Jazz im Spielfilm

    • Freddie Redd: The Connection

      Hallo Miguel,

      schön, auch mal wieder hier etwas von dir lesen zu können.

      Freddie Redds: The Connection mit einem ganz wunderbaren Jackie McLean ist wirklich ein Knaller! Ich habe es gerade eben noch einmal gehört.



      Freddie Redd (p), Jackie McLean (as), Michael Mattos (b), Larry Ritchie (dr)

      rec.; 15.2.1960, Rudy van Gelder Studio, Blue Note

      :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:

      Den Film und das Theaterstück kenne ich jedoch nicht.

      Freddie Redd hat aber im selben Jahr dieselben Stücke 2 x aufgenommen:



      Freddie Redd (a.k.a."I.Ching" auf dem LP-Cover) (p), Howard McGhee (tp), Tina Brooks (ts) Milt Hinton (b), Osie Johnson (dr),

      rec.: irgendwann (?) in 1960, ursprünglich als Felsted-LP

      :juhu: :juhu: :juhu:

      Die Aufnahme mit einem ganz wunderbaren Jackie McLean ist treibender, hat mehr Drive, ist abwechslungreicher, aber Tina Brooks ist hier auch sehr gut, liefert tolle Soli, Milt Hinton ist der subilere Bassist, der ein sehr schönes Solo beisteuert, die Choruslinien mit dem Tenor und McGhees Trompete haben auch ihren Reiz, die weniger umfassende Festgelegtheit im Quartett gibt aber mehr Spielräume, was jemand, wie McLean natürlich nutzt und seine Partner zu größerer Dynamik mit viel mehr Dynamikwechseln anstiftet.

      Freddie Redd war vielleicht nicht der überaus herausragende Pianist, aber ein sehr guter Bop-Komponist. Er schrieb seine Suite für ein Stück von Jack Gelber für "The Living Theater", ein damaliges Avantgarde-Theater. Mit der Gruppe mit Howard McGhee spielte er es auch als Teil der Theateraufführung. Das ging damals mit Jackie McLean nicht, der damals wohl gerade keine musicians card besaß und damit nicht öffentlich live auftreten durfte. Blue Note lud Redd aber aber ein, es auch mit Jackie McLean aufzunehmen. Im Film spielte dann auch dieses Quartet mit..

      :wink: Matthias
    • Tharon schrieb:

      O.K.

      Ich habe "Um Mitternacht" ihn gerade bei ebay für 20,- € erstanden.


      Dann bin ich gespannt, wie er dir gefällt, Tharon. Und ich hoffe, dass meine Erinnerung nicht getrogen hat.

      Den sehr guten Soundtrack zu Round Midnight habe ich immerhin:



      In den Kontext, mit ähnlicher Line Up + prominenten Gästen, gehört auch diese ganz vorzügliche CD, auf der besonders Herbie Hancock herausragend spielt:



      :wink: Matthias
    • Inzwischen habe ich "Um Mitternacht" gesehen.



      Ich fange mit ein paar nicht allzu wichtigen Irritationen an:
      Warum heißt der Film "Um Mitternacht"? Es geht nicht um Thelonius Monk und der entsprechende Song ist, wenn ich es korrekt mitbekommen habe, auch nur als Eingangsstück in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Version zu hören.
      Angeblich spielt der Film um 1959 - trotzdem höre ich in der Filmmusik bei den akustischen Lückenfüllern ständig etwas, was sehr nach "Cantaloupe Island" klingt. Dieses Stück ist von 1964. Immerhin spielt Herbie Hancock mit... von der Person her ist die Verbindung also naheliegend.
      Die Musik ist durchgängig Ballade bis Medium. Ein schnelleres Stück hätte nicht geschadet.
      Dexter Gordon, der im Film den Dale Turner mimt, spielt ein gutes Saxophon... aber ist es so umwerfend, wie im Film alle meinen? Ich weiß nicht... (vielleicht muss man auch versuchen, die Angelegenheit aus dem Blickwinkel der Zeit zu betrachten - es kann gut sein, dass mir dafür ein wenig Einfühlungsvermögen fehlt
      Ein paar Szenen geraten ein wenig in Sozial-Kitsch-Nähe... das ist mein Empfinden - ich weiß, dass das sehr subjektiv ist.
      Die Säufer-Gestik und Sprechweise von Dexter Gordon bzw. Dale Turner ist für mich über die gesamten 2 Stunden relativ schwer zu ertragen. Vielleicht muss das aber so sein. (Ich will ja auch keinen angenehmen Film über den Vietnamkrieg sehen).

