Wynton Marsalis - Gehört Jazz auf die Bühne oder ins Museum?

    • Wynton Marsalis - Gehört Jazz auf die Bühne oder ins Museum?

      Der Hörtipp von Matthias an anderer Stelle veranlasste mich dazu, hier ein neues Fass über Wynton Marsalis aufzumachen, bevor ich im "Eben gehört" auf Matthias' Einschätzungen eingehe.

      Mit den Worten
      Viele frühere CDs von Wynton Marsalis sind mir zu sehr Jazz-Museum, perfekt, ja äußerst brilliant, von ihm und seinen Mitmusikern gespielt, - wie schön blank geputzt für die Vitrine. Seit einiger Zeit sind inzwischen aber auch immer wieder Aufnahmen erschienen, auf die dieser Vorwurf nicht mehr zutrifft.
      hat Matthias genau das auf den Punkt gebracht, was mich an Marsalis über viele Jahre hinweg auch so immens störte. Als selbsterklärter Gralshüter der Jazztradition erschien mir Marsalis immer mehr als Musikfunktionär aufzutreten, denn als ausübender Musiker. Die von ihm künstlerisch beratene mehrteilige TV-Doku über die Geschichte des Jazz legt Zeugnis ab über seinen Konservatismus und sein fatales Bestreben, den Jazz ins Museum stellen zu wollen. Als Leiter des Jazzbereichs des Lincoln Centers in New York tat er ein übriges, seine Lesart der Jazz-Historie zu institutionalisieren.

      Dabei entstammt Wynton Marsalis einer höchst produktiven Jazz-Familie aus New Orleans. Der klavierspielende Vater Ellis hat eine ganze Schar Söhne in die Jazzwelt entlassen: Wyntons älterer Bruder Branford ist wohl einer der berühmtesten Saxofonisten seiner Generation, ein Musiker ohne Scheuklappen, der auch Jazz-Pop mit Sting, Hip-Hop mit Public Enemy sowie Hollywood-Soundtracks und TV-Showbands mit seinem Können veredelte. Genau wie Wynton hat auch Branford mehrfach den Wechsel ins "klassische" Lager vollzogen. Während es vom Trompeter mehrere Barock-Aufnahmen gibt, hat der Saxofonist z.B. Ibert oder Glasunow eingespielt und aufgeführt. Die jüngeren Brüder Delfeayo und Jason sind an Posaune und Schlagzeug ebenfalls zu Bekanntheit und Anerkennung gekommen.

      Ob dieser unbedingte Wille zur nahezu musealen Verortung des Jazz womöglich aus der Beschäftigung mit der Klassik kommt? Ob Wynton Marsalis der hehren klassischen Institution ein Monument der afroamerikanischen Musik an die Seite stellen wollte? Und dabei vergessen hat, dass insbesondere seine großen Idole (Ellington, Monk, Rollins usw.) zu ihrer Zeit alles andere waren, als musikalisch Konservative, die die Musik, die 40 Jahre vor ihrer Zeit entstanden ist, nachspielen wollen?

      Ich habe Wynton Marsalis schon zu Beginn seiner Laufbahn als technisch enorm beschlagenen Trompeter bestaunt. Anfang der 80er war ja die Zeit, in der eine Menge aufstrebender Musiker mit Rückgriffen auf die 50er und 60er ins Rampenlicht stießen. Manche (wie David Murray oder später James Carter) haben die Avantgarde von Coltrane, Ayler & Co dabei mit auf dem Schirm gehabt. Marsalis blieb am Hardbop hängen, dem er aber zugegebenermaßen mit seinen Quartetten und Quintetten neues Leben einhauchte.


      Wynton Marslis Quartet
      Live at Blues Alley (1986)


      Diese Platte ist eine meiner liebsten Quartett-Aufnahmen überhaupt! Die Live-CD vermittelt mit seinen Nebengeräuschen von schreienden Zuhörern und klirrenden Gläsern ein einzigartiges Live-Erlebnis, die Spielfreude u.a. von Pianist Marcus Roberts und Schlagzeuger Jeff "Tain" Watts ist körperlich spürbar.

      Zugleich und in der Folge erschien aber eine Vielzahl an Studio-CDs, die die konservierende Trägheit, die Matthias beschrieb, manifestierte. Da habe ich dann rasch die Lust verloren und mir lieber die vitalen und inspirierenden Originale vergangener Jahrzehnte angehört. Dass Marsalis möglicherweise wieder zu spannender und bewegender Musik fähig ist, interessiert mich sehr. Diesen Tipp hier finde ich zumindest schon einmal äußerst spannend:



      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Dann stelle ich zunächst zu der CD noch einmal meinen Text hier ein:

      Die lebendige Interaktion ist dafür um so packender bei dieser ganz wunderbaren Live-Aufnahme des Wynton Marsalis Quintets mit dem Akkordeon-Meister Richard Galliano, bei der New Orleans und Paris sich äußerst gelungen musikalisch synthetisieren in Bearbeitungen von Song, die besonders mit Billie Holiday und Edith Piaf verbunden sind.



      :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

      Viele frühere CDs von Wynton Marsalis sind mir zu sehr Jazz-Museum, perfekt, ja äußerst brilliant, von ihm und seinen Mitmusikern gespielt, - wie schön blank geputzt für die Vitrine. Seit einiger Zeit sind inzwischen aber auch immer wieder Aufnahmen erschienen, auf die dieser Vorwurf nicht mehr zutrifft. Diese schlägt für mich nun alles. Hier wird hinreißend musiziert, lebendig, melancholisch, bittersüß, den charakterlichen Gehalt der Songs wunderbar bewahrend und doch in etwas ganz Eigenes verwandelnd. Nun darf bei diesem Programm natürlich auch La Vie en Rose nicht fehlen. Wie diese Zugabe das Publikum in Marziac begeistert hat (und auf der DVD-Version zu sehen ist), ist nur zu gut zu verstehen.
      Atemberaubend finde ich jedoch ihre Version von Billie Holidays traurigem und bitterböse-sarkastischen „Strange Fruit“, einem der besten politischen Lieder, die je geschrieben wurden. Wynton Marsalis gestopfte Trompete klingt zu Beginn und immer wieder zwischendurch wie nach verzweifelten Aufschreien in den leicht chaotischeren Passagen zu Beginn und am Ende, in den sich das sonst als Trauermarsch gestaltete Stück auflöst, wie eine Menschenmenge, die in größter Trauer, aber auch Zorn und Widerstandsgeist, die durch die lebendigen Soli von Marsalis und von Walter Blending, hier an der Klarinette, dargestellt werden, zusammenkommt und sich wieder auflöst, ohne die Leiden vergessen zu können. Das ist eine ganz große Version!

      Neben natürlich Marsalis und Galliano muß als Solist unbedingt auch Walter Blending (sax, cl) besonders hervorgehoben werden, ansonsten ist auch die Rhythmus-Arbeit von Ali Jackson (dr) und Carlos Henriquez (b) oft äußerst raffiniert, originell und ideal eingepasst.
    • Moinsen,

      auf itunes kann man kostenlos einen Wynton-Podcast abonnieren. Da finden sich interessante, z.T. etwas akademisch klingende Erläuterungen des Meisters zu seiner Musik, auch Videos der Aufnahmesessions zum neuen Album mit vielen Hintergrundinformationen. Insgesamt ein reiches Füllhorn, das Marsalis-Freunden wie auch -Kritikern mannigfaltige Nahrung bietet - und Interessierten einen guten Einblick in die "Werkstatt" dieses Künstlers.

