Musen der Neuen Musik - Wenn Interpreten Musikgeschichte schreiben

    • Les Percussions de Strasbourg

      In dem Thread Wenn's in der Kammer kracht und scheppert – Kammermusik mit Schlagzeug wurden sie schon erwähnt, und hier dürfen sie auch nicht fehlen: Das Ensemble hat mit seiner Gründung 1962 quasi eine neue Gattung erfunden, nämlich das Schlagzeugsextett. In den fast 50 Jahren seit der Gründung sind über 250 Werke von den Percussions de Strasbourg uraufgeführt worden. Darunter die vom Komponisten Edgard Varèse abgesegnete Bearbeitung der Ionisation für 6 Schlagzeuger, mehrere Werke von Xenakis (Pléiades als eines der spektakulärsten Stücke des Repertoires, Persephassa u.a.), sowie Werke von Cage, Grisey, Donatoni, Mache, Manoury, Taïra, Dufourt, Nunes und zahllose andere.

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      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Teodoro Anzellotti

      Wer hätte erwartet, das ausgerechnet das Akkordeon zu einem wichtigen Instrument der Neuen Musik werden würde? Dass dem so ist, dürfte (wie schon bei anderen in diesem Thread beschrieben Fällen) vor allem an einem Interpreten liegen: Der 1959 in Apulien geborene Teodoro Anzellotti ist ein fantastischer Musiker, den ich bisher leider erst einmal in Konzert erleben konnte und ansonsten nur von Aufnahmen kenne. Daher freue ich auch besonders, dass Anzellotti im Juni 2011 mit dem Münchener Kammerorchester hier in München auftreten wird. Das vermutlich bekannteste für ihn geschriebene Stück ist die Sequenza XIII von Luciano Berio, aber auch viele andere Komponisten haben ihm Werke auf den Leib geschrieben, unter anderem George Aperghis, Heinz Holliger, Toshio Hosokawa, Mauricio Kagel, Michael Jarrell, Isabel Mundry, Brice Pauset, Gerard Pesson, Matthias Pintscher, Wolfgang Rihm, Salvatore Sciarrino, Marco Stroppa, Jörg Widmann und Hans Zender (um nur die Namen aufzuführen, die auf seiner Homepage genannt werden).

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      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Heinz Holliger

      Der Oboist Heinz Holliger ist vermutlich immer noch der bekannteste Interpret auf seinem Instrument, und er ist auch als Dirigent und nicht zuletzt auch als Komponist erfolgreich. Für den Oboisten haben zahlreiche Komponistenkollegen Werke geschrieben (was Holliger für sich selbst geschrieben hat, zählt hier nicht 8+) ).

      Die bekanntesten Werke dürften die Sequenza VII von Luciano Berio, das Doppelkonzert von György Ligeti und das Oboenkonzert von Elliott Carter sein. Daneben haben auch Henze, Ferneyhough und Lutoslawski Werke für Holliger geschrieben.

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      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Nochmal Lasalle

      Herbert Brün (1918 - 2000) war bereits vor seiner Flucht aus Nazi-Deutschland nach Israel mit Walter Levin befreundet, der später 1. Geiger des LaSalle Quartetts wurde. Herbert Brün komponierte dann während der frühen 60ziger Jahren drei Streichquartette, die er alle für das Lasalle-Quartett schrieb.
      Leider gibt es von diesen fetzigen Quartetten momentan keine einzige Einspielung auf Tonträger.
      Ich habe mir das 2. und 3. Quartett mit Hilfe eines Live-Mitschnitts gespielt vom Pellegrini Quartett (22.01.08 in Berlin) reingezogen.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wulf schrieb:

      Natürlich muss die Aufzählung noch durch den Pianisten (und Komponisten) David Tudor (1926-1996) ergänzt werden, der eng mit Cage kollaborierte und etliche Werke der sog. Avantgarde erstmalig zur Aufführung brachte, u.a. Feldman, La Monte Young, Boulez u.a.


      Zu Tudor und seinem Einfluss auf die amerikanische Avantgarde fand ich gerade in Bettina Schäfers Vorwort zu der Buchausgabe des Briefwechsels Boulez-Cage folgenden schönen Satz:

      John Holzaepfel schrieb in seinem Aufsatz 'Der Tudor-Faktor', dass die Freunde [Earle] Brown, Cage, Feldman und Wolff nach eigenen Aussagen sich von Tudor regelrecht herausgefordert sahen, mit immer neuen Ideen, Notationsweisen und Gestaltungsmöglichkeiten aufzuwarten, um 'David nicht zu langweilen'.


      Und sie zitiert Cage über Tudor:

      Was man tun musste, war, eine Situation zu schaffen, die ihn interessieren würde. Darin bestand seine Rolle.


