Valery Gergiev

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    • Auf LSO wird eine neue Aufnahme der 2. Rachmaninoff-Symphonie angekündigt (aufg. Sept. 2008 im Barbican, London):

      "http://lso.co.uk/detailedrecordinginfo&showdetailstype=recording&detailID=209"

      1993 hatte Gergiev die Symphonie bereits mit dem Kirov Orchester auf Philips eingespielt. Ich hänge nicht so sehr an der Symphonie, gleichwohl klingen die Rezensionen viel versprechend. Gergiev ist schon der rechte Dirigent für dieses Werk.

      Gruß, Cosima
    • Ich gebe zu, vieles, was man hier über Gergievs Probengebaren lesen konnte, hat mich sehr kritisch gestimmt.....

      Nun komme ich eben (naja, ist schon wieder eine Woche her) aus St. Petersburg zurück und habe dort Gelegenheit gehabt, Gergiev zweimal live zu erleben. Vorausschicken sollte man, dass unser erster Besuch im Mariinksy-Theater eine rechte Zumutung war: Falstaff, mit einem völlig abgesungenen Titelhelden (Viktor Tschernomortsev), einer Inszenierung, der ich nun wirklich nichts abgewinnen konnte (wahrscheinlich habe ich den Namen des Regisseurs auch deswegen bereits erfolgreich verdrängt) in ihrer Unentschlossenheit zwischen modernem Zugriff und Herkömmlichkeit. Das Damenquartett war ganz in Ordnung, Larissa Diadkowa als Quickly sogar herausragend, die Restherren vernachlässigbar unauffällig bis auf den passablen Ford des Viktor Korotisch. Dirigent Pavel Smelkov (ist das ein Assistent des Chefs?) hielt den Laden ganz gut zusammen, leider nur genau bis zum Rand des Orchestergrabens, denn die Sänger bekam er häufiger nicht auf einen Nenner mit dem Orchester. Alles in allem ein uninspirierter, unerfreulicher Abend, erstaunlich, dass so frenetisch applaudiert wurde.

      Zwei Tage später, am 21. Mai, eröffnete dann der Chef selbst die "Weißen Nächte". Zunächst dirigierte er im Mariinsky-Theater die "Carmen-Suite" von Schtschedrin, zu einer in sich sehr schlüssigen und spannenden Choreographie von Alberto Alonso. Und das Orchester war wie ausgewechselt: Vom ersten Ton an eine enorme Hochspannung, die mit den Händen greifbar war. Unglaublich. Hätte ich nach dem Falstaff nicht erwartet. Der Dirigent wurde denn auch nach der Aufführung völlig zu recht am meisten gefeiert. Nach der Pause des Ballettabends übernahm allerdings wieder ein Assistent das Pult, der Bizets C-Dur Sinfonie ordentlich, aber wiederum recht spannungsarm leitete. Die grandiose Choreographie von Balanchine rettete allerdings das ganze: Spektakulär anzusehen konnte man über die Fadheit aus dem Graben hinwegsehen.

      Dass Gergiev den zweiten Teil des Ballettabends abgegeben hatte (entgegen der Ankündigung) lag wohl daran, dass der Abend erst mit viertelstündiger Verspätung anfing und Gergiev gleich im Anschluss an die C-Dur-Sinfonie in der nahen Mariinsky-Konzerthalle noch ein Sinfoniekonzert dirigieren musste. Dieses freilich begann mit über halbstündiger Verspätung. Ich war ja darauf vorbereitet nach der Lektüre hier, und das Publikum nahm es noch um 21:30 gelassen, dass es nicht begann. Dann schließlich dirigierte der Maestro Berlioz' "Les nuits d'été" sehr atmosphärisch, Elena Ziadkova sang ausgesprochen gut, eine schöne in weiten Abschnitten sehr gelungene Aufführung (nur ganz gelegentlich deckte die gnadenlos gute Akustik dieser Konzerthalle (der Japaner Toyota zeichnet einmal mehr verantwortlich) orchestrale Schwächen auf, wie ein deutlich hörbares Intonationsproblem im Holz, das auch nach "Mogeln" nicht recht ausgeglichen wurde.