      Ich selbst habe vor längerer Zeit bei itunes mehrere Videos runtergeladen, die ein grandioses W.M.-Konzert ausschnittsweise beinhalteten, und zwar anläßlich einer Apple-Produktpräsentation. Steve Jobs höchstpersönlich kündigte W.M. als Stargast ein. Der legte dann mit seiner Band einen Superauftritt hin, der ganz und gar nicht an Jazz-Museum denken ließ. Höhepunkt war das furiose 17minütige Stück "The Magic Hour".Ich fürchte, diese Videos sind inzwischen nicht mehr verfügbar, bin aber nicht sicher. Die Musik klang etwa so: "http://www.youtube.com/watch?v=5XX4SXnTw60"

      Ich stimme Carsten voll und ganz zu, der das Album "Live at Blues Alley" von 1986 hier schon lobend hervorgehoben hat. Avantgarde ist dies sicher nicht, aber gewiß auch kein verstaubter Retro-Stil, sondern temperamentvolles, vitales Quartettspiel auf höchstem Niveau, auch dank der grossartigen Begleiter.





      Ähnlich wie Benny Goodman überzeugt W.M. auf seinem Instrument in gleicher Weise auch in der klassischen Musik. Gern und oft höre ich z.B. dieses schöne Album mit durchaus interessantem Barock-Repertoire (Stradella; A. Scarlatti), natürlich nicht hip, aber hinreissend dargeboten.





      In vielfacher Hinsicht entspricht W.M. sicher nicht dem Typus des Jazzmusikers. Ihm schlagen noch mehr Vorurteile entgegen als früher Dave Brubeck, von dem es hieß, seine Musik swinge nicht. W.M.s oft rückwärtsgewandte Haltung kann man gewiß teilweise kritisch sehen (eher Anbetung der Asche als Weitergabe des Feuers?) - eine faszinierende und außergewöhnliche Musikerpersönlichkeit ist er allemal, und seine zahlreichen Aufnahmen decken eine enorme stilistische Bandbreite ab. Da kann sich beinahe jeder nach seinem Gusto die Rosinen herauspicken. Ich rate generell zu allen Live-Aufnahmen :thumbup:

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Liebe Carstens, :D

      die live-CD, die ihr empfehlt, kenne ich noch nicht. Danke, für den Tip.

      Über die sogenannten „Jazz-Wars“, die Marsalis mit Stanley Crouch, einem ehemaligen Free-Jazz-Drumer und afro-amerikanischen Radikalen, der zu einem neokonservativen Kritiker, vor allem im Village Voice, konvertiert ist, auslöste, informiert ausführlich mit vielen Interviews mit einer Vielzahl von Beteiligten dieses Buch des stets sehr kenntnisreichen Jazz-Kritikers Christian Broecking:



      (leider offenbar schon vergriffen und hier überteuert, bei anderen Antiquariatsanbietern aber noch wesentlich günstiger zu finden.)

      Sie waren seinerzeit eröffnet worden mit heftigen Angriffen der beiden auf viele Vertreter des eher experimentellen Creative Jazz und Free-Jazz. Das hatte immer auch politische Gründe, wobei es wesentlich um die Einschätzung ging, welche Chancen und Einflussmöglichkeiten Afro-Amerikaner heute in den USA haben und welche Strategien sie danach verfolgen sollten bis zu Fragen einer Politik des Kulturellen: Einer der Marsalis-Brüder war zeitweilig bei Columbia Records, immerhin als erster Schwarzer bei einem Major, für das Jazz-Programm verantwortlich und sie förderten fast nur junge schwarze, damals eher musikalisch konservative Musiker, als sogenannte „Black Lions“ gehypt. Viele, von denen, sind aber inzwischen so gut wie vergessen, andere haben inzwischen auch ganz anderes aufgenommen, wie Roy Hargrove, Wallace Rooney, Nicholas Payton oder Tarance Blanchard. Komplizierter wurden die Fronten auch dadurch, dass es damals immerhin auch mit dem Novus-Label ein Major-Unterlabel gab, auf dem auch Vertreter der Avantgarde, bzw. des Creative Jazz wie David S.Ware oder henry Threadgill dort und so mit der Vertreibsstruktur eines Major-Labels ziemlich kompromisslose Aufnahmen machen durften. Marsalis Bruder hat inzwischen auch seinen Posten wieder verloren, weil er nicht die Rendite-Erwartungen des Majors, bzw. seiner Aktionäre erfüllen konnte. Aber Wynton Marsalis ist immer noch künstlerischer Leiter des Jazz-Programms des Lincoln Centers und Leiter der dortigen Big Band. Das ist insofern eine Machtposition, weil es heute die einzige, öffentlich wie privat hoch geförderte Institution, mitten in bester Lage in Manhattan gelegen, ist, die es in den USA im Bereich des Jazz noch gibt. Das äußerst bescheidene öffentliche Jazz-Programm des National Andowments of Arts ist unter Obama gerade komplett der Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen. Marsalis förderte dort lange nur mit sehr gut honorierten Auftrittsmöglichkeiten oder Kompositions-/Arrangementaufträgen für das Lincoln Center Jazz Orchestra schwarze Musiker, die seiner konservativen Ästhetik, bzw der seines neokonservativen geistigen Mentors Stanley Crouch, entsprachen. Zusätzlich verbanden sie diese Machtposition und ästhetisch-politische Debatte mit oft sehr persönlichen, sehr arrogant vorgetragenen Angriffen, etwa auf den Trompeter Lester Bowie aus dem Kreis des Chicagoer Creative Jazz, der angeblich gar nicht spielen könne, und Ähnlichem.

