeption nicht gibt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Ja, das ist natürlich auch Blödsinn. Aber darauf noch einzugehen, hätte zu weit geführt, zumal das Fehlen einer Konzeption im Denken eines Philosophen schwer nachzuweisen ist und sehr viel Raum einnehmen würde. Aber Du hast natürlich recht, eine solche Idee gibt es bei Hegel nicht. Fehlleistungen dieser etwas subtileren Art findet man in diesem angeblich bahnbrechenden Buch nicht nur auf jeder Seite, sondern in jedem Absatz.
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Argonaut schrieb:

      aus dem Stück geht m.E. hervor, dass es gar keine Beziehung zwischen ihnen gegeben hat);
      worauf beziehen sich dann Elisabeths Worte im 2. Akt ?
      Dass ihr lediglich die Performance der übrigen Liedermacher seit Tannhäuser bloß ungeil rüberkamen und sie nur auf die geilen Lieder von ihm scharf war, aber weniger auf Tannhäuser ?
      Zwischen dem uns und dem mir kommt mir eine gewisse Spannung rüber.

      Doch welch ein seltsam neues Leben
      rief Euer Lied mir in die Brust!
      Bald wollt'es mich wie Schmerz durchbeben,
      bald drang's in mich wie jähe Lust:
      Gefühle, die ich nie empfunden!
      Verlangen, das ich nie gekannt!
      Was einst mir lieblich, war verschwunden
      vor Wonnen, die noch nie genannt! -
      Und als Ihr nun von uns gegangen, -
      war Frieden mir und Lust dahin;
      die Weisen, die die Sänger sangen,
      erschienen matt mir, trüb ihr Sinn;
      im Traume fühlt' ich dumpfe Schmerzen,
      mein Wachen ward trübsel'ger Wahn;
      die Freude zog aus meinem Herzen: -
      Heinrich! Was tatet Ihr mir an?
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Argonaut schrieb:

      aus dem Stück geht m.E. hervor, dass es gar keine Beziehung zwischen ihnen gegeben hat);
      worauf beziehen sich dann Elisabeths Worte im 2. Akt ?
      Ja, rate mal. Oder lies die besagten Worte einfach einfach (und wenn es nicht zu mühsam ist, auch das übrige Stück). Diese Worte sagen genau das, was sie sagen: Tannhäusers Lieder haben Elisabeth eine ganz neue Erfahrung vermittelt und ihr etwas gezeigt, was sie in den Liedern der anderen Sänger nicht gefunden und vorher auch nicht für möglich gehalten hat. Diese Erfahrung hat sie tief bewegt und ihr Leben verändert. Danach konnte sie den Lieder der anderen Sänger nichts mehr abgewinnen und es hat ihr etwas gefehlt, als Tannhäuser nicht mehr da war. (So altmodisch würde ich das ausdrücken, weil mir Deine total super cool infantil punkige Ausdrucksweise leider nicht nicht zu Gebote steht.) Sie weiß aber nicht, was da eigentlich mit ihr geschehen ist, darum fragt sie Tannhäuser danach. (Das kann man auch als rhetorische Frage deuten, obwohl mir scheint, dass das keine gute Lösung ist.) Sicher ist allerdings, dass Tannhäuser nichts davon weiß, dass er Elisabeth so für sich gewonnen hat, denn sonst müsste es ihm Wolfram und dann sie selbst nicht erst so ausführlich erzählen. Wenn es aber eine Liebesbeziehung zwischen ihnen gegeben hätte, müsste er sich daran erinnern. Da das nicht der Fall ist, kann es keine gegeben haben.
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      Wieland
    • Argonaut schrieb:

      Ja, rate mal.
      wieso raten ?( Ist das hier etwa ein Quiz-Thread ?

      Argonaut schrieb:

      weil mir Deine total super cool infantil punkige Ausdrucksweise leider nicht nicht zu Gebote steht.)
      das könnte einen leid tun.
      für dich.