      Ansonsten habe ich einen sehenswerten Film gesehen.
      Überraschend viele Jazzgrößen geben sich hier ein Stelldichein und spielen nicht viel mehr als sich selbst in ihrer Tätigkeit als Musiker. Das macht den Film relativ authentisch.
      Das Thema Jazz und Drogen ist sicherlich ein bedeutendes... und selbst, wenn man das gar nicht auf dem Schirm hat lohnt der Film vielleicht, weil er selbst in solchen Fällen eine vage Vorstellung davon vermitteln kann, wie es kommt, dass der Jazz seit dem Bebop relativ häufig mit Schmerz und Melancholie zu tun hat (ja, vorher auch... aber nach dem Swing hat das Thema nochmal eine neue Ausdrucksqualität gewonnen... finde ich zumindest).

      Meine Lieblingsszene: Dale Turner sitzt auf einem Müllhaufen in einer Sackgasse von Paris und spielt ein paar Töne aus irgendeinem Standard. Sein Freund kommt vorbei und will wissen, wie es ihm geht. Turner hat nur sein Saxophonspiel im Kopf und sagt: Ich kann das nicht mehr vernünftig spielen, weil ich den Text vergessen habe. Wow: er hat nicht Melodie oder Harmonien vergessen, sondern den Text! Gibt es Instrumentalisten-Jazzer, bei denen sich parallel zur Melodie gleichzeitig der Text im Hirn abspult? Die Szene hat mich ziemlich umgehauen. (Nur der Vollständigkeit halber: der betreffende Song ist "Autumn in New York" Die Szene setzt mit dem Refrain ein. Die Verse "It´s autumn in New York / that brings the promise of new love" bekommt Dale Turner noch auf die Reihe. Dann verlässt ihn seine Erinnerung. Die nächsten zwei Verse lauten: "Autumn in New York / is often mingled with pain". Ich war überrascht darüber, wie gut ich nachvollziehen konnte, dass der Inhalt dieser Verse dann doch zu einem zentralen Ausdruckskriterium werden können, selbst wenn es vordergründig erstmal um Harmonien und melodische Improvisation geht).

      Alles in allem: Zumindest für Jazzfans absolut empfehlenswert.

      Tharon.
    • Danke, für deine Eindrücke, Tharon. Das macht mich gespannt, wie ich wohl den Film heute sehen würde.

      Tharon schrieb:

      Dexter Gordon, der im Film den Dale Turner mimt, spielt ein gutes Saxophon... aber ist es so umwerfend, wie im Film alle meinen? Ich weiß nicht...


      Naja, technisch mag es bessere gegeben haben, obwohl er schon recht gut war, aber vor allem hatte Dexter Gordon von Anfang an einen ganz eigenen Ton, sowohl als kräftiger, voller Sound, als auch als Spielweise und dies in einer Zeit, als die meisten wie Bird oder wie 'Bird mit Lester' oder 'Bird mit Hawk' klangen. Schnell wie Bird waren genug andere. In den späten 50ern/frühen 60ern hat er außerdem grandiose Lps bei Blue Note gemacht, mit sehr guten Eigenkompositionen und originellen Interpretationen. Aber auch viele Aufnahmen danach, besonders bei Black Lion und Steeple Chase sind ganz wunderbar, damals dann brüchiger, aber noch beseelter.