      Das gab heftige Gegenangriffe von zwei Seiten, einmal von weißen, besonders auch früher sehr etablierten Musikern, die Major-Plattenverträge und gut honorierte Auftrittsmöglichkeiten verloren. Nun ja, der zu verteilende Kuchen war klein und wurde immer kleiner. Jetzt waren eben mal endlich privilegiert Schwarze dran, die Jazz vor allem als ihren Beitrag zur us-amerikanischen Kultur angemessen gewürdigt und in ihr offiziell verankert sehen wollten und die schwarze Jazz-Tradition als eine Art amerikanischer Klassik betrieben und das hoch-kompetent und musikalisch-technisch auf höchstem Niveau, was die etabliertere Tradition anging. Das erkennen auch viele Kritiker der Engführung dieser Tradition in der Musik und dem Kulturmanagement von Wynton Marsalis hoch an. Das ist ganz klar, gerade unter den bestehenden Verhältnissen auch Wynton Marsalis große Leistung gewesen. So z.B. auch der schwarze Radikale und marxistische Jazz-Theoretiker Amiri Baraka, früher auch als „LeRoi Jones“, Autor wichtiger Jazz-Bücher, oder Archie Shepp, nicht nur Saxophonist, lange des Free Jazz, doch ebenso traditionsfest und bodenständig, sondern auch marxistischer Soziologe und Professor für Black Studies am MIT, Amherst.

      Die andere Seite der Angriffe und Kritiken, ging von Vertretern der experimentelleren Richtungen des Jazz aus, oft auch politisch nach wie vor radikal engagierten, wie z.B. dem afro-amerikanischen Klarinettisten/Saxophonisten Don Byron oder David Murray, welche sicherlich recht darin hatten, dass Marsalis und sein Kreis die radikaleren und experimentelleren Richtungen durchaus auch der Tradition aus dieser weitgehend herausoperierten und damit die Geschichte, wie das Bild des aktuellen Jazz willkürlich verkürzten und zum Teil verfälschten und die eine museale Erstarrung in der Musik von W.Marsalis und seinen Schützlingen aufs Korn nahmen. Und auch viele dieser experimentelleren Musiker sind bestens in diversen Traditionen zu Hause und haben einiges dazu geleistet, sie bekannt zu machen und lebendig zu halten, gerade auch Don Byron.

      Es gab natürlich auch jede Menge Zwischentöne, z.B. von Abbey Lincoln, und Musiker wie James Carter, die sowohl mit Wynton Marsalis, als auch mit David Murray spielten.

