Das Arditti Streichquartett – Neuerfindung des Streichquartetts

    • Das Arditti Streichquartett – Neuerfindung des Streichquartetts




      Jeder, der sich auch nur ansatzweise für zeitgenössische Musik interessiert, denkt bei Streichquartett sofort an das Arditti Quartett. Dessen kompromisslose Spezialisierung auf die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts dürfte unter Streichquartettensembles einmalig sein. In den 36 Jahren seines Bestehens hat das Quartett mehrere hundert Werke uraufgeführt, die Liste der Komponisten, die für das Ensemble geschrieben haben, liest sich wie das Who-Is-Who der Neuen Musik und so manches Werk dürfte darunter sein, das ohne die Ardittis gar nicht entstanden wäre. Insofern hat das Quartett seinen Platz in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts auch schon lange sicher. Ein Umstand, dem 1999 durch die Verleihung des Ernst-von-Siemens-Musikpreises Rechnung getragen wurde.

      Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Quartett Uraufführungen namhafter Komponisten wie Trophäen sammelt. Irgendwo habe ich gelesen, dass Irvine Arditti über lange Zeit Karlheinz Stockhausen bedrängt hat, ihm ein Quartett zu schreiben. Arditti soll ihm gesagt haben, dass sie für ihn sogar unter Wasser spielen würden. Wie wir mittlerweile wissen, war das dann nicht notwendig – Stockhausen hat sich was anderes einfallen lassen...

      Die Seite "http://www.ownvoice.com/ardittiquartet/" verzeichnet das Repertoire des Ensembles, vermutlich also jedes Werk, das die Ardittis jemals gespielt haben (für Streichquartett und andere Besetzung wie Trio, Quintett, mit Orchester usw.). Die Liste umfasst nicht weniger als 1023 Titel, die von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen Werke des 20. und 21. Jahrhunderts sind, meist nach 1945 entstanden. Zu den wenigen Ausnahmen gehören z.B. die „Große Fuge“ von Beethoven und die Streichsextette von Brahms, letztere zusammen mit Mitgliedern des Alban-Berg-Quartetts im Konzert gespielt. Außerdem verzeichnet diese Liste die unglaubliche Anzahl von 557 Uraufführungen – das ist im Schnitt etwa alle 3 Wochen eine Uraufführung, und das über mittlerweile 36 Jahre. Die erste Uraufführung war das Streichquartett Nr. 1 von Jonathan Harvey im März 1979, die bisher letzten in der Liste verzeichneten fanden im Juli 2010 in Darmstadt statt, im Rahmen der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik. Aber wer weiß, wie viele seit der letzten Aktualisierung des Verzeichnisses am 2. August noch hinzugekommen sind...

      Die Diskographie des Arditti-Quartetts ist gigantisch. Irgendwo zwischen 150 und 200 CDs dürften es mittlerweile sein. Beim französischen Label Disque Montaigne gab es eine eigene Arditti-Quartett-Edition, die aber nach 42 veröffentlichten CDs im Jahre 1994 anscheinend eingeschlafen ist. Die Platten sind über zahllose Labels verstreut, von Wergo zu Kairos, über Winter&Winter, Aeon, ECM und viele andere.

      Im Konzert konnte ich die Ardittis recht oft erleben – an die 20 Mal würde ich schätzen. Vor allem während meiner Bonner Zeit zwischen 1983 und 1996. Denn in Bonn, vor allem aber in Köln und bei den Wittener Tagen für Neue Musik waren (und sind) sie regelmäßige Gäste. Hierher nach München verirren sie sich eher selten, weshalb wir im vergangenen Jahr sehr froh waren, das Arditti-Quartett bei den Festspielen in Salzburg und Luzern nach sehr langer Zeit mal wieder live erleben zu können. Mich hat immer die Ernsthaftigkeit und absolute Konzentration der vier auf die Musik beeindruckt – ich hatte meist den Eindruck, dass sich ihr Versinken im Werk auch dem Publikum stark und unmittelbar mitteilt. Dass es ihnen dadurch gelingt, auch sehr komplexe Musik zu vermitteln und dass auch die Zuhörer gebannt am Stuhlrand sitzen, die ansonsten weniger Erfahrung mit Neuer Musik haben.

      Ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten das Ensemble auch unter widrigen Umständen spielen hören und war auch dann beeindruckt, mit welchem Engagement sie bei der Sache waren. Das „schlimmste“ Konzerterlebnis hebe ich mir für einen eigenen Beitrag auf, handelt es sich doch um die größte organisatorische Fehlleistung, die ich in meiner „Karriere“ als Konzertgänger bisher erleben musste – das hat auch die Ardittis sichtbar getroffen. Ein anderes Erlebnis möchte ich aber schon hier zum besten geben: 1993 war das, im Oktober in Bonn. Dort war im (übrigens sehr schönen) Kammermusiksaal des Beethovenhauses eine Reihe von 3 Konzerten mit dem Arditti-Quartett angekündigt: Sämtliche Streichquartette von Bartok, dazu Kurtag, Ligeti und Eötvös. Ein Traumprogramm eigentlich, das mir jedenfalls das Wasser im Munde zusammen laufen lies. Und niemand kam... Im Ernst: Bei keinem der Konzerte waren mehr als 10 Zuhörer im Saal, bei einem waren es wohl nur 5 oder so. Unfassbar. Melanie und mir bleiben diese Privatkonzerte in großer Erinnerung. Die Ardittis haben sich jedenfalls keine Enttäuschung anmerken lassen und haben sich wie üblich die Seele aus dem Leib gespielt. Es gab damals übrigen Gerüchte über eine Gesamtaufnahme der Bartok-Quartette, die aber leider nie erschienen ist.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Entwicklungen – Das Kommen und Gehen

      Die Mitglieder des Arditti-Quartetts haben sehr häufig gewechselt. Eine kurze Übersicht der heutigen und vergangenen Mitspieler:

      Gegründet wurde das Arditti-Quartett 1974 von vier Studenten der Royal Academy of Music in London – von Anfang an auf Neue Musik spezialisiert. Die Gründungsmitglieder waren

      Irvine Arditti, Lennox Mackenzie (Violine), Levine Andrade (Viola), John Senter (Cello)

      Das Cello wechselte zunächst im Jahresrhythmus: John Senter verließ das Quartett schon 1976 nach dem Ende seiner Studien (nach einem Zwischenspiel beim BBC Symphony Orchestra ist er heute beim BBC National Orchestra of Wales). Ersetzt wurde er durch Helen Liebmann, die weniger als ein Jahr blieb. Liebman gründete anschließend mit Simon Jeffes ein Rock-Orchester, The Penguin Cafe Orchestra – die Monate mit dem Arditti-Quartett scheinen ihr einziger Ausflug in die klassische Musik geblieben zu sein. 1977 schließlich fand sich der richtige Mann für den Job: Rohan de Saram, der fast 30 Jahre blieb (bis November 2005) und das Quartett prägte wie sonst nur Meister Arditti selbst, nicht zuletzt auch mit seinem wunderbaren Guarneri-Cello. De Saram (Jahrgang 1939) ist 14 Jahre älter als Arditti. Im Konzert war der Gegensatz zwischen dem extrovertierten Arditti und dem stoischen, mit völlig unbewegter Miene spielenden De Saram immer sehr augenfällig. De Saram fühlte sich offenbar durch das Quartettspiel nicht ausgelastet und war nebenher auch weiter als Cellist erfolgreich – unter anderem wurde Berios Sequenza XIV für ihn geschrieben, wo der Komponist übrigens Elemente der Musik aus Sri Lanka verarbeitet, dem Herkunftsland von De Sarams Eltern.

      Das Quartett sah nun bis 1983 so aus:

      Irvine Arditti, Lennox Mackenzie (Violine), Levine Andrade (Viola), Rohan de Saram (Cello)

      Mackenzie ging zum London Symphony Orchestra. Ersetzt wurde er durch Alexander Bălănescu. In dieser Besetzung habe ich das Quartett zum ersten Mal gehört, 1986 in Bonn mit Werken von Charles Ives. Weder Charles Ives noch das Arditti-Quartett waren mir damals ein Begriff, aber das Konzert hinterließ bleibenden Eindruck. Bălănescu verließ das Quartett 1987 und gründete sein eigenes Streichquartett (Balanescu-Quartett), experimentiert mit Rockgruppen, arbeitete viel mit Michael Nyman zusammen und versucht sich auch als Komponist.