      Schließlich Strawinskys "Oedipus Rex", gerade auch auf CD erschienen. Und hier war wieder, wie in der "Carmen Suite" die Spannung mit Händen zu greifen. Wie Gergiev das macht, kann ich nicht sagen: Eine atemberaubende Aufführung, obwohl sie Schwächen hatte (Gergiev selbst schnitt Gérard Dépardieu in der Sprecherrolle das Wort rüde ab mit dem verfrühten Einsatz des "Gloria"-Chores zum Auftritt der Jokaste z.B.). Adrenalin und Spannung pur. Sergej Semischkur war ein rollendeckender, gegen Rolfe-Johnson oder Schreier nicht herausragender Oedipus, Nadescha Serdjuk eine nach scharfem Beginn sehr gute Jokaste, und absolut herausragend war Mikhail Petrenko, der Kreon, Tiresias und den Boten sang. Faszinierend, dass er für jede Rolle eine andere Stimmfärbung fand. Der Chor und das Orchester des Mariinsky-Theaters präsentierten sich hier fehlerfrei und in bester Verfassung.

      Kurzum: Bei alles Skepsis kann ich die Faszination für diesen Dirigenten nach dem Erlebten sehr viel besser verstehen. Es wird sich allerdings auf Tonträger nur schwer vermitteln. Gergiev braucht offenbar die Live-Spannung, um zur Höchstleistung zu gelangen.

      Beste Grüße,

      C.
    • Claus' Mariinsky-Bericht

      Lieber Claus!



      Mit Deinem St. Petersburg-Bericht hast Du meines Erachtens den Nagel auf den Kopf getroffen : Das Mariinsky, wie es mit all seinem Negativen und Positiven leibt und lebt. Dem ist nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen. Erlaube mir nur einige wenige Anmerkungen aus meiner Sicht.



      Den "Falstaff" sah ich vor wenigen Jahren und habe ihn mit wenig Vergnügen durchlitten; darin änderte auch Gergievs Leistung nichts. Der von Dir ungenannt gebliebene Regisseur kommt von Film und Fernsehen und inszenierte meines Wissens erstmalig Oper. Zu den häufig dubiosen Verpflichtungen von Regisseuren am Mariinsky sollte man wissen, dass man dort oft nach der "Golden Mask" schielt, einem Theaterwettbewerb, und sich mit der Auszeichnung seiner eigenen Inszenierungen brüstet. Deshalb des öfteren die Wahl von Seiten-Einsteigern als Regisseur - eine Entwicklung, die ja auch Deutschland nicht fremd ist.



      Pavel Smelkov ist in der Tat einer der Assistenten Gergievs, verantworlich für die Einstudierung vieler Werke, die der meistens aushäusige Chef dann einen Tag vor der Premiere übernimmt. Natürlich ist auch am Mariinsky zu spüren, wenn der Hausherr nicht am Pult steht (abgesehen davon, dass bei den anderen Dirigenten nicht das A-Orchester spielt). Smelkov ist ein ordentlicher Kapellmeister, ohne die charismatische Ausstrahlung Gergievs. Erstaunlich, dass in einem US-Forum sein Dirigat der "Nase" an der Met um einiges positiver besprochen wurde als das Gergievs!



      Wenn ich mir die Sängerbesetzung anschaue, liegst Du mit Deiner Einschätzung völlig richtig. Chernomortsev ist ein Veteran; einziger Vorteil heute : "he looks the role!". Korotich ist Mitglied der Mariinsky-Akademie und gab an diesem Abend sein Ford-Debüt. Die anderen sind in der Tat braver Durchschnitt.



      Bei der Eröffnung der Weißen Nächte hast Du ja auch gleicht miterlebt, dass Ankündigung und Wirklichkeit häufig nicht übereinstimmen. Dass Gergiev Shchedrins Carmen-Suite dirigierte, lag nicht nur daran, dass er sich die Eröffnungsvorstellung traditionell vorbehält, sondern auch daran, dass er dieses effektvolle Stück (das für ihn neu ist) diese Saison öfter aufs Programm seiner Konzerte setzt, u.a. auch bei uns in Mikkeli. Dass er den Bizet nicht geleitet hatte, haben ihm wohl vor allem die Tänzer gedankt. Man kann sich leicht vorstellen, wie Tänzer darunter zu leiden haben, den Tempi eines Dirigenten folgen zu müssen, der die Proben nicht geleitet hat. Mit dem Ehepaar Denis und Anastasia Matvienko hast Du zwei Tänzer erlebt, die erst kürzlich vom Michailovsky-Theater zum Mariinsky gewechselt sind.



      Beim Konzert in der Mariinsky-Konzerthalle war der Berlioz eine Gergiev-Novität, während "Oedipus Rex" einige Male auf dem Programm stand, allerdings mit einem russischen Erzähler! Den Luxus, Depardieu als Sprecher zu haben, hat man sich offensichtlich wegen der gerade erschienenen CD geleistet.



