Viola da Gamba — Einspielungen: The good, the bad and the ugly

    • Manchmal wird man auch im Netz fündig! Gerade habe ich diese Einspielung von Lorenz Duftschmid auf YouTube gehört:

      Johannes Schenck

      "http://www.youtube.com/watch?v=0SPfP9lBUuo&feature=related"

      wirklich hörenswert!

      Und beim weiteren Stöbern habe ich noch diese schöne Aufnahme gefunden:

      Johannes Schenck (1656-1712) - Sonate in D-Dur für Viola da Gamba und BC

      "http://www.youtube.com/watch?v=HdBEmVM_FSg&feature=endscreen&NR=1"

      Alle Aufführenden sind in der Alten Musik-Szene wohlbekannt:
      Lorenz Duftschmid und Sophie Watillon Gamben, Rolf Lislevand, Theorbe und Wolfgang Zerer, Cembalo

      Bis bald
      corda vuota
    • Johannes Schenck mit Lorenz Duftschmid

      Die Schenck-Sachen haben Duftschmid & co. auch für cpo eingespielt - eine wirklich ganz entzückende CD ist das, auf der die streckenweise ziemlich eigenwillig-schrägen Werke sehr eindrücklich dargeboten werden:



      Ist ein echtes Schnäppchen ...

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Manchmal kann man auch auf alten Einspielungen interessante Entdeckungen machen.

      Music in Versailles

      Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1970 und stammen von der „deutsche harmonia mundi“

      Es spielen:
      Wieland Kuijken , Viola da gamba
      Sigiswald Kuijken, Violine, Viola da Gmaba
      Gustav Leonhardt, Cembalo

      Die CD beginnt mit
      Marin Marais (1656-1728) — La sonnerie de Sainte Genevière du Mont à Paris
      Jean Henri d'Anglebert (1635-1691) — Prélude in d-moll
      Marin Marais (1656-1728) — Tombeau de Mr. De Saint-Colombe
      Antoine Forqueray (1672-1745) — Suite V in c-moll


      Da ich schon immer gerne die französische Gambenmusik höre, musste diese Einspielung unbedingt den Weg zu mir finden. Für die Musik Marais habe ich immer offene Ohren. Die „La sonnerie de Sainte Genevière du Mont à Paris“ wir hier unglaublich mitreißend gespielt. Manchmal kommt mir Wieland Kuijkens Gambe etwas zu „dick“ rüber, aber das ist sicher Geschmacksache.
      Jean Henri d'Angleberts „Prélude in d-moll“: Gustav Leonhardt fesselt mit seiner Interpretation. Eine unglaublich gute Einspielung, auch aufnahmetechnisch. Wenn ich die Augen schließe, glaube ich fast, dass das Cembalo hier bei mir in den Räumen steht.
      Marin Marais „ Tombeau de Mr. De Saint-Colombe“ da können die Ohren drin baden: Wunderbar!
      Mit der „Suite V in c-moll“ von Antoine Forqueray für zwei Gamben und Basso Continuo schließt dieses CD. Da sitze ich und traue mich kaum zu atmen, nur um keinen der Klänge zu versäumen. Zwei Gamben in perfekter Harmonie.



      Bis bald
      corda vuota
    • Diese CD scheint mir noch nicht erwähnt worden zu sein?

      Und einen passenden nur-Bach-Thread scheint es (auf den ersten Blick) auch nicht zu geben (?)

      Jordi Savall / Ton Koopman:
      Bach - Sonaten für Viola da Gamba und Cembalo



      Hier die Sonate IV C-Dur, BWV 529:
      "http://www.youtube.com/watch?v=CwxeE5LGgdA"


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...





    • Auf der Entdeckungsreise durch die Operngeschichte mit Nikolaus Harnoncourt gelange ich von Claudio Monteverdi zu Henry Purcell, 1659 in London geboren und schon mit 36 Jahren ebendort im November 1695 gestorben.

      Schon früh befasste sich der Concentus Musicus Wien mit Purcells Musik. Und da gibt es für mich neben den Bühnenwerken die 1963 aufgenommenen 15 Gambenfantasien zu entdecken, für 3 bis 7 Gamben komponiert, Spielzeiten von 2:16 Minuten bis 4:14 Minuten, erstveröffentlicht bei Amadeo, auf CD auch verfügbar (Archiv Produktion 447 153-2). Und dabei diesen schönen, lesenswerten, informativen Thread, danke für alle Beiträge bisher!

      Der auch im CD Beiheft zu findende Einführungstext von Nikolaus Harnoncourt verweist auf die englische Hausmusik im Gegensatz zur italienischen großen Bühne, auf das Wunder, dass jemand mit 22 solche Musik komponiert, auf Zitate in den Fantasien aus Dowlands „Lachrimae“(1605) und darauf, dass die „In Nomines“ Fantasien mit ihrem Cantus firmus auf dem Gloria tibi Trinitas aus dem Benedictus von John Taverners Messe basieren. Zu hören sind 3 Fantasias for 3 Viols, 9 Fantasias for 4 Viols, die Fantasia upon One Note for 5 Viols sowie In Nomine for 6 Viols und In Nomine for 7 Viols, nummeriert zwischen Z 732 und Z 747.

      Also mir ging es jetzt bei der Erstbegegnung so:

      Ein Wunder nach dem anderen tut sich da auf mit dieser Musik. Mein Lieblingskomponist ist Mozart (und dann gleich Schubert), aber das hier ist so innig schön wie der schönste Mozart, und das will was heißen bei mir. Die polyphonen Geflechte bauen sich meist zuerst mit einem langsamen Teil, dann mündend in einen schnellen auf. Dabei entfaltet der Gambenklang einen ganz eigenen faszinierenden Reiz. Musik vom Vergeistigten ins Tänzerische, eine Fantasie schöner als die andere. Besonders angetan haben es mir die zweite (F-Dur) und dritte (g-Moll) Fantasia for 3 Viols und aus den 9 für 4 Viols die zweite in a-Moll (diese Linienführung!), die vierte in e-Moll („wie Schubert“), die sechste in G-Dur (erhaben) und die siebente in F-Dur (wieder eine erstaunliche „Schubert-Vorwegnahme“).

      Die Archiv Produktion CD wird mit Purcells Chaconne g-Moll Z 730, dirigiert von Trevor Pinnock, ergänzt. Das Werk scheint hier nach der immer dichteren Instrumentierung bisher noch einen markanten finalesken Schlusspunkt setzen zu wollen.

      Fazit: Für solche Musik lohnt es sich zu leben.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander,

      danke für Deine schönen Worte, die ich keinesfalls relativieren möchte.

      Diese wunderbare Musik lernte ich mit Interpreten kennen wie der Leipziger "Capella Fidicinia" oder August Wenzingers Gambenconsort.
      Alles Aufnahmen, die den Stil Harnoncourts vielleicht geprägt haben oder von ihm angeregt wurden- in Vollendung fand ich die Werke dann musiziert in dieser Einspielung:

      Nicht nur die Strukturen dieser Musik sind hörbar, sondern auch ihr Klangsinn entfaltet sich vollständig.
      Was mit Sicherheit daran liegt, dass die Bogenhaltung bei Harnoncourt, Wenzinger oder Hans Grüß noch die Cellotypische ist, während Savall und seine Mitmusiker den Bogen wie seinerzeit, Purcells Zeit, von unten greifen und somit der Klangfarbenreichtum der Gambe als solcher wieder zum Tragen kommt.
      Was diese Stücke noch eindrücklicher klingen lässt, noch sinnlicher- und vielleicht noch göttlicher.

      Dennoch möchte auch ich in meiner Sammlung solche Pioniertaten wie die Wenzingers oder Harnoncourts nicht missen!
      Darum mein Beitrag nur eine kleine, vorsichtige Ergänzung.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Ja, die Gambenfantasien sind eine wunderbare Werkgruppe von Purcell!

      Ich mag auch noch diese zwei Einspielungen sehr:

      Fretwork (1995)


      (Anm.: die zweite Einspielung von Fretwork, bei harmonia mundi erschienen, finde ich weniger gelungen)

      und

      Rose Consort of Viols



      Beide zurückhaltende, typisch englische Interpretationen, daher aber auch etwas leichtfüßiger, freundlicher, als die schöne, aber (für mich) vielleicht ein bisschen zu dunkle, zu melankolosche Savall-Aufnahme.

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Ein, nein, für mich der späte Höhepunkt der Musik für Viola da Gamba - ich bekenne eine große Bildungslücke in der Barockmusik vor wenigen Wochen erst geschlossen zu haben

      Hallo zusammen,

      nachdem ich in diesem Sommer zum ersten Mal das Vergnügen hatte, Werkausschnitte aus den postum herausgegebenen Suiten von Antoine Forqueray live zu hören (gespielt von der wahrlich großartigen Friederike Heumann), war ich erstaunt, wie sehr sie bei der Virtuosität und der Exzentrik dieser Musik als Interpretin herausgefordert war.

      Ich kannte den Namen Forqueray immer nur als den des Widersachers von Marin Marais. Wie wenig dieses Epitheton seiner Musik gerecht wird, habe ich im Liveerlebnis schon sehr ausführlich gemerkt. Daraufhin habe ich mir zwei Aufnahmen dieser Suiten zugelegt: die Originalfassung für Viola da Gamba und b.c. in der glorreichen Einspielung von Paolo Pandolfo, und die Cembalofassung (des Sohnes Jean-Baptiste) in der Einspielung von Mitzi Meyerson. So gelungen die letztere ist, sie steht in meiner Wahrnehmung meilenweit hinter der gesanglich-zupackenden Einspielung der Stücke durch Pandolfo et.al.