      Auf Bălănescu folgte David Alberman, der für Arditti die Stelle des Konzertmeisters des Chamber Orchestra of Europe aufgab und über 8 Jahre neben Irvin Arditti spielte. 1990 verließ dann nach 16 Jahren Levine Andrade das Ensemble, das letzte Gründungsmitglied neben Arditti selbst. Andrade lebt heute als „freelancer“ in London und tritt auf als Geiger, Bratscher und Dirigent verschiedener Ensembles. Auf Andrade folgte Garth Knox, der zuvor 7 Jahre lang Mitglied des Ensemble InterContemporain war.

      Mich überrascht es immer wieder, wenn ich mir vergegenwärtige, dass diese Besetzung eigentlich so nur 4 Jahre bestand:

      Irvine Arditti, David Alberman (Violine), Garth Knox (Viola), Rohan de Saram (Cello)

      Denn das ist MEIN Arditti-Quartett – die meisten Konzerte habe ich mit dieser Besetzung erlebt, und vermutlich sind auch die meisten Aufnahmen in meiner Sammlung so eingespielt (was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die meisten CDs der Arditti-Quartett-Edition bei Disque Montaigne in dieser Zeit entstanden sein dürften). Ich bin nicht sicher, ob die Behauptung, dass dies das „beste“ Arditti-Quartett war, einem objektiven Vergleich standhalten würde, aber in dieser Zeit bin ich zum glühenden Fan geworden, und für mich ist und bleibt daher diese Besetzung DAS Arditti-Quartett, das ich vor meinem inneren Auge sehe, wenn dieser Name fällt.

      Alberman verlies das Quartett 1994, Knox 1997. Alberman ist seitdem als Geiger in vielen Ensembles unterwegs, unter anderem beim Ensemble Recherche, der Sinfonia 21 und der London Sinfonietta, und ist seit 1999 beim London Symphony Orchestra. Knox ist freischaffender Musiker, über ihn ist einiges (weniges) in unserem Bratschen-Thread zu lesen.

      Nach Albermans Weggang wurde der erst 26 Jahre alte Australier Graeme Jennings für die nächsten 9 Jahre zweiter Geiger. Jennings hatte schon zuvor als Solist ein starkes Interesse für Neue Musik gezeigt und hatte sich seit mehreren Jahren ganz auf das Quartettspiel konzentriert. Seit dem Ausscheiden aus dem Arditti-Quartett 2005 ist er als als Solist im Geschäft.

      Garth Knox wurde durch Dov Scheindlin ersetzt, der 6 Jahre lang bis 2003 blieb und seit dem wieder als freischaffender Bratscher tätig, unter anderem spielt er mit dem Orpheus Chamber Orchestra und im Orchester der MET in New York.

      Von 1997 bis 2003 sieht das Quartett also wie folgt aus:

      Irvine Arditti, Graeme Jennings (Violine), Dov Scheindlin (Viola), Rohan de Saram (Cello)

      Genau, außer Arditti ist heute keiner mehr dabei: 2006 geht Dov Scheinlin, ihm folgt an der Viola Ralf Ehlers, 1971 in Brasilien geboren. 2005 verlässt Graeme Jennings das Quartett und wird durch den 1977 geborenen armenischen Geiger Ashot Sarkissjan ersetzt, der zuvor 5 Jahre im Ensemble InterContemporain gespielt hatte. Und 2005 geht schließlich Rohan de Saram nach beinahe 30 Jahren – mit 66 Jahren hatte er das Rentenalter erreicht und wollte vielleicht ein etwas ruhigeres Leben genießen. Es sei ihm gegönnt. Sein Nachfolger wurde Lucas Fels – womit vielleicht einer der wenigen Cellisten aus der Neuen-Musik-Szene gefunden wurde, dem diese Schuhe nicht mehrere Nummern zu groß waren. Fels, Jahrgang 1962, hatte sich als Cellist profiliert und war 1995 Gründungsmitglied des großartigen Ensemble Recherche, das als eines der besten Spezialensembles für Neue Musik gelten kann.