      Auch mußte Marsalis Coltrane und Ornette Coleman, mit dem sein Vater Ellis zusammengespielt hatte(!), irgendwie in seinen Kanon reinkriegen. Zudem scheint er sich inzwischen von Stanley Crouch etwas freigeschwommen zu haben, wozu wohl vor allem die Ereignisse nach der Verwüstung seiner Heimatstadt New Orleans durch Katrina beigetragen haben, die auch viele seiner Stellungnahmen immer schärfer und politisch kritischer gemacht haben.

      Inzwischen jedenfalls haben auch schon etwa David Murray und selbst ein jüngerer, sehr experimenteller Musiker wie Matthew Shipp und einige andere im Lincoln Center mehrfach gespielt, auch wieder zurecht hochgelobte Weiße wie Joe Lovano, der von Traditionen und dem Spiel mit großen Veteranen wie Hank Jones bis Free Jazz alles drauf hat, und der scharfer Kritiker der früheren Marsalis-Politik war und selbst ein radikaler Linker ist.

      Die musikalischen Projekte Wynton Marsalis selbst sind inzwischen auch offener geworden, berücksichtigen zum Teil inzwischen weitere Traditionslinien und ungewöhnlichere Zusammenarbeiten, wie mit dem französischen Akkordeonisten Richard Galliano oder, selbst über den Jazz hinausgehend, mit dem Country-Altstar Willie Nelson.

      :wink: Matthias
    • Über eine besondere Live-Begegnung mit Wynton Marsalis und einigen, seiner ausgezeichneten Musiker, habe ich andernorts hier schon einmal berichtet.

      Marsalis tauchte im Berliner A-Trane zu einem Konzert des italienischen Saxopphonisten Steffano DiBattista auf. DiBattista ist ein irreguter Saxophonist, der live seine Bands ungeheuer mitreist, auch live in kleinen Besetzungen häufig sehr frei und expressiv spielt, Standards und schöne eigene Stücke dann häufig nur als Startbahn zum Abheben nutzend. Ich habe ihn so in Italien und Berlin mehrmals erlebt.

      Einmal in Berlin im A-Trane, mit seinem damaligen sehr guten italienisch-belgischen Quartett mit dem hervorragenden belgischen Pianisten Eric Legnini, stiegen dann, nach dem ersten Set noch Wynton Marsalis und einige seiner Musiker ein, die gerade in der Stadt waren. Da auch zahlreiche Berliner Musiker da waren, unter anderem Schlagzeuger Jerry Granelli, von denen viele auch noch einstiegen, entwickelte sich der Abend dann zu Riesen Jam-Session bis in die frühen Morgenstunden. Interessant war, wie Wynton Marsalis, sichtlich auch von DiBattista sehr beeindruckt, sich auf dessen modernere Spielhaltung einzustellen vermochte. Sympatisch auch, wie diese beiden Ausnahmemusiker Jüngere aus der Berliner Szene ermutigten und ihnen Raum ließen, sich auch solistisch zu versuchen - ganz im Kontrast zum großkotzigen und maßlos überschätzten Till Brönner, der am Abend vorher, nach einem Workshop von Marsalis an der UdK auf einer anschließenden Session sich in völliger Selbstüberschätzung auf eine Trumpet-Battle mit Marsalis angelassen hatte, andere Berliner Bläser dafür regelrecht rausgedrängt hatte und dann von Wynton regelrecht abgeduscht wurde, bis er plötzlich verschwand. Wir waren alle gespannt, ob Till Brönner auch noch zur Revanche im A-Trane aufkreuzen würde, ließ er aber lieber bleiben. :D

      Entgegen manchen Äußerungen von Marsalis, war sein Verhalten hier hingegen also keinesfalls arrogant, ganz im Gegenteil. Und auch mit dem live zum Teil sehr in die freie Improvisation gehenden DiBattista entwickelte sich ein grandioses, von großem gegenseitigen Respekt gekennzeichnetes Zusammenspiel.

      :wink: Matthias
    • Lieber Matthias,

      vielen Dank für deine interessanten Ausführungen zum "Marsalis-Faktor"! Das Broecking-Buch würde mich sehr interessieren. Vielleicht ergattere ich es ja mal irgendwo aus zweiter Hand.