      Im Juni werde ich zwei Mal an die Neva reisen. Bei meinem ersten Besuch höre ich noch einmal "Die Frau ohne Schatten" und bin gespannt, ob ich meine negativen Premiereneindrücke (Gergiev!) revidieren kann. Dann noch einmal Ende des Monats zu einem Shchedrin-Wochenende : ausser seiner Konzert-Oper "The Enchanted Wanderer" ein Konzert, in dem David Geringas das Cellokonzert und Anika Vavic das 4. Klavierkonzert spielen werden. Dazu noch Yuri Bashmet mit allen Brandenburgischen sowie Bartóks Blaubart. Man gönnt sich ja sonst nichts.


    • Gerade geschaut: You cannot start without me (Valery Gergiev – Maestro)

      Ich kann diese DVD sehr empfehlen! Ein Film-Porträt, das vielfältige und ungemein interessante Eindrücke gewährt: in Gergievs Privatleben, seine Arbeit am Mariinsky und Einblicke hinter die Kulissen, seinen Werdegang, Probenausschnitte mit dem LSO, Konzertausschnitte mit anderen Orchestern, Interviews zu seinem Verständnis als Dirigent, zu Werken wie dem Sacre usw.

      Das allein wäre schon faszinierend genug, aber was mich immer wieder stark beeindruckt, sind seine unglaubliche Präsenz, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Imaginationskraft. Ein Mitglied des LSO sagt sinngemäß, dass er auf die Musiker wie ein Magnet wirke: Er zieht sie in seinen Bann, und sie wollen ihm folgen hin zu dem Punkt, den er als den Kern der Musik empfindet.

      Gergiev kann Menschen motivieren und begeistern, das ist eine fantastische Fähigkeit! (Und nicht nur Musiker; er reist um die ganze Welt, um z. B. Geldgeber für seine Foundations zu finden. Ein Rattenfänger im besten Sinne also.) Er sagt, dass nur jemand, der wirklich Liebe für die Musik empfindet, diese auch an die Musiker weitergeben kann. Und nur, wenn die Musiker diese Liebe auszudrücken in der Lage sind, wird auch der Zuhörer begeistert sein. Das alles sind bei Gergiev keine hohlen Phrasen, er wirkt in allem, was er sagt und tut, sehr authentisch. Und selbst, wenn man ihn nur am Fernsehbildschirm sprechen hört und agieren sieht, fühlt man sich mitgerissen, motiviert und begeistert. Eine faszinierende, ungemein charismatische Persönlichkeit mit einem starken, integeren Charakter. Ein Menschenfreund - so klingt es häufiger im Film-Porträt an.

      Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus einem Meisterkurs. Gergiev erklärt einem jungen Dirigenten, dass er die Musik ruhig laufen lassen kann: „Ich bin nicht wichtig, das weiß ich.“ Aber dann kommt der Moment, in dem es gilt einzugreifen: „Jetzt bin ich wichtig. Sie können nicht ohne mich anfangen.“ Daher auch der Titel des Films You cannot start without me, der also keinesfalls darauf anspielen soll, dass hier ein Dirigent mit Allmachtsanspruch am Werke ist, im Gegenteil, Gergiev sagt: „Man kommt und hört, dann reagiert man.“

      Gruß, Cosima
    • Kürzlich erschienen: Brahms' Ein Deutsches Requiem mit dem Rotterdam PO auf DVD (aus 2008).



      Die Hör- und Sehschnippsel sind nicht sehr aussagekräftig. Hat jemand eine Rezension dazu gelesen oder gar den Mitschnitt bereits gesehen und gehört?

      Gruß, Cosima
    • Gergiev in Dresden

      Cosima schrieb:


      Im Mai 2010 wird Gergiev in meiner Nähe sein, nämlich beim Braunschweig Classix Festival 2010.

      Programm:
      Wagner: Ouvertüre zur Oper Tannhäuser
      Schumann: Konzert für Klavier und Orchester a - Moll op. 54
      Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h - Moll op. 74

      Solistin beim Schumann wird Hélène Grimaud sein.

      Nicht gerade mein Traumprogramm (die Grimaud mag ich zudem nicht so), aber eine bessere Gelegenheit, Gergiev einmal live zu erleben, wird es sicher so bald nicht geben. Ich überlege noch.

      Gruß, Cosima



      Liebe Cosima, warst Du denn im Konzert?

      Für ein Konzert bei den Dresdner Musikfestspielen war er mit einem ähnlichen Programm angekündigt (nur RAVELs Klavierkonzert G-Dur, statt des SCHUMANNschen), aber aufgrund einer krankheitsbedingten kurzfristigen Absage von Madame Grimaud wurde statt des RAVEL RACHMANINOWs „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ op.43 mit Denis Matsuev am Klavier gespielt.
      Wer MDR empfangen kann, der Mitschnitt des Konzertes vom 25. Mai 2010 wird am 04.Juni 2010 im Radio übertragen.
      Während des Konzertes wurde Gergiev der Preis der Dresdner Musikfestspiele verliehen.

