Eben abgebrochen - Literatur

    • Eusebius schrieb:

      Beim Thema Napoleon vs. Russland würde ich auch eher "Krieg und Frieden" bevorzugen, allein schon der sprachlichen Qualität wegen.
      Als ich Krieg und Frieden nach dem Abitur las, störte mich Tolstois Geschichtsphilosophie enorm - müsste ich wieder mal lesen. Aber einen langen Atem braucht man. Wir haben hier auch irgendwo einen Tolstoi-Thread. Ich suche mal :)
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • putto schrieb:

      Letzten Sommer habe ich 1/3 von Jean Pauls Flegeljahre gelesen, seither liegt es abgebrochen herum.
      :(
      (Ist übrigens der 2. Durchgang, der in der Hoffnung angegangen wurde, dass ich's diesmal besser verstehe.)
      So, gestern fertig geworden. Für den 2. Durchgang also fast 2 Jahre gebraucht.
      :whistling:
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Meinen hohen Respekt!
      An Jean Paul bin ich mein Leben lang erbärmlich gescheitert. Nicht das ich seine Größe nicht gespürt hätte ... Aber nach 20 Seiten war ich immer schwindelig und hatte keine Ahnung mehr was der Kerl da überhaupt mir sagen will...

      Nach vielen Versuchen (Flegejahre, Titan, Siebenkäs) wollte ich's mit dem Schulmeisterlein Wutz dann erzwingen. Hat aber auch nicht hingehauen. Ich stand da wir ne Kuh vorm Baum... dabei bin ich doch ein erfahrener Leser (mag sogar Stifter! ?( )

      Vielleicht knack ich den JP ja nochmal. So ein Scheitern kenn ich sonst nur von Pynchton (da noch spektakulärer)...

      Ratlos, Garcia 8|
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Mich hat der Siebenkäs auch etwas Mühe und Zeit gekostet.
      Am Ende hat sichs aber, will ich doch sagen, gelohnt.
      Wieso es so schwer ist, die Dinger am Stück durchzulesen, müßte man mal untersuchen - es ist halt nicht das, was man im landläufigen Sinne fesselnd nennt...
      Aber zumindest im Siebenkäs muss ich sagen: die Pointe hat was.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Neu

      Tja Caesar, der Kafka... da gibt's nur einen Tip (falls er überhaupt noch reizt): sich nur an die Erzählungen halten, denn die Romane sind (Prügel nehme ich gern entgegen), die sind schwach. Das konnte er nicht. Da er nur im Zustand totaler Inspiration scheiben konnte aber über Monate jeden Tag den Stein ein bisschen weiterwälzen gar nicht sein Ding war wundert das wenig... in Sachen Arbeitsweise war er das pure Gegenteil eines Thomas Mann...

      Kafka liebte ich mit 20, heute empfinde ich dieses ständige Schwarz-in-Schwarzmalen als etwas was ich mir nicht mehr antun möchte. Ich will die ganze Welt. Balzac, Dickens, so etwas. Aber damals war er wichtig, aber das muß er ja niemandem sein ;)

      Aus Bildungsgründen lesen hab ich eh nur bei Goethe gemacht. Ist auch lang her und hat bei mir keine Spuren hinterlassen, hätt ich mir fast auch schenken können... naja nun kann ich auf Coctailpartys sagen ich hab Wilhelm Meister Wahlverwandtschaften etc gelesen aber wozu das? Wo ich doch garnicht auf Partys gehe? :D

      Lesen muß Lust sein. Kafka... Lust... Ist n bissel wie Hering und Himbeersirup, oder?



      LG
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Neu

      garcia schrieb:

      [...] denn die Romane sind (Prügel nehme ich gern entgegen), die sind schwach. Das konnte er nicht.
      Prügel gibt's von mir nicht, dafür bin ich zu gut erzogen ( :saint: ), aber heftigsten Widerspruch! Was soll an den Romanen schwach sein? Der Verschollene, Der Process und Das Schloss sind für mich absolute Meisterwerke, jeder Satz! Wobei mich das teilweise Fragmentarische (die "Rettungsversuche" Max Brodts sehe ich eher skeptisch) überhaupt nicht stört; in Der Verschollene etwa sehe ich einen unheimlichen Sog ins Apokalyptische, bis hin zu den "Naturtheater"-Fragmenten am Schluß.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Was ist, ist mehr, als es ist.
      Theodor W. Adorno
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      Hm,

      ich lese grad Goethes Faust (wenn ich zynisch wäre, sagte ich 'Als Vorberitung auf Mahlers 8.') und habe erstmals nicht das Gefühl, abzubrechen.

      Grandios gescheitert bin ich bei 'Gravity's rainbow' von Pyncheon und bei 'Dear Life' von Alice Munro. Letzteres war echt eklatant - stilistisch wundervoll, aber die Protagonisten mit so extremer Dümmlichkeit ausgestattet, das ging nicht. War ein Geschenk von meiner Schwester, sie mochte es genau so wenig wie ich :D :D :D
      Schöne Grüße, Helli
    • Neu

      Nochmal kurz zu Kafka, lieber Gurnemanz:

      Das Schloß finde ich im ersten Drittel wundervoll. Vielleicht mein Lieblingstext des Autoren. Aber dann versandet das doch alles ins Nirgendwo (schade)...
      Der Prozeß ist mir über die Distanz von 300 Seiten einfach zu düster, zu depressiv.
      Und Amerika (ich bin da alte Schule und an diesen Titel gewöhnt) --- darüber mußte meine Große vergangenes Jahr Abi schreiben, deswegen hab ich den nochmal gelesen. War auch nicht qualvoll. Aber einen beständigen Sog hab ich nicht empfinden können, ich mochte das Heizerkapitel und auch das Schlußkapitel mit dem Naturtheater von Oklahoma sehr... Aber dazwischen fand ich doch manche Sandbänke im Fluß des Erzählend :D

      Aber dies hier ist ein schöner Anlaß mir mal das Schloß wieder ranzunehmen. Wenn ich mit meiner derzeitigen Lektüre durch bin - “Die Arbeiter des Meeres“ von Victor Hugo. Wie immer bei Hugo: wenn man mit Kitsch, überbordender Sentimentalität, Ausuferungen jeder Art, Moralisierungen ohne Maß klarkommt ein Fest... sonst besser Finger weg :D

      @mootian:

      Faust 1 hab ich gern gelesen, aber heut guck ich lieber die dvd mit der alten Gründgensinszenierung wenn ich das will. Faust 2 allerdings paßt bei mir super in diesen Thread: grandios gescheitert.

      Und die Enden der Parabel? Ich glaub 20 Seiten hab ich geschafft. Und dann hatte ich das Gefühl mir hätte jemand was ins Wasser geschüttet was nach BTM unerlaubt ist. ?( Das war ja noch extremer als Jean Paul. Ging mir aber mit allen Pynchtons so, am besten ging noch Gegen den Tag (Ca 350 Seiten teils mit Genuß geschafft, aber das Buch hat 1600), “V“ hat mich gelangweilt, Mason&Dixon fand ich auch unlesbar auf die Dauer. Für Pynchton bin ich zu dumm. Isso


      LG
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Neu

      Ach, nochmal an meinen Werderaner Herzensbruder :D

      ein paar Kafkagedanken...

      Es geht ja eigentlich darum: was ist ein guter Text, und was ist ist ein guter Roman. Natürlich haben all die von mir (voreilig und dumm) als “schlecht“ inkriminierten Romane Kafkas ungeheure Schönheiten. Und sind absolut lesenswert, auch wenn man nach 100 Seiten oder so aufgibt waren das 100 Seiten die kein cooler 600 Seiten Thriller je ersetzen könnte.

      Aber von einem Roman erwarte ich ein andres Maß an Geschlossenheit, an Ich-fangs-an-und-brings-zu Ende, als Kafka es letztlich wohl draufhatte. Daher bleibt was Unbefriedigendes das ich in seinen Erzählungen so nie hatte.

      Aber danke für deinen Einwurf. Ich war da zu streng ... kann ich nur wieder gutmachen indem ich mich bald mit dem Kafkafranz mal wieder befasse. Kann eigentlich nur ein Gewinn sein :) Und diese Anregung verdank ich dir, lieber Gurmenanz :cincinsekt:

      So soll ein Kulturforum sein

      LG
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
    • Neu

      garcia schrieb:

      Ich war da zu streng ...
      Ach was, Du hast klar geschrieben, was Du meinst.

      garcia schrieb:

      Aber von einem Roman erwarte ich ein andres Maß an Geschlossenheit, an Ich-fangs-an-und-brings-zu Ende, als Kafka es letztlich wohl draufhatte. Daher bleibt was Unbefriedigendes das ich in seinen Erzählungen so nie hatte.
      Ich glaube, hier liegt der Fisch begraben: Das Fragmentarische läßt natürlich Erwartungen unerfüllt. Als ich zum ersten Mal Das Schloss las, war ich enttäuscht, als der Roman ausgerechnet da abbrach, als es sich verdichtete und komplexer wurde (ich glaube, kurz vor dem Abbruch war eine neue Frauenfigur eingeführt worden). Aber ich denke, gerade das Unerfülltsein ist bei Kafka eine besondere Qualität.

      garcia schrieb:

      So soll ein Kulturforum sein
      Aber klar doch. :cincinsekt: :cincinbier: :schnaps1:

      Hauptsache, wir putzen morgen Hertha.

      ^^
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Was ist, ist mehr, als es ist.
      Theodor W. Adorno
    • Neu

      garcia schrieb:

      Lesen muß Lust sein. Kafka... Lust... Ist n bissel wie Hering und Himbeersirup, oder?
      Sehe ich ganz anders. Bei keinem anderen Autor kann ich während des Lesens so vor mich hin lachen. Ich finde solche Texte wie den "Prozeß" allerdings auch hochgradig lustig. Dazu braucht man natürlich eine gewisse distanzierte Haltung. Ein Freund von mir konnte früher Kafka nie lesen. Erst als ich ihm meine Einstellung dazu erklärte, und ihm diese beim Vorlesen der Texte auch herausarbeitete, ist er doch noch ein Fan von Kafka geworden.

      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie
    • Neu

      maticus schrieb:

      Bei keinem anderen Autor kann ich während des Lesens so vor mich hin lachen.
      Zu Kafka und Lachen fällt mir spontan dies ein:

      Franz Kafka schrieb:

      Ein Kommentar

      Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich daß schon viel später war als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: „Von mir willst du den Weg erfahren?“ „Ja“, sagte ich, „da ich ihn selbst nicht finden kann.“ „Gibs auf, gibs auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.
      :D
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Was ist, ist mehr, als es ist.
      Theodor W. Adorno
    • Neu

      philmus schrieb:

      garcia schrieb:

      Lesen muß Lust sein. Kafka... Lust... Ist n bissel wie Hering und Himbeersirup, oder?
      Geht mir auch so. Zu düster auf die Dauer für meinen Geschmack.

      Felix Meritis schrieb:

      Wer schöne Romane mit Tiefgang will, sollte mal in Werfel reinlesen.
      unbedingt. Und in Feuchtwanger.
      Feuchtwanger habe ich auch praktisch alles gelesen! Meine Favoriten: Erfolg, Die Jüdin von Toledo und Der jüdische Krieg.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Neu

      Gurnemanz schrieb:

      Zu Kafka und Lachen fällt mir spontan dies ein:
      Ja, das ist auch ein Text, den ich sehr mag. Wenn man darüber nicht lachen oder wenigstens schmunzeln kann, sollte man die Finger von Kafka lassen. :D


      maticus
      Wir lesen keine Bücher, wir schreiben sie. --- Alexander Grothendieck

      Grothendieck had a very strong feeling for music. He liked Bach and his most beloved pieces were the last quartets by Beethoven. --- Luc Illusie
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      Also, wer bei Kafka vor sich hinlachen kann muß ein wirklich glücklicher Mensch sein :D
      Mein Lieblingstext von FK ist ja der Landarzt. Allerdings schauderhaft und nix zu lachen weit und breit... Aber ein Geniestreich. Kenn wenig was so unter die Haut geht wie das (aber meistens laß ich nicht so gern so tief unter meine Haut graben)

      @Gurnemanz: ich denke das mit Hertha das klappt wenn auch recht knapp :)
      "Wir sind nichts Wichtiges. Wir sind im Grunde nichts weiter als Wirbel im Fluß des Lebens. -- So betrachten wir unser Leben allerdings nicht gern." (Charlotte Joko Beck)
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      Ich gebe ja zu, nach Lachen ist mir bei Kafka eigentlich nicht. Auch die von mir zitierte Parabel (?) hat etwas Unheimliches, wenn man die merkwürdig geschraubten Formulierungen des Dialogs betrachtet und dann den Schluß, das Abwenden "mit einem großen Schwunge".

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Was ist, ist mehr, als es ist.
      Theodor W. Adorno
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      garcia schrieb:

      Mein Lieblingstext von FK ist ja der Landarzt. Allerdings schauderhaft und nix zu lachen weit und breit...
      Aber natürlich ist der Text (auch) sehr lustig - z.B. die grotesken Liedfragmente:

      Kafka schrieb:


      Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
      Und heilt er nicht, so tötet ihn!
      's ist nur ein Arzt, 's ist nur ein Arzt.

      Kafka schrieb:

      Freuet euch, ihr Patienten,
      Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!
      Oft ist es ein sehr schwarzer Humor. Aber wenn ich mich recht entsinne, soll Kafka ja sogar gelächelt haben, als er mal In der Strafkolonie vorlas.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)