Mit Kindern in die Oper gehen (?)

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    • Tharon schrieb:

      Es geht weiterhin um Unterdrückung und Auflehnung, um das Schlucken von Ungerechtigkeit oder heldenhafter Selbstaufgabe, um die Gefährdung der Mitmenschen aufgrund geleistetem Widerstand. Das sind Dinge, die Schiller wichtig waren und sie bieten auch hier noch Anlass zum Nachdenken.


      Klar war das dem Schiller wichtig, und er hat das in eine spezifische Geschichte gegossen. Darin geht es zweifellos "um Unterdrückung und Auflehnung, um das Schlucken von Ungerechtigkeit oder heldenhafter Selbstaufgabe, um die Gefährdung der Mitmenschen aufgrund geleistetem Widerstand", keine Frage. Aber die gleichen Themen lassen sich auch in zahllose andere Geschichten gießen: Tatsächlich sind die Bibliotheken voll davon. Das sind aber alles andere Geschichten, als "Wilhelm Tell" von Schiller. Nur, weil es immer noch um das gleiche geht, muß es nicht das gleiche sein. Apfel ist Obst. Ist Obst Apfel?

      Und selbstverständlich kann eine "gebrochene" (mir fällt gerade nichts besseres ein) Identität genauso spannend sein, wie das Original, auch für Kinder. Aber ich unterstelle jetzt mal, das die mit einer gewissen Erwartungshaltung kommen (so wie viele Erwachsenen ja auch), nämlich die Geschichte so zu sehen, "wie sie im Buch steht". ( Ich kann mich irgendwie dunkel erinnern, daß es eine Studie gibt, die belegt hat, daß jugendliche "Erstbesucher" mit eher konventionellen Vorstellungen in die Oper gehen) Und diese Erwartung wird erfüllt oder nicht. Wird sie nicht erfüllt, gibt es die Enttäuschten und die trotzdem Begeisterten. Manche können die Transferleistung halt bringen, und manche nicht. Und manche wollen sie auch nicht bringen. Die Enttäuschten werden es in Zukunft blöd finden und nicht mehr wiederkommen. Die Begeisterten kommen wieder. Die Frage ist - rein spieltheoretisch: wieviele von den Begeisterten wären auch dann begeistert, wenn sich die Inszenierung näher am Original bewegt hätte, ihre ursprüngliche Erwartung also eher erfüllt worden wäre? Und wieviele wären dann weniger enttäuscht? Spieltheoretische Frage: womit kann man künftiges Publikum verlieren bzw. gewinnen? Genau diese Frage hat Ganymed angerissen. Die ist nicht a priori doof, auch wenn sie vermutlich hier nicht beantwortet werden kann.



      Tharon schrieb:

      Regietheater definiert sich also dadurch, dass es die Identität eines Bühnenstückes zerstört?

      habe ich irgend etwas geschrieben, das diesen Schluß zulässt? Und wäre es nicht eine Bankrotterklärung an die Umsetzungsfähigkeit moderner Regie, sie so zu definieren? Die Zerstörung der Identität als Selbstzweck? Nochmal, ganz allgemein: Man kann jede beliebige Deutung konstruieren, wenn man alles eliminiert bzw. passend ändert, was dieser Deutung zuwiderläuft. (So werden in manchen Ländern auch Wahlen gewonnen... :pfeif: ) In den darstellenden Künsten kann das durchaus Kunst sein, im Sinne einer Performance, aber keine Interpretation mehr. Daß es dabei vielleicht "irgendwie" (immer) noch um das gleiche Thema geht, ist mir, ehrlich gesagt, zu schwammig.

      Aber warum der Tell jetzt in der Oper seine Tochter erwischt hat, obwohl der Papa das zuhause noch ganz anders erzählt hat, das interessiert die Kinder garantiert! (Und so soll das auch sein, wenn man nach meiner Meinung fragt).

      Dann erklären wir, daß sich im Theater keiner an die Vorlage halten muß und alles nach seiner Vorstellung ändern darf. Da fällt mir unmittelbar die Geschichte vom kleinen Fritz ein, der Dichter werden wollte: Im Schulaufsatz hat die Lehrerin rote Tinte über das Papier gegossen - wg. der vielen Rechtschreibfehler (ja, ich weiß. Der Witz ist halt schon Jahrzehnte alt...) Daraufhin zur Rede gestellt, mit dem Hinweis darauf, daß er das doch besser wissen müsse, denn er wolle doch Dichter werden, meint er nur lakonisch: "Wieso Fehler? Das ist Dichterische Freiheit...!" ;+)
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • bustopher schrieb:

      Tharon schrieb:

      Regietheater definiert sich also dadurch, dass es die Identität eines Bühnenstückes zerstört?


      habe ich irgend etwas geschrieben, das diesen Schluß zulässt?


      Ich habe es so aufgefasst. Du hast geschrieben, dass du das erstmal ganz wertfrei siehst. Daher habe ich die Schlussfolgerung nicht als automatisch negative Kritik aufgefasst.

      bustopher schrieb:

      Das sind aber alles andere Geschichten, als "Wilhelm Tell" von Schiller.


      Hier beißt sich dann auch schon die Katze in den Schwanz: Ja, das sind andere Geschichten als "Wilhelm Tell" von Schiller. Und "Guillaume Tell" von Rossini ist auch eine andere Geschichte als "Wilhelm Tell" von Schiller. Und diese Inszenierung in Nürnberg macht nochmal eine ganz andere daraus. Das ist die zwangsläufige Folge einer Interpretation. Deswegen habe ich auch kein Problem damit, dass sich Bedeutungsverschiebungen einstellen.

      bustopher schrieb:

      Dann erklären wir, daß sich im Theater keiner an die Vorlage halten muß und alles nach seiner Vorstellung ändern darf.


      Mit dieser Antwort wird das Kind kaum zufrieden sein. Hier gibt es eine Geschichte, die das Kind kennt, und im Theater ist sie anders verlaufen. Das ist nicht deshalb geschehen, weil irgendjemand "alles nach seiner Vorstellung ändern darf", sondern, weil jemand damit eine bestimmte Absicht verfolgt. Die Frage nach dieser Absicht kann man sich auch gemeinsam mit Kindern stellen.

      Vielleicht kann man sich diese Frage nach der Absicht mit Kindern sogar besonders gut stellen, denn gerade weil solche vorschnellen Urteile á la "Das ist alles nur provokante Dekonstruktion" Kinder in aller Regel nicht zufrieden stellen, wird man sie nochmal überdenken, bevor man sie ihnen als Erklärung anbietet.

      Tharon.
    • Ich glaube, diese Diskussion gäbe es gar nicht, wenn es auch Alternativen geben würde zum Regietheater. Wenn es Regisseure geben würde, die sich so genau wie möglich ans Libretto halten, an Regieanweisungen etc.
      Wenn sich ein paar an den Stücken vergreifen, sollen sie doch, und sollen die Leute die sowas gut finden auch ihren Spaß dran haben.

      Aber es kann ja nicht sein, dass man werkgetreue Inszenierungen mit der Lupe suchen muss.


      Mit Hänsel und Gretel hat dieser Thread angefangen, deswegen ein Beispiel: laut Partitur, bzw. Regieanweisung, auf der Bühne "Vollkommene Dunkelheit" zu herrschen. Passend dazu hat der Komponist die Musik komponiert: gedämpfte, im höchsten Register spielende Streicher.

      Wann werde ich mal die Chance haben, zu sehen, wie H. und G. "Arm in Arm verschlungen" unter einer "mächtigen Tanne" einschlafen, die Bühne immer dunkler wird, und dazu diese Musik zu hören, und beide Eindrücke auf mich wirken zu lassen.

      Wäre ich Komponist, und würde eine Oper schreiben, und da steht, wie das Bühnenbild aussieht, dann würde ich mir das vorstellen, und passend dazu mir Musik einfallen lassen - ich fände es nicht so toll, wenn dann ein Regisseur oder sonstjemand meint, er sieht die Dinge ganz anders, und ein vollkommen anderes Bühnenbild baut, und dazu meine Musik spielen lässt, die dazu überhaupt nicht mehr passt.

      Wenn ich Bernard Hermanns Musik aus "Psycho" höre, will ich auch die passenden Szenen sehen, nämlich z.B. die Duschszene - und keine Liebesszene, für die sie gar nicht komponiert wurde.
    • Tharon schrieb:

      Aber warum der Tell jetzt in der Oper seine Tochter erwischt hat, obwohl der Papa das zuhause noch ganz anders erzählt hat, das interessiert die Kinder garantiert! (Und so soll das auch sein, wenn man nach meiner Meinung fragt).


      :mlol: :prost: :D

      bustopher schrieb:

      Spieltheoretische Frage: womit kann man künftiges Publikum verlieren bzw. gewinnen? Genau diese Frage hat Ganymed angerissen. Die ist nicht a priori doof, auch wenn sie vermutlich hier nicht beantwortet werden kann.


      Wieso soll sie nicht beantwortbar sein? Vermutlich am besten mit Pop-Musik-Musicals, bzw mit inszenatorischen Orientierungen an ihnen plus passenden Stars. Ich finde sie deswegen ziemlich doof. Gut das künstlerische Ziele oder zumindest Ansprüche - mit allen ihren Risiken, zu scheitern, was leider nur allzu oft auch passiert - bei uns wohl zur Zeit doch noch etwas stärker wiegen als 'Auslastungszahlen' und Einnahmen durchs Publikum.

      Grundsätzlich zum Thema, genauso doof finde ich, wenn sich sogenannte Erwachsene herausnehmen, besser zu wissen, was für Kinder gut und schlecht, 'geeignet' oder 'ungeeignet' ist. Jeder Mensch ist anders, jeder kleine Mensch auch. Das an ein paar Nackten oder ein bißchen Theaterblut, um hier die Klischees vom bösen 'Regietheater' zu bedienen, die arme Kinderseele schaden nehmen kann... :mlol: - Die sehen doch längst woanders ganz anderes und davon kann sie niemand ganz bewahren.

      Ich mache daher Angebote, Mitzukommen zu dem, was ich selbst toll finde, denn dafür kann ich am überzeugensten werben, versuche dabei zu beschreiben, was sie vermutlich zu erwarten haben und auch, was von ihnen erwartet wird, nämlich in der Oper/dem Konzert lange Stillsitzen, Leise-Sein usw, - und wem das Interesse macht, kann mitkommen. Wem' s gefällt, gut, wenn's langweilig war, dann vielleicht später ein neuer Versuch oder eben nicht.

      Mit mir hat man es glücklicherweise nicht anders gemacht und es ist mir sehr gut bekommen. Mein erster Opernbesuch war Schönbergs Moses und Aaron ( mit Nackten :D , - also ganz 'werkgerecht' :D ), zu dem mich mein Opa mit ca. 11 Jahren mitgenommen hat. Da wollte man mich erst gar nicht reinlassen, bis es meinem Opa dann doch irgenwie gelang, mich durchzuschleusen. Ich fand's super! Bis heute mein größtes Opernerlebnis! Natürlich habe ich vieles nicht verstanden, aber egal und um so nachhaltiger blieb das Erlebnis, - auch als Stachel, mich damit weiter zu beschäftigen.

      :wink: Matthias
    • merkatz schrieb:

      "Vollkommene Dunkelheit" zu herrschen. Passend dazu hat der Komponist die Musik komponiert: gedämpfte, im höchsten Register spielende Streicher.


      Lieber merkatz,

      mir erschließt sich gerade nicht, warum "gedämpfte, im höchsten Register spielende Streicher" zu vollkommener Dunkelheit passender sind als andere Musik. Den grellen Blechbläser-Beginn von "Elektra" könnte ich mir genauso gut in absoluter Dunkelheit vorstellen.

      DiO :beatnik:
    • Diabolus in Opera schrieb:

      merkatz schrieb:

      "Vollkommene Dunkelheit" zu herrschen. Passend dazu hat der Komponist die Musik komponiert: gedämpfte, im höchsten Register spielende Streicher.


      Lieber merkatz,

      mir erschließt sich gerade nicht, warum "gedämpfte, im höchsten Register spielende Streicher" zu vollkommener Dunkelheit passender sind als andere Musik. Den grellen Blechbläser-Beginn von "Elektra" könnte ich mir genauso gut in absoluter Dunkelheit vorstellen.

      DiO :beatnik:

      Damit meinte ich nicht, dass nur diese Instrumente in diesem Register für "vollkommene Dunkelheit" passend sind, sondern, dass der Komponist, als er dieses Bühnenbild, diese Dunkelheit vielleicht vor seinem geistigen Auge sah, sich gedacht hat, dass er gedämpfte, hoch gespielte Streicher verwendet, die auch noch viele Flageolett-Töne spielen, dass die zu dieser Stimmung passen. Das Ganze ist sehr leise gespielt. Davor spielen noch mehr Instrumente, Hörner, Bässe etc., die nach und nach, passend zur dunkler werdenden Bühne, verstummen, bis eben die hohen Streicher übrig bleiben.

      Und ich würde gerne mal diese Szene so sehen, wie sie in der Partitur steht; ich würde gerne mal diese Streicher zu einem tatsächlich vollkommen dunklen Bühnenbild erleben, und sehen, wie die DAZU komponierte Musik wirkt. Und nicht, wie auf einer Spielplatz-Rutsche ein paar Figuren herunterrutschen, wie bei der Thalbach-Inszenierung.

      Worum es mir halt geht ist, dass ich nichts dagegen habe, wenn Regisseure ein Stück einmal verändern, von mir aus in der heutigen Zeit ansiedeln etc. Nur möchte ich auch die Möglichkeit haben ein Stück so werkgetreu wie möglich zu sehen.

      Natürlich stehen in einer Partitur viele Dinge nicht drin, zb. wie sich Personen genau bewegen, welche Mimiken und Gestiken sie machen sollen, zumindest steht das nicht permanent drin. Das bleibt dem Regisseur überlassen, aber auch da sollte man sich nicht zuviele Freiheiten nehmen, und Figuren nicht lächerlich machen z.B.
      Aber es stehen auch Anweisungen drin, und die stehen ja sicher nicht zum Spaß drin.

      Ich war ja überrascht, als ich in die Partitur von Strauss "Salome" sah, wo über den Tanz der sieben Schleier nur stand "Sie tanzt den Tanz der sieben Schleier". Wann ein Schleier fällt, oder wie sie tanzt, in welche richtung sie tanzt etc., darüber steht kein Wort. Aber an einer Stelle gegen Ende des Tanzes steht sowas wie "Sie scheint zu ermatten, hält einen augenblick inne", und dazu passt auch die Musik, die irgendwie hängenzubleiben scheint und nicht weiterkommt. Daran sollte man sich, finde ich, auch halten, weil die Musik besser dazu passt.
    • Ganymed schrieb:

      Was "moderne" Aufführungen für viele Kinder, Jugendliche und sonstige Nicht-Fachleute aber so uninteressant macht, ist meiner Ansicht nach, dass sich das sogenannte Regietheater zur Oper genauso verhält wie Sekundärliteratur zum literarischen Text. Wenn ich ein literarisches Werk kennen lernen will, lese ich ja auch nicht zuerst die Sekundärliteratur dazu oder informiere mich über die Rezeptionsgeschichte, denn ich weiß ja noch gar nicht, worum es eigentlich geht.

      Das entspricht eigentlich sehr gut und sehr genau meiner Erfahrung. Ich kann mich an die ersten Opernaufführungen, die ich live und im Fernsehen gesehen habe, erinnern und weiß noch sehr gut, wie wenig ich damals mit all diesen Abweichungen vom und szenischen Kommentaren zum eigentlichen Stücktext anfangen konnte. Die Musik und die Geschichten der Opern haben mich früh begeistert, diese modernen Inszenierungen nicht. Nun habe ich in der Familie niemanden, der sich besonders für Opern interessiert oder sich damit über das übliche Maß hinaus auseinandergesetzt hatte, alle, die es mir hätten erklären können, fanden diese Inszenierungen also genau so furchtbar.
      Im Rückblick kann ich sagen, dass ich - und ich glaube, dass geht den meisten musikbegeisterten Kindern so - zum einen diese Inszenierungen kein Bisschen verstanden habe (wie sollte ich denn auch, man hinterfragt als Grundschüler anders als ein Opernregisseur), zum anderen mir aber auch bis heute das Verständnis und Interesse für diese Art, Opern zu interpretieren, erst nach und nach erarbeiten musste.
      Meine Erfahrung mit Jugendlichen, mit denen gehe ich jetzt ja zumeist in die Oper, ist übrigens in der Hinsicht sehr eindeutig:

      Cherubino schrieb:

      Sehr wenig tolerant sind meiner Erfahrung nach aber die meisten Jugendlichen, was Veränderungen gegenüber der eigentlichen Geschichte angeht. Auf der Bühne sollte viel los sein, es sollte dem Auge etwas geboten werden, aber der Regiesseur sollte sich eng an den Text halten, so ist meiner Erfahrung nach die Erwartungshaltung der meisten jugendlichen Opernbesucher. Die Modernisierungen und Abweichungen, die typisch für das zeitgenössische "Regietheater" sind, irritieren sie meist und führen zu spontaner Ablehnung. Ich spreche dabei ausdrücklich nicht von den "zwangsverpflichteten" Oberstufenkursen, die, wenn man Glück hat, sich für die Dauer der Aufführung mit ihrem Handy beschäftigen und dann immerhin ruhig sind, sondern von den Jugendlichen, die an Theater und Oper interessiert sind und dort freiwillig hingehen.
      In einer Diskussion des Forums von "Spiegel online" habe ich kürzlich einen Beitrag offenbar eines Jugendlichen gelesen, der meine persönliche Erfahrung sehr genau bestätigt: "...meine erste (und bisher letzte) oper war mit meinem musikkurs auf dem gymnasium, bizet`s carmen in der komischen oper hier in berlin. die carmen war eine rockerbraut und irgendwann fuhren jeeps und motorräder auf der bühne herum. ich war sehr enttäuscht, wollte die "echte" carmen sehen. vielleicht mögen ja leute sowas, die die originalen opern schon x-fach hinter sich haben und nun was neues erleben möchten, aber ich habe das gefühl, daß es nur noch dieses "zeug" gibt, auf 3sat, arte etc. sieht man ja oft nur die krawall-version..."
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Und ich würde gerne mal diese Szene so sehen, wie sie in der Partitur steht; ich würde gerne mal diese Streicher zu einem tatsächlich vollkommen dunklen Bühnenbild erleben, und sehen, wie die DAZU komponierte Musik wirkt. Und nicht, wie auf einer Spielplatz-Rutsche ein paar Figuren herunterrutschen, wie bei der Thalbach-Inszenierung.



      Eigentlich habe ich zum Regietheater keine besonders eigene Meinung.
      DAS geht normalerweise alles an mir vorbei, da ich zu 99 Prozent unten im Graben sitze und das, was AUF der Bühne vor sich geht, oft glücklicherweise nicht mitbekomme.
      Aber ich kann merkatz Wunsch sehr gut verstehen und im großen und ganzen bin ich seiner Meinung.

      Nun habe ich ja diese Oper nicht nur selber sehr oft gespielt, sondern ich hatte auch das Glück, als vielleicht 7 jähriger genau diese Oper zum ersten male in Köln erleben zu dürfen.
      In meiner Erinnerung war das eine durch und durch "normale" Inszenierung.
      Und viel wichtiger:

      Ich bin mir sehr sicher, daß ich mich korrekt nach all diesen Jahrzehnten erinnere, daß genau DIESE Stelle in fast völliger Dunkelheit erklang.
      Jedenfalls hat diese Oper auf mich kleinen Jungen damals einen sehr nachhaltigen Effekt gehabt.
      Und gerade diese Stelle, da bin ich mir ganz sicher.

      Ich glaube nicht, daß eine moderne Inszenierung damals auf mich denselben Effekt gehabt hätte.

      Ich verstehe sehr, sehr gut das Bedürfniss, ein Werk in geradezu kindlicher Unschuld wieder oder überhaupt erleben zu können.

      Das sind Erfahrungen, welche nie mehr verloren werden.

      Ich habe dieses Werk in kindlicher Unschuld erlebt in einer für mich damals überzeugenden Weise.
      Und darüber bin ich froh.

      Gerade bei Hänsel und Gretel habe ich beim Spielen oft Tränen in den Augen, denn mit dieser Oper verbindet mich als Musiker sehr, sehr viel.
      Es sind Erinnerungen an glückliche Weihnachten, an vergangene schöne Zeiten und vor allem an meine eigene Kindheit....das alles kommt mir beim Spielen immer wieder hervor.

      Und ganz ehrlich:
      Ich bin eigentlich heilfroh, daß ich NICHT mitbekomme, wie die aktuellen Inszenierungen tatsächlich aussehen............

      Ich habe beim Spielen dieser Oper viel lieber meine eigenen Bilder im Kopf, und das ist gut so.

      Na ja, das interessante ist, daß diese Oper ja eigentlich NICHT für Kinder gedacht war.
      Und man kann alles mögliche hineininterpretieren, was ja auch gemacht wird.
      Und auch rein künstlerisch mit Recht.

      Nur, für mich persönlich war dieses Werk der erste Kontakt mit einer Oper.
      Und wie schon gesagt in einer traditionellen Inszenierung.

      Und der Effekt damals war riesengroß auf mich, ich möchte gerade DIESE Oper wirklich nicht in einer modernen Inszenierung sehen, es würde meine Erinnerung und meine eigene Phantasie zerstören.

      Nuff said, schwieriges Thema, das.......

      :wink:
      Michael
    • merkatz schrieb:

      Wäre ich Komponist, und würde eine Oper schreiben, und da steht, wie das Bühnenbild aussieht, dann würde ich mir das vorstellen, und passend dazu mir Musik einfallen lassen - ich fände es nicht so toll, wenn dann ein Regisseur oder sonstjemand meint, er sieht die Dinge ganz anders, und ein vollkommen anderes Bühnenbild baut, und dazu meine Musik spielen lässt, die dazu überhaupt nicht mehr passt.


      In dem Augenblick, in dem ein Komponist oder Autor sein Stück aus der Hand gibt, ist er jenseits des Urheberrechtes nicht mehr Herr darüber. Und das ist a priori auch nicht schlecht....
      (Stellen wir uns vor, man würde heute Wagner genau nach Wagners (sehr detailierten) Regieanweisungen inszenieren, mit dem Pathos und den Kostümen und dem Bühnenbild des ausgehenden 19.Jhs.: Solche Aufführungen wären heute eine Karikatur ihrer selbst, auch wenn "Wagner" daraufsteht.)
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • bustopher schrieb:

      Hast Du schon mal Kindern Märchen anders erzählt?


      Na klar.

      Meine Kinder gackern dann und meinen, Papa hat sie nicht mehr alle...

      Nur: in der Oper erzählt nicht Papa seinen Kindern, sondern irgendjemand anderes... und er erzählt die Geschichte auch nicht Kindern, sondern präsentiert eine Version seiner Geschichte in der Öffentlichkeit. Dass das etwas anderes ist, als der Papa, der sich einen Schabernack macht, können Kinder schon verstehen.

      Cherubino schrieb:

      Sehr wenig tolerant sind meiner Erfahrung nach aber die meisten Jugendlichen, was Veränderungen gegenüber der eigentlichen Geschichte angeht.


      Über das Problem, was "die eigentliche Geschichte" ist, haben wir uns ja schon genug ausgetauscht. Es ist aber ganz interessant, dass bei einer solchen Aussage dann plötzlich von Jugendlichen die Rede ist. Das ist wenigstens zum Teil wirklich ein anderes Gebiet. Ein Grund dafür, den ich sehe, ist der pubertäre Abnabelungsprozess. Kinder wollen zur Erwachsenenwelt dazugehören. Daher trifft man hier bei künstlerischen Experimenten häufig auf eine viel offenere Rezeption. Jugendliche wollen sich von den Erwachsenen abgrenzen. Daher trifft man unter ihnen auch öfter auf Ablehnung, was Kunstformen angeht, die Irritationen hervorrufen. Ich habe in meiner Kindheit extrem stark das Bedürfnis gehabt zu den Erwachsenen dazugehören zu wollen. Daher habe ich die "Erwachsenenveranstaltung" Oper auch sehr geschätzt, auch und gerade, wenn es da etwas gab, was neu für mich war und was ich nicht sofort verstanden habe. Ich hatte auch in meiner Pubertät das Bedürfnis, mich von den Erwachsenen abzugrenzen. Zu diesem Zeitpunkt war aber der Opernbesuch schon so normal, dass ich ihn als Freizeitbeschäftigung nicht mehr in Frage gestellt habe. Statt: "Was soll dieser Unsinn?" habe ich zu dieser Zeit eher gefragt "Was hat das mit mir zu tun?" Mit dieser Frage war ich aber schon integriert. Und so etwas ist doch bei anderen Kindern auch möglich, oder nicht?

      (Ich hoffe, man verzeiht mir meinen entwicklungspsychologischen Dilettantismus. Bei Bedarf bitte korrigieren. Ich habe nicht wirklich Ahnung von der Materie).

      Tharon
    • bustopher schrieb:

      In dem Augenblick, in dem ein Komponist oder Autor sein Stück aus der Hand gibt, ist er jenseits des Urheberrechtes nicht mehr Herr darüber. Und das ist a priori auch nicht schlecht....

      Ja, das dachte ich auch: Ein Künstler gibt nach der Vollendung das Werk aus der Hand und ist dann nicht mehr Herr darüber. Ein dem Vernehmen nach auch überregional bekannter und mit Preisen dekorierter Bildhauer erklärte allerdings vor kurzem anlässlich der Restaurierung eines seiner Kunstwerke (zumindest sagt er, es sei von ihm - die Geschichte ist ziemlich dubios) in der Presse, diese Restaurierung habe dazu beigetragen, das Kunstwerk zu vernichten, "eine Reautorisierung durch den Künstler, wie normalerweise üblich, um ein zerstörtes Kunstwerk wieder zu Kunst werden zu lassen, kann so jedenfalls nicht stattfinden. Hier ist ein völlig anderer Umgang mit Kunst angesagt – schade". Es sei "voreilig und selbstherrlich gehandelt worden". Das ist aber zugegeben nicht die einzige Peinlichkeit in dieser Provinzposse. ;+)
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • merkatz schrieb:

      Ich habe ja nichts gegen Kinderopern - mir ist sowieso lieber, wenn die Kinder in eigene Opern gehen, statt dass sie in "Hänsel und Gretel" neben mir sitzen und ständig am Quasseln sind. "Sind das echte Bäume?", "Die singen ja nur" und "Wann kommt jetzt die Hexe?"... furchtbar.


      Aber zumindest in der "Salome" wirst Du dieses Problem doch nicht haben, oder? :D

      DiO :beatnik:
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Aber zumindest in der "Salome" wirst Du dieses Problem doch nicht haben, oder? :D
      Stimmt, da ist die Musik so laut, dass man Gespräche des Nachbarn gar nicht hört :D

      Aber im Ernst: Kinder hab ich noch keine gesehen in der "Salome", dafür aber im Freischütz - was ich auch komisch finde, weil der Freischütz mit ca. 3 Stunden Spielzeit wesentlich länger dauert als die Salome. Wundert mich eigentlich, immerhin gibt es auch "Die Bibel für Kinder", wo man das Zeug schon kleinen Kindern schmackhaft machen will - wieso dann keine Salome?

      Ich finde, die Salome wäre sogar perfekt für Kinder: einfache Handlung, wenig Personen, kurze Dauer, laute Musik, und alle großen Themen, wie Liebe, Eifersucht, Mord etc. vereint. "Wagner kompakt", könnte man das doch eigentlich nennen, oder? ;+)
    • merkatz schrieb:


      Ich finde, die Salome wäre sogar perfekt für Kinder: einfache Handlung, wenig Personen, kurze Dauer, laute Musik, und alle großen Themen, wie Liebe, Eifersucht, Mord etc. vereint. "Wagner kompakt", könnte man das doch eigentlich nennen, oder? ;+)


      Wie, was? Mord und perfekt für Kinder? Die "Salome"? Am besten mit einer möglichst naturalistischen Enthauptung ... Also Du hast manchmal schon sehr eigenartige Ideen! 8o Aber nun soll es hier auch wieder um Wagner gehen, wir sind langsam ziemlich OT ... Es gibt doch noch irgendeinen Thread mit dem Thema Oper und Kinder, vielleicht kann ein MOD die letzten Posts dahin schieben?

      DiO :beatnik:
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Wie, was? Mord und perfekt für Kinder?
      Na nicht der Mord!

      Dennoch: in HUG wird eine Hexe lebendig verbrannt. Im Freischütz stirbt Kaspar durch eine Kugel und krümmt sich da auf dem Boden (laut Partitur. Auch nicht grade harmlos ;+)

      Diabolus in Opera schrieb:

      Am besten mit einer möglichst naturalistischen Enthauptung
      Alles nur das nicht! Die Enthauptung findet in der Zisterne statt, wo man sie NICHT sieht! Würde man das sehen, wäre die ganze tolle, spannende musikalische Untermalung von Strauss völlig zunichte. Es reicht schon völlig, dass Regisseure meinen, den Kuss des Kopfes zeigen zu müssen, den man eigentlich auch nicht sehen darf.

      Diabolus in Opera schrieb:

      Also Du hast manchmal schon sehr eigenartige Ideen!
      Das hoffe ich doch :D
      Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.
    • merkatz schrieb:

      mir ist sowieso lieber, wenn die Kinder in eigene Opern gehen, statt dass sie in "Hänsel und Gretel" neben mir sitzen und ständig am Quasseln sind.

      ...aber "Hänsel und Gretel" ist doch gleichsam Wagner für Kinder...

      :D

      Magus
      "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972