      Gruß pt_concours

      Ein andermal berichte ich auch gerne kurz über meine Eindrücke von diesem Konzert.
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Für seinen Dirigierstil alleine ist der Mann schon zu bewundern:

      Sorry, ohne Gergiew jetzt was böses zu wollen:

      Was ist daran zu bewundern?
      Das, was ich gesehen habe auf diesem Video ist ein Derwisch, der ein auf Autopilot spielendes Spitzenorchester animiert.
      Und das ist ja auch eine tolle Sache, ich möchte dies gar nicht bestreiten.

      Aber ein wirkliches Dirigieren ist das nicht mehr, ein Orchester, das diese Musik nicht schon tausendmal gespielt hat, käme damit nicht zurecht.

      Ich bewundere das Orchester, welches diesen Zuckungen folgen kann, und das LSO kann es natürlich.

      Gergiew könnte es sicher anders, aber er hat das nicht mehr nötig.
      Und das ist keine Kritik, das ist einfach so.
      Er hat die besten Orchester, diese Orchester sind bestens vorbereitet oder haben sehr große Erfahrung mit den Werken und den jeweiligen Dirigenten.

      Von mir nur eine Breitseite an CD-Nachdirigenten und Möchtegernmaestros:
      In mindestens 90 % aller Fälle würde ein Orchester bei einem solchen Dirigat den Dienst quittieren, wenn es ein unbekannter Dirigent wäre.

      Mal darauf geachtet, daß so gut wie niemand vom LSO auf den Dirigenten G. schaut?

      Warum wohl?

      :wink:

      Michael
      Comedians machen Ihren Job wegen dem Geld.
      Satiriker wegen des Geldes.
      -Götz Alsmann-
    • Ach Michael, kein Grund hier gleich wieder Gift und Galle zu spucken. Ich wollte ja nur zum Ausdruck bringen, dass ich seinen Dirigierstil ungemein virtuos finde. Der tanzt richtig zur Musik. Sicher diese Spitzenorchester brauchen keinen Dirigenten, der ihnen jeden Takt vormalt. Da gehts dann oft nur um Nuancen, die in den Proben erarbeitet werden und die Abmachungen werden vom Taktschläger oben nur mehr in Erinnerung gerufen (göttlich C. Kleiber, bei dessen Minenspiel man nur eine Ahnung hat, was er den Musikern in der Probe erzählt hat).

      Und was Möchtegernmaestros und CD-Nachdirigierer betrifft: Lass ihnen doch die Freude, kaum einer wird sich wohl einbilden, er könne zum nächsten Orchester maschieren und Mahler 2 dirigieren. Sich mal einzubilden, in den eigenen 4 Wänden die Wiener oder Berliner zu dirigieren, ist harmlos und dagegen spricht auch in meinen Augen nichts. Wäre ja noch schöner, wenn man dafür vorher an einer Hochschule gewesen sein muss...
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Gergievs "Dirigierstil"

      Von meinen werten Vorrednern sehe ich mich vor allem mit Cosima und Michael einig, weniger mit dem Harnoncourt-Fan, dessen Aussage, dass allein wegen seines Dirigierstils Gergiev zu bewundern ist. ich ein wenig in Zweifel ziehen möchte. Gewiss gewann ich durch Gergiev in den vergangenen zwei Jahrzehnten unzählige begeisternde (Live-) Eindrücke, doch so wenig es den Gergiev in seinen von Moment zu Moment wechselnden Interpretationen gibt, so wenig gibt es den Dirigierstil. In all den Jahren gelang es mir nicht, eine Regel zu erkennen, nach der Gergiev mit oder ohne Taktstock dirigiert, mit einer Art Zahnstocher, einem Bleistift oder - auch das gibt es - mit einem normalen Taktstock. Sein Mariinsky-Orchesterdirektor (in Deutschland würde man ihn wohl Orchesterwart nennen) pflegt ihm vor Beginn eines Konzerts eine Reihe von Taktstöcken hinzulegen, die Gergiev dann kurz ausprobiert und sich dann oft entscheidet, ohne zu dirigieren. Doch eine Regel dafür gibt es nicht.