      In Erinnerung geblieben ist mir auch, dass Marsalis/Crouch sich vehement an Miles Davis - spätestens ab dessen elektrifizierter Zeit - abgearbeitet haben. Mit ziemlich markigen Worten geißelten die NeoCons damals Davis' angebliche Anbiederei am Massengeschmack, am Verrat der hehren Jazztraditionen an die Rockmusik. (Und das, während Bruder Branford mit seinem Projekt Buckshot Lefonque HipHop machte...) Herbie Hancock hat sich später dann - auch zum Miles-Bashing - äußerst kritisch über Marsalis geäußert.

      Aber es scheint tatsächlich so, als sei Wynton Marsalis etwas entspannter geworden. Er kann gar direkt sympathisch sein, wie z.B. im Gespräch mit Simon Rattle anlässlich der Aufführung der Swing Symphony mit den Berliner Philharmonikern:

      "http://www.youtube.com/watch?v=W2EyTYN_814"

      Eine schöne Platte aus den 80ern finde ich noch folgende:


      Thick in the South (1988)

      Als Gast ist u.a. Elvin Jones dabei. Die Platte ist Blues-gesättigt und atmet durchaus das Flirren und die Schwüle der Delta-Musik.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Carsten schrieb:

      Das Broecking-Buch würde mich sehr interessieren. Vielleicht ergattere ich es ja mal irgendwo aus zweiter Hand.


      Sonst schau doch mal in Bibliotheken. Auch die weiteren Jazz-Bücher von Broecking sind sehr gut und zumeist weitgehend aus klug geführten Interviews bestehend.

      In Erinnerung geblieben ist mir auch, dass Marsalis/Crouch sich vehement an Miles Davis - spätestens ab dessen elektrifizierter Zeit - abgearbeitet haben. Mit ziemlich markigen Worten geißelten die NeoCons damals Davis' angebliche Anbiederei am Massengeschmack, am Verrat der hehren Jazztraditionen an die Rockmusik. (Und das, während Bruder Branford mit seinem Projekt Buckshot Lefonque HipHop machte...) Herbie Hancock hat sich später dann - auch zum Miles-Bashing - äußerst kritisch über Marsalis geäußert.


      Ja, stimmt. Broecking hat auch Herbie Hancock befragt und zu ihm auch ein ganzes Buch hemacht.Und inzwischen haben die ehemaligen "Young Black Lions", die dauerhafte Karrieren machen konnten, fast alle Hommage-Alben an den elektrischen Miles gemacht. :D

      "Thick in the South" ist eine weitere CD, die mir durchgerutscht ist. Klingt aber gut.

      :wink: Matthias
    • Ich denke mal, dass Wynton Marsalis auch zunächst sehr daran interessiert war, in BEIDEN Bereichen (also Klassik und Jazz) Außergewöhnliches zu leisten. Er gehört in der Tat zu den Musikern, die im Grunde so viele Bereiche perfekt (und manchmal fast schon ZU perfekt) abzudekcen verstehen, dass sie zunächst erst einmal einen Weg für sich selbst finden mussten, um letztendlich auch kreativ zu sein (oder zu werden).

      So tat ich mir mit seinen frühen Einspielungen genau so schwer wie hier einige andere "Kollegen", aber auch viele andere Hörer und Kritiker ebenso. Es liegt mit Sicherheit auch an der Stadt New Orleans, denn hier begann im Grunde die Entwicklung des Jazz, hier kamen so viele wichtige Musiker her, dass er auch stilistisch zunächst HIER angefangen hat, um sich dann Schritt für Schritt in Richtung Ellington und Monk weiter vor zu arbeiten.

      Heute bekommt er mühelos die Kurve, und hat sich, so meine Meinung, nachdem er sich von der Klassik verabschiedet hat, auch von dem Ballast des "statischen und eher musealen Spielens" entledigt. Für mich steht fest, dass er durch die "akademische Ausrichtung der Klassischen Musik" am Anfang auch den Jazz einfach zu "akademisch" gesehen hat, denn genau SO klingen für mich seine Aufnahmen von damals doch des Öfteren.

      Ich bewundere ihn dafür, dass er heute locker zwischen den Stilen hin und her springen kann, so etwas ist nicht vielen Musikern vergönnt. Da kann ein Till Brönner machen was er will, er wird ihm im Leben nicht das Wasser reichen können. Auch ich halte diesen Musiker für viel zu überschätzt, wobei man aber zugeben muss, dass er Trompete spielen kann, keine Frage. Doch die Flexibilität eines Clark Terry oder Marsalis wird er nie erreichen.

      Meine CD-Sammlung hat auch viele CDs von Wynton Marsalis zum Inhalt. Da hier schon einige davon erwähnt wurden, werde ich mal einige erwähnen, die noch nicht erwähnt wurden:

      Die beiden CDs stehen für die Zeit in New Orleans. Es wirken jeweils Gastmusiker aus NO mit, die sich dort mit dem alten Jazz beschäftigen und weiter entwickelt haben.

      Die dritte CD ist leider nur knapp 32 Minuten kurz, und bringt uns sein Septett zu Gehör. Die CD wurde live eingespielt, die Angaben sind auch recht rar, so dass ich nur die Besetzung und Titel angeben kann:

      1. The Legend of Buddy Bolden
      2. Swingdown, Swingtown
      3. Highrise Riff
      4. Cherokee

      Marsalis muss die Musik wohl 1991 für das "New York Griot" geschrieben haben, ein modernes Ballett, was unter Geographie von Garth Fagan stand und der "Brooklyn Academy of Music" 1991 auch aufgeführt wurde.

      Die Besetzung lautete : W.Marsalis (Tp) - Wycliffe Gordon (Tb) - Wes Anderson & Walter Blending (Sax) - Marcus Roberts (Klavier) - Reginald Veal (Bass) - Herlin Riley (Dm)

      Etwas später entstand diese Doppel-CD, nämlich 1992 und 1993 :

      Die Besetzung ist ähnlich. Walter Blending wurde von Todd Williams und Marcus Roberts von Eric Reed abgelöst. Der Rest ist identisch mit der von mir zuvor erwähnten CD.

      Eine CD, die ich selbst zunächst nicht wirklich haben wollte war diese hier :

      Ich hielt diese CD für eine reine PR-Aufnahme, da sich neben Eric Clapton auch nochTaj Mahal hinzu gesellte, aber ich muss sagen, dass diese CD wirklich unglaublich Freude macht zuzuhören.

      Von seinen mit den "Lincoln Jazz Orchestra" gemachten Aufnahmen würde ich diese mal auswählen:

      Die Musik Duke Ellingtons "authentisch" zu spielen ist unmöglich. Doch wie sich Marsalis und seine Musiker ihr annähern, verdient den größten Respekt. 1999 war das Aufnahmejahr gewesen.

      Eine weitere CD wollte sich leider nicht mit Bild reinstellen lassen. Sie heißt "They come to Swing" und wurde 1992-1994 eingespielt. Einige Titel sind mit der CD "Live in Swing City" identisch, aber nicht gleich. Bemerkenswert sind hier die Titel "Black and Tan Fantasy" mit Wycliffe Gordons phänomenalem Spiel, das auch heute noch so erschreckende wie großartige "Things to Come" von Dizzy Gillespie und Gil Fuller und "Boy meets Horn".

      Leider auch nicht gefunden habe ich "Portraits by Ellington" mit dem selten zu hörenden "Thanks for the Beautiful Land of Delta" , "Portrait of Louis Armstrong" und "Second Line" von der "New Orleans-Suite" des Duke und die "Liberian Suite" von 1947, die auch Ende 1947 in der Carnegie Hall uraufgeführt wurde.

      Nur als Mp3 zur Verfügung scheint die CD "A Love Supreme" zur Zeit. Die Musik stammt natürlich von John Coltrane. Die Aufnahme stammt von 2003.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)