      Argonaut schrieb:

      Wenn es aber eine Liebesbeziehung zwischen ihnen gegeben hätte, müsste er sich daran erinnern.
      meine Frage bezog sich aber überhaupt nicht auf eine vorgängige Liebeskiste zwischen Elisabeth und Tannhäuser, sondern fährt in die Richtuing ab, ob es überhaupt irgend eine Beziehung zwischen Tannhäsuer + Elisabeth gegegeben hat.. Tanhäuser lässt Wolframs "Bleib bei Elisebeth" 1. Akt ergriffen nicht gleichgültig...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ja, natürlich hat es eine Beziehung zwischen ihnen gegeben. Es gibt immer eine Beziehung zwischen Menschen, die sich begegnen. Das ist eine Binsenweisheit. Und insofern ist die Aussage ganz inhaltslos und damit irrelevant. Dass sie sich gekannt haben, wird ja niemand bezweifeln. Aber schon ob sie jemals miteinander gesprochen haben, kann man dem Stück nicht entnehmen. Ganz zu schweigen von Drüners Behauptung, dass Tannhäusers Liebe zu Elisabeth als gesellschaftlich unmöglich angesehen worden wäre, weil er bürgerlichen Standes ist.
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      Wieland
    • Touché, werter Argonaut! Aber da ich eher der Kulinariker und nicht der Analytiker bin und zudem nicht über Dein Hintergrundwissen und Deine Eloquenz verfüge, wiederhole ich meine Einschätzung, die übrigens von den Rezensenten bei amazon geteilt wird: Eine umfassende, lesenswerte Biografie, verfasst von einem Mann, der nur einen Makel hat - er ist Bratscher! :ironie1:
      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • OK. Ein gutes Buch von einem, der sich perfekt auskennt, nur leider nicht richtig Deutsch kann und sich auch nicht so richtig auskennt. Aber das tut der überragenden Qualität des Buches keinen Abbruch. Wenn einer über Wagner schreibt, aber über die Hauptwerke des Komponisten Unsinn schwätzt, ist das kein Problem, wohingegen es ein Zeichen unerträglicher Arroganz ist, wenn man darauf hinweist, dass da schwerwiegende Fehler zu finden sind. Und zwar – ich wiederhole das – nicht nur auf jeder Seite, sondern in praktisch jedem Absatz. Aber wenn es die Rezensenten bei Amazon so schreiben, muss es ja wohl stimmen. Ich bin vollkommen überzeugt und bitte für mein Wissen und die daraus sich ergebende Substanzlosigkeit meiner Kritik um Entschuldigung.
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Lieber Argonaut. Wissen heißt jetzt Arroganz. Und die demokratisch verbürgte Mehrheitsmeinung von Amazon-Rezensenten (deren Kompentenzen selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben sind) ist wahrheitsbestimmend. Nach dem Motto "Lieber falsch mit den meisten, als richtig aber einsam".
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ach, naja. Einsam bin ich ja nicht. Aber selbst wenn, würde ich mich nicht zurückhalten können, bei Sätzen wie dem folgenden zu sagen, dass er unglaublich dumm ist: »Das Liebesverbot ist Wagners einzig rückhaltlose Reverenz an den Geist der Demokratie, seine – auch wenn es eine komische Oper ist – ernsthafteste Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Gerechtigkeit, welche in den späteren Werken keine vergleichbare Rolle mehr spielt.« Wer einen solchen Quark schreibt, kennt weder das »Liebesverbot« noch die späteren Werke Wagners und sollte es sich verkneifen, aus seinem unzureichenden Wissen Bücher zu machen. Übrigens hat das Buch an dieser Stelle auch ein gravierendes methodologisches Problem: Drüner kündigt eine Neubewertung der Frühwerke und eine Neubewertung des Wagnerschen Werkes aus dem Blickwinkel der Frühwerke an. Dieser Ankündigung wird er aber nicht gerecht. Es gibt keine gründliche Analyse der Frühwerke, so können sich daraus auch keine neuen Aspekte ergeben. Behauptungen wie die oben zitierte sind alles, was man darüber finden kann. Damit fehlt aber genau der Zug, der nach der eigenen Ankündigung das Neue, vielleicht gar »bahnbrechende« des Buches sein sollte. Das scheint aber keinem der Kenner aufzufallen. (Dass Drüner wieder die alte Geschichte aufwärmt, nach der Wagner das Gralsmotiv des »Parsifal« der Reformationssinfonie entnommen habe, wobei ihm anscheinend nicht einmal auffällt, dass dasselbe Motiv schon im »Liebesverbote« und im »Tannhäuser« vorkommt, passt da perfekt ins Bild.)

      Übrigens schlug sich mein Buch gerade eben zufällig an der Stelle auf, wo Drüner die Grundlage für die dann nicht durchgeführte Rehabilitation der Frühwerke legt. Die Stelle ist zu schön, als dass ich sie unzitiert lassen könnte (S. 73): »Heute begnügt man sich damit, jene Werke einfach als unaugegoren abzutun, zählt sie gar zum Genre des ›monströsen Bühnenspektakels‹ [als Quelle dieses Begriffs wird Wapnewskis Wagner-Handbuch angegeben, wobei ich stark bezweifle, dass der überaus kenntnisreiche Germanist von einem solchen ›Genre‹ gesprochen hat - A.] Mit solchen Pauschalurteilen erweist man Wagner den Gefallen, das Unbequeme der Frühwerke vom allgemeinen Kulturbewusstsein fernzuhalten. Denn eines ist sicher: Es gibt zwei Wagner, den der Jahre 1813 bis 1840 und den der darauffolgenden vier Jahrzehnte. Sie berühren und trennen sich in der Zeit zwischen 1839 und 1842. Sie passen nicht zusammen, weshalb es bis 1945 selbstverständlich war, den ›ersten‹ Wagner zu unterschlagen. Heute ist es anders; aus guten Gründen darf man dem ›zweiten‹ Wagner Skepsis entgegenbringen und im Gegenzug versuchen, dem ›ersten‹ gerechter zu werden.«
      Die Kursivierung der beiden besonders dummen Kernsätze dieser Passage sind von Drüner. Ansonsten erübrigt sich wohl jeder Kommentar. (Außer vielleicht der Wiederholung der Tatsache, dass Drüner nicht einmal ansatzweise einlöst, was er hier verspricht.)
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Gurnemanz schrieb:


      Was mich hier irritiert: Wo gibt es bei Hegel eine "Konzeption des Erlöser-Helden"? Auch wenn ich weit davon entfernt bin, ein Hegel-Kenner zu sein: Ich bin mir ziemlich sicher, daß es eine solche Konzeption nicht gibt.
      Das ist Dialeksander der Große Aufgehobene.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Gurnemanz schrieb:

      Wo gibt es bei Hegel eine "Konzeption des Erlöser-Helden"
      vielleicht meint Drüner Napoleon? - nur so als Einfall jetzt.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Der ist aber kein »Erlöser-Held«, schon gar nicht im Sinne der Erlösungs- oder Heldenkonzeption Wagners. Ich fürchte, Drüner meint gar nichts, sondern faselt einfach, wie er es sehr oft tut. Dabei mischt sich dann ein wenig Sinn mit viel Unsinn zu etwas Unbegreiflichem und jedenfalls Sinnlosem. (Es lohnt sich eigentlich wirklich nicht, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Ich merke nur immer wieder, wenn ich daran denke, dass mich nur wenige Bücher so geärgert haben wie dieses dilettantische Machwerk mit seiner aufgeblasenen Dummheit.)

      Nebenbei: Sein »Nachweis« der Hegel-Lektüre bei Wagner ist einer der Höhepunkte der Lächerlichkeit in diesem Buch. Wenn Drüner zeigen will, dass Wagner stärker von Hegel geprägt ist, müsste er das zeigen, was er nicht tut; und er müsste erklären, warum man Wagner selbst, der sehr glaubhaft versichert, dass er zwar etwas gelesen aber nichts verstanden hat – wer versteht schon die »Phänomenologie des Geistes«? – nicht Glauben schenken kann. Die Ansätze dialektischen Denkens, die Drüner bei Wagner entdeckt – und weit übertreibt – können sehr gut aus anderen Quellen stammen, zumal sie für einen Dramatiker sowieso selbstverständlich sind. – Ach! Wenn man bei dem Buch mit dem Aufzeigen von sachlichen Fehlern, falschen Schlussfolgerungen und grotesken Fehlinterpretationen erst mal anfängt, wird man gar nicht wieder fertig. Also ist es besser einfach eimal zu pusten, dann fällt das ganze Kartenhaus sowieso zusammen. Das wird aber die Amazon-Rezensenten natürlich nicht daran hindern, ihrer Begeisterung für dieses bahnbrechende Werk Ausdruck zu geben, und die müssen es ja wissen.
      Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die am klügsten sind, wenn sie schweigen.
      Wieland
    • Argonaut schrieb:

      Die Ansätze dialektischen Denkens, die Drüner bei Wagner entdeckt – und weit übertreibt – können sehr gut aus anderen Quellen stammen, zumal sie für einen Dramatiker sowieso selbstverständlich sind.
      Entsprechende Passagen, die sich auf Hegel beziehen, habe ich mir eben vorgenommen.

      Ulrich Drüner schrieb:

      Wagners operngeschichtliche Leistung besteht nun darin, dass er seine künstlerischen Motive in den Mythos projiziert und diesen dem dialektischen System Hegels unterwirft. [...] Er verinnerlicht zwar in Oper und Drama die dialektische Technik der Hegel'schen Ästhetik, doch geht es dem Komponisten darin nicht um die Unterordnung der Musik unter die Idee, sondern um den Ausgleich beider Größen.
      Was Wagners Denken mit Hegels Dialektik zu tun haben soll, das wird nicht näher ausgeführt. Stattdessen hat Drüner offensichtlich die knapp 100 Seiten durchgesehen, die Hegels Vorlesungen über die Ästhetik der Musik widmen, und daraus ein paar Sachen zitiert, auf gerade mal zweieinhalb Seiten, überschrieben Helgels Musikästhetik". Daraus abzuleiten, daß Wagner sich "dem dialektischen System Hegels unterwirft" und "die dialektische Technik der Hegel'schen Dialektik" verinnerliche, finde ich nicht überzeugend. In meinen Augen ist das wichtigtuerisches Geschwätz.

      Ein Kapitelchen heißt übrigens "Meyerbeer, ein bedeutender Hegelianer". Das kommentiere ich jetzt besser nicht... (Nur, damit ich nicht mißverstanden werde: "Meyerbeer, ein bedeutender Komponist" hätte ich durchaus akzeptiert.)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Ein Pianist, der still und schweigend am Klavier sitzt, ist bereits eine Aussage.
      Rebecca Saunders
    • Ja, das ist eine schöne Stelle zu diesem Thema. Vor allem dies hier: »…doch geht es dem Komponisten darin nicht um die Unterordnung der Musik unter die Idee, sondern um den Ausgleich beider Größen.« Dass die Idee und die Musik zwei »Größen« sein sollen, ist schon seltsam. Wobei diese Seltsamkeit offensichtlich daraus entsteht, dass der Autor einen Oberbegriff gesucht hat, unter dem er beide zusammenfassen kann, aber keinen fand, weshalb er einen möglichst inhaltlosen genommen hat, in der Annahme, es würde schon irgendwie gehen. Noch seltsamer aber wird es, wenn er meint, Wagner sei es um den Ausgleich zwischen »Idee« und »Musik« gegangen. Das kann nur äußern, wer die entsprechenden Schriften Wagners nicht gelesen, höchstens einmal flüchtig durchgeblättert hat. Am seltsamstes ist aber, dass Drüner der Meinung zu sein scheint, es sei für die Hegelsche Dialektik typisch, dass sie den »Ausgleich« zwischen zwei Größen (welcher Art auch immer) zuwege bringen zu wollen, was nun einfach vollständiger Unsinn ist. Soweit zu Drüners Hegel-Verständnis und zu seiner These, Wagner habe Hegels dialektische Methode übernommen. – Der Rest des Buches ist von ebenderselben Qualität wie diese Darlegungen und die zitierten Aussagen zu »Tannhäuser« und »Lohengrin«.
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