      :wink: Matthias
    • Tharon schrieb:

      ... Die Säufer-Gestik und Sprechweise von Dexter Gordon bzw. Dale Turner ist für mich über die gesamten 2 Stunden relativ schwer zu ertragen. Vielleicht muss das aber so sein. (Ich will ja auch keinen angenehmen Film über den Vietnamkrieg sehen).

      Ein wenig mehr Respekt vor Dexter Gordon wäre angebracht - viele Musiker hatten ein Alkoholproblem, aber ein Blick in die (auto-)biografische Literatur erklärt einem recht schnell, warum das so war. In diesem Film sind Elemente mehrerer Biografien eingeflossen, vor allem Lester Young und Bud Powell, aber auch vieler anderer Americans in Europe, zu denen Dexter ja auch zählte. Dexter "paid his dues", wie man so schön sagt, hat selbst Drogen genommen und dafür auch im Knast gesessen, sein Alkoholproblem nie ganz in den Griff bekommen, aber gerade deswegen war er die Traumbesetzung für diese Rolle, weil er diese ganze Szene und Lester Young und Bud Powell usw. alle noch kannte. Dexter war eben "so hip", wie eine Musikerin es mir gegenüber mal formulierte ....

      Monk's Round Midnight mit seinem stimmungsvollen, symbolträchtigen Titel, ist selbst ein Symbol für diese Stimmung und alles, was dazu gehört.

      Ich war überrascht darüber, wie gut ich nachvollziehen konnte, dass der Inhalt dieser Verse dann doch zu einem zentralen Ausdruckskriterium werden können, selbst wenn es vordergründig erstmal um Harmonien und melodische Improvisation geht).

      Tja, eben nur vordergründig - es gibt leider viel zu viele Jazzmusiker, die nur ständig ähnliche Soli über Chord changes herunternudeln, aber die wirklich guten kennen meistens auch die Texte. Harry Edison hat das mal von Lester Young berichtet, der alle Texte konnte. Dexter war auch so einer. Ich bin immer wieder enttäucht, wie wenig meine Mitmusiker über die Texte wissen, selbst wenn sie mit Sängern gespielt haben ...
    • Miguel54 schrieb:

      Ein wenig mehr Respekt vor Dexter Gordon wäre angebracht


      Um ehrlich zu sein war ich zunächst etwas überrascht über diesen Rüffel. Inzwischen habe ich etwas recherchiert und gebe Miguel Recht.

      Mir war schlicht und einfach nicht bewusst, dass Dexter Gordons Biographie so nah an der der fiktiven Filmfigur Dale Turner dran ist. Ich dachte, da wird ein Jazzer als Schauspieler ausgesucht, weil er in der Lage ist, die Musik, um die es geht, einigermaßen authentisch darzustellen. Ich dachte weiterhin, dass Dexter Gordons Säufergestik und -sprache gespielt ist. Hätte ich gewusst, dass er sich da im Prinzip eigentlich nicht verstellt und unter genau den oder ganz ähnlichen Drogenproblemen litt, wie die, die in dem Film dargestellt werden, dann hätte ich mir den Kommentar wohl verkniffen oder anders formuliert. Also vielen Dank, ich nehme die Kritik an.

      (Als Aussage bleibt: Es tut mir weh, dieser Darstellung eines Alkoholkranken zuzusehen.)

      Es war beileibe auch nicht meine Absicht, Dester Gordons Musikalität zu kritisieren. Ich kenne z. B. die "Go!" und finde sie ziemlich toll. Nur in diesem Film fand ich Gordons Musik nicht ganz so überzeugend.