      Seit Ende 2005 sieht also das Arditti-Quartett so aus:

      Irvine Arditti, Ashot Sarkissjan (Violine), Ralf Ehlers (Viola), Lucas Fels (Cello)

      - in dieser Besetzung habe ich das Quartett 2 Mal gehört. Vor allem das Konzert mit Nonos „Fragmente – Stille, An Diotima" bei den Salzburger Festspielen 2009 war große Klasse, so dass ich denke, dass von den Ardittis auch in dieser Besetzung einiges zu erwarten ist.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • so dass ich denke, dass von den Ardittis auch in dieser Besetzung einiges zu erwarten ist.
      in Donaueschingen werden sie im Oktober - u.a. zusammen mit dem Jackquartett - einiges von Ferneyhough, Dillon und Dusapin aus der Taufe heben.. nur vom Feinsten ... das gibt ein "Fescht" , weitere Infos dazu u.U. dann demnächst im Radiothread...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Lieblingsaufnahmen...

      ... einfach ganz spontan die 3 ersten die mir einfallen

      Nono natürlich:




      und Lachenmann:



      (ein Vergleich mit der neueren Aufnahme bei Kairos wäre interessant, kommt vielleicht irgendwann mal)


      und ein ganz besonderer Favorit: Eine Doppel-CD mit Kammermusik von Xenakis, mit Claude Helffer am Klavier - ein absolutes Muss für alle Xenakis-Freunde




      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • verschiedene Lieblinge mit den Ardittis

      Ich habe Studiokonserven und jede Menge toller Livemitschnitte mit den Ardittis.

      Der Nono ist natürlich klasse, keine Frage; auch wenn ich den Livemitschnitt seines überragendem Streichquartetts “Fragmente Stille” und dem “No hay caminos, hay que caminar” für 2 Violinen mit den Pellegrinis (Livemitschnitt vom 30.11.08) und die Lasalle-Studiokonserve bevorzuge. Beide Werke des Großmeisters Nono bilden zweifellos einen Gipfel der Kammermusik.

      Neue Wiener Schule
      Stücke gehören leider nicht zu meinen bevorzugten Livemitschniten und Studiokonserven mit den Ardittis (aber auch Lasalle, Julliards + Leipziger sind da leider nicht der große Brüller). Denn die NWS wird von anderen Quartetten, sehr viel fetziger gespielt z.B. Parrenin, Aron-Quartett, Wihan-Quartett, Emerson. Vor allem was Schönberg und Webern angeht...

      Einfach hammergeil sind natürlich die Ferneyhough-Einspielungen (vor allem die Sonatas for String Quartet), leider momentan nicht käuflich erhältlich, nur bei Youtube (sogar in stereo). Ein richtiger Dauerbrenner:

      “www.youtube.com/watch?v=3v1MNwn3c44&p=3C56B729726F3762&playnext=1&index=6”
      “www.youtube.com/watch?v=iNIJXAtHWUc&p=3C56B729726F3762&playnext=1&index=7”
      “www.youtube.com/watch?v=knTBSflLcIo&p=3C56B729726F3762&playnext=1&index=8”
      “www.youtube.com/watch?v=u1kW5qLir24&feature=related”




      Unerreicht - nicht mal das Pacifica-Quartett oder die Juilliards kommen da ganz ran - ist auch die Studiokonserve der Elliott-Carter Quartette


      Das 5. Quartett mit den Ardittis ist momentan weder bei Amazon noch bei JPC zu haben, was ist denn das für eine Sauerei ? Also den Youtube-Konverter anschmeißen:
      "www.youtube.com/watch?v=7NoFwFEsFsA"
      "www.youtube.com/watch?v=uuawhLgpO7s&feature=related"

      Was wär noch zu nennen: z.B. die sehr schöne Berio-Einspielung zu Apothekenpreisen


      Der noch viel zu unbekannte Grosskopf aus der Hertha-Stadt

      Den Ruzicka-Quartetten (die CD ist nicht mehr komplett, mittlererweile schrieb er Nr. 5 + 6) kann ein gewisser Rang nicht abgesprochen werden. Ruzicka wird inzwischen vom Minguett-Quartett gut betreut.