      Antoine Forqueray ist sicher ein Nischenkomponist, da er nur für sein Instrument geschrieben zu haben scheint. Von im Nachlass erwähnten ehedem 350 Stücken existieren im Rahmen des Drucks 29 Stücke, dazu sind handschriftlich noch wenige Stücke erhalten. Aber in diesem Fall muss man bei dem Überlieferten tatsächlich von einem Höhepunkt der Literatur für Viola da Gamba sprechen. So selbstbewusst-virtuos, dramatisch, manchmal geradezu auftrumpfend (z.B. das Stück La Angrave, eine der in den Suiten eingefügten Kompositionen des Sohnes), so abwechslungsreich kenne ich keine Musik für dieses Instrument. Seine Musik wurde von Zeitgenossen als eigensinnig und unberechenbar (Hubert Le Blanc) oder als festlich und prunkvoll beschrieben, dem 'Engel' Marais wurde der 'Teufel' Forqueray gegenübergestellt.

      Als Gambist in der 'chambre du roy' kannte Forqueray alle wichtigen Personen am Hofe Louis XIV., seine Stücke tragen fast alle Namen, alleine die Liste der französischen Barockkomponisten ist beachtlich: In den Suiten begegnen uns Forqueray selber, Couperin, Leclair, Rameau und der Geiger J.-P. Guignon. Neben diesem musikhistorisch interessanten Aspekt dieser Musik heben alleine die Dimensionen und die musikalische Qualität der Suiten aus der Menge zeitgenössischer Musik heraus: die fünfte Suite benötigt 35 Minuten auf einer CD: oft genug sind Zweifach- und Dreifachgriffe gefordert, aber die Harmonien sind ebenso wild wie bei Rameau, dem Namensgeber für das erste Stück. Rameau, F. Couperin, Marais und Duphly schrieben im Gegenzug Stücke auf Forqueray.

      Ich muss zugeben, dass die Stücke alles übertreffen, was ich an Barockmusik für ein Soloinstrument kenne. Neben diesen Stücken können sich, was Virtuosität, was menschliche Tiefe, was barocken Prunk, was Fantastik angeht, sogar die wahrlich großartigen Cellosuiten des gleichzeitigen Thomanerkantors nicht bewähren. Und dabei sind die Stücke sehr konzise gebaut. Ein must-hear und das habe ich hier in diesem Forum noch nicht besonders oft geschrieben.

      Gruß Benno
    • Lieber David,

      ich sehe Deinen Kommentar erst jetzt. Die Bedenken, wer von den beiden Forquerays nun der Komponist sei, werden ja allenthalben formutiert. Auch die Auswahl der Namen der 'Widmungsträger' der Stücke verweist für Leute, die sich am französischen Königshofe in der ersten Hälfte des 18.Jhs. auskennen, eher auf den Sohn.

      Und vom Vater geht die Legende, dass er sich geweigert hat, seine Kompositionen zu fixieren. Dass für ihn Noten nichts mit Musik zu tun haben, dass nur der Moment des Musizierens zähle ... Egal, wer die Stücke 'verfasst' hat, oder ob regelmäßige Paraphrasen über Motive sich sozusagen über eine längere Zeit zu einer Endfassung kondensiert haben: die Qualität der vom Sohn veröffentlichten Stücke und die Aufführung durch Paolo Pandolfo empfinde ich als etwas, das jeder Barock- und/oder Gambenfreund kennen sollte.

      Gruß Benno
    • Tatsächlich klingen die Soundschnipsel, die ich bisher gehört habe, sehr gut! Ich kenne diese Werke v.a. in der Cembalotranskription, in der sie mir durchaus gut gefallen, aber insgesamt wohl etwas zu sonor sind für das Instrument. In den tiefen Lagen klingt die Gambe schon besser als das Cembalo.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Général Lavine schrieb:

      Für mich die vielleicht schönste Musik für Gamben: Purcells Fantasien. In ihrer strengen Polyphonie wirken sie archaisch; bei aller Herbheit klingen die endlosen, hoch expressiven Melodiebögen jedoch einfach berückend.
      Angeregt durch Bennos Beitrag vor ein paar Tagen habe ich wieder mal in die Fantasien von Purcell reingehört und fand, dass sie just nicht archaisch klingen - also so wie vergleichbare Werke von Byrd oder Ferrabosco - sondern eher wie italienische Triosonaten aus dieser Zeit, nur ohne Generalbass. Die Fugen und die langsamen Sätze klingen für mich sehr italienisch, sozusagen moderne Musik in archaischem Gewande. Die bisweilen herbe Harmonie ist natürlich typisch Purcell.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.