      Tharon.
    • Natürlich war Gordon nicht mehr ganz so gut drauf wie in seinen Aufnahmen Anfang der 1960er Jahre, aber was da an Lebenserfahrung eingeflossen ist, die er angesammelt hatte, und wie er diese Chance genutzt hat, diese Jazzwelt mit ihren Widersprüchen und der Kreativität und Schönheit trotz aller Widrigkeiten und Probleme darzustellen, im Bewusstsein, dass hier endlich mal ein richtiger "Jazzfilm" entsteht - ich habe das damals schon im Vorfeld mitbekommen, wie die ganze Jazzszene diesem Film entgegen gefiebert hat, und wir wurden nicht enttäuscht. Diese Szene, wie sie im Pariser Studio Round Midnight aufnehmen, in dieser Zerbrechlichkeit und allem, das auf großer Kinoleinwand ..... wir waren damals zu Tränen gerührt.
      Klar tut das weh, es zu sehen - ich habe Dexter ein paar Mal hautnah erlebt, das war er, in dem Film, und auch wieder nicht. Das ist wie im Leben von Lester Young einfach unglaublich, wie trotz dieser ganzen Probleme und Schwierigkeiten immer wieder wunderbare Musik herauskommt - er hatte ein Alkoholproblem, aber er hat trotzdem gelebt und gespielt. Er hat gelitten, aber es auch überwunden, wenn er auch im medizinischen Sinn nie ganz davon losgekommen ist - the guy didn't take good care of himself, hat es ein mit mir befreundeter texanischer Saxofonist mal formuliert. Die Überwindung dieser ganzen Dinge durch die Kunst, darum geht es in diesem Film. Man sollte nie aufhören zu fragen, warum das diese Gesellschaft Menschen angetan hat, denn diese Frage schwebt auch unausgesprochen über diesem Film und den Biografien, die ihn inspiriert haben. Abgesehen davon, dass es allgemein zur conditio humana zu gehören scheint - was hat Charlie Parker, Lester Young, Bud Powell und so viele andere fixen und trinken lassen?
      Wenn es Dir weh getan hat, dann war es echt und darstellerisch gut, oder? Wie wär es dann mit Albert Finney's Darstellung des Konsul Firmin in "Under the volcano" von John Huston? Das tut mir auch weh - Dexter nicht, bei dem triumphiert die menschliche Wärme und Weisheit seiner Musik, jenseits der Noten.
      Ich weiss ja nicht, wie alt Du bist, aber für uns damals aktuell war "Round Midnight" ein ganz wichtiges Zeitdokument, das unglaublich viel eingefangen hat - für einen jüngeren Jazzfan, für den das alles mehr eine vergangene Szene ist, vielleicht etwas schwer nachzuempfinden ...
    • Das Standardwerk über Jazz im Film ist übrigens "Jazz on the screen" von David Meeker, leider nicht mehr auf dem neusten Stand, aber bis dahin unentbehrlich - hier kann man etwas darüber lesen:
      lcweb2.loc.gov/diglib/ihas/htm…/jazzscreen-overview.html
      Hier kann man das Buch als pdf-Datei heruntrladen:
      lcweb2.loc.gov/diglib/ihas/loc…as.200028017/default.html

      Sehr informativ und zum online recherchieren ist auch jazzonfilm.com/
    • In "Jammin the Blues" geht es nur um die Musik, stimmungsvoll gefilmt wie in einer Fotografie von Herman Leonard - eines der wenigen Filmdokumente von Lester Young.
      Zur Zeit am preiswertesten so zu bekommen - eine Doppel-DVD "The Greatest Jazz Films Ever" mit noch anderen scheint es momentan nicht zu geben.



      Dies ist die Version die ich habe, mit Zugaben, leider nur die Hälfte, nur gebraucht und teuer:

    • Miguel54 schrieb:

      wir waren damals zu Tränen gerührt.

      Miguel54 schrieb:

      Albert Finney's Darstellung des Konsul Firmin in "Under the volcano" von John Huston? Das tut mir auch weh - Dexter nicht, bei dem triumphiert die menschliche Wärme und Weisheit seiner Musik


      Ich kann nicht ganz nachvollziehen, mit was für einer emotionalen Grundhaltung du "Round midnight" siehst. Bist du traurig, weil da jemand dem Alkohol erliegt, oder freust du dich, weil da jemand eine Zeit lang durch seine außerordentliche Musik dem Alkohol trotzt?