      Abzocke hoch 10 ist ja wohl der Sampler “From USA”. Denn da gibt einerseits diese 20-minütige Sparversion des späten Cage-Quartetts “Four” (ist kein Schnarch-Quartet !)


      Andererseits in einer gesonderten CD kann dann das 30-minütige “Four” in der Teuer-Vollversion-CD gekauft werden. Ist doch mega-dreiste Geldbeutel-Verarsche.

      (Zumal das frühe Streichquartett in Four-Parts als Fillup auch in anderen u.U. billigeren CDs erworben werden kann).
      Also bei den USA-Italy-etc-Samplern ist Vorsicht angebracht, ob nämlich (ohne h) gleicher Inhalt nicht anderenorts billiger bzw. vollständiger zu kriegen ist...

      Leider gibt es noch keine CDs mit den Quartetten von Phillipe Schoeller und Emilio Pomarico, die z. Tl. auch von Arditti uraufgeführt wurden. Da ist man z.B. auf HÖRZU-Infos für Radiolivemitschnitte angewiesen...

      Ein toller Knaller ist natürlich das 2. Streichquartett (“Time-Zones”) von Dusapin (momentan mein Lieblings-Dusapin). Unbedingt reinziehn !


      Es gibt natürlich noch viel mehr mit den Ardittis.... bring euch hier bitte alle ein....

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ob andere Ensembles das "fetziger" hinbekommen haben, weiß ich nicht: Jedenfalls schätze ich persönlich die Aufnahmen dieser Klassiker des 20. Jahrhunderts recht hoch. Bei mir finden sich z. B.:


      Arnold Schönberg: Streichquartette 1-4
      Arditti String Quartet (Irvine Arditti, David Alberman, Vl.; Garth Knox, Vla.; Rohan de Saram, Vc.); Dawn Upshaw, Sopran
      Montaigne, aufg. 1993


      Alban Berg: Streichquartett op. 3; Lyrische Suite
      Arditti String Quartet (Irvine Arditti, David Alberman, Vl.; Levine Andrade, Vla.; Rohan de Saram, Vc.)
      Montaigne, aufg. 1989


      Anton Webern: Fünf Sätze op. 5; Sechs Bagatellen op. 9; Streichquartett op. 28; Streichtrio op. 20; Satz für Streichtrio "ruhig fließend"; Streichquartett 1905; Langsamer Satz 1905; Rondo für Streichquartett
      Arditti String Quartet (Irvine Arditti, David Alberman, Vl.; Levine Andrade, Vla.; Rohan de Saram, Vc.)
      Montaigne, aufg. ?

      Außerdem:


      Arnold Schönberg: Weihnachtsmusik für Klavier, Harmonium, 2 Violinen, Violoncello
      Gustav Mahler/Arnold Schönberg: Lieder eines fahrenden Gesellen (Bearbeitung für Stimme, Flöte, Klarinette, Harmonium, Klavier, Schlagzeug, Streichquintett)
      Feruccio Busoni/Arnold Schönberg: Berceuse élégiaque op. 42 (Bearbeitung für Flöte, Klarinette, Streichquintett, Klavier, Harmonium)
      Johann Strauß/Arnold Schönberg: Kaiserwalzer (Bearbeitung für Klavier, Flöte, Klarinette, Streichquartett)
      Johann Strauß/Arnold Schönberg: Rosen aus dem Süden (Bearbeitung für Klavier, Harmonium, Streichquartett)
      Arditti String Quartet (Irvine Arditti, David Alberman, Vl.; Levine Andrade, Vla.; Rohan de Saram, Vc.); Jean-Luc Chaignaud; Bariton; Michel Moragués, Fl.; Paul Meyer, Klr.; Hakon Austbö, Harmonium; Louise Bessette, Klv.; Isabelle Berteletti, Schlagzeug; Marc Marder; Ktrb.; Ltg.: Michel Béroff
      Montaigne, aufg. 1989

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ob andere Ensembles das "fetziger" hinbekommen haben.....
      Doch, doch ganz bestimmt. Glaubs mir ....
      Jedenfalls schätze ich persönlich die Aufnahmen dieser Klassiker des 20. Jahrhunderts recht hoch.
      Es soll auch die Freude an den bereits vorhandenen Aufnahmen überhaupt nicht genommen werden. Die Webern-Quartette aus seiner frühen sog. frei-atonalen Phase sind schon gut von den Ardittis gespielt; auch das „erste“ 2-sätzige Berg-Quartett. Es soll einfach für noch größere Fetzigkeit agitiert werden, was die NWS betrifft... z.B. Lyrische Suite kriegt man als gute Billig-CD mit dem Schönberg Quartett, die mir in bei diesem Stück näher sind, als die Ardittis (oder auch LaSalle u.a).

