Rund um das Streichquartett

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Das Amadeus-Quartett ist nun allerdings ein "gezinktes" Beispiel wegen des sehr eigenen und auffälligen Vibrato des Primarius Brainin, der dadurch oft klanglich aus dem Ensemble heraussticht. Es gibt andere Aufnahmen, etwa des Budapest Quartetts u.a., in denen mit wenig oder gezieltem vibrato und insgesamt sehr schlank musiziert wird, besonders wenn man die 1930/40er Jahre zurückgeht.
      Freilich ist damals aufgrund der Klangtechnik oft nicht die Transparenz neuerer Aufnahmen erreichbar gewesen. Ich bin allerdings auch nicht mit allzuvielen historischen Aufnahmen vertraut, an denen sich ältere Stile studieren lassen. Das Budapester, das Busch- oder auch das Kolisch-Quartett waren in den 1930ern ja die "modernen" Ensembles. Die Budapester legten zB mitunter Wert darauf, nicht unter dem Namen des jeweiligen Primarius zu firmieren und haben (zumindest zeitweise) angeblich alle interpretatorischen Entscheidungen demokratisch abgestimmt.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Aber Klangeffekte und -möglichkeiten sind auch nicht per se gut oder schlecht, ebenso könnte man der klanglichen Homogenität einer reinen solistischen Streicherbesetzung eine besondere Qualität zuschreiben...
      Natürlich, wobei die Abwesenheit jeglichen Gebläses und breiter Tuttiflächen schon die Sinne schärft für die Nuancen. Und für die Qualität des Satzes an sich. Ich staune immer, wie sehr dann immer noch die Eigenheiten der Komponisten zur Geltung kommen...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Auch die Abwesenheit des Klaviers und der damit möglichzen virtuosen Effekte scheint mir wesentlich, eine Beschränkung auf vier Stimmen (Vorbild evt.: der vierstimmige Chor SATB) genügt zumindest im klassischen Sinn, alles an Satztechnik, Kontrapunkt und Harmonik darzustellen, was nötig ist. Interessant ja auch, daß "Streichquartett" gleichermaßen das Ensemble wie die musikalische Gattung bezeichnet.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Uwe Schoof schrieb:

      beide Formationen klingen verdammt stimmig und gut.


      Das empfinde ich ja auch so.

      Kater Murr schrieb:

      Wie ich in einem anderen thread schon mal schrieb, bilde ich mir ein, die Gattung schlicht aus dem Grund zu schätzen, dass es so viele hervorragende Werke gibt. Und das hat vermutlich mehr historisch zufällig Ursachen als "tiefere", die in der Besetzung und ihrem Klang liegen. Es gab einige Komponisten wie Boccherini und Onslow (vermutlich noch mehr), die ähnlich viele Streichquintette schrieben wie -quartette. Insgesamt dominierte aber, wohl auch aus praktischen Gründen, das Quartett, zumal beim Quintett wohl auch keine der Besetzungsvarianten (2 Vl, 2 Va, Vc; 2 Vl, Va., 2 Vc; 2 Vl. Va., Vc, Cb; 3 Vl, Va., Vc) eindeutig dominant war.


      Genau darauf wollte ich mit meinem offenbar äußerst unglücklich gewählten Vergleich auch hinaus. Ebenso ist es rein historisch kontingent, dass weithin konventionellerweise z.B. Saxophone dem Jazz, Streichinstrumente der Klassik zugeordnet werden. Gut spielen kann man beides auf beidem und dafür gibt es genügend Beispiele. Ebenso scheinen mir Annahmen, es gäbe irgendwie tiefer in der Musik selbst liegende Gründe zu geben, die für die eine oder andere Instrumentations- und Besetzungsvariante sprächen, mehr als fragwürdig. So hat etwa das Saxophon Quartett in der Klassik/Neuen Musik eine deutlich ältere Tradition als im Jazz. Das erste reine Jazz-Saxophon Quartett, das World Saxophone Quartet wurde erst 1977 gegründet. Da gab es das Raschèr Saxophone Quartet als Prototyp des klassischen schon einige Jahre. Saxophon-Quintette sind mir im Jazz völlig unbekannt. (Ich kenne nur noch ein Sextett und ein Septett). Außerdem gibt es heute im professionellen Bereich weitaus mehr der Klassik/Neuen Musik verschriebene Saxophon-Quartette als im Jazz. Wenn sich die Wirklichkeit derart ignorant zu der ausgedachten Idee verhält, dann ist die Idee, es gäbe da irgendetwas in der Musik selbst liegendes, was nun gerade das Saxophon Quintett besonders für den Jazz disponiere, wohl Quatsch.

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Saxophon-Quintette sind mir im Jazz völlig unbekannt.
      Der Bläsersatz im "klassischen" Swing, speziell auch die Setzweise für die Saxophongruppe (2 As., 2 Ts., Bs.) beruht jedenfalls auf einer strukturellen Fünfstimmigkeit, die dem klassischen vierstimmigen Satz entspricht mit eben dem stiltypischen Unterschied, daß es nicht vorrangig Dreiklänge, sondern Vier- bis Fünfklänge sind, die das harmonische Gefüge bestimmen. Darauf bezog sich mein Hinweis, war also vielleicht wirklich eher vom Satztheoretischen als von der aufführungstechnischen Wirklichkeit, in der die reinen Saxophonquintette tatsächlich nicht gebräuchlich sind, bestimmt.
      Interessant in dem Zusammenhang wäre für mich, warum sich, ähnlich wie die fünfstimmige Streichergruppe im Orchester dem vierstimmigen Streichquartett in der Kammermusik entspricht, die fünfstimmige Saxophongruppe der Big Band in "kammermusikalischen" Zusammenhängen auch wieder aufs Quartett reduziert.
      Sind fünf Stimmen tatsächlich schon zuviel für die "reine", gewissermaßen "abstrakte", "ungeschminkte" Satzkunst?
      Oder war es das Vorbild des Streichquartettes, das sich hier durchgesetzt hat?

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Der Bläsersatz im "klassischen" Swing, speziell auch die Setzweise für die Saxophongruppe (2 As., 2 Ts., Bs.) beruht jedenfalls auf einer strukturellen Fünfstimmigkeit, die dem klassischen vierstimmigen Satz entspricht mit eben dem stiltypischen Unterschied, daß es nicht vorrangig Dreiklänge, sondern Vier- bis Fünfklänge sind, die das harmonische Gefüge bestimmen. Darauf bezog sich mein Hinweis


      Das war mir schon klar. Das sich daraus keine Quintette entwickelt haben, läßt mich eben gerade von pragmatischen und konventionellen Gründen, die weitgehend historisch kontingent sind, für die stärkerer Durchsetzung einer bestimmten Besetzungsform ausgehen.

      philmus schrieb:

      Oder war es das Vorbild des Streichquartettes, das sich hier durchgesetzt hat?


      Beim Raschèr Quartett, bzw den Werken, die für sie geschrieben wurden, ganz klar. Und das war halt der Prototyp. Die Jazzer reagierten da eher auf die Entwicklung in der Klassik/Neuen Musik: Das World Saxophone Quartet wurde kurz nach der Gründung des Rova Saxophone Quartets gegründet. Die Rovas kamen von der aus der sich aus der Neuen Musik entwickeltenden Freien Improvisation und spielten sowohl Werke der Neuen Musik, als auch freie Improvisation und dann auch Free Jazz. Jedoch mit einer nicht unwesentlichen Abweichung: Statt zwei Altsaxs für 2 Violinen schon beim Raschèr-Q.: Sopran, Alt, Tenor, Bariton, was sich auch überwiegend durchgesetzt hat. Für ein Quintett hätte es dann vielleicht nahegelegen, eine Sopranino oder Basssax dazuzunehem, aber wer spielte die schon wirklich virtuos?

      Um jetzt wieder über diesen Umweg zum eigentlichen Thema hier zurückzukommen, vielleicht war es ähnlich, bei der Durchsetzung des Streichquartetts: Wenn man von den erweiterten Klangmöglichkeiten her versucht, für das Quintett zu argumentiert, die guten Kontrabassisten verschwanden ja zunehmend. Die paar Virtuosen, die es anfang des 19. Jahrhunderts noch gab, mußten sich da schon ihre Werke selber schreiben. Andere Instrumentenkombinationen setzten sich vielleicht nicht durch, weil es schlicht leichter ist, 4-sätzig zu schreiben. Bis die Werke wirklich einigermaßen gleichberechtigt vierstimmig waren, selbst das hat ja gedauert. Gurnemanz Hinweis auf den Chor leuchtet mir auch soweit ein, wenn daraus nicht wieder quasinatürliche Dispositionen abgeleitet werden, denn in der Renaissance scheint mir ja die 4-Stimmigkeit noch nicht so das Modell gewesen zu sein.

      :wink:Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Wenn man von den erweiterten Klangmöglichkeiten her versucht, für das Quintett zu argumentiert, die guten Kontrabassisten verschwanden ja zunehmend.

      Streichquartett + Kontrabass neigt vielleicht auch zur klanglichen Unausgewogenheit (nämlich zu starke Basslastigkeit), bzw. der Kontrabasspieler muss sich da recht stark zurücknehmen.

      Gleichwohl gibt es von Dvorak ein Quintett für ebendiese Besetzung. (Op 18 bzw. Op. 77)
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Bei Boccherini weiß ich es nicht; der hat ja auch sehr viele Quintette komponierte. Bei Haydns Divertimenti op.1 + 2 vermuten manche tatsächlich, dass sie aufgrund einer zufälligen Konstellation musikliebender Amateure diese Besetzung hatten. Man müsste sich da die Werke Sammartinis u.a., die auch oft als Proto-Quartette gehandelt werden ansehen und den Übergang von Sonaten a tre oder a quattro, immer einschl. b.c bis hin zu solchen (wie bei Boccherini und Haydn) OHNE b.c.

      Der barocke "Standard", der noch jahrzehntelang parallel zu den frühen Quartetten der 1760er-70er Jahre gepflegt wurde, war ja die Triosonate für zwei Sopraninstrumente + Basso continuo. Andererseits gab es im Barock natürlich auch 4- 5 (mit zwei Violen) Stimmigen Streich(orchester)satz
      Und in der Divertimento-Tradition ist der Kontrabass auch nicht immer ganz verschwunden, man nehme solche konzertanten Werke mit Klavier wie Schuberts Forellenquintett. Nur war der nie ein wirklich gleichberechtigtes Instrument, das auch melodische Aufgaben hätte übernehmen können wie das Cello. Kontrabass-Soli (oder evtl. Violone, was wohl ein etwas anderes Instrument war) kommen ja in einigen frühen Haydn-Sinfonien vor (zB den Tageszeiten oder #31). Aber die scheinen mir eher als "Gag" gedacht zu sein.

      Philmus schriebt neulich in einem anderen thread, dass dem Streichquartett genaugenommen der Bass fehlt. Das Cello ist ja sehr flexibel und kann ziemlich hoch, was Komponisten durchaus eingesetzt haben. Etwa Mozart in den "Preussischen" Quartetten für den cellospielenden Preussenkönig. Manche Quintette des Cellovirtuosen Boccherini tendieren zu einem Solocello + Quartettbegleitung wie es auch konzertante Quintette Violine + Quartett gab, aber natürlich auch Quartette, bei denen die 1. Vl. quasi-konzertierend hervortrat.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Philmus schriebt neulich in einem anderen thread, dass dem Streichquartett genaugenommen der Bass fehlt.
      Da gings allerdings um den Gegensatz Kammermusik - Populäre Musik...

      Matthias Oberg schrieb:

      Statt zwei Altsaxs für 2 Violinen schon beim Raschèr-Q.: Sopran, Alt, Tenor, Bariton, was sich auch überwiegend durchgesetzt hat. Für ein Quintett hätte es dann vielleicht nahegelegen, eine Sopranino oder Basssax dazuzunehem, aber wer spielte die schon wirklich virtuos?
      In der Big Band gibts 2 Alt, 2 Tenor und ein Bariton, also wären zwei Alt nicht so abwegig.
      Allerdings ist überhaupt der Unterschied zwischen Sopransax und den andern klanglich viel größer als zwischen den Streichinstrumenten. Zumindest empfinde ich das so und bin damit sicher nicht allein...

      Matthias Oberg schrieb:

      Andere Instrumentenkombinationen setzten sich vielleicht nicht durch, weil es schlicht leichter ist, 4-sätzig zu schreiben.
      Das ist nicht wirklich Konsens unter den Komponisten und Theoretikern, eher gilt die kleinere Besetzung als schwieriger, also in der dreiklangsfixierten Klassik das Streichtrio: klar, wenn es nur drei Stimmen gibt und tendenziell immer drei für akkordische Eindeutigkeit notwendige Töne, wird es extrem schwierig, einen vollen Satz zu schreiben, der jeder Stimme eine melodische Eigenständigkeit erhält. Insofern ist die Vierstimmigkeit schon ideal: immer eine Stimme mehr als nötig für die Harmonien ergibt eine gewisse Flexibilität der Stimmführung. Fünf Stimmen sind dann schon Luxus und sicher nicht schwieriger! Schwieriger höchstens, dieselbe Dichte zu erhalten, weil man schon ansatzweise orchestral rangehen kann.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Kater Murr schrieb:

      Ziemlich sicher bin ich aber, dass ich nie gesehen habe, dass die Geigen einander gegenüber gesessen hätten und die beiden anderen dazwischen. Das wird lt. Beiheft allerdings von dem "HIP"-Ensemble Quatuor Festetics genau so praktiziert. (Was wäre der Unterschied zw. "antiphonischen Geigen" und 2. Geige außen" ? Wäre das nicht dasselbe?) Nun sind Haydns Quartette (ungeachtet der sicher zahlreichen Beispiele von Aufnahmen mit mangelhafter Balance) wohl nicht übermäßig problematisch, da ohnehin relativ transparent komponiert. An Aha-Erlebnisse aufgrund der Positionierung kann ich mich jedenfalls von den Festetics-Aufnahmen nicht erinnern.


      Ja, die Festetics haben die Geigen links & rechts außen, Bratsche und Cello links und rechts innen. Ich höre grad Haydns h-moll op. 33, 1. Die Bratsche ist trotzdem nicht sehr präsent, sie klingt leider etwas dumpf (mir schoss grad "bräsig" durch den Kopf, ist aber vielleicht doch unfair). Sonst sehr direkte Aufnahme in einem anscheinend kleinen Raum, was mir sehr gefällt.
      Aha-Erlebnis fände ich jetzt auch zu stark, aber z.B. im Finale von besagtem Quartett gibt es ein Wechselspiel von 1. & 2. Geige, was ja auch bei Orchesterwerken als Argument für die antiphonische Aufstellung genannt wird. Allerdings kriege ich das bei beiden Geigen links auch mit, wenn auch nicht so deutlich. Schließlich haben sie ja i.d.R. etwas verschiedene Klangfarbe und unterscheiden sich auch räumlich.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Wie schon im "Gattungen" thread geschrieben, ist das Streichquartett eine meiner favorisierten. Angefangen von Haydn bis ins 20. Jhd. Eine Frage, die ganz oben angedeutet wurde, ist, warum das Quartett mehr als die SInfonie oder fast alle anderen Kammermusikgattungen im 20./21. Jhd. sich ungebrochener Beliebtheit bei den Komponisten erfreut. Ein trivialer Punkt ist erstmal, dass, da der Ausdruck eben auch die Besetzung bezeichnet, man sicher weniger Skrupel hatte, Werke "Streichquartett" zu nennen als beliebige Orchesterwerke "Sinfonie". Die Frage wäre dann, wie stark die Werke des 20. Jhds. überhaupt in der Gattungstradition stehen, besonders wenn sie sich nicht mehr oder minder klassizistisch an die üblichen Satztypen und -abfolge halten. Es könnte sein, dass durch Bezeichnungen wie "Suite", "Stücke", "Bagatellen" f. Streichquartett hier auch Distanz zum Ausdruck gebracht wird.

      Mir scheint aber vorher noch etwas anderes interessant, nämlich das 19. Jhd. nach Beethovens und Schuberts Tod. Nach der Etablierung der Gattung ist ihr hoher Rang wohl unbestritten von den 1770ern bis in die 1820er Jahre. Nicht nur haben die heute berühmten Komponisten von Haydn bis Schubert qualitativ außerordentliche Werke verfasst, sondern auch quantitativ haben sie alle mehr Werke für Quartett komponiert als für andere Kammerbesetzungen (Barytontrio mal ausgenommen...). Dazu kommt eine kaum übersehbare Anzahl von Stücken weniger bekannter Komponisten von Boccherini bis Spohr.

      Nun werden danach natürlich auch Streichquartette in großer Zahl komponiert. Aber wenn wir uns die bekanntesten Komponisten der deutsch-österreichischen Tradition anschauen, so scheinen deren Gattungsbeiträge im Vergleich ein Schattendasein zu führen. Auch wenn man einrechnet, dass viele bedeutende Komponisten wie Wagner, Liszt, Berlioz, Chopin, Verdi, Strauss nicht viel oder gar keine Kammermusik komponierten, und sich auf die traditionell-klassizistischen Komponisten beschränkt. Sie dominieren i.d.R. weder quantitativ noch qualitativ deren Kammermusik.
      (Neben weniger bekannten Komponisten wie Onslow oder den Lachners ist die Ausnahme Dvorak, von dessen 14 Quartetten aber etwa die Hälfte eher als Jugendwerke gelten müssen. Auch bei Komponisten mit relativ umfangreicher Kammermusik wie Saint Saens oder Fauré gibt es nur ein bzw. zwei Streichquartette)

      Dazu sind zB Mendelssohns und Schumanns Quartette bis vor kurzer Zeit eher selten gespielt und aufgenommen worden, gelten teils als "akademische Pflichtübung". Selbst Brahms Quartette scheinen, wie neulich angesprochen, vielen Hörern als weniger attraktiv oder relevant gegenüber seiner Kammermusik für andere Besetzungen. Es gibt, wenn man mal die wenig populären Werke Regers ausnimmt, wohl keinen spät- oder spätestromantischen Quartettzyklus, dem wir eine den Sinfonien Bdruckners und Mahlers oder den Musikdramen Wagners auch nur annähernd ähnliche Bedeutung zusprechen würden.

      Man hat fast den Eindruck, als ob in der Gattung Hoch- und Spätromantik (jedenfalls wenn man auf die berühmtesten Komponisten fokussiert), "übersrpungen" würden und erst wieder Reger, Schönberg, Zemlinsky, Bartok Quartette als Hauptwerke, nicht nur in der Kammermusik komponieren.

      Ist das eine "Lähmung" aufgrund der dominierenden Vorbilder der Klassik? Oder passt die Gattung schlechter zum "Zeitgeist"? Oder ist es nur ein Artefakt der späteren Rezeption und der Fokussierung auf wenige "Großmeister", da statistisch allein Onslow genügend Quartette für ein Jahrhundert komponiert hat?
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Man hat fast den Eindruck, als ob in der Gattung Hoch- und Spätromantik (jedenfalls wenn man auf die berühmtesten Komponisten fokussiert), "übersrpungen" würden und erst wieder Reger, Schönberg, Zemlinsky, Bartok Quartette als Hauptwerke, nicht nur in der Kammermusik komponieren.

      Ist das eine "Lähmung" aufgrund der dominierenden Vorbilder der Klassik? Oder passt die Gattung schlechter zum "Zeitgeist"? Oder ist es nur ein Artefakt der späteren Rezeption und der Fokussierung auf wenige "Großmeister", da statistisch allein Onslow genügend Quartette für ein Jahrhundert komponiert hat?


      Letzteres kann schon sein: Neue Quartette wurden auch im deutsch-österreichischen Raum sehr viele komponiert, allein Spohr hat ja über 30 geschrieben, dann gab es Leute wie Volkmann, Bruch, Reissiger, Raff, später Thuille und viele andere mehr.

      Die Hochromantik ist ja immerhin auch die Zeit der Internationalisierung der Gattung in ihrer klassischen Form (unter Zurückdrängung von Quatuor brllant, Quatuor concertant und solchen Sachen): das Streichquartett setzte sich in Frankreich durch (über Cherubini, Onslow usw.), in Skandinavien (über Berwald, Gade usw.), in Russland (über Anton Rubinstein, Tschaikowsky, Borodin etc.), bis zu einem gewissen Grad sogar in Italien. Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass interessante Quartette von Komponisten geschrieben wurden, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte: Borodin, Verdi, Hugo Wolf.

      Ich behaupte jetzt mal ins Blaue, dass irgendwann um 1900 ein schleichender Paradigmenwechsel stattgefunden hat: das Streichquartett galt zunehmend als Gattung, in der man Neues, Radikales, Experimentelles wagte und doch an die Musikgeschichte angeschlossen blieb. Das kann auch mit der jetzt verstärkten, vorher sehr zögernden Rezeption von Beethovens späten Quartetten zu tun haben.

      Dagegen scheinen im 19. Jahrhundert (seit 1830 ungefähr) der Gattung mehr klassizistisch-akademische Charakteristika zugeschrieben zu werden, schon allein weil sie in den großen Neudeutsch-vs.-konservativ-Debatten fest auf der Seite der letzteren verortet ist (Ausnahme Hugo Wolf). Das hat sicher auch mit der spezifischen Institutionalisierung zu tun: die Gründung fester professioneller Quartettensembles seit Schuppanzigh hat zwar einen enormen (und seit Beethovens op. 59) notwendigen spieltechnischen Schub gebracht, führte aber auch zu einer Kodifizierung eines immer wieder gespielten klassischen Repertoires: Haydn, Mozart, früher und mittlerer Beethoven. Ensembles wie das Laub-Quartett stellten m.W. immer wieder Haydn in den Mittelpunkt der Programme, das Hellmesberger- oder später das Joachim-Quartett waren aufgeschlossener, pflegten aber auch primär den klassischen Repertoirekern. Dass Beethovens späte Quartette nur selten angefasst wurden, dass Schuberts Quartette in d-moll und G-dur (wie ich neulich gelesen habe) in den 1850ern als zeitgenössische, neuartige Werke empfunden wurden, spricht für eine eher konservative Orientierung in diesem Bereich. Ich kenne die Sachen von Reissiger, Volkmann et. al. nicht, aber die Mendelssohn-Quartette (op. 12 u. 13 sowieso, aber auch teilweise op. 44) und diejenigen Schumanns waren in diesem Zusammenhang möglicherweise ziemlich unkonventionell.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Kater Murr schrieb:

      Ziemlich sicher bin ich aber, dass ich nie gesehen habe, dass die Geigen einander gegenüber gesessen hätten und die beiden anderen dazwischen. Das wird lt. Beiheft allerdings von dem "HIP"-Ensemble Quatuor Festetics genau so praktiziert.


      Tyras schrieb:

      Ich kann bislang nur von Aufnahmen sprechen. Wenn ich mich recht entsinne, hat das Kuijken Kwartet in ihrer Debussy-Aufnahme antiphonische Geigen. Das fand ich schon sehr angenehm, wobei eine angemessene Präsenz der Mittelstimmen sicher auch anders erreicht wird -zumal im Aufnahmestudio




      Diese - übrigens exzellente - CD mit Schumanns Quartetten op. 41/1 und 41/3, gespielt vom Zehetmair-Quartett, besitze ich schon ein paar Jährchen, und gehört habe ich sie auch schon ein paarmal. Aber erst gestern ist's mir aufgefallen: Die spielen mit antiphonischen Geigen, also von links nach rechts erste Geige, Bratsche, Cello, zweite Geige. Wenn man auf das Cover klickt und sich den ersten Schnipsel anhört (den Anfang von op. 41/1, bei dem die Instrumente nacheinander einsetzen), ist das gut hörbar. Weiß jemand, ob die das bei ihren Bartók/Hindemith/Hartmann-Aufnahmen auch so praktiziert haben? Im Netz findet sich jedenfalls ein Foto mit dem Ensemble in dieser Aufstellung.

      Finde ich bemerkenswert, auch weil das Zehetmair-Quartett kein HIP-Ensemble ist. Ganz selten ergibt sich in der gezeigten Aufnahme ein hübscher antiphonischer Effekt, etwa in der Tempo-risoluto-Variation aus dem zweiten Satz von 41/3. Aber die Präsenz der Mittelstimmen ist in der Aufnahme der Schumann-Quartette mit dem Hagen-Quartett (mit der Sitzordnnung Geige 1 u. 2, Vla, Cello) ebensogut, das habe ich dann noch einmal überprüft.

      Im Aufnahmestudio mit vier Mikrofonen ist natürlich alles möglich, man müsste das im Konzert von einem günstig gelegenen Platz aus vergleichen. Naja, bei meinen nächsten Konzerten mit Streichquartett sitz ich eh entweder relativ weit hinten oder erhöht seitlich, da kommt vermutlich überwiegend indirekter Klang an... In der Praxis wird die Frage nach der Aufstellung so doch stark relativiert.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ein Nachtrag zum Thema Sitzordnung:

      "http://www.youtube.com/watch?v=q0Fn90JFgVQ"

      Die Schnittechnik gibt sich übrigens alle Mühe, der Musik gerecht zu werden... :rolleyes:

      Sonst gibt's hier aber nichts zu meckern.


      Viele Grüße

      Bernd


      PS: Da ist noch mehr drin:

      "http://www.youtube.com/watch?v=vL-AIDdIrT8&feature=related"
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Von den Schnitten wird mir schwindlig....
      und die Kommunikation dürfte doch etwas schwierig sein, diese Sitzordnung wird sich wohl nicht flächendeckend durchsetzen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      und die Kommunikation dürfte doch etwas schwierig sein, diese Sitzordnung wird sich wohl nicht flächendeckend durchsetzen.


      Kein Wunder, dass das Ensemble dann später auseinandergegangen ist... ;+) Wobei inzwischen nach 16 Jahren Pause die Namensgeberin Ulrike Petersen an der zweiten Geige wieder eingestiegen ist (zwischenzeitlich hatte sie sich mal beklagt, dass auf der Website ihre Person vollkommen verschwiegen werde).

      Bezüglich Kommunikation: Über das Borodin-Quartett gibt es doch Berichte, dass die sich beim Spielen niemals gegenseitig angeschaut haben. Beim Proben oder sonstwann hoffentlich schon.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Das Petersen Quartett hatte über etwa 20 Jahre anscheinend nur den Besetzungswechsel an der Primgeige 1992 schied Petersen aus (stattdessen Conrad Muck), die drei unteren blieben. Wieder fast 10 Jahre stabil, dann kamen in den frühen 2000ern aber anscheinend mehrere Wechsel. Ich habe noch zwei Beethoven-CDs in der Besetzung wie im YT clip, neuere CDs habe ich keine. Inzwischen ist von der Besetzung der 1990er (in der wohl die meisten Aufnahmen vorliegen) nur noch Muck dabei.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Petersen mögen ja von mir aus auch mit dem Rücken zueinander spielen, die können das, verstehen sich blind. Was mich Hobbymusiker angeht: Ich will schon hören und spüren, was die anderen machen, habe auch daran meinen Spaß und von Angesicht zu Angesicht bleiben wir besser zusammen.

      Für uns hat sich die übliche Quartettformation bewährt. Im häuslichen Musizieren sitzt man allerdings dabei im Kreis. Und da ist aus meiner Sicht sinnvoll, dass Erste und Zweite nebeneinander sitzen können. Sehr häufig wechseln sie sich ab, übernehmen jeweils des anderen Spiel. Ebenso scheint mir vom Kompositorischen, vom Zusammengehen der Stimmen sinnvoll, dass jeweils die beiden Innenstimmen und jeweils die beiden Außenstimmen nebeneinander sitzen. Für den Bereich der Klassik gilt das jedenfalls allemal.

      In einer anderen Quartettformation spielen wir so, dass sich Cello und Erste gegenüber sitzen, Bratsche und Zweite ebenfalls. Die Erste mag das so. Ich selbst fühle mich in dieser Kombination nicht so wohl. Die Zweite hat nach meinem Eindruck seltener mit dem Cello zu tun und sitzt so doch neben mir.

      In der Aufführungspraxis kommt natürlich noch der Aspekt der klanglichen Ausgewogenheit hinzu. Bei der üblichen Aufstellung mag da zweite und Bratsche zunächst im Nachteil sein. Profis werden die Ausgewogenheit dennoch erreichen.

      Paulus
    • Ich habe im Laufe der Jahre alle Sitzpositionen ausprobiert.
      Als Musikhörer gefällt mir sehr die sog. antiphonische Aufstellung, kein Zweifel.

      Aber in der Praxis komme ich damit leider nicht zurecht, ich brauche im Quartett beim selberspielen unbedingt die Achse 1.Violine und Cello.
      Ich fühle mich da wohler, wobei bei mir sehr viel über Augenkontakt geht, ich brauche diese Art von Kontakt.
      In den 90er Jahren habe ich mal 2 Jahre mit zwei ehemaligen Mitgliedern des Orlando-Quartetts gespielt.

      Dort war Augenkontakt auch erwünscht, nur sagte mir der Geiger Heinz Oberdorfer vor unserem ersten Konzert, daß er niemals lächelt beim spielen-ich sollte mich nicht wundern.
      Es ist Ihm dann aber nicht gelungen, ich habe Ihn derartig provoziert mit Blicken, daß er es nicht durchhalten konnte.


      Jedes Ensemble muß für sich herausbekommen, wie es am besten klingt und harmoniert, das ist erst mal am wichtigsten.
      Falls das mit Bratsche oder zweiter Geige rechts funktioniert, wunderbar.Es gibt genügend Beispiele berühmter Quartettformationen, welche mit dieser Aufstellung musizieren.

      Es kommt ganz auf die Musikerpersönlichkeiten an, denke ich.Und man muß experimentieren.

      In unserem Quartett funktioniert "leider" nur die Aufstellung 1.Violine links und Cello rechts, die Chemie innerhalb des Quartettes funktioniert so am besten.

      Es gibt Quartette, welche sich beim spielen niemals anschauen, Borodin oder Auryn sind solche Beispiele, aber ich könnte so nicht arbeiten.
      Aber diese tollen Quartette haben halt Ihren Weg gefunden, wie sie am besten miteinander spielen können.

      Streichquartett ist im Prinzip die allerschwierigste Art des Musizierens, es kommt derartig darauf an, wie die einzelnen Musiker miteinander harmonieren, sei es blindes Zusammenspiel oder ähnliche Auffassungen von Intonation.Ein Klaviertrio ist da wesentlich einfacher.
      Man rennt beim Klaviertrioproben auch nicht so oft in den Wald und haut seinen Kopf gegen einen Baum.
      Will sagen, Streichquartett ist knüppelhart.

      Langer Rede kurzer Sinn:

      Rein musikalisch würde ich die Aufstellung 1.Violine, Cello, Viola,2.Violine sehr bevorzugen.
      Aber bei uns klappt das in der Praxis einfach nicht bezw. bekommen wir auf diese Art nicht das klangliche Ergebniss, das uns vorstrebt.

      Ebenso scheint mir vom Kompositorischen, vom Zusammengehen der Stimmen sinnvoll, dass jeweils die beiden Innenstimmen und jeweils die beiden Außenstimmen nebeneinander sitzen. Für den Bereich der Klassik gilt das jedenfalls allemal.


      DAS ist die Frage, ich finde nicht, daß das allemal gilt, im Gegenteil.

      Aber Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
      Comedians machen Ihren Job wegen dem Geld.
      Satiriker wegen des Geldes.
      -Götz Alsmann-