      Sein Dirigieren ohne Taktstock, bei dem zu malen scheint, was er innerlich hört, ist sicherlich einer der Gründe, warum er es weitgehend aufgegeben hat, mit ihm fremden Orchestern zu arbeiten. 1993, also zu Beginn seiner internationalen Karriere, erlebte ich ihn bei der Arbeit mit einem solchen, mit den nicht gerade pflegeleichten Hamburger Philharmonikern. Programm : Lohengrin Vorspiel Akt 1 - Mahler Kindertotenlieder - Prokofiews Dritte. Zu Beginn der Probe machte Gergiev drei entscheidene Fehler.

      1. Er kam zu spät (schon damals - jeder weiß, dass er nie gelernt hat, sich nach einer Uhr zu richten).

      2. Er eilte sofort aufs Podium, ohne die auf ihn wartenden Orchesteradministratoren zu begrüßen.

      3. Als er merkte, dass die Hamburger Philharmoniker seine Intentionen nicht umsetzten, spürte er bei aller Dynamik seine eigene Übermüdung und begann zu erzählen, wie toll sein eigenes Orchester diese Sinfonie gerade gespielt hatte.

      Danach war die Stimmung im Keller.



      Interessant wird es sein, wenn Gergiev im Dezember dieses Jahres zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Berliner Philharmoniker leiten wird. Beim damaligen Konzert scheint es Probleme gegeben zu haben, denn - wenn ich mich nicht irre - hätte es eine Rundfunkübertragung (u.a. mit Zimerman als Solisten des 2. Rachmaninow-Klavierkonzerts) geben sollen, die der Pianist aber untersagt haben soll. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Anlass für diese Entscheidung unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit von Proben gewesen wären.

      Dazu passt auch, dass am 26.6. bei den Weißen Nächten Rodion Shchedrins 4. Klavierkonzert aufgeführt wird, für Gergiev und auch für die Pianistin Anika Vavic zum ersten Mal. Die Solistin befürchtet nun, dieses komplizierte Werk mit den üblichen Gergiev-Proben spielen zu müssen, d.h. erstmalig kurz vor dem Konzert! Wir werden sehen!



      Wer sich wirklich mit Gergievs Auffassung vom Dirigieren auseinander setzen will, dem empfehle ich zwei DVDs von Meisterklassen, die er in Rotterdam gehalten hat. "The Master and his Pupil" (das Cover zeigt ihn sogar mit Taktstock!) und "Conducting doesn't tire me". Besonders den letzten Satz möchte ich mit einem Fragezeichen versehen, denn zu diesem Thema kenne ich auch ganz andere Aussagen von ihm. Letzten Endes möchte Gergiev als eine Art zweiter Peter der Große gesehen werden. So wie dieser St. Petersburg erbaut hatte, ist es Gergievs Ziel, das Mariinsky nicht nur zu neuer Größe zu führen, sondern dieses Theater auch baulich zu erneuern. Mit dem Konzertsaal ist ihm dies in beeindruckender Weise gelungen. Dasselbe erhofft man sich von Mariinsky II (der Konzertsaal fungiert unter Mariinsky III), also von dem Neubau, der direkt neben dem alten Theater am Entstehen ist und in wenigen Jahren eröffnet werden soll. Danach geht es wohl daran, auf dem Neu-Holland genannten Gelände zwischen Theater und Neva eine Art Freilicht-Bühne à la Bregenz zu schaffen. Für all das braucht man Geld. Also : schaffe, schaffe, Gergiev!
    • Du meine Güte, hier verstehen mich ja alle absichtlich miss und versuchen mich als undifferenzierten Bewunderer hinzustellen!

      Nochmal: Ich finde es interessant, wie Gergiev im konkreten Ausschnitt dirigiert. Das sieht ein bisschen aus wie ein Höhlenmensch mit Spastiken, ich finds jedenfalls irgendwie hypnotisch, weils auch im Einklang mit der Musik steht. Mehr aber auch nicht. Die Interpretation im Ausschnitt spricht mich schonmal nicht an.

      Gergiev selber bewundere ich nicht. Ich kenne kaum Aufnahmen von ihm. Besitzen tu ich nur ein: Mahler 6, die gefällt mir, aber mehr brauche ich deswegen auch nicht von ihm. Warum das herumjetten und kaum proben und ewige zu spät kommen und massiv schwankende Niveau ihn zu einem Ausnahmekünstler machen, verstehe ich nicht. Und seine politischen Aussagen haben mich auch nicht gerade für ihn eingenommen.
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Ein guter Bekannter (der leider hier nicht schreiben mag) hat mich mit einem kleinen Karton voller Radio-Mitschnitte der letzten Jahre beschenkt (das ist einer der Gründe dafür, warum ich hier gerade relativ wenig schreibe: ich versuche, das alles abzuhören...).
      Darunter war einiges von Gergiev, von dem ich bisher gar nichts kannte. Die Aufnahmen von Mahler-Sinfonien (2, 6, 7) habe ich nach kurzem Reinhören erstmal zur Seite gelegt. Das erschien mir auf den ersten Lauscher viel zu undifferenziert, zu verwaschen, zu unklar in den Übergängen, zu machomäßig dreinkesselnd, als dass es mich wirklich hätte faszinieren können.

      Die Aufnahme von

      Bruckner: Symphonie Nr. 3 d-moll
      Rotterdam Philharmonic Orchestra
      12. Sept. 2008


      habe ich mit entsprechenden Vorbehalten eingelegt - anders ausgedrückt: ich habe nicht damit gerechnet, sie zuende zu hören und hatte eigentlich schon eine andere CD als schnellen Einspringer bereitgelegt. Zumal mir das Rotterdamer Orchester auch nicht sonderlich bekannt ist.

      Der Einspringer war nicht nötig. Ich bin wahrlich kein Bruckner-Spezialist, aber die Drei habe ich zufällig in den letzten Monaten mehrmals gehört, in den Aufnahmen mit Norrington (grauenhaft langweilig, trotzdem durchgehalten) und Gielen (mochte ich gern, wie fast alles von Gielen). Ich hatte also durchaus noch Anderes in Erinnerung. Ich traue sonst oft meinem eigenen Urteil nicht, wenn ich die Werke nicht in anderen Interpretationen recht gut kenne.
      Die Gergiev-Aufnahme also mochte ich wider Erwarten sehr. Ich empfand sie als wunderbar einfühlsam, geradezu zärtlich in manchen Passagen und übrigens (ab dem zweiten Satz habe ich mir die Partitur dazugeholt) sehr genau die dynamischen Anweisungen des Komponisten befolgend. Ein Moment faszinierte mich besonders: Im Finale, beim Einsatz des Dritten Themas, gibt es eine synkopierte Passage, die Gergiev sicher nicht so rhythmisch exakt umsetzt wie andere, dafür entwickelt sie bei ihm so eine eigenartige Echowirkung, die ich in sachlicheren Interpretationen bisher so nicht wahrgenommen hatte.
      Und die Rotterdamer spielen übrigens ganz tadellos, von einigen verzeihlichen Hornkieksern abgesehen.

      Ich werde natürlich den Mahler-Sinfonien irgend wann mal eine zweite Chance geben, und außerdem warten auch noch einige andere Gergiev-Konzertmitschnitte, u.a. mit Strauß und Schönberg. Ich bin gespannt. Mehr Bruckner mit Gergiev würde mich jedenfalls sehr interessieren.

      Grüße
      vom Don
    • Don Fatale schrieb:

      Der Einspringer war nicht nötig. Ich bin wahrlich kein Bruckner-Spezialist, aber die Drei habe ich zufällig in den letzten Monaten mehrmals gehört, in den Aufnahmen mit Norrington (grauenhaft langweilig, trotzdem durchgehalten) und Gielen (mochte ich gern, wie fast alles von Gielen). Ich hatte also durchaus noch Anderes in Erinnerung. Ich traue sonst oft meinem eigenen Urteil nicht, wenn ich die Werke nicht in anderen Interpretationen recht gut kenne.


      Welche Fassung lässt Gergiev denn spielen? Bei Norrington ist es ja die sog. Urfassung von 1873 und bei Gielen die zweite Fassung von 1876/77. Würde mich nicht wundern, wenn Gergiev die dritte (und kürzeste) Fassung von 1888/89 bevorzugt, die trotz zunehmender Karriere der Urfassung immer noch die meistgespielte Version sein dürfte. Das sind schon drei ziemlich unterschiedliche Stücke, gerade auch im Finale...

      EDIT: Tatsächlich, Gergiev lässt die 1888/89er-Fassung spielen (laut Auskunft dieser Webite).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Naja, der Unterschied ist insofern relevant, als dass die 2. Fassung als richtige Umarbeitung der ersten gelten kann, während die 3. eigentlich nur mehr eine verstümmelte 2. ist. Zum Glück setzen sich die 1. und die 2. immer mehr durch, wenngleich die 2. immer noch ungerechterweise ein Schattendasein fristet. Dem Buch von Renate Ulm entnehme ich, dass die Kürzungen der 3. Fassung nach Meinung einiger Autoren die Proportionen zerstören und mehr oder weniger willkürlich seien. Mein subjektiver Höreindruck würde das jetzt mal bestätigen, zumindest im Finale habe ich bei der 3. Fassung immer das Gefühl, dass sich Bruckner hier überhastet.

      Für genauere Details bitte ich aber unsere Bruckner-Spezialisten herbei.

      Lg
      Georg

      P.S.: Vllt. könnte man die Posts in einen eigenen Bruckner3-Thread kopieren?
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Don Fatale schrieb:

      Dass die erste Fassung große Unterschiede aufweist zu den späteren beiden, dessen war ich mir bewusst. Aber ist der Unterschied zwischen der zweiten und der dritten denn auch so riesig?


      Bei weitem nicht so wie zwischen Urfassung und den anderen Versionen. Aber es gibt trotzdem genug Unterschiede, in den Details (schon der Beginn des Werks differiert) wie im Großen: Für die letzte Fassung hat Bruckner im Kopfsatz eine zusätzliche Durchführungspartie eingefügt, enorm dissonant im Stil der neunten Sinfonie - großartig, deshalb höre ich diesen Satz am liebsten so. Im zweiten Satz dagegen finde ich die zusätzliche Implantation eines leicht trivial-pathetischen Themas (ff in den Trompeten, Dreiklangsbrechungen) nicht so glücklich. Das Finale ist gegenüber der zweiten Fassung nochmal erheblich gekürzt worden. Andere Änderungen habe ich jetzt nicht parat, aber sie existieren. Jedenfalls hat jede der Fassungen ihren eigenen Reiz.

      Sehe jetzt erst den neuen Beitrag von Harnoncourt-Fan: das mit der Zerstörung der Proportionen in der dritten Fassung ist sicher richtig - aber diese Durchführungspartie im ersten Satz...! Unglaublich!


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Gergiev und Mikkeli

      Auch beim diesjährigen Mikkeli Music-Festival, das zum 19. Mal stattfand (zum 18. Mal unter Gergievs Leitung) wurde Valery Gergiev seinem Ruf gerecht, sich am liebsten jeder Festlegung entziehen zu wollen - sprunghaft, widersprüchlich, aus dem Bauch heraus entscheidend. Dabei erwies sich nicht jede seiner Ad-hoc-Entscheidungen als im Endeffekt positiv.

      Am 3. Juli, einen Tag vor dem Beginn des Festivals, sollte Esa-Pekka Salonen beim St. Petersburger Festival "Stars der Weißen Nächte" mit dem sog. Stradivari-Ensemble des Mariinsky-Theaters Straussens Metamorphosen aufführen. Aus welchen Gründen auch immer, wollte Gergiev nun auch das Mikkeli-Publikum mit diesem nicht einfach zu konsumierenden Werk beglücken und war auf der Suche nach einem passenden Platz für dieses Stück. Das Mikkeli-Festival sollte am 4. Juli mit einem "Popular Classics" betitelten Konzert eröffnet werden : Griegs Holberg-Suite, Tschaikowskys 1. Klavierkonzert sowie Shchedrins Carmen-Suite. Der umtriebige Maestro fand nun, das im ersten Teil dieses Konzerts der geeignete Platz für die Metamorphosen sei. Folge : Das Stück passte nicht in den Kontext, der zweite Teil war mit 1 1/2 Stunden viel zu lang.

      Ähnliches im Finalkonzert, in dem Shchedrins Sinfonisches Diptychon, Khachaturians Violinkonzert (Sergey Khachatryan) und Mahlers 4. Sinfonie gegeben werden sollten. Doch der überraschte Zuhörer erlebte nach dem Diptychon noch ein weiteres Werk, das sich als Auschnitte aus Shchedrins Ballett "Das kleine bucklige Pferdchen" entpuppte. Weder wusste der anwesende Komponist von dieser Einfügung, noch war die finnische Festspiel-Organisation informiert worden. Typisch Gergiev : Was kümmert mich das Publikum?

      Im Mittelpunkt dieses interessanten Festivals stand eine Werkschau Rodion Shchedrins, neben Carmen-Suite und Diptychon das Trompetenkonzert sowie die Klavierkonzerte Nr. 5 (Denis Matsuev) und Nr. 4 (Anika Vavic). Mit letzterem Konzert hatte es eine besondere Bewandnis. Mit Anika Vavic hatte es dieses eminent schwierige Klavierkonzert am 26. Juni bereits in St. Petersburg gegeben, wohin die serbische, in Wien lebende Pianistin nach 2006 (DSch 1 unter Paavo Järvi) und 2008 (Ravel unter Gergiev) nun zum dritten Mal eingeladen worden war. Doch dieses Mal waren die Umstände besonders denkwürdig : Für die Solistin, das Orchester und auch für den Dirigenten war dieses Konzert total neu. Die erste und einzige "Probe" gab es eine Stunde vor angesetztem Konzertbeginn, und angesichts einer Dauer von 52 Minuten (das Konzert selber dauert 38 Minuten) von einer "Probe" zu sprechen, scheint reichlich übertrieben. In Mikkeli dauerte die Probe eher noch kürzer, doch Anika Vavic meisterte alle Schwierigkeiten und erntete für ihre bravouröse Leistung enormen Beifall des Publikums - bemerkenswert für eine für Finnland total neue Pianistin und angesichts eines Konzerts, das auch an die Zuhörer große Anforderungen stellt. Die lokale Presse übertitelte ihre Rezension mit "Fantastische Pianistin, exzellente Musikerin", und auch Finnlands größte Zeitung, "Helsingin Sanomat", war voll des Lobes für diese Leistung, ganz zu schweigen vom Komponisten, der sich außerordentlich zufrieden mit Anika Vavic zeigte.



      Das Festival forderte angesichts der tropischen Temperaturen in einer Konzerthalle ohne jede Air Condition allen viel ab, Zuschauern wie Musikern. Die Musiker probten 2 bis 3 Stunden vor dem Konzert das jeweilige Programm. Die Probe wurde meistens "pünktlich" um 19 Uhr beendet, d.h. zu angesetztem Konzertbeginn, der üblicherweise jedes Mal um ca. 25 Minuten verschoben wurde. Doch die vorwiegend finnischen Zuhörer hatten scih seit langem an diese "Marotte" des russischen Maestro gewöhnt und warteten geduldig, während in St. Petersburg normalerweise nach wenigen Minuten ein sich allmählich verstärkender Beifall einsetzt, der wohl Gergiev aus seiner Garderobe (oder aus seinem Büro) hervorlocken soll.



      Das Programm war eine interessante Mischung aus Bekanntem und vielen Novitäten, die, mit Sibelius verpackt, die Zuhörer nicht abschreckten. Interessantes Detail am Rande : Viele Zuhörer kauften sich nicht das Programmbuch, sondern die bereits im Januar gedruckte Broschüre, die einen entscheidenenden Fehler enthielt. Demnach sollte eines der Konzerte mit Sibelius' 6. Sinfonie begonnen werden; gespielt wurde jedoch Strawinskys Jeu de cartes. Kommentar : "Jetzt klingt unser Sibelius aber wirklich russisch!"


      Sune
    • Lieber Michael!



      Danke für dieses Lob aus berufenem Munde, das mich darum umso mehr freut. Ich hoffe, in meinen Beiträgen plus Hintergrundinfos wird eines deutlich : Dass ich Gergiev aus vielerlei Gründen eine Vielzahl an wunderbaren Erfahrungen verdanke, dass ich aber vieles an ihm durchaus kritisch sehe. Doch : Wichtig ist, was auf der Bühne passiert, nicht, was in den Proben (nicht) passiert!

      Wenn Gergiev z.B. vor eben diesem Anika Vavic-Konzert Shchedrins wunderbare 2 Albéniz-Tangos nur einmal kurz anspielt, und das zum ersten Mal, und in einem schnelleren Tempo als nachher im Konzert, und auf Nachfragen des Komponisten, ob er nicht detaillierter darauf eingehen möchte, antwortete, er müsse ja noch Sibelius' 6. Sinfonie "proben", sieht das auf den ersten Blick nicht gerade künstlerisch aus. Da nur noch 15 Minuten Zeit bis zum "Proben"ende waren, "schaffte" Gergiev diese 30 Minuten-Sinfonie in mehr als doppeltem Tempo. Er hatte erreicht, was er wollte : Die Musiker hatten die Noten dieser Sinfonie, die sie vor einem Jahr zum ersten (und letzten) Mal aufgeführt hatten (und es waren viele neue Musiker darunter), wenigstens ein Mal vor dem Konzert gespielt. Alles andere wird der (meistens inspirierten) Aufführung überlassen. Auch wenn die finnischen Kritiker ihren Sibelius natürlich lieber etwas pastoraler gehabt hätten, war dieser "russische" Sibelius doch aus einem Guss - Dank Gergievs großer Ausstrahlung und seiner Fähigkeit, sich auf den Punkt zu konzentrieren und seine ganze Dynamik auf Musiker wie auch aufs Publikum zu übertragen.



      Sune


      Michael Schlechtriem schrieb:

      Lieber Sune,
      wirklich großen Dank an Dich für diesen profunden Beitrag über Gergiew und Mikkeli.

      Ich liebe Deine große Kenntnis und Deine wunderbaren Hintergrundinfos.


      Danke dafür,
      Michael