      Arditti spielt auch manchmal Werke der Tradition z.B. Ravels Streichquartett und Beethovens Gr. Fuge aus op. 131. Bei letzterer gibts aber Wiedergaben, die mir gelungener sind, als die mit Arditti.

      Nicht empfehlen kann ich das Helikopter -Quartett von Stockhausen (könnt euch von Youtube die Strings reinziehn, wenn’s denn unbedingt sein muss). Das liegt nicht an den Ardittis, sondern diese Komposition klingt einfach bloß armselig...

      Ich vergaß auf die sehr schönen Hans-Zender-Quartette hinzuweisen (mit Sprechstimme). Wieder mal mit ganz fiesen Apothekerpreis.

      Vom 4. Zender-Quartett habe ich einen Live-Mitschnitt der Uraufführung.

      Arditti haben - nach meiner Info - nur ein Feldman-Stück eingespielt, auf dem USA-Sampler. Auch das andere Schwergewicht Milton Babbitt suche ich mit den Ardittis vergebens. Aber Feldman wird vom Ives-Ensemble sehr gut gepflegt.

      Maderna,
      Busotti,

      "www.youtube.com/watch?v=LOOPKhXkgtg"
      "www.youtube.com/watch?v=hz2jtXcK0Mk&feature=related"
      und
      Fedele


      dürfen nicht fehlen.

      Auf Francisco Guerreros Trios hatte schon der General hingewiesen

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Sehr gelungen ist auch



      From Scandinavia mit
      Magnus Lindberg: Klarinettenquintett
      Bent Sörensen: Angel's Music
      Kaija Saariaho: Nymphea für Elektronik & Streichquartett
      Jukka Tiensuu: Arsenic & Old Lace f. Cembalo & Streichquartett

      - besonders das Stück von Saariaho ist sehr schön. :juhu:


      Nicht mehr verfügbar ist die CD From Italy mit Werken von Berio, Scelsi, Maderna u.a.


      Und ebenfalls vergriffen :cursing: die Doppel-CD mit den 5 Streichquartetten von Scelsi:

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    • Und noch'ne sehr schöne Platte:

      Harrison Birtwistle: Pulse Shadows



      - die Uraufführung konnte ich 1996 bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik hören, und das war damals schon ein ziemlich tolles Konzert :juhu: .

      Pulse Shadows ist ein 18-teiliges Stück. 9 Sätze für Streichquartett, dazwischen 9 Vertonungen von Celan-Gedichten für Sopran und Ensemble (Claron McFadden und das Nash Ensemble unter de Leeuw auf der CD, Claudia Barainsky und das Klangforum Wien unter Kalitzke damals in Witten). Die Streichquartett-Sätze und die Lieder waren ursprünglich getrennt entstanden und waren in Witten auch zunächst als zwei Werke angekündigt gewesen. Erst im Nachhinein sind die Kompositionen zusammengewachsen, so spät, dass es zum Programmheft in Witten einen Zusatz als loses Blatt gab, wo dann auch der Titel "Pulse Shadows" auftauchte.

      Leute, hört mehr Birtwistle :thumbup:

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Mir gehen die Ardittis gehörig auf die Nerven. Ihr Umgang mit einer neuen Partitur scheint mir vor allem in den letzten Jahren eher dem Sprung eines routinierten Rodeoreiters auf ein junges Wildpferd zu gleichen als von einer angemessen demütigen und neugierigen Haltung gegenüber dem bisher Ungehörten zu zeugen. Technisch sind ihre Interpretationen wohl über jeden Zweifel erhaben. Aber interpretatorisch? Wann immer ich, leider viel zu selten, bei einem Streichquartett etwa von Carter, Dutilleux, Dillon, Ferneyhough oder Boulez die Möglichkeit des Vergleichs mit einer Aufnahme beispielsweise des fantastischen Quatuor Diotima, des Minguet Quartet oder des Pacifica Quartets hatte, erlebte ich hier die Emotionalität, die Sanftheit, das genussvolle Nachzeichnen von Melodielinien, die ich bei den Ardittis nahezu immer vermisse. Das Nonoquartett z.B. habe ich von ihnen vor Jahren live gehört - und war entsetzt von einer wirklich sinnlosen, nicht im geringsten nachschöpfenden und nachempfindenen Wiedergabe, verglichen mit LaSalle und anderen.

      Die Ardittis schrubben Partituren runter. Immer wieder neue. "Mehrere hundert" Streichquartette, so das Arditti Quartett auf seiner Webseite, seien seit seiner Gründung 1974 für dieses Ensemble geschrieben worden. Genau zählt man offenbar schon nicht mehr mit. Über 170 CDs, ausschließlich mit neuen Werken oder solchen der klassischen Moderne, habe das Quartett veröffentlicht, durchschnittlich also viereinhalb in jedem der 37 Jahre seines Bestehens. Beeindruckend, nicht wahr? Die Marathonmänner der Moderne. Aber sind sie allein deswegen schon gut?

      Egal, was sie spielen: bei den Ardittis höre ich immer den gleichen anstrengend angestrengten sound, mit zu viel Bogendruck, einer hektisch-überaufgeregten Grundstimmung und mehr sforzati in jedem einzelnen Werk als ein anständiger Komponist in seinem ganzen Leben schreiben wird. Bei großen Teilen ihres Repertoires stehen sie allerdings, leider, noch konkurrenzlos da. Und die Komponisten und Veranstalter lieben sie offensichtlich - kein anderes Ensemble führt mit so wenig Vorbereitungszeit einfach alles urauf, was für Streichquartett komponiert wird. Bei keinem anderen klingt aber auch alles derart gleich, so dass ich mich gelegentlich still fragte, ob sich nicht manche Komponisten in vorauseilendem Gehorsam schon beim Schreiben ihrem Uraufführungsensemble anpassen, bei dem sie ja eh längst wissen, wie es klingen wird - egal, was sie ihm aufs Notenpult legen.

      Grüße
      vom Don
    • Ich gestehe auch, dass ich kein Fan des Arditti Quartetts bin. Ich fühle mich vor allem mit der Masse an Quartetten völlig überfordert. Für mich ist es wichtig, dass ein Quartett Ensemble neue Werke auswählt und immer wieder dem Publikum vorstellt. Hier in Wien spielen sie - so meine Erkenntnis - jedes Stück nur einmal, wie soll man da das einzelne Werk kennen lernen? Das ist reines Quantitätsdenken. Das Alban Berg Quartett hat seine zeitgenössischen Werke schon mehrmals aufs Programm gesetzt, das finde ich in Ordnung. Auch die Art des Spiels gefällt mir nicht. Einmal hörte ich die große Fuge mit ihnen (live), nicht meines. Ich habe das Empfinden (mein Empfinden - mein Eindruck), dass zB das LaSalle Quartett gründlicher spielt (zB Ligeti Nr. 2) - wie wohl deren Primarius Walter Levin das Arditti Quartett und seine schnelle Lernfähigkeit von neuen Stücken sehr bewundert.

      Beste Grüsse

      Gerhard
    • Lieber Don,

      es gibt Aufnahmen, da kann ich dir voll zustimmen, dann aber auch wieder Aufnahmen, bei denen sie mir sehr gut gefallen. Sehr deutlich wird das bei ihren zwei Einspielungen des Streichquartetts von Conlon Nancarrow, einem Werk, das selbst sie an die Grenzen brachte. Mit ihrer ersten Einspielung waren sie selbst nicht nur aus technischen Gründen unzufrieden, die zweite bringt das sauschwere Werk jetzt voller feiner Nuancierungen zum Leben.

