Franz Schubert - seine Lieder im Spiegel ihrer Interpret/innen

    • The Oxford Schubert Project

      Das Programm kann hier in allen Einzelheiten erkundet werden (inkl. PDF-Datei zum Downloaden):
      "http://www.oxfordlieder.co.uk/events

      Ein Vorstellungsvideo gibt es auch:

      "https://www.youtube.com/watch?v=rJLadJAn754

      Hope to meet some of you in Oxford!
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Gerhahers CD "Nachtviolen"

      Die jüngste CD Christian Gerhahers mit Liedern Schuberts habe ich erworben und mir angehört:

      Den Inhalt kannte ich schon, da diese CD in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk entstanden ist und BR-Klassik sie uns vor ca. einem Jahr vorgestellt hatte. Damit war ich nicht restlos überzeugt worden; ich muß allerdings gestehen, daß die CD viele der Bemerkungen zunichte macht, die ich mir beim Zuhören der Radiosendungen (es wurde in 2 Schüben gesendet) gemacht hatte.

      Das Programm ist gut gewählt, konzentriert sich auf Liedern mit nächtlicher Stimmung und bringt einen guten Ausgleich zwischen Evergreens und unbekannten Stücken.
      Von der Typologie her ist Gerhahers Stimme nahe an Fischer-Dieskaus: ein leichter Bariton, der nicht über viel Volumen, dafür aber über viele Farben verfügt. Der Sänger nützt die Kopfstimme im oberen Register, das tiefe Register hat er besser im Griff als in früheren Aufnahmen.

      Klavierpartner Gerold Huber gestaltet seinen Part mit Gefühl und Können, das Duett ist perfekt abgestimmt.

      Gerhaher nähert sich dem Lied vom Text her: seine Aussprache ist vorbildlich, seine Gestaltung der Gefühle und Empfindungen präzise und wohlgedacht. Im Unterschied zu seiner früheren Schubert-CD, Abendbilder, wo ich ab und zu den Eindruck einer gewissen Pauschaliserung des Ausdrucks hatte, höre ich hier eine feinfühlige Differenzierung. Diese bekommt dem Zwerg besonders gut, aber auch Der Wanderer an den Mond bekommt mehr Relief als in anderen Interpretationen.

      Atmosphärische Lieder wie Abschied, Herbst, An die Nachtigall gelingen auch besonders gut, wozu Gerold Huber einen nicht unerheblichen Anteil hat.

      Anders verhält es sich mit den Schulze-Liedern. Schulze ist der Dichter der Monomanie. Schubert hat es gewußt, der seine teilweise langen Gedichte musikalisch fokussiert hat, indem er, der sonst äußerst sparsam sein kann, aus dem Vollen schöpft aber ein geschlossenes Universum schafft, wo alles nur Variation ist. Zuviel Einsatz des Sängers trübt nur diese Fokussierung und es ist hier der Fall in Über Wildemann, Im Walde, Tiefes Leid.

      Schlegels Schiffer ist eine Ode an die Faulheit und das in der zentralen Strophe erwähnte Mädchen einfach nur eine Traumvision, um deren Konkretisierung der Schiffer sich gar nicht bemüht. Die von Gerhaher eingesetzte Differenzierung zerbricht den Traum. Florian Boesch und Burkhard Kehring hatten hingegen die Stimme fast zu Begleitinstrument gemacht (in diesem Lied gibt es sogar untextierte Noten für die Singstimme) und die Stimmung besser getroffen.

      Die Schattenseite der Differenzierung ist auch eine gewisse Preziosität, die einigen Liedern weniger gut zukommt als anderen. Im ersten Lied z.B., An den Mond in einer Herbstnacht, sollte man (pars pro toto) nicht unbedingt den "schrecklichen Geier" hervorheben - die Worte an sich sind stark genug, zumal die klare Diktion des Baritons sie direkt vermittelt. Wichtig ist, daß er an der Seele nagt.

      Ich gestehe, vieles hier ist Geschmacksfrage. Nur wenn eine Interpretation so reichhaltig und ausgearbeitet ist, kann man Details kommentieren.

      Das titelgebende Lied, Nachtviolen, ist nicht dasjenige, das am meisten beeindruckt. Die Originallage ist hoch (Schwarzkopf mit Edwin Fischer transponierte um einen Ton nach unten), wohl um den Eindruck des Ätherischen zu vermitteln, der durch den durchgängig hohen Klaviersatz verstärkt wird. Fischer-Dieskau sang die um eine Terz transponierte Fassung für mittlere Stimme mit viel Kopfresonanz (etwa im Salzburger Konzert 1957 mt Gerald Moore) und langsam wie vorgeschrieben, was dieses Ätherische wunderbar vermittelte. Matthias Goerne ist noch langsamer und drückt das Ätherische, Geheimnisvolle mit seiner eindrucksvollen mezza voce aus. Gerhaher ist nicht besonders langsam, er singt in einer komfortablen Lage, das Geheimnis verflüchtigt sich trotz der schönen Farben Gerold Hubers. Seltsamerweise wird zweimal in den Text eingegriffen: der punktierte Rhythmus wird in "Grüne Blätter streben freudig" verlassen und in "trafet ihr mein treues Herz" wird "mein" auf der Ebene von "treues Herz" und nicht der von "trafet ihr" gesungen. Dieses Lied kennt aber keine unterschiedlichen Varianten (die Ausgaben unterscheiden sich nur in einem crescendo) und diese Eingriffe sind genau dieselben, die auch Christoph Prégardien und Andreas Staier vornehmen. Seltsam genug.

      Gravierender noch die Eingriffe in andere Lieder, die in Striche resultieren. Daß man nicht alle 75 Strophen eines rein strophischen Liedes singen muß, ist wohl offenkundig, aber auf dieser CD geht es mehr an die Substanz.
      Je eine Strophe wird in Im Walde (es wird D843 angegeben, richtig ist D834) und Abendlied an die Entfernte D856 gestrichen. Dies sind keine einfachen strophischen Lieder des jungen Schubert sondern variierte Strophenlieder des reifen Schubert und die Struktur des Liedes ist hier verändert, besonders im Falle von Im Walde, einem "Beispiel für Schuberts suveränen Umgang mit bestimmten Formprinzipien der Lied-Komposition" (Schubert Liedlexikon), das von ABA-ABA zu ABABA wird.

      Die Striche in rein strophischen Liedern sind auch schwer verständlich. Von Tiefes Leid D876 werden zwei der drei Strophen gesungen. Gestrichen wird die dritte, wo das titelgebende "tiefe Leid" erwähnt wird. Zwei von den drei Strophen auch in Nach einem Gewitter D561. Sogar Fischer-Dieskau, der mit dem roten Stift nicht zimperlich war, hatte die drei kurzen Strophen dieses charmanten Lieds gesungen. Die dritte Strophe ist eben die zusammenfassende (Ulrich Eisenlohr mit Rainer Trost hatte den interessanten Einfall, vor dieser dritten Strophe das Klaviervorspiel wieder einzufügen). Nachtgesang D314 kommt nicht einmal als strophisches Lied vor; es wird nur eine Strophe gegeben. Dazu ist es nicht die erste, die Schubert ausdrücklich vertont hatte (für diese rein strophischen Lieder sind dem Text der anderen Strophen keine Noten unterlegt), sondern die zweite. Die erste Strophe beginnt mit
      Tiefe Feier
      Schauert um die Welt.
      Der zweite Vers ist abtaktig.

      Die zweite fängt so an:
      Wacher Kummer
      Verlaß ein Weilchen mich
      Der zweite Vers ist auftaktig. Der Sänger hat hier die Gelegenheit, einen Vorschlag einzufügen. Wer Peter Schreier in diesem Lied gehört hat, vergißt seine Interpretation nicht so schnell. Seine Gestaltung der zwei Strophen ist mir noch im Ohr, obwohl ich die LP über 10 Jahre nicht gehört habe.
      Da Gerhaher/Huber aber nur die zweite Strophe vorführen, geben sie die von Schubert komponierten Noten (die sie aber in Nachtviolen ohne Bedenken geändert haben) und Kosegarten muß daran glauben. Der zweite Vers wird in
      Laß ein Weilchen mich
      verändert.

      Von Der Sänger am Felsen D482 werden immerhin drei Strophen gesungen (2,3,5). Im Schubert Liedlexikon wird zwar erklärt, "Schubert [habe] sich offensichtlich an die erste Strophe orientiert" aber hier ist der Verlust weniger schmerzhaft, weil mehr als eine einzige Strophe gesungen wird und die ziemlich repetitiv sind (Detlef Roth und Ulrich Eisenlohr bringen 1,2,3).

      Es scheint, als sollten unbedingt zwei Dutzend Lieder auf der CD Platz finden. Dies trübt den allgemein guten Eindruck, den diese CD gibt. Ich würde nicht behaupten, daß Gerhaher die einzige Nummer Eins unter den deutschsprachigen Baritonen ist, was Liedgesang betrifft (Matthias Goerne und Florian Boesch fallen mir sofort ein, Roman Trekel und Wolfgang Holzmair sind nicht abgeschrieben, von Konstantin Wolff, Detlef Roth, Thomas Bauer möchte ich mehr hören), aber einen Platz ganz oben hat er verdient. Gerold Huber als Liedpianisten auch.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • www.schubertlied.de

      Ich weiß nicht, ob es irgendwo hier im Forum schonmal erwähnt wurde, aber ich glaube nicht:
      Auf der Internetseite "www.schubertlied.de" hat der Bariton Peter Schöne nicht nur Informationen über und Texte von vielen Schubert-Liedern zusammengetragen, sondern auch eigene Aufnahmen von bisher 271 Liedern, die hier kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Es sind zwei Aspekte, die mir bei dieser Internetseite imponieren und die mich dazu bringen, sie hier jedem Interessierten warm ans Herz zu legen:
      Da ist zum einen das große Engagement und der Idealismus, der hinter einem solchen Projekt steht. Denn es gehört viel Idealismus und Opferbereitschaft, vor allem aber eine ehrliche Liebe zu diesem Repertoire dazu, auf eigene Faust das Projekt zu starten, alle Schubert-Lieder aufzunehmen und im Internet samt Texten und Informationen zur Entstehung allen Interessierten zur Verfügung zu stellen. Als Zuhörer bin ich dafür sehr dankbar.
      Und da ist zum zweiten die enorme Qualität dieses Projektes. Das sind in meinen Ohren nicht einfach taugliche Schnipsel zum ersten Kennenlernen, da kann auch keine Rede sein vom geschenkten Gaul, dem man nicht ins Maul schaut, nein im Gegenteil: Wenn der was Schuberts Musik angeht ja sehr kundige Philbert im Beitrag hier über meinem die besten deutschsprachigen Baritone im Liedgesang aufführt, so finde ich, das Schöne mit diesen Sängern gut mithalten kann, die Aufnahmen haben eine außerordentlich hohe Qualität.
      Ich bin mir aber sicher, dass ich hier längst nicht der einzige bin, der diese Internetseite kennt. Was habt ihr denn für eine Meinung dazu?
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Ich habe verschiedentlich für diese Web-Seite Werbung gemacht (u.a. in der Publikation des Schubert Institute of the United Kingdom) und wenn ich es hier unterlassen habe, freue ich mich darüber, daß Cherubino die Lücke füllt. Wenn es schon geschehen ist, schadet es keineswegs, es zu wiederholen.
      Umso lobenswerter ist Peter Schönes Unterfangen, da er alle unterschiedliche Varianten einspielen will. Die erste Fassung von An die Musik, z.B., wird nie aufgeführt, weil sie sich wenig von der zweiten, endgültigen, unterscheidet. Und doch ist es großartig, diese kleinen Unterschiede kennen zu lernen.

      Cherubino schrieb:

      Wenn Philbert im Beitrag hier über meinem die besten deutschsprachigen Baritone im Liedgesang aufführt, so finde ich, das Schöne mit diesen Sängern gut mithalten kann, die Aufnahmen haben eine außerordentlich hohe Qualität.
      Meine Liste war keineswegs vollständig. Peter Schöne ist ein sehr guter Sänger. Das Niveau der Aufnahmen ist etwas variabel, was bei so einem Projekt verständlich ist, aber interpretatorisch befinden sich richtige Schätze dabei. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall, und sicher nicht nur aus akademischen Gründen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Gestern erst die Winterreise

      [...]
      Häfliger [...] war 61, als er die Winterreise aufnahm. Das merkt man ihm gar nicht an, abgesehen vom etwas kürzeren Atem (alles relativ, er muß nicht wie der alternde Karl Erb mitten in einer Phrase Luft holen, sondern kommt ab und zu atemlos zum Ende). Eine helle Farbe à la Patzak, sprich nicht so sonnig-italienisch wie Wunderlich, aber auch nicht so weinerlich wie etwa Patzak oder Anders.
      Die Winterreise geht er rasch an. Bei "Gute Nacht" ist er schon unterwegs. Alles in allem ist diese Winterreise nicht nachdenklich-grüblerisch sondern eher wie die Stationen einer Via Crucis abwechslungsreich und ausdrucksstark. Die Diktion ist vortrefflich, die Stimmführung gar nicht vorsichtig, wie man es von einem 60jährigen erwarten konnte. Er meidet keine Extreme und erlaubt sich sogar messa di voce Effekte. Eine expressionistische Winterreise, wozu auch die Hammerflügel-Begleitung von Jörg Ewald Dähler beiträgt. Dähler ist scheinbar weniger bekannt als Andreas Staier aber er ist ihm wenigstens ebenbürtig
      habe diese Aufnahme soeben für mich entdeckt und nach ein paar Hörschnipseln sofort für mich bestellt. Gibts bei amazon zur Zeit einige Exemplare sehr preiswert bis normalpreisig (gebraucht):

      amazon.de/gp/offer-listing/B00…s=d%C3%A4hler+winterreise
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).