      Ersteres kann ich nachvollziehen.
      Die zweite Sichtweise kann ich auch vertreten.

      Miguel54 schrieb:

      Die Überwindung dieser ganzen Dinge durch die Kunst, darum geht es in diesem Film.


      Hier werde ich allerdings unsicher. Warum? Es wird die Transzendenz-Falle aufgemacht. Und damit ist die Aussage letztlich subjektiv. Was sind denn diese "ganzen Dinge"? Die Sucht? Der offenbar zwangsläufig folgende Tod? Ich kann bei Dexter Gordon hören, wie jemand trotz Alkoholproblem noch tolle Musik machen kann. Dass ihn das gleich zu einer christusähnlichen Gestalt macht, die den Tod überwindet, kann ich nicht nachvollziehen.

      Auch ich kenne ein paar Jazzer, bei denen ich in Versuchung gerate, von der "Überwindung" des irdischen Daseins zu sprechen. Relativ schnell fallen mir Coltrane, Monk, Ayler und Billie Holiday ein... nach einem kurzen Innehalten vielleicht auch noch ein paar andere (Ornette Coleman, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Cecil Taylor, William Parker, Anthony Braxton, Rahsaan Roland Kirk, Akosh Szelevényi... und es wird allmählich dünner... aber das spielt gar keine Rolle).

      Ich finde zum Beispiel Mingus und Charlie Parker auch großartig... mit Transzendenz würde ich sie eher nicht in Verbindung bringen. Parker hatte auch Drogenprobleme. Ich finde, er hat trotz Drogenproblemen großartige Musik gemacht. Für mich gibt es keinen Grund, darüber nachzudenken, ob Parker mit seiner Musik durch sein elendes irdisches Dasein hindurch das Nirwana (oder was auch immer) erreicht haben könnte.

      Worauf es mir ankommt: Urteile, die einem Musiker transzendente Qualitäten zuerkennen, sind zwangsläufig subjektiv..., denn weil Transzendenzerlebnisse und -vorstellungen eine persönliche Angelegenheit sind, ist das Sprechen darüber ebenfalls subjekltiv.

      Dexter Gordon ist in meinen Augen ein guter Jazzer. Wenn er für dich, Miguel, zu den "Überwindern der irdischen Misere" gehört, ist das für mich völlig in Ordnung, ich selbst empfinde das aber nicht so.

      Miguel54 schrieb:

      Ich weiss ja nicht, wie alt Du bist, aber für uns damals aktuell war "Round Midnight" ein ganz wichtiges Zeitdokument, das unglaublich viel eingefangen hat - für einen jüngeren Jazzfan, für den das alles mehr eine vergangene Szene ist, vielleicht etwas schwer nachzuempfinden ...


      Ich bin 44 Jahre alt. Jazz höre ich, seit ich ca. 14 bin. Ich muss allerdings gestehen, dass lange Zeit Klassik und Rock prägender für mich waren. Erst seit etwa 6 oder 7 Jahren hat sich der Jazz bei mir nach vorn geschoben.

      Trotzdem: Es gibt schon auch ein paar Zeitdokumente, die ich auch als solche hören kann. Bis zur Zeit in der der Film spielt wären das vielleicht Miles´ Birth of the Cool, das Gerry Mulligan Quartet mit Chet Baker, Aufnahmen von Monk und Steve Lacys "Reflections" und so einiges von Billie Holiday und Sarah Vaughan. Dexter Gordon wäre nicht miene erste Wahl. Woran das liegt, weiß ich nicht so genau. Das müsste ich mir erstmal genauer unter die Lupe nehmen.

      Tharon.
    • Tharon schrieb:

      Ich kann bei Dexter Gordon hören, wie jemand trotz Alkoholproblem noch tolle Musik machen kann.

      Ohne auf die obige Diskussion einzugehen, kann ich zum Thema "Alkohol und Jazz" nur folgendes beitragen: ich habe zweimal eine Jazzgröße sturzbetrunken auf der Bühne live erlebt - und beide Male war das, was an Musik und instrumentaler Performance herausgekommen ist, kläglich.

      Das erste Mal war ein Gemeinschaftskonzert open air in Bad Segeberg von Benny Goodman plus Big Band (vor der Pause) sowie Ella Fitzgerald plus Paul Smith Trio (nach der Pause), welches auch einen kurzen gemeinsamen Auftritt von Ella mit Benny Goodman und der Big Band enthielt. Benny Goodman wankte schon, als er auf die Bühne kam, war nicht in der Lage, die Band zu leiten, und schon gar nicht in der Lage, irgendein brauchbares Solo auf seiner Klarinette herauszubringen. Zudem wusste er offensichtlich noch nicht einmal, wo das Publikum war, für das er spielte, denn er wandte uns Zuhörern überwiegend den Rücken zu (ich rief deswegen in seine Richtung "Are you Miles Davis?"). Das Publikum wurde immer unruhiger und es gab schließlich gellende Pfiffe. Der Saxofonist Scott Hamilton
      "http://en.wikipedia.org/wiki/Scott_Hamilton_(musician)"
      der in der Big Band in der vordersten Reihe saß, zeigte uns deswegen den Stinkefinger, das erinnere ich noch genau und werde ich ihm nie verzeihen. Wäre Ella nicht irgendwann auf die Bühne gekommen, um einen Song gemeinsam mit der Big Band zu singen (während ein dämlich grinsender Benny Goodman neben ihr stand), hätte es ein Desaster bis hin zu fliegenden Tomaten gegeben. Selbstredend riss Ella mit dem Paul Smith Trio nach der Pause das Publikum wie gewohnt mit, so dass alles versöhnlich endete.

      Das zweite Mal, dass ich einen sturzbetrunkenen Jazzstar erlebte, war ein Konzert von Archie Shepp im Berliner "Quasimodo". Shepp hatte seine Brille in gewöhnungsbedürftiger Weise aufgesetzt: der linke Brillenbügel lag zwar am linken Ohr an, nicht jedoch der rechte Brillenbügel am rechten Ohr, so dass ihm die Brille halb herunterhing (und rechts keine Sehhilfe war, denn das Brillenglas war nicht auf Augenhöhe). Sein Lallen und seine Motorik machten überdeutlich, dass er eine Flasche Whiskey intus gehabt haben dürfte. Oder vielleicht gar zwei? :stern: Jedenfalls war sein Spiel dementsprechend.

      Es mag sein, dass es andere Jazzer (wie vielleicht Dexter Gordon, ich weiß es nicht) gibt bzw. gab, die in der Lage sind bzw. waren, alkoholisiert oder im Drogenrausch voll ihre musikalische Leistung auf der Bühne zu bringen und gute Musik für das Publikum zu machen. Der schwer drogensüchtige Art Pepper war vielleicht solch ein Musiker. Doch das waren Ausnahmen. Auch bei Jazzmusikern gilt (so meine ich jedenfalls angesichts meiner oben beschriebenen Erlebnisse), dass man für ein zahlendes Publikum seine volle Leistungsfähigkeit abrufen können muss und sich diese Fähigkeit nicht durch Berauschen vor dem Auftritt nehmen darf. Das ist bei Fußballprofis so, das ist bei einem Theaterschauspieler so und das ist bei jedem normalen Arbeitnehmer so. Was dann nach dem Auftritt passiert, hat jeder selbst zu verantworten. Wenn sich dann jemand die Kante geben möchte: bitteschön. Wenn er trotz Alkoholkonsums seine volle Leistung abzurufen in der Lage ist, mag er von mir aus auch vor dem Konzert saufen. Nur bezweifele ich eben - siehe meine genannten Beispiele -, dass dies allzu viele können.
      "Wir wären auch ausverkauft, wenn bei uns auf dem Kamm blasende Putzfrauen aufträten."
      (Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie)

      “Die Elbphilharmonie ist nicht nur ein grandioser neuer Konzertsaal, sondern eine Chance für ein neues Repertoire.”
      (Ingo Metzmacher)


    • space is the place, geschrieben von sun ra und joshua smith, regie john coney, musik sun ra.

      der film zeigt sun ra als despotischen alien in einem pharaonischen zustand. uralte ägypter treffen aus einer parallelen zukunft ein. und während sun ra durch arme straßen oaklands fährt bemerkt er, dass die menschen keine musik haben die mit ihren seelen koordiniert ist und deshalb decken sich ihre schwingungen nicht mit denen des universums.

      insgesamt ein sehr sonderbarer und gleichzeitig sehr faszinierender film.
    • Young Man with a Horn (deutsche Titel: "Der Mann ihrer Träume", aber auch "Der Jazztrompeter“ oder "Rhythmus, Leidenschaft und Liebe")

      USA 1950
      Regie: Michael Curtiz
      Mit Kirk Douglas, Hoagy Carmichael, Lauren Bacall, Doris Day, Cameoauftritt Louis Armstrong
      Musik: Ray Heindorf, Harry James (als Berater), Max Steiner (uncredited)



      Über die Karriere eines Jazztrompeters (Bix Beiderbecke soll mehr oder weniger das Vorbild gewesen sein), der nicht zwischen Kunst und Kommerz schwankt, sondern kompromisslos, rücksichtslos-rabiat und konsequent seinen Kunstweg gehen will, dabei überall aneckt, rausfliegt, sich auch mit besten Freunden anlegt, infolge massiven Saufens (oder waren es Drogen? Ich weiss es nicht mehr) ins Schwanken gerät, abstürzt, knapp vor seinem und dem Ende des Films aber dank dem Einsatz seines alten Jazz-Mentors & Freunds für die Musik und sein Girl gerettet wird.

      Kirk Douglas mimt den Trompeter (für die sehr starken Töne sorgte Harry James), Lauren Bacall ist die nichtsingende, also gefährlich-verhängnisvolle, Doris Day die s(w)ingende, also gute Frau. Hoagy Carmichael sitzt am Klavier, kaut Zahnstocher und wirkt als Erzähler der Geschichte sehr authentisch.
      Der Film hat atmosphärisch sehr interessante und teils für's Hollywood-Kino ungewöhnliche Momente: einige Jazzszenen wirken weniger glatt, als das in Hollywood-Grossproduktionen sonst damals üblich war, ungewöhnlich sind auch mit versteckter Kamera aus Fahrzeugen heraus aufgenommene Strassenszenen in New York, wo der angesoffene und abgerissene Kirk Douglas um ahnungslose Passanten herumtorkelt oder sie anrempelt.

      Mich dünkte Kirk Douglas (der für seine Leistung wohl sehr gelobt wurde) für die Rolle allerdings eher unpassend, und vor allem zu gesund, selbst noch nach als schwerstens Suchtmittelzerrütteter ist er auf beneidenswerte Weise kraftstrotzend und muskulös-durchtrainiert. - Trotzdem ist der Film (der wenigstens phasenweise, siehe obengenannte Szenen, das konventionelle tragische-Laufbahn-eines-wahren-Künstler-Schema durchbricht) sicher sehenswert.

      Täusch ich mich? Ich habe den Eindruck, er sei in deutschsprachigen Gegenden nicht sonderlich bekannt.
    • Ich erinnere mich dunkel, den Film mal gesehen zu haben - sehr, sehr lang ist's her. Es gab auch eine DVD-Ausgabe:



      Leider hat Warner Bros. sich irgendwann angewöhnt, solche Filme nur einmal in einer Auflage herauszubringen - und dann nie wieder. Nur noch über marketplace erhältlich - für 'nen strammen Teuro.

      Kirk Douglas hatte eine seltsame Art, besonders ehrgeizige Charaktere darzustellen. In Reporter des Satans oder Stadt der Illusionen kann man sich ebenfalls ein Bild davon machen. Doch an diesen Film hier kann ich mich kaum noch erinnern.


      jd :wink:
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