Schubert: Messe in Es-Dur, D.950

    • Areios schrieb:

      Haydns Missa brevis Sancti Joannis de Deo? ;+)


      Jaja ;+) . Wobei das Aufsparen der Solostimme für das Benedictus auch kein schlechter Schachzug ist.


      Areios schrieb:

      In Rheinbergers B-Dur-Messe setzt der Tenorsolist auch erst mit dem "Et incarnatus" ein.


      Klar, bei Schubert abgeguckt :P. (Ich kenne Rheinbergers Messe allerdings nicht. Eigentlich kenne ich gar nichts von Rheinberger... :( ).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Nach dem Tod Wolfgang Sawallischs habe ich seine Aufnahmen der Kirchenmusik Schuberts wiederaufgelegt und mich daran erinnert, daß in meiner nun fernen Jugend Aufnahmen mit dem Choir of St John's College, Cambridge unter der Leitung von George Guest begeistert hatten. Ich habe ohne große Hoffnung versucht, sie als CD zu orten, und bin fündig geworden. Selbstverständlich sind sie vergriffen, aber noch gebraucht erhältlich.
      Für die Es-Dur Messe sind die Solisten Felicity Palmer, Helen Watts, Kenneth Bowen, Wynford Evans und Christopher Keyte. Die Academy of St Martin in the Fields leitet Sir George Guest. Die Aufnahme fand im August 1974 in die Kapelle des St John's College statt.

      Das Wiedertreffen mit diesen Aufnahmen erwartete ich mit einiger Spannung. Wie würde ich 25 Jahre später auf meine einstigen Lieblingsaufnahmen reagieren? Ich wurde aber nicht enttäuscht. Die Aufnahmetechnik war wahrscheinlich für die damalige Zeit erstklassig; der Klang ist voll, räumlich, die Kirchenatmosphäre ist sehr gut eingefangen worden.
      Der Chor ist jenseits jeder Lobpreisung. Man fühlt, daß diese Sänger sakrale Musik als ihr täglich Brot betrachten. Alle Wiener, Tölzer, Regensburger oder Augsburger Sängerknaben/Domsingknaben/Domspatzen usw... dieser Welt mögen mir verzeihen, aber die Cambridge Boys sind was die Präzision, Intensität, Überzeugung, Suveränität...betrifft einfach eine Klasse höher. Die Solisten sind englische Oratoriensolisten (Felicity Palmer hat auch eine reiche Bühnenkarriere gehabt)- die Männer womöglich ehemalige Knabensänger- und bringen ein nicht sehr individuelles Timbre mit, das aber sehr gut ins Konzept paßt. Kenneth Bowen als Tenor I benutzt seinen Kopfregister, um die hohen Noten von "et homo factus est" zu treffen, der Engel der Verkündigung.

      Wohl aus Rücksicht auf die Knaben wählt Guest keine zu langsamen Tempi - ist aber nicht so schnell as Bruno Weil mit den Wiener Sängerknaben. Dies bekommt der Messe ganz gut. Das Kyrie dauert 5'30 (7'15 mit Sawallisch!) aber es ist ein Andante con moto quasi allegretto eben. Es wird hier keine große Messe zelebriert, sondern es ist, trotz der Fülle des Klangs, eine menschliche, nach innen gewandte Auseinandersetzung mit dem Glauben. Man fühlt sich an diese Worte Schuberts in einem Brief an seinen Bruder erinnert:
      Du herrlicher Christus, zu wie viel Schandthaten mußt du dein Bild herleihen. Du selbst das gräßlichste Denkmal der menschlichen Verworfenheit, da stellen sie dein Bild auf, als wollten sie sagen: Seht! die vollendetste Schöpfung des großen Gottes haben wir mit frechen Füßen zertreten, sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?
      (nach der Beschreibung der Salzach-Schlucht, wo eine Kapelle und ein rotes Kreuz an eine blutige Schlacht zwischen Bayern und Tirolern erinnerten).
      Von allen Meßvertonungen, die ich kenne, ist die Es-Dur Messe diejenige, die mich am persönlichsten anspricht. Und in dieser Aufnahme ganz besonders.
      Die Aufnahme der As-Dur Messe mit denselben Kräften und den Solisten Wendy Eathorne, Bernadette Greevy, Wynford Evans und Christopher Keyte, ist genauso gut gelungen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • bustopher schrieb:

      (Text-)Wiederholungen: In der (Kirchen-)Musik: ja. Im liturgischen Text: nein. Die in Ordinariumsvertonungen üblicherweise zu findenden Textwiederholungen (und auch die Polytextur in der missa brevis oder auch Abweichungen vom genauen Wortlaut) sind nur deswegen sanktioniert, weil vom 13. Jh. an bis zum zweiten Vatikanischen Konzil der Kirchenmusik keine liturtgietragende Funktion zukam, sie lief quasi nur neben der Messe her, dessen Vollzug dem Zelebranten am Altar oblag. Isofern ist eine Wiederholung an sich kein Verstoß gegen die Konvention, das findet man (fast) überall. Allerdings wiederholt Schubert hier nicht nur einzelne Worte oder Kurzpassagen (z.B. "crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Plato, crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Plato, sub Pontio Pilato, crucifixus etiam pro nobis, crucifixus...", sondern den kompletten "incarnatus"-Teil bis ..."sepultus est", nachdem er bereits einmal "abgearbeitet" wurde. Und das ist in der Tat absolut einzig und unüblich. Ein Rückgriff auf "et incarnatus est [...] ex Maria virgiae" nachdem er bereits begraben wurde entspricht nicht nur nicht wirklich der Konvention, sondern auch nicht wirklich dem Liturgieverständnis des Textes an dieser zentralen Stelle, zumindest genauso wenig, als wenn er gleich nach der Geburt auffahren würde, ohne vorher zu sterben.


      Zum Thema "Incarnatus/Crucifixus" noch einmal der Verweis auf die entsprechende Stelle in Haydns "Missa Sancti Nicolai" - wie würdest du das dort interpretieren? Mir scheinen diese beiden Stellen übrigens irgendwie ein Naheverhältnis zu haben, die Atmosphäre, die sie hier transportieren, und die Schönheit, die sie ausstrahlen, sind sehr ähnlich.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Zum Thema "Incarnatus/Crucifixus" noch einmal der Verweis auf die entsprechende Stelle in Haydns "Missa Sancti Nicolai" - wie würdest du das dort interpretieren?

      ich würde, auch wenn die Frage nicht an mich ging, sagen: die Menschwerdung (et homofactus est), die bezeichnenderweise von den Solisten perpetuiert wird, bedeutet ja auch die auf-sich-Nahme der Sterblichkeit - neben der (solistischen!) Möglichkeit der Individuation eine Art kollektiver Bedingung (Chor) des Menschseins.

      Daß in esoterischeren Deutungen das Kreuz, auf das der Geist genagelt wird, auch in Beziehung zur materiellen Welt als solche gesetzt wird (Koordinatenkreuz, Kreuz der Himmelsrichtungen), will ich hier nur andeuten - paßt aber ins Bild, daß der Chor und die Solisten hier unterschiedliche Facetten der Inkarnation besingen.

      Areios schrieb:

      Das ist gleichzeitig auch ein Hörtipp von mir, die restliche Messe ist meines Erachtens nicht besonders aufregend, aber das Incarnatus/Crucifixus ist von Haydn genial gearbeitet.

      Daß gerade die Gestaltung des "et incarnatus" die Komponisten zu den interessantesten Lösungen herausgefordert hat, kann man schon bei Mozart beobachten - und vermutlich auch schon viel früher, aber da bin ich nicht so firm....
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Zwielicht schrieb:

      Es geht hier allerdings nicht um besonders frühe Messvertonungen, in denen die Solisten besonders früh einsetzen. Sondern um Messvertonungen, in denen die Solisten besonders spät einsetzen, genauer: im Incarnatus. Und da ist bis zum Beweis des Gegenteils Schuberts Es-dur-Messe immer noch das erste Beispiel (und ein späteres fällt mir auch nicht ein).
      Ha, ich hab jetzt ein früheres Beispiel: Die Missa solemnis D-Dur von Franz Xaver Süßmayr (übrigens sehr hörenswert, im Netz kann man einen Mitschnitt finden). 8)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.