      Aber es stimmt schon, Sanftheit und Lyrizismen sind nicht so ihr Ding. Sie spielen eher schroff, unsanft, strenger, aber dafür mit sehr viel Dynamik und in den besseren Aufnahmen dabei aber dennoch auch sehr nuancenreich, mit besseren Rhythmusfeeling als die meisten anderen 'klassischen' Quartette und mit enormem 'Gruppenfeeling' für geistesgegenwärtige Interaktion. Sie können immer noch schnell etwas im Spiel anpassen und dabei auf die feine Nuancierung eines Mitspielers sofort angeregt reagieren. Da ist mehr von der Geisteshaltung der freien Improvisation als bei jedem anderen 'klassischen' Streichquartett. Vielleicht ist das auch ihr Geheimnis, das sie ein so übermenschliches Uraufführungsprogramm bewältigen. Mir gefällt das, aber das ist wohl Geschmackssache. So gefallen mir z.B. ihre Elliott Carter-Aufnahmen weitaus besser als die des Pacifica Quartets bei Naxos. Hier kommt mir ihre Art sehr angemessen vor, ebenso wie beim jazzigen Conlon Nancarrow. Rihm hingegen höre ich auch viel lieber mit dem Minguet-Quartett.

      Ihr langjähriger Cellist Rohan de Saram ist ja auch in der Freien Improvisation aktiv. Er war über viele Jahre Teil der legendären britischen Gruppe AMM, gegründet von Komponist Cornelius Cardew und Schlagzeuger Eddie Prevost, in der seit den frühen 60ern Musiker der Neuem Musik und des Free Jazz zur Freien Improvisation zusammenkommen. Er war aber auch Teil von ähnlichen Fromationen in Italien. Seit ich das besser kenne und ihn auch mit Eddie Prevost (perc) und John Tilbury, Cardews Nachfolger am Piano, schon live erlebt habe, ist mir aufgefallen, dass nicht nur sein Klangideal, sondern wohl auch das der Ardittis insgesamt viel näher am Klangideal der britischen Freien Improvisationsszene liegt, als an dem der Klassik. Dieses Klangideal ist noch viel weiter von jedem klassischen Schönklang entfernt als das, auch anderer auf Neue Musik spezialisierter Quartette. Es ist aber deswegen nicht weniger entwickelt.

      :wink: Matthias
    • Arditti spielt Abrahamsen

      6 Jahre sind seit dem letzten Eintrag ins Land gegangen, ich nehme die nagelneue CD mal zum Anlass, den Faden wieder aufzugreifen.
      Die neue bei Winter & Winter erschienene CD widmet sich den vier Streichquartetten des Dänen Hans Abrahamsen. Das hat nach ersten Höreindrücken etwas überrascht, denn das ist Musik die man eher mit dem Kronos Quartet oder dem Danish String Quartet assoziieren würde als mit den Ardittis. Zumindest das 4. Streichquartett - 2012 geschrieben - ist doch von der "Avantgarde" sehr weit entfernt. Das viersätzige Werk, gut 20 min lang, widmet sich den vier Elementen (Satztitel: Light and airy, With motion, Dark, heavy and earthy und Gently rocking), und bietet Musik zwischen Postminimalismus und Environmental Music. Der erste Satz besteht aus Tönen in den höchstmöglichen Lagen gespielt, so dass es wie eine Glasharfe klingt. John Luther Adams hat zum Thema Wind ähnliches komponiert. Ab dem zweiten Satz wird es dann auch zunehmend harmonisch, mit Melodiefetzen, die urtümlich klingen, wie frühe Volksmusik. Im dritten Satz diskutieren Cello und Bratsche ausgiebig pizzicato und der letzte Satz bringt dann noch etwas volkstümlich klingendes. Wie gesagt, hätte ich bei Arditti jetzt nicht so erwartet, seit heute weiß ich auch wie Hardcore-Avantgardisten das nennen: Kitsch.
      Dürfte aber beim durchschnittlichen Publikum nicht so schlecht ankommen, die letztjährige CD von Abrahamsen mit Barbara Hannigan war wohl ein großer Erfolg.

    • Zwar kein Streichquartett aber der Primarius des Arditti Quartet, Irvine Arditti hat Werke für Solo-Violine aufgenommen, die Anfang September erscheint:
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)