      Grüße
      vom Don

      (Quelle: "Dear Pierre" - "Cher John". Pierre Boulez und John Cage. Der Briefwechsel. Hamburg 1997)
    • RE: Les Percussions de Strasbourg

      Le Merle Bleu schrieb:

      In dem Thread Wenn's in der Kammer kracht und scheppert – Kammermusik mit Schlagzeug wurden sie schon erwähnt, und hier dürfen sie auch nicht fehlen: Das Ensemble hat mit seiner Gründung 1962 quasi eine neue Gattung erfunden, nämlich das Schlagzeugsextett. In den fast 50 Jahren seit der Gründung sind über 250 Werke von den Percussions de Strasbourg uraufgeführt worden. Darunter die vom Komponisten Edgard Varèse abgesegnete Bearbeitung der Ionisation für 6 Schlagzeuger, mehrere Werke von Xenakis (Pléiades als eines der spektakulärsten Stücke des Repertoires, Persephassa u.a.), sowie Werke von Cage, Grisey, Donatoni, Mache, Manoury, Taïra, Dufourt, Nunes und zahllose andere.


      Ich war letzte Woche in einem Xenakis-Konzert in Strasbourg u. a. mit dem genannten Ensemble. Gegeben wurde "Persephassa", es war sehr beeindruckend und ich hoffe, keine bleibenden Hörschäden davongetragen zu haben...
      wellen unterschiedlicher frequenz und töne verschiedener höhe
    • Louisville Orchestra

      Carter schrieb seine fetzigen Orchestervariationen (1955) für ein relativ unbekanntes Orchester in Loisville (liegt irgendwo in den USA). Zitat: “My Variations for Orchestra was written for the Louisville Orchestra during 1955 from sketches made in 1953 and 1954.”
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Morton Feldman: Triadic Memories

      “www.youtube.com/watch?v=JfKJ8SrmsTA”

      Morton Feldmans ca. ein-stündiges Klavierstück aus seiner späten Phase (1981) ist 2 Pianisten gewidmet: der japanischen Pianistin Aki Takahashi and dem australischen Pianisten Roger Woodward.



      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Carolin Widmann

      Die Geigerin Carolin Widmann, Jahrgang 1976, ist spätestens seit ihrer spektakulären Aufnahme der Violinsonaten von Robert Schumann auch denjenigen ein Begriff, die mit Neuer Musik im engeren Sinn nichts anzufangen wissen. Nach wie vor bildet aber die Neue Musik einen wesentlichen Schwerpunkt ihres Repertoires - glücklicherweise :thumbup:



      Eine ganze Reihe von Werken sind mittlerweile für Carolin Widmann geschrieben worden. Ihr Bruder Jörg Widmann hat seine 6 (?) Etüden für Solo-Violine für sie geschrieben, sowie ein Duo für Violine und Cello (zusammen mit Jean-Guihen Queyras erstaufgeführt), auch Werke für Solo-Violine von Wolfgang Rihm, Matthias Pintscher und Erkki-Sven Tüür sind ihr gewidmet, sie hat Violinkonzerte von Wolfgang Rihm, Ivan Fedele, José Sanchez-Verdu, John Woolrich und Bojidar Spassov uraufgeführt , sowie Fremdes Licht von Wolfgang Rihm (zusammen mit ihrem Bruder an der Klarinette und der Sopranistin Mojca Erdmann, unter Leitung von Peter Eötvös) und wird im September 2011 ein Konzert von Rebecca Saunders aus der Taufe heben.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Dirigenten sind doch auch „Interpreten“ – oder etwa nicht? Aber wenn man die auch im Sinne dieses Threads erfassen wollte, würde die Liste wohl unüberschaubar. Trotzdem möchte ich doch ein paar Namen ins Feld führen, allen voran natürlich Pierre Boulèz als „der“ Interpret von Musik des 20./21. Jh. von Debussy über Bartok, Strawinsky, Schönberg, Webern (Gesamtwerk!) bis zu seinen eigenen Werken. Des Weiteren: Michael Gielen, Gary Bertini, Kent Nagano, Christoph Eschenbach, Simon Rattle; auch posthum Leonard Bernstein, Leopold Stokowsky, Ferenc Fricsay (Bartok!) und noch viele andere.

      An Ensemble fällt mir spontan das „Ensemble 13“ unter Manfred Reichert ein, das mit einer mehrfach ausgezeichneten Gesamtaufnahme der Kammermusiken von Paul Hindemith hervorgetreten ist.

      Habe ich es übersehen, oder wurde in diesem Thread tatsächlich Gidon Kremer noch nicht genannt? Und was ist im Sinne von „Crossover“ (Jazz und verschiedene Genres der Pop-Musik sind wohl auch ernstzunehmende zeitgenössische Musik) mit Nigel Kennedy? Meinetwegen erwürgt mich, aber ich finde ihn einfach Klasse!

      Als Solistin möchte noch ich die Cembalistin Antoinette Vischer nennen. Ihr Recital auf Wergo-Vinyl („Das moderne Cembalo der A.V.“) ist einfach umwerfend. Soweit ich das eruieren konnte, ist es leider nicht auf CD erschienen; oder weiß jemand etwas Genaueres?

      Viele Grüße,
      harry
    • harry schrieb:

      Dirigenten sind doch auch „Interpreten“ – oder etwa nicht?
      Nun ja, selbstverständlich sind Dirigenten "Interpreten" - im Sinne des Threads soll es aber um Interpreten als "Musen" gehen, also als Anreger oder Widmungsträger von Kompositionen. Da finden sich sicher sehr viele Beispiele, ganz spontan fällt mir zum Beispiel Ingo Metzmacher ein, ohne dessen freundliches Drängen Wolfgang Rihms im letzten Jahr in Salzburg uraufgeführt Oper Dionysos das Licht der Welt vielleicht nicht erblickt hätte. Werke, die für Gielen geschrieben wurden, wird es wohl auch geben. So spontan weiß ich aber nicht, ob es außer den üblichen Gelegenheitswerken als Geschenk zu runden Geburtstagen Werke gibt, die für Pierre Boulez geschrieben wurden (außer denen, die der Komponist Boulez für den Dirigenten Boulez geschrieben hat ;+) ).

      harry schrieb:

      Habe ich es übersehen, oder wurde in diesem Thread tatsächlich Gidon Kremer noch nicht genannt?
      In der Tat eine Lücke in diesem Thread. Im Moment kann gerade nicht länger suchen, aber mindestens Schnittke, Gubaidulina, Glass haben Werke für Gidon Kremer geschrieben. Wer Details zusammen tragen möchte, kann das gerne tun :wink:

      harry schrieb:

      Als Solistin möchte noch ich die Cembalistin Antoinette Vischer nennen.

      Auch eine Lücke, obwohl ich Antoinette Vischer in dem Beitrag über Elisabeth Chojnacka kurz erwähnt habe, als "Empfängerin" von Ligetis Continuum. Auch hier müsste man ein wenig suchen, um weitere für sie komponierte Werke zu finden. Ich glaube, von Earle Brown ist was dabei, eventuell auch von John Cage (?).


      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hallo lieber Michel,

      ich hatte halt bei den „Dirigenten“ eher den zweiten Teil des Thread-Titels im Sinn, und da bin ich schon der Meinung, dass z.B. Pierre Boulèz Musikgeschichte geschrieben hat, u.z. sowohl als Komponist, als auch als Interpret. Allerdings weiß ich nicht, ob es Werke von anderen Komponisten außer von ihm selbst für ihn selbst gibt; ich könnte mir aber vorstellen, dass allein seine Bedeutung und sein Renommee als „Über“-Figur der Neuen Musik so manch einen davon abgehalten hat und noch abhält.

      Wenn man von Musen speziell als Widmungsträger oder Auftraggeber spricht, darf man übrigens nicht die Vokal- (v.a. Chor-)Musik außer Acht lassen. Hier gibt es eine Fülle von Werken, die „im Auftrag“ verschiedener Spitzenchöre entstanden sind und von diesen auch uraufgeführt wurden (z.B. SWR Vokalensemble mit Rihm, Stockhausen, Lachenmann, Kagel usw.).

      Das „im Auftrag“ gilt übrigens auch für die genannte Aufnahme von Antoinette Vischer mit Werken von Engelmann, Berio, Earl Brown, Martial Solal, Martinu, Tscherepnin, Blacher, Liebermann und Duke Ellington(!), die allesamt speziell für sie geschrieben wurden.

      Schließlich ist mir noch etwas in gewisser Weise „Entlegenes“ eingefallen: Der Name Oskar Sala nämlich als den meines Wissens einzigen Trautonium-Interpreten. Von Hindemith gibt es einige Stücke für Trautonium und Orchester. Das bringt mich jetzt zu meinem letzten Punkt: Was wollen wir unter „Neuer Musik“ verstehen? Soll es ganz allgemein Musik des 20./21. Jh. sein, dann ist es ganz einfach; meinen wir wirklich „Neue“ Musik mit bestimmten Stilkriterien, wird es problematisch mit der Abgrenzung (so kann man z.B. vieles von Schönberg nicht mehr ernsthaft der „Neuen“ Musik zuschlagen).

      Viele herzliche Grüße,
      harry
    • Heinz Holliger sahnt weiterhin gut ab....

      ...denn György Kurtág widmete ihm alle diese sieben Miniaturen:

      ”Ein Sappho-Fragment” für Englischhorn solo (1999 für Heinz Holliger zum Geburtstag)
      ”Hommage a Heinz Holliger“ nach einen Text von Angelus Silesius für Sopran + Englischhorn (Dezember 2010) „Die Ros’ ist oh n’ warum..“
      ”Hommage à Elliott Carter” für Oboe und Kontrabassklarinette (Heinz Holliger gewidmet)
      ”Króo György in memoriam” für Kontrabassklarinette solo
      „Hommage à Tristan” für Englischhorn und Bassklarinette
      "Versetto” (”apokrif organum”) für Englischhorn und Bassklarinette
      ”In Nomine (all’ongharese) Damjanick - emlékkö” für Englischhorn solo

      wurden gestern in Schwetzingen wiedergegeben...
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann


    • John Cage schrieb seine großartigen Freeman Etudes für Solovioline für den Geiger und Dirigenten Paul Zukofsky (geb. 1943).
      Die erste vollständige Wiedergabe aller 32 Etüden erfolgte dann in Zürich durch Irvine Arditti (der sie auch vollständig auf CD einspielte)
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann