BACH, Johann Sebastian: Johannes-Passion BWV 245

    • Giovanni di Tolon schrieb:

      fällt der beengte Horizont Bachs noch weiter auf.
      Lieber Benno,
      dieser Satz stört mich am empfindlichsten in Deinen Ausführungen.
      Allein Instrumente wie Chalumeau oder Posaune beweisen doch nicht Weltoffenheit.

      (Kurioserweise höre ich gerade eine Telemann- Passion nach Lukas aus dem Jahre 1728.)

      Dass Bach aber den Brockes- Text kannte und Keisers Werk, spricht doch eher für sein großes Interesse an Kunst allgemein außerhalb Leipzigs und den so gar nicht "beengten Horizont".

      Mein Eindruck ist, dass Du sehr deutlich Deine Sicht auf Bach formulierst, alternative Lesarten aber "untergehen".
      Und so halte ich mal dagegen: Bachs Johannes- Passion ist für mich, besonders auf Basis des zum Subjektiven neigenden Text, der Ansatz, mittels Musik wieder zu objektivieren.
      Monumental? Mitnichten! Stattdessen mit einer werkübergreifenden Architektur, die zeitgenössischen Kompositionen oft abgeht, die eher "Nummern- Werke" sind.
      Und nicht zuletzt mit sehr direktem Bezug zur Oper. Derart dramatisch im opernhaften Sinne ist um diese Zeit kaum eine Passion komponiert, nimm den Eingangschor und die Arien.
      Spannend ist der Vergleich mit den Werken um Bachs herum, Fasch, Telemann, auch Händel....Keiser natürlich, aber auch Alessandro Scarlatti
      Um die gegenseitige Beeinflussung wahrzunehmen.

      Alles in allem bezweifle ich die allgemeinen Vorurteile, Bach habe im "Kaff" Leipzig quasi isoliert von der Welt Monumentalwerke erschaffen. Sein Interesse an Musik aus fernen Landen war stets vorhanden und stark ausgeprägt, siehe sein Archiv, das Noten von Händel bis Caldara und Pergolesi hier, Benda, Graupner, Graun und Hasse dort beeinhaltet.
      Bach hat sich nur Moden nicht unterworfen, sondern sie auf seine Art kummuliert.

      Aus meiner Sicht sind die "Brockes- Passionen" Händels, Faschs und Stölzels zwar interessante, aber eher blasse Werke. Allein Telemann gelingt es, dem Text Leben einzuhauchen. Geht dabei ähnliche Wege wie Bach, nur dass der eben nicht sklavisch dem Brockes- Text folgt.

      Dein Text hinterlässt mir aber auch die merkwürdige Frage: Du magst Bach, aber magst ihn auch nicht, gliederst ihn aber auch nicht ein unter seine Zeitgenossen, sondern wertest sehr subjektiv mit diesem "Jein".
      Kannst Du konkretisieren, was Du eigentlich meinst?

      Dafür mit dankbaren und herzlichen Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • o.k. Das heißt aber erst einmal nur, dass sich für die JP ein theologisches Fundament in Franckes Theologie nachweisen lässt. Ich sehe ein, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass die meisten anderen Passionsvertonungen sich ähnlich eng an theologische Schriften anlehnen, aber es nicht ausgeschlossen und eine solch enge Anlehnung ist ja auch nicht die einzige Möglichkeit, ein theol. Fundament zu haben. Ohne mich hier im Geringsten auszukennen, könnte ich mir vorstellen, dass das Fundament anderer Vertonungen weniger spezifisch ist, sondern mehr auf seinerzeitigem theol. Allgemeingut beruht.
      Diese Musik ist scheußlich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notzüchtigen des Schönen würde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafen von Seite des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist polizeiwidrig, sie würde Unmenschen bilden, wenn es möglich wäre, daß sie nach und nach allgemeinen Eingang finden könnte. [...] Diese Oper kann nur Narren gefallen, oder Blödsinnigen oder Gelehrten, oder Straßenräubern und Meuchelmördern. (Grillparzer über Webers Euryanthe, 1823)
    • Kater Murr schrieb:

      Für die Rezipienten vom 19. Jh. bis heute dürfte ein erheblicher Vorteil von Bachs Passion sein, dass sie stärker auf den Evangelientext und oft noch einigermaßen bekannte Choräle rekurriert als auch Brockes (bzw. von seiner Fassung adaptierte) Verse.

      Kater Murr schrieb:

      Mich würde mal interessieren, inwiefern die Johannespassion in der Textauswahl stärker "theologisch fundiert" ist als etwa der Text der Brockespassion. Er ist natürlich anders, da der Evangelientext paraphrasiert wird und vielleicht drückt er auch etwas unterschiedliche theologische Haltungen/Ansätze/Richtungen aus. Aber das heißt ja nicht, dass er auf seine Art weniger fundiert wäre.
      Ähem... Die Passion hatte eine liturgische Funktion, zumindest ursprünglich, das war nicht zur musikalischen Delektion, sondern zur Verkündigung. Die musikalische Fassung hatte dabei die Aufgabe der Überhöhung des (Evangelien!)Textes. Das hatte ja auch schon eine lange Tradition, die bis zurück zur Jahrtausendwende reichte. Insofern ist die Paraphrasierung des Evangelientextes natürlich "theologisch fundierter" als die einer Sammlung erbaulicher Texte. Der Aspekt der "Erbauung" kam erst später....

      Ob die stärkere Bindung an den Evangelientext und die Verwendung bekannter Choralmelodien zu einem Rezeptionsvorteil im 19 Jh. geführt hat, ist eine interessante Frage. Ich glaube allerdings eher, daß man sich mit Telemann per se nicht beschäftigte, da wir uns bereits im Zeitalter des intensiven Telemann-Bashings befinden, in denen er als unbegabter Vielschreiber galt, mit dessen Werken sich zu beschäftigen als nicht lohnend angesehen wurde. Stölzel, Keiser oder Mattheson waren bereits out of sight und wären ohnehin nur als "Kleinmeister" durchgegangen und Händels Brookes-Passion war in Deutschland erst ab 1863 im Rahmen der Chrysanderschen Ausgabe verfügbar; seine "Wiederentdeckung" fand sogar erst nach dem 1. Weltkrieg statt. Die Brookespassion ist auch heute noch kein weitverbreiteter Konzertkassenschlager im Vergleich zu anderen seiner Oratorien.
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Naja, die Etablierung der Brockes-Passionen u.ä. als Gemüths-Ergötzung außerhalb des Gottesdienst war ja anscheinend recht erfolgreich. Und diese Passion enthält eben auch den paraphrasierten (die JP ja den wörtlichen) Evangeliumstext. Ein Luther-Choral ist im Grunde auch nur ein anderer, etwas älterer, erbaulicher Text als eine Brockes-Arie. Und den Evangeliumstext oder einen alten Choral kannten die meisten Hörer anno 1720 vermutlich eh schon, insofern hätte ein neuerer erbaulicher Text eigentlich eher die Chance, neue theologische Aspekte herauszustellen.
      Ich sehe erst einmal nicht, warum letzteres automatisch "schwächer" sein sollte. Kann ja gut sein, dass das in der Tat der Fall ist, aber wäre das auch von den Zeitgenossen in den 1720ern so gesehen worden?
      Diese Musik ist scheußlich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notzüchtigen des Schönen würde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafen von Seite des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist polizeiwidrig, sie würde Unmenschen bilden, wenn es möglich wäre, daß sie nach und nach allgemeinen Eingang finden könnte. [...] Diese Oper kann nur Narren gefallen, oder Blödsinnigen oder Gelehrten, oder Straßenräubern und Meuchelmördern. (Grillparzer über Webers Euryanthe, 1823)
    • Kater Murr schrieb:

      Naja, die Etablierung der Brockes-Passionen u.ä. als Gemüths-Ergötzung außerhalb des Gottesdienst war ja anscheinend recht erfolgreich. Und diese Passion enthält eben auch den paraphrasierten (die JP ja den wörtlichen) Evangeliumstext. Ein Luther-Choral ist im Grunde auch nur ein anderer, etwas älterer, erbaulicher Text als eine Brockes-Arie. Und den Evangeliumstext oder einen alten Choral kannten die meisten Hörer anno 1720 vermutlich eh schon, insofern hätte ein neuerer erbaulicher Text eigentlich eher die Chance, neue theologische Aspekte herauszustellen.
      Ich sehe erst einmal nicht, warum letzteres automatisch "schwächer" sein sollte. Kann ja gut sein, dass das in der Tat der Fall ist, aber wäre das auch von den Zeitgenossen in den 1720ern so gesehen worden?
      "Schwächer" ist es nicht notwendigerweise (hängt vom Text ab), hat aber eine andere Funktion: Das eine ist Kontemplation, das andere Verkündigung. Das hat beides seine Daseinsberechtigung, ist aber nicht beliebig austauschbar.
      Und "neue theologische Aspekte" herauszustellen ist nicht primär die Aufgabe von Kirchenmusikern und deren Textdichtern, sondern eine der Geistlichkeit, die notabene "neuen Aspekten" durchaus mit Misstrauen, wenn nicht mit Ablehnung begegnen können. (Chrysander bemerkt dazu in seiner Händel-Biographie sogar (nicht unberechtigt), daß es auch nicht Hauptteil des Berufes eines Predigers wäre, neue Wahrheiten zu entdecken. Da gibt es schon einen Kanon, an den sich auch die Kirchenmusik halten muß/sollte, zumindest im Rahmen des Gottesdienstes - wir befinden uns hier ja auf dem Gebiet der F-Musik.
      Ich glaube allerdings, daß das Argument von neuen theologischen Aspekten hier sowieso nicht greift - die Brockespassion bewegt sich diesbezüglich durchaus auf gesichertem Terrain. Der Unterschied liegt nur darin, daß der Evangelientext nicht in der kanonisierten Form vorliegt sondern als freie Nachdichtung. Und soviel ich weiß, wurde die Bockespassion tatsächlich nicht als "liturgische" Passion im Gottesdienst betrachtet, sondern als Konzertstück, das (was für die damalige Zeit absolut unüblich war!) im privaten Rahmen oder sogar kommerziell in der Gänsemarktoper(!) aufgeführt wurde und wenn schon in der Kirche, dann in Form einer Wohltätigkeitsveranstaltung gegen Eintritt (z.B. diejenige Telemanns). Jahrzehnte später noch hat Händel mit so einem Versuch (Messiah) in London erhebliche Anfeindungen hinnehmen müssen.

      Was die Rezeption im 19. Jh. betrifft, kann man, glaube ich, Chrysander (G.F. Händel, 1. Bd., 2. Buch, Kap. 5) als Gewährsmann betrachten. Einige seiner vernichtenden Einschätzungen:
      ...schwülstigen Worten seines Dichters...



      [...]Das Werk von Brockes ist geschmacklos und sinnlos, strotzt von übertriebenen oder unwürdigen Bildern, ist aber von großer sinnlicher Gewalt, die wie ein Theatereffect sich aufdrängt und wie ein solcher die Hörer überwältigt; [...] wir haben darin den Abfall von Wahrheit und Schönheit an Sinnlichkeit, an die Sinnlichkeit der dramatischen Scene; wir haben darin außer der Nachahmung italienischer Geschmacklosigkeiten endlich auch noch die ganze kraftlose und traurige einheimische Bluttheologie, die sich nicht schämte Christus in Gethsemane beten zu lassen:
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      Und weil ich noch zu allen Plagen
      Muß deinen Grimm, o Vater, tragen,
      Vor welchem alle Marter leicht,
      So ist kein Schmertz, der meinem gleicht.

      Als ein Denkmal aus einer verkommenen Zeit, die sich das Leiden des Heilandes in der herbsten Gestalt abschilderte und dann in vornehmer Gesellschaft ein Vergnügen daran empfand, verdient dieses Oratorium erhalten zu werden und wird es erhalten bleiben.
      über die Musik von Teleman und Mattheson läßt er sich u.a. wie folgt aus:
      Telemann's und Mattheson's Compositionen haben weder zu Händel eine nähere Beziehung, noch sind sie an sich so wichtig, daß wir uns weiter darauf einlassen müßten. Mattheson war von den Vieren der letzte. Für den, der seine Partitur durchgesehen hat und gern alle mögliche Nachsicht üben möchte, bleibt Stillschweigen die einzige Aushülfe; jede nähere Prüfung würde nur einen neuen Beweis für die alte Wahrheit abgeben, daß Eitelkeit das sicherste Mittel ist, den Menschen über sein wirkliches Vermögen zu täuschen und Verstand und Einsicht zu verfinstern.
      Keiser hat er schon weiter vorne ausgiebig abgewatscht... Händel kommt natürlich glänzend weg:
      [...]Betrachten wir Händel's Passion unter den Umständen, welche sie hervorriefen, im Vergleich mit der Dichtung und der vorausgegangenen Composition Keiser's, so erscheint sie als ein vollständiger Sieg über die musikalischen Landsleute und als eine zum Theil wunderbare Erhebung über die große Geschmacklosigkeit, welche die damaligen Deutschen zum Gespött der übrigen Nationen machte.
      viele Grüße

      Bustopher

      hindere die Spielleute nicht. Und wenn man lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten
      (Sirach 32,5)
    • Lieber Mike,

      ich empfinde BWV 245 nicht als minderwertig, ich sehe es, je mehr Stücke ich aus dem zeitlichen und räumlichen Umfeld anhöre, halt als vor allem als zeittypisch und gegenüber seinen Zeitgenossen als absolut gleichwertig. Die angebliche 'Vormachtstellung' Bachs stellt sich mir eben vor allem als Unkenntnis der Zeitgenossen und paralleler Werke dar.

      Auch ich höre Telemann, allerdings sein, nach Angaben von Rampe, zu Lebzeiten erfolgreichstes Stück Passionsmusik, die auf eigenen Text vertonte Das selige Erwägen des bittern Leidens und Sterbens Jesu Christi TWV 5:2, geschrieben 1722. Nicht nur, dass es in Hamburg sehr viele Aufführungen gab, es ist in Deutschland auch noch in Schwerin, Rostock, Braunschweig, Frankfurt/Main, Augsburg, Leipzig, Göttingen und Berlin aufgeführt worden. Es ist dies eine Musik, die (wenigstens in Hamburg vor allem, z.B. je zwei Aufführungen im Klefker'schen Orangeriehaus und im Werk- und Zuchthaus im Jahre 1722) im Konzerthaus, weniger in der Kirche stattfand. Für die Kirchen, wenn ich es recht verstehe, dann auch Gottesdienst-Aufführungen schrieb Telemann jedes Jahr zwischen 1722 und 1746 eine Evangelienpassion, von denen 23 vollständig verloren sind.

      Natürlich spricht die Verwendung von speziellen Solo-Instrumenten nicht für oder gegen Weltoffenheit, aber die bei Bach zum Einsatz kommenden Instrumente sind halt nur mitteldeutscher Standard, da ist keinerlei Phantasie, keinerlei Farbigkeit. Er schreibt, das gilt eigentlich für alle Gattungen bis auf das Secco-Rezitativ großdimensioniert, die Hälfte der Arien in BWV 245 haben mehr als 100 Takte (Altarie Nr. 7: 114 Takte, Sopranarie Nr. 9: 164 Takte, Tenorarie Nr. 13: 89 Takte, Tenorarie Nr. 20: 63 Takte 12/8, Bassarie mit Chor Nr. 24: 191 Takte, Altarie Nr. 30: 44 Takte Molto adagio; Bassarie mit Choral Nr. 32: 45 Takte Takte 12/8, Sopranarie Nr. 35: 127 Takte Molto adagio). Das spricht für große Dimensionen, oder? Opern, insbesondere Barockopern leben von der bewussten Nebeneinanderstellung von unterschiedlichen Charakteren in benachbarten Arien, das kann ich bei BWV 245 beispielsweise nicht erkennen, da ist TWV 5:2 deutlich abwechslungsreicher konzipiert.

      Aber steckt hinter diesen großen Dimensionen wirklich mehr Inhalt, mehr musikalisches Genie? Einen Beweis habe ich nicht gefunden, es sind doch alles nur Behauptungen, mehr nicht. Ich würde BWV 245 ganz im Gegensatz zu Dir als Versuch Bachs ansehen, einer sehr erfolgreichen Mode nachzulaufen. Und sich eben nicht direkt vergleichbar zu machen, indem er nicht den ganzen Brockes'-Text vertont. In klassischer Bach-Manier hat er alles in seinen Dimensionen aufgeblasen, komplexeste Details eingebunden. Die Nachwelt sieht deswegen alles als gewichtig an, ich hingegen kann keine andere Gewichtigkeit erkennen als bei Stölzel, Graupner oder Telemann, vielleicht mehr Verschwurbeltheit.

      Ich finde den Horizont Bachs nicht als so begrenzt wie Du es mir unterstellst, ich merke nur, dass seine Zeitgenossen eben so stark sind. Wenn jedes Jahr vom wahrlich starken TWV 5:2 zwei bis drei neue Aufnahmen erscheinen würden, empfände ich das als genauso falsch wie bei BWV 245, dieses Jahr sind es dort mindestens zwei: Cleobury, King's College; Minkowski, Les Musiciens.

      Bei Bach haben wir die Information, dass er andere Noten besessen hat, bei ihm wird es ihm zu seinen Gunsten ausgelegt. Bei seinen wahrlich auf Augenhöhe agierenden Zeitgenossen (z.B. Telemann, Graupner, Stölzel, Keiser) ist der Verlust an Musik deutlich höher, weil sie keinen so eifrigen Sohn wie JS Bach hatten, da wird die fehlende (oder nur noch nicht ausgewertete) Information gegen Sie verwendet? Das kann es doch auch nicht sein.

      Ich kann bei den Brockes-Passionen noch keinen echten Favoriten für mich erkennen, vermutlich hat momentan Keiser die Nase knapp vorn. Ich bin gespannt, wie es mir nach der Erst-Live-Begegnung mit dem Handel'schen Opus im Mai gehen wird.

      Natürlich ist für Chöre ein BWV 244 oder 245 mit ihren monumentalen Chorstücken interessanter als TWV 5:2 mit 10 recht einfachen Choralsätzen, aber sind sie deswegen die genialere Musik? Ich bin noch nicht überzeugt.

      Gruß Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Die angebliche 'Vormachtstellung' Bachs
      Hm ... woran machst Du eine "Vormachtsstellung" Bachs in der Behauptung anderer (wessen eigentlich?) fest?

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Natürlich spricht die Verwendung von speziellen Solo-Instrumenten nicht für oder gegen Weltoffenheit
      Richtig.

      Giovanni di Tolon schrieb:

      aber die bei Bach zum Einsatz kommenden Instrumente sind halt nur mitteldeutscher Standard, da ist keinerlei Phantasie, keinerlei Farbigkeit.
      Hmmm ... ist denn die Verwendung eines bestimmten Instrumentes, welches in Leipzig halt auch erst einmal verfügbar sein muss, ein Zeichen von Fantasie? (Wobei man selbst das bei Bach findet, z. B. im Einsatz der gerade erfundenen Oboe da caccia ...) Oder ist nicht vielmehr die überraschende Kombination von Instrumenten ein Zeichen von Fantasie? (Z. B. "Aus Liebe will mein Heiland sterben", ok, das ist aus der Mt-Passion.)

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Er schreibt, das gilt eigentlich für alle Gattungen bis auf das Secco-Rezitativ großdimensioniert, die Hälfte der Arien in BWV 245 haben mehr als 100 Takte (Altarie Nr. 7: 114 Takte, Sopranarie Nr. 9: 164 Takte, Tenorarie Nr. 13: 89 Takte, Tenorarie Nr. 20: 63 Takte 12/8, Bassarie mit Chor Nr. 24: 191 Takte, Altarie Nr. 30: 44 Takte Molto adagio; Bassarie mit Choral Nr. 32: 45 Takte Takte 12/8, Sopranarie Nr. 35: 127 Takte Molto adagio). Das spricht für große Dimensionen, oder?
      Das spricht zunächst mal dafür, dass Bach in der Lage ist, Stücke mit solcher Länge zu schreiben, die den notwendigen Spannungsbogen halten. Er kann's halt ... ;) ... bei Stölzel hatte ich diesen Eindruck noch nicht.

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich würde BWV 245 ganz im Gegensatz zu Dir als Versuch Bachs ansehen, einer sehr erfolgreichen Mode nachzulaufen.
      Aha - welcher Mode denn? Wer hätte dem Bach eine Joh-Passion vorgeäfft, so dass er nur den Stil imitieren musste?

      Giovanni di Tolon schrieb:

      ich merke nur, dass seine Zeitgenossen eben so stark sind.
      Stark in was? Woran genau machst Du das fest?

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Bei seinen wahrlich auf Augenhöhe agierenden Zeitgenossen (z.B. Telemann, Graupner, Stölzel, Keiser)
      Das ist ja nur Behauptung, sofern Du nicht auf die Körpergröße abzielst. Warum sind Telemann, Graupner, Stölzel und Keiser "auf Augenhöhe" mit Bach? Hast Du das Maß zum Messen von Komponisten gefunden? Das wäre ja eine mordsmäßige Entdeckung ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      " ... weil es nicht um mein Ego, sondern um die Musik geht ... " (Zitat arundo donax)
    • Lieber Benno,

      unterstellt habe ich Dir ja nichts, ich habe Dich zitiert. Aber sei's drum, darum geht es ja auch nicht.

      Telemanns "Seliges Erwägen" kenne ich auch, klar 8) . So sehr ich das Werk auch mag, aber vergleicht man nicht Äpfel mit Birnen?
      Ein Passions- Oratorium wie das "selige Erwägen" sind doch Betrachtungen über die Passionsgeschichte und damit völlig anders angelegt als Kompositionen, die der Liturgie folgen und als Basis also mittels des Evangelisten als "Erzähler" das Werk "entstehen" lassen.
      Handlungsabfolge versus emotionaler Beleuchtung.

      Du weißt, dass ich selbst Bach im Kontext betrachte seiner Zeitgenossen und häufig der "Vormachtstellung" skeptisch gegenüberstehe- aber gerade die "Johannes- Passion" ist für mich ein Solitär in der "Passionsmusikenlandschaft". Eben weil es Bach gelingt, beide Formen, nämlich Betrachtung und Erzählung, in eine Form zu gießen. Dramaturgisch ein Konzept, eine Architektur aufbaut, die selbst Telemanns Passionen, egal welcher Form, in dieser Konsequenz abgeht.
      Die Nutzung von Klangfarben durch Viola d'amore, Oboe da caccia, Laute, Viola da Gamba, Flöte nutzt die Möglichkeiten, welche ihm zur Verfügung standen. Wenn Stölzel eben andere besaß- wem soll daraus ein Vorwurf erwachsen? Das beschrieb MB aber schlüssiger.

      Bachs Passion aber verschwurbelt? Gerade sie ist für mich, besonders in der Erstfassung, eine der direktesten Kompositionen in ihrer Wirkung. Durch die Nähe zur Oper, die ich höre- denn Charaktere stehen nebeneinander! Sind ja, eben der Wirkung willen, eingefügt in die Handlung. Und Arien wie "Ach mein Sinn" sind pure Oper!
      Und der Protest gegen solche "Auswüchse" innerhalb der Kirche nachvollziehbar.

      Problematisch allenthalben die ewigen Neueinspielungen, die aber kaum Neuinterpretationen sind. Da stimme ich Dir zu: das ewig gleiche Modell einer Sichtweise wird immer wieder aufgenommen. Eine wirklich dramatisch angelegte Lesart hat bisher doch nur Fasolis vorgelegt, Benoit Haller unternahm den Versuch- das war's doch schon.
      Haller sogar die Frühfassung, die (noch) weniger Konzessionen macht an übliche Praktiken in Leipzig.

      Das Thema "Brockes- Passionen" sollte man außerhalb dieses Threads betrachten, wenngleich Bachs BWV 245 ja eine Art Bindeglied darstellen kann zwischen den rein betrachtenden Werken und den liturgisch eingebundenen.
      Und scheut den Vergleich nicht, sehe ich nicht so. Geht hier einen eigenen Weg, indem er sowohl beiden Möglichkeiten der Textverarbeitung als auch der musikalischen Umsetzung etwas sehr eigenes entgegensetzt.

      Etwas frotzelnd: einem "Bach- Bashing" wäre ich geneigt zu folgen hier und da, aber bei BWV 245 sehe ich keinerlei Gründe und auch kein Vergleichswerk eines anderen, das als Maßstab dienen könnte.
      Kritik an Interpretationen, das ist ein ganz anderes Thema, nicht Kritik am Werk selbst.
      Wie gesagt: Wertungen innerhalb der reinen Brockes- Vertonungen sind ein anderes Thema, ebenso die Passionen, die der Liturgie folgen.

      Herzliche Grüße,
      Mike

      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Eben entdeckt, dass BBC 3 befristet einen JP-Konzertmitschnitt unter John Butt zum Reinziehn anbietet...
      bbc.co.uk/programmes/b08ly3s1

      Noch 1 x Hinweis auf die beiden morgigen Sendetermine der JP unter Blomstedt vom 24.03.2017 aus Weißwurst-Town.
      Inzwischen mir 1 x JP-Blomstedt eingeschmissen. Wiedergabe erreicht den Rang des Mitschnitts unter Dijkstra vom 19.06.15 aus Nürnberg, auf die bereits in diesem Thread hingewiesen wurde...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann