Miles Davis - Ein Jazzleben im Spiegel seiner Aufnahmen

    • Miles Davis - Ein Jazzleben im Spiegel seiner Aufnahmen

      In einem früheren, versiegenden Forum diskutierten Teilnehmer über die Frage, wer denn die bedeutendste Persönlichkeit des Jazz gewesen sein mag. Mein Plädoyer führte ich seinerzeit für Miles Davis. Ich stelle es (leicht modifiziert) zur Kenntnis hier noch einmal ein:

      Betrachten wir zunächst die Zeitspanne seines Wirkens: Die ersten relevanten Aufnahmen stammen aus der Mitte der 40er Jahre, die letzten entstanden Ende der 80er. Macht also einen Zeitraum von etwa 45 Jahren. Das kriegen zwar manch andere Jazzmusiker auch hin, so sie denn alt genug werden. Der wunderbare Sonny Rollins legte gerade mit seinen Deutschland-Konzerten Zeugnis davon ab. Miles Davis aber nutzte diese Zeit, um immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen.

      Folgt man seinem grenzenlosen Ego, so hat er seit dem Bebop nahezu alle neuen Daseinsformen des Jazz erfunden. Folgt man seinen Kritikern, so hat er sich als Trittbrettfahrer auf jeden neuen Zug willentlich hinauf geschwungen. Ich finde, er hat (abgesehen vom Free Jazz) in allen Stilen des Jazz ab den 40er Jahren Maßstäbe gesetzt, auch wenn er nicht immer der erste an Bord eines neuen Zuges war.

      Beim Bebop um Parker, Monk und Gillespie war er mittendrin. Lehrjahre sozusagen. Während die meisten Musiker jener Zeit in den Klischees und Patterns einfroren, die Blues-Schemata in immer schnellere und extremere Höhen führten, seilte sich Miles Davis ab. Dank Gil Evans und Gerry Mulligan entstand "Birth of the Cool", Meilenstein des Cool Jazz. Kaum dort etabliert, scharte er Bebopper der ersten und zweiten Generation um sich, um auch im Hard Bop der 50er wichtige Akzente zu setzen. Den Weg in die Freiheit ebnete er zunächst gemäßigt im modalen Jazz der "Kind of Blue"-Jahre, später dann mit seinem Quintett der 60er um Wayne Shorter und Herbie Hancock. Ende der 60er war schwarze Musik dann en vogue: Jimi Hendrix, Sly and the Family Stone u. a. war vorbehalten, was Davis immer wollte: Anerkennung. Er elektrifizierte seine Musik, schuf mit "Bitches Brew" und vielen folgenden Live-Aufnahmen Meilensteine des Rock-Jazz, trat auf der Isle of Wight auf und wurde endgültig zum Superstar. Dann die gesundheitliche Auszeit und ein Comeback Ende der 70er bis zu seinem Tod, das manch minder gelungenes Projekt hervor brachte, aber seine größte Stärke noch einmal offenbarte: Die Fähigkeit, mit seiner Vision des Musizierens Stars zu gebären! Für mich ist das ein entscheidendes Kriterium: Wann immer Davis auf dem Zenit seines Ruhmes stand, langweilte er sich musikalisch und suchte nach frischem Blut, das in ihm neue Lebensgeister wecken sollte. Doch egal, wen er sich suchte oder welche neue Richtung eingeschlagen wurde, in der Art des Musizierens blieb er sich treu.

      Die Talente bei ihm hatten die größtmöglichen Freiheiten. Nur die, die sie nicht nutzen konnten, scheiterten. Nahezu alle wuchsen aber bei ihm, trotz seiner menschlich manchmal grenzwertigen Art. Mir sind eigentlich nur Bassist Dave Holland, Saxophonist Dave Liebman und Pianist Keith Jarrett bekannt, die in seinen Gruppen nicht zurecht kamen, weil sich ihre Vorstellungen nicht mit denen des Zeremonienmeisters deckten. Die anderen, die die Davis-Schule erfolgreich durchliefen, mag man kaum aufzählen: Es würde nicht enden.

      Dabei war Davis doch zuallererst Trompeter. Und in diesem Bereich war die Konkurrenz groß. In den 40ern blies Dizzy Gillespie ihn durch die Wand, in den 50ern war Clifford Brown der instrumental bessere. Danach kamen junge Wilde wie Lee Morgan oder Freddie Hubbard und später in den 80ern musste man einem Wynton Marsalis ein stupendes instrumentales Können bescheinigen, an dem sich Davis nie hätte messen können. Aber auch nicht hätte müssen. Wofür andere ganze Tonkaskaden brauchten, das machte Davis mit ein oder zwei Tönen, manchmal gar einfach mit - einer Pause! Geschichten erzählen, sie wenden und neu aufnehmen, Stimmungen erzeugen und diese an- und abschwellen lassen - das war die große Magie von Miles Davis, der sich für diese Form des Spielens immer nur die besten Talente holte.

      Zähle ich die Anzahl an großen Plattenaufnahmen verschiedenster Epochen, höre ich die nervöse Spannung von fast fünf Jahrzehnten Live-Konzerten am Rande des Abgrunds, ohne Netz und doppelten Boden, sehe und freue ich mich an der Legion geförderter und ins Rampenlicht katapultierter Musiker und ich spüre seine Wirkung als selbstbewusster schwarzer Musiker in einem Amerika, in dem das nicht selbstverständlich war, so komme ich zu dem Schluss, es mit Miles Davis mit einer besonderen, herausragenden Musikerpersönlichkeit zu tun zu haben.


      Die Antworten darauf waren kontrovers und spiegelten oftmals eines wider: Die einen fanden eine bestimmte Schaffensphase großartig, kamen mit einer späteren nicht so klar. Andere wiederum mochten gerade diese und empfanden Davis in früheren Zeiten eher als Trittbrettfahrer.

      Hier würde ich gern Diskussionswilligen Raum dafür geben, Miles Davis anhand seiner Aufnahmen zu würdigen oder aber auch zu kritisieren. Ich selbst werde mich bald bemühen, unbedingt empfehlenswerte CDs vorzustellen aber auch solche, die ich weniger gelungen finde. Bis dahin freue ich mich über die Einschätzungen anderer Jazzfreunde.

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Hallo Carsten

      Zunächst einmal danke für dieses Porträt.

      Meine erste Miles Davis-CD war You'Re Under Arrest. 1985, es waren meine erste Schritte im Jazz-Bereich, nur daß You'Re Under Arrest eher funky und poppiger ist. Das ist nicht der Miles Davis den wir heute mögen. Ich höre diese CD sehr selten.

      Mein Jazz-Weg war lang. In den neunziger lernte ich viel Jazzmusik kennen, verlor später aber auf Grund meines Interesses für klassische Musik und anderes die Zeit und Lust mich weiter damit zu beschäftigen.

      Erst in den letzten 10 Jahren, als ich mich in der klassischen Musik “etabliert” fühlte, interessierte ich mich wieder mehr für Jazzmusik. Da lernte ich auch den richtigen Miles kennen. Ascenseur Pour l'Echafaud, Birth of the Cool sowie Kind of Blue mit Julian "Cannonball" Adderley, John Coltrane, Wynton Kelly, Bill Evans, Paul Chambers und Jimmy Cobb sind meine Lieblingsalben von Miles.

      Ich bin mal gespannt auf Deine Empfehlungen.

      gruß
      romain
      Dieser Thread muß weitergeführt werden!!!
    • Hallo Carsten,
      auch von mir Danke für das Plädoyer für Miles Davis.
      Ich persöhnlich halte ihn für einen der ganz Großen in der Musik des 20.Jahrhunderst.
      Wobei ich gestehen muß, das ich mit den alten Sachen nicht viel anfangen kann, mir
      ist der Miles Davis ab Ende der 60iger Jahre wichtig und lieb und teuer, also
      die Rockjazz Phase. Ich habe da einige Scheiben, die ich für mit das Beste im Jazzrock halte.

      Gruß, HollaD
    • Zum zweiten Mal höre ich nun die Live-Aufnahmen des Miles Davis Quintet von seiner Europatour 1967.



      Ein paar Dinge, die mich persönlich ziemlich beeindruckt haben, seien kurz angemerkt:

      1. Ich kannte lange Zeit nur die damals entstandenen Studioaufnahmen (E. S. P., Miles Smiles, Sorcerer, Nefertiti und Miles in the sky). Das sind Platten, die ich bisher wegen ihrem Stunde-Null-Charakter schätzte: Miles spielt keine Standards mehr, sondern erarbeitet sich ein neues Repertoire, das für mein Verständnis zunächst mal auf den Prüfstand gestellt wird: die Stücke wirken perfekt, aber auch ein bisschen distanziert. Nach der "Live at the Plugged Nickel"-Explosion (mit dem alten Material) in diesen Studioalben zunächst mal Besinnung statt Raserei. Vielleicht sollen die neuen Stücke anfänglich möglichst elementar in ihrer Essenz vorgestellt werden... so wirken die Studioalben auf mich manchmal: das Klangbild ist klar und frisch, erinnert aber vielleicht auch ein bisschen an einen Laborversuch. Nun höre ich zum ersten Mal Liveaufnahmen aus dieser Zeit und bin einigermaßen verblüfft: Live gibt es diesen Bruch (exzessives Spielen hinlänglich bekannter Standards - zurückhaltendes Ausprobieren neuer Stücke) meiner Meinung nach nicht (oder doch zumindest in weitaus geringerem Maße: die aufgepushte Plugged-Nickel-Stimmung wird hier durchaus weiter transportiert): Modaler Jazz? Ja, vielleicht, aber streckenweise ist der Free Jazz hier nicht mehr allzu weit... und damit hätte ich bei Miles um 1967 noch nicht gerechnet. Dafür verantwortlich ist besonders die traumhaft sichere Rhythmusgruppe, in der trotz kompaktem Klang jeder für sich und voneinander unabhängig spielt... (ich halte den Eindruck von Polyphonie hier für relativ stark). Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt, und doch bietet das enge Netz der gemeinsamen Struktur dem einzelnen Musiker Sicherheit bei allen Ideen, die ihm einfallen mögen.
      2. Das "Potpourri" erlebt endlich seine wahre Bestimmung: es geht ja nicht darum, bekannte Melodien publikumswirksam aneinanderzureihen... es geht darum, nie in der Intensität nachzulassen. In aller Regel spielt Miles gegen Ende eines Stückes irgendwann ein neues Thema, womit deutlich wird, mit welchem Stück es weiter geht. Entspannungspausen gibt es kaum.
      3. Die neben den drei CD´s enthaltene DVD ist sehenswert: Tony Williams, mit einem Stick unter dem Arm, schraubt mitten im Stück mit der anderen Hand das Becken fest (wie cool ist der eigentlich!), Herbie Hancock meditiert über ein Solo von Wayne Shorter und schlägt ohne hinzusehen irgendwelche recht komplexen Akkorde an. Miles agiert als souveräner "master of ceremony" (sowohl was seine Soli betrifft, als auch was seine "Moderatorentätigkeit" (Soli beenden, neue Stücke einleiten) angeht). Der zweite Konzertausschnitt der DVD aus Schweden (chronologisch gesehen der späteste Tourort, der in der Box versammelten Aufnahmen) ist insgesamt etwas ruhiger gehalten, als die anderen Liveaufnahmen: ein weiteres Beispiel für die Flexibilität des Quintetts.

      Insgesamt schon ein interessanter Einblick in eine Zeit, in der der modale Jazz bei Miles (erneut) in Bewegung gerät, von Fusion aber noch nichts zu spüren ist. In meinen Augen ist Miles nur noch ein einziges Mal mehr Avantgarde, und zwar beim Bitches Brew Album und seinem noch extremeren Live-Pendant "Live at Fillmore East".

      Tharon.
    • Dank an Dich, Carsten, für diesen thread!
      Miles ist einfach eine echte Größe.
      Unbedingt lesenswert seine Autobiographie, auch wenn der Mann nicht direkt der sympatischste war:
      Die Konsequenz, mit der er die Musiker seiner Bands ausgewechselt hat, ist mit ein Grund dafür, daß er immer am Puls der Zeit unterwegs war. Auch seine Darstellung der "Auszeit" in den 70ern sehr interessant:


      Ich mag ja, außer na klar "A kind of blue", vor Allem die späteren Sachen: die Fusion-Phase, das elektrifizierte Neuland - aber auch die Comeback-Phase mit "Tutu". Auch wenn da nicht alles Gold ist, was da rausgekommen ist.
      Am meisten beeindruckt hatte mich "Aura", auf einer Billigkassette in Krakau erworben: eine Reise durch die Farben, mit einer Riesen-Band aufgenommen:

      auch wenn die Musik von Palle Mikkelborg komponiert ist und Miles Davis eher ein paar Glanzlichter draufsetzt:
      War das nicht immer ein bißchen so?
      Daß sein größtes Talent die Auswahl und "Anspitzung" der Musiker war?
      Und dann seine, ich spitze mal zu, zwei bis drei Töne draufgesetzt, die allerdings beredter waren als viele Soli der virtuosesten Leute...

      Bin mal gespannt auf eure Tipps und Vorlieben - ist ja ein ganzer Kosmos, der Mann und seine Projekte..

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Drei Wochen durfte ich mich als "Fils de Kilimanjaro" fühlen und sogar den Berg überfliegen - klar, dass ich dieses Album auf dem ipod dabei haben mußte:





      Bisher gehörte es nicht unbedingt zu meinen Lieblingsalben von Miles; nun habe ich mich jedoch mehr damit angefreundet. Es stellt eher ein Zeugnis der Übergangsphase Ende der 60er dar als einen herausragenden Meilenstein - ein solcher konnte die Aufnahme jedoch allein deshalb nicht werden, da sie in zwei recht unterschiedlichen Sessions mit verschiedenen Besetzungen entstand. Stilistisch ist "FDK" weder Fisch noch Fleisch, was aber nichts daran ändert, dass hier fabelhaft musiziert wurde und ein fantastisches Solo dem anderen folgt.

      Im Juni 1968 spielte letztmals das klassische zweite Quintett der 60er Jahre mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams. Neu war jedoch, dass Hancock nicht mehr Klavier, sondern E-Piano spielte - Miles hatte damit den Abschied vom rein akustischen Jazz eingeleitet. Der Name des Albums sowie aller fünf Titel (Frelon Brun; Petits Machins; Tout de Suite; Filles de Kilimandjaro; Mademoiselle Mabry) ist der französischen Sprache entlehnt - auch dies ein klarer Hinweis, dass hier nach neuen Wegen gesucht werden sollte und die Hörerschaft etwas Fremdartiges zu erwarten hatte. Die Musik (anders als sonst waren alle Titel Eigenkompositionen von Miles) wurde von zwei Musikern beeinflusst, die im Line-up nicht erwähnt sind: Gil Evans (der ständig bei den Aufnahmen dabei war und für Miles als Ideengeber fungierte) und Jimi Hendrix (man höre nur einmal das Intro zu "Mademoiselle Mabry"). Fräulein Mabry ziert übrigens das Originalcover; sie wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme Ms. Miles Davis. Elemente des Rock und des Soul erlangen in Miles' Musik hörbar größere Bedeutung, ohne dass jedoch eine radikale Abkehr vom bisherigen modalen Jazz vollzogen wird.

      Der im September 1968 eingespielte Rest des Albums verstärkt die rockige Tendenz. Chick Corea und Dave Holland, die bald zu Exponenten des Jazzrock werden sollten, traten hier erstmals in Miles' Band an (an Stelle von Hancock und Carter). Wirkliche Jazz-Rock-Fusion ist hier noch nicht zu hören - allerdings fünf Musiker, die dabei sind, dort hin zu finden, was auch sehr spannend anzuhören ist.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Hallo Tara,

      ich kenne den Film "Dingo" von 1990 noch nicht, aber er ist auf DVD durchaus noch bestellbar, z.B. bei den US-Amazonen. Miles spielt darin den Musiker Bill Cross. Man muß sich aber darüber im klaren sein, dass auf der Hälfte des Soundtracks nicht Miles Trompete spielt, sondern Chuck Findley - ein Musiker aus dem James Last Orchester 8+)

      Hier die Gesamtbesetzung:

      Jimmy Cleveland – trombone, Buddy Collette – woodwind, Miles Davis – trumpet, Marty Krystall – woodwind, Michel Legrand – keyboards, arranger and conductor, Alphonse Mouzon – drums, percussion, Charles Owens – woodwind, Kei Akagi – keyboards, Richard Todd – French horn, John Bigham – drums, percussion, George Bohannon – trombone, Oscar Brashear – trumpet, Ray Brown – trumpet, David Duke – French horn, Chuck Findley – trumpet, Kenny Garrett – alto saxophone, George Graham – trumpet, Bill Green – woodwind, Thurman Green – trombone, Marni Johnson – French horn, Jackie Kelso – woodwind, Abraham Laboriel – bass, Harvey Mason, Sr. – drums, percussion, Lew McCreary – trombone, Dick Nash – trombone, Alan Oldfield – keyboards, Benny Rietveld – bass, Mark Rivett – guitar, lan Andrew Smith – trumpet, John Stephens – woodwind, Ricky Wellman – drums, percussion, Vincent DeRosa – French horn

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • die mädchen vom kilimandscharo
      die ersten hör versuche sind bei mir an einem gewissen mich umgebenden, von ihnen ausströmenden chaos gescheitert, `musik` und `ich` konnte ich nicht zusammenpassen lassen, ich konnte es (das chaos) nicht überwinden, konnte ihm aber auch nicht widerstehen. und keinen widerstand leistend, mußte ich vorsichtig mit den filles werden, da ich angst vor ihrer entsetzlich sich in enge verlierenden weite bekam (und gleichermaßen vor ihrer entsetzlich sich in weite verlierenden enge). als würde man in einer grau-stürmischen nacht über einen holprigen feldweg gehen, vielmehr: hetzen, gehetzt von einer spirituellen gier, die hart und frei ihre grenzen auslotet und innerhalb dieser bleibt, bleiben muss. ich möchte nicht ausschließen, dass das rock sein will (dort hin- und ankommen will), kann (und will?) es aber mangels rock kenntnissen und mangels sparten interessen nicht beantworten nicht erkennen nicht ahnen.

      filles de kilimanjaro für mich insgesamt: ein hochinteressant gescheiterter versuch gewisse grenzen zu überschreiten. (ich denke da am ehesten an transzendente-grenzen und am seltensten an sparten-grenzen.)
    • Weit gekommen sind wir hier nicht gerade, was Miles Davis angeht. Daher versuche ich zuerst einmal auf das einzugehen, was hier bereits geschrieben wurde.


      Carsten schrieb:

      In einem früheren, versiegenden Forum diskutierten Teilnehmer über die Frage, wer denn die bedeutendste Persönlichkeit des Jazz gewesen sein mag. Mein Plädoyer führte ich seinerzeit für Miles Davis.
      Was die "Trompete" angeht, sicher die falsche Wahl. Meine Begründung ist recht einfach: Für den Bop war er noch zu jung gewesen, da waren einige Zeitgenossen nicht nur technisch schlicht und ergreifend besser platziert als er: Dizzy Gillespie, der sicher HIER die klare Nummer Eins gewesen war, dazu kamen z.B. Howard McGhee oder auch der Grenzgänger Charlie Shavers, der stilistisch weitaus mehr dem Swing zuzuorden ist, aber gerade bei den vielen Jam Sessions seine Klasse unter Beweis stellen konnte.

      Fats Navarro und dann Clifford Brown oder Lee Morgan waren erneut Trompeter, die Miles in technischer Hinsicht über ihm standen, Clark Terry ebenso, der noch dazu weitaus größere Flexibilität hatte, und Swing genau so "Konnte" wie Bop oder Hard Bop.

      Man sollte also zuerst einmal schauen, welche Musiker das Vorbild von Davis waren. Da wird man bei zwei Trompetern aus St.Louis fündig, so ist es auch in seiner Biographie nachzulesen, aber es wurde auch von ihm selbst bei seinen eher seltenen Interviews gesagt: Harold Baker, Clark Terry und Freddie Webster werden erwähnt.

      Alle drei Trompeter vereinen etwas, was den späteren Miles zu dem machte, was IHN letztendlich auch seinen Platz in der Jazz-Geschichte sicherte, den er heute hat: Sie alle spielten mit weitaus weniger Vibrato für die damalige Zeit. Man muss sogar Bix Beiderbecke mit anführen, den längst verstorbenen Chicago Jazz-Trompeter, der bereits sehr früh mit wenig Vibrato agierte, so dass man durchaus einen Faden vom alten Jazz dieser Zeit bis hin zum Jazz der Moderne (hier: Cool Jazz) spannen kann.

      Miles Bop-Zeit währte nur kurz, dafür aber heftig. Er spielte in der Billy Eckstine-Bigband und dann mit Charlie Parker, fand dort aber bereits früh seinen eigenen Stil, der deutlich "cooler" war als z.B. das Spiel von Dizzy, Kenny Dorham oder Fats Navarro, zudem auch nur selten mit High Notes gespickt, und melodischer als seine Kollegen. Nur Kenny Dorham ließ sich davon inspirieren, und wurde dadurch die Scharniere zwischen Dizzy und Miles.

      Miles Davis hatte außerdem ein Händchen für junge Musiker, und auch das richtige innere Gefühl, wann etwas zuende gedacht war, und wann es Zeit für Änderungen war. So wurde sein "Bird of the Cool"-Album nicht nur ein Meilenstein in der Musikgeschichte, was der Anfang - und eigentlich auch Vollendung - des Cool Jazz war, sondern führte damit auch direkt zu dem Stil hinüber, der in den 1950-er Jahren als "West Coast Jazz" bekannt wurde (der stark vom Trompeter Shorty Rogers geprägt wurde), aber auch zu Gerry Mulligans Band hin, die Chet Baker zum Weltstar machen sollte.

      Die Band, die er für das "Birth of the Cool-Album" zusammenstellte, war wiederum eine Verbindung der Musik der Bigband von Claude Thornhill, der bereits mit seiner Bigband (aus der u.a. Lee Konitz hervor gegangen ist) deutliche Spuren des Cool Jazz vornweg nahm, aber auch durch die Arrangements von John Lewis, Gil Evans, Gerry Mulligan oder Johnny Carisi auch den Arrangeuren einen klaren Platz einräumte, der so auch ungewöhnlich war.

      Anfang der 1950-er Jahre musste sich Davis erst wieder neu finden, weil viele Musiker und Bands Davis einfach zu kopieren versuchten, Lennie Tristano gar eine ganze Schule gründete, und entsprechend Musiker unterrichtete, so Lee Konitz, Warne Marsh und Billy Bauer, Shorty Rogers den Klang der "Bird of the Cool-Band" für die ganze Bigband, aber auch seinen Quintetts übertrug, udn damit sehr erfolgreich war, auch wenn die Musik insgesamt sehr glatt wurde.

      Davis feierte sein Comeback auf dem legendären Newport Jazz Festival 1955, als er unangekündigt auf die Bühne trat und "Round 'bout Midnight" spielte. Er wurde von George Avakian sofort für die Plattenfirma Columbia engagiert, der damit das große Los ziehen sollte.

      Woody Herman machte wiederum mit seiner "Second Herd" und dem "Four Brothers-Sound" den Cool Jazz auch für die Bigband vollends salonfähig. Er sollte den Klang bis ans Ende seiner Karriere auf diesem Klang aufbauen (3 Tenoristen plus Bariton, Altsax nur in herkömmlichen Stücken noch als Lead-Stimme tätig).

      Aus all diesen Gedanken, die sich Miles machte, sollte dann ein Höhepunkt im "Hard Bop" mit "Kind of Blue" erreichen, den ihn erneut an die Spitze katapultierte. Er spielte auch inzwischen weitaus souveräner, als er es noch in früheren Jahren tat. Musiker wie John Coltrane, Bassist Paul Chambers, Pianist Bill Evans und Drummer Jimmy Cobb, den man leider gerne vergisst, weil Philly Joe Jones noch eine Idee stärker war bei Miles als er, sind Namen, die damals die ersten Höhepunkte ihrer Karriere feierten, den Wynton Kelly bereits erreichte, als er zuvor mit Dizzy spielte.

      Ab Ende der 1950-er Jahre intensivierte er die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Arrangeur Gil Evans. "Sketches of Spain" und "Porgy and Bess" sollten hier genannt werden.

      Durch diese Souveränität gelang es ihm in den 1960-er Jahren, eine Band zusammenzustellen, die noch heute als DIE Band des Neo-Bop galt: Wayne Shorter, der zuvor mit Art Blakey spielte, wurde der Haupt-Komponist der Band, Herbie Hancock spielte Klavier, Ron Carter Bass und der blutjunge Tony Williams spielte Schlagzeug, dabei den Beat so weit auslegend, dass man hier bis an den Rand des Free Jazz stieß, ohne ihn aber je gespielt zu haben. Hier machte Davis erneut einen Stopp, ging nicht darüber hinaus, wie sein früherer Partner Coltrane.

      Das letzte Album dieser Band sollte "Scorcerer" und dann "Filles de Killimanjaro" werden 1967 und 1968, dann zog sich Davis erneut zurück, um zwei Jahre später mit "Bitches Brew" in den Elektronischen Rock-Jazz vorzustoßen. Auch hier setze er perfekt um, was Andere bereits mit angebahnt hatten, doch er schaffte den Durchbruch damit. Anschließend zog er sich, teilweise auch aus gesundheitlichen Gründen (er erkrankte bereits 1961an einer Gelenk-Krankheit, die ihn dazu brachte, zu viel Alkohol und nahm Kokain ein).

      "Filles de Killimanjaro" ist bereits der Wendepunkt zur elektronisch verstärkten Musik, da Chick Corea hier Herbie Hancock abgelöst und des E-Piano gleich mitgebracht hat.

      Die beiden Alben "in a Silent Way" und "Bitches Brew" gelten heute als legendär. Neue Musiker, wie Joe Zawinul und Jack De Johnette, Chick Corea, Herbie Hancock und John LcLaughlin kamen in die Band. Neue Instrumente, wie das E-Piano kamen dazu.

      Ab 1970 fand er dann zum Elektro-Bassisten, und Davis selbst erprobte eine "Wah-Wah-Pedal", das es ihm ermöglichte, sein Instrument elektronisch zu verstärken. Sicher die revolutionärste Klangveränderung, die die Trompete damals je hatte.

      Ich selbst muss nun abgeben, da ich mich schon viel weiter vorgewagt habe, als ich selbst bei Miles je gekommen bin. Mir gefallen seine Aufnahmen nicht mehr, die er ab 1969 machte. Hatte ich schon immer meine Probleme mit ihm (was meine Wertschätzung aber nicht schmälern soll, wie ich ausdrücklich schreiben möchte!!), kann ich ihm nun nicht mehr folgen.

      Hier einige Alben, die mit Davis in enger Verbindung standen und immer stehen werden:













































      Ich habe mich bemüht, nicht nur die wichtigen Alben zu erwähnen, sondern auch einige CDs mit dabei zu erwähnen, die die "Schnittstellen" der Band demonstrieren sollen. Die Alben umfassen die Zeit von 1948 bis 1970, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit.

      Dabei befinden sich auch die beiden wichtigsten frühen Alben mit Gil Evans, die Aufnahmen in kleinen Besetzungen außerhalb seiner eigenen Bands, aber auch die "Auferstehung" beim Newport Jazz Festival (wie bereits geschrieben).
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Während ich das hier schreibe

      höre ich "He loved him madly" aus der DoppelLP "Get up with it" von Miles Davis. (Ellington gewidmet)

      Weitere Cover erspare ich mir!
      Ich habe mir Miles "rückwärts" erschlossen. Zuerst waren da
      "Agharta", "Live Evil" und "Get up with it", dann kamen "Bitches Brew" und infolge einer Beschäftigung mit Josef Zawinuls früherem Werk,- ich war damals gerade "Weather Report" Fan-, "In a Silent Way".
      Wegen Wayne Shorter kam "Nefertiti" dran bzw. fast alles, das Davis mit Hancock, Carter, Shorter und Williams so vorgelegt hat.

      Das, war er vorher machte, war für mich eher Musik "für meinen Opa", Jazz für alte Leute eben. (Jazz is not dead it just smells funny) Auch wenn ich Paul Chambers mit Coltrane schon spannend finde. Inzwischen mag ich es sogar. Ich bin ja auch schon im Opa Alter :thumbsup: So what?
      Gruß aus Kiel
      Guter Wein, mäßig genossen, ist auch in großen Mengen nicht schädlich.
    • Algabal schrieb:

      Heißt das nicht "Birth of the Cool"?
      Nein, heißt es nicht !!! :D Immer, wenn ich was abschreiben möchte, haue ich so böse Dinger raus...:Du hast natürlich recht.



      music lover schrieb:

      Natürlich. Es heißt auch "Sorcerer" und nicht "Soroerer", ferner "Filles de Kilimanjaro" und nicht "Filles de Killimanjaro".
      Geändert. Das eine "l" ist unwichtig, dafür ist mir das zu klein, da habe ich manchmal Probleme mit. Bei "Scorcerer" steht das Album noch vor meiner Nase, das ist noch schlimmer dann.....

      Ich wollte auch eigentlich keinen ganzen Aufsatz schreiben dazu, sondern nur ein paar Worte. Ihr seit aber auch kleinlich.......... :megalol: :versteck1:
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Neu

      Ich habe mich dieses Jahr ziemlich intensiv mit Miles Davis, aber auch seinen Kollegen dieser Ära beschäftigt, bzw. bin noch immer dabei, mich damit zu beschäftigen. So mit Kenny Dorham, Blue Mitchell, Nat Adderley, Lee Morgan, Dizzy Reece oder auch Leo Smith, Johnny Coles und eben Clark Terry.

      Es hat bei mir viele Jahre gedauert, bis ich mich dieser Zeitspanne 1945-1965 (um mal einen Rahmen zu geben) so intensiv beschäftigt habe. Warum das so ist, kann ich nur teilweise erklären, aber vermutlich war einer der letzten Gründe die Tatsache, dass ich im Februar dieses Jahres erstmals bei einer Session mit dieser Art von Repertoire selbst beteiligt war. Dadurch kam automatisch das Interesse an den Stücken jener Epoche, die ich zwar hin und wieder gerne, aber doch eher selten gehört hatte. Sicher, Dizzy und Clark Terry hatte ich seit Jahren gerne aufgelegt, aber bei Miles habe diese Versuche immer wieder fehlgeschlagen.

      Dieses Jahr nun dann ein Neuanfang, der sich auch in meinem Repertoire beim Spielen nun in diese Richtung geführt hat.

      Was macht Miles nun "anders" oder "besser" als die hier erwähnten Kollegen? Immerhin sind sowohl Lee Morgan als auch Kenny Dorham und auch Nat Adderley und Blue Mitchell mit ebenfalls erfolgreichen Stücken und Bands hervor getreten, die keinesfalls profillos waren.

      Er selbst hat seine technischen Schwächen, aber auch sein Spiel bis in die höheren Register seines Instrumentes in dieser Zeit alle überwunden. Auch war er zeitweise von den Drogen weg gewesen. Sicher auch nicht unwichtig für ihn und seiner neu gewonnenen Sicherheit in diesem Bereich.

      Vielleicht ist es die konsequente Weiterentwicklung seines eigenen Musiker, wie John Coltrane, Sonny Rollins oder Bill Evans in den 1950-er Jahren, oder dann Herbie Hancock, Tony Williams und Wayne Shorter in den 1960-er Jahren, bevor dann erneut ein stilistischer Wechsel erfolgte, den ich aber (noch) nicht nachvollziehen kann. Zum Jazz-Rock fehlt mir das Verständnis, daher stoppe ich hier meine Beschäftigung mit Davis.

      Die Alben dazu habe ich ja bereits erwähnt ein Stück weiter Oben.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)